Part 28
Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree auskommen -- daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt, einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend war -- und dieses Hundertrubelpapier ging ihm noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen, geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon. Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte, wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen. Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt, unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte, wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne daß gefragt wurde, woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte.
Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken.
Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit Metroff denkend.
3.
Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte.
Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei, Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe; aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen sich gern und debattierten dann.
Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden.
»Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht einem Freude, Euch zu sehen,« sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon entgegentretend. »Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß er zur rechten Zeit käme -- nun, wie steht es mit den Tschernagorzen? Nach der Art des Krieges« --
»Nun?« frug Lewin.
Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff.
Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte.
Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden sein sollten.
Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen.
»Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,« sagte Katawasoff, »ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.«
»Das ist sehr interessant,« sagte Metroff.
»Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,« sagte Lewin errötend, »zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.«
Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine Anschauung darzulegen.
Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht, bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten.
»Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen Arbeiters?« sagte Metroff, »in seinen zoologischen Eigenschaften, sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?«
Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen.
»Es ist leicht möglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen Schluß auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht,« sagte Metroff, Lewin unterbrechend. »Die Lage des Arbeiters wird stets von dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhängen.«
Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklären. Worin die Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar nicht bemühte, sie zu begreifen; er sah, daß Metroff, ebenso wie die anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der Nationalökonomen gestürzt wurde, auf die Situation des russischen Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes und der Rente blickte.
Obwohl er nun zugestehen mußte, daß in dem östlichen, dem größten Teile Rußlands, die Rente noch gleich Null war, daß der Arbeitslohn für neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernährung in sich selbst ausdrückte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalökonomen übereinstimmte, und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin entwickelte.
Dieser hörte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff unterbrechen, um ihm seine Idee zu äußern, die nach seiner Meinung eine weitere Erklärung überflüssig machte, aber nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie beide in so verschiedenem Grade die Sache betrachteten, daß niemals Einer den Anderen verstehen würde, opponierte er nicht mehr, und hörte nur noch zu.
Ungeachtet dessen, das für ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant war, was Metroff sprach, verspürte er doch ein gewisses Vergnügen, indem er ihm zuhörte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt, daß ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so großer Aufmerksamkeit und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis über den Gegenstand, bisweilen mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine Gedanken aussprach.
Er schrieb dies seiner Würde zu, ohne zu wissen, daß Metroff in der Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; daß er überhaupt gern mit jedermann über eine Sache, die ihn beschäftigte und ihm selbst noch unklar war, redete.
»Doch ich werde mich verspätigen,« sagte Katawasoff, nach der Uhr blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. »Ja, es ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedächtnis des fünfzigjährigen Jubiläums Swintitschs,« antwortete er auf Lewins Frage. »Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, über seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr interessant.«
»In der That, es ist Zeit,« sagte Metroff. »Kommt mit uns, und, wenn Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wünschte sehr, von Eurer Arbeit weiter zu hören.«
»Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die Sitzung komme ich sehr gern mit.«
»Wie, Verehrtester, habt Ihr gehört? Er gab eine ganz eigene Meinung zum besten,« sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend.
Es begann ein Gespräch über die Universitätsfrage. Die Universitätsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand während dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die Meinungen jüngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine eigene Ansicht.
Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten sich in zwei Lager gespalten.
Die Einen, zu denen Katawasoff gehörte, sahen auf der gegnerischen Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und Mißachtung der Autorität.
Lewin hatte, obwohl er dem Universitätsverband nicht angehörte, schon mehrmals während seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit gehört und darüber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gespräch, welches noch auf der Straße fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebäude der alten Universität gingen.
Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederließen, saßen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht über eine Handschrift beugte, las etwas.
Lewin setzte sich auf einen der leeren Stühle, welche um den Tisch herum standen, und frug flüsternd einen dort sitzenden Studenten, was man lese.
Mit einem mißvergnügten Blick auf Lewin antwortete dieser:
»Eine Biographie ist es.«
Obwohl sich nun Lewin für die Biographie eines Gelehrten gerade nicht interessierte, hörte er doch unwillkürlich zu und erfuhr so manches Interessante und Neue über das Leben des berühmten Gelehrten.
Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die ihm für das Jubiläum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst einigen Worten des Dankes für diesen.
Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine Schrift über die Gelehrtenthätigkeit des Jubilars.
Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und gewahrte, daß es schon zwei Uhr sei; er überlegte, daß er bis zum Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen können, und verspürte dazu auch gar keine Lust.
Während der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, daß, obwohl vielleicht auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch ebenfalls eine solche besaßen, und aufklären und zu Etwas führen könnten, wofern nur ein jeder für sich auf dem auserwählten Wege arbeite, während aus einer Veränderung dieser beiden Ideen nichts hervorgehen könne.
Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs abzulehnen, begab er sich beim Schluß der Sitzung zu diesem hin. Metroff machte Lewin mit dem Präsidenten bekannt, mit welchem er über politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzählte Metroff dem Präsidenten das Nämliche, was er Lewin erzählt hatte, während Lewin die gleichen Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geäußert hatte; zur Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gespräch über die Universitätsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehört hatte, beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung nicht Gebrauch machen zu können, empfahl sich und fuhr zu Lwoff.
4.
Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte.
Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben, nicht infolge einer Unannehmlichkeit -- er hatte niemals mit jemand Unannehmlichkeiten gehabt -- und war in das Hofgericht nach Moskau übergetreten, um seinen beiden Söhnen eine bessere Erziehung angedeihen zu lassen.
Trotz des schärfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen, sowie darin, daß Lwoff auch älter als Lewin war, waren beide in diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich gegenseitig liebgewonnen.
Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein. Lwoff war im Hausrock mit Gürtel, und saß in Halbschuhen von sämischem Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Gläsern ein Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, während er, auf der Hut vor der abfallenden Asche, mit der schönen Hand eine bis zur Hälfte aufgerauchte Cigarre hielt.
Sein schönes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen, glänzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels verliehen, erglänzte von einem Lächeln, als er Lewin erblickte.
»Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity! Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher,« er stand auf und bewegte einen Rollstuhl herbei.
»Habt Ihr schon das letzte Cirkular im >Journal de St. Petersbourg< gelesen? Ich finde es vortrefflich,« sagte er mit etwas französischem Accent.
Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was man in Petersburg spräche, und berichtete, nachdem er über die Politik gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr.
»Ich beneide Euch, daß Ihr Zutritt zu dieser interessanten Gelehrtenwelt habt,« sagte er, und ging dann, wie gewöhnlich sogleich zu der ihm bequemeren französischen Sprache über. »Ich habe allerdings leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschäftigung mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich nicht, zu bekennen, daß meine Bildung allzu mangelhaft ist.«
»Das glaube ich nicht,« antwortete Lewin lächelnd, und, wie gewöhnlich, voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein, entsprang, sondern vollständig aufrichtig war.
»Ach, gewiß doch! Ich fühle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin. Selbst zur Erziehung der Kinder muß ich viel wieder an meinem Gedächtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, daß Lehrer da sind, muß auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer Ökonomie Arbeiter nötig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben« -- er zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, »das fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig -- erklärt mir dies. Hier sagt er« --
Lewin wollte ihm erklären, daß man dies nicht verstehen könne, sondern lernen müsse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei.
»Ihr lacht darüber!« sagte er.
»Im Gegenteil, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von Kindern!«
»Nun, aber das Lernen taugt doch nichts,« sagte Lwoff.
»Ich kann nur sagen,« antwortete Lewin, »daß ich nie besser erzogene Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wünschte, als die Euren sind.«
Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er erglänzte doch von einem Lächeln.
»Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wünsche. Ihr kennt noch nicht die ganze Mühe,« begann er, »mit den Knaben, welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.«
»Ihr holt alles ein. Es sind ja so befähigte Kinder, und was die Hauptsache ist -- sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.«
»Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen, wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekämpft, so wachsen andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Hätte man nicht die Stützen in der Religion -- wißt Ihr noch, wir haben zusammen darüber gesprochen -- so würde kein Vater mit seinen Kräften allein, ohne diese Hilfe, erziehen können.«
Dieses Lewin stets interessierende Gespräch wurde durch den Eintritt der zur Ausfahrt angekleideten, schönen Nataly Aleksandrowna, unterbrochen.
»Ah, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr hier seid,« sagte sie, augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, daß sie dieses, ihr schon längst bekannte, langweilige Gespräch unterbrochen hatte. »Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weißt du Arseny,« wandte sie sich an ihren Gatten, »du nimmst den Wagen.«
Unter den beiden Gatten begann nun ein Gespräch, wie sie den Tag verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen, die Gattin aber in das Konzert und in die öffentliche Sitzung des südöstlichen Komitees fahren mußte, so war viel zu beschließen und zu überlegen.
Lewin, als unabhängiger Mann, mußte Teil an diesen Plänen nehmen, und es ward beschlossen, daß er mit Nataly in das Konzert und in die öffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle -- oder, wenn er mit seinen Geschäften noch nicht fertig wäre, den Wagen zurückschicke und Lewin mit ihr fahre.
»Er beschämt mich ganz,« sagte Lwoff zu seiner Frau, »er versichert mir, daß unsere Kinder vorzüglich sind, während ich doch weiß, daß sie soviel Fehler haben.«
»Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer,« bemerkte seine Gattin. »Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, daß es, als man uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab -- man steckte uns ins Entresol; während die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen möchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage! Die Eltern möchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur noch für ihre Kinder.«
»Aber wie, wenn dies das Angenehmere wäre?« sagte Lwoff, mit seinem schönen Lächeln, ihren Arm berührend. »Wer dich nicht kennt, wird glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.«
»Nein; das Extrem ist nie gut,« sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser auf den Tisch an den dafür bestimmten Platz legend.
»Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder,« sagte Lwoff zu seinen eintretenden hübschen Knaben, welche, Lewin begrüßend, zu ihrem Vater traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen.
Lewin wollte mit ihnen reden und hören, was sie dem Vater zu sagen hätten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gespräch über die Herzogowina, die Fürstin Korzynska, die Duma und den plötzlichen Tod der Apraksina.
Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers.
»Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich möchte Etwas mit Euch betreffs Oblonskiys besprechen,« sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete.
»Ja, ja, =maman= wünscht, daß wir, =les beaux-frères=, ihn vornehmen,« sagte er errötend, »aber weshalb wohl ich dabei sein soll?« --
»So werde ich ihn vornehmen,« sagte die Lwowa lächelnd, das Ende des Gesprächs abwartend; »doch jetzt kommt!«
5.
In der Matinee führte man zwei sehr interessante Novitäten vor. Die eine war eine Phantasie »König Lear in der Steppe«, die andere ein Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stücke waren neu und von originellem Geiste und Lewin wünschte sich eine Meinung über sie zu bilden. Nachdem er seine Schwägerin nach deren Stuhl begleitet hatte, trat er an eine Säule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft als möglich zuzuhören. Er bemühte sich, nicht abzuschweifen und den Eindruck in sich zu beinträchtigen, indem er auf die Armbewegungen des Kapellmeisters in der weißen Halsbinde blickte, die stets die musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die Damen in ihren Hüten, welche sich geflissentlich für das Konzert die Ohren mit Bändern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen, die entweder mit nichts beschäftigt, oder von den verschiedensten Interessen, nur nicht dem für Musik, eingenommen waren.
Er bemühte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwätzern aus dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte. Doch je mehr er von der Phantasie König Lear hörte, um so ferner fühlte er sich der Möglichkeit gerückt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu bilden.
Unaufhörlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trümmer von neuen Ansätzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene, aber außerordentlich komplizierte Klänge.
Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollständig unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefühle eines Wahnsinnigen; und ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet.
Lewin hatte während der ganzen Zeit der Aufführung das Gefühl eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollständiger Ungewißheit, nachdem das Stück geendet hatte, und fühlte große Ermüdung von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen Seiten wurde lautes Händeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und begann herumzulaufen um sich zu unterhalten.
Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklären, begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut, als er einen namhaften Musikkenner im Gespräch mit dem ihm bekannten Peszoff erblickte.
»Wunderbar!« sagte der tiefe Baß Peszoffs.
»Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in welcher man die Annäherung Cordelias fühlt, wo die Frau, >das ewig Weibliche< wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt. Nicht wahr?«
»Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia?« frug Lewin schüchtern; er hatte vollständig vergessen, daß die Phantasie König Lear in der Steppe ausdrücken solle.