Anna Karenina, 2. Band

Part 37

Chapter 373,790 wordsPublic domain

Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und Niederlage. -- Zahnarzt -- ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten, mich zu erziehen. -- Philippoff, Kalatschenkauf. -- Man soll den Teig auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« -- und sie erinnerte sich, wie sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das, was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist.

Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein, wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. -- Wie übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur fortwährend? -- »Moden- und Putzwaaren« -- las sie weiter. Ein Mann grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken. Und ich will sie verhüllen.«

Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie traurig, wie niedrig das ist!

Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen da und spielen Pferd. -- Mein Sergey! -- Alles verliere ich und ihn kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig -- immer aber doch unglücklich -- hilf mir! -- Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich komme ich mir selbst in diesem Wagen vor -- alles ist ja sein; doch ich werde nichts mehr davon sehen.« --

Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe.

»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer.

»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener.

»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,« dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt es, sich mit mir vereint zu haben.«

Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr Gespräch störte.

»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« -- sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!«

»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich umschauend, um Kity zu sehen.

»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.«

»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?«

»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.«

»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?«

»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen bleibend.

»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das, hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna, während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn! O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!«

Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen? Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles gleichgültig ist.«

Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend zurück.

»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich nicht im geringsten.«

»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie.

Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht.

»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und rot werdend.

»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten -- sie ist vielmehr sehr erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« --

Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte, kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend.

»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme.

Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging, und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle Feindseligkeit sogleich verschwunden.

»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings, Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna.

Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte.

Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von alledem interessierte Anna.

»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend.

»Wann fahrt Ihr?«

Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity.

»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd. »Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten. Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie, augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?«

»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend.

»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!«

»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen blickend.

»Also leb' wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand gedrückt hatte, ging Anna eilig fort.

»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!«

»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.«

29.

Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.

»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter.

»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin sie fuhr.

»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares, Unbegreifliches und Neugier Erregendes. Wovon mag der da wohl mit solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger blickend. -- »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet? Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben. Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. -- Wenn ich gewollt hätte. -- Ich habe auch gewollt! -- Der dort ist zufrieden mit sich selbst« -- dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt, und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber überzeugte, daß er geirrt habe.

»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht. Ich kenne nur seine =appetits=, wie die Franzosen sagen. -- Die da möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei. Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig. Ich Kity -- Kity mich! Das ist die Wahrheit. -- >Tjutkin, Coiffeur. -- =Je me fais coiffer par Tjutkin=.< Dies werde ich ihm sagen, wenn er kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei, alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen, daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist Gerechtigkeit!« --

In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst über ihre Lage nachzudenken aufgehört hatte, fand sie sich, als der Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.

»Ist Antwort da?« frug sie.

»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr kommen. Wronskiy.« -- las sie.

»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?«

»Nein,« antwortete der Portier.

»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen.

Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die Gegenstände in diesem Hause -- alles forderte in ihr Widerwillen und Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere.

»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren, und ist er nicht dort, zu ihm selbst und ihn überführen!«

Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.«

Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der Gräfin, auf der Strecke Nishegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und dort zu bleiben.

Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie hinausging.

Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein klarer, noch warmer und sonniger Abend.

Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich schlechte Laune hatte -- alle waren ihr widerlich und reizten sie mit ihren Worten und Bewegungen.

»Ich brauche dich nicht, Peter!«

»Aber das Billet?«

»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich.

Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt, nach dem Bahnhof zu fahren.

30.

»Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles,« sprach Anna zu sich, sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schütternd über das Pflaster fuhr, und die Eindrücke sich wiederum, einer nach dem andern, abwechselten. »Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes,« suchte sie in ihrer Erinnerung. »>Tjutkin, Coiffeur?< -- Nein, das war es nicht. Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Haß, sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhält. O, Ihr fahrt umsonst,« wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich außerhalb der Stadt zu vergnügen. »Auch der Hund, den Ihr da mit Euch führt, wird Euch nichts helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren.« Indem sie den Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist führte.

»Da der -- das geht schon eher;« dachte sie, »dieses Vergnügen habe ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel von ihm erwartet hatte.« Zum erstenmale ließ Anna jetzt die scharfe Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm fallen, über die sie nachzudenken vorher vermieden hatte.

»Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine Befriedigung seiner Eitelkeit.«

Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Züge, die in der ersten Zeit ihres Verhältnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes auf sie gemacht hatten. Alles bestätigte dies jetzt. »Ja, in ihm lebte der Triumph über einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natürlich war ja auch Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrüstet! Jetzt ist das vorüber. Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz mehr für ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen, was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner überdrüssig, und will nicht mehr mir gegenüber ehrlos sein. Er hat sich gestern versprochen -- er will die Scheidung und die Heirat nur, um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich -- aber wie? -- =The zest is gone=. -- Der da will alle in Erstaunen setzen und ist ja sehr zufrieden mit sich selbst,« dachte sie, auf einen rotbäckigen Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. »Ja, der alte Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm gehe, wird er herzlich froh sein.«

Dies war keine Vermutung -- sie sah es klar in jenem durchdringenden Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen Verhältnisse offenbarte.

»Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns,« fuhr sie fort zu grübeln. »Und Hilfe ist hierbei unmöglich. Für mich liegt alles in ihm allein und ich fordere, daß er immer mehr und mehr sich mir hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufhaltsam nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies läßt sich auch nicht ändern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eifersüchtig, und ich selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eifersüchtig -- aber das ist unwahr. Ich bin nicht eifersüchtig, sondern unzufrieden! Doch« -- sie öffnete den Mund und veränderte den Sitz im Wagen vor der Erregung, die in ihr durch einen plötzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen wurde. »Wenn ich noch etwas Anderes sein könnte, als seine Geliebte, die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Weiß ich etwa nicht, daß er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Daß er nicht Absichten auf die Sorokina hätte, daß er Kity geliebt hat und mich verrät? Alles dies weiß ich, und mir wird davon nicht leichter. Wenn er, ohne mich zu lieben, nur _aus Pflicht_ gut und zärtlich gegen mich ist, nicht aber das sein will, was ich wünsche; so wäre es noch tausendmal schlimmer, als Haß! Das wäre -- die Hölle! Und so ist es auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhört, da fängt der Haß an. Diese Straßen kenne ich doch gar nicht. Berge, und Häuser auf Häuser, in den Häusern aber Menschen, nur Menschen. Wie viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich will, um glücklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung, Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.«

Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn sogleich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor ihr stände, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen Adern auf den weißen Händen, seinen Betonungen und dem Knacken seiner Finger, und indem sie sich des Gefühls erinnerte, welches zwischen ihnen bestanden und auch Liebe geheißen hatte, erschauerte sie vor Ekel.

»Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird aber Kity dann aufhören, so auf mich zu schauen, wie sie es heute gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhören, nach meinen zwei Männern zu fragen oder über sie nachzudenken? Und welches neue Gefühl soll ich mir für Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas möglich, das nicht mehr Glück, und doch auch nicht eine Qual wäre? -- Nein und aber nein!« -- antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern. »Es ist unmöglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein Unglück, er ist das meine, und es ist unmöglich, ihn oder mich zu rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist abgelaufen. -- Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! -- Sie glaubt, man habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb zu martern? -- Da kommen Gymnasiasten. -- Sie lachen! Ist Sergey darunter?« -- dachte sie. »Ich habe auch geglaubt, daß ich ihn liebte, und war gerührt von seiner Zärtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genüge fand.«

Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. »So mache ich es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und alle anderen Leute, die dort längs der Wolga wohnen, und es ist überall und immer so,« dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebäude der Nishegoroder Bahn angekommen war und die Artjelschtschiks ihr entgegeneilten.

»Befehlt Ihr nach Obiralovka?« frug Peter.

Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und vermochte nur mit größter Anstrengung die Frage zu erfassen.

»Ja,« sagte sie zu ihm, ihr Geldtäschchen hinreichend und stieg, die kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen.

Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend, rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte.

Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden und Gehenden gerichtet -- sie alle waren ihr widerlich -- bald daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei seiner Mutter -- die ja Leiden gar nicht verstand -- über seine Lage beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und wie entsetzlich ihr Herz schlage.

31.

Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich, und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten, beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu und klinkte sie ein.

Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre -- Anna entkleidete sie in Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit -- und ein junges Mädchen, welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei.

»Bei Katharina Andrejewna -- alles bei ihr -- =ma tante=!« rief das junge Mädchen.