Part 4
Ich wurde stündlich schlechter, bis mir die Schwester der Wirthin, ein treffliches junges Frauenzimmer, die mir schon zuvor große Aufmerksamkeit erzeigt, nach einem Arzt zu senden rieth; mein Gatte, der, als er mich so leiden sah, fast in Verzweiflung war, eilte sogleich fort, um den besten ärztlichen Beistand herbeizuholen. Nach einigem Verzug war ein Arzt ausfindig gemacht. Ich litt zu dieser Zeit furchtbare Qualen, fühlte mich aber nach einem Aderlaß und den nachfolgenden heftigen Krankheits-Anfällen etwas erleichtert. Ich will mich in keine umständliche Schilderung meiner Leiden einlassen, genüge es, zu sagen, daß sie fast unerträglich waren; aber Gott in seiner Gnade, obwohl er mich züchtigte und mit Schmerzen heimsuchte, wollte mich noch nicht sterben lassen. Von den weiblichen Gliedern des Hauses erfuhr ich die liebreichste Behandlung. Anstatt aus Furcht das Krankenzimmer zu fliehen, stritten sich die beiden irischen Mädchen fast mit einander, welche von beiden bei mir bleiben und meiner warten und pflegen sollte, während _Jane Taylor_, das zuvor erwähnte achtbare Frauenzimmer, mich von dem Augenblick an, wo meine Krankheit auf eine so beunruhigende Weise zunahm, bis zur eintretenden Besserung nicht eine Minute verließ und mit eigner Lebensgefahr, wenn der innere Kampf eintrat, in die Arme nahm, an ihre Brust drückte und abwechselnd bald mir zuredete, bald meinen armen trauernden Gatten zu trösten suchte.
Die angewendeten Mittel waren Aderlaß, Opium, blaue Pillen und ein Neutralsalz -- aber nicht das gewöhnliche Epsomer. Die Cur zeigte sich wirksam, wiewohl ich viele Stunden hindurch an heftigem Kopfweh und andern Zufällen litt. Die Schwäche und das leichte Fieber, welche an die Stelle der Cholera traten, fesselten mich einige Tage an das Bett; während der beiden ersten besuchte mich mein Arzt täglich viermal; er war sehr theilnehmend, und als er erfahren, daß ich die Gattin eines brittischen auf seinem Wege nach der oberen Provinz begriffnen Offiziers sei, schien er sich für meine Wiedergenesung mehr als jemals zu interessiren, und zeigte eine Theilnahme für uns, die unsern Gefühlen äußerst wohlthätig war. Nach einem lästigen Krankenlager von mehren Tagen wurde ich endlich für so weit genesen erklärt, um meine Reise antreten zu können, indeß war ich noch sehr schwach und konnte mich kaum aufrecht erhalten.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als der Postwagen, der uns nach Lachine, die ersten neun (englischen) Meilen unsrer Reiseroute, führen sollte, vor der Thür des Gasthofs erschien, und wir von einem Orte, wo wir der angstvollen Stunden so viele, der fröhlichen so wenige erlebt, Abschied nahmen. Indeß war uns von unsern Umgebungen im Gasthofe, obgleich vollkommnen Fremden, viel Liebes und Gutes wiederfahren, wir hatten uns jener Gastfreundschaft erfreut, wegen welcher Montreal so oft gerühmt worden ist.
Ich habe vergessen, Ihnen in meinem letzten Briefe zu sagen, daß wir Bekanntschaft mit einem höchst achtbaren Kaufmann an diesem Platze gemacht, der uns sehr nützliche Belehrung über viele Dinge ertheilt und bei seiner Gattin, einem äußerst gebildeten und vollendeten jungen Frauenzimmer eingeführt hat. Während unsrer kurzen Bekanntschaft brachten wir, sehr zu unsrer Zufriedenheit, einige angenehme Stunden in ihrem Hause zu.
Ich genoß des frischen Luftstroms vom Flusse her, längs welchem sich die Fahrstraße hinzieht. Es war ein herrlicher Anblick, die unbewölkte Sonne hinter der fernen Bergkette emporsteigen zu sehen; unter uns lagen die wild brausenden Stromschnellen, dort die Insel _St. Anne's_, welche uns an _Moore's_ canadisches Bootsmanns-Liedchen »Laßt zu St. _Anne's_ uns singen den Abschiedsgesang« u. s. w. erinnerte.
Das Ufer des St. Laurence, längs welchem unser Weg liegt, ist hier erhabner als bei Montreal, auf seiner Höhe mit Buschholz bekleidet und gelegentlich durch schmale Abzugs-Gräben zum Ableiten des Wassers unterbrochen. Der Boden war, so viel als ich davon sehen konnte, sandig oder leichtlehmig. Ich sah hier zuerst die wilde Weinrebe sich zwischen den jungen Bäumchen hinranken, deßgleichen Brombeerbüsche und einen Ueberfluß von jener hohen gelben Blume, die wir Goldruthe (^Solidago virga aurea^) nennen, ferner das weiße Gnaphalium (Ruhrkraut), dasselbe, woraus die französischen und schweizer Bauer-Mädchen Kränze zur Schmückung der Gräber ihrer Freunde flechten und die sie _Immortelle_ (Unsterblichkeitsblume) nennen[10]; endlich eine hohe, purpurblumige Baldrian-Art, die auf den Feldern unter dem Korn eben so häufig steht, als die Ochsenzunge auf unsern leichten Sandfeldern in England.
Zu Lachine stiegen wir aus dem Postwagen und gingen an Bord eines Dampfboots, eines recht hübschen und mit jeder Bequemlichkeit versehnen Fahrzeugs. Die Fahrt den Fluß hinauf machte mir viel Freude, und überhaupt würde ich die Reise sehr angenehm gefunden haben, wäre ich nicht durch meine nur erst überstandne Krankheit so sehr geschwächt gewesen, daß mir die holperigen Straßen sehr viel zu schaffen machten. Das Fuhrwerk anlangend, ein canadischer Postwagen, so verdient es weit größeres Lob, als Reisende ihm gewöhnlich zu ertheilen beliebt haben, und es ist für die Wege, auf welchen es hin- und hergeht, so wohl geeignet, daß ich zweifle, ob es mit einem zweckmäßigeren vertauscht werden könne. Dieser Wagen faßt neun Personen: drei hinten, drei vorn, und drei in der Mitte; der Mittel-Sitz, welcher in breiten Lederriemen hängt, ist bei weitem der bequemste, und hat für die Inhaber nur den Nachtheil daß sie durch das Aus- und Einsteigen der Passagiere gestört werden.
Gewiß ist das Reisen mit so weniger Störung für den Passagier als möglich verbunden, hat man sein Passagier-Geld zu Prescott entrichtet, so braucht man für weiter nichts zu sorgen. So wie der Reisende das Dampfboot verläßt, steht auch schon der Postwagen zur Aufnahme seiner Person und seines Gepäckes, das auf ein gewisses Verhältniß beschränkt ist, bereit; ist der Postwagen an Ort und Stelle angelangt, so ist wieder das Dampfboot da, wo man jede Bequemlichkeit findet.
Außer ihrer eignen Ladung nehmen die Dampfschiffe stromaufwärts in der Regel verschiedne andre Fahrzeuge ins Schlepptau. Wir bugsirten zu einer Zeit drei Durham-Böte und überdies mehre kleine Nachen, die dem Auge jedenfalls Abwechselung und Unterhaltung gewährten.
Mit Ausnahme von Quebek und Montreal, muß ich der obern Provinz den Vorzug geben. Die Scenerei, wenn auch nicht so großartig, ist doch mehr geeignet, dem Auge zu gefallen, indem sich überall Spuren von reger Betriebsamkeit, Fülle und Fruchtbarkeit zeigt. Wenn ich im Postwagen auf der Straße dahinrolle, entzücken mich die Nettigkeit, Reinlichkeit und das bequeme, behagliche Ansehn der Bauerhütten und Meiereien. Log-Häuser oder Shanty's kommen nur selten vor, an ihre Stelle sind hübsch gezimmerte, in besserem Styl gebaute und oft mit Bleiweiß oder blaßerbsgrün angestrichne Wohnungen getreten. Im Umkreise dieser Hausstätten erblickt man Obstgärten, deren Bäume von der reichen Last, -- Aepfel, Pflaumen, und der amerikanische Holzapfel, jene schöne scharlachrothe Frucht, die wir im Vaterlande so häufig eingemacht als Dessert genießen, -- niedergebogen waren.
Hier gewahrt man kein Zeichen von Armuth oder dem in ihrem Gefolge einhergehenden Elend; keine zerlumpten, schmuzigen Kinder wälzen sich im Kothe oder Staube herum; wohl aber stößt man auf manche hübsche, vor der Hüttenthür spinnende Dirne, mit ihren glänzenden Augen und wohlgeordneten Flechten, während die jüngeren Mädchen auf dem grünen Schwaden oder der Hausschwelle sitzen und stricken und lustig wie die Vöglein bei ihrer Arbeit singen.
Die großen Spinnräder, welche hier zu Lande zum Spinnen der Wolle üblich sind, haben etwas sehr Malerisches, und wenn die canadischen Mädchen auf gefällige Haltung des Körpers und zierliche Bewegungen bedacht wären, so könnte nichts geeigneter sein, eine schöne Körperform in vortheilhaftestem Lichte zu zeigen, als das Spinnen mit diesem Rade. Die Spinnerin sitzt nicht, sondern geht hin und her, zieht das Garn mit der einen Hand aus und dreht mit der andern das Rad.
Ich bemerkte oft, wenn wir an den Meier-Hütten vorüber kamen, Garn von verschiedner Farbe an den Einfriedigungen der Gärten und Obstpflanzungen zum Trocknen aufgehängt, allerlei Farben: Grün, Blau, Purpur, Braun, Roth und Weiß wechselten mit einander ab. Eine artige Wirthin, vor deren Schenke wir hielten, um die Pferde zu wechseln, sagte mir, daß dieses Garn erst gesponnen und nachmals von den Hausfrauen, bevor es auf den Webestuhl komme, gefärbt werde. Sie zeigte mir einige Proben von dergleichen haussponnenen Zeugen, die sich in der That nicht übel ausnahmen. Die Farbe war ein mattes Dunkelbraun, und die Wolle rührte von einer schwarzen Schaf-Gattung her. Diese Zeuge werden auf verschiedne Weise für den Familien-Bedarf verwendet.
»Jede kleine Hausstätte, die Sie sehen,« belehrte sie mich, »hat ihren Antheil Land und mithin auch ihre Schaf-Heerde; und da die Kinder sehr frühzeitig spinnen, stricken und das Garn färben lernen, so sind die Aeltern auch im Stande, sich und ihre kleine Familie stets gut und bequem zu bekleiden.
Viele von eben diesen Meiereien, die jetzt einen so gedeihlichen Zustand zeigen, waren noch vor dreißig Jahren Wildnisse, indianische Jagd-Reviere; -- die Betriebsamkeit und der Fleiß der Ansiedler, und darunter mancher armen Leute, die in ihrer Heimath keine Ruthe eignes Land besaßen, haben diese Veränderungen bewirkt.«
Die Gedanken-Folge, welche die Worte dieser guten Frau in mir veranlaßten, war eine sehr erfreuliche. »Wir sind,« dachte ich, »ebenfalls im Begriff, uncultivirtes Land zu kaufen, und sollten wir nicht mit der Zeit unsre zukünftige Meierei diesen fruchtbaren Stätten gleichen sehen. Gewiß ist es ein gesegnetes glückliches Land, in das wir ausgewandert sind, sprach ich bei mir, in Verfolgung der angenehmen Idee, »ein Land, wo jede Hütte Ueberfluß an den Bequemlichkeiten und nöthigen Erfordernissen des Lebens hat.«
Ich übersah vielleicht zu dieser Zeit die Mühe, die Beschwerden, die Entbehrungen, denen diese Ansiedler, als sie zuerst hier angelangt, ausgesetzt gewesen waren. Ich sah das Land blos im Geiste, wie es nach einer ziemlichen Reihe von Jahren und unter einem hohen Cultur-Zustande erscheinen dürfte; vielleicht in den Händen ihrer Kinder oder ihrer Kindes Kinder, nachdem die von Arbeit und Mühseligkeiten aufgeriebnen Aeltern schon längst schlafen gegangen waren.
Unter andern Gegenständen wurde meine Aufmerksamkeit durch offne Begräbnißplätze an der Straße in Anspruch genommen. Freundliche grüne Hügel, von Wald- und andern hübschen Bäumen umgeben, enthielten die Gräber einer Familie und vielleicht einiger theuren Freunde, die ruhig unter dem Rasen neben ihr schlummerten. Mochte auch der Boden nicht geweiht sein, so war er doch durch die Thränen und Gebete von Aeltern und Kindern geheiligt.
Diese Familien-Gräber wurden mir noch interessanter, als ich erfuhr, daß, wenn eine Meierei von einem Fremden käuflich in Beschlag genommen wird, der frühere Besitzer sich in der Regel das Recht ausbedingt, seine Todten auf dem dazu gehörigen Begräbnißplatze beerdigen zu dürfen.
Sie müssen Nachsicht mit mir haben, Beste Mutter, wenn ich gelegentlich bei Kleinigkeiten verweile. Für mich ist nichts ohne Interesse, was das Gepräge der Neuheit an sich trägt. Selbst die Lehm-Oefen, welche auf vier Beinen in geringer Entfernung von den Häusern stehen, blieben im Vorbeifahren nicht unbemerkt von mir. Fehlt es an einem dergleichen Ofen vor dem Hause, so wird das Brod in großen eisernen Bottigen oder Töpfen, sogenannten Back-Kesseln (^Bake-kettles^) gebacken. Ich habe bereits ein Brod, so dick wie ein Scheffel-Maaß, auf dem Heerde in einem solchen Kessel backen sehen, und auch davon gekostet; allein ich glaube, der eingesperrte Dampf giebt dem Brode einen etwas eigenthümlichen Geschmack, den man an den in Ziegel- oder Lehm-Oefen gebacknen Broden nicht wahrnimmt. Anfangs konnte ich aus diesen, auf vier Füßen ruhenden, seltsam aussehenden kleinen runden Gebäuden nicht recht klug werden, ich hielt sie für Bienen-Stöcke, bis ich eine Bauersfrau einige noch kochendheiße Brode aus einem solchen Ofen, der ein unbebautes Fleckchen auf der Straßen-Seite, etwa funfzig Schritt von der Hütte entfernt, einnahm, herauslangen sah.
Außer den Oefen hat jedes Haus einen Ziehbrunnen, ganz in der Nähe. Diese Brunnen wichen in der Einrichtung zum Emporheben des Wassers von denen ab, die ich in England gesehen. Der Plan ist sehr einfach: -- eine lange Stange, auf einem Pfahle spielend, dient als Hebel zum Heraufziehen des Eimers, und das Wasser kann so von einem Kinde mit leichter Mühe emporgehoben werden. Diese Methode ziehen einige sowohl dem Seil als der Kette vor; sie kann von Jedermann ins Werk gesetzt werden, es bedarf nur der Befestigung und Verbindung der Stangen. Ich erwähne dies blos, als Beispiel von dem Erfindungsgeist der Bewohner des Landes, um nur zu zeigen, wie angemessen ihre Verfahrungsweisen ihren Mitteln sind[11].
Die prächtige Erscheinung der Stromschnellen des St. Laurence, bei dessen Cascade die Straße auf der Höhe des Ufers eine schöne Aussicht beherrscht, erfreute uns in hohem Grade. Ein Versuch von mir, Ihnen diese großen, in wildem Aufruhr begriffnen Wasserschichten, welche hier vorüberbrausen, zu schildern, würde weit hinter der Wirklichkeit zurück bleiben. _Harrison_ hat diese Scene in seinem Werke über Ober-Canada, welches Ihnen, meines Wissens, wohl bekannt ist, sehr genau geschildert. Ich bedauerte nur, daß wir nicht einige Zeit weilen konnten, um unsre Augen an einem so großartigen und wildem Schauspiel zu weiden, wie es der Fluß hier darbietet; aber ein canadischer Postwagen wartet auf Niemand, und so mußten wir uns mit einem flüchtigen Anblick dieser berühmten Stromschnellen begnügen.
Wir schifften uns zu Couteau du Lac ein und erreichten Cornwall spät an demselben Abend. Einige von den Postwagen gehen des Nachts ab; allein ich war zu ermüdet, um diesen Abend eine Reise von neunundvierzig (englischen) Meilen auf canadischen Straßen antreten zu können. Unserm Beispiel folgte eine verwittwete Dame mit ihrer kleinen Familie.
Es hielt etwas schwer, eine Herberge für die Nacht zu finden, die Gasthöfe waren mit Reisenden gefüllt; hier erfuhren wir zum erstenmal etwas von jenem, dem Amerikaner, jedoch ohne Zweifel zu allgemein, zur Last gelegten tadelnswürdigen Benehmen. Unser Wirth schien im Betreff der Bequemlichkeit seiner Gäste vollkommen gleichgültig, sie mußten entweder sich selbst bedienen, oder ihre Bedürfnisse blieben unbefriedigt. Der Mangel an weiblicher Bedienung in diesen Anstalten ist für reisende Damen äußerst fühlbar und verdrießlich. Die Weiber lassen sich gar nicht sehen, oder behandeln die fremden Gäste mit einer Kälte und Gleichgültigkeit, daß man mit ihren Diensten eben nicht zufrieden sein kann.
Nachdem es mir, nicht ohne Schwierigkeit, geglückt war, der Wirthin des Gasthauses zu Cornwall ansichtig zu werden, bat ich sie, mir ein Zimmer anzuweisen, wo wir übernachten könnten, sie that dies, aber mit einer höchst ungefälligen Miene, indem sie auf eine Thür deutete, die sich in ein kleines Käfter öffnete, das ein Bett ohne Vorhänge, einen Stuhl aber keinen Waschtisch enthielt. Da sie meinen Verdruß bei Erblickung dieses ungastlichen Schlafgemachs wahrnahm, bemerkte sie ganz lakonisch, daß ich keine Wahl hätte, ich müßte es denn vorziehen, in einem Zimmer mit vier Betten zu schlafen, wovon bereits drei -- und zwar von Männern, in Beschlag genommen waren. Diese Alternative lehnte ich etwas unwillig ab und zog mich in eben nicht besondrer Laune in das mir angewiesne Schlafgemach zurück, wo unwillkommne Bettbewohner die ganze Nacht hindurch uns hinderten, unsre müden Augenlider zu schließen.
Wir nahmen ein zeitiges und hastiges Frühstück ein und traten unsre Reise wieder an. Diesmal bestand die Reisegesellschaft aus meiner Wenigkeit, meinem Gatten, einer Dame nebst Gemahl, drei kleinen Kindern und einem einmonatlichen Säugling, die insgesammt, vom Aeltesten bis zum Jüngsten, am Keuchhusten litten; zwei großen cumberländischen Bergleuten und einem französischen Lootsen nebst seinem Begleiter; -- letztrer war ein großes, amphibienartig aussehendes Ungeheuer, das in den Wagen sprang und sich in eine Ecke quetschte, indem es dem Postillion, der damit einverstanden war, und alle Gegenvorstellungen gegen dieses unerwartete Eindrängen unbeachtet ließ, auf eine comische Weise angreinte; der Postillion schwang seine Peitsche mit gewaltigem Knall, womit zwei reisende Amerikaner, die zu beiden Seiten der Gasthofthür standen, nicht eben zufrieden zu sein schienen; diese Herren hatten ihre Hüte weder in den Händen, noch zur Zeit auf dem Kopfe, sondern sie trugen dieselben an einem um einen Westenknopf geschlungenen Bande, so daß sie ziemlich unter den Arm hingen. Diese Mode habe ich seitdem öfter beobachtet und glaube, daß, wenn _Johnny Gilpin_ die nämliche weise Vorsicht angewendet, er sowohl seinen Hut als seine Perücke gerettet haben würde.
Die Reise dieses Tages war für mich schrecklich ermüdend, ich wurde buchstäblich braun und blau gequetscht und gestoßen. Die ausnehmend große Hitze machte uns sehr viel zu schaffen, und wir hätten die Gesellschaft von zwei unsrer massiven Reisegefährten mit wahrem Vergnügen entbehrt.
Abends um fünf Uhr desselben Nachmittags erreichten wir Prescott, wo wir im Gasthause eine gute Aufnahme fanden; die weiblichen Dienstboten waren sämmtlich Engländerinnen und schienen in Aufmerksamkeit gegen uns mit einander zu wetteifern.
In der Stadt Prescott sahen wir wenig, was uns hätte interessiren oder gefallen können. Nach einem trefflichen Frühstück, schifften wir uns an Bord des _Great Britain_ (Großbritanien) ein, es war das schönste Dampfboot, welches mir bis jetzt zu Gesicht gekommen, und hier gesellten sich unsre neuen Freunde zu uns, was uns große Freude machte.
Zu Brockville trafen wir gerade zu rechter Zeit ein, um ein Schiff von Stapel laufen zu sehn, -- für mich ein ganz neuer Anblick. Es war ein äußerst lebhaftes erfreuliches Schauspiel. Die Sonne schien in vollem Glanze auf die herbeiströmende Menge, die sich in ihrem Sonntagsstaate nach dem Ufer drängte; die Kirchenglocken tönten lustig darein und vermischten ihr Geläute mit der Musik vom Deck des bunt bemalten Fahrzeugs, das mit seinen im Winde flatternden Wimpeln und ausgespannten Segeln und einer wohlgekleideten Gesellschaft an Bord, vom Stapel zu laufen im Begriff war.
Um die Wirkung noch zu erhöhen, wurde von einem einstweiligen, für diese Gelegenheit auf einem kleinen Felsen-Eiland vor der Stadt errichteten Castell eine Salve gegeben. Der Schoner (ein zweimastiges Fahrzeug) glitt stattlich ins Wasser und empfing so zu sagen mit Freuden die Umarmung des Elements, welches ihm zukünftig unterworfen sein sollte. Es war ein höchst interessanter Moment. Der neue stattliche Schwimmer wurde mit drei Hurrahs von der Schiffsgesellschaft des Great Britain, einer Salve vom kleinen Castell und dem fröhlichen Geläute der Glocken begrüßt; letztre ertönten zugleich zu Ehren einer hübschen Braut, die, auf einer Lustreise nach den Fällen des Niagara begriffen, mit ihrem Bräutigam an Bord kam.
Brockville liegt gerade an der Mündung des Sees der tausend Inseln und gewährt, vom Wasser aus gesehen, einen hübschen Anblick. Die Stadt hat, wie man mir erzählt, im Verlauf der letzten wenigen Jahre reißend schnell an Größe und Wohlstand zugenommen und scheint ein Platz von Wichtigkeit werden zu wollen.
Die Ufer des St. Laurence werden, indem man zwischen den tausend Inseln vorwärts steuert, felsiger und malerischer, und die Inseln selbst bieten jede Abwechselung von Waldung und Gestein dar. Das Dampfschiff landete zur Einnahme von Brennholz in der Nähe eines kleinen Dorfes auf der amerikanischen Seite des Flusses, wo wir auch fünfundzwanzig schöne Pferde, die in Cobourg und York zum Verkauf ausgeboten werden sollen, an Bord nahmen.
In dem amerikanischen Dorfe selbst war nichts der Beobachtung Werthes zu sehen, ausgenommen eine Neuheit, die mich in der That belustigte; nämlich jedes Haus hatte sein eignes Model oder Ebenbild, ein kleines winziges Häuschen von Holz, -- nicht größer und stärker als ein Puppenhäuschen[12], (^a baby-house^) vorn am Dache oder Giebel-Ende befestigt. Wie ich nachmals von einem Herrn auf dem Schiffe erfuhr, waren diese Puppenhäuschen, wie ich sie zu nennen beliebte, für die Schwalben zum Hineinnisten bestimmt[13].
Es war Mitternacht, als wir vor Kingston vorbeisegelten und so sah ich natürlicher Weise nichts von diesem »Schlüssel zu den Seen«[14], wie ich es habe nennen hören. Bei meinem Erwachen am nächsten Morgen glitt das Dampfschiff stattlich durch die Fluthen des Ontario, und ich empfand eine leichte Anwandlung von Unpäßlichkeit.
Wenn das Wasser des Sees in Aufruhr ist, wie dies bisweilen bei heftigem Winde geschieht, so glaubt man sich auf ein sturmgepeitschtes Meer versetzt.
Die Ufer des Ontario sind sehr schön, Hügel und Thäler, mit herrlichen Waldungen bekleidet oder durch Fleckchen angebauten Bodens und hübsche Wohnhäuser belebt, wechseln in sanften Wellen-Linien mit einander ab. Um zehn Uhr erreichten wir Cobourg.
Cobourg, wo wir uns gegenwärtig befinden, ist ein nett gebautes und blühendes Städtchen, das manche stattliche Vorraths-Häuser, Mühlen, eine Wechselbank und eine Druckerei enthält, letztere giebt ein Wochenblatt heraus. Desgleichen findet man hier eine recht hübsche Kirche und eine ausgewählte Gesellschaft, da viele achtbare Familien in oder unweit der Stadt ihre Wohnung gewählt haben.
Morgen verlassen wir Cobourg und werden unsern Weg nach Peterborough nehmen, von wo aus ich wieder zu schreiben gedenke, um sie von unserm zukünftigen Abentheuern zu benachrichtigen, die wir wahrscheinlich an einem der kleinen Seen des Otanabee erfahren werden.
Fußnoten:
[6] Es sind seitdem einige treffliche Kais vollendet worden.
[7] Dieser Graben ist seitdem überwölbt worden, es befindet sich jetzt ein Markt darüber.
[8] Herr _M'Gregor_, in seinem Brittischen Amerika, ^vol. II. p. 504^, giebt uns von Montreal nachstehende Beschreibung: --
»Zwischen dem Königlichen Berge und dem Flusse, auf einer sanft aufsteigenden Felsen-Firste, steht die Stadt. Mit Einschluß der Vorstädte ist sie von größrer Ausdehnung als Quebek. Beide Städte weichen in ihrer Erscheinung sehr von einander ab; die niedrigen Ufer des St. Laurence zu Montreal entbehren der Grauen erregenden, sich über sie thürmenden Klippen und all jener romantischen Erhabenheit, wodurch sich Quebek auszeichnet.
»Montreal hat keine Kais, und die Schiffe und Dampfböte liegen ruhig in ziemlich tiefem Wasser hart an dem lehmigen und im Allgemeinen kothigen Ufer der Stadt. Die ganze Unterstadt nehmen düster aussehende Häuser, mit dunkeln eisernen Fensterläden; und wenn sie auch im Ganzen etwas reinlicher ist als Quebek, so ist sie doch immer sehr schmutzig; die Straßen sind eng und schlecht gepflastert, und die Fußpfade durch schräg geneigte Kellerthüren und andre Vorsprünge unterbrochen.
»Es ist unmöglich,« sagt Mr. _Talbot_ in seinen ^Five Years, Residence^, »an einem Sonn- oder Festtage die Straßen von Montreal zu durchwandern, ohne daß man die düstersten Eindrücke erhielte; die ganze Stadt erscheint wie ein großes Gefängniß;« er spielt hier auf die eisernen Fensterladen und Außenthüren an, von welchen man Gebrauch macht, um den Wirkungen von Feuersbrünsten zu begegnen.
[9] Dies ist noch nicht eins der vornehmsten Hotels, in letztern beträgt der Preis für Kost und Logis täglich anderthalb Dollar.
[10] Bei den Amerikanern heißt sie ^the life-everlasting^.
[11] Diese Brunnen sind keineswegs die Erfindung jener Ansiedler, man sieht dergleichen fast überall in Europa; in Deutschland kommen sie häufig auf den Dörfern vor.
[12] ^a doll-house.^