Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin.

Part 22

Chapter 223,510 wordsPublic domain

Ich interessire mich gegenwärtig nicht wenig für einen jungen Schotten, der von England hierher gekommen ist, um die canadische Feldwirthschaft zu lernen; der arme Junge hatte sich höchst romantische Vorstellungen von dem Leben eines Ansiedlers gebildet, und zwar theils aus den Berichten, die er gelesen, theils durch eine lebhafte Phantasie verführt, welche die Täuschung vollendet und in ihm den Glauben erzeugt hatte, daß er seine Zeit hauptsächlich mit den bezaubernden Vergnügungen und Abentheuern, welche die Jagd auf Rehe und andres Wild, das Schießen nach Tauben und Enten, das Erlegen des Fuchses mit dem Speer, bei Fackellicht, das Umhersteuern auf den Seen in einem Canoe von Birkenrinde während des Sommers, das Schlittschuhlaufen oder Schlittenfahren, nach Art der Lappländer, über den gefrornen Schnee, mit einer Schnelligkeit von zwölf (englischen) Meilen, und unter dem muntern Geläute von Glöckchen und Schellen u. s. w. darbieten, zubringen werde. Welch anmuthiges Leben, um einen Knaben von vierzehn Jahren für sich einzunehmen, der eben erst den lästigen Beschränkungen einer Pensions-Anstalt entflohen ist.

Wie wenig mochte ihn von den Plackerein und Mühseligkeiten träumen, welche von den Pflichten eines Burschen seines Alters in einem Lande, wo Alt und Jung, Herr und Diener in gleichem Grade, und ohne Rücksicht auf frühere Lage und Rang, Hand ans Werk legen müssen, unzertrennlich sind.

Hier muß der Sohn eines Gentleman selbst Holz spellen und Wasser hohlen; er lernt hier Bäume fällen, Holzpfeiler errichten, Gitterwerk zuschneiden, das Feuer während der Brenn-Zeit bewachen, und ist dabei in einen groben Ueberwurf von hanfnem Zeuge (^logging-shirt^) und entsprechende Pantalons gekleidet, und mit einem Yankie-Strohhut auf dem Kopfe und einem Spieß zur Handhabung der lodernden Feuerbrändte versehen. Beschicken, Anschirren und Führen des Zugviehs, Pflügen, Säen, das Pflanzen von indianischem Korn und Kürbissen, das Legen von Kartoffeln gehört unter die Verrichtungen des jungen Emigranten. Seine Erholungen sind vergleichungsweise nur wenige, allein eben wegen ihrer Seltenheit haben sie einen um so viel größeren Reiz, und gewähren einen um so größeren Genuß.

Sie können sich denken, wie der arme Junge niedergeschlagen sein mußte, als er seine schönen Träume von Belustigungen aller Art, vor der ernsten, nüchternen Wirklichkeit und der mühseligen Geschäftigkeit, welche einem jungen Ansiedler in den Urwäldern obliegt, in Nichts zerrinnen sah.

Jugend ist indeß das passendste Alter zur Auswanderung in dieses Land; der Mensch fügt sich dann bald in seine neue Lage und versöhnt sich nicht nur im Verlauf der Zeit mit der Veränderung seiner Lebens-Verhältnisse, sondern gewinnt sie sogar lieb. Einen Trost gewährt es ihm auch, wenn er sieht, daß er nicht mehr thut, als andre von gleichen Ansprüchen auf Rang und Erziehung verrichten müssen, wenn sie fortkommen und gedeihen wollen; und vielleicht wird er in der Zukunft das Land segnen und preisen, welches ihn von einem Theil jenes dummen Stolzes befreit hat, welcher ihn mit Verachtung auf diejenigen herabblicken machte, deren Beschäftigungen von niedrer Art waren.

Es wäre ein himmelschreiendes Unrecht, wenn man Leute, welche auszuwandern wünschen, mit falschen und schmeichelnden Gemälden von den in diesem Lande zu erwartenden Vortheilen vorsätzlich hintergehen wollte. Man mache sie in seinen Berichten mit dem Für und Wider genau bekannt; und der Leser brauche seinen besten, von Vorurtheilen oder Gewinnsucht in einer Sache von solcher Wichtigkeit nicht sowohl für ihn selbst, sondern auch für diejenigen, zu deren Führer und Beschützer ihn die Natur bestimmt hat, unbehinderten Verstand. Es ist indeß weit schwieriger über Auswanderung und die damit verbundnen Umstände zu schreiben, als viele sich einbilden; der Gegenstand umfaßt ein so weites Feld, daß, was in Bezug auf einen Theil der Provinz vollkommen richtig sein mag, dieses hinsichtlich eines andern keineswegs sein dürfte. Ein Distrikt unterscheidet sich von dem andern, ein Gemeinde-Bezirk von dem andern, je nach seinen natürlichen Vortheilen; es frägt sich hier, ob er seit langer Zeit angesiedelt ist oder nicht, ob er Wasser besitzt oder nicht; der Boden, ja selbst das Klima sind je nach Lage und andern Umständen verschieden.

Viel, sehr viel hängt hier von dem Temperament, der Gewohnheit und dem Charakter der Emigrantin selbst ab. Was dem einen frommt, paßt nicht auch für den andern; eine Familie wird gedeihen, und alle Bequemlichkeiten um ihre Wohnstätte her versammeln, während andere in Armuth und Mißmuth leben. Es würden ganze Bände nöthig sein, um jedes Argument für und wider zu erörtern, und genau anzugeben, welche Personen sich zur Auswanderung eignen, und welche nicht.

Haben Sie ^Dr.^ _Dunlop's_ geistreich und witzig geschriebnen »^Backwoodsman^« gelesen? Sollte dies nicht der Fall sein, so suchen Sie ihn so bald als möglich zu bekommen, er wird Sie unterhalten. Ich denke eine Urwaldsiedlerin (^Backwoodswoman^) könnte in demselben Tone geschrieben werden; einige Seiten, die Geschichte von dergleichen Damen enthaltend, würden als Beispiel für unser Geschlecht dienen. In der That bedürfen wir einiger heilsamen Ermahnungen hinsichtlich unsrer Pflichten so wie der Thorheit, zu bereuen, daß wir unsern Gatten gefolgt sind und ihr Loos mit ihnen theilen, daß wir denen gefolgt sind, welchen wir einst in glücklichern Stunden ewige Liebe und Treue -- in Reichthum und Armuth, in Leiden und Freuden, Gesundheit und Krankheit -- angelobt haben. Nur zu viele thun dieses Gelübde, ohne seine Wichtigkeit zu bedenken und ohne die Zufälligkeiten zu berechnen, welche ihre Treue auf eine harte Probe setzen dürften, wie z. B. wenn es sich darum handelt, Verwandte, Freunde und Vaterland zu verlassen und sich dem harten Loose eines Ansiedler-Lebens zu unterziehen; gewiß kein geringes Opfer; allein die treue liebende Gattin wird es bringen, ja sie wird sich zu noch größeren Schwierigkeiten verstehen, wenn es der Mann ihrer Wahl von ihr fordert.

Allein es ist Zeit, daß ich Ihnen Lebewohl sage; mein Brief ist zu einem furchtbaren Packet angeschwollen, er wird Sie gewiß langweilen, und Sie werden ihn auf den Boden des atlantischen Oceans herabwünschen.

Fußnoten:

[57] Siehe den Anhang.

Sechszehnter Brief.

Indianische Jäger. -- Segel auf einem Canoe. -- Mangel an Bibliotheken in den Urwäldern. -- Neues Dorf. -- Fortschritte und Verbesserungen. -- Leuchtende Insekten (Johanniswürmchen.)

Ich habe Ihnen in einem früheren Briefe von einem Winter-Besuch bei den Indianern erzählt; ich will Ihnen jetzt Einiges über ihr Sommer-Lager mittheilen, das ich an einem schönen Juni-Nachmittage in Begleitung meines Gatten und einiger Freunde, die zu uns kamen, um den Tag mit uns zuzubringen, in Augenschein genommen habe.

Die Indianer hatten ihr Lager auf einer kleinen, zwischen den beiden Seen hervorspringenden Halbinsel aufgeschlagen; unser nächster Weg dahin würde durch den Busch geführt haben, allein der Boden war so mit umgestürzten Bäumen bestreut, daß wir eine Fahrt im Canoe vorzogen. Der Tag war warm, ohne drückend heiß zu sein, wie dies nur zu oft während der Sommer-Monate der Fall ist; und o Wunder! die Musquitos und schwarzen Stechfliegen waren so höflich, daß sie uns gar nicht beschwerlich fielen. Unsre leichte Barke glitt leicht und ruhig über die ruhige Wasserfläche im Schatten der überhängenden Aeste von Cedern, Schierlingstannen und Balsampappeln, welche köstliche Wohlgerüche verbreiten, wenn die wehenden Lüfte durch ihre Laubkrone streichen. Ein Beet blauer Schwertlilien (^iris^), untermengt mit schneeweißen Nymphäen, über die unser Canoe wegsegelte, entzückte mein Auge. Als wir um einen felsigen Ufervorsprung gesteuert waren, sahen wir den dünnen bläulichen Rauch aus dem Indianer-Lager sich über die Bäume kräuseln, und bald war unser Canoe sicher an einem derselben, auf der Seite des Indianer-Lagers, angelegt, und mit Hülfe der weitspreizigen Zweige und des Unterholzes gelang es mir, mich einen steilen Pfad hinan zu arbeiten, und bald stand ich gerade vor dem Zelte. Es war Sonntag Nachmittags; sämmtliche Männer waren zu Hause; einige der jüngern Familien-Glieder (drei Familien bewohnten den Wigwam) warfen zum Zeitvertreib den Tomahawk nach einer Kerbe, die in die Rinde eines fern stehenden Baums gehauen war, oder schossen mit ihren Bogen und Pfeilen nach dem Ziele, während die ältern theils auf ihren Bettdecken im Schatten schliefen, theils lasen, theils rauchten und die Geschicklichkeit der jungen, mit einander wetteifernden Schützen ernsten Auges prüften.

Blos eine von den Squaws war zu Hause, und zwar meine alte Freundin, die Gattin des Jägers, die auf einer Bettdecke saß; ihr jüngstes Kind, der kleine _David_, eine Papouse von drei Jahren, die noch nicht entwöhnt war, ruhte zwischen ihren Füßen; sie beäugelte ihn oft mit liebevollen zärtlichen Blicken, und klopfte ihn von Zeit zu Zeit sanft auf das zottige Köpfchen. _Peter_, der eine Art angesehner Mann, wenn auch gerade kein Häuptling ist, saß neben seiner Frau, in einen hübschen blauen Schlafrock gekleidet, den eine rothe gewirkte Binde über der Hüfte zusammen hielt. Er rauchte aus einer kurzen Pfeife und betrachtete die vor der Thür des Zeltes versammelte Gesellschaft mit einem Ausdruck ruhiger Theilnahme; bisweilen nahm er seine Pfeife auf einige Augenblicke aus dem Munde und bezeichnete durch eine Art innern Ausruf den Erfolg oder das Fehlschlagen der Versuche seiner Söhne, das Ziel am Baume zu treffen. Die alte Squaw, winkte mir, sobald sie meiner ansichtig wurde, zu, näher zu treten und gab mir mit wohlmeinendem Lächeln zu verstehen, indem sie auf eine freie Stelle ihrer Bettdecke hinwieß, daß ich neben ihr Platz nehmen möchte, was ich auch that. Die Durchmusterung des Wigwams und seiner Bewohner machten mir viel Unterhaltung. Das Gebäude war von länglicher Form, und an beiden Enden offen, jedoch wurden die Oeffnungen, wie man mir sagte, des Nachts durch Tücher oder Matten verschlossen; der obere Theil des Dachs war ebenfalls offen; die Seitenwände bestanden aus rohem Pfahlwerk mit großen Schichten zwischen die Stöcke, welche das Gerippe des Zeltes bildeten, gezogner Birkenrinde; eine lange dünne Stange von Eisenholz bildet einen niedern Tragbalken, woran verschiedne eiserne und kupferne Töpfe und Kessel, desgleichen einige Keulen frisch getödteten Wildbrets und gedörrte Fische hingen; das Feuer nahm den Mittelpunkt der Hütte ein, und um die glühende Asche her lagen mehre friedliche Jagdhunde; sie zeigten etwas von der ruhigen Apathie ihrer Herren, sie öffneten beim Eintreten der Fremdlinge blos die Augen, und als sie bemerkten, daß alles in Ordnung war, überließen sie sich wieder ihrem Schlummer und kümmerten sich nicht weiter um uns.

Die Jäger-Familie nahm eine ganze Seite des Gebäudes ein, während _Joseph Muskrat_ mit seiner Familie, und _Joseph Bolans_ und seine Squaw die entgegengesetzte Wand theilten; die verschiednen Abtheilungen waren durch Bettdecken, Fischerspeere, lange Flinten, Tomahawks und andres Eigenthum bezeichnet und geschieden; das Kochgeräthe anlangend, so schien es mir wegen seiner Spärlichkeit allen gemeinschaftlich anzugehören; es herrschte vollkommne Freundschaft und Einigkeit zwischen den drei Familien, und, nach dem äußern Anschein zu urtheilen, waren alle glücklich und zufrieden. Ein Blick auf die Bücher in den Händen der jungen Männer überzeugte mich, daß es fromme Lieder und Abhandlungen waren; die eine Seite enthielt den englischen Text, die andere die indianische Uebersetzung. Auf unsre Bitten sangen die Männer eins von den Liedern, welches recht gut klang, allein wir vermißten die süßen Stimmen der indianischen Mädchen, die ich vor dem Hause gelassen hatte, wo sie auf einem Fichtenstamme saßen und sich mit meinem Knäbchen unterhielten, welches ihnen nebst seiner Wärterin sehr zu gefallen schien.

An der Außenseite des Zeltes zeigte mir die Squaw ein Canoe von Birkenrinde, dessen Bau noch nicht vollendet war. Die Gestalt des kleinen Fahrzeugs war durch eine Anzahl in regelmäßigen Abständen von einander in die Erde gesteckte Stöcke angedeutet; die Birkenrinden-Schichten waren angefeuchtet, und jede an dem geeigneten Platze durch Cedern-Latten befestigt, die so gekrümmt sind, daß sie als Rippen oder Fachwerk dienen; die Rindenschichten sind mit den zähen Wurzeln des Tamarack (Lärchenbaum) zusammengestrickt; und die Ränder des Canoes sind mit demselben Material besäumt oder umflochten; das Ganze wird, ist es so weit vollendet, mit dickem Gummi überzogen.

Ich hatte die Ehre, von Mrs. _Peter_ nach Hause gerudert zu werden, und zwar in einem neuen Canoe, das eben erst von Stapel gelassen worden war; die Bewegung war in höchstem Grade angenehm, ich saß auf dem Boden des kleinen Fahrzeugs auf einigen leichten Schierlingstannen-Zweigen und meine Heimfahrt war sehr ergötzlich und angenehm. Das Canoe, durch den Arm der schwärzlichen Amazone in Bewegung setzt, flog schnell über das Wasser, und bald landeten wir in einer kleinen Bucht in geringer Entfernung von meinem Hause. Zur Vergeltung der mir von der Squaw erwiesnen Aufmerksamkeit, erfreute ich sie durch das Geschenk einiger Perlen zum Einwirken in Messerscheiden und Mokassins womit sie sehr zufrieden zu sein schien; sie verbarg ihren Schatz sorgfältig im Busentuche, und befestigte ihn noch überdieß mit einem Stückchen Bande.

Gepaart mit einer eigenthümlichen Zurückgehaltenheit und ernstem Temperament zeigen die Indianer in einigen Stücken zu gleicher Zeit einen Grad von kindischem Wesen. Ich gab dem Jäger und seinem Sohne eines Tages einige colorirte Kupferstiche, die ihnen viel Spaß zu machen schienen, denn sie lachten gewaltig über die modisch gekleideten Figuren. Nachdem sie das Haus verlassen, setzten sie sich auf einen gefallenen Baum, versammelten ihre Hunde um sich und breiteren vor jedem besonders die Gemälde aus.

Die armen Thiere, anstatt die bunt gekleideten Herren und Damen aufmerksam zu betrachten, streckten ihre Köpfe in die Höhe und leckten ihren Herren Hände und Gesicht; allein der alte _Peter_ hatte sich einmal vorgenommen, daß die Hunde das Vergnügen der Gemäldeschau theilen sollten, daher drückte er sie mit der Nase auf die Kupferstiche, und hielt sie an ihren langen Ohren fest, wenn sie Miene machten, zu entweichen. Ich hätte den alten ernsten Indianer eines so kindischen albernen Benehmens kaum für fähig gehalten.

Diese halbcivilisirten Wilden scheinen gegenwärtig nicht mehr so eingenommen für bunten glänzenden Putz wie früher, und beobachten in ihrer Kleidung mehr einen europäischen Styl; es ist nichts Ungewöhnliches, einen Indianer in einen feinen Tuchoberrock und Pantalons gekleidet zu sehen, wiewohl ich gestehen muß, daß die weiten Ueberhemden, womit die Regierung sie versorgt, und die einen Theil ihrer jährlichen Geschenke bilden, ihnen weit besser stehen und bequemer sind. Die Squaws ziehen baumwollene oder wollene Röcke, Schürzen und Tücher, und andre dergleichen nützliche Artikel vor; wiewohl sie ihre Kleinen gern recht herausputzen, und ihre Wiegen-Decken mit Seide und Perlen sticken und an ihren Schultern Flügel von Vögeln befestigen. Wie viel Vergnügen machte mir die Erscheinung eines dieser indianischen Cupidos, der mit den Fittigen des amerikanischen Streitvogels, eines sehr schönen Thieres, geschmückt war. Der erwähnte Vogel ist unserm brittischen Buchfinken nicht unähnlich, nur daß die Farben seines Gefieders lebhafter sind; Brust und Unter-Federn der Flügel schmückt das glänzendste Carminroth, das mit Schwarz und Weiß schattirt ist. Man hat diesen Vogel deshalb Streit- oder Kriegs-Vogel genannt, weil er zuerst während des letzten amerikanischen Krieges in Canada erschienen ist, ein Umstand, der, meines Bedünkens, wohl verbürgt ist oder wenigstens allgemein Glauben gefunden hat.

Ueber Ihre Bemerkung, daß wir in den Urwäldern leicht zu einer Leibibliothek unsre Zuflucht nehmen dürften, konnte ich mich kaum des Lächelns enthalten. In einer Hinsicht, sind Sie in der That nicht so weit von der Wahrheit entfernt; denn die Bibliothek eines jeden Ansiedlers kann eine circulirende genannt werden, insofern die Bücher von einem Freund zum andern wandern; und glücklicher Weise haben wir einige recht wohl bestellte und reichhaltige Bibliotheken in unsrer Nachbarschaft, die uns stets offen stehen. Zu York ist eine öffentliche Bibliothek, allein von dieser können wir eben so wenig Gebrauch machen, als wenn sie sich auf der andern Seite des atlantischen Ozeans befände.

Ich weiß recht gut, wie sich die Sache verhält; in der Heimath hat man dieselbe Vorstellung von der Leichtigkeit, in diesem Lande zu reisen, die ich ehemals hatte; jetzt aber weiß ich, was Busch-Straßen sind, eine Reise von nur wenigen Stunden scheint ein abentheuerliches verhängnißvolles Unternehmen. Erinnern Sie sich wohl meines Berichtes von einer Tagereise durch den Wald? Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß sich die Wege seitdem nur wenig verbessert haben. Ich habe nur noch einmal eine ähnliche Fahrt gewagt, die mir mehre sehr beschwerdevolle Stunden verursachte, und mehr durch gutes Glück als in Folge eines andern Umstandes langte ich ganzbeinig an dem Orte meiner Bestimmung an. Ich mußte dabei über die häufigen Betheuerungen des Wagenlenkers, eines schlauen Burschen aus Yorkshire, lachen: »-- O! wenn ich nur seine Excellenz den Gouverneur über diese Straße zu fahren hätte, wie wollte ich die Pferde über diese Stummel und Steine traben lassen;« aber bald darauf schrie er wieder: »Ich wette, er würde alles dafür thun, ehe er wieder darauf führe.«

Unglücklicher Weise haben wir auf dieser Seite des Flusses keine von der Regierung angelegte Straße; sie ist blos von den Ansiedlern zu größrer Bequemlichkeit durch den Wald gehauen worden, daher ich fürchte, daß nichts zu ihrer Verbesserung gethan werden dürfte, wofern die Einwohner nicht selbst Hand anlegen.

Wir hoffen bald einen nähern Markt für unser Getraide zu haben, als Peterborough ist; eine Kornmühle ist erst kürzlich in dem neuen Dorfe errichtet worden. Dies wird ein großer Vortheil für uns sein. Die Herbeischaffung von Mehl auf den schlechten Fahrwegen verursacht großen Kostenaufwand, und der Zeitverlust, den diejenigen erleiden, welche ihren Weizen zum Mahlen nach der Stadt senden müssen, ist ein großes Uebel; allein das wird bald anders werden, zur großen Freude der ganzen Nachbarschaft.

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wichtig dergleichen Verbesserungen sind, und welchen Einfluß sie auf Ermuthigung des Emigranten haben, wozu noch kommt, daß sie den Werth seines Besitzthums in keinem geringen Grade vermehren; wir haben uns bereits von den Vortheilen überzeugt, welche die Nähe der Sägemühle für uns hat, indem wir nunmehr nicht nur billiger bauen sondern auch rohe Stämme gegen zugeschnittnes Holz austauschen können. Die großen Fichtenstämme, welche unter andern Umständen nichts als ein Hinderniß bei Lichtung des Bodens sein würden, sind, wenn sie in der für die Behandlung auf der Sägemühle erforderlichen Form gefällt werden, was sich leicht thun läßt, wo sie in der Nähe des Wassers stehen, sehr gewinnbringend, die Stämme müssen eine gewisse Länge haben und werden von Ochsen während des Winters, wenn der Boden fest gefroren ist, hart an den Rand des Sees geschleift; sobald das Eis aufbricht, schwimmen die Baumstämme mit der Fluth stromabwärts und gelangen so in den Mühlgraben; ich habe den See unsern Fenstern gegenüber mit dergleichen schwimmenden, auf seinem Wege zur Sägemühle begriffnen Holze bedeckt gesehen.

Wie schätzbar würden die großen Eichen und riesenhaften Fichten in einem englischen Besitzthum sein; während man sie hier nicht mehr achtet, als man in der Heimath kleine unbedeutende Bäumchen achtet. Einige Jahre später dürfte man indeß die gewaltigen Stämme welche jetzt verbrannt werden, im Bauwesen vermissen. Die Eichen eignen sich vorzüglich zu Umpfählungen und Gitterwerk, weil ihr Holz sehr dauerhaft ist; Fichten, Cedern und weiße Aeschen werden vorzüglich zu Schlagbäumen und dergleichen verwendet; Ahorn und Buchen liefern das beste Brenn-Holz; weiße Aesche brennt gut. Zur Bereitung von Seifenlauge nimmt man keine andre, als Asche von hartem Holz: als Eiche, Aesche, Ahorn und Buche; alle harzhaltige Bäume taugen nicht zu diesem Behuf, die Lauge von dergleichen Asche verbindet sich beim Sieden nicht mit dem Fett, zum großen Verdruß des nicht eingeweihten Seifensieders, der, hätte er den eben erwähnten Umstand gekannt, viel Zeit und Mühe, und, was das Wichtigste ist, viel von dem seit Monaten sorgfältig gesammelten Material erspart haben würde.

Die Frau eines amerikanischen Ansiedlers erzählte mir dies und rieth mir, bei Bereitung meiner Seifenlauge sorgfältig alle Fichten-Asche auszuschließen. Und hier muß ich bemerken, daß unter allen Ansiedlern die Yankies, wie sie genannt werden, die fleißigsten und erfindungsreichsten sind; sie sind nie wegen eines Auskunftsmittels in Verlegenheit; wenn ihnen der eine Plan fehl schlägt, so ergreifen sie mit einer Gedankenschnelligkeit, die mich mit Staunen erfüllt, während sie bei ihnen ganz natürlich zu sein scheint, einen andern. Sie scheinen eine Art angeborner Geistesgegenwart zu besitzen, und, anstatt ihre Energie in Worten darzuthun, _handeln_ sie.

Die alten Ansiedler, welche lange unter ihnen gewesen, scheinen sich dieselben Gewohnheiten anzueignen, so daß es schwer hält, sie von den Yankies zu unterscheiden. Ich habe die Amerikaner ein geschwätziges Volk nennen hören; allein, so weit meine Bekanntschaft mit ihnen reicht, möchte ich sie vielmehr für laconisch halten, und wenn ich sie nicht recht leiden kann, so ist vielmehr ihr kaltes kurzangebundnes Benehmen daran schuld, welches eine Schranke zwischen uns zu ziehen scheint.

Die Bemerkungen eines wandernden Uhrmachers, aus dem Staate Ohio gebürtig, befremdete mich ein wenig. Nachdem er nämlich die Vorzüglichkeit des Ohio-Klimas in Vergleich mit dem unsrigen (in Canada) gerühmt, sagte er, in Beantwortung einiger von meinem Gatten an ihn gerichteten Fragen; er wundre sich, daß alle Leute von feiner Bildung Canada, besonders den Busch, wo sie manches liebe Jahr hindurch alle höheren Annehmlichkeiten und verfeinerten Genüsse des Lebens entbehren müßten; den reichen, halbcultivirten und fruchtbaren Ohio-Staat, wo man noch dazu Land, sowohl wildes als gelichtetes, weit billiger kaufen könne, vorzögen.

Hierauf antworteten wir, daß erstens brittische Unterthanen lieber unter brittischer Botmäßigkeit ständen, und daß dieselben überdies den Sitten seiner Landsleute abgeneigt wären. Er erkannte freimüthig den ersten Einwurf als richtig, bemerkte aber hinsichtlich des andern daß man die Amerikaner im Allgemeinen nicht nach den einzelnen, in den brittischen Colonien vorkommenden Beispielen beurtheilen dürfe. Da letztere in der Regel Leute von eben nicht sonderlichem Ruf wären, viele derselben hätten sich Schulden oder andrer schlechter Streiche wegen, nach Canada geflüchtet; »es wäre hart,« fügte er hinzu, »wenn man die Engländer nach den nach Botany-Bay transportirten Verbrechern beurtheilen wollte.«

Nun war nichts Ungefälliges oder Rohes in dem Benehmen dieses Fremden, und die Vertheidigung seiner Nation war ruhig und vernünftig, mit einem Wort von der Art, daß jeder Vorurtheilsfreie ihn deswegen nur achten mußte.

So eben unterbricht mich ein Freund und sagt mir, daß er Gelegenheit habe, eine portofreie Sendung nach London oder Liverpool zu machen, und daß er in der Kiste, die er für England packe, ein Packet von mir einschließen wolle.