Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Jahrgang 1901

Part 20

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Wenige Sterbliche haben so bestimmend auf die Kultur ihrer und der Folgezeit eingewirkt als Winckelmann. Als er auftrat war die Kunstbewegung der Renaissance bei ihren letzten Ausläufern angelangt, die Entwicklungsmöglichkeiten waren erschöpft, ein Umschwung notwendig, Winckelmann sprach das erlösende Wort; nach dem formalen Überreichtum und dem theatralischen Ausdruck in der Kunst des Rococco mußte sich das Verlangen nach Einfachheit und Maß einstellen, Winckelmann wies die Möglichkeit in der Rückkehr zur Antike nach. Der Erfolg war ein außerordentlicher, die ästhetischen Anschauungen und die Dichtung unserer Klassiker, die bildende Kunst bis auf Ingres, Thorwaldsen und Schinkel steht im Banne seines Geistes.

Justi erzählt uns nicht nur die im Grunde einfache Lebensgeschichte Winckelmanns, er weißt in ausführlicher Darstellung die Wechselwirkungen, welche er von seinen Zeitgenossen empfing und auf diese ausübte, seine Stellung in und zu der Wissenschaft und Kunst seiner Zeit nach. Er gibt nicht eine reine Biographie, er gibt ein Bild der Zeit, denn diese Biographie ist, durch die Nötigung des eigentümlichen Stoffes, zu einem Gemälde der geistigen Bewegungen des 18. Jahrhunderts geworden, in ihrer Beziehung zu Kunst und Altertum. »Leider«, sagt der Autor, »gehört das Buch zu denen, wo die Episoden der bessere Teil sind.« Die Thatsache ist zuzugeben, zu bedauern ist sie nicht. Das sorgfältig ausgeführte Bild Winckelmanns ist umgeben von den Bildern der Persönlichkeiten, mit welchen er in Beziehung gestanden ist von den armen märkischen Schulmeistern bis zu Kardinälen, Fürsten, dem Papst; sie mögen skizzenhaft erscheinen, doch ist in ihnen das Resultat langer, sorgfältiger Studien auf wenige Zeilen zusammengedrängt, und wie die Personen sind die geistigen Strömungen klar und sicher gezeichnet. Auf wie disparaten Gebieten mußten sich die Vorarbeiten zu diesem Buch bewegen; sie setzen eine Polymathie voraus die der Winckelmanns nicht viel nachsteht. Das Buch hat zuweilen etwas Mosaikartiges. Aber mit hoher Kunst sind doch die so verschiedenen Einzelheiten zu einheitlicher, großer Gesamtwirkung zusammengefaßt. Griechischer Geist spricht zu uns aus dem Buche. Der Biograph des großen Bahnbrechers des Hellenismus ist selbst durch die Schule der Griechen gegangen, oft habe ich beim Lesen seines Werkes des Vaters der Geschichte gedacht, des alten, ewig jungen jonischen Erzählers Herodot.

(Schluß folgt.)

LITERARISCHE NOTIZEN.

=Geschichte der Stadt Bayreuth von den ältesten Zeiten bis 1792= von Dr. phil. J. +Wilh. Holle+. 2. Auflage durchgesehen u. bis zum Jahre 1900 fortgeführt von seinem Sohne Dr. phil. +Gustav Holle, Bayreuth., B. Seligsberg’s+ Antiquariatsbuchhandlung. 1901. 8. 371 SS.

»Es soll diese Arbeit keine wissenschaftliche Monographie, sondern vor allem ein Volksbuch sein...« Nach diesen Worten der Vorrede rechnet der Neuherausgeber der alten Holle’schen Geschichte, mit der Voraussetzung, man werde nicht den höchsten Maßstab an das Buch legen. Das Andenken an seinen Vater, sagt er, habe ihn veranlaßt, das Lieblingswerk des Verstorbenen aufs neue hinauszusenden. Es wäre im Interesse des Buchs nur zu wünschen gewesen, der Verf. hätte sich dieser Pietätspflicht nicht mit solcher Eile entledigt, denn so ist eben nach Ablauf von nahezu 70 Jahren das für seine Zeit ja verdienstvolle, keineswegs aber einwandfreie Werkchen in der Hauptsache lediglich zu einem Wiederabdruck gelangt! Gerade, als hätte inzwischen alle Forschung auf dem Gebiete der Bayreuther Geschichte stillegestanden! Eine weitgehendere Neubearbeitung wäre aber angezeigt gewesen, schon um die »vielfachen Anfechtungen«, die die 1. Auflage zu erleiden hatte, abzuwehren, kurzum überhaupt -- was nur zu wünschen wäre -- eine wirklich auf der Höhe stehende Stadtgeschichte von Bayreuth zu bieten. Die etwas weitgehende Sparsamkeit in Aufführung von Quellenbelegen läßt sich bei einer populären Geschichte ja allenfalls verschmerzen, über das eine werden wir aber nicht herauskommen, auch ein »Volksbuch«, das ja nicht mit dem ganzen gelehrten Apparat aufzutreten braucht, hat sich gleichwohl auf die gesicherten Resultate gegenwärtigen Wissens zu gründen. Im übrigen ist die Ausstattung zu loben. Neben einer schönen Stadtansicht finden wir ein Bildnis des Markgrafen Friedrich u. die Portraits von Jean Paul und Richard Wagner. Ein fleißiges Register verdient Anerkennung.

H. H.

Inhalt.

Seite

I. Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums XXXIX-LXVIII

II. Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum.

Herd und Herdgeräte in den Nürnbergischen Küchen der Vorzeit, von Dr. +Otto Lauffer+. V. 93

Augsburger Miniaturen vom Ende des 15. Jahrhunderts im German. Museum, von Dr. +E. W. Bredt+. Mit einer Lichtdrucktafel 123

Fränkische Dorfordnungen. Mitgeteilt von Dr. +Heinrich Heerwagen+ 129

Albrecht Dürers Maximiliansbildnisse, von Dr. +Hans Stegmann+. Mit zwei Tafeln 132

Eine illustrierte Niedersächsische Handschrift von 1441 im Germanischen Museum, von Dr. +E. W. Bredt+. Mit 2 Abbildungen im Text 147

Literarische Notizen 156

1901. Nr. 3. Juli-September.

ANZEIGER

DES

GERMANISCHEN NATIONALMUSEUMS.

CHRONIK DES GERMANISCHEN MUSEUMS.

SÄCULARFEIER

FÜR DEN

GRÜNDER DES GERMANISCHEN MUSEUMS

HANS FREIHERRN VON UND ZU AUFSESS.

Am 7. September ist ein Jahrhundert abgelaufen, seit der Gründer unserer Anstalt, =Hans Freiherr von und zu Aufsess= das Licht der Welt erblickt hat. Wir konnten und wollten diesen Tag nicht vorübergehen lassen, ohne durch eine Gedenkfeier der dankbaren Verehrung für den Mann Ausdruck zu geben, der den großartigen Plan eines germanischen Nationalmuseums entworfen und unter unsäglichen Schwierigkeiten ins Werk gesetzt hat.

Die Feier fand am Vormittag des 7. September im prähistorischen Saale des Museums, in dem die Büste des Herrn von Aufseß aufgestellt ist, statt. Es waren zu derselben die Angehörigen der Familie von Aufseß, der Lokalausschuß des Museums und die Spitzen der hiesigen Behörden eingeladen. Der Nürnberger Männergesangverein hatte in dankenswerter Weise sich bereit erklärt, bei der Feier mitzuwirken.

Diese wurde eingeleitet durch den Gesang des Chores: »Alles mit Gott« von Julius Grobe. Die Festrede hielt Direktor von Bezold. Er schilderte in Kürze die politischen und Kulturverhältnisse, unter welchen Aufseß erwuchs und welche seine geistige Richtung, seinen glühenden Patriotismus und seine Begeisterung für Kunst und Wissenschaft bestimmten. Er gab sodann einen Überblick über die Erwägungen und Wünsche, welche in Aufseß die Idee eines germanischen Nationalmuseums, als Mittelpunkt für die deutsche Geschichtsforschung erregten; über seine vielen vergeblichen Versuche, ein solches ins Leben zu rufen und über den endlichen Erfolg. Er deutete auch die Änderungen an, welche das Programm des Museums im Laufe der Zeit erfahren hat. -- Was das Museum vor anderen Sammlungen voraus hat, ist die Universalität, mit welcher es alle Gebiete des Lebens deutscher Vorzeit umfaßt, was es groß gemacht hat ist, daß es getragen ist von der Liebe des deutschen Volkes. Es hat nicht nur wissenschaftliche, sondern auch patriotische Bedeutung und es verdankt beides seinem Stifter, dem Freiherrn Hans von und zu Aufseß. In dankbarer Verehrung legte Direktor von Bezold Namens des Museums einen Lorbeerkranz an der Büste des Gefeierten nieder.

Der älteste Sohn des Freiherrn von Aufseß, Herr Regierungsdirektor +Otto Freiherr von Aufseß+ übergab dem Museum eine Abbildung vom Grabmal seines Vaters und legte Namens der Familie vor der Büste einen Lorbeerkranz nieder, ebenso der Enkel Herr Hauptmann +Beeg+ aus München Namens seiner Mutter Frau +Marie Beeg+, geb. Freiin von Aufseß.

Mit dem Schottischen Bardenchor von Silcher, welchem ein der Feier entsprechender, von Herrn Hofrat Dr. +Wilhelm Beckh+ gedichteter Text untergelegt war, schloß die Feier. Die Gäste machten sodann unter Führung der Beamten des Museums einen Gang durch die Sammlungen.

Mittags vereinigten sich die Angehörigen der Freiherrlich von Aufseß’schen Familie, die Mitglieder des Lokalausschusses und die Beamten des Museums bei einem frohen Mahle.

STIFTUNGEN.

Wir können unsere diesmaligen Mitteilungen mit der hocherfreulichen Nachricht eröffnen, daß uns Se. k. u. k. apostolische Majestät, Kaiser +Franz Joseph von Österreich+ den Betrag von 2000 Kronen zum Ankaufe eines wichtigen Druckdenkmales des habsburgischen Kaiserhauses allergnädigst bewilligt haben. Ferner ging uns als Geschenk dieses erhabenen Monarchen ein Gipsabguß der Bronzefigur des heil. Georg auf dem dritten Burgplatze in Prag zu, der ebenso wie für die Geschichte der Plastik für die Geschichte der Waffen von besonderem Interesse ist.

NEU ANGEMELDETE JAHRESBEITRÄGE.

Se. Königliche Hoheit Großherzog +Friedrich August von Oldenburg+ und Se. Durchlaucht Fürst +Heinrich+ XIV. Reuß j. L. haben dem Museum Jahresbeiträge von je 100 m. gnädigst bewilligt.

Ferner wurden uns gewährt:

=Von Stadtgemeinden:= =Edenkoben= 10 m. (Wiederbewilligung.) =Rüdesheim= 5 m. =Sangerhausen= 10 m. =Schandau= 5 m. =Schleswig= 12 m. =Schneidemühl= 10 m. =Schrimm= 5 m. =Schulitz= 5 m. =Schwarzenbach a. S.= 6 m. =Schwarzenberg i. S.= 5 m. =Schwerin= 30 m. =Schwiebus= 5 m. =Sömmerda= 5 m. =Sommerfeld= 6 m. =Stargard i. P.= 10 m. =St. Ingbert= 10 m. =Stolberg= 10 m. =Swinemünde= 10 m. =Tarnowitz= 5 m.=

=Von bayerischen Distriktsräten:= =Aub= 5 m. =Greding= 10 m. =Roding= 10 m. (ab 1900). =Türkheim= (ab 1900) 10 m. =Weissenhorn= 15 m.

=Von Vereinen, Korporationen etc.:= =Deggendorf.= Freie Gewerbeinnung 2 m.