Part 21
Ja ich muß Ihnen offen bekennen, daß meine gegenwärtige Freiheit in diesem Lande ein großer Genuß für mich ist. Hier besitzen wir einen Vortheil vor Ihnen, so wie auch vor denjenigen, welche die Städte und Dörfer meines neuen Vaterlandes bewohnen, denn leider herrscht in diesen ein lächerliches Streben, einen Schein zu unterhalten, welcher der Lage derer, die ihn annehmen, durchaus nicht entspricht. Wenige, sehr wenige Emigranten kommen in die Colonien, außer mit der Absicht, für sich und ihre Kinder Unabhängigkeit zu erlangen. Diejenigen, welchen es nicht an Mitteln zu einem behaglichen Leben in der Heimath gebricht, würden sich wohl schwerlich jemals den Entbehrungen und Unannehmlichkeiten eines Ansiedler-Lebens in Canada aussetzen; der natürliche Schluß aus allem diesem ist, daß der Emigrant mit dem Wunsche und der Hoffnung hierher gekommen, seinen Zustand zu verbessern und die Wohlfahrt einer Familie zu sichern, die er in der Heimath anständig zu versorgen, nicht die Mittel hatte. Es ist mithin wirklich närrisch und ungereimt, eine Lebensweise anzunehmen, die, wie jeder weiß, nicht behauptet werden kann; dergleichen Leute sollten doch viel mehr in dem Bewußtsein, daß sie, wenn es ihnen gefällt, ihren Umständen gemäß leben können, ohne wegen ihrer Sparsamkeit, Klugheit und Thätigkeit minder geachtet zu werden, ihre Glückseligkeit suchen.
Wir _Buschsiedler_ unsers Theils sind weit unabhängiger, wir thun, was uns beliebt, wir kleiden uns, wie es uns am passendsten und bequemsten dünkt; wir haben nichts von einem Mr. und einer Mrs. _Grundy_ zu fürchten; und da wir die Fesseln des _Grundyismus_ abgeschüttelt haben, so lachen wir über die Thorheit derjenigen, welche von neuem ihre Kette schmieden und gleichsam umarmen.
Statten uns unsre Freunde einen unerwarteten Besuch ab, so nehmen wir sie unter unsern niedrigen Dache gastlich auf, und geben ihnen das Beste, was wir haben; und ist unsre Kost noch so gering, so tischen wir sie mit gutem Willen auf, und eine Entschuldigung wird weder gemacht noch erwartet; da Jedermann mit den mißlichen Verhältnissen einer neuen Ansiedlung bekannt ist; ja eine Apologie wegen Mangel an Vielfältigkeit oder Leckereien der Tafel würde in dem Gaste einen Selbstvorwurf erzeugen, daß er unsre Gastfreundschaft zur ungelegnen Zeit auf die Probe gestellt.
Unsre Gesellschaft besteht meist aus See- und Land-Offizieren, so daß wir in diesem Punkte in unsrer Sphäre sind, und auf feinen Anstand und gute Sitten zählen können, und an eine Abweichung von jenen Gesetzen, die guter Geschmack, gesunder Verstand und ein richtiges moralisches Gefühl unter Leuten unsers Standes begründet haben, nicht zu denken ist.
Indeß gereicht es hier zu Lande der Frau eines Offiziers oder Gentleman keineswegs zur Unehre, wenn sie in der Hauswirthschaft selbst Hand anlegt, oder alle häusliche Pflichten, sobald es die Gelegenheit erfordert, allein verrichtet. Erfahrenheit in den Geheimnissen der Seifen-, Lichter- und Zucker-Bereitung, im Brodbacken, Buttern und Käsemachen, im Melken der Kühe, im Stricken, Spinnen und der Zubereitung der Wolle für den Webstuhl, ist für sie von unendlichem Werth und macht sie zu einem ehrenwerthen Mitgliede der Gesellschaft. In dergleichen Dingen strafen wir _Busch-Damen_, die, welche die Nasen rümpfen und die vornehmen Bemerkungen, welche ein Mr. oder eine Mrs. N. N. in der Heimath machen würde, mit gebührender Verachtung. Wir rühmen uns unsrer Fügung in die Umstände; und da ein brittischer Offizier nothwendiger Weise ein feiner, gebildeter Mann, und seine Gattin eine feine Dame sein muß, so trösten wir uns mit dem Besitz dieser Eigenschaften als dem unwiederleglichen Beweis einer höheren Bildung, und lassen uns in unsrer nutzvollen Thätigkeit nicht im mindesten stören, da hierdurch unsre Sittenfeinheit keinen Abbruch erleiden kann.
Unsre Gatten verfolgen eine ähnliche Lebensweise; der Offizier vertauscht seinen Degen mit dem Pflugschaar, seine Lanze mit der Sichel, und wer ihn zwischen den Baumstummeln den Boden aufhacken, oder auf seinem Grundstück Bäume fällen sieht, denkt deswegen nicht geringer von ihm und seinem Stande, oder hält ihn darum weniger für einen Gentleman, wie früher, als er noch in allem Glanze und aller Würde militairischer Etiquette, mit Feldbinde, Degen und Epauletten auf dem Paradeplatze erschien. Es ist alles ganz so, wie es in einem Lande sein muß, wo Unabhängigkeit von Betriebsamkeit und Fleiß unzertrennlich ist, und gerade dieser Umstand macht es mir so schätzenswerth.
Unter mehren Vortheilen, deren wir uns in diesem Gemeinde-Bezirk erfreuen, halte ich den nicht für unbeträchtlich, daß die niedere arbeitende Ansiedler-Klasse aus ordentlichen, gutwilligen und von den widrigen Yankie-Sitten, wodurch sich manche der früher angesiedelten Gemeinde-Bezirke zu ihrem Nachtheil unterscheiden, völlig freien Leuten besteht. Unsre Dienstboten sind eben so oder fast eben so ehrerbietig, als die in der Heimath; auch werden sie nicht an unsere Tische gezogen oder auf gleichen Fuß mit uns gestellt, ausgenommen als »_Bienen_« und bei ähnlichen öffentlichen Versammlungen; wobei sie sich in der Regel anständig und geziemend benehmen, so daß sie manchen, die sich Gentleman nennen, nämlich jungen Leuten, die willkührlich jene Beschränkungen auf die Seite setzen, welche die Gesellschaft von solchen, die einen achtbaren Posten ausfüllen, erwartet, als Muster dienen könnten.
Unmäßigkeit ist leider ein nur zu vorherrschendes Laster unter allen Volks-Klassen in diesem Lande; allein ich erröthe, indem ich es sage, daß sich vorzüglich diejenigen desselben schuldig machen, welche dem bessern Stande angehören wollen. Solche mögen doch ja nicht über die Freiheiten klagen, welche sich die arbeitende Klasse gegen sie heraus nimmt, und daß sie ihnen auf eine Weise begegnet, als wäre sie ihres Gleichen, denn sie stellen sich ja selbst durch ihr Betragen unter den anständigen, nüchternen, wenn auch armen Ansiedler. Wenn sich die Söhne von Gentlemen selbst erniedrigen, so darf es ja gar nicht befremden, daß die Söhne armer Leute in einem Lande, wo alle einander auf gleichem Boden begegnen, und nur ein anständiges feines Benehmen Unterschiede zwischen den verschiednen Klassen bildet, sich über sie zu erheben suchen.
Als ich vor einigen Monaten bei einer Freundin in einem entfernten Theile des Landes zum Besuch war, begleitete ich sie in die Wohnung eines Geistlichen, des Predigers in einem blühenden Dorfe in dem Gemeinde-Bezirk, wo sie einige Tage bleiben wollte -- die patriarchialische Einfachheit des Hauses und seiner Bewohner überraschte mich. Wir wurden in das kleine Familien-Zimmer geführt, dessen Fußboden nach der unter den Yankies üblichen Sitte angestrichen war, die Wände hatten keine Tapeten, sondern bestanden aus Tannenholz ohne alle Verzierung, das Hausgeräthe entsprach der allgemeinen Einfachheit. Ein großes Spinnrad schnurrte unter den fleißigen Händen einer sauber gekleideten Matrone von milden, feine Bildung verrathenden Zügen; ihre kleinen Töchter saßen mit ihren Strickstrümpfen am Kaminfeuer, während der Vater mit Unterrichtung von zwei seiner Söhne beschäftigt war; ein dritter saß behaglich auf einem kleinen Strohstuhl zwischen seinen Füßen, und ein vierter schwang seine Axt mit nervigen Armen im Hofe und warf von Zeit zu Zeit durch das Stubenfenster sehnsuchtsvolle Blicke nach dem traulichen Familienkreise im Innern.
Die Kleidung der Kinder bestand aus einer groben Art Zeug, einem Gemisch von Wolle und Flachs (Zwirn), dem Erzeugniß der kleinen Meierei und des rühmlichen Fleißes ihrer Mutter. Strümpfe, Socken, Müffchen und warme Umschlagetücher waren sämmtlich Haus-Fabrikate. Mädchen sowohl als Knaben trugen Mocassins, die sie selbst gefertigt hatten. Gesunder Verstand, Fleiß und Ordnung herrschten unter den Gliedern dieses kleinen Haushaltes.
Mädchen und Knaben handelten, wie es schien, nach dem Grundsatz, daß nichts entehrend sei, als was unmoralisch und unschicklich ist.
Gastfreundschaft ohne Uebertreibung, Freundlichkeit ohne geheuchelte Sprache bezeichneten das Benehmen unsrer würdigen Freunde. Alles und Jedes im Hauswesen geschah mit Rücksichtsnahme auf Ordnung und Bequemlichkeit, das Besitzthum (ich sollte wohl lieber sagen, das Einkommen) der Familie war nur gering; sie besaß einige Acker an das kleine Häuschen stoßendes Torf-Land, aber durch Thätigkeit und Fleiß außer und im Hause, so wie durch Sparsamkeit und gute Wirthschaft sah sie sich im Stande, zwar einfach aber doch auf anständigem Fuße zu leben; mit einem Wort, wir erfreuten uns während unsres Aufenthaltes bei diesen guten Menschen mancher von jenen Genüssen, die eine völlig urbare canadische Meierei darbieten kann; Geflügel aller Art, hausschlachtenes Rindfleisch, treffliches Schöpsenfleisch und Geräuchertes waren in Ueberfluß vorhanden; zum Thee hatten wir mancherlei Delicatessen: Eingemachtes, Honig in Scheiben, treffliche Butter und guten Käse nebst verschiednen Sorten Kuchen; eine Art kleine Pfann-Kuchen von Buchweizen-Mehl, in einer kleinen Pfanne mit Hefen geknetet und nachmals in heißen Speck gestürzt und gebacken; ein Präparat von indianischem Korn-Mehl, Namens Supporne-Kuchen (^Supporne-cake^), in Schnitzeln geschmort und gebacken und mit Ahorn-Syrup gegessen, gehörten ebenfalls unter die Raritäten unsers Frühstücks.
Als ich eines Morgens ein Völkchen sehr schönen Geflügels im Hühnerhofe bewunderte, sagte meine Wirthin lächelnd zu mir, »ich weiß nicht, ob Sie glauben, daß ich auf rechtlichem Wege dazu gekommen bin.«
»O ich bin gewiß, Sie erlangten die hübschen Thierchen nicht durch unerlaubte Mittel,« erwiederte ich lachend, »für Ihre Grundsätze in dieser Hinsicht will ich bürgen.«
»Schön,« sagte meine Wirthin, »sie sind mir weder gegeben noch verkauft worden, und doch habe ich sie auch nicht gestohlen. Ich fand den ursprünglichen Stamm auf folgende Weise. Eine alte schwarze Henne erschien eines Morgens ganz unerwartet vor unsrer Thür; wir begrüßten den Ankömmling mit Staunen und Freude; denn wir konnten zu dieser Zeit unter unsrer kleinen Colonie keinen einzigen Haus-Vogel aufweisen. Wir haben nie recht erfahren können, wie die Henne in unsern Besitz kam, vermuthen aber, daß eine landeinwärts reisende Auswandrer-Familie dieselbe unterwegs verloren haben muß; diese Henne legte zehn Eier und brütete sie glücklich aus; die kleine Brut war der Stamm von unsern Hühnern, und wir konnten bald unsre Nachbarn mit dergleichen Geflügel versorgen. Wir schätzen diese Vögel nicht blos wegen ihrer vorzüglichen Größe, sondern auch wegen der eigenthümlichen Weise, auf die wir sie erhalten haben, und die uns als ein Beweis von Gottes Fürsorge für unsre Angelegenheiten erschien.«
Sehr viel Unterhaltung gewährte mir die leichte Skitze, welche uns der Prediger eines Abends zum besten gab, als wir alle um ein prasselndes Holzfeuer herum saßen, das in dem, mit seinem steinernen Mauerwerk weit vorspringenden und zu beiden Seiten ziemlich tiefe Winkel bildenden Kamin hoch emporloderte.
Er bezog sich auf seine erste Ansiedlung und bemerkte Nachstehendes: --
»Es herrschte eine trostlose Wildniß von finstern dichtstehenden Waldbäumen, als wir zuerst unser Zelt hier aufschlugen, zu dieser Zeit war noch keine Axt an die Wurzel auch nur eines einzigen Baumes gelegt worden, noch kein Feuer, außer von umherstreifenden Indianern, war in diesen Wäldern angezündet worden.
»Ich kann immer noch den Ort zeigen, wo mein Weib und meine Kleinen ihr erstes Mal verzehrten und ihre schwachen Stimmen mit dankerfüllten Herzen zu jenem allmächtigen und barmherzigen Wesen erhoben, welches sie glücklich und wohlbehalten mitten durch die Gefahren des Oceans hierher geführt hatte.
»Wir glichen einer kleinen, in einer großen Wüste, unter dem besondern Schutze eines mächtigen Hirten, wandernden Heerde.«
»Ich habe Sie meine liebe junge Freundin,« (diese Worte galten meiner Gefährtin,) von den Entbehrungen und Mühseligkeiten im Busche sprechen hören; aber glauben Sie mir, Sie haben im Vergleich mit denen, die vor einigen Jahren hierher kamen, nur wenig davon erfahren.
»Fragen Sie nur meine ältern Kinder und meine Frau, wie beschaffen die Beschwerden und Mühseligkeiten des Buschsiedler-Lebens noch vor zehn Jahren waren, sie werden Ihnen sagen, daß sie Hunger und Kälte, und alle damit verbundne Uebel zu erdulden hatten, daß es zu Zeiten an jedem nöthigsten Nahrungs-Artikel fehlte. Was die feinen Lebensgenüsse und Luxus-Artikel anlangt, so wußten wir nichts davon; und wie konnten wir auch? wir waren weit von jeder Gelegenheit entfernt, dergleichen Dinge zu erlangen; Kartoffeln, Schweinfleisch und Mehl waren unsre einzigen Vorräthe, und oft gingen uns die beiden letztern aus, und es dauerte eine ziemliche Weile, ehe wir neue erlangen konnten. Die nächsten Mühlen waren dreizehn (englische) Meilen von uns entfernt, und der Weg dahin führte durch blos angedeutete Wald-Pfade; und überdies hatten wir keinen einzigen Ansiedler in der Nähe. Jetzt sehen Sie uns in einer gelichteten, völlig urbar gemachten Gegend, umgeben von blühenden Meiereien und entstehenden Dörfern; aber zu der Zeit, wovon ich spreche, war es nicht so; damals gab es weder Gewürzläden, noch Vorraths-Häuser, wir hatten keine Fleischbänke, keine gelichteten Meierein, keine Milcherei, keine Obstgärten; auf diese Dinge mußten wir geduldig warten, bis Fleiß und Betriebsamkeit sie herbeiführen würden.
»Unsre Kost bestand in nichts anderm, als eingepöckeltem Schweinfleisch, Kartoffeln und bisweilen in Brod zum Frühstück; Schweinfleisch und Kartoffeln bildeten unser Mittagsmahl, Kartoffeln und Schweinfleisch unsern Abendtisch, nebst einem Brei aus indianischem Korn für die Kinder. Bisweilen mußten wir uns mit Kartoffeln ohne Schweinfleisch, bisweilen mit Schweinefleisch ohne Kartoffeln begnügen; dies war unsre tägliche Kost im ersten Jahre. Nach und nach erhielten wir etwas Korn von unserm eignen Boden, woraus wir uns mittels einer Handmühle ein grobes Mehl bereiteten; denn wir hatten weder Wasser- noch Wind-Mühlen in unsrer Colonie, und gutes Brod war in der That ein Luxus-Artikel für uns, den wir nicht oft hatten.
»Wir brachten eine Kuh mit, die uns während des Frühlings und Sommers mit Milch versorgte; aber wegen des wilden Knoblauchs (ein in unsern Wäldern sehr häufiges Unkraut), welchen sie fraß, war ihre Milch kaum genießbar, sie starb im folgenden Winter, zu unserm nicht geringen Kummer; wir lernten, daß Erfahrung in dieser so wie in vielen andern Angelegenheiten, hoch zu stehen kommt, jetzt aber genießen wir den Vortheil davon.«
»Bestimmten sie die Schwierigkeiten, worauf sie damals stießen, nicht bisweilen zu Mißmuth und zur Reue über die freiwillige Wahl einer von ihrer frühern so verschiednen Lebensweise?« fragte ich.
»Sie dürften diese Wirkung wohl herbeigeführt haben, hätte nicht ein höherer Beweggrund, als bloser weltlicher Vortheil mich veranlaßt, meiner Heimath Lebwohl zu sagen und hierher zu kommen. Sehen Sie, die Sache verhielt sich so: ich war mehre Jahre Prediger eines kleinen Dörfchens in den Gruben-Distrikten von Cumberland gewesen. Ich war den Herzen meiner Gemeinde theuer, sie war meine Freude und meine Krone. Eine Anzahl meiner Kirchgänger, durch Armuth und schlechte Zeiten gedrückt, beschloß, nach Canada auszuwandern.
»Getrieben von dem natürlichen und nicht ungesetzmäßigen Verlangen, ihre Lage zu verbessern, erschien ihnen eine Reise über das atlantische Meer das beste Mittel dazu, und überdies ermuthigte sie das Versprechen, daß ihnen ein beträchtlicher Flächenraum wilden Bodens bewilligt werden sollte; denn damals war die Regierung in dergleichen Schenkungen an Leute, welche Colonisten werden wollten, sehr freigebig.
»Allein vor Ausführung dieses Unternehmens kamen mehre der achtbarsten von ihnen zu mir und setzten mich von ihrem Plan und ihren Gründen zu einem so wichtigen Schritt, den sie im Begriff zu thun waren, in Kenntniß; und zu gleicher Zeit baten sie mich in den rührendsten Ausdrücken, im Namen der ganzen Gesellschaft, die sich zur Auswanderung bestimmt hatte, sie in die Wildnisse des Westens zu begleiten, damit sie nicht Gefahr liefen, ihren Herrn und Erlöser zu vergessen, wenn sie sich von ihrem geistigen Führer und Beistand verlassen sähen.
»Anfangs verursachte mir der Vorschlag keine geringe Bestürzung; es schien mir ein wildes und abentheuerliches Unternehmen; allein nach und nach begann ich, mit Vergnügen bei der Sache zu verweilen. Ich hatte, außer in meinem Geburts-Dorfe, wenige Bekannte, die mich an das Heimathsland fesselten; das Einkommen von meiner Predigerstelle war so gering, das es kein großes Hinderniß abgeben konnte; gleich _Goldsmith_'s Pastor galt ich »_für reich, mit vierzig Pfund das Jahr_.« Mein Herz hing mit inniger Liebe an meiner kleinen Heerde; zehn Jahr hindurch war ich ihr Führer und Seelsorger gewesen; ich war der Freund der Alten und der Lehrer der Jugend. Meine _Marie_ hatte ich aus ihrer Mitte gewählt; sie hatte keine fremden Banden, um sie in weiter Ferne mit Reue und Bedauern auf die Bewohner der Heimath blicken zu machen, ihre Jugend und ihre Reife hatte sie unter ihnen erlebt, so daß sie mir, als ich ihr den Vorschlag meiner Pfarrkinder mitgetheilt und zugleich meine Wünsche zu erkennen gegeben hatte, nach Unterdrückung eines bangen schmerzlichen Gefühls in ihrer Brust, mit _Ruth_'s Worten erwiederte --
»Dein Land soll mein Land, dein Volk das meinige sein; wo du stirbst, will auch ich sterben und begraben sein; der Herr thue mir so und so, wenn mich etwas anderes als der Tod trennen sollte.«
»Eine liebreiche zärtliche Lebensgefährtin bist Du mir immer gewesen, meine _Marie_,« schaltete der gute Mann hier ein, indem er seine Augen voll Zärtlichkeit auf das milde Antlitz der würdigen Matrone richtete, deren ausdrucksvolle Miene besser als Worte die Gefühle ausdrückten, welche ihre Brust bewegten. Sie erwiederte nicht mit Worten, aber ich sah die dicken glänzenden Thränen auf die Arbeit in ihrer Hand fallen. Sie entsprangen von Bewegungen, die zu heilig waren, um durch neugierige Augen gestört zu werden, und ich wendete eilig meinen Blick von ihrem Gesicht; während der Prediger in Erzählung der Umstände, die sein Scheiden von der Heimath, seine Reise und endlich seine Ankunft in dem Lande begleitet, welches der kleinen Colonie in dem noch ungelichteten Theile des Gemeinde-Bezirks bewilligt worden war, fortfuhr.
»Wir hatten vor unsrer Ankunft in diesem Distrikte viele nützliche Rathschläge und allen nützlichen Beistand von den Regierungs-Agenten erhalten, und auch einige Holzspeller gegen hohe Löhne gemiethet, um uns in der Kunst, Bäume zu fällen, aufzuschichten, zu verbrennen und den Boden zu reinigen, zu unterrichten; da es unser Hauptziel war, irgend eine Feldfrucht zu erbauen und einzuernten, so legten wir ohne weitern Aufschub, als den die Errichtung eines einstweiligen Obdachs für Weib und Kind erheischte, sogleich Hand ans Werk, und bereiteten den Boden zur Aufnahme von Frühlings-Saat vor, wobei wir einer dem andern mit Zugvieh und Arbeit beistanden. Und hier muß ich bemerken, daß mir jede Aufmerksamkeit und Unterstützung von meinen Freunden zu Theil ward. Meine Mittel waren gering, und meine Familie war zu jung, um mir einige Dienste leisten zu können. Indeß fehlte es mir nicht an Hülfe, und bald hatte ich die Freude, ein kleines Fleckchen zur Erbauung von Kartoffeln und Korn gelichtet und gereinigt zu sehen, ein Resultat, das ich durch meine alleinigen Anstrengungen nimmermehr herbeigeführt haben würde.
»Mein ältester Sohn _Johann_ war erst neun Jahr alt, _Willie_ sieben und die andern alle noch hülfloser; die beiden Kleinen, die Sie hier sehen, sind erst nach meiner Ankunft in diesem Lande geboren worden. Die blonde Dirne, welche neben Ihnen sitzt und strickt, war noch ein Säugling, ein hülflos weinendes Kind, so schwach und kränklich, ehe wir hier eintrafen, daß sie selten aus den Armen ihrer Mutter kam; allein sie wuchs und gedieh unter der abhärtenden Behandlung einer Buschsiedler-Familie zusehends.
»Wir hatten kein Haus, keine Art von Obdach zu unsrer Aufnahme, als wir an dem Orte unsrer zukünftigen Bestimmung anlangen; und die ersten beiden Nächte brachten wir auf den Ufern der Einbucht am Fuße des Berges in einer Hütte von Cedern- und Schierlingstannen-Aesten zu, die ich mit meiner Axt und mit Hülfe einiger meiner Gefährten zum Schutz meiner Gattin und der Kleinen errichtete.
»Obgleich in der Mitte Mai's, waren die Nächte doch noch sehr kalt, und wir waren froh, als ein tüchtiges Holzfeuer vor dem Eingange der Hütte loderte, welches uns nicht nur gegen die Kälte, sondern auch vor den Stichen der Musquitos sicherte, die in Myriaden vom Flusse her über uns herfielen, und uns das Ufer weiter hinauftrieben.
»Sobald als möglich, errichteten wir eine Shanty, die jetzt als Schuppen für das junge Vieh dient; ich wollte sie nicht niederreißen, wiewohl ich oft gedrängt wurde, dies zu thun, da sie eine angenehme Aussicht vom Fenster aus verhindert; allein ich blicke gar zu gern darauf und erinnere mich dabei an die ersten Jahre, die ich unter ihrem niedrigen Dache verlebt habe. Wir bedürfen solcher Gegenstände, um uns an unsre ehemalige Lage zu erinnern; denn wir werden nur zu leicht stolz und hören dann auf, unsre gegenwärtigen Annehmlichkeiten gebührend zu schätzen.
»Unser erster Sabath wurde unter freiem Himmel gefeiert; meine Kanzel war ein aus rohen Baumstämmen aufgeschichteter Pfeiler, meine Kirche der tiefe Schatten des Waldes, unter welchem wir uns versammelten; aber von einer aufrichtigeren Frömmigkeit und Inbrunst, als an diesem Tage, bin ich nie Zeuge gewesen. Ich erinnere mich noch recht gut an den von mir gewählten Text; ich entlehnte ihn aus dem achten Capitel des fünften Buches Mosis, Vers 6, 7, und 9, die mir auf unsre damaligen Umstände anwendbar zu sein schienen.
»Im folgenden Jahre errichteten wir ein kleines Blockhaus, das uns als Schule und Kirche diente. Anfangs waren unsre Fortschritte in Lichtung des Bodens nur langsam; denn wir mußten erst Lehrgeld bezahlen und Erfahrung kaufen, und mancherlei und groß waren die Täuschungen und Entbehrungen, denen wir in den ersten fünf Jahren zu begegnen hatten. Zu einer Zeit litten wir alle am Fieber, und keiner war im Stande, dem andern beizustehen; dies war eine traurige Zeit; allein bessere Tage warteten unser. Die Anzahl der Auswandrer nahm fortan zu, und die kleine Niederlassung, welche wir begründet, stand in gutem Rufe. Ein neuer Ankömmling erbaute eine Säge-Mühle; ein andrer eine Korn-Mühle; bald folgte auch ein Magazin, und diesem ein zweites und drittes, bis wir ein blühendes Dorf um uns her empor steigen sahen. Nun fing das Land an Werth an zu gewinnen, und manche von den alten Ansiedlern verkauften die ihnen zugefallnen Parcellen mit Vortheil und zogen weiter waldeinwärts.
»In demselben Verhältniß, als das Dorf wuchs, nahmen natürlicher Weise auch meine amtlichen Pflichten zu, die mir in den ersten Jahren meine kleine Heerde durch freiwillige Liebesdienste und Geschenke vergalt; jetzt genieße ich die Zufriedenheit, meinen Lohn zu ernten, ohne daß ich meinen Pfarrkindern zur Last falle. Mein Grundstück nimmt an Werth zu, und außer meinem Honorar als Prediger erhalte ich noch für die Schule eine kleine Zulage, welche die Regierung zahlt. Wir können uns jetzt glücklich preisen, daß wir hier sind; denn Gott hat unsre Bemühungen gesegnet.«
Ich habe manche interessante Umstände vergessen, die mit den Prüfungen und Entbehrungen, welchen diese Familie ausgesetzt war, in Verbindung standen; indeß erzählte uns der Prediger genug, um mich mit meiner Lage auszusöhnen, und ich kehrte nach einem angenehmen mehrtägigen Aufenthalte bei diesen liebenswürdigen Menschen, mit erhöhter Zufriedenheit und einigen nützlichen praktischen Lehren, die mich mein ganzes Leben hindurch begleiten werden, nach Hause zurück.