Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin.

Part 7

Chapter 73,440 wordsPublic domain

Die Missionäre haben in der That verschiedene Gebräuche und Ceremonien verboten und manchen Aberglauben verbannt, allein sie sind nicht im Stande gewesen, den wesentlichen Charakter, welchen alle amerikanische Racen von der Hudsons Bay an bis zur Magellanschen Straße mit einander gemein haben, zu verändern.

Der unterrichtete Indianer, welcher sicherer auf seinen Unterhalt zählen kann, als der ungezähmte Eingeborne, und weniger der zügellosen Wuth feindlicher Nachbarn oder dem Ungestüm der Elemente ausgesetzt ist, führt ein einförmigeres Leben, besitzt die Charaktermilde, welche aus der Liebe zur Ruhe entspringt, und nimmt eine ruhige und geheimnißvolle Miene an; allein sein Ideenkreis hat keine große Erweiterung erfahren, und der Ausdruck von Melancholie, den seine Gesichtszüge darbieten, ist einzig und allein die Folge der Trägheit und Unempfindlichkeit.

Die Chaymas, wovon mehr als funfzehntausend die spanischen Dörfer bewohnen und die gegen Westen an die Cumanagatoer, gegen Osten an die Guaraounoer, und gegen Süden an die Cariben stoßen, haben einen Theil der hohen Berge Cocollar und Guacharo, so wie auch die Ufer des Guarapiche, Rio Colorado, Areo und den Cano von Caripe inne.

Der erste Versuch, sie der Cultur zu unterwerfen, wurde in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts vom Pater Francisco aus Pamplona, einem sehr eifrigen und unerschrockenen Mann, gemacht. Die nach und nach unter diesem Volke errichteten Missionsanstalten erlitten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 durch die Einfälle der Cariben bedeutende Verluste; von 1730 an wurde die Bevölkerung durch die Verheerungen der Bocken vermindert.

Sie haben von Natur sehr wenig Haar am Kinn, und das wenige, welches erscheint, wird sorgfältig ausgerissen. Dieser geringe Bartwuchs ist der amerikanischen Rasse gemein, wiewohl es Stämme giebt, z. B. die Chipewas und Patagonier, bei denen der Bart eine bedeutende Größe erreicht.

Die Chaymas führen ein sehr regelmäßiges und einförmiges Leben. Sie gehen um sieben Uhr zu Bett und stehen halb fünf Uhr auf. Das Innere ihrer Hütten halten sie äußerst rein, und ihre Hängmatten, Geräthschaften und Waffen befinden sich in der größten Ordnung. Sie baden sich jeden Tag, und da sie im Allgemeinen nackt gehen, so sind sie von dem Schmuze frei, welcher hauptsächlich durch die Kleidung verursacht wird. Außer ihrer Hütte im Dorfe haben sie gewöhnlich an einem einsamen Orte in den Wäldern eine kleinere, die mit Palmen- oder Pisangblättern bedeckt ist, und in welche sie sich, so oft als es nur immer geht, zurückziehen, und so stark ist in ihnen der Wunsch, die Aehnlichkeiten eines wilden Lebens zu genießen, daß die Kinder oft Tage lang in den Wäldern umherziehen, und wirklich sind die Städte oder Dörfer bisweilen ganz verlassen. Wie bei allen barbarischen Nationen ist das weibliche Geschlecht Entbehrungen und Beschwerden ausgesetzt, der schwerste Theil der Arbeit fällt ihm zu.

[18] »^Not loud but deep^,« eine sprüchwörtliche Redens-Art.

Sechster Brief.

Peterborough. -- Sitten und Sprache der Amerikaner. -- Schottischer Maschinenbauer. -- Schilderung Peterboroughs und seiner Umgebungen. -- Canadische Blumen. -- Shanties. -- Beschwerden und Strapazen, welche die ersten Ansiedler zu ertragen haben. -- Verfahren bei Anlegung einer Meierei. --

Peterborough, den 11. Sptbr. 1832.

Es ist jetzt fest bestimmt, daß wir hier bleiben, bis die Verkäufe von Seiten der Regierung stattgefunden[19].

Wir werden alsdann bei S-- und seiner Familie logiren und gedenken, während der Zeit einige Acker gelichtetes Landes zu erlangen und ein Log-Haus auf eignem Grund und Boden zu errichten. Da wir uns einmal vorgenommen, in den Busch zu gehen, wo wir, als dem Militair-Stande angehörig, unser Grundeigenthum zu erwarten hatten, das uns glücklicher Weise in der Nachbarschaft von S-- zu Theil geworden ist, so sind wir jetzt fest entschlossen, allen mit einer solchen Lage verbundnen Entbehrungen und Mühseligkeiten fröhlichen Muthes zu begegnen; denn wir haben keine andere Wahl als entweder jenen großen Vortheil aufzugeben oder unsre Ansiedler-Pflichten zu thun. Wir werden, denk' ich, nicht schlechter dabei fahren, als andre, die vor uns in die noch unangebauten Distrikte gezogen sind, manche derselben, sowohl See- als Land-Offiziere, nebst ihren Familien, haben mit beträchtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, fangen aber gegenwärtig an, die Früchte ihrer Anstrengungen zu ernten.

Außer dem Grund und Boden, wozu er als Offizier in brittischen Diensten, berechtigt ist, handelt mein Gatte um ein Stück Land in der Nähe kleiner Seen. Dies wird uns sowohl einen Wasser-Vordergrund verschaffen als auch der Familie S-- näher bringen, mithin werden wir nicht so ganz allein und verlassen sein, als wenn wir sogleich nach dem uns von der Regierung bewilligten Landeigenthum abgegangen wären.

Wir haben von mehren zu Peterborough angesiedelten Familien Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft erfahren. Man findet hier eine sehr gute Gesellschaft die hauptsächlich aus Offizieren und ihren Familien und außerdem aus Professionisten und Vorrathshändlern besteht. Manche der letzten sind Leute von achtbarer Familie und guter Erziehung; wiewohl ein hiesiges Vorraths-Magazin in der That um nichts besser ist als ein _Kramladen_ (^general chop^) in einer englischen Landstadt, so behaupten doch die Vorrathshändler in Canada einen weit höheren Rang als die Krämer in den kleinen Städten und Dörfern von England. Die Vorrathshändler sind die Kaufleute und Banquiers der Orte, wo sie sich niedergelassen. Fast alle Geldsachen werden von ihnen abgemacht, und sie sind oft im Besitz von Grundeigenthum und Leute von Wichtigkeit, verwalten obrigkeitliche Aemter und werden nicht selten zu Commissairen, ja sogar zu Mitgliedern des Provincial-Parlamentes erwählt.

Da sie in der Gesellschaft einen Rang behaupten, der sie der Aristokratie des Landes gleich stellt, so dürfen Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß es nichts Ungewöhnliches ist, den Sohn eines See- oder Land-Offiziers oder Geistlichen hinter dem Zahltisch stehen, oder mit seines Vaters Holzhauern im Walde die Axt führen zu sehen; eine Beschäftigung, wodurch sie keineswegs ihren Rang in der Gesellschaft verlieren. Nur gute Erziehung und feine Sitten unterscheiden hier den Gentleman von den übrigen Klassen, da der Arbeiter, wofern er fleißig und betriebsam ist, was weltlichen Besitz anlangt, gar bald seines Gleichen werden kann. Der unwissende, sei er auch noch so reich, wird nie dem Mann von Erziehung die Wage halten. Es ist die moralische und geistige Ausbildung des Menschen, welche einen Unterschied der Klassen in diesem Lande bildet -- »Kenntniß ist Macht.«

Wir hatten so viel von den gehässigen Sitten der Yankies in diesem Lande gehört, daß ich mich durch die wenigen Beispiele von eingebornen Amerikanern, die mir zu Gesicht kamen, viel mehr angenehm überrascht fand. Sie waren größtentheils höfliche, anständige Leute. Die einzigen Eigenheiten, die ich an ihnen bemerken konnte, waren ein Nasen-Ton beim Sprechen und einige wenige seltsame Phrasen; allein diese sind blos unter den niedrigeren Klassen gebräuchlich, die etwas mehr _rathen_ und _calculiren_[20] als wir. Einer ihrer merkwürdigsten Ausdrücke ist das Zeitwort »^Fix^,« (festsetzen, befestigen, bestimmen). Alles, was zu thun oder zu verrichten ist, muß _fixirt_ (^fixed^) werden. »^Fix the room^,« bedeutet: das Zimmer in Ordnung bringen. »^Fix the table^,« (decke den Tisch), »^Fix the fire^,« (schüre das Feuer an), sagt die Hausfrau zu ihren Mägden, und alles geschieht dem Befehle gemäß.

Viel Spaß machte es mir, als ich eines Tages eine Frau zu ihrem Mann sagen hörte, daß der Schornstein fixirt werden müsse (^wanted fixing^). Ich hielt ihn für fest und sicher genug und war nicht wenig überrascht, als der Hausherr einen Strick und einiges Cedern-Reisig herbeiholte, und damit den in der Esse angehäuften Ruß entfernte, welcher das Feuer rauchen machte. Der Schornstein war bald _fixirt_ (gereinigt), und das Rauchen hatte ein Ende. Diese seltsame Art, sich auszudrücken, herrscht nicht allein unter den niedrigen Klassen, sondern hat, weil man dergleichen so oft hört, allgemeine Aufnahme gefunden, und wird sogar von den in letztrer Zeit hier angesiedelten Emigranten aus unserm Vaterlande gebraucht.

Mit Ausnahme einiger befremdenden Ausdrücke, und eines Versuchs, feine Redens-Arten in ihre gewöhnliche Conversation einzuführen, behaupten die Yankies, was grammatische Richtigkeit anlangt, einen entschiednen Vorrang vor unsern englischen Bauern. Sie sprechen ein besseres Englisch, als man von Leuten desselben Standes in irgend einem Theile von England, Irland oder Schottland hört; obwohl man, meines Bedünkens, dies zu Hause nicht gern zugeben möchte.

Wenn mich Jemand fragen sollte, welche Züge mir an den Amerikanern, auf die ich bis jetzt gestoßen, am meisten auffallen, so dürfte ich antworten: »Kälte, die sich der Apathie nähert.« Ich will damit keineswegs behaupten, daß es ihnen an Gefühl und wahrer Gemüthlichkeit fehle; allein sie lassen ihre Bewegung nicht sehen. Sie sind nicht so verschwenderisch mit ihren Freundschaftsbezeugungen und Begrüßungen, wie wir, obwohl vielleicht eben so aufrichtig. Niemand bezweifelt ihre Gastfreundschaft; allein man verlangt doch bei alle dem nach einem herzlichen Druck der Hand oder einem freundlichen Wort, wodurch man sich willkommen fühlt.

Neue Ankömmlinge in diesem Lande sind sehr geneigt, die alten brittischen Ansiedler mit den eingebornen Amerikanern zu verwechseln, und, wenn sie auf rohe ungeschliffne Leute stoßen, die sich in ihrer Rede gewisser Yankie-Worte bedienen, und mit ihrer, den aristokratischen Begriffen der vornehmen Engländer zuwiederlaufenden Unabhängigkeit prunken, sogleich annehmen, daß sie es mit wirklichen Yankies zu thun haben, während dieselben doch in der That blose Nachahmer sind; und Sie wissen wohl, Beste Mutter, daß eine schlechte Nachahmung stets schlechter ist, als das Original.

Sie würden sich nicht wenig wundern, wenn Sie sähen, wie bald die neuen Ankömmlinge in diese widrigen Maniren und Affectation von Gleichheit verfallen; was vorzüglich von den Irländern und Schotten niedriger Abkunft gilt; die Engländer machen schon eher eine Ausnahme. Das Benehmen eines jungen Schotten, des Maschinenmeisters auf dem Dampfboote, als ihn mein Gemahl über die Handhabung der Maschine befragte, machte uns gewissermaßen Unterhaltung. Seine Maniren waren grob, ja sogar beleidigend. Er vermied sorgfältig jede Hinneigung zu Höflichkeit oder äußerem Anstand; ja er ging so weit, daß er sich auf die Bank dicht neben mich setzte und bemerkte, er halte unter den vielen Vortheilen, welche dieses Land Ansiedlern, wie er sei, darbiete, es nicht für den geringsten, daß er nicht verbunden sei, seinen Hut abzunehmen, wenn er mit Leuten (^people^) (Personen unsers Standes meinend) spreche, und daß er sie nicht anders als bei ihren Namen anzureden brauche; dazu könne er seinen Sitz neben jedem Gentleman und jeder Dame nehmen und sich ihnen völlig gleich achten.

»Sehr wahr,« erwiederte ich, kaum vermögend, mein Lachen über diesen Ausfall zu unterdrücken; »allein ich glaube Sie überschätzen den Vortheil solcher Privilegien um ein Bedeutendes; denn Sie können die Dame oder den Mann von Stande nicht zwingen, dieselbe Meinung von Ihrer Persönlichkeit zu hegen oder, wofern sie sich nicht dadurch geschmeichelt fühlen, neben Ihnen sitzen zu bleiben.« Mit diesen Worten stand ich auf und verließ den unabhängigen Gentleman, offenbar ein wenig verwirrt über dieses Manövre, indeß gewann er seinen Selbstbesitz bald wieder, schwang die Axt, welche er in der Hand hatte, und sagte: »Es ist, denke ich, kein Verbrechen, von armen Aeltern geboren zu sein.«

»Nein! wahrlich nicht,« antwortete mein Gatte, »kein Mensch kann sich seine Geburt selbst wählen, er hat es nicht in seiner Gewalt, arm oder reich geboren zu werden; und eben so wenig kann es einem Gentleman zur Last gelegt werden, daß er von Aeltern geboren worden, die einen höhern Rang in der Gesellschaft einnehmen, als sein Nachbar. Ich hoffe Sie geben dies zu.«

Der Schotte sah sich, wiewohl ungern, zur Bejahung dieses Ausspruchs genöthigt; schloß aber nachmals damit: er sei sehr froh, daß er vor Gentlemen, wie sie sich zu nennen beliebten, den Hut nicht abzunehmen, noch in seiner Rede sich demuthsvoll zu zeigen brauche.

»Niemand, mein Freund, dürfte Sie gezwungen haben, in ihrem Vaterlande höflicher zu sein, als in Canada. Gewiß hätten Sie, wofern es Ihnen so beliebte, Ihren Hut ebenfalls aufbehalten können. Kein Gentleman, glauben Sie mir, würde Ihnen denselben vom Kopfe geschlagen haben.

»Was den gerühmten Vortheil in Betreff roher Sitten in Canada anlangt, so würde ich etwas davon halten, wenn er Ihnen nur im geringsten nützte, oder einen Dollar mehr in die Tasche brächte; allein ich habe Grund, zu zweifeln, daß er diese wünschenswerthe Wirkung hat.«

»Es ist aber doch tröstlich, sollte ich meinen, sich einem Gentleman gleich zu achten.«

»Besonders wenn Sie den Gentleman zu denselben Gedanken bestimmen können.« Dies war ein Punkt, der unsern Gleichheits-Candidaten etwas in Verlegenheit zu setzen schien; denn er begann mit verdoppelter Energie zu pfeifen und die Füße zu schleudern.

»Jetzt,« sagte sein Peiniger, »nachdem Sie mir Ihre Begriffe von canadischer Unabhängigkeit erklärt, haben Sie die Gefälligkeit, mich mit dem Mechanismus Ihrer Maschine vertraut zu machen, die Sie so genau zu kennen scheinen.«

Der Mann sah meinen Gatten eine Minute lang halb trotzig, halb durch das seiner Geschicklichkeit gezollte Compliment geschmeichelt, an, ging darauf zur Maschine setzte alles mit großer Geläufigkeit auseinander und behandelte uns seit dieser Zeit mit vollkommner Achtung. Die Erwiederung meines Gatten auf seine in einem höchst unhöflichen Tone gethane Frage: »was macht denn eigentlich einen Gentleman, ich bitte Sie, beantworten Sie mir das?« »Feine Sitten und gute Erziehung. -- Ein reicher oder hochgeborner Mann, der sich roh und ungesittet benimmt und unwissend ist, hat eben so wenig Ansprüche auf den Titel: Gentleman, als Sie selbst,« hatte auf ihn einen starken Eindruck gemacht.

Wir standen seitdem auf einem ganz andern Fuße miteinander; der Maschinen-Meister hatte so viel gesunden Verstand, daß er einsah, rohe Vertraulichkeit mache den Gentleman noch nicht aus.

Allein es wird Zeit, daß ich Ihnen einige Nachrichten über Peterborough mittheile, welches, hinsichtlich der Lage, jedem andern Ort, den ich bis jetzt in der obern Provinz gesehen habe, überlegen ist. Es nimmt ziemlich den Mittelpunkt zwischen den Stadt-Bezirken Monaghan, Smith, Cavan, Otanabee und Douro ein, und dürfte nicht unpassend als die Hauptstadt des Newcastle-Distrikts gelten.

Es liegt auf einer hübschen erhabnen Ebne, gerade über einem kleinen See, wo der Fluß durch zwei niedrige bewaldete Eilande getheilt ist. Der ursprüngliche oder Gouvernements-Theil der Stadt ist in Halbacker-Parcellen[21] angebaut; die Straßen, welche sich jetzt schnell mit Gebäuden füllen, bilden rechte Winkel mit dem Flusse und erstrecken sich gegen die Ebnen nach Nordosten zu. Diese Ebnen bilden einen schönen natürlichen Park, in welchem Thäler und Hügel anmuthig mit einander abwechseln; überall stößt das Auge auf liebliche, grüne, mit den mannigfaltigsten und schönsten Blumen geschmückte Auen, gleichsam von der Hand der Natur mit Gruppen von stattlichen Fichten, Eichen, Balsam-Pappeln, italienischen Pappeln und Silber-Birken bepflanzt. Die Aussicht von diesen Ebnen aus ist entzückend; wohin man nur sein Auge wendet, erblickt man mannigfaltige Hügel und Thäler, Wald und Wasser, während sich die Stadt über einen beträchtlichen Flächenraum ausbreitet.

Die Ebnen verlaufen mit einer starken Neigung nach dem Flusse zu, der mit großem Ungestüm zwischen seinen Ufern hinbraust. Denken Sie sich ein langes, enges, den östlichen und westlichen Theil der Stadt in zwei Hälften scheidendes Thal.

Das Otanabee-Ufer erhebt sich zu einer größeren Höhe als die Monaghan-Seite, und beherrscht eine weite Aussicht über das zwischenliegende Thal; die gegenüber befindliche Stadt und die bekränzten Waldungen und Hügel im Hintergrunde. Dieser Theil heißt _Peterborough-East_ und ist das Besitzthum drei reicher Capitalisten, von welchen man die Stadt-Parcellen kauft.

Peterborough, auf die angegebne Weise vertheilt, nimmt einen beträchtlichen, zur Bildung einer großen Hauptstadt mehr als hinreichenden Flächenraum ein. Seine Einwohner-Zahl wird gegenwärtig auf siebenhundert Köpfe und darüber geschätzt, und wenn sie in den nächsten Jahren so schnell zu wachsen fortfährt, wie dies der Fall bisher gewesen ist, so dürfte Peterborough bald eine sehr volkreiche Stadt sein[22].

Der Ort ist im Besitz großer Wasser-Kraft, sowohl durch den Fluß als den schönen breiten Bach, der seinen Weg durch die Stadt windet und sich in den kleinen, weiter unten liegenden See ergießt. Man findet daselbst verschiedne Säge- und Mahl-Mühlen, eine Branntweinbrennerei, eine Walk-Mühle, zwei größere Gasthöfe und verschiedne kleine Wirthshäuser, eine Anzahl gute Vorrathshäuser, ein Gouvernements-Schulhaus, das auch als Kirche dient, bis ein großes Gotteshaus erbaut sein wird. Die Ebnen werden zu Park-Anlagen verkauft, und hier und da erheben sich hübsche kleine Wohnhäuser, allein ich fürchte sehr, daß die natürlichen Schönheiten dieser anmuthigen Landschaft bald verloren gehen werden.

Ich ermüde gar nicht in meinen Ausflügen und erklettre die Hügel und Berge in jeder Richtung, um eine neue Aussicht zu gewinnen, oder einige neue Blumen zu sammeln, woran, obgleich schon spät im Sommer, es doch immer noch einen Ueberfluß giebt.

Unter den Pflanzen, mit deren Namen ich bekannt bin, sind mancherlei strauchartige Astern von fast jeder Farbe: Blau, Roth und Perlweiß; eine Monarde von höchst aromatischem Geruch, den selbst die trocknen Stiele und Samen-Behälter theilen; das weiße Ruhrkraut (^Gnaphalium^) oder die Immortelle (wovon bereits die Rede gewesen); verschiedne Rosen-Arten, wovon ich noch einige Knospen in einem Thale unweit der Kirche fand. Auch bemerkte ich unter den strauchartigen Gewächsen eine niedliche kleine, unserm Buchsbaum ähnliche Pflanze; sie schleppt sich am Boden hin, und sendet Zweige und Schößlinge aufwärts; ihre Blätter werden mit der Zeit dunkel kupferroth; allein trotz dem anscheinenden Widerspruch, ist sie ein Immergrün[23]. Ferner fand ich einige schöne Lichen-Arten mit korallenfarbnen Mützchen auf den grauen hohlen Stielen, sie stehen in unregelmäßigen Büscheln zwischen dem trocknen Moose, noch häufiger aber bedecken sie die Wurzeln der Bäume oder halb verwitterten Baumstämme. Unter den mancherlei Pilzen sammelte ich einen hohlen Becher, von schönstem Scharlachroth an der innern Fläche und äußerlich blaß rehfarben; eine andre sehr schöne Pilz-Art bestand aus kleinen Aestchen, wie weiße Korallen-Bäumchen, aber von so zartem Gefüge, daß sie bei der leisesten Berührung abbrachen.

Der Boden war an manchen Orten mit einem dicken Teppich von Erdbeeren mancherlei Art bedeckt, welche, so lange ihre Zeit ist, denen, die sich die Mühe nehmen, sie zu pflücken, ein stetes Dessert liefern; ich meines Theils würde gewiß von diesem Privilegium Gebrauch machen, wenn ich den Sommer über in ihrer Nähe wäre. Außer den Pflanzen, die ich selbst in der Blüthe beobachtet habe, sollen Frühling und Sommer noch manche andre hervorbringen: eine orangenfarbne Lilie, die rothe Pechnelke[24], die Mocassin-Blume oder gelbe Scharte (Ginster); Maiblumen in Ueberfluß; und nach den Ufern des Baches oder des Otanabee zu bewegt die prächtige Cardinal-Blume[25] ihre scharlachrothen Blüthen-Aehren anmuthig hin und her.

Ich ärgere mich ordentlich, daß man mir, wenn ich die Schönheit der canadischen Blumen bewundre, jedesmal wiederholt, sie seien geruchlos, und daher kaum der Beachtung werth; als wenn sich das Auge nicht an den schönen Formen und Farben weiden könnte, wenn nicht zugleich dem Geruchssinn geschmeichelt wird.

Um dieses Land von dem Vorwurf zu befreien, den ihm ein sehr gescheuter Mann machte, mit welchem ich einst in London zusammen traf, daß nämlich die hiesigen Blumen ohne Geruch, und die Vögel ohne Gesang seien, bemerke ich hier, daß mir bereits verschiedne äußerst wohlriechende Blumen und Kräuter zu Gesicht gekommen sind. Unter diesen darf ein schönes, strauchartiges Gewächs (^milk-weed^), mit purpurfarbnen Blüthen, die sich eben so sehr durch ihre Farben-Pracht als ihren reichen Geruch auszeichnen, nicht vergessen werden.

Ich gedenke nächstens ein Herbarium für _Elisa_ zu sammeln und eine Beschreibung der Pflanzen, ihres Wachsthums und ihrer Eigenschaften beizufügen.

Alle merkwürdige Umstände hinsichtlich derselben werde ich sorgfältig aufzeichnen; und sagen Sie ihr, sie solle versichert sein, daß ich ihr von jeder vorkommenden Art bei günstiger Gelegenheit ein Exemplar, wo möglich mit den Samen, übersenden werde.

Meines Erachtens dürfte dieses Land den Forschungen des Botanikers ein weites und fruchtbares Feld eröffnen. Ich bedaure jetzt sehr meine Nichtbeachtung der häufigen Aufforderungen _Elisa's_, ein Studium zu verfolgen, welches ich einst für trocken hielt, jetzt aber höchst interessant finde und als eine fruchtbare Quelle geistigen Genusses besonders für diejenigen betrachte, welche im Busche (Urwälder) leben und demgemäß nothwendiger Weise von den Freuden und Vergnügungen, welche ein großer Kreis von Freunden, -- und dem Wechselwelchen eine Stadt oder auch nur ein Dorf darbieten, ausgeschlossen sind.

Am Sonntage ging ich in die Kirche; -- die erste Gelegenheit, dem öffentlichen Gottesdienst beizuwohnen, seitdem ich die schottischen Hochlande verlassen; und gewiß hatte ich Ursache, vor dem barmherzigen Gott, der mich wohlbehalten durch die Gefahren der großen Tiefe (des Meeres) und der verderblichen Krankheit geführt, demuthsvoll und dankbar meine Knie zu beugen. Noch nie erschien mir unsre schöne Liturgie so rührend und eindrucksvoll als an diesem Tage -- in unsrer schlichten, aus rohen Baumstämmen mitten in der Wildniß erbauten Kirche.

Dieses einfache Gebäude liegt am Fuße eines sanften Abhanges auf der Ebne, umgeben von Eichen- und Fichten-Gruppen die, obgleich nicht so groß und stattlich wie die gewaltigen Eichen und Kiefern des Forstes, mit ihren in mannigfaltige und seltsame Formen vertheilten Aesten dem Auge doch weit angenehmer sind. Der Rasen ist hier von smaragdnem Grün; mit einem Wort, es ist ein anmuthiges Plätzchen, entfernt von dem geräuschvollen Treiben der Stadt, ein geeigneter Ort, Gott in Geist und Wahrheit zu verehren!

Nach den Smith-town-Hügeln hin und längs den Ufern, welche den Fluß überragen, giebt es manche herrliche Spaziergänge. Der Gipfel der Hügel ist unfruchtbar und dicht mit lockern, rothen und grauen Granitblöcken, und zwischen diesen, mit großen -- in jeder Richtung ausgestreuten Kalkstein-Massen bedeckt; letztere sind meistentheils durch die Einwirkung des Wassers glatt und zugerundet. Da sie losgetrennte Stücke sind und blos die Oberfläche des Bodens einnehmen, so konnte ich mir nicht recht erklären, wie sie in diese Höhe gekommen. Ein Geolog würde ohne Zweifel dieses Räthsel in wenigen Minuten lösen. Die Eichen, welche auf dem hohen Ufer wachsen, sind eher größer und üppiger, als die in den Thälern und auf andern fruchtbaren Boden-Stellen.