Part 27
Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige. Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes, den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei. Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde, daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren -- war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr belästigt werden -- wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede seiner Bewegungen kannte.
Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde. Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.
»Was macht Any?« sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die auf ihn zueilte.
Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen Stiefel aus.
»Es ist nichts; ihr ist besser.«
»Und du?« sagte er, sich schüttelnd.
Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.
»Es freut mich sehr,« sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte.
All das gefiel ihm -- aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm, blieb auf seinem Antlitz.
»Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?« sagte er, mit dem Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend.
»Dies ist ja gleichgültig,« dachte sie, »wenn er nur hier ist, und wenn er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu lieben.«
Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit der Fürstin Barbara, welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium genommen habe.
»Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; -- fast nie.« --
Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten.
Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet hatte, zu verwischen.
»Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du hast mir nicht geglaubt?«
Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht vergeben habe.
»Ja,« antwortete er. »Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank, bald wolltest du selbst kommen.«
»Es war alles wahr.«
»Daran zweifle ich auch gar nicht.«
»Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.«
»Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; -- es ist ja wahr -- du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten« --
-- »Ins Konzert zu fahren« --
-- »Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte er.
»Warum sollen wir nicht davon sprechen?« antwortete sie.
»Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer Angelegenheit meines Hauses. -- Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar? Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?«
»Wenn es so steht,« sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, »daß dieses Leben dir lästig wird -- ja, du kommst auf einen Tag und fährst wieder fort -- so machen es« --
-- »Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben« --
Doch sie hörte ihn nicht.
»Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier. Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!« --
»Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch hierzu« --
-- »Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.«
»Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts weniger, als mich von dir zu trennen,« sagte Wronskiy lächelnd.
Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen Worte sprach.
Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung.
»Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!« sprach dieser Blick. Es war dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr vergessen können.
Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie Eheleute zusammen einquartiert.
Siebenter Teil.
1.
Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte; aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen.
Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin, vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen ruhig und glücklich.
Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde, und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft, aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer, ungekannter Freude.
Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr, bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben gewünscht haben würde.
Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte, und der er auf dem Dorfe gewesen war.
Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie jemand beleidigen.
Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun.
Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen, sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären.
Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er damit zufrieden sein konnte.
Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys umzugehen -- was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt -- bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren. Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche -- der alte Fürst nannte sie »Alina-Nadina« unter den Schwestern -- waren, so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben, um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen, je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran verloren habe.
Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie nach der Stadt übersiedelten.
In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr wichtiges Vorkommnis -- die Begegnung Kitys mit Wronskiy. -- Eine alte Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy.
Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen, daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte -- sie fühlte dies -- auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessen unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte.
Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz über die Wahlen, die er »unser Parlament« nannte. -- Man mußte hier lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. -- Doch sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen, wenn er grüßt.
Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch wirklich zu sein.
Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte.
»Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,« sagte sie, »nicht, weil du nicht im Zimmer warst -- ich würde nicht so natürlich geblieben sein in deiner Gegenwart -- aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit mehr,« sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, »ach, daß du nicht durch einen Spalt schauen konntest.«
Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie, daß ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein.
»Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,« sagte Lewin. »Ich bin sehr, sehr froh darüber.«
2.
»So fahre also zu den Bolj,« sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. »Ich weiß, daß du im Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber den Vormittag?«
»Ich will nur zu Katawasoff,« antwortete Lewin.
»Weshalb so früh?«
»Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in Petersburg,« sagte Lewin.
»Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?« sagte Kity.
»Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.«
»Und ins Konzert?« frug sie.
»Was soll ich allein dorthin!«
»Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich doch so. Ich würde sicher hinfahren.«
»Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,« sagte er, nach der Uhr blickend.
»Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj fahren kannst.«
»Ist denn das so unbedingt notwendig?«
»Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder auf und fährst fort.«
»Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mir selbst dies schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!« --
Kity lachte.
»Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?« sagte sie.
»Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: >Weshalb bist du denn eigentlich ohne Grund hierhergekommen?<« --
»O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,« sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, »nun leb' wohl -- fahre hin, ich bitte dich.« Er wollte schon gehen, nachdem er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. »Mein Kostja, du weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?«
»Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel brauchst du denn?« sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von Mißvergnügen.
»Nein doch; warte.« Sie hielt ihn an der Hand zurück. »Sprechen wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen Etwas nicht richtig.«
»Keineswegs,« sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst. Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. »Ich habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.«
»Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel« --
»Keineswegs, keineswegs,« wiederholte er -- »doch leb' wohl jetzt, Herzchen.«
»Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe. Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch alle noch und wir verschwenden Geld« --
»Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal, seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es wäre anders besser, als so, wie es eben ist« --
»Ist das wahr?« sagte sie, ihm in die Augen blickend.
Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen, lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das Nämliche aus ganzer Seele. »Ich vergesse sie in der That,« dachte er, und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete.
»Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?« flüsterte er, sie bei beiden Händen nehmend.
»Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr denke und nichts weiß.«
»Hast du nicht Angst?«
Sie lächelte geringschätzig.
»Nicht die Idee,« sagte sie.
»Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.«
»Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen erwarte ich dich. -- Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,« -- so nannte sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa -- »gesprochen, und wir haben beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch wenn ihr beide« --
»Aber was können wir thun?« frug Lewin.
»Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir sagen, was wir beschlossen haben.«
»Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.«
Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete.
»Der Krasavtschik,« dies war das Handpferd, welches mit vom Lande hereingebracht worden war, »ist beschlagen worden, er hinkt aber immer noch,« berichtete er, »was befehlt ihr nun?«
In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein.
»Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.«
»Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?« frug Kusma.
Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich.
»Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,« sagte er.
»Zu Diensten.«
Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt, einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten, der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit ihm über sein Buch sprechen wollte.
Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen Geldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden. Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging schwer, das zweite leichter -- nach dem dritten aber ging es wie im Vogelschwarm.