Anna Karenina, 2. Band

Part 30

Chapter 303,730 wordsPublic domain

»Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und welche dem Glück der Leute im Wege steht!« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine, das deine.«

»Worin beruht aber die Schwierigkeit?« frug Lewin.

»Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara, hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält. Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie ist. -- Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche« -- rief Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend. »O, welche Hitze!« sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand.

»Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich mit dieser?« sagte Lewin.

»Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, =une couveuse=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe das Manuskript Workujeff gegeben -- du weißt, der Verleger -- er ist ja selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch genommen ist.«

»Also etwas Menschenfreundliches?«

»Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten -- ich meine Wronskiy -- einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache, aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken -- =delirium tremens= -- und die Familie war verlassen. Da erblickte sie die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst dieses ja sehen.«

Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.

Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.

In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.

Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur Antwort »Herr Workujeff«.

»Wo ist man?«

»Im Kabinett.«

Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden, traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem wunderbaren Bild.

Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte.

»Sehr erfreut,« vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte.

Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts, in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung, nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war.

10.

Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen. In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets ruhig und natürlich sind.

»Es ist mir sehr, sehr angenehm,« wiederholte sie, und in ihrem Munde erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde eine eigentümliche Bedeutung. »Ich kenne und liebe Euch lange schon wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald Mutter werden?«

Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, daß der Eindruck, den er hervorbrachte, ein guter sein mußte, und sogleich wurde es ihm nun in ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als hätte er sie von Kindheit an gekannt.

»Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,« sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen dürfe, -- antwortend »damit er eben rauchen könne,« und nahm, auf Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog.

»Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit?« frug sie ihr Bruder.

»Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.«

»Nicht wahr, ziemlich gut?« sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, daß Lewin das Porträt betrachtete.

»Ich habe noch nie ein besseres Porträt gesehen.«

»Und ziemlich ähnlich, nicht wahr?« sagte Workujeff.

Lewin schaute vom Porträt auf das Original. Ein eigentümlicher Glanz erleuchtete das Antlitz Annas, während sie seinen Blick auf sich ruhen fühlte. Lewin errötete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen, fragen, ob es schon längere Zeit her sei, daß sie Darja Aleksandrowna gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna:

»Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemälden Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?«

»Ja, ich habe sie gesehen,« antwortete Lewin.

»Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen« --

Lewin frug, ob sie vor längerer Zeit Dolly gesehen hätte.

»Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist ungerecht gewesen gegen ihn.«

»Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen,« wandte sich Lewin zu dem von ihr begonnenen Gespräch zurück.

Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmäßigen Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentümliche Bedeutung. Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr zuzuhören.

Anna sprach nicht nur natürlich, und klug, sondern auch klug und ohne Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, während sie den Ideen des anderen großes Gewicht beilegte.

Das Gespräch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue Illustration der Bibel durch einen französischen Künstler. Workujeff zieh den Künstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin sagte, daß die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt hätten wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rückkehr zum Realismus erblickten. Schon darin, daß sie nicht mehr lögen, sähen sie Poesie.

Noch nie hatte Lewin etwas Vernünftiges, was er je einmal gesagt haben mochte, so viel Vergnügen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas erglänzte plötzlich über und über, als sie diesen Gedanken momentan abwog. Sie begann zu lächeln.

»Ich lache,« sagte sie, »wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches Porträt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen die französische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, daß man seine =conceptions= aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert, dann aber, nachdem alle =combinaisons= ausgeführt sind, die von erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natürlichere wahrhafte Gestalten auszusinnen.«

»Das ist vollkommen richtig,« sagte Workujeff.

»Ihr waret wohl im Klub?« wandte sie sich zu ihrem Bruder.

»Ja, das ist ein Weib!« dachte Lewin, sich ganz vergessend und unverwandt in ihr schönes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich jetzt plötzlich vollkommen verändert hatte. Lewin hörte nicht, wovon sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war betroffen von der Veränderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in seiner Ruhe, drückte ihr Gesicht plötzlich eine seltsame Neugier, Zorn und Stolz aus. Doch dies währte nur eine Minute. Dann blinzelte sie, als denke sie an Etwas.

»Nun ja, dies ist aber doch für niemand von Interesse,« sagte sie und wandte sich zu der kleinen Engländerin.

»=Please, order the tea in the drawing-room=.«

Das kleine Mädchen erhob sich und ging hinaus.

»Nun; hat sie das Examen bestanden?« frug Stefan Arkadjewitsch.

»Vorzüglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mädchen und ein liebenswerter Charakter.«

»Und die Sache wird damit enden, daß du sie mehr liebst, als dein eigenes Kind.«

»So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger; ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mädchen mit einer anderen Liebe.«

»Ich sage eben zu Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, »daß sie, wenn sie auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie für diese Engländerin einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung verwendete, eine große, nützliche That vollbrächte.«

»Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch hat mich lebhaft ermuntert« -- indem sie die Worte »Graf Aleksey Kyrillowitsch« aussprach, schaute sie schüchtern fragend Lewin an, welcher ihr unwillkürlich mit einem ehrerbietigen und bestätigenden Blicke antwortete, »mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich kümmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie? Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe läßt sich nicht irgend woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mädchen da lieb gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.«

Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lächeln, ihr Blick, alles sagte ihm, daß sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung würdige, und dabei im voraus wisse, daß sie sich gegenseitig verstanden.

»Ich begreife das vollkommen,« antwortete Lewin, »für die Schule und überhaupt für ähnliche Einrichtungen läßt sich nicht das Herz einsetzen, und ich glaube, daß eben infolge dessen diese humanistischen Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.«

Anna schwieg eine Weile, dann lächelte sie. »Ja, ja,« bestätigte sie, »ich habe das nie vermocht. =Je n'ai pas le coeur assez large=, um ein ganzes Bewahrungshaus voller häßlicher kleiner Mädchen lieb haben zu können. =Cela ne m'a jamais réussi=. Es giebt jedoch so viele Frauen, welche sich hieraus eine =position sociale= begründet haben. Und jetzt,« sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, äußerlich zu ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: »jetzt, wo mir eine Beschäftigung so nötig ist, kann ich es um so weniger.«

Plötzlich finster werdend -- Lewin nahm wahr, daß sie es über sich selbst wurde, weil sie über sich gesprochen hatte -- veränderte sie aber das Thema.

»Ich weiß von Euch,« sagte sie zu Lewin, »daß Ihr ein schlechter Bürger seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.«

»Wie habt Ihr mich denn verteidigt?«

»Bezüglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee gefällig?« Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur Hand.

»Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, auf das Buch zeigend, »es ist recht wohl wert.«

»O nein; es ist noch so ungefeilt.«

»Ich habe ihm davon gesagt,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine Schwester, auf Lewin deutend.

»Das hast du unnötigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener Körbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs. Die Unglücklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.«

Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so außerordentlich gefiel. Außer Verstand, Grazie und Schönheit besaß sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drückende ihrer Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte sie, und ihr Gesicht, welches plötzlich einen strengen Ausdruck annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf den Zügen aber war sie noch schöner als vorher, doch derselbe war ein fremdartiger; er stand außerhalb dieses von Glück schimmernden, Glück erzeugenden Kreises von Ausdrücken, wie sie von dem Künstler auf dem Porträt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit diesem durch die hohe Thür schritt, und er empfand eine Zärtlichkeit und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte.

Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, während sie selbst zurückgeblieben war, um mit dem Bruder über Etwas zu sprechen.

»Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darüber, was er im Klub macht, oder von mir?« dachte Lewin, und die Frage, was sie mit Stefan Arkadjewitsch besprechen möchte, versetzte ihn so in Aufregung, daß er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff über die Vorzüge des von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzählte.

Beim Thee wurde das nämliche, so angenehme, gehaltvolle Gespräch fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, während welcher man nach einem Stoff für die Unterhaltung hätte suchen müssen, sondern im Gegenteil war fühlbar, daß man nur aussprach, was man sagen wollte, um sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hören, was der andere sagte. Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien, dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges Gewicht.

Das interessante Gespräch verfolgend, versenkte sich Lewin während der ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schönheit, ihren Geist, ihre Bildung, und zugleich in ihre Natürlichkeit und Innerlichkeit. Mochte er zuhören oder reden, fortwährend dachte er an sie, an ihr inneres Leben, und bemühte sich, ihre Empfindungen zu erraten.

Er, der sie früher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und fürchtete, daß Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen möchte. In der elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren -- Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen -- schien es Lewin, als sei er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf.

»Lebt wohl,« sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem Blick ins Auge schauend; »ich freue mich recht sehr, =que la glace est rompue=.« Sie ließ seine Hand los und blinzelte mit den Augen. »Teilt Eurer Gattin mit, daß ich sie noch so lieb habe wie früher, und daß ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wünsche, sie möge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu können, muß man durchleben, was ich durchlebt habe, und davor behüte sie der Himmel.«

»Ich werde es sicher ausrichten,« sagte Lewin errötend.

11.

»Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,« dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat.

»Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt,« begann Stefan Arkadjewitsch, welcher sah, daß Lewin vollständig besiegt war.

»Ja,« versetzte dieser gedankenvoll, »ein ungewöhnliches Weib! Nicht nur, daß sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut sie außerordentlich leid.«

»Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man muß nur nicht zu früh richten,« sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthür öffnend; »entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.«

Fortwährend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gespräche, welche mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis zurückrufend, mehr und mehr in ihre Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause.

* * * * *

Daheim berichtete ihm Kusma, daß Katharina Aleksandrowna sich wohl befinde, sowie, daß die Schwestern nicht lange erst weggefahren wären, und überreichte zwei Briefe.

Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich später nicht davon ablenken lassen zu müssen. Der eine Brief war von Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, daß der Weizen nicht verkauft werden könne, da man nur fünf und einen halben Rubel gebe, und ein höheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwürfe darüber, daß ihre Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei.

»Nun; so werden wir für fünfeinhalb verkaufen, wenn man nicht mehr geben will,« entschied Lewin sofort mit einer ungewöhnlichen Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm früher so schwierig erschienen war. »Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch genommen ist,« dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fühlte sich schuldig der Schwester gegenüber, weil er bis jetzt nicht erledigt hatte, worum sie ihn gebeten. »Ich bin heute wieder nicht aufs Gericht gekommen, aber es war heute auch, als hätte man nicht die geringste Zeit.« Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden zur Ausführung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages bestanden in Gesprächen -- Gesprächen, welche er angehört und an denen er teilgenommen hatte.

Alle Gespräche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, hätte er allein und auf dem Lande gelebt, nie würde beschäftigt haben, die aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gespräche waren auch gut gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er von dem Hechte gesagt hatte, der andere, daß ihm Etwas »nicht richtig« vorkam in dem zarten Mitgefühl, welches er für Anna empfand.

Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurückgeblieben.

»Nun, was hast du denn gemacht?« frug sie, ihm in die Augen blickend, welche ein wenig verdächtig glänzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu erzählen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hörte mit billigendem Lächeln seiner Erzählung zu, wie er den Abend verlebt hatte.

»Nun, ich freute mich sehr, daß ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefühlt. Du begreifst, daß ich mich jetzt bemühen werde, ihn nie wieder zu sehen; aber diese peinliche Situation mußte doch ihr Ende erreichen,« sprach er, dachte daran, daß er »sich bemühend, ihn nie wieder zu sehen«, sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errötete. »Da reden wir, daß das Volk trinkt; ich weiß nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber« --

Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke, nicht. Sie hatte gesehen, daß er rot geworden war, und wünschte zu wissen, warum.

»Nun, und wo warest du dann?«

»Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.«

Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errötete, und seine Zweifel darüber, ob er gut oder übel daran gethan habe, zu Anna zu fahren, waren endgültig entschieden. Er wußte jetzt, daß es nicht gerade nötig gewesen war, dies zu thun.

Die Augen Kitys öffneten sich eigentümlich weit und blitzten auf bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre Aufregung und täuschte ihn.

»Ah,« sagte sie nur.

»Du wirst wohl nicht ungehalten sein, daß ich dahin gefahren bin. Stefan bat mich und Dolly wünschte es,« fuhr Lewin fort.

»O nein,« sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung über sich selbst, die ihm nichts Gutes verhieß.

»Sie ist sehr liebenswürdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,« sagte er, von Anna erzählend, von ihren Beschäftigungen und von dem, was sie ihm auszurichten befohlen hatte.

»Ja, natürlich, sie ist sehr beklagenswert,« sagte Kity, nachdem er geendet hatte. »Von wem hast du einen Brief erhalten?«

Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich auszukleiden.

Als er zurückkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend. Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in Thränen aus.

»Was ist? Was ist denn?« frug er, schon vorher den Grund kennend.

»Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden? Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!«

Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe, und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber fortan meiden werde.

Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er, so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei.

So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden.

12.