Anweisung zum Weinbau an Gebäuden, Mauern, Lauben und Bäumen Herausgegeben zu Ermunterung der Kinder zu edler Thätigkeit

Part 3

Chapter 33,768 wordsPublic domain

Im dritten Sommer treiben nun die Zapfen und Schenkel schöne kräftige Ruthen, die Schenkel an denselben auch zugleich Trauben. Die Zapfen bringen gewöhnlich hier, sowie auch an älteren und größeren Stöcken, keine Trauben, sondern treiben bloß gute Ruthen. Es müßte ein sehr kräftiger, auf sehr gutem Boden stehender Stock seyn, wenn er auch an den Zapfen Trauben haben sollte. Bei einigen von meinen, auf solchem Boden stehenden Stöcken ist dieß schon oft geschehen. Bisweilen kann sich’s aber auch zutragen, daß ein Zapfen den Erwartungen nicht entspricht, sondern statt einer starken, eine schwache Ruthe treibt, wohl gar schlecht wächst oder vertrocknet. Geschieht dieß, so wird er im nächsten Herbste entweder glatt weg, oder wieder zum Zapfen geschnitten. Ich habe Fälle erlebt, daß aus dem wieder zum Zapfen geschnittenen Zapfen erst im nächsten Jahre die kräftigere Ruthe kam. Auch muß ich zur Belehrung Anderer hier noch eine Erfahrung anführen, die ich einst an einem Stocke gemacht habe. Es trieb derselbe im ersten Sommer sehr schwache Ruthen, obschon es ein Wurzling war. Ich schnitt zwei derselben zu Zapfen, die dritte ganz weg; sie trieben im 2ten Jahre wieder schwache Ruthen, die zu keinem Schenkel zu gebrauchen waren. Ich schnitt alle bis auf zwei weg, aus denen ich wieder Zapfen machte. Im 3ten Jahre wurde eine Ruthe so stark daß sie im Herbste einen leidlichen Schenkel gab, die übrigen wurden wieder nur Zapfen. Aber alle zeigten im 4ten Jahre schwachen Wuchs, und gaben keine Trauben. Ich schnitt nochmals Alles zu Zapfen. Im 5ten Jahre trieb der Weinstock die schönsten Ruthen, aus welchen ich im Herbste Zapfen, Schenkel und Reben machen konnte, die das folgende 6ste Jahr Trauben brachten. Jetzt ist es ein kräftiger Stock, der viel Trauben trägt, aber noch nicht höher, als etwas über 2 Ellen, weil er bei dieser Behandlungsweise nur allmählig steigen, aber sich desto besser bewurzeln konnte. Hätte ich ihn nach den gewöhnlichen Regeln schneller in die Höhe wachsen lassen, so würde er wahrscheinlich am Ende eingegangen seyn. Die Ursache seines langsamen Vorrückens war Schwäche der Wurzeln und ein unfruchtbarer Boden, der sich nicht gut verbessern ließ. Nachdem aber dieselben durch das immerwährende scharfe Beschneiden sich verlängert und verstärkt hatten, und also ihre Nahrung nun weiter herholen konnten, war er in den Stand gesetzt, Früchte zu tragen. Dieß Beispiel zur Belehrung für denjenigen, dem es vielleicht einmal eben so ergehen könnte. -- An den in diesem Sommer wachsenden Ruthen wird nun ebenfalls, wie im vorigen Sommer, weiter nichts gethan, als daß sie gehörig angeheftet werden, damit sie Sturm und Regen oder die eigene Schwere nicht niederbeugen und zerbrechen können. Sollten aber auch hier wieder einige zu schwachen und langen Wuchs machen, so kann man sie ebenfalls nach der zu Ende des =13. §.= gegebenen Regel behandeln.

16.

Vom Beschneiden der Schnitt- und Wurzlinge im dritten Herbste.

Im nächsten Herbste wird nun ebenfalls wieder so beschnitten, wie im vorigen. Alle schwachen Ruthen schneidet man dicht am Stocke ganz weg, die stärkeren bis auf 1, 2 oder 3 Augen zu Zapfen; die noch stärkeren bis auf ¼, ½ oder ¾ Elle zu Schenkeln, die allerstärksten hingegen, von 1 Elle an, bis auf 5, 6, 7 Viertel, höchstens bis auf 2 Ellen lang zu Reben. Länger darf keine Rebe seyn. Wenn es auch die allerschönste, stärkste und kräftigste Ruthe wäre, so darf doch nicht mehr, als höchstens 2 Ellen lang davon stehen bleiben. Was daraus wird, wenn man sie länger, oder vielleicht gar so lang läßt, als sie gewachsen sind, weiß ich aus Erfahrung. Die untersten Augen bleiben ganz weg, die folgenden treiben schwache Rüthchen ohne Trauben, und die noch höheren schwache Ruthen mit kleinen, magern Träubchen. Erst dann, je weiter es nach oben kommt, sieht man starke Ruthen mit schönen Trauben, und man hat den Nachtheil, daß der Stock in wenigen Jahren langes, altes, kahles Holz hat, eine unförmliche Höhe erreicht, und an den Spalieren keinen Platz findet. Schneidet man sie aber nach der hier vorgeschriebenen Art, so treibt jedes Auge eine Ruthe, und jede derselben bringt eine, zwei bis drei, auch vier Trauben, je nachdem die Art ist. Zwar sind auch hier gewöhnlich die untersten Ruthen mit ihren Trauben etwas magerer als die obersten; aber es ist doch keine fruchtlos. Es giebt indeß einige Weinsorten, die hiervon eine Ausnahme machen, und auch an langen Reben von unten an bis oben aus starke Ruthen mit Trauben bringen. Solche lassen eine Ausnahme zu und man kann dieselben länger machen.

17.

Vom Verbrechen oder Kappen.

Einige lehren nun, man solle alle diese Ruthen, sobald die letzte Traube da sey, zwei Blätter weit über dieser Traube, verbrechen oder abkneipen, (kappen, nach dem gewöhnlichen Winzer- oder Gärtner-Ausdruck). Nur ~eine~ davon, welche man zur Zugruthe für das nächste Jahr brauchen und deshalb im Herbste aus derselben eine Rebe machen wollte, solle man wachsen lassen, und zwar an jedem Zapfen, jedem Schenkel und jeder Rebe die unterste. Im Herbste solle man dann, dicht an dieser Zugruthe, alles über derselben stehende Holz mit den verbrochenen und nun von Trauben entledigten Fruchtruthen wegschneiden. Durch das Verbrechen der obern Ruthen ginge nun die Kraft in die Trauben und in die unterste Ruthe, und diese würde um desto stärker. Allerdings wäre dieß sehr gut, wenn es so ginge. Bei einigen Weinsorten kann dieß auch der Fall seyn, und wo es so ist, da rathe ich, auch so zu verfahren. Allein ich habe es an meinen und andern Stöcken versucht, und es ging nicht so; ich fand vielmehr, daß der Weinstock, sowie fast alle andere Gewächse seine Kraft nach oben wirft, und da die stärksten Ruthen und Trauben treibt. Ich verbrach die obern starken Ruthen alle und ließ nur die unterste schwächste Ruthe zur Zugruthe unverbrochen, in der Hoffnung, es sollte, wie man mir ja gesagt und versichert hatte, nun die Kraft zurück in die unterste Ruthe gehen; allein es geschah nicht, sie blieb schwach und die obersten verbrochenen fingen immer wieder an, an den Spitzen neue Ruthen anzusetzen und zu treiben. Ich brach nach der gegebenen Regel auch diese wieder weg, um so, wie man mir gelehrt hatte, den Stock gleichsam zu zwingen, seine Kraft nach unten zu werfen; aber es geschah nicht, die unterste blieb schwach, und die obern fingen durch das beständige Stören im Wachsthume sogar an, zu kränkeln. Im nächsten Herbste empfand ich erst den großen Nachtheil, der aus dieser Behandlungsweise entstanden war. Ich hatte gar keine Zugruthe, aus der ich eine kräftige Rebe hätte machen können. Die unterste, dazu bestimmte, war zu schwach, und die obersten waren zu kurz und durch das beständige Stören erkrankt, so daß mir nichts übrig blieb, als elende Zapfen und ganz kurze Schenkel. Auch habe ich eben nicht bemerkt, daß durch das Verbrechen die Trauben kräftiger geworden wären. Es blieb vielmehr bei den nun einmal angeschaffenen Eigenschaften dieses Gewächses; unten schwächere Ruthen mit kleineren Trauben, und nach oben zu immer stärkere Ruthen mit immer größern Trauben. Ich entschloß mich daher, in den folgenden Jahren auch gar nichts zu verbrechen, und habe gefunden, daß dieß weit besser ist, und daß man auch dadurch des wirklich langweiligen und mühsamen Geschäfts des Verbrechens überhoben wird. Ich that nun weiter nichts, als daß ich die treibenden Ruthen von Zeit zu Zeit anheftete, damit sie nicht von Sturm und Regen umgebrochen werden konnten. Nun bemerkte ich, daß an jedem Zapfen, Schenkel und jeder Rebe allemal die untersten Ruthen die schwächsten waren und blieben, die höhern stärker wurden und die obersten am stärksten waren. So erhielten auf diese Weise der Zapfen eine, der Schenkel zwei und die Rebe drei starke Ruthen an seinem obern Ende. Die Trauben waren eben so gut, wie im vorigen Jahre, wo ich verbrochen hatte, und zwar richteten sie sich nach der Ruthe; je stärker diese war, desto größer waren auch die Trauben. Die obersten starken, langen, unverbrochenen Ruthen hatten die schönsten Trauben. Es war also durch das Forttreiben der Ruthen keine Kraft verloren gegangen. Wenn der Stock richtig beschnitten worden ist, und er in trockenen Sommern gehörig begossen wird, so treibt er schöne lange Ruthen und nährt auch seine vielen Trauben.

18.

Natürliche Ursachen des Nachtheils vom allzufrühen Verbrechen.

Daß das allzufrühe Verbrechen Schaden bringt, ist nach meinen wiederholt gemachten Beobachtungen und Erfahrungen unverkennbar. Denn Schaden muß es thun, weil man ja der Natur dadurch geradezu entgegen arbeitet. Es zeigt sich an dem starken, fetten, flüchtigen Wuchse, den der Weinstock im Frühlinge macht, ganz deutlich, daß es ihm jetzt vorzüglich darum zu thun ist, seinen Kindern, (den Trauben), die er nebenbei mit erzeugt, eine dauerhafte, feste Wohnung, (haltbare Ruthen), zu erbauen. Das langsame Vorrücken und Verstärken der Trauben in dieser Zeit ist ein klarer Beweis, daß der Stock sich jetzt weniger um sie, mehr aber um die Ruthen bemüht. Ist die Zeit der Blüthe vorüber, so bemerkt man ein schnelles Wachsthum der Trauben und ein langsames Treiben der Ruthen. Bei meinem blauen Weine hört der Trieb der Fruchtruthen um diese Zeit gänzlich auf; nur die Zugruthen treiben langsam fort. Das Haus ist nun fertig; jetzt bemüht er sich um Erziehung der Kinder, die es bewohnen sollen. Breche ich nun den zarten, fetten Wuchs gleich nach dem Erscheinen der letzten Traube zwei Blätter weit über derselben weg, so hindere ich den Stock gewaltsam in seinem Wirken und zwinge ihn, etwas anderes zu thun, als er jetzt thun will. Davon zeugen auch die kräftigen Triebe, die immer wieder aus den verbrochenen Ruthen empor schießen. Der Stock streitet gegen seinen Verderber. Des Nachtheils noch nicht einmal zu gedenken, daß man sich dadurch mancher Traube beraubt. Ich habe solche Spätlingskinder oft genug an meinen Weinstöcken gesehen, die ich im vorigen Jahre durch allzu frühes Verbrechen in der Erzeugung erstickt hatte. Soll es nun einmal verbrochen seyn, so kann ich dasselbe nicht eher anrathen, als einige Wochen nach der Blüthenzeit, wenn die Beeren bereits schon die Größe einer Erbse erlangt haben, und man ganz gewiß ist, daß nun keine Traube weiter kommt; auch nicht etwa dicht über den Trauben, sondern bloß an den äußersten Spitzen der Ruthen, die im Herbste beim Beschneiden einmal weggeschnitten werden müssen, so daß die Ruthe ohngefähr so lang bleibt, als ich sie im nächsten Herbste zu brauchen gedenke. Ich winde diese Spitzen zuweilen, zur Befestigung der Ruthen, um das Spalier oder um das alte Holz des Stockes. Jetzt werde ich auch nicht so viel zu verbrechen finden, denn die meisten Ruthen haben schon im Wachsthume nachgelassen. Nur die Zugruthen, die gar nicht verbrochen werden dürfen, schießen fort. Eine um diese Zeit verbrochene Ruthe wird auch selten wieder einen neuen Trieb an der Spitze ansetzen, Beweis genug, daß ihr Wachsthum zu Ende ist, es müßte denn ein Stock auf gar zu fetten Boden stehen. An diesem kann man dann mit dem Verbrechen etwas strenger verfahren; aber ebenfalls nur an den äußersten Spitzen. Solche zu zeitig verbrochene Ruthen fangen auch oft an, zu kränkeln, und sterben nebst ihren Trauben bald ab oder bleiben wenigstens elend. Man will den Stock zwingen, seine Kraft in die Trauben zu werfen; er will aber das jetzt noch nicht. Man lasse ihm deßhalb seinen Willen; er wird allein schon thun, was man erzwingen will, wenn seine Zeit gekommen seyn wird. Man verbricht ja die Ruthen auch an den Bäumen nicht, und sie ernähren doch beides, ihre Früchte und Ruthen. -- Dieß ist meine, auf Erfahrung gegründete Ansicht in dieser Sache. Wer mich eines Bessern belehren kann, dem will ich für seinen Unterricht danken und seiner Belehrung folgen.

19.

Nutzen des Nichtverbrechens oder Kappens.

In den letztern Jahren nun, in welchen ich meine Weinstöcke gar nicht, oder doch nur wenig und spät verbrochen habe, hatte ich im Herbste gutes Beschneiden, denn es fehlte mir nicht an Ruthen, aus denen sich etwas Gutes machen ließ. Nun schnitt ich, wie ich schon mehrmals gesagt habe, an jedem Zapfen, Schenkel und jeder Rebe die untersten schwachen Ruthen ganz weg, die folgenden machte ich zu Zapfen, die nächsten zu Schenkeln, und die obersten zu Reben. Und so haben meine Stöcke immer schöne und starke Reben, denn die stärksten Ruthen werden dazu benutzt. Auf diese Weise erhält gewöhnlich jeder Zapfen eine Rebe von der Ruthe des obersten Auges; denn die beiden untern Augen, wenn er deren drei gehabt hat, haben gewöhnlich schwachen Wuchs, welcher ganz weggeschnitten wird. Es trifft auch zuweilen, daß ein Zapfen lauter schwachen Wuchs hat. Dann schneidet man solchen entweder wieder zu Zapfen, oder man schneidet, wie schon einmal gesagt worden ist, den ganzen Zapfen mit allen seinen schwachen Ruthen weg. An den Schenkeln finde ich nun nach meiner Behandlungsweise unten einige schwache Ruthen. Diese schneide ich ganz weg, die folgende stärkere giebt einen Zapfen, die nächste einen Schenkel von einer Viertel-Elle, die folgende einen von einer halben Elle und darüber, und die oberste oder die beiden obersten geben eine oder zwei Reben von einer Elle und darüber, so daß ein solcher Schenkel nun, wenn er von mittler Länge ist, nach dem Beschneiden einen Zapfen, zwei Schenkel von verschiedener Länge und zwei Reben, ebenfalls von verschiedener Länge hat. An der Rebe habe ich nun die meisten Ruthen. Die untersten schwächsten werden ebenfalls ganz weggeschnitten. Aus den nächsten mache ich ein, auch zwei Zapfen; aus den folgenden einen, zwei bis drei Schenkel, und aus den obersten stärksten, deren gewöhnlich drei sind, drei Reben, alle von verschiedener Länge. Denn das muß ich überhaupt bemerken, daß nicht alle Zapfen, Schenkel und Reben gleiche Länge haben dürfen. Darum habe ich auch gleich im Anfange gesagt, ein Zapfen kann ein, zwei, auch drei Augen haben, die Schenkel können ¼, ½, ¾ Elle lang seyn, und die Reben können aus einer Länge von einer Elle, 5, 6, 7 Viertel- bis 2 Ellen bestehen. Je nachdem die Ruthe stark oder schwach ist, macht man auch Zapfen, Schenkel und Reben lang oder kurz. Zuweilen trifft es sich auch, daß an einem Schenkel oder einer Rebe die oberste, oder zwei der obersten Ruthen verkrüppeln und schwächer bleiben, als die unter ihnen stehenden; ja durch das Treiben mehrerer kleinen Seiten- und Wasserruthen des dabei stehenden alten Holzes gleichsam zu einem Strauche werden. Ist dieß der Fall, so schneidet man das obere alte Holz mit seinen verkrüppelten, schwache Ruthen ganz weg und bestimmt die unter ihm stehenden zu Reben, Schenkeln oder Zapfen, wozu sie, vermöge ihrer Stärke am tauglichsten sind. Und sollte einmal, was auch geschehen kann, an einem Schenkel oder einer Rebe Alles verkrüppeln, so wird er im Herbste ganz weggeschnitten. Dasselbe kann und muß auch geschehen, wenn der Stock mit den Jahren des Holzes zu viel bekommen sollte. Man schneidet dann natürlich die schlechtesten weg. Davon wird aber in einem der nächsten Kapitel beim Untersetzen ein Mehreres gesagt werden.

20.

Regelmäßiges Verlängern der Weinstöcke.

Aus dem bisher Gesagten wird nun Jeder leicht einsehen können, daß nach meiner Behandlungsweise die Stöcke von Jahr zu Jahr regelmäßig höher steigen. Es hat demnach ein nach meiner Art gepflanzter Weinstock im ersten Herbste, wenn er gesteckt wird, eine Höhe von ¼ bis ½ Elle. Im zweiten Herbste, nach dem erstmaligen Beschneiden, ist er kaum einige Zoll länger, weil der Wuchs des ersten Jahres bei dem ersten Beschneiden jedesmal zu Zapfen geschnitten wird. Im dritten Herbste, nach dem zweiten Beschneiden, ist er ohngefähr 1 Elle hoch. Im vierten Herbste, nach dem dritten Beschneiden, hat er eine Länge von 2 Ellen und so kommt er in jedem folgenden Jahre allemal um 2 Ellen höher. Hierbei richte ich es nun gleich in den erstern Jahren und jedem folgenden beim Beschneiden so ein, daß von meinen dichtstehenden Stöcken immer einer früher in die Höhe kommen muß, als der andere. Dieß geschieht dadurch, daß ich die Zapfen, Schenkel und Reben an dem einen immer etwas länger mache, als an dem andern. Auf diese Weise bekomme ich jedes Jahr in der Tiefe, Mitte und Höhe junges Holz, mit dem ich das alte bedecken kann. Und deßhalb sieht mein ganzes Spalier von unten an bis oben grün aus, und trägt von der Erde bis in die äußerste Spitze hinauf Trauben.

21.

Umzäunung der Weinstöcke.

Freilich müssen solche Stöcke aber auch gegen Vieh und andere Feinde durch eine Umzäunung geschützt seyn, und diese wird sich wohl an den meisten Orten anbringen lassen, da sie nicht breiter, als höchstens 2 Ellen zu seyn braucht, so daß man darinnen gehen kann. Sollte nicht so viel Raum vorhanden seyn, so ist eine Elle breit hinreichend. Man muß aber die Umzäunung alsdann so einrichten, daß sie, gleich den Thorflügeln aufgemacht werden kann, wenn es an dem Stocke etwas zu thun giebt. Diese Art dürfte auch in Städten anwendbar seyn, denn ich kann nicht einsehen, warum man nicht auch hier den Weinstock gleich von der Erde an sollte benutzen können. Welch’ ein schöner, breiter und oft auch hoher Raum ist da nicht oft von der Erde an bis an die untersten Fenster, und selbst zwischen denselben giebt es oft sehr breite Stellen, an welchen man Reben in die Höhe ziehen könnte, die dann mit ihren Ruthen und Trauben dem Bewohner durch die Fenster begrüßen, den Zimmern in heißen Sommertagen eine wohlthätige Kühlung gewähren, zur Zeit der Blüthe einen erquickenden Geruch verbreiten, und zur Zeit der Traubenreife bei geöffneten Fenstern freundlich zum Genusse einladen dürften. Einige, denen ich diesen Vorschlag einstens machte, äußerten zwar die Bedenklichkeit, es würde der Wein an diesen niedern Stellen wohl vor räuberischen Thieren, schwerlich aber vor diebischen Menschenhänden zu schützen seyn. Mit dieser Furcht suchte man mich freilich auch zu erfüllen, als ich meine, mitten in dem Dorfe stehende Schulwohnung mit Weinstöcken umpflanzte; aber ich muß es den Bewohnern meines Ortes öffentlich zum Ruhme nachsagen, sie haben mir nichts entwendet. In Städten aber, wo Fenster bei Fenster und Tag und Nacht weit mehr reges Leben auf den Gassen ist, als auf dem Lande, dürfte ja der Dieb wohl noch viel weniger Gelegenheit haben. Laßt uns nur Alle jeden schicklichen Ort mit Weinstöcken bepflanzen und jede müßige Stunde dazu benutzen, so wird Niemand mehr nöthig haben, zu stehlen; denn Jeder hat dann selbst genug für sich und -- den Dürftigen, die keine Gelegenheit zur Anpflanzung haben, wird man gern eine Traube mittheilen. Es ist in der That Unrecht, daß man die schönen hohen Wohnungen, Scheunen und Stallgebäude in den Städten und auf dem Lande nicht überall, wo es irgend geht, mit diesem herrlichen Grün bekleidet. Freilich macht der Anfang eine kleine Mühe und in der Folge alle Jahr ein wenig Arbeit; allein, wer diese scheuet, den möchte man wohl an das allbekannte Sprüchlein erinnern: Wer nicht will arbeiten, (am Weinstocke), der soll auch nicht essen (von den Trauben).

22.

Vom Untersetzen der Weinstöcke.

Hierbei kommt es darauf an, wie hoch man wegen der Höhe des Spaliers die Stöcke ziehen kann und will. Hat der zuerst emporkommende Stock die Höhe des Spaliers erreicht, so daß man im nächsten Jahre dessen über das Spalier hinausgehende Reben nicht mehr anheften könnte, so muß er nun untersetzt oder abgeschnitten werden. Abschneiden kann man ihn gleich unten, etwa eine Viertel-Elle über der Erde. Auch dieses alte Holz ohne Augen schlägt wieder aus. Man nennt diese Ruthen, sowie überhaupt alle Ruthen, die aus dem alten Holze kommen, Wasserruthen. Ich thue das aber beim Untersetzen gewöhnlich nicht, sondern gehe an jedem Zweige oder Aste des Stockes von der Erde an in die Höhe, bis dahin, wo ein jeder Zweig oder Ast junges Holz, d. h. eine Ruthe, hat. Gerade über dieser Ruthe schneide ich weg und die Ruthe selbst schneide ich zum Zapfen. So behält der untersetzte Stock mehrere Zweige oder Aeste von verschiedener Länge; diese treiben im nächsten Sommer schöne, starke Ruthen, haben aber selten Trauben, weil der Stock in diesem Jahre zu sehr mit neuem Wuchse beschäftigt ist. Im folgenden Jahre bringen sie jedoch der Trauben viele. Ein so untersetzter Stock dient nun wieder zur untern oder mittlern Bekleidung des Spaliers, je nachdem er länger oder kürzer gemacht worden ist. Ist an einer Stelle zur niedrigsten Bekleidung keiner mehr vorhanden, so muß man in dieser Gegend Einen auf vorhin beschriebene Art eine Viertel-Elle über der Erde wegschneiden. Während dessen kommt wieder ein anderer in die Höhe, bei dem dann wieder in einem andern Jahre das Untersetzen nöthig ist. Und so habe ich fast jedes Jahr Stöcke zu untersetzen. Auf diese Weise fehlt es nun meinem Spaliere an keinem Orte, und in keinem Jahre weder an Reben, noch Trauben. Auch glaube ich, es nun so deutlich dargelegt zu haben, daß mich ein Jeder wird verstehen können. Da man beim Beschneiden, wenn es ordentlich werden soll, viel gegen den Daumen schneiden muß, so ist es nöthig, denselben durch einen Ueberzug von starkem, festen Leder zu schützen. Auch ist ein spitziges Messer beim Beschneiden das beste, weil man damit bequem in alle Winkel kann.

23.

Vom Verjüngen der Weinstöcke.

Man kann die alten Stöcke auch noch auf eine andere Weise verkürzen, nämlich durch das Verjüngen oder Jungmachen. Dazu gehört aber, wie sich gleich zeigen wird, mehr Raum und Mühe. Man nimmt nämlich das alte, lange Holz vom Spaliere herunter, legt es von demselben ab- oder seitwärts in einen oder einige dazu gemachte, eine halbe Elle tiefe und breite Graben, beugt es in einiger Entfernung wieder um, nach dem Spaliere zu, so daß das ganze alte Holz in die Erde kommt, und nur die äußersten Enden, mit dem zu einem Zapfen geschnittenen jungen Holze am Spaliere wieder aus derselben hervorragen. Auf diese Weise werden aber oft aus einem Stocke sehr viele; so viel er nämlich Zweige oder Aeste hat. Man müßte denn einige, für die kein Raum vorhanden wäre, abschneiden. Bei weniger Raum ist natürlich das Untersetzen besser, als das Verjüngen. Ich habe dasselbe bei einigen meiner Bekannten, die mich baten, ihre in Unordnung gerathenen Weinstöcke in Augenschein zu nehmen, an einem ganzen am Giebel eines Hauses angebrachten Spaliere anwenden müssen. Zum Verjüngen war hier nicht der geringste Raum. Die Stöcke selbst aber hatten eine solche Menge altes, langes Holz mit schwachen Ruthen, daß dieselben von der Erde an bis in die äußerste Spitze des Hauses einer durch und durch verwachsenen dicken Dornenhecke glichen, an welchem von unten an bis an den Bodenraum gar kein junger Wuchs mehr zu finden war. Ich legte Hand an das Werk, und als ich fertig war, reichten sämmtliche Stöcke kaum bis an das Fenster, was höchstens eine Elle hoch war. Und im nächsten Sommer trieben diese alten kraftvollen Stöcke so viel schöne starke Wasserruthen, sogar mit Trauben, (was in diesem Jahre eigentlich noch nicht zu erwarten war, aber durch die starke Kraft der Stöcke bewirkt wurde,) daß mehrere verbrochen werden mußten, weil sie nicht alle Raum hatten. Im nächsten Herbste wurde wieder gehörig beschnitten, nämlich Zapfen, Schenkel und Reben nicht länger gelassen, als ich es schon angegeben habe. Im darauf folgenden Jahre ging die Zahl der Trauben weit in die Hunderte, und nach Verlauf von 4 Jahren, in die Tausende.