Part 5
[13] Wir finden in _Rennie's_ Baukunst der Vögel, (Leipzig Baumgärtners Buchhandlung) ähnliche Bemerkungen. So liest man Seite 122: die Anglo-Amerikaner bedienen sich verschiedner Mittel, um die Vögel zum Nisten in der Nähe ihrer Wohnungen zu bestimmen, und weil sie die Scheunen- oder Bodenschwalbe (^_Hirundo rufa, Gmelin_^), vorzüglich lieben, so stellen sie Schachteln auf, damit sie hinein niste. Diese Species unterscheidet sich beträchtlich von unsrer Rauchschwalbe (^_Hirundo rustica_^); am Bauche, wo die unsrige rein weiß ist, ist ihr Gefieder hell kastanienfarben, im Nisten hat sie mit der unsrigen Aehnlichkeit, nur daß sie nicht in Schornsteine baut, sondern ihr Nest an Sparren oder Querbalken von Schuppen, Scheunen und andern Nebengebäuden befestigt.
Ferner Seite 364: In Nordamerika, wo man bemüht ist, die ländlichen Vergnügungen eines kurzen Sommers so sehr als möglich zu vermehren, sucht man mehr als eine Species durch alle nur mögliche Mittel zum Nisten in der Nähe der Häuser zu bewegen. Unter den halb zahmen Vögeln sind der Haus-Zaunkönig, der blaue Vogel und die Purpur-Schwalbe die bekanntesten. Die zuletzt erwähnte (^_Hirundo purpurea, Latham_^) ist gleich unsrer Fensterschwalbe ein Zugvogel, und sie wählt ihren Sommeraufenthalt stets mitten unter den Wohnungen des Menschen, welcher, da ihm ihre Gesellschaft großen Vortheil und zugleich Vergnügen schafft, in der Regel ihr Freund und Beschützer ist. Daher ist sie ziemlich gewiß, bei ihrer Ankunft eine gastliche, zu ihrer Bequemlichkeit und zur Aufnahme ihrer Familie gehörig eingerichtete Wohnstätte, entweder in der vorspringenden hölzernen Kranzleiste, auf dem Dachgiebel oder auf der Grenzsäule, oder, wenn diese fehlen sollten, auf dem Taubenschlage mitten unter den Tauben zu finden; und wenn sie einen besondern Winkel auf dem letzteren wählt, so darf es keine Taube wagen, einen Fuß in ihr Gebieht zu setzen. Einige unter den Anglo-Amerikanern haben für diese Vögel große Anstalten einrichten lassen, welche in zahlreichen Gemächern bestehen, die zum größten Theil jedes Frühjahr in Besitz genommen werden; man hat die Beobachtung gemacht, daß in solchen Schwalbenansiedlungen einzelne Vögel mehre Jahre nach einander immer wieder von der nämlichen Schachtel Gebrauch gemacht haben.
Das eben erwähnte Verfahren, die Purpurschwalbe zu hegen und zu beschützen, scheint nicht aus Europa zu stammen, da die Eingebornen von Amerika seit undenklichen Zeiten eine ähnliche Methode befolgt haben. Die Chactaw und Chickasaw Indianer z. B. stutzen sämmtliche Gipfeläste eines jungen Bäumchens in der Nähe ihrer Hütten ab und lassen die Zinken ein oder zwei Fuß lang, an deren jedem sie einen hohlen Kürbis oder eine Calabasse aufhängen, die gehörig ausgehöhlt ist, so daß die Vögel bequem darin nisten können. In gleicher Absicht steckt man an den Ufern des Mississippi lange Stöcke in den Boden, an deren Spitze ebenfalls Calabassen befestigt werden, und worin die Purpurschwalben in der Regel ihre Eier ausbrüten. »Ueberall, wo mich meine Reisen in diesem Lande hinführten,« sagt _Wilson_, »habe ich mit Vergnügen die Gastfreundschaft beobachtet, womit die Einwohner diesen Lieblingsvogel empfangen.« Folgenden kleinen Zug aus der Oekonomie der Purpurschwalbe hat Mr. _Henry_, Mitglied des obersten Gerichtshofes in Pensylvanien, erzählt.
»Im Jahr 1800,« sagt derselbe, »zog ich mich von Lancaster nach einer Meierei einige englische Meilen über Harrisburgh zurück. Da ich wohl mit den Vortheilen bekannt war, welche der Pachter oder Landmann von der Nachbarschaft der Purpurschwalbe zieht, indem sie die Räubereien des weißköpfigen Adlers, der Habichte und selbst der Krähen verhindert, so erhielt ein für mich arbeitender Zimmermann den Auftrag, einen großen Kasten mit mehren Fächern für diese Vögel zu machen. Der Kasten wurde im Herbste aufgestellt. In der Nähe des Hauses und um dasselbe standen eine Anzahl schön gewachsener Aepfelbäume und vieles Strauchwerk, ein sehr bequemer Aufenthalt für Vögel. Gegen die Mitte des Februar kamen die blauen Vögel an; diese wurden in kurzer Zeit sehr zutraulich und nahmen Besitz von dem Kasten: es waren zwei bis drei Pärchen. Mit dem funfzehnten Mai hatten die blauen Vögel Eier, wo nicht gar Junge. Nun aber trafen die Purpurschwalben in Schaaren ein, begaben sich in den Kasten, und es erfolgte ein heftiger Kampf. Die blauen Vögel, wie es scheint, durch ihr Eigenthumsrecht ermuthigt, oder, weil es der Beschützung ihrer Jungen galt, blieben Sieger.
Die Schwalben kamen während der acht folgenden Jahre regelmäßig in der Mitte des Mai an, untersuchten die Gemächer des Kastens in Abwesenheit der blauen Vögel, wurden aber durch die Rückkehr der letzteren jedesmal zur Flucht genöthigt. Die Mühe, welche Ihnen die Durchlesung dieser Bemerkungen verursachen dürfte, müssen sie auf Rechnung der Schwalben setzen. Ein Kasten, mit diesen schönen Wandrern angefüllt, befindet sich jetzt zum Haupte meines Bettes. Ihre Töne scheinen unharmonisch wegen ihrer großen Anzahl; indeß sind sie mir angenehm. Der betriebsame Pachter und Handwerker würde wohl thun, einen Kasten mit diesen Vögeln in der Nähe der Schlafgemächer seiner trägen Leute anzubringen. Gleich mit Anbruch des Tages beginnt die Purpurschwalbe ihr Gezwitscher, welches eine halbe Minute oder auch etwas länger dauert; worauf es wieder still wird, bis die Dämmerung völlig vorüber ist. Nunmehr folgt ein lebhaftes und unaufhörliches Gezwitscher, hinreichend, selbst die schlaftrunkenste Person aus dem Schlummer zu wecken. Vielleicht übertrifft sie nicht einmal der Haushahn in dieser guten Eigenschaft; auch steht er in dem Vermögen, Raubvögel abzuhalten, der Purpuerschwalbe bei weitem nach.«
»Gegen die Mitte des April oder ungefähr am zwanzigsten Tage dieses Monats,« fügt _Wilson_ hinzu, »trifft die Purpurschwalbe die ersten Vorbereitungen zu ihrem Neste. Das letzte, welches ich untersucht habe, bestand aus den welken Blättern der Thränenweide, dünnen Strohhalmen, Heu und Federn in beträchtlicher Menge. Es lagen vier Eier darin, die im Verhältniß zum Vogel sehr klein, von Farbe rein weiß und ohne die geringsten Flecke waren. Die erste Brut erscheint im Mai, die zweite spät im Juni. Während der Periode, in welcher das Weibchen legt, und vor dem Brüten sind beide Vögel den größten Theil des Tages vom Neste entfernt. Während des Sitzens wird das Weibchen häufig vom Männchen besucht, welches letztere sich ebenfalls auf die Eier setzt, wenn das erstere zur Erholung ausfliegt. Oft bringt das Männchen auf eine Viertelstunde im Neste neben dem Weibchen zu, und wird während des Brütens ganz heimisch und zahm. Es sitzt an der Außenseite, putzt und ordnet sein Gefieder und begiebt sich gelegentlich an die Thür des Gemachs, gleichsam, als ob es sich nach dem Befinden der Gattin erkundigen wollte. Seine Töne scheinen in dieser Zeit eine besondere Sanftheit anzunehmen, und seine Glückwünsche drücken einen hohen Grad von Zärtlichkeit aus. Eheliche Treue, selbst wenn viele Pärchen zusammen wohnen, scheint gewissenhaft von diesen Vögeln beobachtet zu werden. Am 25. Mai nahm ein Purpurschwalben-Pärchen von einem Kasten in Mr. _Bartram's_ Garten Besitz. Einen oder zwei Tage darauf erschien ein zweites Weibchen und verweilte mehre Tage; allein, wegen der kalten Aufnahme, die es fand, indem es häufig vom Männchen vertrieben wurde, verließ es endlich diesen Ort und machte sich auf den Weg, wahrscheinlich um einen geselligeren Gefährten aufzusuchen.«
[14] »^Key to the lakes.^«
Fünfter Brief.
Reise von Cobourg nach Amherst. -- Schwierigkeiten, denen man bei seiner ersten Ansiedelung in den Urwäldern zu begegnen hat. -- Erscheinung des Landes. -- Reis-See. -- Indianische Lebensweise und Gebräuche. -- Fahrt den Otanabee hinauf. -- Log-Haus (^Log-house^) und seine Inhaber. -- Passagier-Boot. -- Fußreise nach Peterborough.
Peterborough; Newcastle Distrikt; den 9. Septbr. 1832.
Wir verließen Cobourg, am Nachmittag des ersten Septembers in einem leichten, recht bequem für die Passagiere mit Büffelfellen ausgekleideten Wagen. Unsre Reise-Genossen waren drei Herrn und eine junge Dame, insgesammt recht angenehme Gesellschafter, und bereit, uns jede Auskunft über die Gegend zu geben, durch welche unser Weg führte; der Nachmittag war einer von jenen ruhigen und heitern, dergleichen man in der ersten Hälfte des Septembers häufig zu erfahren pflegt. Die glühenden Herbst-Farben zeigten sich bereits an den Waldbäumen, sprachen aber mehr von Reife als Verfall. Die Gegend um Cobourg her ist gut angebaut, ein großer Theil der Waldung ist gelichtet, und an seine Stelle sind offne Felder, angenehme Meiereien und schöne, gut gedeihende Obstpflanzungen mit grünen, von feistem Vieh wimmelnden Weide-Plätzen getreten.
Das Gefängniß nebst dem Gerichtshof zu Amherst, etwa anderthalbe englische Meile von Cobourg, ist ein hübsches steinernes Gebäude, und auf einer Anhöhe gelegen, welche eine prächtige Aussicht auf den See Ontario und die umgebende Scenerei beherrscht. In demselben Verhältniß als man weiter landeinwärts kommt, in der Richtung der Hamilton- oder Reis-See-Ebnen, erhebt und senkt sich das Land zu kühnen langgedehnten Hügeln und Thälern.
Die Umrisse der Gegend erinnerten mich an den bergigen Theil von Gloucestershire; indeß vermißt man den Reiz, womit die Civilisirung diese schöne Landschaft in so vorzüglichem Grade geschmückt hat, man vermißt ihre romantischen Dörfer, blühenden Städte, weit gedehnten, mit Rinder- und Schafheerden bedeckten Auen. Hier strotzen die Berge von Eichen-, Buchen- und Ahorn-Wäldern, mit hier und da eingestreuten dunkeln Fichten-Hainen, nur selten durch eine Ansiedelung mit ihren Log-Häusern und zickzackartigen, von Holzscheiten gezimmerten Einfriedigungen unterbrochen und belebt: diese Einfriedigungen sind, beiläufig gesagt, sehr beleidigend für mein Auge. Ich sehe mich vergebens nach den reichen Laubhecken meines Vaterlandes um. Selbst die steinernen Einfriedigungen im Norden und Westen von England, so kalt und dunkel sie sind, erzeugen keinen so unangenehmen Eindruck auf den Beschauer. Die Ansiedler machen indeß unabänderlich von demjenigen Plan Gebrauch, wobei sie am meisten an Zeit, Arbeit und Geld ersparen. Das wichtige, durch Nothwendigkeit bedingte Gesetz, den kürzesten Weg zur Erreichung des beabsichtigten Zwecks einzuschlagen, wird streng befolgt. Geschmackssachen scheinen wenig berücksichtigt zu werden, oder müssen wenigstens vor der Hand in den Hintergrund treten.
Ich sah ein Lächeln um den Mund meiner Reisegefährten spielen, als sie unsre Projecte zur Verschönerung unsrer künftigen Wohnstätte vernahmen.
»Wenn Sie gesonnen sind, Ihre Wohnung in den Urwäldern aufzuschlagen,« sagte ein ältlicher Herr, der sich vor mehren Jahren im Lande angesiedelt, »so muß Ihr Haus nothwendiger Weise ein aus Baumstämmen roh zusammengezimmertes Haus (^log-house^) sein, denn eine Sägemühle dürften Sie schwerlich in der Nähe finden und außerdem werden Sie in den ersten zwei oder drei Jahren so viel zu thun haben, und so vielen Hindernissen begegnen müssen, daß Sie schwerlich Gelegenheit haben werden, diese Verschönerungen ins Werk zu setzen.« »Es giebt,« fügte er mit einer Mischung von Ernst und guter Laune in seinem Gesicht hinzu, »ein Sprichwort, das ich als Knabe oft gehört habe; es lautet: _erst kriechen, und dann gehen_«[15]. »Es läßt sich hier zu Lande nicht alles so leicht bewerkstelligen als zu Hause, wovon Sie eine mehrwöchentliche Bekanntschaft mit dem _Busch_, wie wir jedes nicht gelichtete Waldland nennen, bald überzeugen wird. Nach Verlauf von fünf Jahren dürften Sie schon eher an dergleichen Verschönerungen und Bequemlichkeiten denken und leichter beurtheilen können, was Sie vor sich haben.«
»Ich glaubte,« war meine Erwiederung, »daß in diesem Lande alles sehr schnell und leicht von Statten gehe, ich erinnere mich genau, von Häusern gehört zu haben, die in einem Tage erbaut worden.« Der alte Herr lachte.
»Ja, ja,« sprach er, »Reisende finden es nicht schwer, ein Haus binnen zwölf oder vierundzwanzig Stunden aufzubauen, und allerdings lassen sich die Wände in dieser, ja in noch weniger Zeit aufführen; allein das Haus ist, wenn auch die Außenwände stehen, noch nicht fertig, wie dies Ihr Gemahl auf seine Kosten erfahren wird.«
»Aber sämmtliche Werke über Auswanderung, die ich gelesen,« erwiederte ich, »geben ein so schönes und schmeichelndes Gemälde von dem Leben eines Ansiedlers; denn, ihren Angaben gemäß, lassen sich alle Schwierigkeiten leicht beseitigen.«
»Weg mit den Büchern!« sagte mein Opponent »der eigne Verstand muß hier entscheiden. Richten Sie Ihren Blick auf jene endlosen Waldungen, in die das Auge nur einige Schritte tief eindringen kann, und sagen Sie mir, ob Sie glauben, daß sich diese gewaltigen Baumstämme ohne Schwierigkeit wegräumen, gänzlich ausrotten, ja, ich möchte sagen, vom Angesicht der Erde entfernen lassen; daß das Lichten und Reinigen des Bodens durch Feuer, die Anlage und Einfriedigung von Feldern, die Erbauung eines Obdachs keine Mühe, Kosten und große Arbeit verursachen werde? Sprechen Sie nur nicht von dem, was in Büchern steht, die häufig von Stuben-Reisenden (^tarry at home-travellers^) geschrieben sind. Ich verlange Thatsachen. Die Erfahrungen eines einzigen aufrichtigen Emigranten sind mehr werth, als alles, was über den fraglichen Gegenstand zusammen geschrieben worden ist. Uebrigens darf man die einem Theil des Landes entsprechende Schilderung nicht auf alle anwenden. Die von Boden, Klima, Lage und Fortschritten in der Civilisirung abhängigen Umstände sind in verschiednen Distrikten sehr verschieden; selbst die Preise der Güter und Producte, die Mieth-Preise und Arbeits-Löhne u. s. w. weichen, je nachdem man sich den Städten und Märkten nähert oder davon entfernt, beträchtlich von einander ab.«
Ich fühlte bald, daß mein Reisegefährte richtig von einer Sache spreche, womit ihn eine dreizehnjährige Erfahrung vollkommen vertraut gemacht hatte. Ich fing an, zu fürchten, daß wir ebenfalls zu schmeichelhafte Ansichten von dem Leben eines Ansiedlers in den Urwäldern unterhalten. Die Zeit und unsre eigne persönliche Kenntniß wird der sicherste Prüfstein sein, und diesem müssen wir uns anvertrauen. Der Mensch ist stets geneigt, das zu glauben, was er wünscht.
Ungefähr mittelwegs zwischen Cobourg und dem Reis-See liegt zwischen zwei steilen Hügeln ein hübsches Thal. Hier findet man einen guten Theil gelichteten Landes und eine Schenke: der Ort heißt die »_Kalte Quelle_« (^Cold Springs^). Wer weiß, ob derselbe nicht vielleicht schon nach einem oder zwei Jahrhunderten in einen Trink- und Bade-Ort für die feine Welt umgestaltet sein wird. Ein canadisches Bath oder Cheltenham[16] dürfte mit der Zeit hier entstehen, wo gegenwärtig die Natur in ihrer Wildniß schwelgt.
Wir fuhren jetzt die geneigten Ebnen bergan, eine schöne strecke aufsteigenden Landes, mehre englische Meilen weit spärlich mit Eichen und hier und da mit buschigen, weitspreizigen Tannen nebst andern Bäumen und Sträuchern bekleidet. Der Boden ist an einigen Orten sandig, überdies aber, wie man mir sagte, in verschiednen Theilen von sehr verschiedner Beschaffenheit und in großen Strecken mit reicher Weide bedeckt, welche den Viehheerden einen Ueberfluß an trefflichem Futter darbietet. Eine Menge vorzüglich schöner Blumen und Sträucher schmücken diese Ebnen, welche sich während der Frühlings- und Sommer-Monate jedem Garten in der Welt an die Seite stellen können. Manche von jenen Gewächsen gehören den Ebnen ausschließlich an und kommen selten in andern Lagen vor. Auch die Bäume, obwohl nicht so groß und gewaltig, wie die in den Forsten, sind malerisch; sie stehen in Gruppen oder einzeln, durch große Zwischenräume von einander abgesondert, und geben dem in Rede stehenden Theil des Landes ein parkartiges Ansehn. Die vorherrschende Meinung scheint zu sein, daß die Ebnen, zu Schweizereien und Viehzüchtereien angelegt, den Zwecken der Ansiedler vorzüglich entsprechen würden, indem es nicht an Land zur Erbauung von Weizen und Korn fehlt, der Boden mit geringen Kosten veredelt werden kann, und außerdem Ueberfluß an natürlichen Vieh-Triften herrscht. Ein großer Vortheil scheint zu sein, daß der Pflug unmittelbar eingeführt werden kann, und die Vorbereitung des Bodens nothwendiger Weise weit weniger Arbeit erfordert, als da, wo derselbe über und über mit Wald bedeckt ist.
Man trifft auf diesen Ebnen verschiedne Ansiedler, welche beträchtliche Meiereien besitzen. Die Lage, sollte ich meinen, muß gesund und angenehm sein, Ersteres wegen der Erhabenheit und Trockenheit des Bodens; Letzteres wegen der schönen Aussicht, die sie auf das unter ihnen sich ausbreitende Land, besonders wo der Reis-See mit seinen mannigfaltigen Inseln und malerischen Ufern sichtbar ist, -- darbieten. Hügel und Thäler wechseln auf eine angenehme Weise mit einander ab, und der Boden ist bald sanft geneigt, bald schroff, ja fast abschüssig.
Ein amerikanischer Pachter, der an unserm Frühstück am folgenden Morgen Theil nahm, erzählte mir, daß diese Ebnen vormals ein berühmtes Jagdrevier der Indianer gewesen, die, um das Wachsthum der Waldbäume zu verhindern, dieselben von Jahr zu Jahr weggebrannt; hierdurch wurden im Verlauf der Zeit die jungen Bäume vernichtet und konnten sich mithin nicht wieder in derselben Ausdehnung anhäufen wie früher. Es blieb nur so viel stehen, als zur Bildung von Dickichten hinreichte; denn in diesen wählt das Wild heerdenweise seinen Aufenthalt, angelockt durch eine eigenthümliche hohe Grasart, womit die in Rede stehenden Ebnen bedeckt sind, es heißt Reh-Gras (^deer-grass^), und die davon fressenden Thiere werden zu gewissen Jahreszeiten außerordentlich fett davon.
Der Abend brach herein, ehe mir unser nächstes Nachtquartier, die Schenke an den Ufern des Reis-Sees, erreichten, so daß ich etwas von der schönen Scenerei einbüßte, welche diese artige Wasserfläche dem Auge darbietet, wenn man die Ebnen nach ihren Ufern zu hinabsteigt. Die flüchtigen Blicke, die mir dann und wann davon zu Theil wurden, hatte ich dem schwachen aber häufigen Wetterleuchten zu verdanken, welches den Horizont gegen Norden erhellte und gerade genug enthüllte, um mich bedauern zu machen, daß ich wegen der Dunkelheit an diesem Abend nicht mehr davon sehen konnte. Der Reis-See ist auf eine recht anmuthige Weise durch kleine bewaldete Inseln unterbrochen; das nördliche Ufer steigt vom Wasserrande sanft aufwärts. Im Angesicht von Sully, der Schenke, von wo aus das Dampfboot abgeht, welches den Otanabee hinaufsteuert, erblickt man verschiedne hübsche Niederlassungen; und jenseits des Indianer-Dorfes unterhalten die Missionaire eine Schule zur Erziehung und Unterrichtung der Indianer-Kinder. Manche von diesen können geläufig lesen und schreiben und haben in ihrer sittlichen und religiösen Bildung sichtbare Fortschritte gemacht. Sie sind gut und bequem gekleidet und wohnen in besonders für sie erbauten Häusern. Allein sie hängen immer noch zu sehr an ihrer wandernden Lebensweise, um gute und betriebsame Ansiedler abzugeben. Zu gewissen Zeiten im Jahre verlassen sie das Dorf und lagern sich in den Wäldern längs den Ufern jener Seen und Flüsse, wo sie auf Ueberfluß an Wild und Fischen rechnen können[17].
Die Reis-See und Schlamm-See-Indianer gehören, wie man mir sagt, zu den Tschippewas, allein die Züge von Schlauheit und kriegerischem Trotz, die früher dieses merkwürdige Volk charakterisirten, scheinen unter dem milderen Einfluß des Christenthums verschwunden zu sein.
Gewiß ist, daß die Einführung der christlichen Religion der größte Fortschrit zu Civilisirung und Verbesserung ist; ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, die Schranken des Vorurtheils und der Unwissenheit niederzubrechen und die Menschen zu einer allgemeinen Brüderschaft zu verbinden. Man hat mir gesagt, daß eine Zeitlang das Laster der Völlerei diesen neu bekehrten Wilden unbekannt gewesen, ja daß sie sich sogar des mäßigen Gebrauchs geistiger Getränke gewissenhaft enthalten. Diese Enthaltsamkeit wird von einigen Familien noch jetzt beobachtet; aber neuerdings hat sich die Trunkenheit wieder unter ihnen eingeschlichen, die allerdings ihren Glauben in Miscredit bringt. Man darf sich in der That kaum darüber wundern, daß der Indianer, wenn er diejenigen seiner Umgebung, welche sich Christen nennen, welche besser erzogen sind und den Vortheil einer civilisirten Gesellschaft genießen, dem erwähnten Laster bis zum Uebermaß fröhnen sieht, sich von seinem natürlichen Hange besiegen läßt und die Pflichten des Christenthums, das bei einigen wohl eben nicht tiefe Wurzel geschlagen haben mag, entgegenhandelt. Ich habe mich über die, diese lasterhafte Neigung der armen Indianer betreffenden Urtheile von Leuten, welche die ersten an der Tafel und bei Trinkgelagen waren, sowohl gewundert als geärgert; es schien mir, als halte man Leute von Erziehung und Bildung der Völlerei für weniger zurechnungsfähig als den halbcultivirten Wilden.
Man findet einige hübsche Ansiedlungen am Reis-See, indeß sollen seine Ufer der Gesundheit nicht zuträglich sein, und die Colonisten vorzüglich da, wo der Boden niedrig und morastig ist, häufig an Sumpf-Fiebern und Flüssen leiden. Einige schreiben die Ursache der eben genannten Uebel den umfangsreichen Reisbeeten zu, welche das Wasser stocken machen. Die Verdünstung von einer Wasserfläche, die fortwährend auf eine Masse faulender Pflanzen wirkt, muß allerdings die Constitution derjenigen schwächen, welche ihrem verderblichen Einfluß unmittelbar ausgesetzt sind.
Außer zahlreichen kleinen Wasserströmen, die hier zu Lande _Creeks_ heißen, ergießen sich zwei beträchtliche Flüsse, der Otanabee und der Trent in den Reis-See. Diese Flüsse sind durch eine Kette kleiner Seen mit einander verbunden, welche man auf einer guten Charte von der in Rede stehenden Provinz finden kann. Ich füge meinem Briefe einen Abriß bei, der zu Cobourg erschienen ist und Sie mit der Geographie dieser Abtheilung des Landes bekannt machen wird. Auf einem der kleinen Seen gedenken wir uns anzukaufen; denn sollten diese Gewässer schiffbar gemacht werden, wie man beabsichtigt, so dürften die Ländereien an ihren Ufern sehr einträglich für die Colonisten ausfallen; gegenwärtig sind sie durch große Granit- und Kalkstein-Blöcke, Stromschnellen und Catarakte unterbrochen, welche kein Fahrzeug außer Nachen und Böten mit flachem Kiel, zulassen und selbst diese sind wegen der vielen angedeuteten Hindernisse auf gewisse Strecken beschränkt. Durch Vertiefung des Fluß-Bettes und des Bodens der Seen, durch Bildung von Wehren in einigen Theilen, und durch Anlegung von Kanälen, würde dieser ganze Wasser-Bereich, bis zur Bay von Quinte, der Schifffahrt geöffnet werden können. Der Kostenbetrag würde natürlicher Weise bedeutend sein, und bevor nicht die Städte dieses Theils des Distriktes vollkommen organisirt sein werden, ist an die Ausführung eines solchen Riesen-Plans nicht zu denken, wie wünschenswerth sie auch sein mag.