Anspruchslose Geschichten

Part 2

Chapter 23,627 wordsPublic domain

Ich habe niemals besondere Lust gehabt, der Urkraft (von der Professor Henkel so dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass uns nach jedem Vortrag in der Naturkunde eine Hammerschmiede in den Köpfen arbeitete) in ihre Töpfe zu gucken, aber was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen Zweck sie verfolgt, als sie den erwähnten schwarzen Punkt in der obersten Klasse des Pensionats geschaffen, das möchte ich gar zu gern wissen. Sie muss keinen Zierrath beabsichtigt haben, sonst hätte sie mich mit irgend einer Eigenschaft ausgerüstet, die den Augen des Beschauers wohlgefällig erscheint, keine Säule an ihrem Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständiger Ueberflüssigkeit mit mir herumgetragen. Wenn ich heute die Augen schloss, dann wurde keine Wimper nass, keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand, nein, ich war zu keiner stützenden Säule bestimmt, denn ich war keinem Menschen auf Erden unentbehrlich. Halt, doch Einem! Und das bringt mich wieder in meine Klasse und in das Strafgericht zurück.

Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie die anderen Mädchen, oder wäre ich hübsch und liebenswürdig gewesen, dann hätte Fräulein Möller mir eine Privatvorlesung im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets gehalten, und die ganze Klasse hätte sich nicht an den Weisheitssprüchen erbauen dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner Tugend und Sittenstrenge berühmt, aber durch die Thürritzen hatte der Klatsch doch die Kunde von Lieutenantsbriefen und darauf folgenden Thränen und Sentenzen in Fräulein Möller's Privatgemach getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz und mir war ein kleiner Unterschied. Als sie in die Schule eintrat, bat man um Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen, während meine Mama nur von vulgären Neigungen sprach, die mir angeboren und streng im Zaum zu halten seien.

Meine Pflegeeltern haben viel für mich gethan, sie liessen mir eine Erziehung geben, als wäre ich wirklich eine der ihrigen und bestimmt, mit anmuthigem Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise zu schweben. Aber als ich in das berühmte Pensionat kam, hatte ich, damals noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung, ich werde aus dem Hause entfernt, damit Robert und Lili nicht von meinen vulgären Neigungen angesteckt würden. Da diese mir angeboren waren, liessen sie sich nicht ausrotten, trotz der heilsamen Strenge, die angewendet ward. Dafür waren aber auch der ehemalige Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer von Papa und Mama mein Vater und meine Mutter. Sie starben beide während einer Epidemie; ich kann mich ihrer kaum erinnern, denn ich zählte erst vier Jahre, als mich das unersetzliche Unglück traf. Unersetzlich -- wiewohl Papa und Mama, die in kinderloser Ehe lebten und längst daran gedacht hatten, eine Waise an Kindesstatt anzunehmen, mich in ihr leeres grosses Haus nahmen. Auch an ihr Herz? Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen an die ersten Jahre im Hause meiner Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als habe Mama mit ihren eigenen weissen, feinen Händen mich zuweilen in schöne gestickte Kleidchen gehüllt und sei am Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte, an mein Bett getreten, um mich ein kurzes Kindergebet zu lehren. Und Papa hob mich im Sommer, den wir stets auf seiner Besitzung an der Elbe verlebten, in die Zweige der Kirschbäume empor, damit ich mir mit meinen Kinderhänden -- sie waren leider immer von ansehnlicher Grösse -- die rothen Herzkirschen pflücke. Ich vermuthe, dass ich mich damals von anderen Kindern wenig unterschied. Vielleicht hatten die häufigen Lobsprüche, die ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum in mir grossgezogen. Mit ausgesprochenem Grauen betrachtete ich den schmutzigen wilden Burschen des Pächters. Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter als ich und kam täglich mit zerrissenen Kleidern und zerschlagenem Gesicht nach Hause, so dass seine Mutter kläglich prophezeite: »Wenn der Junge erwachsen ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.«

Meine angeborenen Neigungen schlummerten noch unentdeckt in meiner Brust. Sie haben sich erst später entwickelt. Und ich kann mit Bestimmtheit angeben, wenn das geschah.

Papa und Mama waren überselig. Der Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag schreiend in seiner Wiege. Das ganze Haus ging auf den Zehenspitzen. Die Dienstleute hatten anderes zu thun, als sich um mich zu kümmern, die sie wohl stets im Stillen als in die Gesindestube gehörig betrachtet hatten. Es war im Sommer. Hinter Papas Schlösschen zog sich der grosse Park, von einer alten Steinmauer umschlossen, hin. Daran stiess die Pächterwohnung mit den Wirthschaftsgebäuden. Im Park war es langweilig. Ich reckte mich auf den Zehen empor und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um auf Entdeckungen auszuziehen. Ich brauchte nicht in die Ferne zu schweifen, das Gute in Gestalt eines Ententümpels lag vor mir, und Balthasar (er heisst wirklich Balthasar, möglicherweise verschärft dies sein Vergehen in Fräulein Möllers Augen) warf Steine in das grünlich schmutzige Wasser. Vor einigen Wochen hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen zusammengenommen und wäre mit dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich nicht bin wie dieser,« aus der vulgären Welt, in der Hühner scharrten, Gänse gackerten und Enten auf schmutzigem Tümpel schwammen, in die vornehme Abgeschlossenheit des Parks zurückgewichen; aber man liess mich nun viel allein, und ich langweilte mich. Und so trat ich näher und sagte:

»Du, das kann ich auch.«

Der schmutzige Bursche starrte mich verdutzt an, aber ich imponirte ihm nicht lange, denn als ich den ersten Stein warf und er mit einem Plumps versank, ohne wie die Wurfgeschosse Balthasars über das Wasser Kreise ziehend, hinzutanzen, lachte er mich aus. Doch zeigte er mir gleich darauf die Handgriffe. Das Wasser spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und als mich nach geraumer Zeit der Gärtner entdeckte und das verirrte Schäflein heimgeleitete, triefte ich von Nässe. Die Folge davon war ein heftiger Schnupfen, der mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen, das ganze Gesicht, wie Papa (leise zu Mama aber von mir dennoch gehört) bemerkte, dem seines ehemaligen Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth in Todesangst, ich könnte meine Erkältung dem »Kinde« mittheilen und so blieb ich aus ihrer und Roberts Nähe wochenlang streng verbannt. Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, ich hätte meine Acht besonders schwer empfunden; denn in diese Zeit fielen meine Herumstreifereien mit meinem neuen Freunde, der mich zu Haselbüschen führte und mir zeigte, wie man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss. Seit damals war ich vulgär. Je grösser Robert wurde, desto schlimmer trat meine Erbsünde zu Tage. Ich steckte beständig mit Balthasar zusammen und wurde einmal im Kuhstall ertappt, das anderemal aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes herabgeholt. Balthasar war ein rührend treuer Kamerad. Das prächtige Obst, das er in Papas Garten gemaust, theilte er gewissenhaft mit mir, und (wer zweifelt noch, dass ich das vernichtende Urtheil meiner Pflegeeltern verdiente!) es schmeckte hundertmal besser in einem Winkel der Scheune, als von den Krystallschalen an der Tafel.

Mama und Papa, die meinen unpassenden Verkehr missbilligend bemerkten, hofften, der Winter werde ihm ein Ende bereiten. Unterbrochen wurde die Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte sie fester. Damals wusste ich mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mich zu Balthasar und seinen braven, tüchtigen Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar, dass es nicht bloss die ererbte Vorliebe für vulgäre Gesellschaft war, sondern die Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer etwas galt und gut gelitten war, während ich dieseits kalt übersehen oder getadelt wurde. Allerdings als zwei Jahre nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt kam, besserte man nicht mehr an mir herum und liess mich treiben, was mir gefiel, bis ich alle Grenzen des Erlaubten überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken in meiner Bildung ausfüllen. Statt dessen lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau hinüber. Sie war einsam; ihr Abgott Balthasar befand sich auf einer landwirthschaftlichen Schule. Ich ging ihr in Küche und Maierei zur Hand, butterte, streute dem Geflügel das Futter, knetete und buck ordinäres schwarzes Brod. Wurde ich entdeckt, dann sah ich ein, dass mein Vergehen zum Himmel schrie. Ueberhaupt war ich in Gegenwart von Papa, Mama, Robert und Lilli meist in so bussfertiger, zerknirschter Armensündenstimmung, dass es mich gar nicht Wunder nahm, wenn mich alle für feige, unaufrichtig, lakaienhaft hielten. Die geringschätzigen Bemerkungen, die kalten Blicke daheim drückten mein Selbstgefühl herab, ich begann, mich für einen dunkeln Flecken auf dem sonnigen Familienbilde zu halten, für eine Art von Schlagschatten, der die Vortrefflichkeit und feine Ausführung der anderen Schöpfungswerke gebührend hervorhob, sich aber nichtsdestoweniger ziemlich überflüssig dünkte. Die Andern mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein Möller ausgeliefert. Sie sollte den letzten Versuch machen, mein ererbtes Uebel zu kuriren. Seit zwei Jahren bin ich nicht einmal in den Ferien nach Hause gekommen. In der ersten Sommervacanz, während ich mit meinem baumlangen Kameraden Pflanzen und Steine suchte, kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante, auf die Idee, ein geheimes Einverständniss bestehe zwischen mir und dem lieben, langen, unbeholfenen Jungen. Und so erfloss das Verbot meiner Heimkehr, und während die anderen Mädchen in die Berge, an die See in den Sonnenschein hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling hinter den Mauern des verstaubten Pensionsgartens. Nächstes Jahr durfte ich wohl Papa und Mama besuchen, denn (ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten, wiewohl die ganze Klasse mich spöttisch betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr als Schlange im Paradies lauern. Der Bruder seiner Mutter war kinderlos verstorben und hatte ihm ein hübsches Gut in Pommern hinterlassen. Er hatte es mir geschrieben und mich gefragt, wann er mich sehen könne. Mama und Papa, welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht, hätten ihm die Bitte, mir vor seiner Abreise die Hand drücken zu dürfen, rundweg abgeschlagen. Ich dürfe meine Studien nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als ob nicht Hopfen und Malz an meiner Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen Nocturno's und Stickereien in Seide und Chenille verloren wären.

Dieser Brief, der erste heimliche Brief in meinem achtzehnjährigen Leben, fiel einer Aufseherin in die Hände, und ich hörte Sentenzen vor der ganzen Klasse über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt wurde mir verboten, das Haus zu verlassen. Wie ein Häuflein Unglück sass ich in meinem Zimmer und bekam zu meiner übrigen Schönheit vom Weinen rothe geschwollene Augen.

Vermuthlich verdankte ich es meiner vulgären Neigung, dass ich unter all den Gewerbsleuten der Schule warme Freunde hatte.

Meine Antwort an Balthasar hatte die Bäckerstochter bestellt, und nun wartete er ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen an der Mauer, in welches er sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten, leicht genug hinaufzuschwingen vermochte. Ich aber war gefangen, und wenn auch nicht in Banden, so doch durch eine gut und sicher verschlossene Thüre von der Aussenwelt getrennt, denn zu diesem äussersten Mittel hatte Fräulein Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu verstehen wollte, meinen Verzicht auf eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde zu versprechen.

Mein Zimmer lag eine Treppe hoch, aber das Haus war niedrig, und unter meinem Fenster befanden sich ein paar kümmerliche Blumenbeete. Ich würde weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten Blumen meinen Frevel morgen aller Welt verkünden, aber ich war in einer Stimmung, so verzweifelt und aufgeregt, dass mich keine Bedenken abhielten. Mit Balthasar ging meine glückliche Kinderzeit von mir. Ohne Abschied liess ich den einzigen Menschen, der mich an's Herz geschlossen, nicht von dannen ziehen.

In minder verlockender Gestalt ist wohl noch nie eine junge Dame bei einer heimlichen Zusammenkunft erschienen. Die weiche, von Regen getränkte Erde des Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit meinem Kleide mitgetheilt, ich hinkte, denn ich hatte mir bei dem Sprung den Fuss verstaucht, und zum Ueberfluss fing ich noch laut zu weinen an, als bei dem Schein einer Laterne, die in dem Gässchen hinter dem Gartenzaun brannte, mein Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen vor mir auftauchte.

Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen Rechten meine Hand gefasst und begann mir mit der Linken unbeholfen das Haar zu glätten. Und da ich dadurch nicht beruhigt ward, wollte er mich an sich ziehen. Aber ich machte mich los.

»Wir wollen nicht den geringsten Anlass zum Tadel geben. Wenn wir auch gezwungen sind, auf heimlichen Wegen zu gehen, so wollen wir uns doch benehmen, als wären Mama, Papa und Institutsvorsteherin zugegen.« Damit setzte ich mich auf die eine Seite des wackeligen Tisches und wies ihm den Platz mir gegenüber an.

»Doch wenn ich deine Hand nicht in meinen ungeschlachten Fingern halten kann, Jenni, dann weiss ich nicht recht, wie ich anfangen soll,« sagte mein langer Freund hilflos. Die freundliche Strassenlaterne fiel ihm gerade auf das Gesicht. Was für ehrliche, treue Augen er hatte und wie warm Einem um's Herz wurde, wenn man in sie hineinsah! Ich gab ihm meine Hand, und nun begann er:

»Du weisst wohl, dass ich ein Gut geerbt habe, Jenni, keine Herrschaft, aber ein ganz stattliches Bauerngut.« Dabei drückte er mir die Hand; aber da ich nicht wusste, wo er hinaus wollte (vielleicht wusste ich's auch und behielt es blos für mich), so wünschte ich ihm blos Glück. Es werde ihm gut thun für sich selber, auf seinem eigenen Grund und Boden zu arbeiten.

»Hm,« sagte er, stockte und fing mit einiger Anstrengung wieder an: »Zu solch' einer Farm gehört eine hübsche, junge Frau, Jenni.«

Das überraschte mich. Seine Mutter war ja noch so rüstig und würde ihm gewiss mit Freuden haushalten.

Aber ich wurde feuerroth, als ich diese passende Bemerkung murmelte und segnete die Strassenlaterne, in deren Schatten ich sass.

Er schüttelte den Kopf. Die Alten wollten nicht mehr wirthschaften. Sie hatten sich ein hübsches Sümmchen erspart und gedachten sich im Hause des Sohnes zur Ruhe zu setzen.

Und dann meinte er mit einem verlegenen Lachen, er wisse auch schon von einer Frau. Die Frage sei nur, ob ihr das Loos, das er ihr bieten könne, glänzend genug sei, sie habe bessere Aussichten. Aber ein treueres Herz fände sie sicher niemals und wärmere Liebe auch nicht.

Dabei blickte er mich so bittend an, und in seinem Gesicht lag solch' eine Sorge wegen der glänzenden Aussichten, dass ich ein Stück Holz hätte sein müssen, um länger an mich zu halten.

»Kein glücklicheres Loos kann es geben, als an Deiner Seite, Balthasar!« rief ich.

Und da zog er mich an sein treues Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich ging und stand über die Gartenmauer und zu seinen Eltern getragen, um alle Förmlichkeiten abzuschneiden. Aber ich konnte ihm den Gang zu Papa und Mama nicht ersparen, wenn er ihm auch vielleicht schlimmer erschien, als der Marsch in einem Kugelregen.

Er erzählte mir später, er hätte nie längere Gesichter gesehen als die ihren, nachdem er um meine Hand anhielt und, ihrem »Nein« zuvorkommend erklärte, wir seien einig.

»Mein Gott, wir können doch unser Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres Pächters verheirathen,« rief Mama, »was würde die Welt dazu sagen! Es würde heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil wir nun eigene Kinder haben!« Und Papa hatte mit der schneidenden Ironie, mit der er mich so oft verwundet, eingeworfen:

»Lass' die Leute die Köpfe schütteln. Wir können ihnen antworten: Art lässt nicht von Art, und eine Ente wird durch das beste Beispiel, die sorgfältigste Erziehung nicht zum Schwan!«

Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen ist mein Leben gar nicht übel, und ich tauschte nicht für die Welt den Schwanenteich zurück. Wenn ich jetzt zuweilen in den Spiegel blicke und mir ein frisches, gerundetes, glückliches Gesicht entgegengrüsst, dann möchte ich schier glauben, die Urkraft habe mich Anfangs doch zum Zierrath bestimmt und sei nur auf halbem Wege stehen geblieben. Aber Balthasar, der arme, verblendete Mann, hält mich thatsächlich für etwas ganz Kostbares und trägt mich auf starken, treuen Händen durch das Leben; und das ist eigentlich mehr, als solch' ein armselig graues Entlein beanspruchen darf.

EIN APRILSCHERZ.

Das Schelmen-Triumvirat nannte uns zur Zeit, als wir unsern wilden Hafer säeten, die Volksstimme in unsrer Künstlerstadt. Zweien von uns, dem Genremaler Karl Schönborn und meiner Wenigkeit, that sie damit entschieden zu viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen Genossen, wir waren nur die Handlanger des dritten und spielten die Rolle Sancho Pansas, der ganz deutlich sieht wohin die Tollheit seines Meisters führt, und der ihm doch durch dick und dünn folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser Meister im Ersinnen toller Possen; wehe dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe erkoren! Da war vor etlichen Jahren ein Jüngling von äusserst frommer Gemüthsart und tugendhaftem Wandel in unsern Bereiche aufgetaucht, den Blasengel hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen, rosigen Gesichts und des goldblonden Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein um den Kopf starrte; auf ihn stiess unser Anführer wie ein Fischadler auf einen fetten Karpfen nieder. Es hiess, Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen Verwandten, der ihn zu seinem Erben machen wollte, entzweit, weil er um jeden Preis Stillleben malen musste. Ich bitte Sie -- Stillleben! Wenn es Konradins Tod, oder Orest an der Leiche Klytemnestras, oder Judith und Holofernes gewesen wären, an welche Rupert in jugendlichem Grössenwahn beispiellos viel Farbe und Leinwand verschwendete, das hätte diesem Respeckt eingeflösst, aber sich enterben lassen, um grüne Gurken, einen Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen abzukonterfeien, das konnte er, der sich als Vertreter der grossen Kunst fühlte, dem armen Jungen nicht verzeihen. Für Lichtner hatte der erste April bald 365 Tage; kaum war er mit Mühe und Not einer Schlinge entronnen, dann stolperte er mit dem arglosesten, vertrauendsten Lächeln von der Welt in die zweite hinein.

»Kinder,« erklärte Rupert mit dem salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm, »wenn es uns gelingt, ihm die himmelblaue Binde über den Augen zu lockern, dann haben wir ein grosses Werk vollbracht und verdienen, dass auf unsern dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter der menschlichen Rasse« eingemeisselt werden.«

Aber unsre Bemühungen erschienen nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt, der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos, als wäre er erst gestern aus den Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert.

Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht, nachdem sich Professor P., unter dessen Anleitung unser Triumvirat damals arbeitete, in sein Allerheiligstes zurückgezogen. Da ging die Thür auf, und ein kleiner, abscheulicher Seidenpintsch sprang uns kläffend an die Beine. Jeder von uns wäre mit Vergnügen bereit gewesen dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu versetzen, allein hinter ihm raschelte ein seidenes Frauenkleid, eine wunderhübsche, junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen, Wangen eines Pfirsichs und einem bezaubernden Stumpfnäschen kam in das Atelier, als hätte sie der Aprilwind hereingeweht, und statt des Fusstritts bückte sich jeder herab, um den Rücken des Scheusals zu tätscheln, das uns zum Dank dafür nach den Fingern schnappte.

»Ich wünsche, den Professor zu sprechen,« sagte das Fräulein mit einem Lächeln, das selbst einen Stein erwärmt hätte, »mein Name ist Ilona Balogh, Porträtmalerin aus Pest.«

Wir wussten schon von ihr. In den paar Tagen, die sie in unsrer Stadt verweilte, hatte sie der jüngeren Künstlerschaft (vielleicht auch der älteren, doch, davon schweigt des Sängers Höflichkeit) soweit sie in ihre Nähe gerathen, durch ihre Schönheit und ihre pikanten Einfälle die Köpfe verwirrt. -- Dienstbeflissen stoben wir auseinander. Rupert schob ihr den pomphaftesten der Krönungssessel hin, ich breitete dem gräulichen Vierfüssler einen kostbaren, persischen Teppich unter, Karl Schönborn pochte an des Meisters Thür, -- wie ich vermuthe nicht ohne Herzklopfen, da dieser, wenn er sich zurückgezogen, eine Störung nicht allzu freundlich willkommen hiess -- nur Hugo Lichtner stand wie ein gemeisselter Engel da und starrte mit verzückten Augen auf die junge Dame.

Fräulein Ilona bemerkte es -- sie hätte sonst auch stockblind sein müssen -- und rückte ihren Stuhl, um sich dem Bereich seiner Blicke zu entziehen; doch auch jetzt mochte sie die hypnotisirten Augen auf sich gerichtet fühlen, denn sie schürzte die Lippen wie in gutmüthigem Spott.

Ich war wüthend. War dies unsre grüne Unschuld, unser keuscher Joseph, den wir trotz aller mephistophelischen Versuchung, und trotzdem die hübsche Nanni in unsrer Künstlerkneipe sich mehr als nöthig in der Nähe des seraphischen Blondkopfs zu schaffen machte, nie zu der geringsten Aufmerksamkeit gegen das schöne Geschlecht bewegen konnten? Fräulein Balogh musste annehmen, das die Czikos auf ihrer Pussta mehr Lebensart besassen, als ihre jungen Künstlerkollegen. Ein vergnügtes Grinsen, das sich über Ruperts Gesicht zog, dämpfte meinen Aerger. Was hatte er wohl wieder ausgeheckt, um Hugo das Leben zu verleiden? Soeben war der Professor in die Thür getreten und geleitete den gut empfohlenen Gast in sein Privatkabinett.

»Habt ihr bemerkt, wie sie den Posaunenengel angesehen hat, so -- ergriffen, möchte ich es nennen?« fragte Rupert. Sein Augenblinzeln, dem bei mir, dem neben ihm Stehenden, ein leiser Stoss mit dem Fusse nachhalf, erleuchtete uns augenblicklich.

»Ja wohl, ja wohl, in ihren Augen lag so etwas wie eine widerstandslos schmelzende Lawine,« versetzte Schönborn, angelegentlich seinen Vollbart streichend.

»Als sie dem Professor folgte, hat sie noch einmal den Kopf sehnsüchtig nach Hugo zurückgewendet,« fügte er hinzu, um hinter meinen phantasiebegabten Genossen nicht ganz und gar zurückzubleiben.

»Glücklicher Mensch, er hat das schönste Mädchen der Stadt im Sturm erobert!« rief unser Führer.

»Nein; glaubt ihr wirklich, glaubt ihr, sie habe mich auch nur bemerkt?« fragte Hugo in naiver Freude, mit seinem erröthenden Gesicht noch mehr als sonst einem Blasengel ähnlich, der seine Posaune für einen Moment absetzt.

»Glauben?« versetzte Rupert entrüstet, »Mensch, man hat doch Augen im Kopfe! Wenn das nicht ein Fall von Liebe auf den ersten Blick ist, dann kannst du mich für blind wie Hiob erklären.«

»Aber wie kam sie nur dazu, gerade mir, dem Unbedeutensten von euch, Aufmerksamkeit zu schenken?«

Rupert zuckte die Achsel.

»In dem elementaren Zuge von einem Herzen zum andern liegt gewöhnlich etwas Unbegreifliches,« predigte er. In seinem Munde nahmen sich die Lehren überlegener Weisheit stets ausserordentlich wirkungsvoll aus. »Aber höre mein Sohn, bilde dir nicht ein, dass du die Hände in den Schooss legen und dich wie ein vom Dach fallender Sperling auf die göttliche Vorsehung verlassen kannst. Die drinnen ist nicht die hübsche Nanni.«

»Erlaube mir die Bemerkung, dass ich es sehr geschmacklos finde, beide in einem Atem zu nennen,« warf Hugo mit ungewohnter Hitze ein.

»Ilona Balogh ist die Tochter eines romantischen Volkes, sie erwartet gewiss ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte Ahlfeld. »Ulrich von Liechtenstein, natürlich etwas den veränderten Zeitläufen angepasst, ohne zerschnittene Lippe und Verkleidung als Frau Venus (letztere würde die prosaische Polizei von heute gar nicht erlauben), das dürfte das angemessene sein, du verstehst mich doch?«

Unser armer Blasengel gab sich alle Mühe, aber zuletzt schüttelte er den Kopf; er verstand ihn nicht.