Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin.

Part 15

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Unsre Aussaat in diesem Jahre besteht in Hafer, indianischem Korn, Kürbissen, Kartoffeln und etwas weißen Rüben; nächsten Herbst werden wir Weizen, Roggen, Kartoffeln und indianisches Korn haben, und dadurch im Stande sein, unsern Viehstand zu vermehren. Gegenwärtig haben wir blos ein Joch Ochsen: _Buck_ und _Bright_, (die Namen von drei Viertheilen aller Zug-Ochsen in Canada), zwei Kühe, zwei Kälber und zwei kleine Schweine, zehn Hühner, drei Enten und einen niedlichen braunen Klepper, welcher aber leider ein so geschickter Springer ist, daß er fast über jede Einfriedigung wegsetzt, daher wir uns wohl von ihm werden trennen müssen.

Alles Vieh, das sich gern losreißt und umherstreift, ist ein bedeutender Friedenstörer und lößt manche nachbarliche Freundschaft auf, weshalb jeder Ansiedler, dem es auf ein gutes Vernehmen mit seinen Nachbarn ankommt, dergleichen Vieh, und wenn es übrigens noch so brauchbar wäre, lieber veräußert.

Ein kleiner Pachter im Mutterlande dürfte eben keine hohe Meinung von unsern canadischen Besitzungen hegen, besonders wenn ich hinzufüge, daß unsre ganzen Ackergeräthschaften aus zwei Sensen, verschiednen Aexten, einem Spaten und einigen Hacken bestehen. Hierzu kommt noch eine seltsame Art von Egge, in Gestalt eines Dreiecks, um besser zwischen den Baumstummeln durchkommen zu können. Dies ist im Vergleich mit den neu angestrichnen Werkzeugen der Art, welche ich in England gesehen habe, eine grobe Maschine. Ihre einzelnen Theile sind roh zugehauen und ohne Rücksichtsnahme auf ein gefälliges Aeußere mit einander verbunden; die möglichste Tauglichkeit ist alles, worauf man hier sieht. Der Pflug kommt selten vor dem dritten oder vierten Jahre ins Land, auch ist dies nicht erforderlich; der allgemein übliche Feldwirthschafts-Plan, den neuerdings urbar gemachten Boden mit Weizen oder Hafer und, außer dem Getraide, mit Grassämereien zu besäen, (letzteres, um Weide für das Vieh zu erhalten), macht den Pflug nicht eher nöthig, als bis die Zeit eintritt, wo das Grasland aufgerissen werden muß. Diese Methode verfolgen die meisten Ansiedler, so lange sie mit Lichtung des Wald-Bodens beschäftigt sind; sie lichten stets so viel, als zur Unterhaltung einer regelmäßigen Aufeinanderfolge von Weizen und Frühlings-Saaten erforderlich ist, während sie das früher gelichtete Land mit Gras besäen.

Der niedrige Preis, wofür jetzt fast jede Getraide-Sorte zu haben ist -- der Scheffel (^Bushel^) Weizen kostet nur zwei Schillinge vier Pence bis höchstens vier Schillinge -- macht seine Cultur weniger wichtig als die Aufziehung und Mästung von Vieh. Die Arbeitslöhne stehen mit dem Preis der Erzeugnisse in keinem Verhältniß; ein Arbeiter erhält zehn, ja sogar eilf Dollars monatlich, nebst Kost; während der Weizen, wie bereits gezeigt worden, nur drei Schillinge, drei Schillinge und Sechspence oder vier Schillinge, ja bisweilen nicht einmal so viel gilt. Der Ertrag wird wenig oder nicht mit der Auslage verglichen, welche die Bestellung des Bodens erheischt, übrigens bringt das Land auch nicht den großen Ueberfluß hervor, den Manche von neu urbar gemachtem Boden zu erwarten pflegen. Der Ertrag muß indeß, je nach Lage und Fruchtbarkeit der Felder, die in der Regel in der Nähe der Flüsse und Seen weniger productiv sind, als etwas weiter davon entfernt, weil der Boden daselbst entweder morastig oder steinig, mit Fichten oder mit Kalkstein- und Granit-Blöcken bedeckt, und der Unterboden arm und sandig ist, verschieden ausfallen.

Dies ist der Fall an den kleinen Seen und an den Ufern des Otanabee; die davon entfernt liegenden Parcellen sind gemeiniglich von weit bessrer Beschaffenheit, sie tragen hartes Holz, z. B. Eichen, Ahorn, Buchen, Eisenholz u. s. w., welche Bäume stets einen fruchtbarern Boden verrathen, als die Familie der Nadelhölzer.

Trotz der geringeren Boden-Beschaffenheit wird beim Ankauf von Land doch ein Wasser-Vordergrund als eine Sache von großer Wichtigkeit betrachtet; und Parcellen mit Wasser-Benutzung stehen gewöhnlich in weit höherem Preise als solche, die weiter davon entfernt sind. Erstere sind im Allgemeinen im Besitz der Ansiedler höheren Ranges, die noch etwas extra für eine gute Lage und die Aussicht künftiger Verschönerungen, wenn das Land sich unter einem höheren Cultur-Grad befinden und dichter bevölkert sein wird, zahlen können.

Wir können nicht anders als mit unendlicher Zufriedenheit die wenigen Morgen Landes betrachten, welche im Umkreise unsers Hauses gelichtet und mit Saaten bedeckt sind. Ein Platz dieser Art inmitten des dichten Waldes erfüllt das Herz mit einer Wonne, wovon diejenigen, welche in einer offnen oder auch nur theilweise bewaldeten Gegend wohnen, keine Vorstellung haben können. Die hellen Sonnenstrahlen und der blaue Himmel, die, nicht mehr durch ein dichtes Laubdach zurückgehalten, frei und ungehindert auf uns hereinbrechen, laben das Auge und erfreuen das Herz gewiß eben so sehr, als der kühle erquickende Schatten eines Palmen-Hains den armen abgematteten Wandrer in der afrikanischen Wüste labt und erquickt.

Wenn wir dies so merklich fühlen, die wir uns der Aussicht auf einen offnen See gerade vor unsern Front-Fenstern erfreuen, wie müssen diejenigen thun, die für ihre Niederlassung nur erst ein kleines Fleckchen im Herzen des Waldes gelichtet haben, die rings um von einer dichten Baum-Wand eingehemmt sind, deren endlose Schatten, welche das Auge, in Aufsuchung andrer Gegenstände und Scenen, vergebens zu durchdringen strebt; denn so dicht stehen die Bäume, daß alles, außer der gelichteten Stelle, in dichtes Dunkel gehüllt ist. Ein Ansiedler, der sich zuerst auf der ihm zu Theil gewordnen Parcelle niederläßt, weiß nicht mehr von ihren Grenzen und natürlichen Zügen als von der nordwestlichen Durchfahrt.

Unter solchen Uebelständen kann es vielleicht unter zehn Fällen nur einmal treffen, daß der Ankömmling die beste Lage für sein künftiges Haus wählt. Dies ist ein sehr hinreichender Grund, nicht eher ein größere Unkosten erforderndes Haus zu bauen, als bis das Land zur Genüge gelichtet ist, so daß die Vortheile und Nachtheile der dafür zu erwählenden Stelle besser ins Auge fallen. Manche zu dem in Rede stehenden Behuf vorzüglich geeignete Stellen bieten sich oft dem Auge des Ansiedlers, während er in Lichtung seines Bodens fortfährt, dar, und lassen ihn bedauern, daß er sein Haus an einem Platze erbaut hat, den er noch nicht kennen gelernt hatte. Allein Umstände verstatten selten, den Hausbau im Busche aufzuschieben; eine Wohnung muß so schnell als möglich errichtet werden, und dies gewöhnlich auf dem ersten gelichteten Acker. Der Emigrant tröstet sich indeß dabei mit der Zukunft, er hofft auf eine nicht allzuferne Periode, wo er durch Aufführung einer schönern und bessern Wohnstätte, als sein Block-Haus (Log-Haus) oder seine Shanty ist, die er blos als einstweiliges Obdach betrachtet, sowohl seinem Geschmack als seiner Liebe zur Bequemlichkeit wird genügen können.

Bei meiner ersten Ankunft in diesem Lande überraschte mich nichts mehr als der völlige Mangel an Bäumen um die Wohnhäuser und auf dem gelichteten Boden, die Axt des Holzfällers stürzt unermüdlich alles vor sich nieder. Der Mensch scheint mit den Bäumen des Waldes zu kämpfen, gleichsam als wären sie seine schädlichsten Feinde; denn er schont weder das junge Bäumchen in seinem jugendlichen Grün noch den bejahrten Stamm in seinem hohen stattlichen Wuchse; er kriegt gegen den Forst mit Feuer und Stahl.

Es lassen sich für diesen anscheinenden Mangel an Geschmack verschiedne Gründe angeben. Die Waldbäume wachsen so dicht neben einander, daß es ihnen an Raum gebricht, sich auszubreiten und Seiten-Aeste zu entsenden; im Gegentheil schießen sie zu einer beträchtlichen Höhe empor, nicht unähnlich jungen Saatpflanzen in einem Treibbeete, die nicht gehörig gedünnt worden sind. Dergleichen Bäume sind schlank und schwach und entbehren völlig jener angenehmen Umrisse und jener schönen Laubkrone, die sie als eine Verzierung der Landschaft wünschenswerth machen würde; allein dies ist noch nicht der dringendste Grund zu ihrer Entfernung, vorausgesetzt, daß unter ihnen doch manche von nicht eben ungefälligen Formen vorkommen mögen.

Anstatt tiefe Wurzeln zu treiben, haben die Waldbäume, mit Ausnahme der Fichten, nur einen sehr oberflächlichen Halt in der Erde; die Wurzeln laufen an der Oberfläche des Bodens hin und haben daher nicht Kraft genug, den Stürmen zu widerstehen, welche gegen die Wipfel wüthen, und diese wirken so als mächtige Hebel, um sie aus dem Erdreich heraus zu reißen.

Je höher und schlanker der Baum ist, desto leichter wird er von den Stürmen entwurzelt; und wenn selbst diejenigen fallen, welche im Herzen des Waldes stehen und von allen Seiten eingehemmt sind, so kann man über das gewisse Schicksal eines einzeln stehenden, seiner früheren Beschützer beraubten Baumes, sobald er gegen den Sturm kämpfen soll, nicht zweifeln. Er muß fallen und kann dann leicht durch seinen Sturz in der Nähe befindliches Vieh beschädigen; dies ist der wichtigste Grund, warum man nicht einzelne Bäume auf dem gelichteten Boden stehen läßt. Uebrigens ist es nicht so leicht, bei Lichtung des Waldes diesen oder jenen Baum zu schonen, als ich mir dies anfangs dachte; der Fall eines Baumes zieht oft den von zwei, drei oder mehren kleineren, die in der Nähe stehen, nach sich. Ein geschickter Holzfäller sucht dies so sehr als möglich zu befördern, indem er kleine Bäume in der Richtung, in welcher er einen großen zu fällen beabsichtigt, nur zum Theil durchschneidet.

Ich wünschte sehr, einige hübsche Buchenbäumchen, die mir gefielen, zu erhalten, und bat daher die Holzfäller, dieselben wo möglich zu verschonen. Allein der einzige, welcher der zerstörenden Axt entging, mußte bald eine Feuer-Probe bestehen, wodurch seine frischen grünen Blätter augenblicklich welk und versengt wurden; er steht jetzt als ein trauriger Beweis der Unmöglichkeit da, dergleichen von der Axt verschonte Bäume zu erhalten. Das Einzige, was man thun kann, wenn man Bäume in der Nähe seines Hauses zu haben wünscht, ist, daß man junge dergleichen in günstigen Lagen anpflanzt, wo sie tief einwurzeln und ihre Aeste eben so ausbreiten können, wie die Bäume in unsern Parken und Hecken.

Ein andrer Plan, den wir auf unserm Boden zu verfolgen Willens sind, ist, mehre Acker Wald in passender Lage stehen zu lassen, die alten Bäume als Brennholz von Zeit zu Zeit heraus zu schlagen und den jungen Wuchs als Zierde zu verschonen. Dieses Verfahren, ein Wäldchen zu erhalten, unterliegt nicht den früher dagegen gemachten Einwürfen, und vereinigt das Nützliche mit dem Schönen.

Man fühlt sich, sieht man eine der gigantischen Eichen oder Fichten fallen, seltsam erregt. Stolz und unbeweglich scheinen sie zuerst dem Hagel von Axtschlägen, die von drei oder vier Holzfällern gegen ihren Stamm geführt werden, zu trotzen. Allein nachdem das Werk der Zerstörung eine Zeitlang gedauert hat, nimmt man alsbald eine leichte Bewegung -- ein fast unmerkliches Zittern der Aeste wahr. Ganz langsam und allmälig beginnt der Waldriese, sich zu neigen, während das laute Krachen des Stammes endlich anzeigt, daß sein letzter Halt in der Erde aufgehört hat. Die Axt des Holzfällers hat ihre Pflicht gethan; die Bewegung des stürzenden Baumes wird mit jedem Augenblick beschleunigt, bis er unter donnerartigem Geprassel, welches die Erde erschüttert, während die benachbarten Bäume erbeben und sich vor ihm neigen, zu Boden sinkt.

Obschon entschieden weniger windig als unsre brittischen Inseln, wird Canada doch zu Zeiten von plötzlichen Stürmen, die sich bisweilen fast dem Orkan und der sogenannten Windsbraut nähern, heimgesucht. Eine Schilderung eines solchen Sturmes habe ich Ihnen in einem früheren Briefe gegeben. Im Verlauf des jetzigen Sommers bin ich Zeuge von einem andern Orkan gewesen, der in seinen Wirkungen noch heftiger und verheerender war.

Der Himmel überzog sich plötzlich mit Wolken, die sehr electrisch waren. Der Sturm brauste von Nordwesten heran, und seine Wuth schien auf eine Breite von einigen hundert Schritten beschränkt. Ich beobachtete mit einigem Interesse die schnellen Bewegungen der grauen, schwarzen und kupferfarbnen Wolken, die über den See hin zogen, als mich plötzlich das Krachen stürzender Bäume auf dem jenseitigen Ufer und noch mehr der Anblick der mit den umherwirbelnden Fichten-Reisern angefüllten Luft, kaum hundert Schritt vom Hause, während auf dem ebnen Boden, wo ich stand, keine Spur von Wind zu fühlen war, nicht wenig überraschte.

In wenigen Secunden hatte sich der Orkan über die Wasserfläche verbreitet und streckte mit unwiderstehlicher Gewalt nicht weniger als dreißig oder vierzig Bäume zu Boden, während er andre wie Schilfrohr niederbog. Es war grauenvoll zu sehen, wie der hohe Forst vor dem Toben des Sturmes zitterte und schwankte, und wie ein Riesenstamm nach dem andern stürzte, wie ein Spiel Karten, die ein Hauch zerstreut. Glücklicher Weise ging der Luftstrom blos über unsre gelichteten Aecker weg und fügte uns keinen Schaden weiter zu, als daß er auf dem hohen Ufer über dem See drei starke Fichten entwurzelte. Allein in der Richtung unsers Nachbars stiftete er großen Schaden an, er zerstörte einen großen Theil der Einfriedigung, zerschmetterte die Saaten durch die niederstürzenden Stämme und Aeste und bewirkte für den Besitzer einen großen Verlust und viel Arbeit, um den Schaden wieder gut zu machen.

Die aufwärts gekehrten Wurzeln der vom Winde umgestürzten Bäume sind eine große Plage auf dem gelichteten Boden, entstellen die Landschaft und sind weit schwieriger zu entfernen als die mit der Axt gefällten Bäume. Einige von den Stummeln dieser durch den Sturm umgeworfnen Bäume richten sich, wenn sie gleich nach ihrem Umsturz von ihren Aesten befreit worden sind, wieder empor, das Gewicht der Wurzeln und des damit emporgerißnen Erdreichs zieht sie an ihre alte Stelle zurück; wir haben diesen Umstand sehr häufig benutzt.

Diesen Sommer über herrschte die veränderlichste Witterung, welche man sich denken kann. Der Frühling war warm und angenehm, aber vom Ende des Mai bis zur Mitte des Herbstes hatten wir schwere Regengüsse, bewölkten Himmel und feuchte heiße Tage; heftige, furchtbar großartige Gewitter, aber wie es scheint weniger verheerend als in England, sind hier zu Hause. Es ist wohl möglich, daß die hohen Waldbäume die Gefahr von den niedrigen Gebäuden abwenden, die hinreichend gegen die Wirkungen des Blitzes geschützt sind. Auch der Herbst war feucht aber kalt. Ich muß hier gestehen, daß ich zur Zeit eben keine günstige Meinung vom hiesigen Klima hege; indeß ist es Unrecht, nach einer so kurzen Bekanntschaft damit über dasselbe aburtheilen zu wollen, besonders da Jedermann sagt, daß dieser Sommer seinen Vorgängern völlig ungleich gewesen.

Die Insekten waren eine große Plage für uns, und ich bewillkommnete den herannahenden Herbst als einen Befreier von ihren Angriffen; denn diese Plaggeister sind zahlreich und von mancherlei Art, und achten keine Persönlichkeit, wie ich zu meinem Leiden erfahren habe.

Ich sehne mich nach Briefen aus der Heimath; lassen Sie mich bald von Ihnen hören.

Dreizehnter Brief.

Gesundheits-Gefühl inmitten der strengsten Winter-Monate. -- Unannehmlichkeit, welche die glänzende Weiße des Schnees verursacht. -- Schlittenfahrt. -- Indianische Orthographie. -- Besuch in einem Indianer-Lager. -- Ein indianischer Krüpel. -- Canadische Ornithologie.

See-Haus, März 14, 1834.

Ich erhielt Ihren letzten liebevollen und höchst interessanten Brief erst diesen Abend. In Folge eines Fehlers in der Aufschrift hatte er die Runde in zwei Gemeinde-Bezirken gemacht, ehe er in Peterborough anlangte; und ob er gleich fast eben so viele Aufschriften hatte als ein Matrosen-Messer neue Klingen und Hefte, so kam er doch zuletzt in meine Hände und war mir, trotz seinem etwas beschmutzten und abgenutzten Reise-Gewande, nicht minder willkommen und schätzbar.

Ich freute mich, von Ihrer wiederkehrenden Gesundheit und frohen Laune zu hören; -- mögen sie von langem Bestand sein. Ihre Klagen über mein Exil, wie Sie meinen Aufenthalt in diesem Lande nennen, gingen mir sehr zu Herzen. Lassen Sie meine Versicherung, daß ich mich gegenwärtig eben so glücklich fühle, als zur Zeit, wo ich meine Heimath verließ, sich zum Trost wegen meiner Entfernung von Ihnen dienen. Ist auch meine Lage verändert, so ist es doch nicht mein Herz. Mein Geist ist so lebhaft und heiter wie je zuvor, und zu Zeiten fühle ich eine Aufgewecktheit und Frische in mir, die jeder Sorge Trotz bietet.

Sie fürchten, daß mich die Strenge des canadischen Winters aufreiben werde. Ich erfreute mich nie einer bessern Gesundheit, als seitdem er seinen Anfang genommen. Das Blut wird von der Frische und Reinheit der Luft dergestalt durchströmt und gekräftigt, daß man sich ganz heiter und wohl fühlt. Selbst der Schnee erscheint weißer und schöner als in unserm feuchten neblichen Klima. An sehr kalten hellen Wintertagen sieht man hier oft die Luft mit kleinen gefrornen Wasser-Theilchen gefüllt, die völlig trocken sind, und das Gesicht ganz leicht wie Nadelspitzen berühren, während der Himmel blau und heiter ist. Es herrscht zwischen dem ersten Schnee-Fall und dem in der Mitte des Winters ein merklicher Unterschied. Der erste zeichnet sich durch große weiche Flocken aus und liegt selten lange, ohne zu thauen, aber die Flocken des zweiten, nachdem regelmäßig anhaltende Kälte eingetreten ist, sind kleiner, trockner und von den schönsten Formen, bisweilen spitzig wie Strahlenbüschel, oder sonst auf die merkwürdigste Weise gefiedert.

Meinen Augen ist die blendende Weiße und das Funkeln des Schnees an heitern sonnigen Tagen sehr zuwider und macht mein Gesicht, wenn es derselben ausgesetzt gewesen, auf mehre Stunden äußerst schwach, so daß ich die mich umgebenden Gegenstände nicht deutlich unterscheiden kann. Ich möchte jedem rathen, der hierher kommt, sich mit grünen oder blauen Brillen-Gläsern[40] zu versehen, und den Damen, ja grüne Crep-Schleier mit zu bringen. Große grüne Brillen, wie sie der arme _Moses_ kaufte, würde in Canada als kein so schlechtes Geschäft gegolten haben[41].

Vor einigen Tagen kehrte ich von einem Besuche bei einer kranken Freundin zurück und weidete mich auf meinem Wege an den Wirkungen des Frostes. Erdboden, Bäume, jedes Reis, jedes dürre Blatt, jeder Stein, worauf mein Auge stieß, blitzten gleichsam von Diamanten, als wären sie von einem Zauberstab berührt worden; Gegenstände, vorher roh und jeder Schönheit ledig, hatten plötzlich einen unbeschreiblich blendenden Glanz angenommen. Man glaubte sich fast in _Sindbad's_ Diamanten-Thal versetzt[42]. Ueberdies war die Luft keineswegs unangenehm oder unerträglich kalt.

Ich habe an windigen Tagen in England weit mehr Kälte empfunden als in Canada, bei einem weit niedrigeren Temperatur-Grade. Es herrscht hier in kalten Nächten eine fast entzückende Stille in der Luft, welche die Unannehmlichkeit der Kälte-Empfindung verringert.

Allerdings treten im Verlauf des Winters einige sehr kalte Tage ein, allein diese niedrige Temperatur hält selten länger als dreimal vierundzwanzig Stunden an. Der kälteste Theil des Tages ist von ein oder zwei Uhr vor Sonnen Aufgang bis ungefähr um neun Uhr Morgens; bis dahin haben unser prasselndes Holzfeuer (^log-fire^) oder unsre eisernen Oefen das Haus durchwärmt, so daß man sich um die drausen herrschende Kälte gar nicht bekümmert. Im Freien fühlt man sich bei gehöriger Bewegung und hinreichender Bekleidung weit weniger unbehaglich, als man glauben sollte. Ohren und Nase sind der Kälte am meisten ausgesetzt.

Leute, die von einer langen Reise kommen, bilden bisweilen eine seltsame Erscheinung, die einem, wären sie nicht zu bemitleiden, ein Lächeln entlocken würde.

Haare, Schnurrbart, Augenwimpern, Bart, alles ist mit Reif überzogen. Ich habe junge Damen in Abend-Gesellschaften gehen sehen, mit Locken, so dunkel wie die Ihrigen, die aber bald durch den kalten Luft-Hauch in Silberweiß verwandelt wurden, so daß man fast auf die Idee gerieth, die schönen Mädchen wären in ihre alten Großmütter metamorphosirt worden, glücklicher Weise für Jugend und Schönheit sind dergleichen Verwandlungen nur vorübergehend.

In den Städten und volkreichen Theilen der Provinz begrüßt man die Annäherung des Winters, anstatt sie zu fürchten, mit wahrer Freude. Reisen sind dann ungehindert und angenehm; selbst unsre elenden Buschstraßen gewinnen im eigentlichen Sinne des Wortes an Werth; und sollte man auch während einer Lustfahrt ein- oder zweimal umgeworfen werden, so sind doch dergleichen Zufälle von keiner großen Gefahr begleitet, auch erweckt ein Burzelbaum in den Schnee vielmehr Gelächter als Mitleiden; daher ist es bei dergleichen Gelegenheiten das Beste, das bischen Schnee, was man etwa aufgeladen, mit gutem Anstand abzuschütteln und in die Lust und Späße der Gesellschaft einzugehen.

Das Reisen auf dem Schlitten ist in der That höchst angenehm; je mehr Schnee, desto besser die Schlitten-Zeit; und je härter er wird, desto leichter ist die Bewegung des Fuhrwerks. Die Pferde sind sämmtlich mit Glocken-Geläute und Schellen sowohl um den Hals als auf dem Rücken geschmückt, und das lustige Geklingel ist keineswegs unangenehm.

Sobald eine hinreichende Menge Schnee gefallen ist, wird alles Fuhrwerk von der Staats-Karosse bis zur Radeberge auf eisenbeschlagne Kufen -- den Schlittschuh-Eisen nicht unähnlich -- gesetzt. Die gewöhnlichen Reise-Equipagen sind der Doppel-Schlitten, (^double sligh^) der leichte Wagen und der Cutter; die beiden ersten werden von zwei Pferden, neben einander gezogen, der letztre dagegen, bei weitem das eleganteste Fuhrwerk dieser Art, ist blos für ein Pferd bestimmt und entspricht mehr dem Gig oder der Chaise.

In Büffel-Häute gehüllt, fühlt man keine Unannehmlichkeit von der Kälte, ausgenommen im Gesicht, das man durch einen warmen Biber, einen Hut oder eine Mütze schützen muß; Mützen werden hier selten oder niemals getragen, und zwar aus dem lächerlichen Grunde, weil es nicht Mode ist.

Das rothe, graue und schwarze Eichhörnchen ist in unsern Wäldern häufig. Die Moschus-Ratze bewohnt kleine Häuser, die sie in den binsenreichen Theilen der Seen erbaut. Diese Wohnungen bestehen aus Riethgras und Binsen-Wurzeln, Stöcken und andern ähnlichen Materialien und sind mit Schlamm ausgekleidet, ein dichtes, die Wasserfläche einen Fuß und mehr überragendes Schilfdach schützt das Gebäude von oben; es ist von runder domartiger Gestalt und vom Ufer aus in einiger Entfernung sichtbar. Die Indianer stellen Fallen, um die Thierchen in ihrer Wohnung zu fangen, und verkaufen ihre Felle, welche gegen den Winter sehr dicht und glänzend sind. Der Biber, der Bär, der schwarze Luchs und Füchse werden ebenfalls getödtet und von den Jägern an die Vorratshändler gegen Waaren oder Geld verkauft.

Die Indianer richten die Rehhäute zur Verfertigung von Mocassins zu, die von den Ansiedlern in diesen Theilen sehr gesucht werden; sie sind in Schnee-Wetter sehr behaglich und halten die Füße sehr warm, indeß umwickelt man den Fuß, ehe man sie anlegt, mit einigen Tüchern. Ich trug den ganzen letzten Winter hindurch ein schönes Paar dergleichen Stiefel; sie waren mit Stachelschwein-Spuhlen genäht und mit scharlachnen Binde-Bändern versehn; eine alte Squaw, die Frau des Jägers _Peter_, sie kennen ihn bereits aus einem früheren Briefe, war die Meisterin, welche sie verfertigt. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich ein Pröbchen indianischer Orthographie, das die Mocassins begleitete und mir nicht wenig Spaß machte; ich will Ihnen die paar Zeilen, einem Notchen (Rechnung) nicht unähnlich, hier mittheilen.

^Sir^

^Pleas if you would give something; you must git in ordir in store is woyth (worth) them mocsin porcupine quill on et. One dollars foure yard.^