Part 4
»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb du dich auf einmal so matronenhaft zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, welchen Zweck soll also der dunkle Kopfputz haben, der dir mindestens zehn Lebensjahre zulegt?«
Die ehrwürdige Mama wurde roth wie ein Schulmädchen, das sich beim Kirschenstehlen ertappen liess.
»Das ist _mein_ Geheimniss,« sagte sie endlich mit einem kläglichen Versuch, ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten.
»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, wie du dir einbildest.«
»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. Ich habe es satt, beständig Anspielungen über die Jugendlichheit meines Anzugs zu hören, während du herumgehst, als hättest du zwanzig Jahre im Kleiderschrank gehangen. Die Leute sprechen darüber mit gewohnter Nachsicht und Menschenliebe. Gestern liess mich erst die Tante des Runkelrübenbarons fast ohne jede Verbindung die zwei Bemerkungen hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft Fräulein Sophie immer erscheint!‹ und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit den Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich will keine Stiefmutter aus dem Volksmärchen vorstellen!« Dabei setzte sie ihr niedliches Füsschen mit grosser Entschiedenheit auf den parquettirten Boden. »Wenn du nicht heute im hellen Kleid mit mindestens einem Dutzend himmelblauer oder rosenrother Schleifen bei Tische erscheinst, dann setze ich nicht nur den Greuel aus der Schachtel auf, ich hülle mich auch noch in irgend eine ganz unmögliche härene oder sackleinene Kutte.«
»Das wäre unverantwortlich gegen unseren Gast. Es würde ihn an die Antwerpener Kathedrale erinnern, die den Andächtigen gratis offen steht, nur bleibt das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, hinter grünen Vorhängen versteckt.« Dabei strich Sophie patronisirend über den lockigen Scheitel.
Mama verlor beinahe die Geduld, obschon sie Sophiens unkindliches Benehmen gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie von dem sehr energischen Fräulein wie ein unflügges Nestkücken behandelt. Das rührte davon her, dass Adele sich im Pensionat unter die wissenschaftlichen Fittiche ihrer Busenfreundin zu flüchten pflegte, so oft ihr die höhere weibliche Bildung, Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, das Nibelungenlied Augenblicke des Strauchelns bereiteten.
Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn man im Stillen den Plan ausgeheckt hat, seine Tochter zu verheirathen, dann kann man unmöglich Geschmack daran finden, sich von ihr beschützen und bevormunden zu lassen. Schmollend stellte sich die junge Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete sie eine Weile mit dem Wohlgefallen eines Künstlers an seinem gelungenen Werk.
»Kleine Mama, ich glaube, dass du noch hübscher geworden bist, seit du mich hierher begleitet und mein alter grämlicher Herr Papa (mit dem ich mir das Zusammenleben als eine Art von Pönitenz für die lustige Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt war, sich auf den ersten Blick in dich zu verlieben.«
Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen Gemahl, der die blutarme Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn bewahrt, eine dankbare Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, auf den Tag, da die Posaune des jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten Ehepaare für ewige Zeiten zusammenfügen wird, freute sie sich nur mässig: Ein kleinlicherer Haustyrann als der verstorbene Commerzienrath hat wohl selten die Bühne des Lebens beschritten. So drückte sie denn bei dieser Mahnung an ihn das Taschentuch nicht gerührt an die Augen, sondern versetzte, vollständig mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt:
»Damals hast du ohne eine Spur von Selbstsucht Kranz und Schleier in meinen Haaren befestigt; es ist nichts als billig --«. Dabei brach sie ab, biss sich auf die Lippen und wandte ihr purpurrothes Gesicht wieder der kahlen Lindenallee zu, die von dem Schlösschen zum Bahnhof führte.
Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln.
»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, liebes Kind,« murmelte sie unhörbar.
Woher Frau Adele eigentlich den Muth nahm, dem Himmel in's Handwerk zu pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge Mann, dessen künftige Glückseligkeit sie zu begründen dachte, hätte vermuthlich einen weiten Bogen um das Schlösschen gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren Plänen gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, hatte Robert v. Eichberg bisher nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem Glück zur Schau getragen. Dem früheren flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen Gutsherrn auf Eichberg wären sonst ohne Zweifel die Thüren, an die er gepocht hätte, bereitwillig aufgemacht worden. Er war ein entfernter Vetter von Adele, doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. Damals ein tölpelhafter, derber Junge, der sich im Hause ihres Vaters auf den künftigen Feldmarschall vorbereitete, hatte er seine Mussestunden damit ausgefüllt, das kleine Mädchen zu hänseln und zu ärgern. Doch schien sie alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und ihren Kanarienvogel grossmüthig vergeben und vergessen zu haben. Wäre er eine Patentmedicin gegen alle erdenklichen Uebel und sie die Erfinderin derselben gewesen, sie hätte ihn nicht begeisterter loben können. Er besass so viel Herzensgüte! Gleich nachdem er die Verwaltung von Eichberg angetreten, hatte er aus seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut. Ihn zeichnete solch ein reger Familiensinn aus, was man auch schon daran zu erkennen vermochte, dass er, nachdem er sein Bäschen seit mehr als zwölf Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich seinen Besuch -- von einer landwirthschaftlichen Ausstellung auf weitem Umweg heimfahrend -- ankündigte; aber ausser diesem Beweis hatte er auch noch eine alte Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen lebte, sorgenfrei gestellt, die Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche bestritten; kurz, wenn man der eifrigen Sprecherin glauben wollte, dann wird das Jahrhundert zu Ende gehen, ohne einen zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen.
»Die von dir geschilderten Charakterzüge berechtigen allerdings zu den besten Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem Gesicht; nur um ihre Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama fiel ihr ohne jeden sichtbaren Anlass um den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung vermuthlich weniger stürmisch geäussert, wenn sie Sophiens Gedanken gelesen, denn diese sehr scharfblickende Dame hatte über den angekündigten Besuch ihre eigene, von der Mamas sehr abweichende Meinung.
»Papas Testament soll ihm nach dem vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit als Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie für sich, während ein nicht allzu freundschaftlicher Blick dem staubumwirbelten Wagen, der in diesem Moment die Lindenallee herauffuhr, entgegenflog.
Zweifle Einer an der Stimme des Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl ihre kleine zierliche Gestalt von der imposanten Stieftochter förmlich beschattet wurde, und drückte und schüttelte ihr die Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, dass selbst die eherne Sophie ein wenig zu schmelzen anfing. Herr Robert von Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten einen Eindruck, als eigne er sich eher für die Rolle eines Naturburschen, als für die eines glatten Hofmannes. Dass sich noch eine zweite Dame im Zimmer befand, schien ihn gar nicht zu kümmern. Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, hätte gewünscht, dass er vor der majestätischen Erscheinung Sophiens geblendet stehen und seine unbedeutende Cousine im vierten oder fünften Glied vollständig übersehen solle. Statt dessen blickte er sie, die ehrwürdige Matrone, mit einem naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner Junge den lichterbesteckten Christbaum. Aber sie wollte ihm die Augen öffnen!
»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, »dies ist meine Tochter Sophie.« Da aber verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. Er brach in ein schallendes Gelächter aus. Adele zog befremdet die Augenbrauen in die Höhe.
»Entschuldigen Sie meine unzeitige Heiterkeit,« sagte Robert und fing von Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche Beschützerton, Cousinechen, klingt in Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich wandte er sich an Sophie, »sie ist wohl sehr streng, die ehrwürdige Mama, und wenn Sie nicht auf den Wink gehorchen, setzt es Fasten und Hausarrest?«
Aber der freundschaftlichen Anrede antwortete kein Echo.
»Ich bin neugierig, wie oft du mich noch durch die Betonung deiner Autorität vor Fremden lächerlich machen wirst!« sagte das Fräulein in weinerlichem Ton zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter aus dem Märchen vorstellen!«
Mama war verblüfft. Herr Robert aber bildete sich in tiefer Menschenkenntniss ein unfehlbares Urtheil über die junge Dame.
»Das ist eine unangenehme Person,« dachte er.
Man setzte sich, Fräulein Sophie in gemessener Entfernung von den Anderen, als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber hätte sich schier ein erleichtertes Aufathmen der Brust des jungen Mannes entrungen. Doch war sie leider nicht so vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht von Zeit zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde Bemerkung in das Gespräch einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie es bei der Ausstellung zugegangen, klang es ätzend vom Fenster herüber:
»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest dir deine Frage füglich ersparen können. Ausstellungen sind nur dazu da, damit die Herren Landwirthe Madame Cliquot bereichern und den Klatsch der Gegend austauschen können.«
»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« sagte Rudolf für sich und warf einen scheuen Blick in den Erker hinüber, »das Dasein, das meine arme kleine Cousine in Gesellschaft ihrer Stieftochter führt, muss Alles eher, denn erquicklich sein.«
Frau Adele seufzte. Was für Sorgen bereiten Einem doch die Kinder, besonders wenn sie erwachsen sind! Von Rechtswegen hätte sie sich es verschwören sollen, je wieder Pläne zum Heil der Undankbaren zu schmieden, denn ohne ein Wort der Entschuldigung entwich sie plötzlich aus dem Zimmer, als sich der Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll, in Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau Mühlenbruch befand sich auf der Höhe ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von Uebung und Beruf wies sie dem Vetter alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, die Sophie bemalt, Kreidezeichnungen und Aquarellbilder, das Werk ihrer Künstlerhände, Makartbouquets, die nur sie so geschmackvoll zu ordnen verstand, Kissen, Decken und Stuhlbezüge, die sie gestickt.
»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das Leben verschönernden Talenten bewundernd auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene zu fordern. Aber Robert traf nicht einmal mit guten Vorsätzen Anstalten dazu. Ihm kam der Gedanke, um wie viel angenehmer die Wanderung durch Galerien und Raritätensammlungen wäre, wenn statt des näselnden Leiertons der Führer solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde Stimme bei den Erklärungen erschallte. Und als sie verstummte, bemerkte er wie erwachend:
»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit bieten, dass eine so viel ältere Freundin Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus ausschmückt.«
»Viel älter?« sie blickte ihn strafend an, »Sophie zählt kaum zwei Jahre mehr als ich.«
»O, ich behaupte nicht, dass sie alt aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind ganz unbegreiflich jung geblieben.«
Sie war böse auf sich, aber sie musste lächeln. Vetter Robert hatte so eine ungeschminkte ehrliche Art, seine Bewunderung auszudrücken. Wenn es ihr gelänge, dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, so könnte Sophie in allen Erdtheilen keinen liebenswürdigeren Gatten finden.
Getreu dem mütterlichen Gebot erschien Fräulein Mühlenbruch bei Tische wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend himmelblauer Schleifen geschmückt. Aber die heimtückische junge Dame hatte sie in äusserst merkwürdiger Weise vertheilt. An beiden Schultern standen zwei himmelblaue Henkel in die Höhe, das nicht eben üppige braune Haar wurde von einem Bandknoten zusammengehalten, dessen Enden bei jeder Bewegung um den Kopf flatterten (»wie bei einer überlebensgross gerathenen Confirmandin,« dachte Mama entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium darauf verwendet, eine Caricatur aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht besser gelingen können. Doch sollte die Arglistige nicht straflos ausgehen. Als der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie plötzlich einen Schreckensruf aus und verschwand, wie von Furien gejagt, aus dem Zimmer.
Adele blickte erstaunt auf. Durch die hohen Glasfenster sah sie eine lange, magere Gestalt auf das Schloss zuschreiten. Sollte diese Sophie in die Flucht getrieben haben? Sonst hielt sie mit musterhafter Geduld dem Manne, ihrem Gutsnachbar, stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, die Runkelrüben, kam; sie lauschte seinen Erklärungen über eine neue Dresch- oder Säemaschine mit der Miene einer begeisterten Adeptin, während Mama sich meist zurückzog, da sie in der Nähe des Barons Hellmer von Schlafsucht befallen wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare Mädchen heute bei seinem Erscheinen? Aber zu weiterem Nachdenken war keine Zeit; der neue Gast trat ein. Er nahm die angebotene Tasse Kaffee an und blickte suchend umher.
»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet sich wohl?«
Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. Glücklicher Weise trat das unbotmässige Töchterchen bald wieder ein, wie gewöhnlich einfach und dunkel gekleidet, das Haar in einen Knoten aufgesteckt, die Verkörperung ruhiger Vernunft und kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Runkelrübenbaron zuwendete, blieb der Mama nichts übrig, als sich Robert zu widmen. Vielleicht wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, dabei so leuchtende Augen und geröthete Wangen zu bekommen, doch entschädigte sie Sophie gewissenhaft. Als diese mit Baron Hellmer durch den Park und über die nun kahlen Felder schritt, Verbesserungen in der Wirthschaft besprechend, folgte sie mit Eichberg und verbreitete sich wie vorhin über die künstlerischen, nun über die praktischen Vorzüge Sophiens. Um das lichte Bild im breitkrämpigen Hut und wasserdichten Stiefelchen mit seinem Hintergrund nahrhafter Thätigkeit besser hervortreten zu lassen, malte Adele sich selber mit Tusch. Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse in der Hand, verträume sie die Zeit, während Sophie in Regen und Sonnenbrand die Wirthschaft leite.
Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, sonst hätte sie sich vielleicht gesagt, dass Robert, wenn er auch ein wenig verbauert sein mochte, sich doch lieber von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als von schweren Wasserstiefeln regieren lassen wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass ihm dieser aus den Kleidern seiner schöneren Hälfte entgegenschlüge.
Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung eine Brücke zwischen Sophie und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete Neutralität wäre ohnehin nicht aufrecht zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich lange bitten zu lassen, seinen Besuch auf mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch liess sich herbei, mit ihrer gewohnten kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie anredete; sie mieden einander nicht mehr auffällig und pflogen zuweilen sogar längere Zwiegespräche. Frau Adele begann zu glauben, dass ihr geheimer Plan der Verwirklichung entgegenreife. Aber sie machte nun die Erfahrung, dass das erreichte Ziel bei Weitem nicht so verlockend ist, als man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen bekam in den letzten Tagen einen etwas erzwungenen Klang, ihre Augen einen Ausdruck der Ermüdung, fast, als hätte sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und während Sophie heiterer und lebhafter wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen verweilte, erschien die junge Frau stiller und gedrückter. Dennoch behielt sie vor den Zweien ziemlich tapfer die Maske der zufriedenen, in dem Glück der Kinder das ihre findenden Mama bei, aber als sie allein in ihrem Zimmer sass und den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch über die Kieswege des Parkes wandern sah, hielt sie die Verstellung für überflüssig und liess die Betrübniss, die sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem Gesicht spiegeln. Denn unten verhandelte man Wichtiges, Entscheidendes. Robert legte seine Hand mehr als einmal betheuernd auf die Brust, und Sophie antwortete mit ihrem freundlichsten Lächeln. Frau Adele denkt im Stillen, die Beiden werden eine Ehe führen, um welche sie alle Engel im Himmel beneiden können. Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie zu Vergleichen; aber das Zusammenleben mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch erscheint dabei nicht in seiner günstigsten Beleuchtung.
Das Pärlein unten trennt sich mit einem Händedruck, dessen Wärme sie durch alle Mauern zu verspüren glaubt, Robert schreitet dem Schlösschen zu, seine Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie weiss, weshalb er kommt. Ihre Finger greifen nach der Wittwenhaube, aber was soll ihr in diesem ernsten Augenblick der Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher Fassung ihren mütterlichen Segen zu der Verbindung aussprechen, die sie herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe ist, das soll kein Lebender erfahren. Wäre es nur vorüber, hätten die zwei Glücklichen ihrem einsamen Wittwensitz bereits den Rücken gewendet!
Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, die Sophiens Hände geschaffen, im Kreise um die junge Frau herum und nehmen Ständer und Tischchen mit. Als sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, befand sich Adele an Robert's Brust. Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen die Fahrt in das Schlösschen angetreten, ein gelieferter Mann, noch bevor er kam. Vor etlichen Wochen hat er auf dem Bahnhof in Hannover (wo Adele, wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin besucht) ein Billet für eine fremde, rathlos im Gedränge stehende Dame gelöst. Sie hatte den hülfreichen Mann schleunigst vergessen -- solche kleine Ritterdienste mochten ihr oft genug erwiesen worden sein. Ihm aber hatten es ihre übermüthigen braunen Augen angethan; er spürte ihr nach, erfuhr, dass es sein eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, und so hatte er sich aufgemacht, sein Glück zu suchen.
Adele befreite sich plötzlich aus seinen Armen.
»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,« sagte sie stockend und wurde feuerroth, »wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt das ganze Mühlenbruch'sche Vermögen an Sophie.«
Ein tiefer Athemzug hob seine breite ehrliche Brust.
»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte ihn erst vor einer Viertelstunde mit dem Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, eine kleine warme Kirchenmaus hat mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, als ein kalter klebriger Goldfisch.«
Sophie kam herein und wünschte mit freudigem Gesicht den Verlobten Glück.
»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend Adelen in's Ohr, »für einen ersten Versuch ist dir das Ehestiften nicht schlecht gelungen.«
Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte Miene. »Ich wollte meine mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« sprach sie leise, dem Weinen nahe.
»Das war vollständig überflüssig; ich bin schon seit drei Wochen mit Helmer verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich dich versorgt und aufgehoben weiss, denn dich, unmündiges Kind, allein auf Juliusruhe zurück zu lassen, erschien mir als Grausamkeit.«
IM HERBST.
Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben? Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit, die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten, ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft, eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon gelassen, was insofern nicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte. Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen, ohne praktischen Nutzen, da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle, frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den Klimperkasten fest.
Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom »Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt, solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht. Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen: »Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei »herausschaut«. Aber die Franzi kennt sie schon von klein auf, hat ihr manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich, womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will, der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die Siebenbrunnerwiese spazieren ging.
»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus.
»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«
Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einer mit tausend Spitzen und Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht.