Part 1
Anmerkungen zur Transkription
=Text= entspricht Fettdruck, ~Text~ gesperrter Text, _Text_ antiqua Text.
Einige klare Fehler in Rechtschreibung, Interpunktion usw. sind stillschweigend korrigiert worden.
Anweisung zum Weinbau
an
Gebäuden, Mauern, Lauben und Bäumen.
Von J. G. Bornemann.
Leipzig, 1841, Carl Heinrich Reclam.
Anweisung zum Weinbau
an
Gebäuden, Mauern, Lauben und Bäumen,
als eine sehr leichte, angenehme und nützliche Beschäftigung für Erwachsene sowohl, als auch für Kinder.
Herausgegeben zur Ermunterung der Kinder zu edler Thätigkeit von
Johann Gottfried Bornemann, Schullehrer in Döbern bei Bitterfeld.
Zweite verbesserte und vermehrte Auflage.
Leipzig, 1841, bei Carl Heinrich Reclam.
Kommt, ihr Kinder, lernet nun, Was recht Nützliches zu thun! Statt unnützer Tändeleien, Laßt den Weinbau euch erfreuen! Das ist ein Geschäft für euch. Drum ergreift die Reben gleich! Legt sie schicklich in die Erde, Damit es ein Stöckchen werde. Werdet ihr’s zwei Jahre pflegen, Bringt’s im dritten euch schon Segen. Das wird eine Freude seyn, Wenn ihr sagen könnt: „der Wein, Der dort an dem Hause pranget, Hat durch mich die Höh’ erlanget.” Seht, wie kahl stehn die Gebäude! Macht euch doch die edle Freude, Sie mit diesem schönen Grün Hurtig ringsum zu umzieh’n! Und wie werden süße Beeren Euch wohlschmecken, kräftig nähren! Eh’ ihr werdet Junggesellen, Müssen alle leere Stellen, Wo ja sonst nichts kann gedeih’n, Von euch grün bepflanzet seyn. Und ihr Mädchen merkt es euch! Eh’ ihr seyd dem Weinstock gleich, Müssen eure zarten Händchen Viele, viele tausend Bändchen An den Wein gebunden haben, Wenn euch sollen Trauben laben. Jeder der nur pflanzen kann, Fange gleich den Weinbau an.
Vorwort.
Wir leben jetzt in einer Zeit, wo alles, was die Landwirthschaft betrifft, beachtet und verbessert wird. Ich glaube aber, mit Recht behaupten zu können, daß man besonders in unserer Gegend Eins bei weitem noch nicht so beachtet hat, als es geschehen könnte und sollte. Dieß Eine ist der Weinbau. Man scheint, ihn für ein Geschäft zu halten, das bloß in wärmeren Gegenden mit großen Nutzen betrieben werden kann und betrachtet dieses herrliche Product bloß als ein entbehrliches Naschwerk, ohne zu bedenken, das es ein vortreffliches Sättigungs- und Stärkungs-Mittel ist, und bei reichlicherer Anpflanzung auch wohl ein nicht ganz unbedeutendes Erwerbsmittel werden könnte. Obschon hin und wieder an passenden Orten Weinstöcke sich befinden, so giebt es doch noch viele tausend leere und zu sonst weiter nichts brauchbare Stellen, wo die herrlichsten Weinstöcke gedeihen würden. Und selbst unter denen, die wir haben, giebt es viele, die man aus Unkunde vernachlässigt, so daß sie bei weitem den Nutzen nicht bringen, den sie bringen würden, wenn man sie richtig behandelte; welche Behandlung man sich gewöhnlich weit mühsamer, schwieriger und kostspieliger vorstellt, als sie wirklich ist. Ich selbst bin früher einer von denen gewesen, der seine zwei Weinstöcke aus Unkunde vierzehn Jahre lang vernachlässigte. Nachdem ich aber vor nunmehro 8 bis 9 Jahren die herrlichen Eigenschaften dieses vortrefflichen Gewächses kennen gelernt, und diese zwei Stöcke in kurzer Zeit bis auf viele Hunderte vermehrt habe, gehöre ich unter diejenigen, die sich der Früchte ihres Fleißes erfreuen können. Denn die Zahl meiner Weintrauben geht nun schon seit einigen Jahren alle Jahre weit in die Tausende, und meine Kinder, die jetzt diese herrlichen Früchte genießen können, so viel sie nur wollen, belachen es immer noch, daß sie sich früher mit großer Freude in die einzelnen Beeren der vernachlässigten Stöcke getheilt haben. Deshalb muß ich auch frei gestehen, daß mich nun jeder Ort, wo Wein stehen könnte, und jeder aus Unkunde vernachlässigte Stock, der oft bloß durch die Hand eines Kindes angepflanzt und richtig behandelt werden könnte, von Herzen dauert, zumal wenn ich noch in Erwägung bringe, welch’ ein herrliches Schutzmittel gegen Regen und Sonnenhitze dieses vortreffliche Gewächs den Gebäuden ist. Denn die Wände meines Schulhauses, die sonst bei Regenwetter von Nässe trieften, berührt jetzt kein Tropfen mehr, und die Stuben, in welchen man es früher im Sommer vor Hitze kaum aushalten konnte, sind jetzt kühlen Lauben ähnlich geworden, durch deren Fenster sich überall die Weintrauben hereindrängen. Mehrere in und außer meinem Wohnorte haben mich nun gebeten, ihnen auch Weinstöcke anpflanzen und nach meiner Art in Stand bringen zu helfen. Weil ich aber diese Bitte wegen Mangel an Zeit nur sehr wenigen erfüllen kann, und deshalb schon oft ein Undienstfertiger genannt worden bin: so habe ich mich entschlossen, meine aufgeschriebenen, durch Erfahrung und aus Büchern erlangten Kenntnisse in dieser Sache, durch den Druck bekannt zu machen, um dadurch Jeden in Stand zu setzen, nach meiner Art zu verfahren. Es sind zwar schon mehrere, diesen Gegenstand betreffende, aber nur zu große und deßhalb theure Anweisungen vorhanden. Ich habe in meiner gegenwärtigen Anweisung auf Kürze und Billigkeit Rücksicht genommen, und hege die frohe Hoffnung, vielleicht dem Einen und dem Andern, der diese theuren Anweisungen nicht kaufen kann, und auch dem, der sie kaufen kann oder vielleicht schon hat, aber gern auch noch die Meinung Anderer zur Vermehrung seiner Kenntnisse hört, durch diese kleine Schrift einen Dienst zu erweisen. Möge der Herr der Natur, von dem ja aller Segen kommt, auch dieses geringe Unternehmen für recht viele segensreich machen, und es zu einem Mittel gebrauchen, durch welches der Gewerbfleiß auch in unserer Gegend in dieser Hinsicht erhöht, und so manche leere Stelle zum Wohle des Landes angebaut wird; dann fühlt sich hinlänglich belohnt
Geschrieben im Sommer des Jahres 1835.
der Verfasser.
Vorrede zur zweiten Auflage.
Obgleich mein Büchlein bei einigen Wenigen Widerspruch fand, so war doch die Zahl derer, die mir ihren gütigen Beifall schenkten, weit größer, und daher kommt es denn nun, daß mir die Freude zu Theil geworden ist, die erste Auflage binnen vier Jahren vergriffen und eine zweite in’s Leben treten zu sehen. Wenn man es nun Herrn ~Kecht~ in Berlin nicht verargt, oder für Stolz auslegt, daß er in der Vorrede zur fünften Auflage seines Buches über den Weinbau, mehrere Empfehlungen seines Werkes hat abdrucken lassen, so wird man es ja auch mir nicht verargen, oder für Stolz auslegen, wenn ich mich gedrungen fühle, in gegenwärtiger Vorrede zur zweiten Auflage meines Büchleins, allen denen meinen schuldigen Dank öffentlich abzustatten, die mein geringes Bemühen gnädig und gütig anerkannt, und durch öffentliche Empfehlungen die Verbreitung desselben befördert haben. Demüthigen Dank also erstens Dem, der mir und meiner geringen Arbeit den Weg bahnte, und sie mit seinem göttlichen Segen krönte. -- Für’s zweite spreche ich hier meinen unterthänigsten Dank ~Einer Hochlöblichen Königl. Preuß. Regierung zu Merseburg~ aus, die im 63sten Stücke des öffentlichen Anzeigers, vom Jahre 1836, unter Nr. 850, durch eine allergnädigste Empfehlung den Absatz meines Büchleins ungemein beförderte. Jene Empfehlung lautet wörtlich also:
„Der Schullehrer in Döbern, Ephorie Delitzsch, ~Johann Gottfried Bornemann~, hat eine Schrift herausgegeben: Anweisung zum Weinbau, an Gebäuden, Mauern, Lauben und Bäumen u. s. w. 62 Seiten in Octav, welche bei ~L. Meyner~ in Delitzsch gedruckt, und dort sowohl als bei dem Verfasser für fünf Silbergroschen zu haben ist. Nach dem Urtheile Sachverständiger, ist diese Schrift sehr wohlgelungen und verdient empfohlen zu werden.”
~Merseburg~, den 9. August 1836.
In der deshalb an Sr. Hochehrwürden, den sel. verstorbenen Herrn Superintendent _Dr._ ~Rudel~ in Delitzsch ergangenen schriftlichen Erklärung heißt es:
„Die von Ew. Hochehrwürden unterm 2ten vorigen Monats eingereichte Schrift des Schullehrers ~Bornemann~ in Döbern: Anweisung zum Weinbau, haben wir von einem Sachverständigen prüfen lassen, und dieser hat sie dem Inhalte nach, richtig und zweckmäßig abgefaßt befunden, und kann eine Anzeige derselben in den öffentlichen Anzeiger aufgenommen werden.”
~Merseburg~, den 9. August 1836.
Königl. Regierung, Abtheilung für das Kirchen- und Schulwesen.
Unterthänigsten Dank daher meinen Hohen Vorgesetzten, die mein geringes Bemühen so gnädig anerkannten. -- Dank allen den Edlen und Guten in der Nähe und Ferne, die mich und mein Büchlein so liebevoll aufnahmen, und sich die Verbreitung desselben angelegen seyn ließen. -- Dank den Thätigen, die meinen Winken und Vorschlägen treulich folgten, und unaufgefordert erklärten, das was sie nach Anleitung meines Büchleins versuchten, auch in der That bewährt und richtig befunden zu haben. Dank besonders noch den aufrichtigen Freunden, die mich auf das noch Fehlende aufmerksam machten, und mich dadurch in den Stand setzten, es in dieser zweiten Auflage nachfolgen zu lassen. Einiges werde ich im Eingange erwähnen, und das Uebrige dem Büchlein selbst, da, wo es hingehört, einverleiben.
Zum Schlusse dieser Vorrede bitte ich die Freunde der Wahrheit und Aufrichtigkeit herzlich, mir jeden vielleicht auch in dieser zweiten Auflage vorkommenden Irrthum bestens anzuzeigen. Ich werde diese mir dadurch erzeigte Gefälligkeit mit dem größten Danke erkennen.
Möchte doch der Wunsch des Verfassers, durch diese kleine Schrift den Trieb zum Weinbaue in allen, ja auch schon in den Kindern zu wecken und zu stärken, im reichen Maaße erfüllt, und jede bis jetzt noch leere und doch für den Weinbau nutzbare Stelle zum Wohle der Menschheit und zur Verschönerung des Landes angebaut werden.
Möge der Geber alles Guten auch dieser zweiten Auflage seinen Segen zu Theil werden lassen, damit sie recht Vielen noch faßlicher und nützlicher werde, als die erste es war. Und wenn dann erfüllt ist, was im vorstehenden Gedichte steht:
„Es müssen alle leere Stellen „Wo ja sonst nichts kann gedeih’n „Von Euch grün bepflanzet seyn,
dann wird sich für seine darauf gewendete Mühe hinlänglich belohnt fühlen
Geschrieben im Sommer des Jahres 1840.
der Verfasser.
Inhalt:
Seite 1. Zum Weinbau schickliche Oerter 1 2. Anpflanzung der Schnittlinge 2 3. Zeit der Anpflanzung von Schnittlingen 3 4. Art des Legens der Schnittlinge 3 5. Raum der Schnittlinge 5 6. Vom Begießen und Düngen des Weinstockes 6 7. Das Setzen der Schnittlinge mit dem Pfahl-Eisen 10 8. Vom Begießen und erstem Beschneiden der Schnittlinge 11 9. Vom Anpflanzen der Wurzlinge 12 10. Vom ersten Beschneiden der Wurzlinge 15 11. Vom Zudecken der Schnittlinge, Wurzlinge und aller anderer Weinstöcke überhaupt 16 12. Vom Aufdecken der Weinstöcke im Frühjahre 18 13. Behandlung der Schnitt- und Wurzlinge im zweiten Sommer 19 14. Vom Beschneiden der Schnitt- und Wurzlinge im zweiten Herbste 21 15. Behandlung der Schnitt- und Wurzlinge im dritten Sommer 23 16. Vom Beschneiden der Schnitt- und Wurzlinge im dritten Herbste 25 17. Vom Verbrechen oder Kappen 26 18. Natürliche Ursachen des Nachtheils vom allzufrühen Verbrechen 28 19. Nutzen des Nichtverbrechens oder Kappens 31 20. Regelmäßiges Verlängern der Weinstöcke 33 21. Umzäunung der Weinstöcke 34 22. Vom Untersetzen der Weinstöcke 36 23. Vom Verjüngen der alten Weinstöcke 37 24. Vom ersten Anbinden oder Heften im Frühjahre 41 25. Von den Reserve-Augen und ihren Ruthen 43 26. Vom zweiten, dritten und vierten Anbinden oder Heften 43 27. Das natürliche Anheften vermittelst der Gabeln 46 28. Von der richtigen Lage der Ruthen 47 29. Von der richtigen Lage der Trauben 48 30. Vom Abbrechen der Blätter zum Gebrauche 50 31. Einrichtungen zur Erleichterung des mühsam scheinenden Begießens 52 32. Reinigung des Weingartens 54 33. Das Erretten einiger Ruthen und Trauben vom Verderben im Frühjahre 56 34. Vom Anpflanzen der Weinstöcke im Freien oder an Bäumen 57 35. Schutzmittel gegen die späten Fröste im Mai und Juni 58 36. Behandlung der im Winter erfrornen Stöcke 60 37. Vom Senken oder Vermehren der Stocke 62 38. Vom Verpflanzen der Senker 65
Eingang.
Der ersten Auflage meines Büchleins fehlte es vorzüglich an einer vorausgehenden kurzen Uebersicht und Benennung der einzelnen Theile des Weinstocks. Sie folgen also hiermit:
Für das zunächst vom Stamme des Weinstocks ausgehende alte Holz, was man beim Baume Zacken oder Ast nennt, habe ich in keinem Buche eine fest angenommene richtige Benennung gefunden. In gegenwärtiger Anweisung ist es mit dem Namen: „Zweig von altem Holze” oder „Ast” bezeichnet. (=§. 9= und =23=.) Mir scheint es aber jetzt, als ob man diese Theile des Stockes mit Recht „Arme” oder auch „Kanal, Saftkanal” nennen könnte. Ich übergebe diese Benennung den geneigten Lesern zur Prüfung. Denn, wenn man den an diesen Aesten stehenden Theilen die Namen „Zapfen und Schenkel” gab, weil sie mit denselben einige Aehnlichkeit haben, so kann man ja eben so gut auch diese Aeste, die durchaus nicht mit den Reben verwechselt werden dürfen, „Arme” nennen, denn sie sind ja ebenfalls denselben ähnlich. Auf diese Weise wären demnach die Haupt- und Neben-Theile eines Weinstockes in der gehörigen Ordnung folgende:
1) Die Wurzeln, =§. 9=. An diesen befindet sich
2) Der Stamm oder Stock, =§. 37=. An demselben sind
3) Die Aeste, oder richtiger gesagt, die Arme, =§. 23=. Daran stehen
4) _a._, die Zapfen, _b._, die Schenkel, _c._, die Reben, =§. 14=. An diesen dreien sind
5) _a._, die Augen, _b._, die im Frühjahre aus denselben kommenden Fruchtruthen und _c._, die Zugruthen, =§. 28=. An den Frucht- und Zugruthen befinden sich
6) _a._, die Blätter, =§. 30=. _b._, die Trauben, =§. 33=. _c._, die Gabeln, =§. 27=, und _d._, die Seitenruthen oder der Geitz, =§. 13=. Die aus dem alten Holze des Stockes und aus seinen Armen kommenden Ruthen nennt man
7) Wasserruthen, =§. 30=. Und die dicht neben manchen Augen noch stehenden Augen, heißen:
8) Reserve-Augen, =§. 25=.
1.
Zum Weinbau schickliche Oerter.
Wenn man Weinstöcke an einem Gebäude oder an einer Wand anpflanzen will, so muß man die Morgen- oder Mittags-Seite dazu wählen. In warmen Sommern und Herbsten gedeihen sie auch auf der Abend-Seite; bei sehr günstiger Witterung sogar auch auf der Nacht-Seite, zumal wenn man den Stock mit seinen Wurzeln auf die Morgen-Seite setzt, und die Reben nachher um die Ecken des Gebäudes herum auf die Nacht-Seite zieht. Bringt man aber die Wurzeln auf die Nacht-Seite, so ist’s gut, wenn man den Erdboden, wo die Wurzeln liegen, oben 2 Finger breit mit Pferdemist oder Sand bedeckt; beides hält die Kälte ab und vermehrt die Wärme des Bodens; und darauf kommt es beim Weine vorzüglich an, daß der Boden, wo die Wurzeln liegen, recht erwärmt wird; es fördert sein Wachsthum und bringt ihn zeitig zur Reife, obschon der obere Theil des Stockes nicht so viel Sonne hat. Auch muß man beim Setzen der Stöcke auf der Nacht-Seite die Erde, womit die Wurzeln bedeckt werden, reichlich mit Sand vermischen, und den obern Theil des Bodens so einrichten, daß nicht zu viel Wasser darauf stehen bleibt. Es läßt sich aber leicht denken, daß die Nacht-Seite eines solchen Gebäudes auch ganz frei seyn muß, und daß sowohl in der Nähe als auch selbst in weiterer Entfernung kein Baum oder sonst ein anderer Gegenstand stehen darf, welche den früh und Abends dahin fallenden Sonnenstrahlen den Zugang verhindern, und den Weinstöcken Licht und Wärme entziehen würden, die dieselben hier noch weniger als auf der Morgen-, Mittags- und Abend-Seite entbehren können. Jedoch muß man von den, auf der Nacht-Seite stehenden Stöcken nie den großen Nutzen erwarten, welchen man sich von den auf den andern Seiten stehenden Stöcken versprechen kann.
2.
Anpflanzung der Schnittlinge.
Kann man keine Wurzlinge, d. h. Stöcke mit Wurzeln, bekommen, so nimmt man Schnittlinge, d. h. die im Herbste beim Beschneiden vom Stocke abgeschnittenen überflüssigen Ruthen, schneidet davon die schwachen Spitzen oben ab, so daß der Schnittling ohngefähr eine Elle lang bleibt. Sollte die Ruthe mehr, als eine Elle gutes starkes Holz haben, so kann man aus derselben zwei und mehr Schnittlinge machen. Es können diese Schnittlinge auch 5 bis 6 Viertel Elle lang seyn; länger aber nicht, weil sonst das Einlegen in die Erde unbequem ist, und viel Raum erfordert. Auch können sie kürzer seyn, als eine Elle. Ich habe welche gelegt, die nur zwei Augen hatten, wovon das eine in die Erde kam und die Wurzeln trieb, das andere über der Erde stand, aus welchem die Ruthe emporschoß. Je kürzer sie aber sind, desto sparsamer wachsen sie.
3.
Zeit der Anpflanzung von Schnittlingen.
Diese Schnittlinge kann man nun gleich im Herbste, sobald sie vom Stocke abgeschnitten sind, in die Erde bringen, dahin, wo der aus denselben entstehende Stock künftig seinen Platz haben soll. Sie können aber auch an einem kühlen, feuchten Orte, z. B. im Grase, mit etwas Gras, Heu oder Stroh bedeckt, mehrere Wochen lang aufbewahrt, und dann von Zeit zu Zeit gesteckt werden. Man kann sie auch bis zum Frühjahre aufbewahren, und dann an Ort und Stelle legen. Dann müssen sie aber in ein Bund zusammen gebunden, eine halbe Elle tief in die Erde gelegt und ganz mit Erde bedeckt werden. Im Frühjahre muß man sie aber zeitig heraus nehmen und verpflanzen, ehe die Augen anfangen zu treiben, sonst kann man dieselben leicht verletzen, und sie erleiden auch durch das Herausnehmen und Weiterpflanzen eine nachtheilige Störung im Wachsthume. Deßhalb ist es am Besten, sie gleich im Herbste einzeln an Ort und Stelle zu bringen. Manche rathen an, diese Schnittlinge erst 8 bis 14 Tage in laues Wasser zu werfen, ehe man sie pflanzt. Ich habe das mit einigen gethan, mit andern nicht, und es wuchs die eine Art so gut, wie die andere.
4.
Art des Legens der Schnittlinge.
Zum Legen der Schnittlinge mache man eine Grube oder einen Graben längs des Gebäudes, eine halbe Elle breit und eben so tief, in der Richtung, daß nachher das vom Dache herabfließende Regen-Wasser gerade auf die Grube fällt. In diese Grube lege man nun die Schnittlinge, und beuge das obere Ende aufwärts, daß es mit einem Auge aus der Erde hervorragt, wenn die Grube zugeschüttet ist, und die obere Spitze des Schnittlings nach dem Gebäude schräg hin zeigt. Man muß die empor gebogene Spitze mit einem in die Erde gesteckten Häkchen oder einer Gabel befestigen, damit sie ihre Richtung behält. Das zweite Auge muß so zu stehen kommen, daß beim Zuschütten der Grube einen bis zwei Finger breit Erde darauf zu liegen kommt. Sollte das obere Auge zu Schaden kommen, so schafft man die wenige Erde vom zweiten hinweg, daß dieses die Ruthe treiben kann. Bleibt aber das obere Auge unverletzt, so läßt man das zweite in der Erde, damit es die Wurzel vermehren hilft; denn alle in der Erde liegende Augen treiben Wurzeln. Sollte das zweite Auge aus der Erde emportreiben, so kann man es wachsen lassen; man bekommt alsdann zwei Ruthen an diesem Stocke. Ich lasse es aber gewöhnlich nicht zu, sondern beuge es sanft um und bedecke es mit Erde, daß es unter- oder seit-wärts gehen und Wurzeln treiben muß; die eine Ruthe wird alsdann kräftiger. Nur muß man sie wohl in Acht nehmen; denn wird sie abgebrochen, so ist leicht der Stock verloren, da sie nur selten noch einmal und nie so stark wieder treibt. In dieser Hinsicht wäre es freilich besser, zwei Ruthen zu lassen. Wenn dann die eine verloren ginge, so bliebe doch noch die andere. Man thut dieß aber bei Schnittlingen nicht gern, weil sie noch zu wenig Kraft zur Ernährung zweier Ruthen haben. Man verwahrt lieber die eine Ruthe so, daß sie nicht beschädigt werden kann.
5.
Raum der Schnittlinge.
Eine Spanne weit von der empor gebogenen Spitze des ersten Schnittlings kann nun schon wieder der zweite eingelegt werden, dessen oberes Ende man wieder eben so umbeugt, und mit einem Haken befestigt, und eine Spanne von diesem der dritte, und so fort der vierte, fünfte u. s. w., bis der ganze Graben der Länge nach voll ist. Auf diese Weise kommen die Stöcke eine bis zwei Ellen weit zu stehen. -- Ich weiß wohl, daß Manche sagen, dieß sey zu enge, ein Weinstock brauche einen Raum von 8 Ellen. Allein es können 10 Jahre vergehen, ehe er diesen Raum gebraucht, und während dieser Zeit wird dann ein großer Theil des Spaliers kahl; da hingegen nach meiner Art zu pflanzen gleich in den ersten zwei Jahren das ganze Spalier grün wird, und im dritten und in den folgenden Jahren überall Trauben hat. Auch lassen sich die dicht stehenden Stöcke, wenn sie größer werden, so behandeln, daß sie alle am Spaliere Raum haben.
Ich lasse nämlich von den vielen Stöcken gleich vom Anfange an den einen höher gehen, als den andern. Auf welche Art ich dieß bewirke, werde ich in der Folge zeigen. Freilich dürfte diese Behandlungsweise nur an hohen Spalieren, bei übersetzten Gebäuden anwendbar seyn; an niederen nicht so gut; an solchen müßte man sie allerdings etwas weiter auseinander pflanzen. Da nun die Weinstöcke, gleich allen anderen Bäumen, von Jahr zu Jahr höher gehen, so daß das alte kahle Holz unten immer länger wird und die Ruthen immer weiter hinauf kommen, so geschieht es, daß bei Stöcken, welche zu weit auseinander stehen, unten am Spaliere bloß kahles, blätterloses Holz zu sehen ist. Ich bedecke dieses jedesmal mit den niedrig stehenden Ruthen der kurz gehaltenen Stöcke, von denen der eine länger ist, als der andere, und so geschieht es, daß mein Spalier von unten bis oben grün aussieht und Trauben trägt, wodurch natürlich die Anzahl derselben bedeutend vermehrt wird. -- Man macht zwar auch den Einwurf, es hätten diese dichtstehenden Stöcke mit ihren Wurzeln in der Erde nicht Raum und Frucht genug. Allein meine dichtstehenden Stöcke tragen eine Menge Trauben, wie man sie selten an einem Stocke findet, und müssen daher Raum und Frucht genug haben. Sollten sie ja nach Verlauf mehrerer Jahre wegen ihrer Größe nicht mehr Raum genug haben, so ist’s ja auch noch Zeit, einige wieder heraus zu nehmen und weiter zu verpflanzen.
6.
Vom Begießen und Düngen des Weinstockes.