Part 17
Gegen die Mitte des Sommers, wenn die Saaten zu reifen anfangen, versammeln sich diese Vögel in großen Heerden; ihre Plünderungen und Raubzüge scheinen von den ältesten Gliedern der Familie geleitet und beaufsichtigt zu werden. Wollen sie sich auf ein Hafer- oder Weizen-Feld niederlassen, so stellen sie zwei oder drei Schildwachen aus, die bei Annäherung von Gefahr _Dseck-dseck-dseck_ schreien. Diese Vorsicht scheint indeß überflüssig und unnöthig zu sein, denn sie sind so verwegen, daß sie sich nicht leicht verscheuchen lassen, und fliegen sie ja auf, so geschieht es blos, um in geringer Entfernung wieder in dasselbe Feld einzufallen, oder sie begeben sich auf die Bäume, wo ihre Vorposten Wache halten.
Sie lassen zu Zeiten einen eigenthümlichen kläglich tönenden Lockruf vernehmen, der genau dem plötzlichen Erklingen einer Harfen-Saite gleicht und eine oder zwei Secunden lang an das Ohr schlägt. Wahrscheinlich machen sie davon Gebrauch, ihre zerstreuten Kameraden herbei zu rufen, da ich ihn nie vernommen habe, wenn sie alle beisammen waren. Bisweilen saßen einige unweit unsrer Wohnung auf einem Baume am Rande des Sees und ließen mich ihren Lockruf vernehmen; ich habe sie _Harfner_ (^harpers^) getauft. Ich werde Sie wohl mit meinen ornithologischen Skitzen ermüden, indeß muß ich noch zwei oder drei Vögel anführen.
Der weißköpfige Adler[47] fliegt oft über unsre Ansiedlung, er hat dunkles Gefieder, der Leib und Kopf ist schneeweiß. Den Hühnerhöfen fügt er bisweilen Schaden zu; diejenigen, welche uns zu Gesicht kamen, verschmähten indeß dergleichen geringes Wildbret und schwebten in majestätischem Fluge über den See weg.
Der Fisch-Falke streift gelegentlich über die vor unsern Blicken ausgebreitete Wasserfläche; Leute, welche dem weiter oben geschilderten Fischfang mit dem Speer nachhängen, betrachten ihn als einen Feind.
Außerdem haben wir die Nacht- oder Musquito-Eule, welche auf die in den hohen Regionen schwärmenden Insekten Jagd macht, während sie näher an der Erde von ganzen Schaaren großer Stechfliegen verfolgt wird; trotz ihrem Beistande setzt uns doch das abscheuliche Ungeziefer, ich meine die Musquitos und schwarzen Fliegen, unbarmherzig zu.
Der rothköpfige Specht[49] zeichnet sich durch sein prächtiges Gefieder aus, Kopf und Hals sind reich carmesinfarben; Rücken, Flügel und Brust theilen sich in Schneeweiß und Pechschwarz. Das unaufhörliche Hämmern der Baumhacker und das gellende unharmonische Geschrei des blauen Hehers[50] ertönen, sobald völliger Frühling eingetreten ist, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Ich fand in letztem Frühjahr eine kleine Baumhacker-Familie recht behaglich in einer alten Fichte eingenistet, und zwar zwischen der Rinde und dem Stamme, wo erstere sich losgetrennt und einen hohlen Raum gelassen hatte, in welchem die alten Vögel ein weiches aber loses und keine große Sorgfalt verrathendes Nest gebaut hatten; die niedlichen Geschöpfe schienen recht glücklich, sie steckten gelegentlich ihre possirlichen kahlen Köpfchen hervor, um die Aeltern zu begrüßen, welche die alten Bäume in der Nachbarschaft entrindeten und Futter für ihre kleine Familie sammelten, sie betrieben ihr Werk mit demselben Eifer, wie eben so viele fleißige Zimmerleute.
Ein höchst seltsames Nest erhielt ich von einem unsrer Holzfäller; es war über eine Zweig-Gabel gebaut und schien gleichsam mit grauem Zwirn oder dünnem Bindfaden an den Ast genäht zu sein. Es war blos auf den beiden Seiten, welche den Winkel bildeten, gesichert, aber so gut befestigt, daß es jedem mäßigen Gewicht oder Druck Widerstand geleistet haben dürfte; es bestand aus den Fasern der Bastbaum-Rinde, die sehr fadig ist und sich sehr dünn ausziehen läßt; mit einem Wort, es war ein seltsames Beispiel von dem Mutterwitz der kleinen Baukünstler. Ich konnte letztere nicht entdecken, allein wahrscheinlich mochte es ein Werk meines kleinen Lieblings, der oben erwähnten, bei uns überwinternden Meise (^tit-mouse^) sein.
_Die nächste Abbildung stellt den Baltimore Feuervogel dar, der sein Nest gegen die Angriffe der schwarzen Schlange vertheidigt[50]._
Das Nest des canadischen Rothkehlchens, welches ich zufällig entdeckte, als ich nach einem Hühner-Neste in einem Reisig-Haufen, am fernsten Ende unsrer Ansiedlung, suchte, ist dem unsers heimathlichen Rothkehlchens sehr ähnlich, jedoch größer, da der Vogel selbst größer ist, und auch in den Materialien etwas verschieden; die Eier, fünf an Zahl, waren dunkelblau.
Bevor ich meinen ornithologischen Bericht schließe, muß ich nochmals der kleinen Häuser erwähnen, welche die Amerikaner für die Schwalbe bauen; ich habe seitdem gefunden, daß sie hierzu einen sehr trifftigen Grund haben. Es scheint zwischen diesem nützlichen Vogel und dem Stößer-Geschlecht die eingewurzeltste Antipathie zu bestehen, und kein Habicht mag in seiner Nachbarschaft bleiben; die Schwalben verfolgen diesen Räuber meilenweit, und necken und quälen ihn dabei auf jede nur mögliche Weise, wie einen bösen Genius; es ist höchst merkwürdig, daß ein kleines Geschöpf, wie die Schwalbe, einen so vielen Vogel-Arten furchtbaren Feind dergestalt vertreibt. Ich würde nicht recht daran geglaubt haben, hätte ich mich nicht selbst von der Wahrheit der Sache überzeugt.
Ich sah an einem schönen heitern Sommertage aus dem Fenster einen großen Raubvogel langsamen Fluges längs dem See hinstreichen; der arme Kerl stieß schreiende Klaglaute aus; etwa zwei Schritt von ihm bemerkte ich einen kleinen Vogel, -- in der Entfernung erschien er mir sehr klein, -- der ihn hart verfolgte und ebenfalls schrie. Ich sah dem seltsamen Paare nach, bis es hinter dem Fichten-Walde meinen Augen entschwand; so oft ich mich an diese merkwürdige Erscheinung erinnerte, wurde meine Verwunderung von neuem rege; endlich erfuhr ich den Grund von einem sehr gebildeten Franzosen, welcher durch Canada reiste, die Sache erklärte und zugleich bemerkte, daß diese kleinen Vögel sehr geschätzt seien, und daß man sehr viel dafür bezahle, um sie in die verschiednen Theile der Provinz zu versenden. Sie verlassen, sobald sie einmal einheimisch geworden, niemals ihre alten Reviere, und die nämlichen Pärchen kehren Jahr für Jahr nach ihrer alten Wohnung zurück.
Der Umstand, daß diese Schwalben den Stößer aus ihrem Reviere vertreiben, verdient alle Aufmerksamkeit, da er hinlänglich verbürgt ist, und als ein neuer Beweis für den von Naturkundigen gerühmten vorzüglichen Instinkt derselben gelten kann.
Ich habe indeß so viele Seiten vollgeschrieben, daß ich fürchten muß, mein langer Brief werde Sie langweilen. Adieu.
Fußnoten:
[40] Oculisten verwerfen gefärbte Brillen-Gläser, schwachen Augen wegen der Hitze, welche sie erzeugen, als nachtheilig. Grün oder blau gefärbte Gläser sind hier vorzuziehen.
[41] Anspielung auf ein Abentheuer im ^Vicar of Wakefield^.
[42] Anspielung auf _Sindbad's_ Reisen in Tausend und einer Nacht.
[43] Es ist gegenwärtig fast unabänderlich Sitte unter den Indianern, daß sie bei dem Eintritt in ein Wohnhaus alle ihre Waffen, als Flinte, Tomahawk u. s. w. vor der Thür niederlegen, selbst wenn das Wetter noch so naß ist; denn sie halten es für unhöflich, eine befreundete Wohnung bewaffnet zu betreten.
[44] Bekanntlich hat die Nord-West Compagnie eine Schätzung sämmtlicher Stämme vorgenommen, woraus sich ergeben, daß die ganze indianische Bevölkerung jenes unermeßlichen Continents sich gegenwärtig nicht über hunderttausend Seelen beläuft. In einer Parlaments-Urkunde von 1834 ist die Gesammtzahl der Indianer von Unter-Canada auf 3437 und die von Ober-Canada auf 13,700 Köpfe bestimmt; die letztere soll die Indianer am Huronen-See und nach Westen zu in sich begreifen. --
[45] Der rothe Sommervogel (^_Tanagra aestiva, Wilson_^) baut in den Wäldern auf die horizontalen Aeste noch nicht ausgewachsener Bäume, z. B. eines Epheubaums, zehn oder zwölf Fuß von der Erde entfernt, die Außenseite seines Nestes versieht er mit einem Geflecht von Pflanzenstengeln und dürrem Flachs und kleidet es inwendig mit feinem Grase aus.
[46] Der _blaue Vogel_ (^_Sialia Wilsonii, Swains._^), wovon bereits in einer früheren Anmerkung die Rede gewesen, erscheint bisweilen schon im Februar in Scheunen, Obstgärten und Einpfählungen, und erinnert uns sowohl durch seine Gestalt als durch seine Gewohnheiten und Lebensweise an unser Rothkehlchen (^_Sylvia rubecula_^).
»In der That hat der amerikanische Vogel ebenfalls eine rothe Brust, allein der ganze obre Theil des Körpers ist von schöner blauer Farbe und verleiht dem Vogel ein prachtvolleres Costüm, als das schlichte Olivenbraun unserm kleinen Liebling. Bei ihrer ersten Ankunft im Frühjahr statten die blauen Vögel dem Kasten im Garten oder in der Höhle eines alten Aepfelbaums, der Wiege einiger Generationen ihrer Vorgänger, eine frühzeitige Visite ab, und machen damit den Anfang, daß sie das alte Nest reinigen, und den Unrath und das Gerüll vom vorigen Jahre ausräumen, worauf sie es zur Aufnahme ihrer künftigen Abkömmlinge vorbereiten.«
[47] Der weißköpfige Adler (^_Haliaetus leucocephalus_^) kommt, nach _Hutchins_, im May, in der Gegend der Hudson's bay an, er baut auf die höchsten Bäume und bereitet ein ziemlich großes Nest, aus Stücken Gras, Torf, Schutt und ähnlichem Gerülle, er wählt zu diesem Behuf einen sehr hohen Baum, in der Regel eine Fichte oder Cypresse, und macht eine lange Periode hindurch Jahr für Jahr von demselben Neste Gebrauch. Die Adler, welche _Abbot_ beobachtet hat, bauten ein großes compactes Nest, bisweilen auf hohe Cypressen-Bäume und andere Male wiederum auf Felsen. Die beste Beschreibung aber, die uns zu Gesicht gekommen ist, haben _Wilson_ und _Ord_ in der ^American Ornithology^ geliefert.
»Im Monat May,« sagt _Wilson_, »als ich auf einer Jagdparthie an der Seeküste, nicht weit von Great Egg-Harbour, in Begleitung meines Freundes _Ord_ hinstrich, wurden wir von unserm Wegweiser ungefähr eine englische Meile tief in die Wälder geführt, um ein Seeadlernest zu sehen. Als wir uns dem Orte bis auf eine kleine Entfernung genähert, sahen wir den Vogel, sich langsam vom Neste zurückziehen, welches mitten auf dem Gipfel einer sehr großen gelben Fichte (^yellow pine^) erbaut war. Das Holz war mehre Ruthen im Umkreise gefällt und weggeschafft worden, ein Umstand, der dem stattlichen, geraden Stamme, so wie den großen, gekrümmten Aesten des Baumes, worauf eine schwarze Masse von Stöcken und Reisholz ruhte, einen eigenthümlichen und malerischen Anblick verlieh. Unser Führer hatte eine Axt mit sich genommen, um den Baum zu fällen; mein Begleiter aber, ängstlich bemüht, die Eier oder Jungen zu erhalten, bestand darauf, den Baum zu ersteigen, was er auch furchtlos ausführte, während ich und der Führer unsern Stand unter dem Baume nahmen, bereit, den kühnen Kletterer, im Fall eines Angriffs von den alten Adlern, zu vertheidigen. Indeß wurde kein Widerstand geleistet; leider aber fand _Ord_ das Nest, als er es erreicht, zu unserm größten Mißvergnügen, leer. Es war aus großen Stöcken, deren mehre einige Fuß maßen, erbaut; inwendig lagen Erdschollen, Riethgras, Rasen, dürres Schilf u. s. w., sämmtliche Materialien waren zu einer Höhe von fünf bis sechs Fuß angehäuft und nahmen über vier Fuß in der Breite ein; das Ganze war mit frischen Fichtenwipfeln überkleidet und hatte nur eine geringe oder vielmehr gar keine Aushöhlung. Unter der Ueberkleidung lagen die frisch abgestreiften Hüllen (Mauser) der jungen Brut des laufenden Jahres, nehmlich Schuppen von den Spulen, Federn, Flaum u. s. w. Unser Führer war spät im Februar an dieser Stelle vorbeigekommen, zu welcher Zeit sowohl Männchen als Weibchen ein großes Geräusch um das Nest machten; und aus dem, was wir später erfuhren, ist es höchst wahrscheinlich, daß es bereits in dieser frühen Jahreszeit Junge enthielt.
»Im folgenden Jahre, am ersten März,« erzählt _Ord_, »nahm einer meiner Freunde aus dem nehmlichen Neste drei Eier, wovon die größten drei und ein viertel Zoll lang waren, im Durchmesser zwei und ein viertel, und im Umfange gegen sieben Zoll maßen; sie wogen vier Unzen, fünf Drachmen, (Apothekergewicht); sie waren schmuzig gelblich weiß, und nur eins hatte eine sehr blaßbläulich weiße Farbe; die Jungen waren vollkommen ausgebildet. Die ängstliche Sorgfalt des Weibchens, die Eier zu erhalten, war so groß, daß es das Nest nicht eher verließ, als bis mehre Axtschläge gegen den Baum geführt worden waren.«
»Einige englische Meilen von diesem Orte entfernt,« fährt _Wilson_ fort, »befindet sich ein andres Adlernest, welches ebenfalls auf einer Fichte erbaut ist, die, nach eingezogner Erkundigung vom Eigenthümer der Holzung, dieser Adler-Familie seit langer Zeit zur Wohnung gedient hatte. Den Baum, worauf das Nest ursprünglich erbaut war, hatten diese Adler seit undenklichen Zeiten, oder wenigstens so lange als er sich erinnern konnte, inne gehabt. Einige von seinen Söhnen fällten die Fichte, um die Jungen zu erlangen, deren Zahl sich auf zwei belief, bald darauf begann der Adler auf den unmittelbar daneben stehenden Baum ein neues Nest zu bauen, wodurch er eine große Vorliebe für diesen Ort an den Tag legte. Der nehmliche Mann erzählte uns, daß die Adler zu jeder Jahreszeit hier ihre Ruhestätte und Wohnung haben. Ueberdies behauptete er, daß die grauen oder Seeadler, die Jungen der weißköpfigen Adler wären, und daß sie nicht eher zu brüten anfingen, als bis sie einige Jahre alt geworden wären. Der weißköpfige Adler treibt seine Jungen nicht aus dem Neste, wie der Osprei oder Fischaar (Flußadler, Moosweih), sondern fährt, nachdem sie es verlassen, noch lange fort, sie zu füttern.«
Es hat den Anschein, als wenn diese Adler eine besondere Vorliebe für die Nähe von Wasserfällen hegten, da sie sich in großer Menge am Niagara-Falle aufhalten; und in _Lewis_ und _Clark's_ Reisebericht stoßen wir auf folgende Beschreibung eines solchen Adlernestes, welches die malerischen Effecte der großartigen Scenen an den Fällen des Missouri nicht wenig erhöht haben mag.
»Gerade unter der obersten Spitze,« erzählen die Reisenden, »befindet sich mitten im Flusse ein kleines holzreiches Eiland. Hier hatte ein Adler auf einem Baume (^Gossypium arboreum^) sein Nest errichtet und schien der unangefochtene Inhaber des Orts zu sein, dem seinen Besitz streitig zu machen, weder Menschen noch Thiere über die das Eiland umgebenden Strudel zu setzen wagten, da dasselbe noch überdies durch den, von den Fällen emporsteigenden Wasser-Nebel geschützt ist.«?
[48] Dieser Vogel fürchtet den Menschen so wenig, daß er nicht selten in die Bäume nistet, welche in den Städten Amerikas auf den Straßen wachsen. _Wilson_ fand mehre dieser Nester innerhalb der Grenzen der Stadt Philadelphia: zwei in dem Knopfholzbaum (^_Platanus occidentalis_^), und ein drittes in dem verwitterten Stamme einer Ulme. »Die alten Vögel,« sagt dieser Forscher, »machen, wie mich meine Beobachtung gelehrt hat, ihre Excursionen regelmäßig nach den über Schuylkill hinaus liegenden Wäldern, ungefähr eine englische Meile von der Stadt, und beobachten beim Besuchen ihrer Nester große Stille und Vorsicht; Maßregeln, welche von solchen, die tiefer in den Wäldern nisten, nicht so streng beobachtet werden, weil das Späherauge des Menschen daselbst weniger zu fürchten ist. Allein trotz der Sorgfalt, welche dieser Vogel, so wie die andern Arten der nehmlichen Gattung, anwendet, um seine Jungen durch die Auswahl einer sicheren Lage gegen die Nachstellungen von Verfolgern zu sichern, hat er es doch mit einem Todtfeinde zu thun, gegen dessen Räubereien ihm weder die Höhe des Baumes noch die Tiefe der Höhle die mindeste Sicherheit gewähren. Dies ist die schwarze Schlange (^_Coluber constrictor_^), welche sich häufig am Stamme des Baumes hinauf windet und, wie ein lauernder Wilder, in die Höhle des armen Spechtes dringt, trotz dem Geschrei und ängstlichen Flattern der Aeltern die Eier und hülflosen Jungen verschlingt und, wenn es der Raum gestattet, sich an der Stelle, die sie eben erst einnahmen, zusammenrollt und daselbst einige Tage hindurch verharrt. Der wilde Schulknabe, nachdem er seinen Hals gewagt, um die Höhle des Spechtes zu erreichen, fährt, wenn der Zeitpunkt des Triumphs, wo er das Nest für sichre Beute hält und seinen entblößten Arm in die Höhle steckt, beim Anblick der scheußlichen Schlange erschrocken zurück, und stürzt fast von seiner schwindelnden Höhe herab, indem er mit ängstlicher Hast am Baume heruntergleitet. Ich habe von verschiedenen Abentheuern dieser Art gehört; und ein Fall zog ernste Folgen nach sich: Knabe und Schlange stürzten nehmlich zugleich auf die Erde herab und ein Schenkelbruch und langes Hüten des Bettes heilten den Waghals von seinem ehrgeizigen Streben, Spechtnester zu plündern, vollkommen.«
[49] »Dieser schöne Vogel,« sagt _Wilson_, »welcher, so viel ich darüber habe erfahren können, Nordamerika angehört, zeichnet sich durch sein prächtiges Kleid als eine Art von Elegant (^beau^) unter den befiederten Bewohnern unserer Wälder aus, und macht sich, gleich den meisten Gecken, sowohl durch seine Geschwätzigkeit als auch durch die Manier seiner Töne und Gebehrden noch bemerklicher. Der amerikanische Holzheher ist eilf Zoll lang, seinen Kopf ziert ein Kamm lichtblauer oder purpurfarbner Federn, welchen er nach Willkühr emporrichten oder senken kann; eine schmale schwarze Linie zieht sich längs der Stirnbinde hin, erhebt sich auf beiden Seiten über die Augen, geht aber nicht über sie hinweg, wie _Catesby_ dies dargestellt hat, oder wie es _Pennant_ und mehre Andre beschrieben haben; der hintere und obere Theil des Halses ist schön hell purpurfarben, doch herrscht das Blau vor; ein schwarzer Kragen reicht vom Hinterhaupte mit einer zierlichen Krümmung auf jeder Seite über den Hals herab bis an den oberen Theil der Brust, wo er einen Halbmond bildet; Kinn, Backen, Kehle und Bauch sind weiß, die drei ersteren lichtblau gefärbt; die größeren Flügel-Decken sind reich blau, die äußeren Fahnen der ersten Federn lichtblau, die der zweiten dunkel purpurfarben, mit Ausnahme der drei dem Körper zunächst befindlichen, welche glänzend lichtblau sind; alle diese, ausgenommen die ersten, sind prachtvoll mit schwarzen Halbmonden der Quere nach gestreift und weiß getüpfelt; die inneren Seiten der Flügelfedern sind dunkelschwarz; der Schwanz ist lang und keilförmig gestaltet und besteht aus zwölf glänzend lichtblauen, in halbzolligen Entfernungen mit schwarzen bogenartigen Querstreifen gezeichneten Federn; jede Feder ist weiß getüpfelt, mit Ausnahme der zwei mittelsten, welche nach den äußersten Enden zu in eine dunkle Purpurfarbe verlaufen; Brust und Seiten, unter den Flügeln, sind schmuzig weiß und mit Purpur gefleckt; die innre Seite des Mundes, Zunge, Schnabel, Beine und Krallen sind schwarz; die Regenbogenhaut des Auges ist nußbraun.
»Ein blauer Holzheher,« fährt _Wilson_ fort, »den ich seit einiger Zeit gefangen gehalten, und mit dem ich in großer Vertraulichkeit lebe, ist ein wahres Muster von mildem Charakter und geselligen Sitten. Ein günstiger Zufall im Walde brachte mich zuerst in Besitz dieses Vogels, als er noch sein volles Gefieder hatte und noch voller Gesundheit und Muth war; ich nahm ihn mit mir nach Hause und steckte ihn in einen Käfig, den bereits ein goldgeflügelter Specht einnahm; hier wurde er aber so grob empfangen und erhielt von dem Inhaber des Käfigs dafür, daß er dessen Gebiet betreten, eine so harte Züchtigung, daß ich mich, um sein Leben zu erhalten, genöthigt sah, ihn wieder herauszunehmen. Ich setzte ihn hierauf in einen andern Käfig, dessen einziger Besitzer ein gemeiner weiblicher Bülan (^orchard oriole^) war. Dieser gebehrdete sich ebenfalls unruhig, als beleidige und gefährde ihn die Gegenwart des fremden Gastes; der Holzheher unterdeß saß stumm und bewegungslos auf dem Fußboden des Käfigs, entweder zweifelhaft über seine eigene Lage, oder in der Absicht, seiner Nachbarin Zeit zur Beschwichtigung ihrer Furcht zu gönnen. Und nach wenigen Minuten, nachdem sie verschiedene drohende Gebehrden entfaltet (gleich einigen Indianern bei ihren ersten Zukammenkünften mit den Weißen), begann sie, sich demselben zu nähern, jedoch mit großer Vorsicht, und zum schnellen Rückzug bereit. Da sie jedoch sah, daß der Holzheher anfing, auf eine friedfertige und demüthige Weise einige zerbröckelte Stückchen Kastanie aufzupicken, stieg sie ebenfalls herab und that das Nehmliche, drehete sich aber, bei der leichtesten Bewegung ihres neuen Gastes, diesem entgegen und setzte sich in Vertheidigungsstand. Jedoch ehe es Abend geworden, war alle diese ceremoniöse Eifersüchtelei verschwunden, und sie wohnen, fressen und spielen jetzt zusammen, in vollkommner Eintracht und guter Laune.
»Wenn der Holzheher trinken will, springt seine Tischgenossin keck und dreist in das Wasser, um sich zu baden, und schleudert es in Schauern über ihren Gefährten, der sich dies ganz geduldig gefallen läßt, und nur dann und wann wagt, etwas davon zu schlürfen, ohne das geringste Zeichen von Unwillen oder Empfindlichkeit zu verrathen. Im Gegentheil scheint er sich über seine kleine Mitgefangene zu freuen, indem er ihr erlaubt, sich an seinen Backenbart zu hängen, (was sie sehr sanft macht) und seine Krallen von zufällig daran hängenden Kastanienbröckchen zu reinigen. Diese Anhänglichkeit von der einen, und diese freundliche Nachgiebigkeit von der andern Seite, dürften vielleicht zum Theil die Wirkung des wechselseitigen Mißgeschicks sein, welches, wie die Erfahrung lehrt, nicht blos Menschen an einander anschließt, sondern auch manche Thierarten enger mit einander verbindet. Auch zeigt dieses Beispiel, daß der blaue Holzheher ein leicht bezähmbares Naturell besitzt und fähig ist, Zuneigung und zärtliche Gefühle, selbst für solche Vögel zu hegen, die er im natürlichen Zustande ohne Bedenken zu seiner Speise wählen würde.«
[50] Das Nest des Feuervogels ist von mehren Ornithologen geschildert worden. _Latham_, welcher von _Wilson's_ wundervoller Beschreibung wesentlich abweicht, sagt: »das Nest ist aus einer flaumartigen, zu Fäden gedrehten Substanz locker gebaut, und hat ziemlich die Gestalt einer Börse, welche an die äußerste Gabel eines Tulpenbaums, einer Platane oder eines Hiccory-Baums befestigt ist.« _Montbeillard_ ist noch kürzer in seinen Bemerkungen über diesen interessanten Bau. Wir wollen hier _Wilson's_ Beschreibung von Anfang bis zu Ende mittheilen.