Part 25
Die Adligen, im großen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager und an der Feindseligkeit und dem Mißtrauen der Blicke, an dem bei der Annäherung fremder Personen verstummenden Gespräch, daran, daß mehrere flüsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich, daß eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte.
Dem äußeren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren größtenteils in adligen altertümlichen, zugeknöpften Uniformen, mit Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertümlicher Weise gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz in den Taillen und so knapp, als hätten ihre Träger sie verwachsen.
Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und breiten Schultern, mit weißen Westen, oder in Uniformen mit schwarzen Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen gehörten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten.
Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die Parteien zusammen; einige der Jungen gehörten nach den Beobachtungen Lewins zur Partei der Alten, und im Gegensatz hierzu zischelten einige sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige Anhänger der neuen Richtung.
Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und aß, neben einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem er seine Geisteskräfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen, was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um welchen sich die Übrigen gesellten. Er hörte jetzt Swijashskiy und Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei gehörte.
Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafür, Sjnetkoff um Ballotage zu bitten, und Swijashskiy überredete ihn nun, es doch zu thun, während Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthieß. Lewin begriff nicht, weshalb man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezüglich desjenigen Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte.
Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat, sich den Mund mit dem duftenden, eingefaßten Battisttaschentuch wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen.
»Wir nehmen die Position,« sagte er, sich die Hälften seines Backenbartes streichend, »Sergey Iwanowitsch!« Und aufmerksam dem Gespräch Gehör schenkend, unterstützte er die Meinung Swijashskiys. »Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich schon Opposition,« sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin, verständlich waren. »Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst hinter den Geschmack?« fügte er hinzu, sich an Lewin wendend und faßte diesen unter dem Arme. Lewin wäre recht froh gewesen, hinter den Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es sich handle, und drückte, einige Schritte von den Redenden wegtretend, Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den Gouvernementsvorsteher bitten wollte.
»=O sancta simplicitas=,« sagte Stefan Arkadjewitsch und erklärte Lewin kurz und klar, um was es sich handle.
»Wenn alle Kreise, wie in den früheren Wahlen, den Gouvernementsvorsteher bitten würden, so wählte man ihn mit allen weißen Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten einen anderen von den Ihrigen wählen, sodaß unser ganzer Plan verloren ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst wählen und ihm absichtlich das Amt wieder übertragen, sodaß sich die gegnerische Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren aufstellen, diesem das Amt überträgt.«
Lewin verstand, aber nicht vollständig, und wollte soeben noch einige Fragen stellen, als plötzlich alle durcheinander zu sprechen begannen, lärmten und sich nach dem großen Saale in Bewegung setzten.
»Was ist das? Wie? Wen wird man wählen? Vertrauen? Zu wem? Was ist? Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man läßt Phleroff nicht zu. Was; unter Anklage! So läßt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!« hörte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen mit der Menge, die sich drängte, und zu fürchten schien, daß sie etwas versäumte, in den großen Saal. Er näherte sich in dem Gedränge der Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher, Swijashskiy und andere Wortführer eifrig miteinander debattierten.
28.
Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen, störten ihn, deutlich zu hören. Aus der Ferne vernahm er nur die weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ des scharfzüngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie stritten, soviel er zu verstehen imstande war, über die Bedeutung eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, »wer sich unter gerichtlicher Untersuchung befindet«.
Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die Beendigung der Rede des scharfzüngigen Adligen abgewartet hatte, ihm scheine, daß es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des Gesetzes zu richten und bat den Sekretär, den Paragraphen aufzusuchen. In demselben war gesagt, daß man im Falle der Meinungsverschiedenheit zu ballotieren habe.
Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn desselben zu erörtern, aber da unterbrach ihn ein großer, dicker und krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem Finger darauf schlagend:
»Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwätz! Zu den Kugeln!«
Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt plötzlich zusammen, und der große Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie lauter und lauter. Es ließ sich jedoch nicht unterscheiden, was er sagte. Er sagte das Nämliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug, aber offenbar haßte er diesen und dessen ganze Partei, und dieses Gefühl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den Widerstand einer gleichen, wenn auch gemäßigteren Erbitterung auf der anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte alles durcheinander, sodaß der Gouvernementsvorsteher genötigt war, um Ordnung zu bitten.
»Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein! Wir vergießen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande!« vernahm man zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten.
Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer ungebärdiger. Sie drückten einen unversöhnlichen Haß aus. Lewin begriff nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt über die Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man über Phleroff ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm später Sergey Iwanowitsch erklärte, jenen Syllogismus vergessen, daß im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt werden müsse; zu der Entfernung desselben aber war eine Majorität der Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majorität weiterhin mußte man Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines Stimmberechtigten mußte man erklären, wie der Paragraph des Gesetzes aufzufassen sei.
»Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man muß daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen will,« schloß Sergey Iwanowitsch.
Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz, diese von ihm geachteten braven Männer in einer so unangenehmen schlimmen Erregung sehen zu müssen.
Um sich von diesem beklemmenden Gefühl frei zu machen, ging er, ohne das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Gläsern beschäftigten Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein unerwartetes Gefühl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart, den jüngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschätzung lehrte, wie man Servietten falten müsse. Lewin hatte sich gerade mit dem alten Diener in ein Gespräch eingelassen, als der Sekretär der Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft besaß, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach zu kennen, ihn davon abzog.
»Bitte gefälligst, Konstantin Dmitritsch,« sagte er zu ihm, »Euer Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.«
Lewin trat in den Saal, erhielt eine weiße Kugel und begab sich hinter seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger, ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand genommen hatte und daran roch.
Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Orte stehen. Lewin trat heran, wandte sich aber, da er vollständig vergessen hatte, um was es sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, während man in seiner Nähe sprach, sodaß er hoffen konnte, es habe niemand seine Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche Frage wurde gehört. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn.
»Das ist Sache der Überzeugung für einen jeden,« sagte er gemessen. Einige lächelten. Lewin errötete, streckte hastig die Hand unter das Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, daß er auch die linke Hand hineinstecken müsse und steckte sie hinein, doch schon zu spät, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten, schnell in die hintersten Reihen zurück.
»Einhundertsechsundzwanzig dafür! Achtundneunzig dagegen!« klang die Stimme des Sekretärs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen konnte. Gelächter erschallte: ein Knopf und zwei Nüsse waren in dem Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht für besiegt. Lewin vernahm, daß man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und gewahrte, daß ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher umringte, welcher sprach. Lewin trat näher. Sjnetkoff sprach, indem er den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu ihm, deren er nicht würdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner Ergebenheit für den Adel bestehe, dem er zwölf Jahre des Dienstes geweiht hätte. Mehrmals wiederholte er die Worte »ich habe gedient, soviel es meine Kräfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich schätze euch hoch und danke euch!« und plötzlich hielt er, von Rührung überwältigt, inne und verließ den Saal.
Mochten nun diese Thränen von dem Gefühl einer Ungerechtigkeit gegen ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation herrühren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben fühlte -- genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majorität des Adels war gerührt und auch Lewin empfand ein Gefühl von Zärtlichkeit für Sjnetkoff.
In der Thür stieß der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen.
»Entschuldigt, bitte, entschuldigt,« sagte er wie zu einem Unbekannten, lächelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er etwas hätte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen könne.
Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform, mit den Ordenskreuzen und den weißen galonnierten Beinkleidern, erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemästetes Schlachtvieh, welches sieht, daß es mit seiner Sache übel bestellt ist.
Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentümlich Rührendes für Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Größe eines guten und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das große Haus mit den altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen, sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert hatten; eine wohlbeleibte, gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen und einem türkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küßte; die ermahnenden, freundlichen Reden und Gebärden des Hausherrn; alles dies hatte in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt. Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.
»Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden,« sprach er.
»Kaum,« versetzte jener, erschreckt aufblickend, »ich bin abgespannt, schon alt; es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun dienen,« und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthür.
Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mußte zur Wahl schreiten. Die Wortführer der einen und der anderen Partei zählten an den Fingern die weißen und die schwarzen Kugeln nach.
Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit herbeigeführt, sodaß noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten, welchen es durch Intriguen der Alten unmöglich gemacht worden war, an den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwäche für den Wein besaßen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem dritten die Uniform entwendet.
Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, während der Debatten über Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur Sobranje zu bringen.
»Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen,« sagte der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, »doch es ist nicht gefährlich, er taugt schon noch dazu.«
»Ist also nicht zu sehr berauscht, daß er nicht etwa umfällt?« sagte Swijashskiy kopfschüttelnd.
»Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald völlig niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen Fall Wein geben.«
29.
Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung, da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht gesehenen Freunden.
Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gespräch Wronskiy in Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde.
Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen Greis in Marineuniform, der neben ihm saß, ohne Interesse und ohne Beschäftigung war.
»Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß. Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,« sprach energisch ein etwas verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend, und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz ab.
»Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,« fuhr ein kleiner Gutsherr mit dünner Stimme fort.
Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn, einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte.
»Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu äußern. Eine Schweinerei ist es!«
»Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,« sprach man in einer anderen Gruppe, »die Frau muß als Adlige eingetragen werden!«
»Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist! Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!«
»Wollen Ew. Excellenz mitkommen, =fine champagne=.«
Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies Einer der drei Berauschten.
»Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,« sagte ein graubärtiger Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich.
»Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.«
»Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?« frug Lewin.
»Man arbeitet stets mit Schaden,« antwortete der Gutsherr mit höflichem Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit, daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; »aber wie kommt Ihr denn in unser Gouvernement?« frug er dann. »Ihr seid wohl gekommen, um an unserem =coup d'état= teilzunehmen?« sagte er, sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. »Ganz Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe selbst die Minister.« Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform, welcher mit einem General ging.
»Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht wenig verstehe,« sprach Lewin.
Der Gutsherr schaute ihn an.
»Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.«
»Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?« frug Lewin.
»Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb sind wohl diese Herren gekommen?« sagte er, auf den bissigen Adligen zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach.
»Das ist ein neues Adelsgeschlecht.«
»Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.«
»Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?«
»Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff -- -- mögen wir gut oder schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so anlegen, daß sie den Baum umfangen;« sagte er vorsichtig, und änderte darauf das Thema. »Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?« frug er.
»Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.«
»Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr, meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch umsonst.«
»Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?«
»Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,« und der Gutsbesitzer stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, »mein Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.«
»Ja, ja,« sagte Lewin, »das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber -- man fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.«
»Da will ich Euch noch etwas sagen,« fuhr der Gutsbesitzer fort. »Mein Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den Garten. >Nein,< sagte er da, >Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.< Dabei befindet er sich aber in vollständiger Ordnung. >Nach meiner Ansicht, würde ich diese Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.<«
»Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern pachtweise verteilen,« ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. »Und er wird sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen streben müssen.«
»Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?« sagte der Gutsbesitzer.
»Ja,« antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. »Es ist aber etwas Seltsames,« fuhr er fort, »wir leben zusammen gerade wie die alten Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.«
Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart.
»So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch, oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu Kapitalverlust geführt.«
»Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?« sagte Lewin, auf den Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte.
»Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem Schaden.«