Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin.

Part 11

Chapter 113,580 wordsPublic domain

Eine genaue Bekanntschaft mit dem Gebrauch der Werkzeuge des Zimmermanns ist hier, glauben Sie mir, viel werth, und ich empfehle jedem jungen Mann, der nach Canada auswandern will, sich mit diesem schätzbaren Metier so viel als möglich bekannt zu machen, da er andern Falls oft in große Verlegenheit gerathen dürfte.

Höchst lächerlich erschienen mir die Bemerkungen einer superfeinen Dame, der unwilligen Theilnehmerin an der Auswanderung ihres Gatten, als sie den Sohn eines See-Offiziers von einigem Range im Dienste ämsig mit Fertigung einer Axt-Handhabe aus einem Stück Felsen-Ulme beschäftigt sah.

»Ich wundre mich, daß Sie _George_ sich so erniedrigen lassen,« bemerkte sie, sich an dessen Vater wendend.

Der Capitain blickte sie mit Verwunderung an, »Sich erniedrigen! Auf welche Weise Madam? Mein Sohn schwört nicht, trinkt keinen Branntwein, und sagt keine Lügen.«

»Allein Sie lassen ihn Arbeiten der niedrigsten Art verrichten. Um was ist er jetzt besser als ein gemeiner Zimmermann; und ich glaube, daß sie ihn auch Holz fällen lassen?«

»Allerdings,« war die Antwort, »das Holz dort auf dem Wagen hat er seit gestern, nach Beendigung seiner Lehrstunden, alles selbst gefällt.«

»Lieber wollte ich meine Jungen todt sehen, ehe ich ihnen gleich gemeinen Arbeitern die Axt zu führen verstattete.«

»Müßiggang ist aller Laster Anfang,« sagte der Capitain, »wie weit schlechter würde mein Sohn beschäftigt sein, wenn er sich mit böser Gesellschaft auf der Straße umher triebe.«

»Sie müssen doch zugeben, daß sich dieses Land nicht zum Aufenthalt für Gentlemen und Damen eignet,« bemerkte die Lady.

»Es ist ein Land,« erwiederte der Capitain etwas derb, »worin Gentlemen, die nicht arbeiten mögen und die doch nicht außer demselben leben können, verhungern müssen, und aus diesem Grunde gewöhne ich meine Söhne frühzeitig an eine stete und nützliche Thätigkeit.«

»Meine Söhne sollen nie wie gemeine Handwerker arbeiten,« erwiederte die Dame mit Unwillen.

»In diesem Fall Madam, werden sie als Ansiedler zu nichts taugen; und es ist nur zu bedauern, daß Sie dieselben über den Ocean hierher gebracht haben.«

»Wir waren dazu gezwungen, wir konnten nicht mehr auf dem Fuße leben, wie wir gewohnt waren, andernfalls würde ich nie in dieses abscheuliche Land gekommen sein.«

»Da Sie aber nun einmal hier sind, so werden Sie sehr wohl thun, sich in die Umstände zu schicken, Canada ist kein Land für müßige Leute, welche ihre Vermögens-Umstände zu verbessern wünschen. In einigen Theilen des Landes werden Sie die meisten Nahrungsmittel eben so theuer finden als in London, die Kleidung noch weit theurer und nicht so gut, und dabei eben keine sonderliche Auswahl.«

»Nun dann möchte ich doch wissen, wozu Canada gut ist?« war die ärgerliche Antwort.

»Es ist ein gutes Land für den rechtschaffnen fleißigen Handwerker. Es ist ein schönes Land für den armen Arbeiter, der nach wenigen Jahren harter Arbeit sich in seinem eignen Log-Hause niederlassen und sein Auge auf seinen eignen Grund und Boden schweifen lassen kann, und seine Kinder für die Zukunft wohl versorgt und unabhängig weiß. Es ist ein großes wichtiges Land für den reichen Speculanten, der eine beträchtliche Summe in Ankauf trefflichen ergiebigen Bodens anlegen kann; denn verfährt er nur einigermaßen klug, so kann er für sein Geld nach Verlauf einiger Jahre hundert Procent Zinsen gewinnen. Aber es ist ein böses Land für den armen Gentleman, den seine Lebensweise und Gewohnheiten untüchtig zur Handarbeit gemacht haben. Er bringt Gesinnungen mit sich, die nicht zu seiner neuen Lage passen; und selbst wenn ihn die Noth zur Anstrengung seiner Kräfte treibt, ist seine Arbeit von geringem Werth. Sein Fortkommen fällt ihm äußerst schwer. Die nicht zu umgehenden Arbeits-Löhne und Ausgaben für den erforderlichen Lebensunterhalt sind beträchtlich, und er muß, will er sich aufrecht und schuldenfrei erhalten, manche Entbehrungen erdulden. Hat er eine zahlreiche Familie und erzieht er sie auf eine vernünftige, seinen Umständen angemeßne Weise, das heißt, macht er sie frühzeitig für das Ansiedlerleben geschickt, so erzeigt er ihnen eine wahre Wohlthat und wird bald der guten Folgen für sein Grundeigenthum inne; allein ist er selbst müßig und faul, seine Frau verschwenderisch und unzufrieden, und lehrt er seine Kinder mit Verachtung auf anstrengende Arbeit herab zu blicken; so eilt er seinem Verderben mit Riesenschritten entgegen. Mit einem Wort, das Land ist ein gutes Land für diejenigen, für welche es paßt; wer sich aber nicht der Nothwendigkeit fügen, wer keine Entbehrung dulden und nicht arbeiten will, der thäte besser, er bliebe davon entfernt. Es liegt am Tage, daß Canada nicht jeder Klasse von Leuten zusagen kann.«

»Nun für mich und meine Familie paßt es durchaus nicht,« erwiederte die Dame verächtlich.

»Sehr wahr!« lautete die laconische Antwort, und so endete das Zwiegespräch.

Allein indem ich diese Bemerkungen nieder geschrieben, bin ich ganz von der Hauptsache abgekommen und habe mein armes Log-Haus in unvollendetem Zustande gelassen. Endlich wurde mir gesagt, daß es fertig und bewohnbar sei, und ich sah mich bald mitten in die mit dem Aus- und Einzuge verbundne Unruhe und Arbeit versetzt. Wir erhielten allen nöthigen Beistand von S--, der stets bereit und willig ist, uns zu helfen. Er lachte und nannte unsre kleine Versammlung eine bewegende _Biene_ (^moving bee^); ich sagte es sei eine feststellende Biene, (^fixing bee^) und mein Gatte gab ihr den Namen ordnende Biene (^settling bee^); gewiß waren wir, ehe alles zu Stande kam, uneingerichtet genug. Welch eine wüste Höhle ist ein kleines Haus oder überhaupt jedes Haus unter solchen Umständen. Der Begriff von Chaos muß vom Aus- und Einräumen entlehnt worden sein, denn ich glaube, daß die Alten so gut hiermit zu thun hatten, als die Neuern.

Von irdnem Geschirr ging mancher werthvolle Artikel auf seiner kurzen aber holperigen Wanderung durch die Wälder in Stücke. Friede und Ruhe ihren Manen! Ich hatte eine gute Hülfe an meinem irischen Mädchen, die bald ein tüchtiges Feuer auf dem neuen Herde anzündete und alles im Hause ordnete.

Wir fühlen uns jetzt in unsrer neuen Wohnstätte recht behaglich; ich will Ihnen eine Schilderung von dem kleinen Häuschen geben. Was fertig da steht, ist blos ein Theil von dem ursprünglichen Plan, das Uebrige muß im nächsten Frühjahr oder Herbst, wie es die Umstände erlauben, hinzugefügt werden.

Ein niedliches kleines Wohnstübchen mit Vorrathskammer, Küche, Speise- und Schlafkammer bilden das Erdgeschoß; dazu kommt ein hübsches obres Stockwerk, welches drei Schlafgemächer abgeben wird.

»Welche Nußschale,« höre ich Sie im Geiste ausrufen; eine solche ist es vor der Hand wirklich, allein wir gedenken einen schönen Vorbau daran zu fügen, und warten hierzu nur auf Breter von der Mühle; dies wird uns noch eine Stube, einen langen Saal und ein Schlafzimmer für vorkommende Fälle verschaffen. Die Fenster und Glasthüre unsers jetzigen Wohnstübchens gewähren eine angenehme Aussicht auf die Seen im Westen und Süden. Nach Vollendung des Hauses werden wir vorn und nach der Südseite eine Verandah (Vorhalle) haben, eine angenehme Hinzufügung für den Sommer, da man sie als eine Art Vorgemach benutzen, darin speisen und die frische Luft, geschützt gegen die Sonne, genießen kann. Die Canadier nennen diese Verandahs »_Stoups_,« da sie nur aus Scheiten oder Bretwerk bestehen, so entbehren nur wenige Häuser derselben. Die Pfeiler oder Säulen, umwunden von üppigen Hopfen-Ranken, der Scharlach-Bohne und der Morgen-Glorie[35], nehmen sich sehr hübsch aus. Gewiß sind diese Stoups eine vorzügliche Zierde, da sie zum großen Theil die rohen Scheite verbergen und das scheunenartige Aeußre der Häuser maskiren.

Unser Wohnstübchen wärmt ein hübscher eiserner Ofen mit messingener Gallerie und einer Schutzplatte. Das Hausgeräth besteht in einem mit Messingblechen beschlagnen Sopha, das gelegentlich auch als Bett gebraucht wird, canadischen angestrichnen Stühlen, einem gefleckten Tisch von Tannenholz, grünen und weißen Vorhängen und einer schönen indianischen Matte, welche den Fußboden bedeckt. Eine Seite des Zimmers nehmen unsre Bücher ein. Einige große Landcharten und verschiedne gute Kupferstiche verstecken so ziemlich die rohen Wände und bilden die Decoration unsrer kleinen Wohnung. Unser Schlafzimmer ist auf dieselbe einfache Weise ausmöblirt. Indeß fühlen wir uns gar nicht unbehaglich in unserm schlichten Häuschen; und wiewohl es keineswegs so beschaffen ist, um unsern Wünschen vollkommen zu genügen, entspricht es doch unter den bestehenden Umständen seinem Zwecke.

Ich harre sehnsüchtig dem Frühling entgegen, um vor dem Hause ein Gärtchen anlegen zu können; denn ich beabsichtige, einige der im Lande einheimischen Früchte und Blumen darin anzupflanzen, die meiner Ueberzeugung nach durch Cultur einer beträchtlichen Veredlung fähig sind. Die auf unsern Triften und gelichteten Waldstellen wild wachsenden Erdbeeren gehören verschiednen Varietäten an und tragen sehr reichlich, zum Einmachen eignen sie sich trefflich, und ich gedenke einige Beete in meinem Garten damit zu bepflanzen. Auf unserm See befindet sich ein allerliebstes waldiges Inselchen, Erdbeer-Eiland und ein andres ^Raspberry island^ (Brombeer-Eiland) benamt; sie enthalten einen Ueberfluß an allerlei Früchten -- wilden Trauben, Brombeeren, schwarzen und rothen Johannis-Beeren; eine wilde Stachelbeere und eine schöne kleine rankende Pflanze, welche weiße Blumen trägt, wie die Brombeere, desgleichen eine dunkel purpurfarbne Frucht, bestehend aus einigen Samen von angenehmem, lebhaft säuerlichem Geschmack, der Thaubeere nicht unähnlich, aber nicht ganz so süß. Die Blätter dieser Pflanze sind glänzend hellgrün und ungefähr wie die Blätter der Brombeere gestaltet, mit der sie (obgleich nicht so buschig und dornig) in einiger Hinsicht so große Aehnlichkeit hat, daß ich sie die _kriechende (rankende Brombeere)_ getauft habe.

Unsre wissenschaftlichen Botaniker dürften mich für sehr keck und anmaßend halten, daß ich mir die Freiheit nehme, den Blumen und Sträuchern, auf die ich in diesen Wäldern stoße, Namen beizulegen. Ich kann blos sagen daß es mich freut, wo möglich die canadischen oder selbst die indianischen Benennungen zu entdecken, und wo sie fehlen, betrachte ich mich als ihre Taufmutter und benenne sie nach meinem Gefallen.

Unter unsern wilden Früchten haben wir eine Pflaume, die in einigen Gemeinde-Distrikten sehr gut und reichlich ist, sie eignet sich trefflich zum Einmachen vorzüglich wenn man sie, wie die amerikanischen Hausfrauen, in Ahorn-Syrup kocht; wilde Kirschen, desgleichen eine Sorte Namens ^choke cherries^ (Würgkirschen) wegen ihrer stark zusammenziehenden Eigenschaften, hoch- und kleinsträuchige Moosbeeren und Schwarzbeeren, welche von den Squaws in Birken-Körben herbeigebracht werden. Alle diese kommen auf den Ebnen und Bieber-Wiesen vor. Die kleinsträuchigen Moosbeeren werden von den Indiern in großer Menge in die Städte und Dörfer gebracht. Sie bilden eine stete Delicatesse (eingemacht) auf den Thee-Tischen der meisten Ansiedler; allein was Trefflichkeit des Geschmacks und schönes Ansehn betrifft, so ziehe ich die hochbuschige Moosbeere vor; diese ist weniger begehrt, wegen der großen platten Samen, welche das Einmachen derselben verhindern; indeß ist das Gelée davon sowohl in Farbe als Wohlgeschmack vortrefflich.

Der Strauch auf welchem diese Moosbeere wächst, gleicht der Guelder-Rose. Die Blüthen sind rein weiß und stehen in loosen Dolden; sie bilden nach ihrer Entfaltung in Wäldern und Mooren und am Wasser-Rande der Seen eine schöne Zierde. Die Beeren sind etwas länglich eirund und glänzend scharlachroth, und wenn sie der Frost leicht gerührt hat, halb durchsichtig, und sehen wie hängende Büschel scharlachfarbner Trauben aus.

An einem schönen Winternachmittage fühlte ich mich versucht, mit meinem Gatten einen Spaziergang auf dem Eise zu machen, welches, wie man mir vorher versichert, vollkommen trug und sicher war. Ich muß gestehen, daß ich während der ersten halben Meile (englisch) mich ziemlich furchtsam zeigte, vorzüglich an Stellen, wo das Eis so durchsichtig war, daß man jeden Kiesel, jedes Moos auf dem Boden des Wassers sehen konnte. Bisweilen war das Eis dick, weiß und vollkommen undurchsichtig. Während wir uns in geringer Entfernung vom Ufer hielten, überraschte mich das Erscheinen einiger glänzend rothen Beeren an den laublosen Büschen, die über den Rand des Sees hingen und die ich bald als die oben erwähnten Moosbeeren erkannte. Mein Gatte streifte sogleich den lockenden Schatz von den Zweigen, und ich eilte entzückt mit meiner Beute nach Hause und kochte die Früchte mit etwas Zucker, um sie nebst unserm Kuchen zum Thee zu genießen. Gewiß habe ich nie etwas so köstlich gefunden als diese Beere, und dies vielleicht um so mehr, weil ich, mit Ausnahme von Eingemachtem während unsrer Reise und zu Peterborough, so lange keinerlei Art von Früchten genossen hatte.

Kurz darauf machte ich einen abermaligen Spaziergang auf dem Eise, wiewohl es nicht ganz so fest mehr war wie früher; dessen ungeachtet marschirten wir ziemlich dreiviertel Meile (englisch) weit. Bei unsrer Rückkehr wurden wir von S-- mit einem Handschlitten, eine Art Schiebkarren, wie die der Lastträger, -- eingeholt. Dieses Fuhrwerk hat keine Seiten-Wände und ruht nicht auf einem Rade sondern auf hölzernen Rollen, so daß man es, wenn es auch noch so schwer beladen ist, mit der größten Leichtigkeit über Schnee und Eis bewegen kann. S-- bestand darauf, mich auf dem Eise nach Hause zu fahren, gleich einer lappländischen Dame auf ihrem Schlitten. Ich wählte meinen Sitz, und in einer Minute fühlte ich mich mit einer Schnelligkeit fortgezogen, die mir fast den Athem raubte. Als ich am Ufer anlangte, war ich von Kopf bis zu Füßen eine Gluth.

Die Lage unsers Hauses würde Ihnen gefallen. Der Platz worauf es steht, ist der höchste Punkt eines sanft geneigten Ufers oberhalb des Sees, ungefähr zweihundert Schritt vom Wasserrande entfernt; die Breite des Sees von einem Ufer zum andern beträgt nicht ganz eine (englische) Meile. Nach Süden zu haben wir wieder eine ganz verschiedne Aussicht, die nach völliger Lichtung sehr schön ausfallen wird, -- eine schöne ebne Wasserfläche, durch anmuthige Inselchen unterbrochen, die sich aus ihrem Schooße gleich grünenden Hainen empor heben; -- unterhalb derselben ist ein Fall von einigen Fuß, wo die Wasser der Seen, in einen engen Kanal zwischen Kalkstein-Schichten gezwängt, mit großem Ungestüm hinstürzen und Schaum und Nebel-Wolken emporschleudern.

Während des Sommers ist der Wasserstand weit niedriger, und man kann eine ziemliche Strecke an den flachen Ufern hinwandern, die aus verschiednen, mit fossilen Ueberresten von offenbar frischer Formation gefüllten Kalkstein-Schichten bestehen. Jene Muschelgehäuse und Fluß-Insekten, welche, durch das Zurückweichen des Wassers zurückgelassen, über die Oberfläche des Kalksteins ausgestreut liegen, sind den Muscheln und Insekten ähnlich, die von der Kalkstein-Masse incrustirt sind. Man hat mir gesagt, daß das Bett eines der Seen, (ich weiß nicht mehr, welches) oberhalb unsers Wohnorts aus Kalkstein bestehe; und daß es reich an manigfaltigen schönen Flußmuscheln sei, welche darin in ungeheurer Menge so wie auch in den längs den Ufern ausgestreuten Kalkstein-Blöcken schichtenweise abgelagert sind. Diese Muschelgehäuse werden auch in beträchtlicher Menge in dem Boden der Bieber-Wiesen gefunden.

Wenn ich dergleichen Dinge sehe oder davon höre, so thut es mir leid, daß ich nichts von Geologie oder Conchologie verstehe; weil ich mir anders manche Umstände würde erklären können, die gegenwärtig blos meine Neugierde erregen.

Gerade unter dem oben erwähnten Wasserfall ist ein merkwürdiger natürlicher Bogen in dem Kalkstein-Felsen, der sich an dieser Stelle zu einer Höhe von funfzehn Fuß wie eine Mauer erhebt; er besteht aus großen Platten grauen Kalksteins, die eine auf der andern liegen; der Bogen erscheint wie eine Spalte in der Felsenwand, aber, möglicher Weise durch die Gewalt des Wassers während einer beträchtlichen Ueberschwemmung, ausgewühlt und ausgehöhlt. Auf der Spitze des Felsens wachsen Bäume. Schierlings-Tannen und Cedern bewegen ihre Laubkronen hoch über dem wildbrausenden Wasser hin und her und bekleiden die steinerne Barriere mit einem düstern aber unvergänglichen Grün. Hier wuchern auch in üppiger Fülle die wilde Rebe, die oben erwähnte rothe kriechende Pflanze und die Gifteiche und weben phantastische Lauben über die moosbedeckten Stein-Massen. Eine schnelle Wendung dieses Ufers brachte uns zu einer breiten, vollkommen flachen und glatten Schichtung des nämlichen Gesteins, die eine Strecke von ziemlich funfzig Fuß entlang dem Ufer einnimmt. Zwischen den Rissen und Spalten dieser Schicht fand ich einige Rosen-Sträucher und mancherlei Blumen, die im Verlauf des Frühjahrs und Sommers, wo dieselbe vom Wasser entblößt und mithin seinem Einfluß nicht ausgesetzt ist, daraus hervorgesproßt waren.

Dieser Platz soll nächstens mit einer Säge- und Korn-Mühle bebaut werden, die, fürchte ich, seiner natürlichen Schönheit Abbruch thun wird. Ich glaube wohl, daß ich die einzige Person in der Nachbarschaft bin, welche die Errichtung eines für diesen Theil des Gemeindebezirks so nützlichen und schätzbaren Gebäudes mit Bedauern sieht.

Sobald Sie mir wieder ein Päckchen oder Kistchen senden, vergessen Sie nicht, einige Blumen-Samen und Pflaumen-, Schlehen- und Aepfel-Kerne der besten Sorte, wie dergleichen in der Heimath in Gärten und Obstpflanzungen gezogen werden, beizufügen; denn ich glaube, daß sich die Aepfel hier aus Samen ziehen lassen, ohne daß man die Bäume zu pfropfen braucht; indeß ist das Obst von gepfropften Bäumen größer und wohlschmeckender. Sehr willkommen würden mir auch einige Nüsse von unsern schönen alten Stamm-Nußbäumen sein. O die guten alten Bäume! was sind wir nicht auf ihren Aesten herum geklettert, als ich noch leichten Herzens und so frei von Sorgen war, wie die Eichhörnchen, welche sich auf den höchsten Wipfeln über uns wiegten. »Recht schön!« werden Sie sagen, »aber je weniger eine kluge Frau von dergleichen wilden Streichen, wie das Herumklettern auf Nußbäumen, spricht, desto besser.« Glücklicher Weise gerathen junge Damen hier nicht in Versuchung, da sie wohl einsehen, daß nur ein Eichhörnchen oder ein Bär unsre hohen Waldbäume erklettern kann; selbst ein Matrose würde sich nicht hinauf wagen.

Recht sehr wünsche ich, einige Samen von unsrer wilden Schlüsselblume und unserm Veilchen zu erhalten, um sie auf unsern Wiesen und in unserm Gärtchen auszustreuen; haben Sie die Güte, die Dorfkinder einige für mich sammeln zu lassen.

Mein Gatte bittet Sie um etwas Luzern-Samen, den er mit Vortheil cultiviren zu können glaubt.

Fußnoten:

[35] ^Morning glory^ so nennen die Amerikaner ihre schönen und großen Winden (^Convolvulus^).

Zehnter Brief.

Abwechselung in Temperatur und Wetter. -- Elektrische Erscheinung. -- Canadischer Winter. -- Mangel an poetischen Anklängen in diesem Lande. -- Zuckerbereitung. -- Zeit zum Fischfang. -- Art des Fischfangs. -- Entenschießen. -- Indianer-Familien. -- Papousen und ihre Windeln- und Wickelbänder. -- Indianische Manufacturen. -- Frösche. --

See-Haus, Mai 9. 1833.

Wie ganz anders ist doch der Winter ausgefallen, als ich mir dachte. Der December-Schnee thaute beständig wieder weg. Am ersten Januar war auf unsern gelichteten Aeckern keine Flocke zu sehen, nur im Walde lag etwas. Die Wärme der Sonne am ersten und zweiten Tage des neuen Jahres war so groß, daß man im Freien den Mantel, ja selbst einen Shawl kaum vertragen konnte; und im Zimmer wurde uns das Ofenfeuer fast lästig. Das Wetter blieb ziemlich mild bis in die letzte Hälfte des Monats, dann aber trat strenge Kälte ein und dauerte den ganzen Februar hindurch. Der erste März war der kälteste Tag, den ich jemals erlebt habe; das Quecksilber fiel im Hause bis fünfundzwanzig Grad unter Null, und im Freien noch tiefer. Das Gefühl von Kälte frühmorgens war äußerst schmerzhaft, und erzeugte ein unwillkührliches Schaudern und eine fast krampfhafte Empfindung in Brust und Magen. Der Hauch erstarrte an den Betten zu Reif. Jeder metallne Gegenstand, den man berührte, schien die Finger erfrieren zu machen. Dieser hohe Kälte-Grad hielt indeß nur drei Tage an, worauf die Temperatur allmälig gelinder wurde.

Während dieser äußerst kalten Witterung wurde ich durch die häufige Wiederkehr eines Phänomens überrascht, welches mir von elektrischer Natur zu sein schien. Wenn nämlich der Frost sehr heftig war, gab meine Kleidung, die während der kalten Jahreszeit in einem wollenen oder mit Flanel gefütterten Rocke bestand, beim Ausziehen eine Reihe knisternder prasselnder Töne, ungefähr wie ein aufloderndes Feuer, von sich, und sprühete, wenn das Licht entfernt wurde, blasse weißlich blaue Funken, denen nicht unähnlich, welche sich erzeugen, wenn man Zucker im Dunkeln schlägt, oder den Rücken einer schwarzen Katze streichelt; dieselbe Erscheinung bemerkte ich auch, wenn ich meine Haare kämmte[36].

Den Februar hindurch und bis zum neunzehnten März lag der Schnee sehr hoch; dann aber trat plötzliches Thauwetter ein und hielt ohne Unterbrechung so lange an, bis der Boden von seiner weißen Decke völlig befreit war, was im Verlauf von nicht ganz vierzehn Tagen geschah. Die Luft war während dieser Zeit weit wärmer und milder als in der Regel in England, wo während des fortschreitenden Thauwetters eine durchdringende Kälte herrscht.

Wiewohl der canadische Winter seine Unannehmlichkeiten hat, so hat er auf der andern Seite auch seine Reize. Nach ein- oder zweitägigem starken Schneefall klärt sich der Himmel auf, und die Luft wird außerordentlich hell und rein von Dünsten; der Rauch steigt in hohen gewundnen Säulen empor, bis er sich verliert; beobachtet man ihn des Abends oder früh an einem heitern Morgen, wenn der Reif an den Bäumen flimmert, im Widerschein eines safranfarbigen Himmels, so ist die Wirkung vorzüglich schön.

An heitern Wintertagen, wenn kein Wölkchen, nicht der Schatten eines Wölkchens das azurblaue Himmelsgewölbe über uns trübt, mache ich kleine Ausflüge in die Wälder, und wäre nicht die weiße Silberdecke der Erde, so möchte ich, wenn ich mein Auge zu dem reinen Aether empor hebe, fast ausrufen: es ist Juni, der milde liebliche Juni ist da! Die stets grünen Kiefern, Cedern, Schierlings-Tannen und Balsam-Fichten krümmen ihre hängenden Aeste unter der Schneelast, die bei der geringsten Bewegung in dichten Schauern rings umher niederrauscht, aber so leicht und trocken ist der Schnee, daß man ihn mit leichter Mühe und ohne im geringsten naß zu werden, abschütteln kann.

Die Spitzen der Baumstummel nehmen sich mit ihren Schnee-Mützen oder Turbanen gar nicht übel aus; ein schwarzer Fichtenstummel mit seinem weißen Mützchen und Mantel erscheint bisweilen, wegen seiner seltsamen Bekleidung wie Jemand, der uns plötzlich entgegentritt. Was Gespenster und Geister betrifft, so scheinen sie gänzlich aus Canada verbannt zu sein. Hier giebt es keine historischen Erinnerungen, keine abentheuerlichen Legenden von Ahnen und Vorvordern. Die Phantasie des Dichters würde in den Urwäldern aus Mangel an Wunder-Speise zur Aufrechterhaltung ihrer Existenz verhungern. Wir haben weder Feen noch Elfen, weder Geister noch Kobolde, weder Satyre noch Wald-Nymphen; unsre Wälder selbst eignen sich nicht zum Schutz für Dryaden und Hamadryaden. Keine Najade haust an dem Schilfrande unsrer Seen oder heiligt durch ihre Gegenwart unsre Wald-Firsten. Kein Druide nimmt unsre Eichen in Anspruch; und anstatt mit geheimnißvoller Ehrfurcht zwischen unsern, oft seltsam zusammengruppirten Kalkfelsen umher zu wandern, überlassen wir sie dem Geologen, um seinen Scharfsinn in Erklärung ihres Erscheinens zu üben; anstatt dieselben mit den ehrwürdigen Charakteren alter Tempel oder heidnischer Altäre zu bekleiden, blicken wir blos mit dem wißbegierigen Auge der Natur-Philosophie darauf.