Part 20
Nochmalige Betrachtung verschiedner Punkte. -- Fortschritte der Ansiedlungen. -- Canada, das Land der Hoffnung. -- Besuch bei der Familie eines See-Offiziers. -- Eichhörnchen. -- Besuch bei einem ausgewanderten Geistlichen; seine Geschichte. -- Schwierigkeiten, womit er Anfangs zu kämpfen hatte. -- Temperament, Charakter und Gewohnheiten der Emigranten sind von großem Einfluß auf das Gedeihen oder Nichtgedeihen ihrer Ansiedlung.
September 26, 1834.
Ich versprach bei meiner Abreise von England, Ihnen sobald als möglich eine genügende Auskunft von unsrer Niederlassung in Canada zu geben.
Ich werde jetzt mein Bestes thun, um meinem Versprechen nachzukommen, und Ihnen eine kleine Skitze von unsern Unternehmungen, Thun und Treiben vorzulegen, nebst solchen Bemerkungen über die natürlichen Züge des Ortes, wo wir unsre Heimath aufgeschlagen, die Ihnen, meines Bedünkens, Interesse und Unterhaltung gewähren dürften. Machen Sie sich also, Theuerste Freundin, auf einen langen abschweifenden Brief gefaßt, worin ich etwas von der Natur des Irrlichts zeigen, und, nachdem ich Sie, mir in meinen regellosen Wanderungen, --
Ueber Berg, über Thal, Durch Busch und Dorngesträuch, Ueber Feld und Auen, Durch Fluthen durch Feuer.
zu folgen bestimmt, Sie möglicher Weise mitten in einem dichten Cedern-Moor oder in dem pfadlosen Dickichte unsrer wilden Wälder ohne Führer oder auch nur ein Zeichen, das Ihnen den Weg andeuten könnte, verlassen werde.
Sie werden aus meinen Briefen an meine theure Mutter, von unsrer glücklichen Ankunft zu Quebec, von meiner Krankheit zu Montreal, von allen unsern Abentheuern und Widerwärtigkeiten während unsrer Reise landeinwärts gehört haben, und wie wir nach einer ermüdenden Wanderung endlich bei einem liebreichen Verwandten, den wir, nach einer mehrjährigen Trennung wieder in die Arme zu schließen, glücklich genug waren, endlich einen Ruheplatz gefunden.
Da meinem Gatten sehr viel daran gelegen war, sich in der Nachbarschaft eines so nahen Verwandten von mir niederzulassen, indem er wohl denken mochte, daß der Wald dadurch etwas von jener Einsamkeit verlieren würde, worüber die meisten Frauen sich so bitter beklagen, so kaufte er ein Stück Land an den Ufern eines schönen Sees, dem Gliede einer Kette der kleinen Seen, die dem Otanabee angehören.
Hier also haben wir uns angebaut, fünfundzwanzig Acker unsers Besitzthums sind bereits gelichtet und urbar gemacht, und ein nettes Häuschen ist ebenfalls seit geraumer Zeit fertig und dient uns als Schutz und Obdach, die Lage unsrer Meierei ist sehr angenehm, und jeder Tag erhöht ihren Werth. Als wir zuerst im Busche anlangten, hatten wir, mit Ausnahme von S--, blos zwei oder drei Ansiedler in unsrer Nähe, und an Communications-Wege war gar nicht zu denken. Die einzige Straße, die zum Güter-Transport aus dem nächsten Städtchen allenfalls taugte, lag auf der andern Seite des Wassers, über welches man auf einem Block- (Log-) Kahn oder einem Kanoe von Birkenrinde setzen muß. Ersteres ist nichts weiter als ein mit der Axt ausgehöhlter Fichtenstamm, der ungefähr drei oder vier Personen faßt, einen flachen Kiel hat, schmal ist, und daher sehr gut in seichtem Wasser gebraucht werden kann. Das Rinden-Canoe ist aus Birken-Rinden-Schichten gezimmert, welche die Indianer kunstreich zuzurichten und unter einander zu verbinden verstehen; Letzteres geschieht durch Zusammennähen, wozu sie sich der zähen Wurzeln der Ceder, jungen Fichte, oder Lärche (Tamarack, wie sie von den Eingebornen genannt wird,) bedienen. Diese Fahrzeuge sind außerordentlich leicht, so daß sie von zwei Personen, ja von einer, ohne Mühe getragen werden können. Dies also waren unsre Fahrböte, gewiß sehr zerbrechliche Fahrzeuge, die zu ihrer Führung große Geschicklichkeit und Vorsicht erfordern; sie werden durch Ruderschaufeln in Bewegung gesetzt, wobei der Rudernde entweder kniet oder steht. Die Squaws sind in Steuerung der Canoes sehr geübt und behaupten ihre Balance mit großer Geschicklichkeit, sie stehen bei ihrer Ruder-Arbeit und steuern in kleinen leichten Nachen mit großer Geschwindigkeit durch das Wasser.
Sehr groß ist die Veränderung, welche wenige Jahre in unsrer Lage bewirkt haben. Eine Anzahl sehr achtbarer Ansiedler hat sich längs den Seen angekauft, so daß es uns nicht länger an Gesellschaft fehlt. Die Straßen oberhalb unsrer Niederlassung sind jetzt meilenweit durch den Wald gehauen und können, obschon bei weitem nicht tadelfrei, mit Wagen und Schlitten bereist werden und sind doch gewiß besser als gar keine.
Da, wo früher ein dichter Fichtenwald den Boden bedeckte, ist ein Dorf wie aus der Erde hervor gesprungen; wir haben jetzt in geringer Entfernung von unsrer Meierei eine treffliche Säge-Mühle, eine Grützmühle und ein Vorraths-Magazin nebst einer Schenke und manchen hübschen Wohngebäuden.
Eine hübsche hölzerne Brücke, auf steinernen Pfeilern, ist im vorigen Winter gebaut worden, um die Gemeinde-Bezirke auf beiden Flußufern mit einander zu verbinden und den Abstand von Peterborough zu vermindern; und ob sie gleich unglücklicher Weise in der ersten Hälfte des letzten Frühjahrs durch das ungewöhnliche Steigen der Otanabee-Seen fort geführt worden ist, so hat doch ein thätiger und unternehmender junger Schotte, der Gründer des Dorfes, auf ihren Trümmern eine neue errichtet.
Allein das große Werk, welches früher oder später diesen Theil des Distriktes seinem gegenwärtigen Dunkel entreißen wird und muß, ist die Eröffnung einer Schiffahrts-Linie vom Huronen-See durch den Simcoe-See, so wie durch unsre Kette kleiner Seen bis zum Reis-See und endlich durch den Tremt bis zur Bay von Quinte. Dieses großartige Werk dürfte von unberechenbarem Vortheil sein, indem dadurch eine direkte Communication zwischen dem Huronen-See und den weiter einwärts im Lande jenseits des Otanabee gelegnen Gemeinde-Bezirken mit dem St. Laurence eröffnet werden würde. Dieses Project ist bereits der Regierung zur Berathung vorgelegt worden und ist gegenwärtig ein Gegenstand des allgemeinen Gesprächs im Lande; jedenfalls wird es früher oder später zur Ausführung kommen. Es ist mit einigen Schwierigkeiten und Kosten verbunden, wird aber nothwendiger Weise nicht wenig zum Gedeihen und Wohlstande des Landes beitragen, und das Mittel zur Ansiedlung der jenseits des Otanabee längs diesen Seen gelegnen Gemeinde-Bezirken werden.
Ich muß es erfahrnern Leuten, als ich bin, überlassen, die Ersprießlichkeit und Trefflichkeit des fraglichen Plans zu beurtheilen; und da Sie, wie ich denke, nicht Willens sind, nach unsern Urwäldern auszuwandern, so dürfte Ihnen eine flüchtige Andeutung des Unternehmens genügen, und Sie werden schon aus Freundschaft zu mir, -- dafür stimmen, daß die Eröffnung eines Marktes für inländische Erzeugnisse nicht anders als höchst wünschenswerth sein könne.
Canada ist das Land der Hoffnung, hier ist alles neu, alles schreitet hier vorwärts, es ist für Künste und Wissenschaften, für Ackerbau und Manufacturwesen fast unmöglich, Rückschritte zu thun; sie müssen beständig vorwärts gehen, und wenn auch in einigen Theilen des Landes diese Fortschritte langsam erscheinen mögen, so sind sie doch in andern verhältnißmäßig eben so reißend.
Die Thatkraft, der Unternehmungs-Geist der Auswandrer, besonders in den nur theilweise besiedelten Gemeinde-Bezirken, wird in fortwährender Anregung erhalten, ein Umstand, der sie in hohem Grade vor Entmuthigung und Verzagtheit schützt.
Die Ankunft eines unternehmenden Mannes wirkt anspornend auf die um ihn her, eine gewinnversprechende Speculation kommt in Vorschlag, und siehe, das Land in der Nachbarschaft steigt an Werth um das Doppelte, ja Dreifache gegen früher; auf diese Weise befreundet und fördert er ohne gerade die Absicht zu haben, seine Nachbarn; die Pläne eines Ansiedlers sind, so bald sie in Ausführung treten, für viele wohlthätig. Wir haben bereits die wohlthätige Wirkung der Ansiedlung neuer achtbarer Emigranten in unserm Gemeinde-Bezirk gefühlt, indem der Werth unsers Boden-Eigenthums dadurch um das Dreifache gestiegen ist.
Alles dies liebe Freundin, werden Sie sagen, ist recht gut, und dürfte verständigen Männern viel Stoff zu einer lehrreichen Unterhaltung gewähren, aber uns Frauen wollen dergleiche ernsthafte Erörterungen nicht recht behagen; daher bitte ich Sie, ein andres Thema zu wählen, und mir lieber zu erzählen, wie Sie Ihre Zeit unter den Bären und Wölfen Canadas zubringen.
An einem schönen Tage im letzten Juni besuchte ich zu Wasser die Braut eines jungen See-Offiziers, der ein sehr hübsches Stück Land, etwa zwei (englische) Meilen oberhalb des Sees gekauft hatte; unsre Gesellschaft bestand aus meinem Gatten, meinem Knäbchen und meiner Wenigkeit; wir trafen einige angenehme Freunde an, und belustigten uns ganz zu unsrer Zufriedenheit. Das Mittagsmahl wurde in dem _Stoup_ aufgetischt, das ist, (denn sie möchten schwerlich wissen, was das Wort bedeutet,) eine Art weite Vorhalle (Verandah), die auf Pfeilern, häufig unabgerindeten Baumstämmen ruht; der Fußboden besteht entweder aus hart getretnem Erdreich oder Dielen (Bretern). Das Dach ist mit Rindenschichten oder Schindeln gedeckt. Diese Stoups sind holländischen Ursprungs und, wie man mir gesagt hat, von den ersten holländischen Ansiedlern in den Staaten eingeführt worden; seitdem haben sie ihren Weg in alle übrige Colonien gefunden.
Von der Scharlach-Ranke, einer in unsern Wäldern und Wildnissen einheimischen Pflanze, der wilden Rebe, und der Hopfen-Pflanze, die hier sehr üppig und ohne Arbeit oder Aufmerksamkeit auf ihre Cultur gedeiht, bekränzt, haben die Stoups ein recht ländliches Ansehn; im Sommer dienen sie als offnes Vorzimmer, wo man sein Mahl einnehmen und das Anwehen der frischen Luft genießen kann, ohne von der heftigen Hitze der Mittagssonne belästigt zu werden.
Diese Lage unsers Hauses ist vorzüglich gut gewählt, gerade auf dem höchsten Punkte einer kleinen aufsteigenden Ebne, die sich ziemlich steil nach einem kleinen Thale herabneigt, in dessen Grunde ein klarer Bach den Garten von den ihm gegenüberliegenden Korn-Feldern, die das Ufer bekränzen, scheidet. Gerade im Angesicht der Vorhalle (Stoup), wo wir im Sommer unser Mittags-Mahl einnehmen, ist der Garten angelegt, mit einem weichen, von Blumen-Rabatten umsäumten Rasen-Plätzchen, und von einem reifenden Weizenfelde durch ein kleines Geländer, an welchem sich der üppige Hopfen mit seinen Gäbelchen und zierlichen Blüthen hinauf rankt, geschieden. Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen sagen, daß der Hopfen zur Bereitung von Hefen für das Brod gezogen wird. Da sie an Gegenständen, die den Haushalt betreffen, großes Wohlgefallen finden, so will ich ein Recept, die Bereitung von Hopfen-Hefen, wie wir sie nennen, betreffend, für Sie beilegen[57].
Die Yankies bedienen sich eines Sauerteigs aus Salz, warmem Wasser oder Milch; allein obschon der mit Salz bereitete Sauerteig recht gut aussehende Brode giebt, indem sie viel weißer und fester erscheinen, als die mir Hopfen-Hefen bereiteten Brode, so wird doch durch ersteres Verfahren dem Brodteige ein Beigeschmack mitgetheilt, der nicht jedermanns Gaumen behagt, wozu noch kommt, daß bei sehr kaltem Wetter jener Sauerteig fast seine Dienste versagt.
Nachdem ich Ihnen so mein Recept mitgetheilt habe, will ich in die Verandah zu meiner Gesellschaft zurück kehren, die, ich kann Ihnen versichern, sehr angenehm und traulich war, und wo jeder nach Kräften das Seinige zur Unterhaltung beitrug.
Wir hatten Bücher und Zeichnungen, und eine Menge indianischer Tändeleien und Putzgeräthschaften, die Sammlung mancher langen Reise an ferne Gestade, zu besehen und zu bewundern. Bald nach Sonnenuntergang brachen wir auf und nahmen unsern Weg durch die Wälder nach dem Landungsplatze am See-Ufer, wo wir unser Rinden-Canoe bereit fanden, uns nach Hause zu führen.
Während unsrer Fahrt, gerade beim Anfange der Stromschnellen zog ein kleiner Gegenstand im Wasser, der schnell dahin schwamm, unsre Aufmerksamkeit auf sich; die Meinungen über den kleinen Schwimmer waren verschieden: Einige glaubten, es wäre eine Wasserschlange, andre hielten ihn für ein Eichhörnchen oder eine Moschuß-Ratze; einige schnelle Ruderschläge brachten uns dem räthselhaften Wandrer näher, so daß wir ihm den Weg versperrten; es war ein hübsches rothes Eichhörnchen von einer benachbarten Insel, und wahrscheinlich auf einer Entdeckungsreise begriffen. Das niedliche Thierchen, anstatt sein Heil in der Flucht nach einer entgegengesetzten Richtung zu suchen, sprang mit einer Beherztheit und Geschicklichkeit, die seine Verfolger in Erstaunen setzte, leicht an der aufgehobnen Ruderschaufel in die Höhe, und von dieser meinem erschrocknen Knaben gerade nach dem Kopfe, und, nachdem es meine Schulter gewonnen, wieder ins Wasser, und steuerte geraden Weges dem Ufer zu, ohne auch nur einen einzigen Strich von der Linie abzuweichen, welche es verfolgte, als es zuerst unsers Canoes ansichtig wurde. Die Behendigkeit und der Muth dieses harmlosen Geschöpfs, überraschten und unterhielten mich; ich hätte der Sache kaum Glauben schenken können, wäre ich nicht selbst Augenzeuge von seinem Benehmen gewesen, und überdies an den Schultern durch das von seinem Pelze träufelnde Wasser tüchtig durchnäßt worden.
Vielleicht erscheint Ihnen meine Eichhörnchen-Anekdote unglaublich; allein ich kann mit meiner persönlichen Erfahrung für ihre Wahrheit bürgen, da ich den muntern Springer nicht nur sah, sondern auch fühlte. Die schwarzen Eichhörnchen sind sehr liebenswürdige und hübsche Thierchen und beträchtlich größer als die rothen, grauen und gestreiften; die letztern werden von den Indianern »Tshit-munks (^Chit-munks^)« genannt.
Letzten Sommer wurden wir von diesen kleinen Räubern tüchtig geplündert, die rothen Eichhörnchen stahlen uns große Quantitäten indianischen Korns, nicht blos vom Stengel, als die Saat in der Reife begriffen war, sondern sie kamen sogar durch einige Lücken in den Blockwänden in die Scheunen, und schleppten sehr viel Getraide, (indianisches Korn) fort, das sie sehr geschickt von der Spindel abzulösen und nach ihren Vorraths-Magazinen, in hohlen Bäumen oder unterirdischen Höhlen, zu transportiren verstanden.
Die kleinen Thierchen sind sehr begierig nach Kürbißkörnern, man sieht sie häufig unter dem Vieh umher schnellen, und wenn dieses die Kürbisse zerfleischt, mit den herausfallenden Samen davon eilen. Nicht weniger gern fressen sie die Samen der Sonnen-Blumen, welche in unsern Gärten und Lichtungen eine riesenhafte Höhe erreichen. Das Feder-Vieh liebt die Sonnen-Blumen-Körner ebenfalls sehr, und ich sammelte die reifen Blumen, in der Absicht, einen guten Vorrath dieser Delicatesse für meine armen Hühnchen während des Winters zu haben. Eines Tages ging ich, die reifen Köpfe abzuschneiden, wovon die größten einem großen Präsentirteller glichen, sah aber zu meinem Aerger zwei diebische rothe Eichhörnchen ämsig in Sammlung der Samen, wie Sie wohl denken können, nicht für mich, sondern, für sich selbst beschäftigt.
Nicht zufrieden mit Ablösung der Samen, durchsägten die kleinen Diebe mit ihren scharfen Zähnen geschickt die Blumenstengel, und schleppten ganze Samen-Köpfe auf einmal fort, dabei waren sie so keck, daß sie sich durch meine Annäherung nicht im geringsten stören ließen, und wichen nicht eher, als bis sie sich ihrer Beute bemächtigt hatten, und mit einer Ladung, die wohl zweimal so schwer war, als ihr leichter Körper, über Geländer, Wurzeln, Baumstummel und Holz-Blöcke pfeilschnell davon eilten, so daß sie jede Verfolgung von meiner Seite vergeblich machten.
Groß war der Verdruß, den das kleine muntre Pärchen an den Tag legte, als es behufs einer zweiten Ladung wieder kam und die Pflanzen ihrer Köpfe beraubt fand. Ich hatte alles, was noch übrig war, abgeschnitten und in einem Korbe auf einen kleinen Block, gleich neben einer offnen Glasthüre, an die Sonne gestellt; ich saß eben auf der Thürschwelle und hülste einige Samen-Bohnen aus, als die Eichhörnchen durch ihre scharfen scheltenden Töne, wobei sie ihre leichten federartigen Schweife empor hoben, als wollten sie den lebhaftesten Unwillen über meine Eingriffe in ihre vermeintlichen Rechte zu erkennen geben, meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen; es währte gar nicht lange, so hatten sie den indianischen Korb mit dem ihnen entrissenen Schatze entdeckt; einige rasche Bewegungen brachte das kleine Pärchen an das Gitter, nur wenige Schritte von mir und den Samen-Köpfen; hier machten sie Halt, setzten sich nieder und blickten mich mit bittender Miene an. Ihre Verlegenheit machte mir zu viel Vergnügen, als daß ich ihnen hätte daraus helfen sollen, allein kaum hatte ich meinen Kopf gedreht, um mit meinem Kinde zu sprechen, so schossen sie vorwärts und in einer andern Minute hatten sie sich eines der größten Samen-Köpfe bemächtigt, den sie fortschleppten; zuerst trug ihn das eine einige Schritte weit, dann packte das andere an, denn er war zu groß und schwer, als daß ihn eins hätte lange tragen können. Kurz ihre kleinen Manövres machten mir so viel Spaß, daß ich mich meines ganzen Vorraths berauben ließ.
Im Frühjahr sah ich eine kleine Eichhörnchen-Familie auf dem Gipfel eines hohlen Blockes spielen, und ich kann wohl sagen, daß sie mir unter allen Thieren als die lebhaftesten und niedlichsten Geschöpfe erscheinen, die man nur immer sehen kann.
Das fliegende Eichhörnchen ist in unsern Wäldern zu Hause und übertrifft, meines Bedünkens, in Schönheit alle seine Gattungs-Verwandten. Seine Farbe ist das weichste zarteste Grau; das Pelzhaar ist dick und kurz, und so seidenartig wie Sammet; die Augen sind, wie bei allen Eichhörnchen-Arten groß, voll und sanft, die Schnurren und das lange Haar um die Nase sind schwarz; die Membran, welche dem Thierchen zum Fliegen dient, ist zart und von weichem Gefüge, wie der Pelz des Chinchilla (Ohrmaus), sie bildet zwischen den Vorder- und Hinter-Beinen eine Bürste; der Schweif gleicht einer zierlichen breiten grauen Feder. Die Erscheinung dieses allerliebsten kleinen Geschöpfes überraschte mich sehr angenehm; die Zeichnungen welche ich davon gesehen, gaben ihm ein höchst plumpes und _fledermausartiges_, fast ekelhaftes Ansehen. Die Jungen lassen sich leicht zähmen und sind in der Gefangenschaft sehr zutraulich und zum Spielen geneigt.
Wie würde sich meine kleine Freundin _Emilie_, über einen solchen Spielkameraden freuen. Sagen Sie ihr, daß ich ihr, sollte ich jemals in mein theures Vaterland zurückkehren, wo möglich ein dergleichen Thierchen mitbringen werde; vor der Hand aber muß sie sich mit den ausgestopften Exemplaren der rothen, schwarzen und gestreiften Art begnügen, die ich meinem Packete einverleibt habe. Ich wünschte, Ihnen ein werthvolleres Geschenk machen zu können, allein unsre Kunstsachen und Manufacturen sind durchaus brittisch, mit Ausnahme der Kleinigkeiten, welche die Indianer verfertigen, und es würde mir daher schwer fallen, Ihnen etwas der Aufmerksamkeit Werthes zu schicken, weshalb ich meine Zuflucht zu den natürlichen Erzeugnissen unsrer Wälder als Zeichen der Erinnerung an meine Freunde und Verwandten in der _Heimath_ -- denn so nennen wir stets unser theures Geburtsland, -- nehmen muß.
Sie wünschen zu wissen, ob ich glücklich und mit meiner Lage zufrieden bin, oder ob sich mein Herz nach dem alten Vaterlande sehnt. Ich will Ihnen aufrichtig antworten und spreche daher hier ein für alle mal aus, daß ich, in Bezug auf Geschmackssachen und frühzeitige Gedanken-Verbindungen und alle jene heiligen Bande der Verwandtschaft und alte Freundschaftsbündnisse, welche die Heimath Allen und Jedem, von welcher Nation er auch sei, so theuer machen, England den Vorzug gebe.
Auf der andern Seite mindert der Gedanke an die freiwillig übernommenen Pflichten, und ein Gefühl von Zufriedenheit mit meiner Lage das Bedauern, welchem ich nachzuhängen, mich geneigt finden möchte. Ueberdies giebt es für mich neue und heilige Banden, die mich an Canada fesseln; ich habe viel häusliches Glück genossen, seitdem ich hierher gekommen bin; -- und ist Canada nicht das Geburtsland meines theuren Kindes? Habe ich nicht hier zum ersten Male jenes Entzücken genossen, welches von mütterlichen Gefühlen entspringt? Wenn mein Auge auf meinem lächelnden Bübchen ruht, oder wenn ich seinen warmen Athem an meiner Wange fühle, so füllt meine Brust eine Wonne, die ich gegen kein Vergnügen auf Erden vertauschen möchte. »Recht gut,« hör' ich Sie im Geiste erwiedern, »allein diese Empfindungen sind ja nicht auf eure einsamen canadischen Wälder beschränkt.« Ich weiß dies wohl, aber hier stört mich nichts in meiner Zärtlichkeit, in den Liebkosungen meines theuren Kindes. Hier wird man nicht durch rauschende weltliche Vergnügungen zur Vernachlässigung seiner Mutterpflichten veranlaßt, hier kann nichts den holden Knaben aus meinem Herzen verdrängen; seine Gegenwart macht mir jeden Ort theuer und werth, ich lerne die Stelle lieben, wo er geboren worden ist, und denke mit Wohlgefallen an meine neue Heimath, weil sie sein Vaterland ist; und blicke ich in die Zukunft, und fasse ich sein künftiges Wohlergehn ins Auge, so fühle ich mich mit doppelter Anhänglichkeit an die Erdscholle gefesselt, welche er eines Tages sein nennen wird.
Vielleicht würdige ich das Land nur nach meinen eignen Gefühlen; und wenn ich bei einer unparteiischen Prüfung meines gegenwärtigen Lebens finde, daß ich eben so glücklich oder noch glücklicher bin, als in der alten Heimath, so muß ich es schätzen und lieben.
Wollte ich mich über die Vortheile, die ich besitze, ins Einzelne einlassen, so würden sie in den Augen von Leuten, die in all dem Glanze, all der Herrlichkeit und Fülle schwelgen, die Reichthum in einem durch Natur sowohl als Kunst den rauschenden Vergnügungen der Welt so günstigen Lande verschaffen kann, in einem sehr negativen Charakter erscheinen; allein ich habe ja nie dem Wohlleben und der Modesucht gefröhnt. Große Gesellschaften und die alltäglichen Vergnügungen der eleganten Welt verursachten mir stets Langeweile, wo nicht Ekel. Durch all dieses hofartige Treiben wird das Herz nicht befriedigt, wie sich ein Dichter äußert, und ich pflichte dem Ausspruch völlig bei.
Ich war immer nur zu sehr geneigt, mit Ungeduld die Fesseln von mir zu spornen, welche Etiquette und Mode der Gesellschaft anzulegen pflegen, bis sie ihren Jüngern alle Freiheit und Unabhängigkeit des Willens rauben, und dieselben sich bald genöthigt sehen, für eine Welt zu leben, die sie im Stillen verachten und satt haben, für eine Welt, die sie noch dazu mit Geringschätzung betrachtet, weil sie nicht mit einer Unabhängigkeit handeln dürfen, die so wie sie sich äußert, gleich zu Boden gedrückt werden würde.