Anna Karenina, 2. Band

Part 23

Chapter 233,727 wordsPublic domain

Anna ergriff mit ihren schönen, weißen, von Ringen bedeckten Händen ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, daß sich aus ihrer Erklärung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl wissend, daß sie angenehm sprach und daß ihre Hände schön seien, die Erklärung fort.

»Es sind eigentlich mehr Federmesser,« sagte Wjeslowskij lächelnd, ohne die Augen von ihr zu verwenden.

Anna lächelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht.

»Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren?« wandte sie sich an den Baumeister.

»O ja,« versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, »es ist ein ganz einfaches Ding,« und begann dann die Konstruktion der Maschine zu erläutern.

»Schade, daß sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung eine gesehen, die strickt Draht,« sagte Swijashskiy, »diese wären noch nützlicher gewesen.«

»Es kommt drauf an; der Preis vom Draht muß ausgerechnet werden,« sagte der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen entrissen, an Wronskiy.

»Das läßt sich ausrechnen, Erlaucht.« Der Deutsche hatte bereits in die Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem er alles ausrechnete. Doch besann er sich, daß er bei Tische sitze und stand, den kühlen Blick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab. »Zu kompliziert; macht zuviel Klopot,« schloß er.

»Wünscht man Dochots,[A] so hat man auch Klopots,«[B] sagte Wasjenka Wjeslowskij auf Deutsch, sich über den Deutschen lustig machend. »=J'adore l'allemand=,« wandte er sich mit dem nämlichen Lächeln zu Anna.

[A] =dochód= »Einkünfte«.

[B] =chlópot= Gen. Plur. von =chlópoty= »Plackereien«.

»=Cessez=!« sagte diese scherzhaft ernst. »Wir dachten Euch auf dem Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch?« wandte sie sich dann an den Arzt, einen krankhaften Menschen, »waret Ihr dort?«

»Ich war dort, zog mich aber zurück,« antwortete dieser mit mürrischem Spott.

»Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?«

»Herrlich!«

»Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?«

»Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht gerade.«

»Wie schade,« sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der Höflichkeit ihren Hausgenossen gegenüber den Tribut gezollt hatte, wieder zu den Ihrigen.

»Es wäre jedenfalls nach Eurer Erzählung schwierig, eine Maschine zu konstruieren, Anna Arkadjewna,« sagte Swijashskiy scherzend.

»Nun; inwiefern?« versetzte Anna mit einem Lächeln, welches sagte, daß sie wohl wisse, in ihrer Erklärung von der Maschinenkonstruktion habe etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei. Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie überraschte Dolly unangenehm.

»Dafür sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur bewundernswürdige,« sagte Tuschkjewitsch.

»Allerdings; ich hörte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon -- bis auf die Plinthe ist sie Kennerin« -- sagte Wjeslowskij.

»Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel sieht und hört,« antwortete Anna, »Ihr freilich wißt gewiß nicht einmal, wovon man ein Haus baut.«

Darja Aleksandrowna sah, daß Anna ungehalten über den Ton von Tändelei war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen unwillkürlich sie selbst geriet.

Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er maß dem Geschwätz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei, ja, würzte im Gegenteil noch dessen Scherze.

»Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!«

»Natürlich mit Cement.«

»Bravo! Aber was ist denn Cement?«

»Nun so etwas wie ein dünner Brei, nein wie Kitt,« sagte Wjeslowskij, ein allgemeines Gelächter hervorrufend.

Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters, verstummte nicht, bald glatt fließend, bald stockend und jemanden bei einer Schwäche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna angegriffen und so aufgeregt davon, daß sie sogar errötete, und sich besann, ob man ihr nicht etwas Überflüssiges und Unangenehmes gesagt habe? Swijashskiy hatte über Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen seltsamen Urteilen, daß die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur schädlich seien, erzählt.

»Ich habe nicht das Vergnügen, diesen Herrn Lewin zu kennen,« sagte Wronskiy lächelnd, »aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine ausländische, sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?«

»Im allgemeinen türkische Ansichten,« sagte Wjeslowskij lächelnd, sich an Anna wendend.

»Ich kann seine Urteile nicht vertreten,« fuhr Darja Aleksandrowna auf, »aber ich kann sagen, daß er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er hier wäre, schon wüßte, wie er Euch zu antworten hätte; ich verstehe es allerdings nicht!«

»Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde,« sagte Swijashskiy gutmütig lächelnd. »=Mais pardon, il est un petit peu toqué=; zum Beispiel behauptet er, daß sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter nicht nötig wären, und beteiligt sich an nichts.«

»Das ist unsere russische Indifferenz,« sagte Wronskiy, Wasser aus einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fuße gießend, »man will sich keiner Verpflichtungen bewußt werden, die unsere Rechte uns auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.«

»Ich kenne keinen Menschen, der strenger wäre in der Erfüllung seiner Pflichten,« sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der Überlegenheit in Wronskiy.

»Ich, im Gegenteil,« fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem Grunde von diesem Gespräch in einem gewissen Punkte getroffen, »ich im Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar für die Ehre, die Ihr mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch« -- er wies auf Swijashskiy -- »indem ich zum Ehrenrichter gewählt worden bin. Ich meine, daß für mich die Pflicht, zu den Zusammenkünften zu reisen, die Klage eines Bauern über ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was ich überhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglück versteht man die Bedeutung nicht, welche die Großgrundbesitzer im Reiche haben müßten.«

Darja Aleksandrowna berührte es seltsam, wie er so ruhig in seiner Gerechtigkeit dasaß, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte Lewin und war daher auf seiner Seite.

»So können wir also auf Euch rechnen, Graf, für die nächste Zusammenkunft?« frug Swijashskiy. »Doch wird zeitig zu fahren sein, damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen wolltet, zu mir zu kommen?«

»Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinem =beau frère=,« sagte Anna, »man darf nur nicht ganz so denken, wie er,« fügte sie lächelnd hinzu. »Ich fürchte, daß in letzter Zeit für uns zu viel dieser gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wie es früher so viel Beamte gab, daß für jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate hier und schon ist er Mitglied von wohl fünf oder sechs verschiedenen socialen Institutionen -- als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer &c. =Du train que cela va=, alle seine Zeit geht darin auf. Ich fürchte, daß bei der Masse dieser Geschäfte, alles nur Form ist. In wie viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,« wandte sie sich an Swijashskiy, »mir scheint in mehr als zwanzig!«

Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte, bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, daß das Gesicht Wronskiys bei diesem Gespräch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, daß die Fürstin Barbara sogleich, um das Thema zu ändern, hastig von Petersburger Bekannten zu sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, daß Wronskiy im Garten nicht zur passenden Zeit über seine Thätigkeit gesprochen hatte, erkannte Dolly, daß mit dieser Frage über die sociale Wirksamkeit ein gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing.

Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bällen, von denen sie jetzt freilich ganz entwöhnt war, gesehen hatte, und von dem nämlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen machte auch alles dies, an dem gewöhnlichen Wochentag und in diesem kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie.

Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurde =lawn tennis= gespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf dem sorgfältig geebneten und abgesteckten =croket-ground=, auf beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stäben auseinandertrat.

Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfaßt hatte, war sie so müde geworden, daß sie sich bei der Fürstin Barbara niedersetzte und den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte ebenfalls aufgehört, die übrigen aber setzten das Spiel noch lange fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst. Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich zu überhasten oder etwas zu versäumen, liefen ihm behend nach, paßten die Sprünge ab und schleuderten den Ball zielbewußt und richtig über das Netz hinüber.

Wjeslowskij spielte schlechter als die übrigen. Er war zu aufgeregt, inspirierte aber dafür mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein Gelächter und seine Rufe klangen unaufhörlich. Er legte wie alle übrigen Herren, auf den Beschluß der Damen den Überrock ab, und seine volle schöne Figur mit den weißen Hemdärmeln, dem roten schweißbedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prägte sich förmlich dem Gedächtnis ein.

Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie, als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den über den =croket-ground= huschenden Wasjenka Wjeslowskij.

Während des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt gewesen. Ihr mißfiel das auch hierbei fortdauernde, tändelnde Verhältnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne daß Kinder dabei sind, ein Kinderspiel spielen.

Um indessen die übrigen nicht zu stören, und irgendwie die Zeit doch zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater, mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr schlechtes Spiel die ganze Aufführung.

Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es anginge. Aber am Abend während des Spielens, beschloß sie bei sich, morgen schon abzureisen. Jene quälenden mütterlichen Sorgen, die sie unterwegs so gehaßt hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten sie an sich.

Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und sich niedergesetzt hatte, um ihr dünnes Haar für die Nacht aufzubinden, empfand sie große Erleichterung.

23.

Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostüm bei ihr eintrat.

Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gespräche über Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte gesprochen, wieder inne gehalten. »Später, allein unter uns, wollen wir alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen,« hatte sie geäußert.

Jetzt waren sie allein, doch Anna wußte nicht, wovon sie sprechen sollte. Sie saß am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem Geiste all den unerschöpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprächen über Geistiges durchmusternd, nichts.

Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wäre.

»Was macht denn Kity?« sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefühl einer Schuld Dolly anblickend. »Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zürnt sie mir nicht?«

»Sie zürnen? Nein« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd.

»Aber sie haßt, verachtet mich?«

»O nein; doch du weißt ja, Eines läßt sich nicht vergeben.«

»Ja, ja,« sagte Anna, sich abwendend und durch das geöffnete Fenster schauend. »Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heißt denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darüber? Wäre es möglich gewesen, daß du nicht die Frau Stefans wurdest?«

»Wahrhaftig; ich weiß nicht. Aber sage du mir doch das?«

»Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie glücklich? Er ist ein schöner Mann, wie man sagt.«

»Das will wenig sagen, daß er schön ist. Ich kenne aber keinen besseren Menschen.«

»Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, daß er ein schöner Mann ist,« wiederholte sie.

Dolly lächelte.

»Erzähle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu erzählen. Ich sprach auch mit« -- Dolly wußte nicht, wie sie ihn nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch zu nennen.

»Mit Aleksey« -- sagte Anna, »ich weiß, daß Ihr miteinander gesprochen habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, über mein Leben denkst?«

»Wie kann ich das so plötzlich sagen? Ich weiß es wahrhaftig nicht.«

»Nein, nein, du mußt es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben. Doch vergiß nicht, daß du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist, und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frühjahr hierher und haben vollständig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter leben; etwas Besseres wünsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor, daß ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe ich, daß dies sich oft wiederholen wird, daß er die Hälfte seiner Zeit außerhalb des Hauses zubringen wird,« sprach sie, aufstehend und sich näher zu Dolly setzend.

»Natürlich,« unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte, »natürlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurückhalten! Ich halte ihn gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit. Ich freue mich sehr darüber. Aber was denkst du über mich, stelle dir meine Lage vor. Was soll man dazu sagen?« Sie lächelte. »Wovon hat er denn mit dir gesprochen?«

»Er sprach über das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Möglichkeit vorhanden sei, und es nicht gehe, daß« -- Darja Aleksandrowna stockte, »man deine Lage verbessern könnte. Du weißt, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl, wenn möglich, muß geheiratet werden« --

»Das heißt, eine Ehescheidung!« sagte Anna, »weißt du, daß das einzige Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja gewesen ist? Du kennst sie ja? =Au fond c'est la femme la plus dépravée qui existe=. Sie stand in einem Verhältnis zu Tuschkjewitsch, in der schmählichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir, daß sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhältnis ein illegales bleibe. Denke nicht etwa, daß ich Vergleiche anstellte. Ich kenne dich, mein Herz, doch ich denke unwillkürlich an sie. Was hat dir denn Aleksey gesagt?« wiederholte sie.

»Er hat mir gesagt, daß er leide, deinetwegen und seinetwegen. Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so begründeter und edler Egoismus! Er wünscht zunächst seine Tochter legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu erhalten.«

»Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als ich es bin in meiner Lage!« unterbrach Anna düster.

»Das Hauptsächlichste was er wünscht -- er will, daß du nicht mehr leiden sollst.«

»Das ist unmöglich! Und weiter?«

»Nun, und das Loyalste -- er will, daß eure Kinder einen Namen haben.«

»Welche Kinder denn?« sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den Augen zwinkernd.

»Any und die Künftigen« --

»Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!«

»Wie darfst du sagen, daß dies nicht mehr der Fall sein könnte?«

»Deshalb nicht, weil ich es nicht will!«

Trotz ihrer hohen Erregung lächelte Anna, als sie den naiven Ausdruck von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte.

»Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, daß« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Nicht möglich!« sagte Dolly, die Augen weit aufreißend. Für sie war dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausführungen so ungeheuer sind, daß man in der ersten Minute nur fühlt, man könne sich das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darüber nachzudenken haben.

Diese Eröffnung, welche ihr plötzlich über alle jene früher für sie unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten, eine Erklärung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und widerstreitende Empfindungen wach, daß sie nichts zu sagen wußte und nur mit weit geöffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war das Nämliche, wovon sie wohl schon geträumt hatte; aber jetzt, als sie kennen gelernt, daß es möglich sei, erschrak sie. Sie fühlte, daß dies die nur allzu einfache Lösung einer zu verwickelten Frage war.

»=N'est ce pas immoral=!« sagte sie nur nach einigem Schweigen.

»Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder schwanger zu sein, das heißt krank, oder der Freund und Kamerad meines Gatten zu sein, ganz wie ein Mann,« sprach Anna in hochfahrendem und leichtsinnigem Tone.

»Nun ja, nun ja,« sprach Darja Aleksandrowna, die nämlichen Argumente hörend, die sie selbst für sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht mehr die alte Beweiskraft findend. »Für dich, für andere,« sagte Anna, als errate sie Dollys Gedanken, »kann noch ein Zweifel bestehen, für mich aber -- begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten? Doch nur damit!«

Sie streckte die weißen Arme vor ihrem Leibe aus.

Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung zu sein pflegt, drängten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja Aleksandrownas.

»Ich,« dachte sie, »habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln können. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er für mich eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, daß sie stets schön und heiter war. Er verließ sie doch und nahm eine andere. Sollte Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch anziehender sind und heiterer. Mögen auch ihre entblößten Arme noch so weiß, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schöne prangen, wie ihr erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus -- er wird noch Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch geliebter Mann es sucht und findet.«

Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen, welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch Beweisgründe vorrätig die so stark waren, daß es auf sie nichts mehr zu antworten gab.

»Du sagst, daß dies nicht gut sei? Man muß aber nur bedenken,« fuhr sie fort, »du vergißt meine Lage. Wie könnte ich Kinder wünschen? Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich fürchte sie nicht. Bedenke aber, was werden meine Kinder sein? Unglückliche Kinder, die einen fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schämen, ihres Vaters, sowie ihrer Geburt.«

»Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.«

Anna hörte sie nicht; sie wollte eben die nämlichen Beweisgründe erschöpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal überzeugt hatte.

»Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?« Sie blickte Dolly an, fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: »Ich würde mich immerdar vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,« sagte sie. »Wenn sie nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.«

Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben, ohne sie zu verstehen. »Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein, die nicht existieren?« dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen.

»Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,« sagte sie mit einem Ausdruck von Ekel auf den Zügen.

»Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin -- und außerdem,« fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend, daß jenes nicht moralisch sei, »vergiß nicht die Hauptsache, daß ich mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu haben wünsche. Darin liegt ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht wünschen kann.«

Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht zu sprechen besser war.

24.

»Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es möglich ist,« sagte Dolly.

»Ja, wenn es möglich ist,« versetzte Anna mit plötzlich veränderter, gedämpfter und trauriger Stimme.

»Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann damit einverstanden ist.«

»Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.«

»Nun, dann wollen wir es auch nicht,« beeilte sich Darja Aleksandrowna zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz bemerkte. »Ich sehe nur, daß du zu schwarz siehst.«

»Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja gesehen; =je fais des passions Wjeslowskij=« --

»Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefällt mir der Ton Wjeslowskijs nicht,« sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ändern.

»O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber ist ein Knabe und ganz in meinen Händen. Du verstehst wohl, ich leite ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly!« -- änderte sie plötzlich ihre Rede, »du sagst, ich blicke zu schwarz. Das verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht zu sehen.«

»Aber mir scheint, man muß dies. Man muß alles thun, was möglich ist.«

»Was ist denn möglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten, und meinst ich dächte nicht daran. Ich soll nicht daran denken!« -- wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich, reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen bleibend. »Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keine Stunde giebt es, in der ich nicht sänne -- und mir Vorwürfe machte über das was ich denke -- deshalb, weil die Gedanken hierüber von Sinnen bringen können. Von Sinnen bringen,« wiederholte sie. »Wenn ich daran denke, so kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einfluß der Gräfin Lydia Iwanowna.«