Anna Karenina, 2. Band

Part 41

Chapter 413,842 wordsPublic domain

So lebte er denn ohne die Möglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, gequält von dieser Unkenntnis bis zu einem Grade, daß er den Selbstmord fürchtete und sich doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend.

11.

Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen.

Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewöhnliche Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschätzt werden würde, wenn die Leute, welche diese Eigenschaften zeigen, sie selbst schätzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljährlich wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach wären.

Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mähen, Korn ausdreschen und Wintersaat aussäen -- alles das scheint einfach und gewöhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es nötig, daß alle, vom Ältesten an bis zum Jüngsten rastlos, dreimal mehr als gewöhnlich, während drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und Schwarzbrot nährend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gönnend. Alljährlich ist dies so in ganz Rußland.

Lewin, der einen großen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fühlte stets während der Arbeitszeit, daß sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm mitteile.

Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die Schwägerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab sich dann zu Fuße nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte.

Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gespräch mit dem Verwalter und den Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit dem Schwiegervater, immer nur über das Eine nachgedacht, was ihn in dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschäftigte, und in allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: »Was bin ich, wo bin ich; warum bin ich hier?«

In der Kühle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin bald durch die geöffnete Thür hinaus, in welcher der trockene und scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glänzenden Sonne beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst aus dem Schuppen geholt worden war -- bald nach den weißhalsigen Schwalben mit ihren bunten Köpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach flogen und mit schlagenden Flügeln an den Fensteröffnungen der Thüre hängen blieben, bald auf die Leute, welche in der dunklen, staubigen Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken.

»Warum geschieht das alles?« grübelte er. »Warum stehe ich hier und lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mühen sich, mir ihren Eifer zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie gestürzt war,« dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebräunten, nackten Füßen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat.

»Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den Ähren sondert. Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort -- und sehr bald sogar,« dachte er, auf das mit geöffneten Nüstern schnaubende Pferd mit dem schwerhängenden Bauche schauend, welches um ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. »Auch das Pferd wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu hängenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden Schulter -- man wird sie begraben! Er wühlt die Garben auseinander und ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu?« So sann er und schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde gedroschen werde. Er mußte dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum für den Tag geben zu können.

»Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim angefangen,« dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das Geräusch der Maschine überschreiend, er gäbe zu schnell zu.

»Du giebst zu viel hinein, Fjodor -- siehst du, sie bleibt hängen und geht daher nicht schnell genug! Du mußt das ausgleichen!«

Fjodor, von dem Staube der ihm am schweißbedeckten Gesicht klebte, schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin wollte.

Dieser trat daher an den Cylinder, ließ Fjodor beiseite treten und begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verließ er zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm.

Der Zugeber war aus einem entfernter liegenden Dorfe, dem nämlichen, in welchem Lewin früher Land zur Bildung der Arbeitsgenossenschaft vergeben hatte. Jetzt war das Land in Pacht gegeben.

Lewin unterhielt sich mit Fjodor über dieses Land und frug ihn, ob Platon, der reiche und tüchtige Bauer jenes Dorfes, für das nächste Jahr welches nehmen werde.

»Der Preis ist zu hoch und Ihr solltet an Platon nicht vergeben,« sagte Fjodor, sich die Ähren von der schweißbedeckten Brust nehmend.

»Aber Kiriloff giebt ihm doch welches?«

»Mitjucha, Konstantin Dmitritsch, warum sollte der es nicht thun! Der drückt die Menschen und nimmt sich schon das Seine. Den dauert kein Christenmensch. Onkel Fokanitsch aber,« so nannte er den Bauern Platon, »zieht der etwa dem Menschen das Fell über die Ohren? Hier giebt er eine Schuldforderung, dort erläßt er -- oder nimmt selbst gar nichts. Das ist auch ein Mensch.«

»Aber warum erläßt er Etwas.«

»Nun, die Leute sind eben verschieden. Der eine lebt nur für seinen Leib, wenigstens Mitjucha; der stopft sich nur den Wanst voll, aber Fokanitsch -- das ist ein rechtschaffener alter Mann. Er lebt nur für sein Seelenheil, und denkt an Gott!«

»Wie soll er denn an Gott denken? Wie soll er nur für sein Seelenheil leben?« schrie Lewin fast.

»Nun, das ist doch bekannt, nach der Gerechtigkeit, in Gott. Die Menschen sind eben verschieden! Man braucht ja nur Euch anzusehen; Ihr beleidigt auch keinen Menschen.«

»Nun leb' wohl,« fuhr Lewin fort, vor Erregung tief Atem holend, ergriff, sich nun umwendend, seinen Stock und schritt eilig dem Hause zu.

Bei den Worten des Bauern, daß Fokanitsch für sein Seelenheil, nach der Gerechtigkeit und in Gott lebe, waren ihm unklare, aber wichtige Ideen in Masse, als hätten sie sich aus einem Gewahrsam freigemacht, gekommen, und diese alle wirbelten nun, nach einem Ziele strebend, in seinem Kopfe herum und blendeten ihn mit ihrem Licht.

12.

Lewin ging mit großen Schritten die Landstraße entlang, weniger seinen Gedanken Gehör gebend -- er vermochte noch nicht, sie zu sichten -- als mit seinem Seelenzustand beschäftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch nie an sich kennen gelernt hatte.

Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor, der plötzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar gesonderter, unkräftiger Gedanken, die nicht aufhörten, ihn zu beschäftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er es merkte, schon während der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschäftigt.

Er fühlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei.

»Nicht für meine Notdurft allein soll ich leben, sondern für Gott. Für welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres äußern, als das, was Fjodor sagte? Er sagte, man müsse nicht nur für seine Bedürfnisse leben, das heißt, für das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden, wonach uns verlangt, sondern für etwas Unbegreifliches, für einen Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich? Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie thöricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden, und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollständig, und klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln können. Nicht ich allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine völlig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich suchte Wunder, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder sah, welches mich überzeugte. Ein materielles Wunder hätte mich gelockt. Aber es giebt ja ein Wunder, das einzig mögliche, immerwährend vorhandene, mich von allen Seiten umgebende -- und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor sagt, daß Kiriloff nur für seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und verständig. Wir alle, als vernünftige Wesen, können nicht anders leben, als für unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor plötzlich, daß es häßlich sei, nur für den Wanst zu leben; man müsse der Gerechtigkeit, für Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist und die Weisen, die, welche darüber gedacht und geschrieben haben, in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend -- wir alle sind in dem Einen einverstanden: Weshalb man leben muß, und was gut ist! -- Mit allen Menschen habe ich nur _eine_ feste, unzweifelhafte und klare Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erläutert werden, sie liegt außerhalb desselben und hat keine Gründe, kann auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute außerhalb der Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen es. Welches Wunder könnte es geben, das größer wäre, als dies? Habe ich denn wirklich die Lösung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle meine Leiden vorüber sein?« dachte Lewin, auf dem staubigen Wege hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermüdung, aber im Gefühl einer Abspannung von den langen Leiden.

Dieses Gefühl war ein so freudiges, daß es ihm ganz unwahrscheinlich vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den Schatten einer Esche auf das nicht gemähte Gras. Er nahm den Hut von dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige, schwellende Waldgras.

»Ja, ich muß mir alles klar machen, und verstehen,« dachte er, starr auf das nicht niedergedrückte Gras blickend, welches vor ihm stand, und den Bewegungen eines grünen Blattlauskäfers folgend, der sich an dem Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein Blatt gehindert wurde.

»Was habe ich entdeckt?« frug er sich, das Blatt entfernend, um das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, daß der Blattlauskäfer auf dasselbe hinüberlaufen könne. »Was freut mich denn so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe nur erkannt, was ich weiß. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit und den Herrn erkannt! Früher sagte ich, daß sich in meinem Körper, in dem Körper dieses Grases und dieses Käfers -- da, er hat nicht auf das Gras gewollt, die Flügel ausgebreitet und ist fortgeflogen -- nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen, in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung. Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung, ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert, daß mir trotz der größten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege, dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt spreche ich es aus, daß ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben für Gott und für die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des gesamten Seins,« sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wälzend und Grashalme in Bündel zusammennehmend, wobei er sich hütete, sie zu zerknicken. In Kürze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang seiner Gedanken während der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten, hoffnungslos kranken Bruders.

Zum erstenmale, damals klar erkennend, daß es für jeden Menschen, und auch für ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit geben werde, entschied er, daß er so nicht weiter leben könne, und sich sein Leben entweder so abklären müsse, daß es nicht mehr als der böse Streich eines Satans erscheine -- oder er sich erschießen müsse.

Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spüren; hatte sogar gerade in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fühlte sich glücklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte.

Was aber bedeutete das? Es bedeutete, daß er rechtschaffen lebte, aber schlecht dachte. Er lebte -- ohne dies zu erkennen -- von jenen geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich umgehend.

Jetzt wurde es ihm klar, daß er leben konnte nur dank jenen Überzeugungen, in denen er erzogen war.

»Was würde ich gewesen sein, und wie hätte ich mein Leben verbracht, hätte ich diese Überzeugungen nicht gehabt, nicht gewußt, daß man für Gott leben muß und nicht für die eigenen Bedürfnisse? Ich hätte geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die höchsten Freuden meines Lebens ausmacht, würde für mich vorhanden gewesen sein.«

Aber trotz der größten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte er sich doch nicht jenes tierische Geschöpf vorstellen, welches er selbst gewesen sein würde, wenn er nicht erfahren hätte, wozu er lebte.

»Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort kann nicht das Denken geben, welches in unmeßbarem Verhältnis zu der Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen zugleich mit allem, _gegeben_ deswegen, weil ich sie von nirgendsher nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und ihn nicht erwürgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die Nächstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverständig gewesen wäre.«

13.

Lewin fiel die kürzlich stattgehabte Scene mit Dolly und ihren Kindern ein. Die Kinder, allein gelassen, hatten Himbeeren über Kerzen geröstet und sich die Milch als Fontäne in den Mund gespritzt. Die Mutter, welche sie auf der That ertappt, hatte ihnen in Lewins Gegenwart zu Gemüt geführt, welche große Mühe den Erwachsenen das verursache, was sie da verdorben, und daß diese Arbeit doch für sie geschähe, und sie, wenn sie die Tassen zerschlügen, nichts haben würden, woraus sie Thee tränken; wenn sie aber Milch vergössen, so würden sie nichts zu essen haben und müßten Hungers sterben.

Lewin überraschte die stille Niedergeschlagenheit und der Argwohn, mit welchem die Kinder diese Worte der Mutter anhörten. Sie waren nur darüber erbittert, daß ihr unterhaltendes Spiel abgebrochen worden war, und glaubten kein Wort von dem was die Mutter sagte. Sie konnten es auch nicht glauben, weil sie sich den ganzen Umfang dessen, was sie begangen, gar nicht vorstellen, und infolge dessen sich nicht denken konnten, daß das, was sie verdorben hatten, eben das sei, wovon sie lebten.

»Das ist alles für sich allein da,« dachten sie, »und etwas Interessantes oder Wichtiges liegt nicht darin, deswegen weil es stets war und sein wird und stets ein und dasselbe ist. Wir brauchen daher gar nicht daran zu denken, denn das ist alles schon da und wir wollen nur etwas Eigenes und recht Neues dabei ausdenken. So haben wir uns ausgedacht, in die Tasse Himbeeren zu nehmen und sie über einem Licht zu rösten, die Milch aber als Fontäne uns gegenseitig in den Mund zu spritzen. Das ist lustig und neu und in nichts schlechter, als aus den Tassen zu trinken.«

»Thun wir nun nicht etwa ganz das Nämliche, thue ich es nicht, mit meinem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte erforschend und den Gedanken des menschlichen Lebens?« fuhr Lewin fort zu denken. »Und thun dies nicht alle philosophischen Theorieen, indem sie auf einem seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg, zu der Erkenntnis dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, so genau weiß, daß er ohne es gar nicht hätte leben können. Ist es denn nicht aus der Entwicklung der Theorie eines jeden Philosophen klar ersichtlich, daß er im voraus unfehlbar ebenso gut, wie der Bauer Fjodor und durchaus nicht genauer als dieser, den Hauptgedanken des Daseins kennt, und nur auf dem zweifelhaften Wege des Verstandes zu dem gelangen will, was allen bekannt ist? Wollte man die Kinder allein auf Erwerb ausgehen lassen, sollten dieselben Geschirr fertigen, Milch melken &c., würden sie dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so wollen wir doch mit unseren Leidenschaften und Gedanken ohne Verständnis des einigen Gottes und Schöpfers bleiben, oder ohne Verständnis von dem, was gut ist, ohne Offenbarung des moralisch Schlechten. >Aber schafft Ihr etwas ohne dieses Verständnis!< >Wir zerstören nur, weil wir geistig satt sind. Wir sind eben Kinder!< Woher kommt in mir diese freudige, mir mit dem Bauern gemeinsame Erkenntnis, welche mir allein die Seelenruhe verleiht? Woher habe ich sie genommen? Erzogen in der Vorstellung eines Gottes, als Christ, und mein ganzes Leben hindurch erfüllt von diesen geistigen Gütern, die mir das Christentum verliehen hat, welches an diesen lebendigen Schätzen überreich ist und in ihnen lebt, zerstöre ich diese, wie die Kinder, ohne sie zu verstehen, -- das heißt, ich will zerstören -- das, wodurch ich lebe. Sobald jedoch eine ernste Minute des Lebens naht, gehe ich, wie die Kinder, wenn sie frieren oder hungrig sind, zu Ihm, und fühle noch weniger als Kinder, welche die Mutter wegen kindischer Streiche schilt, daß meine kindlichen Versuche, über die man genugsam schelten könnte, mir nicht angerechnet werden. Also das, was ich weiß, weiß ich nicht infolge des Verstandes, sondern es ist mir gegeben, mir geoffenbart, und ich weiß es durch mein Herz, meinen Glauben an das Höchste, was die Kirche bekennt.«

»Die Kirche? Die Kirche?« wiederholte Lewin, sich auf die andere Seite legend und schaute, auf den Ellbogen gestützt, in die Ferne nach einer jenseits zum Flusse gehenden Herde. »Kann ich dann aber an alles glauben, was die Kirche lehrt?« dachte er, sich prüfend und alles das überdenkend, was seine jetzige Ruhe stören konnte. Absichtlich begann er, sich diejenigen Lehren der Kirche zu vergegenwärtigen, die ihm vor allen anderen stets befremdlich gewesen waren und ihn verleitet hatten.

»Die Schöpfung? Womit habe ich denn das Sein erklärt? Mit dem Sein? Mit dem Nichts? -- Teufel und Sünde! -- Womit erkläre ich das Böse? -- Was ist der Erlöser? -- Ich weiß eben nichts, nichts, und kann nichts wissen, als nur das, was mir und allen anderen gesagt worden ist.« --

Und jetzt schien es ihm, als gäbe es kein einziges unter den Bekenntnissen der Kirche, welches die Hauptsache, den Glauben an Gott, an das Gute, als die einzige Bestimmung des Menschen stürzte. Für jedes Bekenntnis der Kirche konnte das Bekenntnis zum Dienst in der Wahrheit anstatt in den Lüsten eingesetzt werden. Und jedes derselben warf dies nicht nur nicht um, sondern war vielmehr erforderlich dazu, daß sich jenes höchste, beständig auf Erden erscheinende Wunder auch vollzog, welches darin bestand, daß es jedem möglich werde, gemeinsam mit Millionen verschiedenartigster Menschen, mit Weisen und Narren, Kindern und Greisen -- mit allen, mit den Bauern und mit Lwoff, mit Kity, und mit Bettlern oder Königen untrüglich ein und dasselbe zu erkennen, und das Leben der Seele hinzuzustellen, für welches allein es schon der Mühe wert war zu leben, und das allein wir schützen.

Auf dem Rücken liegend, sah er jetzt in den hohen, wolkenlosen Himmel hinein.

»Weiß ich denn nicht, daß dies ein endloser Raum ist, und kein rundes Gewölbe? Aber wie ich auch den Blick anstrengen mag, ich kann ihn nicht anders erblicken als rund und unbegrenzt und ungeachtet meiner Kenntnis seiner unbegrenzten Weite habe ich unzweifelhaft recht. Wenn ich das feste blaue Gewölbe ansehe, handle ich richtiger, als wenn ich mich anstrenge, weiter zu blicken.«

Lewin hörte schon auf zu denken, gleich als ob er geheimnisvollen Stimmen lauschte, die sich freudig und sorglich unterhielten.

»Sollte dies etwa der Glaube sein?« dachte er, sich scheuend, seinem Glück zu trauen. »Mein Gott, ich danke dir!« sprach er, ein aufsteigendes Schluchzen hinunterschluckend und sich mit beiden Händen die Thränen abwischend, von denen seine Augen voll standen.

14.

Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen Wagen mit dem Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in seiner Nähe, das Geräusch von Rädern und das Schnauben eines satten Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, daß er gar nicht daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme.

Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm, zurief:

»Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.«

Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zügel. Wie aus dem Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen. Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben ihm saß und besann sich nun, daß er den Bruder ja erwartete, daß seine Frau wahrscheinlich über sein langes Ausbleiben besorgt sein werde; und er bemühte sich nun, zu raten, wer der Gast sein könne, der mit dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien, als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden wollten.

»Dem Bruder gegenüber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan -- alles wird anders werden.«

Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden Iwan an, der nicht wußte, was er mit seinen zur Unthätigkeit verurteilten Händen machen sollte, und beständig sein aufgeblähtes Hemd andrückte und suchte nach einem Thema, um ein Gespräch mit diesem zu beginnen.