Anna Karenina, 2. Band

Part 26

Chapter 263,516 wordsPublic domain

»Wie wir« -- sagte Lewin. »Es ist nur außerordentlich angenehm, Euch zu treffen,« fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah.

»Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch war,« begrüßte ihn der Gutsbesitzer, »wir haben uns auch verschworen.«

»Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?« frug Swijashskiy lächelnd.

»Ein wenig.«

»Man hat uns den Mut benommen.«

30.

Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen Freunden.

Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden Lewin entgegenblickte.

»Sehr erfreut. Mir scheint, als hätte ich einmal das Vergnügen gehabt, Euch begegnet zu sein -- bei der Fürstin Schtscherbazkaja,« sagte er, Lewin die Hand reichend.

»Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl,« sagte Lewin, purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu sprechen.

Mit feinem Lächeln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter, offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gespräch mit Lewin zu geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt Wronskiy an und überlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen könnte, um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen.

»Was verhandelt man jetzt?« frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy anblickend.

»Sjnetkoff. Er muß abschläglich antworten oder beistimmen,« antwortete Swijashskiy.

»Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?«

»Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,« sagte Wronskiy.

»Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren?« frug Lewin, Wronskiy anschauend.

»Wer da will,« sagte Swijashskiy.

»Werdet Ihr es thun?« frug Lewin.

»Nur ich nicht,« sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden, bissigen Herrn werfend.

»Nun wer denn; Njewjedowskiy?« frug Lewin, im Gefühl, daß er sich verwickelte.

»Dies wäre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja die zwei Kandidaten.«

»Ich werde es in keinem Falle thun,« antwortete der sarkastische Herr. Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben bekannt.

»Hat es auch deine Achillesferse getroffen?« sagte Stefan Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, »das ist etwas nach Art der Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.«

»Ja; das berührt Einen bei der schwachen Seite,« sagte Wronskiy. »Und hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch ausführen. Es ist ein Kampf!« sagte er, stirnrunzelnd und die starken Kinnbacken zusammenbeißend.

»Was für ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!«

»Ach ja,« versetzte Wronskiy zerstreut.

Ein Stillschweigen trat ein, während dessen Wronskiy so wie man eben auf etwas Zufälliges blickt, auf Lewin, auf dessen Füße, Uniform und Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen bemerkt hatte, äußerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen:

»Wie kommt es denn -- Ihr seid doch ständiger Dorfbewohner, nicht aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines Friedensrichters?«

»Das kommt daher, daß ich glaube, das Friedensgericht repräsentiert eine thörichte Institution,« antwortete Lewin finster, der schon längst darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gespräch zu kommen, um seine Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen.

»Ich glaube dies nicht; im Gegenteil,« sagte Wronskiy ruhig, aber mit Verwunderung.

»Es ist doch nur eine Spielerei,« unterbrach ihn Lewin. »Die Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habe innerhalb acht Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher es sich um zwei Rubel handelt, muß ich dann einen Vertrauensmann, welcher mich fünfzehn kostet, schicken.«

Er erzählte nun, wie ein Bauer einem Müller Mehl gestohlen habe, und der Bauer, als der Müller es ihm mitgeteilt, gegen diesen Verleumdungsklage eingereicht hätte. Alles das paßte nicht hierher und war dumm; und Lewin fühlte dies auch, während er sprach.

»O, über dieses Original!« sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem mandelsüßesten Lächeln, »indessen gehen wir; man scheint zu ballotieren.«

Sie gingen auseinander.

»Ich begreife nicht,« sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, »ich begreife nicht, wie es möglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihm =ami cochon= und bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy -- ich mache ihn mir ja auch nicht zum Freunde -- hat mich zum Essen eingeladen. Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frägst du Njewjedowskiy, ob er ballotieren würde. Das geht doch nicht an.«

»Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,« antwortete Lewin mürrisch.

»Du sagst da, daß dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber damit, so verwickelst du dich dennoch.«

Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den großen Saal.

Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten Verrat in der Luft liegen fühlte, und nicht alle ihn darum gebeten hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles still, der Sekretär verkündete mit lauter Stimme, daß Rittmeister der Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher gewählt werden solle.

Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen.

»Wirf rechts,« flüsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt.

Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklärt hatte, und fürchtete, Stefan Arkadjewitsch möchte sich geirrt haben, indem er sagte »rechts«. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten, überlegte sich jedoch, daß er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen.

Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloßen Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen.

Alles war still geworden und man vernahm nur das Zählen der Kugeln. Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Wähler und der Nichtwählenden aus.

Der Vorsteher war mit beträchtlicher Majorität wieder gewählt worden. Es erhob sich ein allgemeiner Lärm und man drängte nach der Thür. Snjetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglückwünschungen.

»Nun, jetzt ist es wohl zu Ende?« frug Lewin Sergey Iwanowitsch.

»Es fängt eben erst an,« versetzte für Sergey Iwanowitsch lächelnd Swijashskiy; »der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.«

Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, daß hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel, sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit überkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen.

Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermißt wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und fühlte große Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein. Nachdem er ein Kotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener über dessen frühere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin, der den Saal nicht wieder zu betreten wünschte, in welchem es ihm so unangenehm war, auf die Tribünen.

Diese waren angefüllt von geputzten Damen, die sich über das Geländer beugten, im Bemühen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saßen und standen elegante Advokaten, Gymnasialschüler mit Augengläsern, und Offiziere. Überall wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschöpft sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wären; in der einen Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem Advokaten:

»Wie freue ich mich, daß ich Koznyscheff gehört habe! Da ist es schon der Mühe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und verständlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel, und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.«

Als Lewin einen freien Platz an dem Geländer gefunden hatte, beugte er sich darüber und begann Umschau zu halten und zu lauschen.

Alle Adligen saßen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender lauter Stimme rief:

»Es wird ballotiert für die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!«

Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme:

»Ich verzichte!«

»Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj,« begann wiederum die Stimme.

»Ich verzichte!« ertönte eine jugendliche pfeifende Stimme.

Nochmals ertönte das Gleiche und wieder erschallte das »ich verzichte«; und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Geländer gestemmt, schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich überzeugt hatte, er könne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als er sich hierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwärtigte, wurde es ihm schwer ums Herz; er beschloß abzureisen, und ging hinab.

Als er durch die Vorhalle der Tribünen schritt, begegnete er einem auf- und niederschreitenden, bedrückt aussehenden Gymnasiasten mit thränenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine Dame, welche eilig auf den Absätzen lief, war es und der gewandte Genosse des Prokurators.

»Ich habe Euch gesagt, daß Ihr nicht zu spät kommt,« sagte der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame vorüberzulassen.

Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretär abfing.

»Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!«

Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert hatte, gewählt worden.

Lewin schritt zur Saalthür; sie war verschlossen. Der Sekretär pochte, die Thür öffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit geröteten Gesichtern gegenüber.

»In meiner Macht liegt es nicht,« sagte der eine rotaussehende Gutsbesitzer.

Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von Erschöpfung und Angst.

»Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen!« schrie er den Thürhüter an.

»Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!«

»Mein Gott!« schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, müde in seinen weißen Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die Mitte des Saales nach dem großen Tische.

Man hatte das Amt Njewjedowskiy übertragen, wie es auch vorher geplant worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glücklich, viele entzückt, viele unzufrieden und unglücklich. Der Gouvernementsvorsteher war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. Als Njewjedowskiy den Saal verließ, umringte ihn die Menge, und folgte ihm begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher gefolgt war, als derselbe die Wahlen eröffnet hatte, so, wie sie Snjetkoff gefolgt war, als dieser gewählt wurde.

31.

Der neugewählte Gouvernementsvorsteher und viele aus der triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy.

Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit vor Anna geltend machen mußte, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit seiner Unterstützung bei den Wahlen für alle Bemühungen um Wronskiy bei den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfüllen, die er sich auserwählt hatte.

Aber er hatte durchaus nicht erwartet, daß ihn diese Wahlen so sehr interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen würden, und daß er der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht mit der Annahme, daß er bereits Einfluß unter denselben gewonnen habe.

Zur Erringung dieses Einflusses unterstützte ihn sein Reichtum, und sein vornehmer Rang, ein schönes Besitztum in der Stadt, welches ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit Finanzgeschäften befaßte und eine blühende Bank in Kaschin besaß; ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen -- vor allem aber sein einfaches, allen gegenüber sich gleich bleibendes Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlaßte, ihr Urteil über seinen vermeintlichen Stolz zu ändern.

Er fühlte selbst, daß, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm, =à propos de bottes=, mit wahnsinniger Wut einen Haufen ungereimter Dummheiten nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte, sein Anhänger wurde.

Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, daß er zu dem Erfolg Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel, verspürte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme Empfindung eines Triumphes über den Gewählten.

Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, daß er, falls er im Lauf der nächsten drei Jahre verheiratet sein würde, selbst daran denken wollte, ballotiert zu werden -- ganz so, wie man nach dem Gewinn einer Prämie durch den Jockey Lust verspürt, selbst mit zu reiten.

Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy saß an der Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als General =en suite=. Für jedermann war er der Herr des Gouvernements, der die Wahlen feierlich eröffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit, Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah -- für Wronskiy aber war er Masloff Katka »der Sündenbock« -- dies war sein Spitzname im Pagencorps gewesen -- der vor ihm in Verlegenheit geriet, und den Wronskiy sich bemühte, =mettre à son aise=. Diesem zur Linken saß Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschütterlich sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und achtungsvoll.

Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal eine Schlappe für ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an Njewjedowskiy wendend; ein besserer Führer jener neuen Richtung, welcher der Adel folgen sollte, ließ sich nicht finden. Und so stand denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des heutigen Erfolges und feierte denselben.

Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darüber, daß er die Zeit vergnügt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, daß Excellenz wohl eine andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde wählen müssen, als Thränen.

Ein anderer Spaßvogel unter den Edelleuten erzählte, wie zum Gouverneurballe Lakaien in Kniestrümpfen verschrieben worden seien, und man dieselben jetzt wieder fortschicken müsse, wenn nicht etwa der neue Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrümpfen geben sollte.

Ununterbrochen während des Essens sagte man, wenn man sich zu Njewjedowskiy wandte, »unser Gouverneursoberhaupt«, oder »Ew. Excellenz«.

Man sprach dies mit dem nämlichen Vergnügen, mit welchem man eine junge Frau »Madame« nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu.

Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur gleichgültig, sondern als schätze er diese Titulatur sogar gering, aber es war augenscheinlich, daß er sich glücklich fühlte und sich beherrschen müsse, sein Entzücken nicht auszudrücken, welches zu dieser ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden, nicht gestimmt hätte.

Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich für den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: »Njewjedowskiy mit zwanzig Kugeln gewählt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter mit.« Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: »Man muß ihnen eine Freude machen.«

Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur über den Rubel, den es gekostet, und erkannte, daß die Sache jetzt wohl bis zum Schluß der Tafel gediehen sein mußte. Sie wußte ja, daß Stefan die Schwäche besaß, am Ende von Banketts »=faire jouer le télégraphe=«.

Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die nicht von russischen Weinhändlern, sondern direkt von auswärts stammten, sehr vornehm, ungekünstelt und fröhlich gewesen. Ein kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen und ordnungsliebenden Führer der Jungpartei, ausgewählt worden. Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor, wie auf »unseren liebenswürdigen Wirt!« --

Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in der Provinz erwartet.

Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der »Brüderschaft« zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu werden wünschte.

»Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schönheiten; in der That bemerkenswert.«

»=Not in my line=,« antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte, lächelte aber, und versprach doch zu kommen.

Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing, trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf der Präsentierschale.

»Aus Wosdwishenskoje per Expressen,« meldete er mit bedeutungsvoller Miene.

»Wunderbar, wie ähnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy sieht,« sagte einer der Gäste auf französisch, den Kammerdiener meinend, während Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las.

Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er seinen Inhalt. In der Annahme, daß die Wahlen in fünf Tagen vorüber sein würden, hatte er versprochen, Freitag zurückkehren zu wollen. Heute war Sonnabend, und er wußte, daß der Inhalt des Briefes aus Vorwürfen bestehen würde, weil er nicht rechtzeitig zurückgekehrt sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war wahrscheinlich noch nicht angekommen.

Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine unerwartete und ihm höchst unangenehme.

»Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es könne eine Entzündung eintreten. Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Fürstin Barbara ist keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern, gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen, da ich wußte, daß dir dies unangenehm gewesen sein würde. Gieb mir Antwort, damit ich weiß, was ich anfangen soll.«

»Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! -- Unsere Tochter ist krank und dieser feindselige Ton!« --

Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene düstere, lastende Liebe, zu welcher er zurückkehren mußte, trafen Wronskiy durch ihren Gegensatz. Aber man mußte abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in der Nacht nach Hause.

32.

Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung, daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen. Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte, als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon vernichtet war.

In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem Einen -- zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. --

»Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln. Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,« dachte sie, »dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!«

Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben einmal aufhören würde.

Allerdings, es gab da noch ein Mittel -- nicht ihn zu halten; denn dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber, sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und entschloß sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder Stefan zu ihr davon sprechen würden.

In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen, während deren er abwesend sein mußte.

Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara, die Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches nach dem andern, füllten ihre Zeit aus.

Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte, fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken.

In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht. Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab.