Part 36
Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den Lippen verursacht hatte.
»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die Tasse niedersetzend.
»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.«
»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz -- sei es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde -- ohne Interesse ist, und ich es nicht kennen mag!«
»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.«
»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück und die Ehre des Sohnes beruht -- hat kein Herz.«
»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng anblickend.
Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie.
»Du liebst deine Mutter nicht. -- Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!« -- sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend.
»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« --
-- »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte ihn und blieb.
Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen haben könne -- warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles erfahren würde, -- sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu konversieren.
»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin.
»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde, ich muß Mittwoch verreisen. Wann reist Ihr?« antwortete dieser, mit den Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß ein Zwist obgewaltet hatte.
»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy.
»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.«
»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit Jaschwin fort.
»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« -- er wies auf seine Seitentasche -- »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander -- und darin liegt das Vergnügen.«
»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus Eurer Frau.«
Jaschwin brach in Gelächter aus.
»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals vorgenommen!«
»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.«
»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu Jaschwin.
»O Gott, wie oft. Aber -- merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous kommt -- ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.«
»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war.
Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich und verließ das Zimmer.
Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber, von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz.
»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch.
»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen. Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie sich selbst bestrafen will, =tant pis pour elle=!« Im Hinausgehen aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich plötzlich in Mitleid für sie.
»Was ist, Anna?« frug er.
»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig.
»Ah, nichts dann -- =tant pis=,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte.
Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe und bitten lasse, sie nicht zu besuchen.
26.
Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz zerrissen war von Verzweiflung, und schweigend weiterzugehen mit diesem gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte -- das war klar. -- Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen, die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und mehr und mehr geriet sie in Erbitterung.
»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen, wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?«
Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt.
»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst.
Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson, die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist, und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« --
Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es war also wohl alles vorüber.
Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe, den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte, erschien klar und lebendig vor ihr.
Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht, erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht -- es war nichts mehr nötig. Nötig war nur Eines noch -- ihn zu strafen! --
Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung lieben würde, wenn es schon zu spät wäre.
Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen, niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte, und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete.
»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen, »wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen? Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« --
Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon, bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel.
»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden.
»Nein -- aber doch -- nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl, daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die Wangen flossen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich hastig nach seinem Kabinett.
Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran, und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend. Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte; aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer, währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt.
Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche, französische Worte sprechend, während sie -- wie stets unter diesem Alpdrücken -- empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete, daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete, sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete -- über ihr. --
Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel.
»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte, und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend, einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte.
Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen Schritten die Treppe hinabeilte.
Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe und ging zum Wagen. Das junge Mädchen im lilafarbigen Hut übergab ihm ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf.
Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr krankes Herz.
Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in Kenntnis zu setzen.
»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und Papiere von =maman= gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen.
Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar.
»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand, »morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?«
»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend.
»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« --
»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie.
»Das wird unerträglich!«
»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus.
Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen, doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß.
Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt.
»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig -- sie nicht mehr zu beachten« -- und machte sich fertig, in die Stadt zu fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die Vollmacht haben mußte.
Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt. Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte. Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen Handschuh anstreifend, in die Ecke.
27.
»Er ist fort. Es ist zu Ende!« sprach Anna zu sich selbst, am Fenster stehend und zur Antwort auf diese Worte erfüllten jene Eindrücke in der Finsternis nach dem Erlöschen des Lichtes, und des furchtbaren Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen. »Nein, es kann nicht sein!« schrie sie auf und schellte heftig, durch das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, daß sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam.
»Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist,« sagte sie.
Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marställen gefahren.
»Der Herr haben befohlen zu melden, daß der Wagen sogleich zurückkehren würde, falls es Euch gefällig wäre, auszufahren.«
»Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail mit dem Billet nach den Marställen, so schnell als möglich.«
Sie setzte sich und begann zu schreiben:
»Ich bin schuld. Kehre heim, wir müssen ins Klare kommen. Um Gott, komm, mir ist furchtbar.«
Sie siegelte und übergab dem Diener das Billet.
Jetzt fürchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube.
»Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lächeln?« war ihr erster Gedanke, als sie ihr dralles, rotbäckiges kleines Mädchen mit den schwarzen krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte.
Das Kind saß am Tische, hartnäckig und geräuschvoll mit einem Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei schwarzen Augen verständnislos die Mutter an.
Nachdem Anna der Engländerin geantwortet hatte, daß sie sich völlig wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu drehen. Das laute, tönende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft in die Erinnerung, daß sie, ein Aufschluchzen unterdrückend, hastig aufstand und hinausging.
»Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein,« dachte sie. »Er wird zurückkehren! Aber wie soll er mir jenes Lächeln erklären, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte? Indessen auch wenn er mir es nicht erklärt, will ich ihm glauben. Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins -- aber ich will nicht.« --
Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen.
»Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurück. Nicht lange mehr, noch zehn Minuten -- aber wie, wenn er nicht zurückkehrt? Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn frisiert oder nicht?« frug sie sich, ohne sich erinnern zu können. Sie fühlte sich nach dem Kopfe, »ja, ich bin frisiert, aber wann es geschah, weiß ich wirklich nicht mehr.« Sie glaubte nicht einmal der eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch nicht erinnern, wann sie es gethan hatte. »Wer ist das?« dachte sie, in den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glühendes Antlitz mit seltsam blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. »Das bin ich doch,« erkannte sie plötzlich und ihre ganze Erscheinung musternd, fühlte sie plötzlich seine Küsse auf sich und zuckte zusammenschauernd mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und küßte sie. »Was ist das; ich bin von Sinnen,« sprach sie und begab sich in das Schlafzimmer, wo Annuschka aufräumte. »Annuschka,« sagte sie, vor der Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr eigentlich sagen wollte.
»Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren,« antwortete die Zofe, als ob sie verstanden hätte.
»Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.«
»Fünfzehn Minuten hin, fünfzehn Minuten zurück! Er wird schon kommen, er kommt sogleich.« Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. »Wie konnte er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurücklassen? Wie kann er leben, ohne mit mir ausgesöhnt zu sein?« Sie trat ans Fenster und schaute auf die Straße hinab. Der Zeit nach hätte er schon zurücksein können. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann aufs neue, sich zu vergegenwärtigen, wann er weggefahren war, und die Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer größeren Uhr ging, um die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur Treppe herauf, während unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war es, welcher im Wagen zurückkehrte. Sie ging zu ihm hinunter.
Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von Nishegorod weggefahren.
»Was bringst du? Was« -- wandte sie sich zu dem rotbäckigen, fröhlichen Michail, der ihr das Billet wieder zurückgab. »Er hat es ja gar nicht erhalten,« sagte sie sich. »Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur Gräfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort,« sagte sie zu dem Boten. »Aber was soll ich selbst thun?« dachte sie, »nun, ich werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich kann ja auch noch telegraphieren.« Sie schrieb sogleich eine Depesche nieder.
»Ich muß dich sprechen, komm sogleich.«
Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden. Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in diesen kleinen, gutmütigen, grauen Augen sichtbar.
»Liebe Annuschka, was soll ich thun?« sagte Anna weinend, sich hilflos in einem Lehnsessel sinken lassend.
»Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur und zerstreut Euch,« antwortete die Zofe.
»Ja, ich werde fahren,« sagte Anna, sich ermannend und aufstehend. »Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es zu Darja Aleksandrowna geschickt werden -- oder nein; ich werde selbst zurückkommen!« --
»Ja, man muß nicht grübeln, sondern etwas thun, ausfahren, und hauptsächlich dieses Haus verlassen,« sprach sie, mit Entsetzen die furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging hastig hinaus und setzte sich in den Wagen.
»Wohin befehlt Ihr?« frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte. »Nach Znamenka, zu den Oblonskiy!«
28.
Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am lebhaftesten ist.
In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte, ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich. Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu welcher sie sich hatte führen lassen.
»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne ihn nicht leben?«