Anweisung zum Weinbau an Gebäuden, Mauern, Lauben und Bäumen Herausgegeben zu Ermunterung der Kinder zu edler Thätigkeit

Part 4

Chapter 43,660 wordsPublic domain

So verfährt man mit alten, in Unordnung gerathenen Stöcken durch das Untersetzen, wenn das Verjüngen wegen Mangels an Raum nicht möglich ist. Durch das Verjüngen aber kann man sich, wenn Raum genug vorhanden ist, auch noch andere Vortheile verschaffen. Man kann nämlich von einigen alten langen Zweigen oder Aesten ein Gegenspalier anlegen, das man so weit vom Hauptspaliere entfernen kann, als die Aeste des Stockes lang sind. Auch kann man dadurch ferner eine Menge Stöcke erzeugen; diese stehen aber nicht in gleicher Linie, sondern zerstreut durch einander, und bilden gleichsam einen Weinberg. Dieß geschieht nämlich, wenn man jeden vom Hauptstocke abgenommenen Zweig oder Ast, so lang er ist, in die Erde legt, und nur das äußerste Ende desselben mit dem daran befindlichen Zapfen hervorragen läßt. Auch ist das Verjüngen sehr anwendbar, wenn ein Gebäude, woran Weinstöcke stehen, vergrößert werden soll. Man braucht nämlich dann solche nicht heraus zu nehmen und weiter zu pflanzen; wenn nur sonst die Erweiterung des Gebäudes nicht länger ist, als die Zweige oder Aeste der Stöcke sind, sondern man legt sie so lang in die Erde, daß sie an der Außenseite der neu aufzuführenden Mauer wieder hervorragen. Man kann sie auch dadurch noch verlängern, daß man die oberen Ruthen recht lang läßt, und nur die äußerste schwache Spitze wegnimmt. Von diesen lang gelassenen und nachher mit in die Erde gelegten Ruthen brauchen nur ein, zwei oder drei Augen hervorzustehen; sie bilden dann wieder einen neuen Stock. Dadurch kommt nun die Hauptwurzel des Stockes mit denjenigen, welche in Zukunft an den in die Erde gelegten Zweigen oder Aesten entstehen, unter das Gebäude, und haben, wenn es eine Stube ist, ein sehr warmes, und ist es ein Stall, ein sehr fruchtbares Lager, und die Wurzeln, die der Stock außerhalb der Mauer treibt, bekommen ihr Lager wieder in der am Gebäude hin unter der Traufe zum Begießen befindlichen Vertiefung. -- Alle durchs Verjüngen erniedrigten Stöcke haben einen vorzüglichen starken Trieb, wegen der vielen zerstreut liegenden Wurzeln, die aus allen Richtungen dem Stocke Frucht zuführen. Das Untersetzen muß wegen des Verblutens durchaus im Herbste geschehen. Das Verjüngen aber kann außerdem auch im Frühjahre, ja sogar mitten im Sommer, wenn die Menge der Ruthen nicht daran hindert, vorgenommen werden. Wenn Umstände es im Sommer nöthig machen sollten, so müßte man die Ruthen, welche ihr Lager in der Erde bekommen würden, zu Zapfen schneiden, und nur die äußerste oder zwei derselben, jedoch unverbrochen, aus der Erde hervorgehen lassen. Wäre der Stock nicht zu weit zu leiten, so daß nur sein unteres altes, kahles Holz in die Erde käme, so kann man alle daran befindliche Ruthen mit ihren Trauben unverändert lassen. Sie gedeihen an der neuen Stelle eben so gut, oft noch besser, indem der Stock, obgleich er neue Wurzeln treibt, doch durch das Einlegen zugleich auch neue Nahrung bekommt. Ich fand einst bei einem Bekannten zu Johannis einen alten, im Grase hin und her liegenden Stock. Ich ließ das Gras abhauen, dann den Boden umgraben, legte das alte Holz in die Erde und ließ nur die Spitzen der schwachen elenden Ruthen an der Wand hin aus der Erde hervorragen. Es sah aus wie eine Reihe zarter Nelkensenker. Binnen vier Wochen waren sie gegen 3 Ellen lang, und jetzt, nach Verlauf von ohngefähr sechs Jahren, ist es ein Spalier, an welchem jährlich 2 bis 3000 Trauben hängen. Auf diese Weise kann man also auch verdorbene Weinstöcke wieder in Ordnung bringen.

24.

Vom ersten Anbinden oder Heften im Frühlinge.

Eine Hauptsache beim Weinbau ist nun ferner das Anbinden oder Heften im Frühjahre. Am besten ist hierzu der Bast von Linden oder Rüstern. Bindfaden und andere ihm ähnliche Bänder taugen nicht dazu, weil sie Einschnitte in das Holz machen. Ich habe in Ermangelung des Linden- und Rüstern-Bastes, es auch mit dem weidenen und fichtenen versucht, und es gelang vortrefflich. Ich schälte nämlich meine im Winter gehauenen weidenen 3 Ellen langen Brennholzstücke und einige zum Bauen bestimmte Fichten ab. Dieß gab Streifen mitunter von einer Hand breit und noch breitere. Von diesen ließ ich die obere graue Schale mit einem Messer abstreifen, alsdann ließen sich die den breiten Lederriemen ähnlich sehenden Stücke in mehrere lange schwache Faden reißen. Dieß macht man, wenn man es gleich verbrauchen will. Ist dieß nicht der Fall, so läßt man diese breiten Streifen, um sie vor dem Verstocken zu sichern, trocknen. Sie werden hierdurch freilich so hart, daß sie oft bei der geringsten Berührung brechen; allein man darf sie nur eine Stunde vor ihrem Gebrauche in das Wasser werfen, so werden sie wieder so geschmeidig, als ob sie eben vom Baume geschält wären. Freilich muß man sie während der Arbeit in einem Gefäße mit Wasser liegen haben, und nur immer so viel heraus nehmen, als man für die erste Viertel-Stunde gebraucht. Sobald der Wein damit angebunden ist, wird der Bast freilich wieder trocken, aber er reißt nicht mehr. Auf diese Weise hat man also nicht nöthig, des Bastes wegen grünende und wachsende Bäume zu beschädigen. Beim Anbinden selbst nun muß man die Aeste des Stockes mit ihren Zapfen, Schenkeln und Reben so weit auseinander bringen, als es nur immer möglich ist. Das alte Holz der Aeste kann zwar dicht neben und über einander liegen; die Schenkel und Reben selbst aber dürfen nicht dichter zusammen kommen, als eine Viertel-Elle. Hat man Raum genug, so kann man sie auch noch weiter von einander bringen. Sowohl das junge, als das alte Holz muß nicht durchaus gerade in die Höhe gezogen werden, sondern beides kann seitwärts schräge zu liegen kommen, je nachdem es sich schickt. Fangen später die Augen an zu treiben, so hat jede Ruthe gehörigen Raum und Sonne.

25.

Von den Reserve-Augen und ihren Ruthen.

Bisweilen trifft es sich auch, daß zwei Ruthen an einer Stelle entstehen, besonders bei starken, auf gutem Boden stehenden Stöcken. Es befindet sich nämlich hinter jedem Auge noch eins, oft zwei; man nennt sie Reserve-Augen. Diese Reserve-Augen fangen gewöhnlich im Frühjahre mit den Haupt-Augen zugleich an, zu treiben. Sind nun die Stöcke noch jung und schwach und haben magern Boden, so bleibt endlich das Reserve-Auge sitzen. Haben aber, wie gesagt, die Stöcke Kraft und guten Boden, so treiben diese Reserve-Augen mit den Haupt-Augen zugleich fort, und auch diese aus den Reserve-Augen entstandenen Reserve-Ruthen bringen ihre Trauben. Ich habe einmal in einem guten Weinjahre an den meisten Hauptruthen drei und an den Reserve-Ruthen zwei, und also fünf Trauben auf einer Stelle gehabt. An einigen Stöcken hatten sogar die Hauptruthen 4 und die Reserve-Ruthen 3 Trauben.

26.

Vom zweiten, dritten und vierten Anbinden oder Heften.

Wenn nun die Ruthen länger werden, so muß man sie anheften, damit sie sich nicht umbeugen und von Wind- und Regenstürmen abgebrochen werden. Es ist auch dieses Anheften um der Trauben willen nöthig, weil dieselben sonst, wenn sie zu groß und schwer werden, mit der Ruthe zugleich abbrechen können. Daher muß man auch die untern Fruchtruthen anbinden, ob sie gleich gewöhnlich nicht so lang werden, als die obern Zugruthen, welche oft mehrere Male angebunden werden müssen. Denn zwar nicht die Last der Länge, wohl aber die Last der Trauben kann sie später umbeugen und brechen. Dieses Anheften muß aber durchaus noch vor der Blüthenzeit geschehen, denn während derselben darf man nicht in den Ruthen herumstören, weil man sonst den Blüthenstaub abstreift. Auch kann, wenn die nun immer länger werdenden Ruthen nicht angebunden sind, Sturm und Wetter dieses Abstreifen verursachen, oder die schwebenden Ruthen zerbrechen. Bei diesem Heften muß aber mit den noch jungen und fetten Ruthen sehr vorsichtig umgegangen werden, damit man sie nicht abbricht. Deßhalb dürfen sie auch nicht etwa dicht an das Spalier oder an die alten Aeste des Stockes angebunden werden, wie man das beim ersten Anbinden im Frühjahre thut; es ist auch dieses dichte Anbinden sehr oft wegen der Fettigkeit und Weichheit der Ruthen nicht möglich und noch weniger nöthig. Man faßt mit dem Baste eine Stange des Spaliers, oder einen Ast des alten Holzes, oder einen nahe liegenden Schenkel oder eine Rebe, und zugleich auch die Ruthe dicht unter der ersten Traube, und zieht dieselbe nun so weit heran, als es sich thun läßt. Dadurch geschieht es, daß die Ruthen nun in längere oder kürzere Henkel zu hangen kommen, wodurch sich dann der ganze Stock nach der Außenseite hin verbreitet und Ruthen und Trauben mehr Raum bekommen; denn es braucht durchaus nicht Alles dicht an das Spalier angeschnürt zu seyn. Meine Stöcke kommen durch dieses Henkeln oft ¼, sogar ½ Elle weit und noch weiter vom Spaliere und der Mauer ab, und hängen doch nicht abwärts, sondern stehen und sehen so glatt, als ob sie mit der Zannscheere beschnitten worden wären. Das dritte Heften erfolgt nach der Blüthenzeit, wo man Alles, was abwärts hängt, ebenfalls wieder so anhenkelt, und sollten späterhin wieder Ruthen mit ihren nun länger gewordenen Spitzen abwärts hängen, so muß man zum vierten Male heften, was aber selten und nur bei wenigen, nämlich bei den langen Zugruthen nöthig ist. Jetzt kann man auch, wie schon gesagt, die abermals abwärts hängenden Spitzen abbrechen oder der Haltbarkeit wegen um einen nahe liegenden festen Gegenstand winden; denn sie können nun nichts weiter nützen. In den kürzlich vergangenen Jahren habe ich den Versuch gemacht, mir das dritte und vierte Heften ohne Nachtheil für den Stock ganz zu ersparen, und er ist gelungen. Ich fand nämlich bei genauer Beobachtung, daß einige Wochen nach der Blüthenzeit alle Ruthen ohne Ausnahme ihre gehörige zum Herbste beim Beschneiden nöthige Länge erreicht hatten, folglich alles nun noch wachsende Holz überflüßig sey. Jetzt fing ich an, alle hervorkommenden Spitzen aller Ruthen, sogar die der Zugruthen, wegzubrechen, und mit allen in der Folgezeit wieder hervorkommenden Spitzen eben so zu verfahren, und fand, daß diese Behandlungsweise weder den Trauben noch den Ruthen Schaden brachte. Ich hatte im Herbste beim Beschneiden nur einen sehr geringen Nachtheil davon, nämlich den, daß ich keine, oder wenigstens nur sehr wenig Schnittlinge machen konnte: denn ich fand größtentheils nur so viel junges Holz, als ich brauchte, und konnte einen Schnittling nur da erlangen, wo wegen zu vieler Ruthen einige weggeschnitten werden mußten. Das von den stehenbleibenden Ruthen weggenommene Holz war zu Schnittlingen größtentheils zu kurz. Seitdem habe ich jedes Jahr wieder so verfahren, und da ich abermals keinen Nachtheil gespürt habe, werde ich es auch ferner thun, und rathe einem Jeden, eben so zu handeln. Nur das zu frühe Verbrechen, nämlich vor und in der Blüthenzeit, kann ich nie und nirgends anrathen.

27.

Das natürliche Anheften vermittelst der Gabeln.

Manche Ruthen heften sich auch selbst an, vermittelst der Gabeln; so nennt man die an den Ruthen und beiden Trauben hin und wieder hervortreibenden Ranken, die sich an den Enden in zwei Theile theilen und sich um das Spalier und Alles, was sie erreichen können, herumwinden und sehr fest werden. Das Erscheinen der ersten Gabel an einer Ruthe ist gewöhnlich ein Zeichen, daß nun keine Traube weiter kommt. Einige meinen, man müsse diese Gabeln abbrechen, denn sie raubten dem Stocke die Kraft. Dieß ist ein Irrthum, denn man raubt ja auch dadurch den Ruthen ein herrliches Befestigungsmittel, welches ihnen die Natur sehr weislich verliehen hat. Denn kein Band kann fester werden, als dieses Anklammern der Gabeln. Man muß aber dieses Heften oder Anhalten nicht zuerst den Gabeln überlassen, (denn Wind und Wetter treibt oft die Ruthen aus der gehörigen Lage, und sie heften sich alsdann da an, wo es sich nicht schickt), sondern man muß das erste Anbinden der Ruthen selbst besorgen, damit sie in die richtige Lage kommen, und das Anklammern der Gabeln für sie nachher ein zweites richtiges und noch stärkeres Befestigungsmittel wird.

28.

Von der richtigen Lage der Ruthen.

Die richtige Lage der Ruthen ist folgende: Die an jedem Schenkel und jeder Rebe sich befindenden untern, gewöhnlich schwächern und kürzern Fruchtruthen leitet man durch das Anbinden einwärts nach der Mauer zu; die obern längeren und stärkeren Zugruthen aber zieht man, so viel es sich thun läßt, nach außen, damit sie gutes Licht und Sonne bekommen und gehörig reifen können. Denn fehlt es diesen Zugruthen an Luft, Licht und Sonnenwärme, so bleiben sie blaß und weich, verholzen nicht, und man kann sie zum Herbste nicht gebrauchen, sondern muß sie, so weit sie grün sind, wegschneiden. Denn die Reife, die sie nach dem Abfallen der Blätter und den Winter über noch bekommen sollen, ist nicht von Bedeutung. Und dieses Erziehen der Zugruthen ist eine Hauptsache beim Weinbau. Es ist die Aussaat für das nächste Jahr. Zieht man im ersten Jahre keine Zugruthen, so hat man im nächsten Jahre keine Trauben zu erwarten. Ich habe Weinstöcke gesehen, die viele Trauben hatten, recht schön angebunden und ganz glatt verbrochen waren, aber nicht eine einzige Zugruthe hatten. Solche Stöcke lassen sich im Herbste schlecht beschneiden; man findet an ihnen lauter kurze und schwache Ruthen, und man muß lauter Zapfen und kurze Schenkel schneiden. Reben werden gar nicht, und sie bringen natürlich im nächsten Jahre nicht die Trauben, die sie gebracht haben würden, wenn man ihnen die gehörigen Zugruthen gelassen hätte. Am Ende fangen sie gar an, zu kränkeln und gehen ein, weil sie durch das beständige starke und besonders zu frühzeitige Verbrechen in ihrem Wachsthume zu sehr gestört worden sind.

29.

Von der richtigen Lage der Trauben.

Den kürzeren Fruchtruthen mit ihren Trauben schadet es nicht, wenn sie hinter die Zugruthe und deren Blätter kommen. Die kurze Ruthe reift doch wohl, und die Trauben gedeihen hinter den Blättern im Schatten weit besser und reifen eher, als wenn sie zu viel Sonne haben. Alle der Sonne zu sehr ausgesetzte Trauben bleiben hart und reifen viel später. Die Spitzen der kurzen Ruthen nehme ich, wie schon gesagt, gewöhnlich dann, wenn die Trauben anfangen, schwer zu werden, und winde sie um eine Stange des Spaliers herum, oder wo es sich sonst thun läßt. Denn eine solche Ruthe treibt nun schon von selbst nicht mehr, die Kraft bleibt unten in den Trauben, und durch das Umwinden und Befestigen der Spitzen bekommt die Ruthe mit ihren Trauben einen sehr guten Halt. Ist aber die Ruthe mit ihren Trauben schon durch das Heften gehörig befestigt, so kann man auch jetzt, wie ich nun durch Erfahrung gefunden habe, die Spitzen ohne Nachtheil für Ruthen und Trauben wegbrechen. Bei dieser Behandlungsweise, daß ich nämlich vor der Blüthenzeit gar nichts, und nach derselben nicht zu zeitig verbreche, und die Stöcke auch sehr dicht stehen, kommt es freilich dahin, daß in den Sommer-Monaten meine Weinspaliere dicht belaubt sind, viel Ruthen und wenig Trauben zeigen. Aber was von Ruthen vorn seyn und reifen soll, ist doch vorn, und die hinter den Blättern steckenden Trauben befinden sich da einstweilen sehr gut. Man muß nur beim Heften nicht Alles zu eng zusammenschnüren, sondern lange Henkel machen, damit Raum in dem Dickicht ist. Kommt es nun gegen den Herbst, die Zeit der Reife, so wirft der Stock seine größte Kraft schon von Natur auf die Trauben und läßt die Blätter fahren; einige fallen ganz ab, die meisten bleiben zwar, verlieren aber ihre Fettigkeit, fangen an, zu welken, fallen und beugen sich zusammen. Nun bekommen die hinter denselben versteckt gewesenen Trauben so viel Licht und Wärme, als sie zu ihrer Reife bedürfen. Aber doch nicht so viel, daß die allzu große Hitze die Beeren verhärten könnte. Wer aber Alles zu sehr und besonders zu zeitig verbricht und entblättert, dem hängen um diese Zeit alle Trauben frei in der größten Sonnenhitze. Auf fettem Boden stehende Stöcke entblättern sich zwar nicht so sehr; ist aber nur gut gehenkelt und nicht etwa geschnürt, so kann dennoch Alles gehörig wachsen und reifen. Sollten dieselben gar zu dicht werden, so kann man durch ein schärferes Abbrechen der Spitzen beim dritten und vierten Heften etwas Luft machen. Oder, wie schon gesagt worden ist, das dritte und vierte Heften ganz unterlassen, und alle hervorkommende Spitzen wegbrechen. Denn ich wiederhole es nochmals: Wo Raum genug ist, kann man ohne Nachtheil alles wachsen lassen; wo dieser aber mangelt, da kann man auch hinwiederum ohne Nachtheil alles verbrechen. Nur nicht vor und in der Blüthenzeit und nicht zu schnell nach derselben.

30.

Vom Abbrechen der Blätter zum Gebrauche.

Aus dem bisher Gesagten gehet nun auch hervor, daß an einem nach meiner Art richtig beschnittenen Weinstocke nicht ein Blatt übrig ist. Was soll man aber thun, wenn man Weinblätter verlangt, oder deren selbst bedarf? -- Von den Zugruthen darf man sie nicht nehmen. An jedem Blatte steht ein Auge, dieses wird von seinem Blatte geschützt, auch wird durch dieses Blatt demselben Nahrung zugeführt; denn alles auf dem Blatte stehen bleibende Thau- und Regenwasser dringt größtentheils durch die in dem Blatte und dessen Stiele befindlichen kleinen Oeffnungen bis in das Auge hinein und erquickt und stärkt dasselbe. Nimmt man ihnen nun dieses Blatt, so zerstört man den Befruchtungs-Kanal, und es wird in seinem Wachsthume gehindert; und geschieht dieß gleich unten an den Zugruthen, wo sie die Trauben haben, so beraubt man zugleich auch den Trauben die Schutz- und Nahrungsmittel. Von den übrigen kürzern Fruchtruthen darf man sie nun ebenfalls nicht nehmen, denn sie sind auch hier die Beschützer und Ernährer der daran befindlichen Augen und Trauben. Es giebt aber oft außer den Zug- und Fruchtruthen noch einige unfruchtbare Ruthen, die keine Trauben bekommen haben, und zu den Zugruthen zu schwach sind. Auch kommen oft unten am Stocke oder etwas weiter hinauf aus dem alten Holze Ruthen heraus, die weder Trauben haben, noch zu Zugruthen taugen, und allenfalls im Herbste beim Beschneiden einen Zapfen geben können. Man nennt sie bekanntlich Wasserruthen. Von diesen beiden, den oben genannten unfruchtbaren und den Wasserruthen, kann man Blätter nehmen, wenn man welche gebraucht. Hier thut es nicht viel Schaden, besonders an den obern Enden, die ja ohnedieß im Herbste weggeschnitten werden. An den obern Enden könnte man allenfalls auch von den Zug- und Fruchtruthen Blätter wegnehmen, aber nicht eher, als nach dem dritten und vierten Heften, wo man auch die ganze Spitze wegbrechen kann. Vor und während der Blüthenzeit aber ist nirgends ein Blatt übrig; es macht ohnedem das Abbrechen eines solchen fetten Blattes eine Wunde, die im zeitigen Frühlinge sogar blutet. Braucht man aber die Blätter nicht nothwendig, so lasse man auch die für entbehrlich erklärten stehen. Es ist große Thorheit, solche oder wohl gar ganze Ruthen für das Vieh abzubrechen, ohne vorher überlegt zu haben, ob sie auch wirklich überflüssig waren oder nicht, und ob es also Nutzen oder Schaden bringen konnte. Denn, ich wiederhole es nochmals, hat man im Herbste nach meiner Art richtig beschnitten, so kann man, wo Raum genug ist, vom Frühjahre an bis zum Herbste, alles daran ungestört und ohne Nachtheil wachsen lassen. Es kann schon, dem Schnitte gemäß, nicht mehr wachsen, als nöthig ist. Ich weiß dieß aus mehrjähriger Erfahrung, und freue mich, diese Entdeckung gemacht zu haben, denn sie überhebt mich der wirklich schwierigen Arbeit des frühzeitigen Verbrechens, wobei man sich nicht genug in Acht nehmen kann, daß man den jungen fetten Ruthen und zarten Träubchen nicht Schaden thut. Dieser Schaden kann aber beim Verbrechen zur Zeit des dritten und vierten Heftens, spät nach der Blüthenzeit nicht geschehen. Jetzt können die abgebrochenen überflüssigen Spitzen zum Futter für’s Vieh benutzt werden.

31.

Einrichtungen zur Erleichterung des mühsam scheinenden Begießens.

Ich erwähne diesen Gegenstand nochmals, um zu zeigen, welch’ eine wesentliche Arbeit dieß beim Weinbau ist. Ich habe es in dem vergangenen trockenen Sommer an einem Spaliere absichtlich unterlassen, um dessen Nutzbarkeit nochmals zu erproben, und sie zeigt sich nun mehr, als zu deutlich. Dieß Spalier hat magere Träubchen, die wohl schwerlich zur Reife gelangen werden. Die begossenen Spaliere aber prangen mit fettem Wuchs und schönen Trauben, die eine zeitige Reife versprechen. Damit nun aber auch das Begießen gehörig nützen kann, so muß man die Vertiefung und die Dämmchen unten am Spaliere bei den Wurzeln immer in gutem Stande erhalten. Thut man dieß nicht, so darf man sich nicht wundern, wenn auch bei fleißigem Begießen die Weinstöcke nicht gedeihen. So ging es einem meiner Bekannten. Ich besah seine Stöcke, und fand sie auf einer festen Erhöhung von Erde stehend, von der jeder Tropfen Wasser augenblicklich wieder ablaufen mußte. Das hieß nun, Wasser auf eine umgekehrte Schüssel gießen und sich dabei wundern, daß es nicht eindringen will; oder dem Durstigen den Trank über den Kopf gießen, und es sich befremden lassen, daß er dabei noch immer über Durst klagt. Ich machte nun am Stocke unten die gehörige Vertiefung nebst den zwei Dämmchen, vermehrte die Stöcke durch das Verjüngen einiger niedern Aeste und ließ die Vertiefung alle 8 Tage voll Wasser gießen. In Zeit von 4 Wochen hatten die Ruthen 2 Ellen hoch getrieben, und jetzt, nach Verlauf von 5 Jahren, bekleiden diese Stöcke den ganzen Giebel des Hauses und bringen Trauben im Ueberfluß. Deßhalb muß auch ein Weinstock, wie schon gesagt, eine bis zwei Ellen breit vom Spaliere ab gehörig umzäunt seyn, damit kein Vieh hinzugehen und die Vertiefung nebst den Dämmchen verderben kann. Um sich des mühsamen Hintragens des Wassers bis an das Spalier zu erleichtern, suche man sich einige hölzerne Wasserrinnen zu verschaffen, die von einem Brunnen oder einem nahen Wasserbehälter bis an das Spalier reichen. Dann ist das Begießen, zumal bei einer Pumpe, ein Geschäft für ein Kind, das auf diese Art binnen einer Stunde einige hundert Eimer Wasser hinschaffen kann, und die geringen Kosten der Rinnen bringt eine einzige Traubenlese wieder ein. Freilich muß aber auch, wie gesagt, die Vertiefung gehörig wagerecht seyn, damit ein Stock so viel bekommt, wie der andere.

32.

Reinigung des Weingartens.

So nenne ich den eine bis zwei Ellen breiten Raum von der Mauer bis an die Umzäunung. Diese Stelle muß immer rein gehalten und nichts weiter darauf gepflanzt werden. Es darf deßhalb dieses Weingärtchen nicht zugleich den Blumen-, Petersilien- und Pflanzengarten mit ausmachen. Auch muß man darinnen kein Gras oder Unkraut aufkommen lassen. Wo dieß geschieht, oder wo wohl gar dicht an den Stöcken Hühner, Hunde und Katzen ihr Faulbettchen aufschlagen, und die Weiber diesen Ort zu einer Niederlage von Bouteillen, Aeschen, Schüsseln, alten Töpfen und dergl. gebrauchen, auch wohl den Herbst und Winter über Kraut und Rüben daselbst aufbewahren, da kann freilich der Weinstock nicht gut gedeihen.