Anna Karenina, 2. Band

Part 16

Chapter 163,713 wordsPublic domain

»Laß mich doch diese Lektion geben! Nein, Dolly, ich will gehen« -- sagte Lewin aufspringend.

Grischa, welcher bereits das Gymnasium besuchte, mußte im Sommer seine Lektionen repetieren. Darja Aleksandrowna, welche schon in Moskau mit ihrem Sohne zugleich die lateinische Sprache gelernt hatte, hatte es sich, nachdem sie zu Lewin gekommen war, zum Gesetz gemacht, mit ersterem die schwierigsten Lektionen im Lateinischen und der Arithmetik, wenigstens einmal täglich, zu repetieren.

Lewin hatte sich erboten, sie abzulösen, aber die Mutter, welche einmal den Unterricht Lewins mit angehört, und bemerkt hatte, daß derselbe nicht so erteilt würde, wie der Lehrer in Moskau repetierte, so erklärte sie ihm, verlegen und sich bemühend, Lewin nicht zu verletzen, bestimmt, daß man nach dem Buche so vorgehen müsse, wie der Lehrer, und daß sie dies am liebsten wohl selbst wieder thun möchte.

Lewin ereiferte sich über Stefan Arkadjewitsch, weil dieser in seiner Sorglosigkeit sich nicht selbst mit der Überwachung des Unterrichts befaßte, sondern die Mutter, welche doch nichts davon verstand, und ferner auch über die Lehrer, weil sie die Kinder so schlecht unterrichteten; seiner Schwägerin aber gab er das Versprechen, daß er den Unterricht so geben wolle, wie sie es wünschte. Er ging daher mit Grischa nicht mehr nach seiner Methode weiter, sondern nach dem Buche, und daher mit Widerwillen und häufig die Lehrzeit vergessend.

So war es auch heute.

»Nein, ich gehe, Dolly, bleib du sitzen,« sagte er; »wir werden schon alles machen, wie es der Ordnung gemäß ist, nach dem Buche. Sobald Stefan gekommen ist, wollen wir zur Jagd gehen; wir werden uns dann schon die Zeit vertreiben.«

Lewin begab sich zu Grischa.

Das Nämliche sagte Warenka zu Kity. Warenka hatte es verstanden, sich in dem glücklichen, wohlbestellten Haus der Lewin nützlich zu machen.

»Ich will das Abendessen bestellen, Ihr aber bleibt nur sitzen,« sagte sie und erhob sich, um zu Agathe Michailowna zu gehen.

»Man hat wohl keine jungen Hühner gefunden. Denn« -- sagte Kity.

»Ich werde schon mit Agathe Michailowna überlegen« -- und Warenka verschwand mit dieser.

»Welch ein liebes Mädchen,« sagte die Fürstin.

»Nicht lieb, =Maman=, reizend, wie es keines weiter giebt.«

»So erwartet Ihr also heute Stefan Arkadjewitsch?« sprach Sergey Iwanowitsch, der augenscheinlich das Gespräch über Warenka nicht fortzusetzen wünschte. »Es dürfte schwer sein, zwei Schwager zu finden, die einander weniger ähnlich wären,« sagte er mit feinem Lächeln. »Der Eine beweglich, nur in der Gesellschaft lebend wie ein Fisch im Wasser; der Andere, unser Konstantin, lebhaft, schnell, empfänglich für alles; aber sobald er in der Gesellschaft ist, erstirbt er, oder schlägt sich sinnlos wie ein Fisch auf dem Lande.«

»Ja, er ist sehr unüberlegt,« sagte die Fürstin, sich zu Sergey Iwanowitsch wendend, »ich wollte Euch eben bitten, ihm zu sagen, daß sie,« sie wies auf Kity, »unmöglich hier bleiben kann, sondern jedenfalls nach Moskau kommen muß. Er sagt, er würde einen Arzt verschreiben« --

»=Maman=, er thut alles und ist mit allem einverstanden,« antwortete Kity, voll Verdruß über die Mutter, weil sie in dieser Angelegenheit Sergey Iwanowitsch zum Richter berief.

Mitten in ihrer Unterhaltung wurde in der Allee das Schnauben von Pferden und das Geräusch von Rädern auf dem Schotter vernehmbar.

Dolly hatte sich noch nicht erhoben, um ihrem Mann entgegenzugehen, als Lewin aus dem Fenster des Zimmers, in welchem Grischa lernte, hinabsprang und Grischa heruntersetzte.

»Es ist Stefan!« rief Lewin unter dem Balkon hinauf, »wir sind fertig Dolly; fürchte nichts!« fügte er hinzu, und begann wie ein Knabe, der Equipage entgegenzurennen.

»=Is, ea id, eius eius eius=,« schrie Grischa, auf der Allee hinspringend.

»Und noch jemand ist mit! Wahrscheinlich der Papa!« rief Lewin, am Eingang der Allee stehen bleibend. »Kity geh nicht zu der steilen Treppe herunter!«

Lewin irrte indes, wenn er den, der noch im Wagen saß, für den alten Fürsten gehalten hatte. Als er dem Wagen näher kam, erkannte er neben Stefan Arkadjewitsch nicht den Fürsten, sondern einen rot aussehenden, wohlbeleibten, jungen Mann in schottischer Mütze mit langen Bandstreifen hinten hinunter.

Dies war Wasjenka Wjeslowskij, ein Vetter im dritten Gliede von den Schtscherbazkiy, und ein in Petersburg und Moskau glänzender junger Mann, »ein ausgezeichneter Mensch und leidenschaftlicher Jäger«, wie ihn Stefan Arkadjewitsch vorstellte.

Durchaus nicht verlegen über die Enttäuschung, die er hervorrief, indem er mit seiner Person die des alten Fürsten vertrat, begrüßte Wjeslowskij Lewin heiter, an die alte Bekanntschaft erinnernd, und Grischa in den Wagen hebend, setzte er denselben an des Pointeurs Stelle, den Stefan Arkadjewitsch mitgebracht hatte, weiterfahrend.

Lewin setzte sich nicht mit in den Wagen, sondern ging hinterdrein. Er war verdrießlich, daß der alte Fürst nicht mitgekommen war, den er umsomehr liebte, je mehr er ihn kennen lernte, sowie darüber, daß dieser Wasjenka Wjeslowskij, ein vollständig fremder und überflüssiger Mensch erschienen war. Derselbe kam ihm um so fremder und überflüssiger vor, als er, indem Lewin zur Freitreppe schritt, auf welcher sich der ganze lebhafte Trupp der Erwachsenen und Kinder versammelt hatte, bemerkte, wie Wasjenka Wjeslowskij mit besonderer Zärtlichkeit und galanter Miene Kity die Hand küßte.

»Aha, wir sind ja Cousins mit Eurer Frau und alte Bekannte,« sagte Wasjenka Wjeslowskiy, die Hand Lewins wiederholt außerordentlich stark drückend.

»Nun, giebt es viel Wild hier?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an Lewin, der kaum mit der Begrüßung eines jeden fertig wurde. »Ich und der da, wir haben die ernstesten Absichten. Nun =maman=, seit dem letzten Male nicht wieder in Moskau gewesen! Tanja, für dich habe ich Etwas! Hole dir's, im Wagen, hinten,« so sprach er nach allen Seiten. »Wie du dich erholt hast, Dollchen,« sagte er zu seiner Frau, ihr nochmals die Hand küssend, indem er dieselbe in der seinen hielt und sie von oben mit der andern sanft pätschelte.

Lewin, eine Minute zuvor noch in der heitersten Stimmung gewesen, blickte jetzt finster auf alle; es gefiel ihm jetzt nichts mehr.

»Wen mag er gestern mit diesen Lippen da geküßt haben?« dachte er, die Zärtlichkeit Stefan Arkadjewitschs für seine Gattin sehend. Er schaute Dolly an, und auch sie gefiel ihm nicht. »Sie glaubt doch nicht an seine Liebe. Weshalb ist sie denn so erfreut? -- Widerlich,« dachte Lewin.

Er schaute auf die Fürstin, die einen Augenblick zuvor noch so liebenswürdig mit ihm gewesen war, und es gefiel ihm die Art und Weise nicht, mit welcher sie diesen Wasjenka mit seinen Bändern bewillkommte, als lüde sie ihn in ihr eigenes Haus.

Selbst Sergey Iwanowitsch, der gleichfalls auf die Freitreppe herausgetreten war, erschien ihm unangenehm mit jener geheuchelten Freundlichkeit, mit der er Stefan Arkadjewitsch begegnete, obwohl doch Lewin wußte, daß sein Bruder Oblonskiy weder liebte noch achtete.

Selbst Warenka -- selbst diese war ihm zuwider, dadurch, daß sie sich mit ihrem Ausdruck =sainte nitouche= mit diesem Herrn da bekannt gemacht hatte, obwohl sie doch nur daran dachte, wie sie wohl einen Mann bekommen könne. Am allerverhaßtesten aber war ihm Kity, da sie sich dem nämlichen Tone der Heiterkeit hingab, mit welchem dieser Herr, wie an einem Festtag, für sich und alle, seine Ankunft auf dem Dorfe betrachtete, und sie war ihm ganz besonders unangenehm durch das eigenartige Lächeln, mit welchem sie dem seinigen antwortete.

In geräuschvoller Unterhaltung gingen alle in das Haus; man hatte sich aber kaum niedergelassen, als Lewin sich wandte und hinausging.

Kity sah, daß in ihrem Manne etwas vor sich ging. Sie wollte eine Minute erhaschen, um mit ihm allein zu sprechen, er aber beeilte sich, vor ihr fortzukommen, indem er sagte, er müsse nach dem Comptoir.

Seit langem waren ihm die Wirtschaftsangelegenheiten nicht so wichtig erschienen, als jetzt. »Sie haben hier immer Feiertag,« dachte er, »hier aber giebt es Arbeiten, die nicht müßiger Natur sind, welche nicht warten, und ohne die man nicht existieren kann.«

7.

Lewin kehrte erst nach Hause zurück, als man ihn zum Abendessen hatte rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der Beratung über die Weine für das Abendessen.

»Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewöhnlich giebt.«

»Nein; Stefan trinkt nicht -- aber Konstantin, so warte doch, was ist denn mit dir?« rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig, ohne auf sie zu warten, mit großen Schritten nach dem Salon und mischte sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gespräch, das hier Wasjenka Wjeslowskij und Stefan Arkadjewitsch unterhielten.

»Nun, fahren wir morgen zur Jagd?« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Bitte, fahren wir,« sagte Wjeslowskij, sich seitwärts auf einen anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend.

»Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses Jahr?« sagte Lewin zu Wjeslowskij, aufmerksam dessen Fuß betrachtend, aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte, und die ihm so wenig stand. »Ob wir Wachteln finden werden, weiß ich nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur muß man zeitig fahren. Ihr seid doch nicht müde? Bist du nicht ermattet, Stefan?«

»Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!«

»In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet!« stimmte Wjeslowskij bei.

»O, wir sind davon überzeugt, daß du nicht zu schlafen vermagst, und andere nicht schlafen lassen kannst,« sagte Dolly zu ihrem Gatten mit jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets an ihn wandte. »Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit -- ich will gehen, ich werde nicht zu Abend essen.« --

»Nein, du bleibst sitzen, Dollchen,« rief Stefan Arkadjewitsch, auf ihre Seite am großen Tische hinübergehend, an welchem zu Abend gegessen wurde. »Ich habe dir noch soviel zu erzählen.«

»In Wahrheit aber nichts.«

»Weißt du, Wjeslowskij war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werst weit von euch entfernt. Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskij, komm doch hierher!«

Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity niedergelassen.

»Ach bitte erzählt uns doch, bitte, Ihr waret also bei ihr? Wie geht es ihr?« wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn.

Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in dem Gespräch mit der Fürstin und Warenka innezuhalten, daß zwischen Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskij ein lebhaftes und geheimnisvolles Gespräch geführt wurde. Obwohl das Gespräch leise geführt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzählte.

»Es geht ihnen sehr gut,« berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna.

»Ich natürlich möchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.«

»Was beabsichtigen sie denn zu thun?«

»Wie es scheint, wollen sie für den Winter nach Moskau.«

»Wie schön wäre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen könnten. Wann wirst du fahren?« frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka.

»Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.«

»Und auch du wirst doch mitfahren?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine Frau.

»Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren,« sagte Dolly. »Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schönes Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch belästigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.«

»Auch gut,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »und Kity?«

»Ich? Weshalb sollte ich hinreisen?« antwortete Kity, in mächtige Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten.

»Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt?« frug sie Wjeslowskij, »sie ist ein sehr anziehendes Weib.«

»Ja,« antwortete sie Wjeslowskij, noch tiefer errötend, erhob sich, und ging zu ihrem Manne.

»Du willst also morgen auf die Jagd fahren?« sagte sie.

Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders angesichts dieser Röte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit Wjeslowskij sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt faßte er, indem er ihre Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch erschien, wenn er späterhin hieran zurückdachte, jetzt schien es ihm klar zu sein, daß sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskij das Vergnügen machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war.

»Ja, ich werde fahren,« antwortete er mit unnatürlicher, ihm selbst abstoßend erscheinender Stimme.

»Aber Ihr verbrächtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja sonst ihren Mann gar nicht gesehen; übermorgen könntet Ihr fahren,« sagte Kity.

Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: »Trenne mich nicht von ihm. Daß du fährst, ist mir ganz gleichgültig, doch laß mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genießen.«

»Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben,« antwortete Lewin mit eigentümlicher Zuvorkommenheit.

Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lächelnden Blick verfolgend, nachgegangen.

Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht, Atem zu schöpfen. »Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu schauen,« schäumte es in ihm.

»Also morgen? Fahren wir also,« sagte Wasjenka, sich auf den Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fuß unterschlagend.

Die Eifersucht Lewins stieg noch höher. Er sah sich schon als betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen, ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergnügungen zu gewähren. Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswürdig und gastfreundlich nach seinen Jagdzügen, seinem Gewehr, den Stiefeln und war einverstanden damit, morgen zu fahren.

Zum Glück für Lewin kürzte die alte Fürstin seine Leiden dadurch, daß sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei ging es nicht ohne einen neuen Schmerz für Lewin ab. Als sich Wasjenka von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand küssen, allein Kity sagte errötend, und mit einer naiven Herbheit, wegen der ihr später die alte Fürstin Vorwürfe machte, indem sie ihm ihre Hand entzog: »Das ist bei uns nicht üblich!«

In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, daß sie solche Beziehungen überhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie so ungeschickt bewiesen hatte, daß dieselben ihr nicht gefielen.

»Was ist das für ein Vergnügen zu schlafen!« sprach Stefan Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Gläser Wein geleert hatte und in seine gemütliche und poetische Stimmung geraten war. »Sieh Kity,« sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden Mond weisend, »wie reizend! Wjeslowskij, das wäre etwas, wenn du eine Serenade singen willst. Weißt du, er hat nämlich eine großartige Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schöne Romanzen mit, zwei neue; die könnte man mit Barbara Andrejewna singen!«

* * * * *

Als sich alles schon zurückgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit Wjeslowskij noch in der Allee spazieren, und man hörte ihre Stimmen in der neuen Romanze.

Lewin saß, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnäckig auf deren Fragen, was er denn habe; doch als sie endlich selbst schüchtern lächelnd frug: »hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskij nicht gefallen?« da brach es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte, kränkte ihn, und erzürnte ihn nur so noch mehr.

Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finsterzusammengezogenen Brauen blitzenden Augen, und preßte die starken Hände auf die Brust, als biete er alle seine Kräfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck seines Gesichtes wäre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich auch der Schmerz sich darauf ausgeprägt hätte, was sie rührte. Seine Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab.

»Verstehe wohl, daß ich nicht etwa eifersüchtig bin; dies ist ein häßliches Wort! Ich kann nicht eifersüchtig sein und glauben, daß -- ich kann nicht sagen, was ich fühle, doch dies ist furchtbar! Ich bin nicht eifersüchtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, daß jemand wagt, zu denken -- wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken!« -- --

»Aber mit was für Augen?« sagte Kity, sich bemühend, so gewissenhaft als möglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend, sowie alle Schattierungen derselben ins Gedächtnis zurückzurufen.

Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, daß in jener Minute, als er ihr nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst einzugestehen, und entschloß sich daher um so weniger, es ihm zu sagen und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrößern.

»Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin« --

»Ach!« rief er, sich an den Kopf greifend; »hättest du nicht so gesprochen -- das heißt also, wenn du anziehend gewesen wärest« --

»Mein Konstantin, halt ein, höre doch!« -- sprach sie, ihn mit leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. »Was denkst du nur? Wo es für mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, daß ich niemand hier sehen soll?«

In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend für sie gewesen; es war ihr verdrießlich gewesen, daß ihr auch die kleinste Zerstreuung, selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber hätte sie sich gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem für seine Ruhe geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt.

»Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,« fuhr er in verzweifeltem Flüsterton fort, »daß er in meinem Hause ist, daß er nichts Unanständiges begangen hat, abgesehen von jener Ungezwungenheit und dem Übereinanderschlagen seiner Füße. Er hält dies für den besten Ton, und demzufolge muß ich noch mit ihm liebenswürdig sein!«

»Aber, liebster Konstantin, du übertreibst ja,« sagte Kity, in der Tiefe ihres Herzens erfreut über die Kraft seiner Liebe zu ihr, die sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrückte.

»Am Entsetzlichsten von allem ist, daß du -- jetzt so wie du es stets gewesen, ein Heiligtum für mich -- daß wir so glücklich gewesen sind, so selten glücklich -- und plötzlich konnte dieser Wicht -- nicht Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? -- Ich habe mit ihm nichts zu schaffen! Aber weshalb soll mein Glück, dein Glück« -- --

»Weißt du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist,« begann Kity.

»Woher? Woher?«

»Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.«

»Nun ja, nun ja!« sagte Lewin erschreckt.

Sie erzählte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzählte, kam sie vor Erregung außer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich plötzlich an den Kopf.

»Katja, ich habe dich gemartert! Mein Täubchen, verzeihe mir! Dieser Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche Thorheit sich quälen!«

»Nein, du nur thust mir leid.«

»Ich? Ich? Was für ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid? Es ist mir entsetzlich zu denken, daß jeder fremde Mensch unser Glück zerstören kann.«

»Natürlich! das ist eben das Kränkende« --

»Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten und mich in Liebenswürdigkeiten gegen ihn überbieten,« sprach Lewin, ihr die Hand küssend. »Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen wollen wir fahren.«

8.

Am andern Tage hatten sich die Damen noch nicht erhoben, als die Jagdwagen schon vor der Einfahrt standen und Laska, der bereits am Morgen gemerkt hatte, daß es zur Jagd gehe, sich heulend und nachdem er sich satt getummelt hatte, in den einen der Wagen neben dem Kutscher setzte, welcher ärgerlich und mißlaunig über die Verspätung nach der Thür blickte, aus welcher die Jäger noch immer nicht herauskommen wollten.

Zuerst erschien Wasjenka Wjeslowskij, in großen neuen Jagdstiefeln, welche bis zur Hälfte der dicken Schenkel gingen; in grüner Bluse, mit einer neuen, nach Juchten duftenden Patronentasche gegürtet und in seiner Bändermütze und dem neuen englischen Gewehr. Laska sprang ihm entgegen, begrüßte ihn, sprang an ihm empor und frug ihn auf seine Weise, ob bald noch die anderen herauskommen würden, kehrte aber dann, da er keine Antwort von ihm erhielt, auf seinen Warteposten zurück, um hier wieder still zu werden, den Kopf auf die Seite gewendet und das eine Ohr spitzend.

Endlich öffnete sich kreischend die Thür, und heraus flog, sich wirbelnd und in der Luft drehend, Krak, der hellgescheckte Pointeur Stefan Arkadjewitschs, worauf dieser selbst heraustrat, die Flinte in den Händen und die Cigarre im Munde. Freundlich rief er seinem Hunde zu, der ihm die Pfoten auf Leib und Brust setzte und sich mit denselben in der Jagdtasche verwickelte.

Stefan Arkadjewitsch war mit ledernen Schnürstücken mit untergelegten Strumpflappen an den Füßen, einem zerrissenen Beinkleid und einem kurzen Rock bekleidet. Auf dem Kopfe saß die Ruine eines Hutes, das Gewehr aber, nach modernstem System, war ein wahres Spielzeug und die Jagdtasche und Patrontasche, obwohl abgetragen, von vorzüglicher Qualität.

Wasjenka Wjeslowskij hatte früher diese echte Jägerkoketterie nicht begriffen, in Lumpen zu gehen, und dabei ein Jagdgerät von vorzüglichster Güte zu führen. Er begriff sie aber jetzt, als er Stefan Arkadjewitsch mit diesen Lumpen, in all seiner eleganten, wohlgenährten und behaglich gestimmten Herrenerscheinung erblickte, und faßte den Entschluß, sich bei der nächsten Jagd unfehlbar ebenso zu equipieren.

»Nun, und was macht unser Wirt?« frug er.

»Ein junges Weib,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.

»Und noch dazu ein reizendes.«

»Er war bereits angekleidet, aber wahrscheinlich ist er nochmals zu ihr gelaufen.«

Stefan Arkadjewitsch hatte es erraten. Lewin war mehrmals zu seiner Gattin geeilt, um sie noch einmal zu fragen, ob sie ihm seine gestrige Dummheit vergeben habe, und dann, um sie zu bitten, doch um Christi willen vorsichtiger zu sein. Hauptsächlich -- sich vor den Kindern ferner zu halten -- sie konnten sie leicht einmal stoßen. Dann mußte er von ihr nochmals die Versicherung erhalten, daß sie ihm nicht gram sei darüber, daß er auf zwei Tage fortfuhr, und sie bitten, ihm unbedingt morgen früh, mit dem ersten Zug, ein Billet zu schicken, und ihm wenigstens zwei Worte zu schreiben, damit er nur wußte, daß sie sich wohl befinde.

Kity war es wie stets schmerzlich, sich auf zwei Tage von ihrem Gatten trennen zu sollen; allein als sie seine lebhafte Erscheinung, die besonders groß und kraftvoll in den Jagdstiefeln und der weißen Bluse erschien, und einen gewissen, ihr unverständlichen Schimmer der Jagdfreude wahrgenommen hatte, vergaß sie, um ihm seine Freude zu lassen, ihren Schmerz, und verabschiedete sich heiter von ihm.

»Entschuldigung, meine Herren!« sagte er, auf die Freitreppe herauskommend. »Hat man das Frühstück eingepackt? Warum ist der Fuchs rechts gespannt? Nun gleichviel! Laska -- leg' dich! -- Laß sie in die ledige Herde,« wandte er sich an den Viehwärter, der an der Treppe mit einer Frage über die Wallachen wartete.

Lewin sprang vom Wagen, auf dem er sich schon setzen wollte, zu einem Zimmermann hin, der mit einem Ellenmaß zur Treppe gekommen war.

»Gestern ist er nicht ins Comptoir gekommen und heute hält er mich nun ab. Was ist denn?«

»Wir müssen noch drei Stufen hinzunehmen; dann paßt es; sie wird dann bequemer liegen.«