Part 22
Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas, aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von alledem, worauf er hätte stolz sein können -- es wäre denn sein Reichtum gewesen. --
Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem war, welches sie über ihr Leibchen vor der Zofe empfunden hatte. So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene Ich.
Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung. Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen habe.
»Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,« sagte er.
»Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon so?«
»O nein!« antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung. »Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!«
Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand, sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute.
»Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,« sagte er, ihr ins Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa langweile.
»Kommst du mit, Anna?« wandte sie sich an diese.
»Wir werden mit kommen; nicht wahr?« wandte sie sich an Swijashskiy.
»=Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se morfondre là dans le bateau=. Man muß es ihnen sagen lassen.«
»Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,« sprach Anna, sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte.
»O, ein Kapitalwerk,« rief Swijashskiy, fügte aber sogleich, um nicht als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung hinzu. »Ich wundere mich nur, Graf,« sprach er, »daß Ihr, der Ihr in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen gegenüber so gleichgültig verhaltet.«
»=C'est devenu tellement commun les écoles=,« sagte Wronskiy, »Ihr seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin. -- Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,« wandte er sich dann zu Darja Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend.
Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg. Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf einem erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten legten Ziegel, übergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie mit Richtmaßen.
»Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!« sagte Swijashskiy, »als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.«
»Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits ausgeputzt,« sagte Anna.
»Und was ist das Neues dort?«
»Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,« antwortete Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem entgegen.
Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen.
»Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,« antwortete er Anna, welche gefragt hatte, wovon die Rede sei.
»Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,« sagte Anna.
»Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,« sagte der Architekt, »es ist außer Acht gelassen worden.«
»Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,« antwortete Anna Swijashskiy, welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur ausgedrückt hatte. »Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.«
Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des Krankenhauses.
Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten, gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die Herrschaft zu begrüßen.
»Das ist das Empfangszimmer,« sagte Wronskiy, »es wird hier nur ein Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.«
»Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,« sagte Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. »Aleksey, die Farbe ist schon trocken,« fügte sie hinzu.
Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle, einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche, dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles, als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte.
»Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationell eingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,« sagte Swijashskiy.
»Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,« frug Dolly. »Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig« --
Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort.
»Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,« sagte er. »Aber hier seht einmal das,« er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. »Paßt auf,« er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. »Wenn Einer nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich« --
Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven Begeisterung.
»Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,« dachte sie, ohne ihn zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken, während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn hatte verlieben können.
21.
»Nein, ich glaube die Fürstin ist müde und die Pferde interessieren sie nicht mehr,« sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte, zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen wünschte. »Geht Ihr dahin, während ich die Fürstin ins Haus begleite, und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist?« sagte er, zu derselben gewendet.
»Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht angenehm,« sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert.
Sie sah im Gesicht Wronskiys, daß er etwas von ihr wünschte, und sie irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pförtchen in den Garten gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war, und, nachdem er sich überzeugt hatte, daß diese ihn weder hören noch sehen könne, begann:
»Ihr habt erraten, daß ich mit Euch zu sprechen wünschte,« sagte er, sie mit lachenden Augen anblickend, »ich irre nicht darin, daß Ihr eine Freundin Annas seid.« Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und trocknete sich damit seinen Kopf mit dem spärlichen Haar.
Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr plötzlich ängstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck seines Gesichts erschreckten sie.
Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. »Er wird mich einladen, mit den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich schuldig fühlt?« Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er mit ihr mochte reden wollen.
»Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,« sagte er, »helft mir doch!«
Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend, schweigend neben ihr hin.
»Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den früheren Freundinnen Annas -- die Fürstin Barbara rechne ich nicht -- so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?« frug er, sie anschauend.
»O ja,« antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend, »doch« --
-- »Nein,« unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen zu bleiben. »Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt, >ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.<«
»Ich verstehe,« sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, »aber eben deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich fürchte,« sagte sie, »Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich verstehe wohl.«
»In der Welt ist sie eine Hölle,« fuhr er hastig fort, das Gesicht in finstre Falten legend, »man kann sich keine schlimmeren moralischen Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.«
»Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach der Welt empfindet« --
»Die Welt« -- sagte er voll Verachtung, »welches Bedürfnis kann ich nach der Welt empfinden?«
»Bis jetzt -- und vielleicht bleibt das immer so -- seid Ihr glücklich und ruhig. Ich sehe an Anna, daß sie glücklich ist, vollkommen glücklich, sie hat es mir kaum erst geäußert« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd; doch unwillkürlich stiegen ihr, während sie dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glücklich war.
Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln.
»Ja, ja,« sagte er, »ich weiß, daß sie aufgelebt ist nach allen ihren Leiden; sie ist glücklich. Sie ist wahrhaft glücklich. Aber ich? Ich fürchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewiß gehen?«
»Nein, ganz gleich.«
»Gut, setzen wir uns dann hierher!«
Darja Aleksandrowna ließ sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen.
»Ich sehe, daß sie glücklich ist,« wiederholte er und der Zweifel daran, ob sie glücklich sei, beschlich Darja Aleksandrowna noch mehr. »Aber kann dies so fortgehen? Mögen wir gut oder schlecht gehandelt haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Würfel ist gefallen,« sagte er, aus der russischen in die französische Sprache übergehend, »und wir sind für das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind, wir können noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstände in unserem Verhältnis sind derart, daß sich tausend Verwickelungen zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und Prüfungen ausruhen läßt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist begreiflich. Ich aber muß sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz -- nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Täuschung nicht,« sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und düster fragend Darja Aleksandrowna anblickend.
Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort:
»Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem Gesetz -- ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe meines Vermögens, und so glücklich wir in der Familie sein, soviel Kinder wir auch bekommen mögen, zwischen mir und ihnen besteht kein Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drückende und Entsetzliche dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darüber zu sprechen, aber sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer anderen Seite! Ich bin glücklich, glücklich durch ihre Liebe, aber ich muß eine Beschäftigung haben! Diese Beschäftigung habe ich gefunden und bin stolz auf sie; ich halte sie für edler, als es die Beschäftigung meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel würde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mögen. Ich arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glücklich und zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glück. Ich liebe diese Thätigkeit. =Cela n'est pas un pis-aller=, im Gegenteil« --
Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem er einmal über seine Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine Beziehungen zu Anna war.
»Indessen, ich fahre fort,« sagte er, wieder auf den rechten Weg kommend, »das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung hegen muß -- daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß ich Erben haben werde, -- und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß, daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will. -- Das ist doch furchtbar!«
Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung.
»Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?« frug Darja Aleksandrowna.
»Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,« sagte er, sich gewaltsam bezwingend, »Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab. Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte war mit der Scheidung einverstanden -- Euer Gatte hatte dies damals vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,« sagte er finster, »ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet, und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es heißt =passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.= Ich spreche nicht von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,« sagte er mit dem Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. »Und so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einen Rettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und die Scheidung fordert.«
»Ja, natürlich,« sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, »ja versteht sich,« wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna.
»Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.«
»Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht hieran denken?« sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. »Gerade als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,« dachte Dolly. »Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr sprechen,« antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin.
Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu.
22.
Als Anna Dolly bereits zurückgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam ins Auge, als wolle sie nach dem Gespräch fragen, welches sie mit Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten.
»Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein,« sagte sie. »Wir haben uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt muß ich mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.«
Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation. Es war ihr nicht möglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf den Kopf.
»Das ist alles, was ich vermag,« sagte sie lächelnd zu Anna, welche in dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam.
»Ja, wir sind hier sehr kokett,« sagte Anna, sich gleichsam entschuldigend wegen ihrer Toilette. »Aleksey ist erfreut über dein Kommen, wie selten über Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,« fügte sie hinzu. »Aber du bist doch nicht ermüdet?«
Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch über etwas zu sprechen. Als sie in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Fürstin Barbara und die Herren in schwarzen Röcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht.
Der dicke Hausmeister, mit seinem glänzenden, runden rasierten Gesicht und im steifgeplätteten Band seiner weißen Krawatte meldete, daß das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, während er selbst zu Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Fürstin Barbara seinen Arm, so daß dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen.
Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriöser und moderner. Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich als Hausfrau, die ein Hauswesen führte -- obwohl ohne Hoffnung, etwas von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu können, so hoch stand hier alles an Pracht über ihrer Lebensweise -- unwillkürlich in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles gemacht hatte und wie es gemacht war.
Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute, die sie kannte, hatten nie hierüber nachgedacht, sondern aufs Wort daran geglaubt, daß jeder rechtschaffene Hausherr seine Gäste merken zu lassen wünscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mühe gekostet, sondern sei von selbst geworden.
Darja Aleksandrowna aber wußte, daß von selbst nicht einmal der Brei zum Frühstück für die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaßen verstärkte Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden müssen. Auch an dem Blicke des Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch überflog, und wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht und der Suppe vorschlug, erkannte sie, daß alles durch die Fürsorge des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing augenscheinlich dies alles nicht in höherem Grade ab, als etwa von Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Fürstin und Wjeslowskiy waren einzig und allein die Gäste, welche heiter genossen, was für sie bereitet war.
Anna war Hausfrau nur der Führung des Gesprächs nach, und dieses Gespräch, sehr schwierig für die Hausherrin bei der nicht großen Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten einer vollständig anderen Welt, die sich bemühten, nicht zu erröten vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gespräch teilzunehmen vermochten -- dieses schwierige Gespräch führte Anna mit ihrem gewohnten Takte, mit Natürlichkeit und selbst mit Vergnügen, wie Darja Aleksandrowna merkte.
Das Gespräch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzählen. Doch Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um denselben aus seinem Schweigen zu ziehen.
»Nikolay Iwanitsch war überrascht,« sagte sie zu Swijashskiy, »wie das neue Gebäude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war, gewachsen ist; aber ich bin alltäglich dabei und verwundere mich selbst alltäglich, wie schnell das geht.«
»Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut,« sagte lächelnd der Architekt -- er war im Gefühl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch -- »man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden muß; ich mache dem Grafen Meldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache abgemacht.«
»Amerikanische Manieren,« sagte Swijashskiy lächelnd.
»Ja; dort werden die Gebäude rationell errichtet.«
Das Gespräch kam auf den Mißbrauch der Macht in den Vereinigten Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen.
»Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen?« wandte sie sich an Darja Aleksandrowna. »Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.«
»Wie arbeiten sie denn?« frug Dolly.
»Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine Scheren. So hier« --