Part 15
Kity war herzlich froh über die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal Auge in Auge allein sein zu können, da sie bemerkt hatte, wie ein Schatten der Verstimmung über sein Alles so lebhaft ausdrückendes Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete.
Als sie zu Fuß den anderen vorausgingen und außer Sehweite des Hauses den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornähren und Körnern überstreuten Weg hinausschritten, stützte sie sich fester auf seinen Arm und preßte denselben an sich.
Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen, und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verließ, jene ihm noch neue, freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nähe des geliebten Weibes.
Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu hören, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft verändert hatte. In ihrer Stimme wie in ihrem Blicke war eine Weichheit, ein Ernst, ähnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein pflegt, die beständig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert sind.
»Du wirst doch nicht müde werden? Stütze dich fester,« sagte er.
»Nein, ich bin so froh über die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu sein, und gestehe dir, daß mir, so wohl mir auch in ihrer Gesellschaft ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.«
»Es war schön, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,« sagte er, ihren Arm drückend.
»Du weißt, wovon wir sprachen, als du eintratest?«
»Von dem Eingemachten?«
»Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen Heiratsantrag macht.«
»Ah,« sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hörend, als die Worte die sie sprach, und fortwährend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt im Walde hinführte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht sicher hätte betreten können.
»Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast wohl bemerkt? -- Ich wünschte es sehr,« fuhr sie fort, »wie denkst du darüber?« Sie blickte ihm ins Gesicht.
»Ich weiß nicht, was man da denken muß,« antwortete Lewin und lächelte. »Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir wohl erzählt« --
»Daß er jenes Mädchen, welches gestorben ist, geliebt hatte« --
»Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus der Überlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit den Frauen; er ist liebenswürdig, manche gefallen ihm auch, aber man fühlt, daß sie für ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.«
»Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, daß doch etwas« --
»Kann sein, daß dem so ist -- doch muß man ihn eben erst kennen lernen; er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem Gemüt.«
»Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhältnis erniedrigen?«
»Nein; aber er ist so daran gewöhnt, ein einsames Geistesleben zu führen, daß er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.«
Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne sich zu bemühen, dieselben dabei in präcise Worte zu kleiden, er wußte, daß sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der Andeutung verstehen würde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn auch.
»Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich verstehe; daß er mich wohl niemals hätte liebgewinnen können; sie hingegen ist ganz Gemüt.«
»O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die Meinigen dich lieb haben.«
»Ja; er ist gut gegen mich, aber« --
»-- nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander liebgewonnen,« vollendete Lewin. »Weshalb sollte ich das nicht sagen?« fügte er hinzu, »ich mache mir manchmal Vorwürfe, und das hört erst damit auf, daß man vergißt. O, welch ein furchterweckender, und doch reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir?« sagte Lewin, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.
»Du denkst, daß er nicht zu lieben vermag,« sagte Kity, in ihre Sprache übersetzend.
»Nicht, daß er nicht lieben könnte,« antwortete Lewin lächelnd, »aber er besitzt nicht die Schwäche, die dazu nötig ist -- ich habe ihn stets beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glücklich bin, beneide ich ihn noch darum.«
»Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?«
»Ich beneide ihn darum, daß er besser ist, als ich,« antwortete Lewin lächelnd. »Er lebt nicht für sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.«
»Und du?« frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lächeln.
Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrücken, der sie lächeln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, daß ihr Gatte, von seinem Bruder entzückt, und sich vor demselben herabsetzend, nicht mehr aufrichtig blieb.
Kity wußte, daß diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder herrührte, von dem Gefühl seiner Besorgtheit darüber, daß er allzu glücklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verließ, besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lächelte daher.
»Und du? Womit bist du unzufrieden?« frug sie mit dem nämlichen Lächeln.
Ihr Mißtrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenüber, erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen ihres Mißtrauens mitzuteilen.
»Ich bin glücklich, aber mit mir nicht zufrieden,« sprach er.
»So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glücklich bist?«
»Wie soll ich sagen. Ich wünsche in meinem Herzen nichts, als daß du nicht strauchelst; so darf man natürlich nicht springen!« brach er das Gespräch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung gemacht hatte, indem sie über einen auf dem Fußwege liegenden Ast weggestiegen war, »wenn ich über mich Betrachtungen anstelle und mich mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fühle ich, daß ich ein Nichts bin.«
»Aber inwiefern denn?« fuhr Kity noch mit dem nämlichen Lächeln fort, »wirkst du etwa nicht auch für andere? Und deine Meiereien, deine Ökonomie, dein Buch?«
»Nein; ich fühle es namentlich jetzt -- und du bist schuld daran,« sagte er, ihr den Arm pressend, »daß dem eben nicht so ist. Ich arbeite nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben könnte, wie ich dich liebe -- aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie nach einer mir aufgegebenen Lektion.«
»Und was würdest du da über Papa sagen,« frug Kity; »er ist jedenfalls auch nichts wert, weil er nichts für das Allgemeine gewirkt hat.«
»Er? Nein. Aber man muß jene Natürlichkeit, Klarheit, Güte besitzen, wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich quäle mich nur, und alles das hast du mir zugefügt! Wärest du nicht gewesen, so wäre auch das da noch nicht,« sagte er, mit einem Blick auf ihren Körper, den sie verstand, »so würde ich alle meine Kräfte auf die Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darüber ist mir das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt, ich heuchle« --
»Nun, dann würdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch ausgewechselt wünschen,« sagte Kity. »Würdest wünschen, jene gemeinnützige Thätigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben zu können, wie er sie liebt, und weiter nichts?«
»Natürlich nicht,« antwortete Lewin. »Im übrigen bin ich ja so glücklich, daß ich nichts weiter begreife. Du denkst also, daß er ihr heute schon seinen Antrag machen wird?« fügte er nach einer Pause hinzu.
»Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wünsche ich es aufs Sehnlichste. Da, halt« -- sie beugte sich nieder und pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. »Nun zähle: Entweder erklärt er sich heute, oder er erklärt sich nicht,« sprach sie und reichte ihm die Blume.
»Er thut es, er thut es nicht,« sagte Lewin, die weißen, schmalen langen Blätter abreißend.
»Nein, nein!« hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. »Du hast zwei abgerissen!«
»Nun, dafür kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,« antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blättchen abpflückend, »doch da hat uns der Wagen erreicht.«
»Bist du nicht ermüdet Kity!« rief die Fürstin.
»Nicht im geringsten!«
»So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt Schritt.«
Doch in den Wagen zu steigen, hätte keinen Zweck mehr gehabt; man war schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fuß weiter.
4.
Warenka mit ihrem weißen Tuch auf dem schwarzen Haar, von den Kindern umringt, und gutherzig und heiter mit ihnen beschäftigt, erschien, augenscheinlich aufgeregt durch die Möglichkeit einer Erklärung mit dem Manne, welcher ihr gefallen hatte, sehr anziehend.
Sergey Iwanowitsch schritt neben ihr hin und ließ nicht nach, ihr Aufmerksamkeiten zu erweisen. Sie anblickend, rief er sich alle die freundlichen Worte ins Gedächtnis zurück, die er von ihr vernommen hatte, alles, was er von ihr Gutes wußte, und erkannte dabei immer mehr und mehr, daß das Gefühl, welches er für sie empfand, ein gewisses besonderes war, das er schon lange vorher nur einmal gehegt hatte in seiner ersten Jugend. Das Gefühl der Freude über ihre Nähe wurde immer stärker, und ging so weit, daß er, als er ihr einen von ihm gefundenen Birkenschwamm auf dünnem Stengel in ihren Korb gab, und die Röte der freudigen und zugleich ängstlichen Aufregung gewahrte, die ihr Gesicht überdeckte, selbst in Verwirrung geriet, und ihr schweigend zulächelte, in einer Weise, die nur zu sprechend war.
»Wenn dem so ist,« sagte er zu sich, »muß ich erwägen und mich entscheiden, aber mich nicht wie ein Knabe der Verleitung des Augenblickes hingeben. Ich werde jetzt abgesondert von allen, Pilze suchen gehen, da sonst meine Ausbeute nicht bemerkenswert ausfallen wird,« sprach er und ging allein vom Rande des Waldes, an welchem sie auf dem seidenartigen, niedrigen Grase zwischen vereinzelten alten Birken hingeschritten waren, nach der Mitte des Waldes zu, wo zwischen den weißen Birkenstämmen graue Eschen und dunkle Nußbüsche schimmerten. Nachdem er vierzig Schritt abseits gegangen war und einen in voller Blüte rosenrot prangenden Busch erreicht hatte, blieb Sergey Iwanowitsch stehen, da er wußte, daß man ihn nicht mehr sehen könne.
Rings um ihn herrschte vollkommene Stille. Nur im Wipfel der Birken, unter welchen er stand, summten gleich einem Bienenschwarm, ohne zu verstummen, die Fliegen, und vereinzelt klangen auch die Stimmen der Kinder bis zu ihm. Plötzlich, unweit des Waldrandes, erklang die Altstimme Warenkas, die Grischa rief, und ein freudiges Lächeln trat auf die Züge Sergey Iwanowitschs. Seines Lächelns inne werdend, schüttelte er mißbilligend den Kopf über seinen Zustand, holte das Cigarrenetuis hervor und begann zu rauchen. Lange gelang es ihm nicht, das Zündholz an einem Fichtenstamm in Brand zu setzen. Eine feine Schicht der weißen Rinde haftete auf dem Phosphor und das Feuer erlosch. Endlich brannte eines der Zündhölzer und der duftige Rauch der Cigarre verbreitete sich wie ein hin und her wallendes, breites Tischtuch scharfbegrenzt vor- und rückwärts über dem Busch unter den herniederhängenden Zweigen der Birke. Mit den Augen den Streifen des Rauches folgend, ging Sergey Iwanowitsch leisen Schrittes weiter, über seine seelische Verfassung nachdenkend.
»Warum sollte ich nicht?« dachte er. »Wäre es ein Strohfeuer oder ein leidenschaftlicher Rausch, fühlte ich nur diese Neigung, diese wechselseitige Neigung -- ich kann sagen >wechselseitige< -- und fühlte ich dabei, daß sie im Widerspruch mit meiner ganzen Art zu leben -- fühlte ich, daß ich in der Hingabe an diese Neigung meinen Beruf, meine Pflicht verletzte, -- aber dies ist nicht der Fall! Das Einzige, was ich dagegen sagen kann, ist dies, daß ich, als ich Maria verlor, mir sagte, ich wollte ihrem Angedenken getreu bleiben. Dies Eine nur kann ich gegen mein Gefühl einwenden; >und das ist wichtig,<« sagte Sergey Iwanowitsch zu sich, zugleich dabei empfindend, daß dieser Gedanke für ihn persönlich keine Bedeutung weiter habe, als die, daß er etwa in den Augen anderer Leute seine poetische Rolle verdarb. »Abgesehen hiervon, werde ich, soviel ich auch suchen mag, nichts finden, was ich gegen meine Empfindung einzuwenden hätte. Hätte ich allein mit meinem Verstande gewählt, ich könnte nichts Besseres finden.«
So viele Frauen und Mädchen aus seiner Bekanntschaft er sich auch vergegenwärtigen mochte, er konnte sich keiner Jungfrau erinnern, die bis zu solchem Grade alle, gerade alle diejenigen Eigenschaften in sich vereinigte, welche er bei kühler Beurteilung einmal in seinem Weibe zu sehen gewünscht hätte.
Sie besaß den ganzen Reiz und die Frische der Jugend, war aber kein Kind mehr, und wenn sie ihn liebte, liebte sie ihn mit Bewußtsein, so wie ein Weib lieben muß. Dies war das Eine.
Ein Zweites lag darin, daß sie nicht nur der Weltlichkeit fern stand, sondern offenbar einen Ekel vor der Welt empfand, sie zugleich aber doch kannte, und alle die Manieren der Frau aus der guten Gesellschaft besaß, ohne welche für Sergey Iwanowitsch eine Lebensgefährtin undenkbar war.
Ein Drittes bestand darin, daß sie religiös war; doch nicht wie ein Kind, religiös, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und gut wie beispielsweise Kity; sondern ihr Leben war auf religiösen Überzeugungen begründet. Selbst bis auf Kleinigkeiten fand Sergey Iwanowitsch in ihr alles, was er von einer Frau wünschte; sie war arm und stand allein; so daß sie keinen Haufen von Verwandten und deren Einfluß mit in das Haus des Mannes schleppte, so, wie er das bei Kity sah; sie mußte vielmehr ihrem Gatten in allem verpflichtet sein, was er auch immer für sein künftiges Familienleben gewünscht hätte.
Und dieses Mädchen nun, welches alle jene Eigenschaften in sich vereinte, liebte ihn. Er war bescheiden, mußte dies aber doch wahrnehmen -- und liebte sie wieder. -- Den einzigen Gegengrund bildeten seine Jahre. Doch seine Konstitution war dauerhaft, er hatte noch kein einziges graues Haar, niemand maß ihm vierzig Jahre bei und er entsann sich, daß Warenka gesagt hatte, nur in Rußland hielten sich die Leute von fünfzig Jahren für Greise, während sich in Frankreich der fünfzigjährige Mann »=dans la force de l'âge=« erachte, ja, der vierzigjährige als »=un jeune homme=«.
Aber was bedeutete die Altersrechnung, da er sich jung an Geist fühlte, so wie er es vor zwanzig Jahren gewesen? War denn nicht Jugend das Gefühl, welches er jetzt empfand, da er, auf der anderen Seite wieder zu dem Rande des Waldes hinaustretend, im hellen Glanz der schrägen Sonnenstrahlen die graziöse Gestalt Warenkas im gelben Kleid und mit dem Körbchen, leichten Schrittes an dem Stamm einer alten Birke vorüberschreitend erblickte, und der Eindruck dieser Erscheinung Warenkas in Eins zusammenfloß mit dem ihn durch seine Schönheit frappierenden Anblick des von den schrägen Lichtstrahlen übergossenen, gelbschimmernden Haferfeldes und des alten fernen Waldes hinter dem Felde, der, mit Gelb ins Bunte spielend, in blauer Ferne verschwamm?
Sein Herz zog sich zusammen vor Lust, ein Gefühl des Friedens überkam ihn, und er empfand, daß er einen Entschluß gefaßt hatte.
Warenka, welche sich soeben niedergelassen hatte, um einen Pilz aufzunehmen, erhob sich mit schneller Bewegung und schaute sich um. Die Cigarre wegwerfend, begab sich Sergey Iwanowitsch mit schnellen Schritten auf sie zu.
5.
»Barbara Andrejewna, als ich noch sehr jung war, hatte ich mir ein Ideal vom Weib gebildet, wie ich es einmal lieben wollte und welches mein Weib nennen zu können, ich glücklich sein würde. Ich habe nun ein langes Leben gelebt und begegne jetzt zum erstenmal dem, was ich suche, in Euch. Ich liebe Euch und trage Euch meine Hand an.« --
Sergey Iwanowitsch hatte dies zu sich selbst gesagt, während er noch zehn Schritte von Warenka entfernt war. Auf den Knieen liegend, und mit den Händen einen Pilz vor Grischa schützend, rief sie die kleine Mascha.
»Hierher, hierher; ihr Kleinen! Hier sind viel!« rief sie mit ihrer milden Bruststimme.
Als sie den Sergey Iwanowitsch herankommen sah, erhob sie sich nicht, veränderte auch ihre Stellung nicht; alles aber sagte ihm, daß sie sein Kommen fühle und sich dessen freue.
»Habt Ihr denn etwas gefunden?« frug sie unter ihrem weißen Tuch hervor, ihm das schöne, ruhig lächelnde Antlitz zukehrend.
»Nicht einen einzigen,« sagte Sergey Iwanowitsch, »und Ihr?«
Sie antwortete ihm nicht, mit den Kindern beschäftigt, die sie umringten.
»Noch diesen, neben dem Zweige da,« wies sie der kleinen Mascha einen kleinen eßbaren Erdschwamm, dessen elastischer roter Hut quer von einem trockenen Grase durchschnitten war, unter dem er sich hervorgemacht hatte.
Warenka erhob sich, als Mascha den Pilz, den sie in zwei Hälften zerbrochen hatte, aufgenommen hatte.
»Dies ruft mir meine eigene Kindheit ins Gedächtnis,« fügte sie hinzu, an der Seite Sergey Iwanowitschs von den Kindern hinwegschreitend.
Sie gingen schweigend einige Schritte. Warenka sah, daß er sprechen wollte; sie vermutete auch, was, und erstarrte fast in freudiger Erregung und Angst. Beide waren so weit hinweg geschritten, daß sie niemand mehr vernehmen konnte, aber noch begann er nicht zu sprechen. Für Warenka wäre es besser gewesen, zu schweigen. Nach einigem Stillschweigen war es leichter, das zu sagen, was sie sagen wollte, als nach den Worten über die Pilze, aber gegen ihren Willen, gleichsam wider Erwarten, sprach sie:
»So habt Ihr also nichts gefunden? Inmitten des Waldes giebt es allerdings stets weniger.«
Sergey Iwanowitsch seufzte und erwiderte nichts. Es war ihm verdrießlich, daß sie wieder von den Pilzen anfing. Hatte er sie doch auf ihre ersten Worte, die sie über ihre Kindheit gesagt hatte, führen wollen. Gleichsam wider seinen Willen, äußerte er nun, nachdem er einige Zeit geschwiegen, eine Bemerkung zu ihren letzten Worten.
»Ich habe nur gehört, daß die weißen vorzugsweise am Rande stehen, obwohl ich den weißen nicht zu unterscheiden verstehe.«
Wieder vergingen einige Minuten; sie gingen noch weiter von den Kindern hinweg und waren jetzt vollständig allein. Das Herz Warenkas pochte so stark, daß sie seine Schläge vernahm, und empfand, daß sie errötete, blaß wurde und wieder errötete.
Die Frau eines Mannes wie Koznyscheff zu sein, nach ihrer Stellung bei Madame Stahl, erschien ihr als Gipfel des Glücks. Dann aber war sie auch fest überzeugt, daß sie ihn liebe; und dies sollte nun bald entschieden werden. Ihr war furchtbar zu Mut; furchtbar, daß er sprechen würde, furchtbar, daß er nicht sprach.
Jetzt oder nie mußte man sich erklären; und dies empfand auch Sergey Iwanowitsch. Alles, im Blick, in der Röte ihres Gesichts, in den niedergeschlagenen Augen Warenkas, zeigte ihm ihre schmerzliche Erwartung. Sergey Iwanowitsch sah es und empfand Mitleid mit ihr. Er fühlte sogar, daß es sie bedeutend verletzt haben würde, wenn er jetzt nicht sprach. Er wiederholte nun schnell im Geiste die Gründe, die für seinen Entschluß sprachen, er wiederholte die Worte, mit welchen er seinen Antrag ausdrücken wollte; anstatt dieser Worte aber frug er infolge einer ihn unerwartet überkommenden Idee plötzlich:
»Welcher Unterschied ist denn zwischen einem weißen Pilz und einem Birkenschwamm?«
Die Lippen Warenkas bebten vor Erregung, als sie antwortete: »In den Köpfen ist fast gar kein Unterschied, nur im Stengel.«
Und kaum waren diese Worte gesagt, so hatte er wie sie erkannt, daß alles vorüber war; daß das, was hätte gesagt werden müssen, nun nicht gesagt werden würde, und die gemeinsame Erregung, die auf den höchsten Grad gestiegen war, begann sich zu legen.
»Der Birkenpilz -- sein Stengel -- erinnert an einen seit zwei Tagen nicht rasierten Bart eines Brünetten,« sagte Sergey Iwanowitsch, schon ruhig geworden.
»Ja, es ist wahr,« antwortete Warenka lächelnd; unwillkürlich hatte sich die Richtung ihrer Promenade verändert. Sie begannen sich den Kindern wieder zu nähern. Warenka war es schmerzlich zu Mute, und sie empfand Scham, zugleich aber auch verspürte sie ein Gefühl der Erleichterung.
Als Sergey Iwanowitsch heimgekehrt war und alle seine Beweisgründe wiederum durchmusterte, fand er, daß er falsch spekuliert hatte. Er konnte an dem Gedächtnis Marias nicht Verrat üben.
»Stiller, Kinder, seid stiller!« rief Lewin fast zornig den Kindern zu, vor seinem Weibe stehend, um es zu schützen, als der Haufe der Kinder mit Freudengeschrei ihnen entgegenflog.
Nach den Kindern war auch Sergey Iwanowitsch mit Warenka aus dem Walde gekommen. Kity brauchte Warenka nicht zu fragen; an dem ruhigen und etwas kühlen Ausdruck auf beider Gesichtern erkannte sie, daß sich ihre Pläne nicht verwirklicht hatten.
»Nun, wie steht es?« frug ihr Gatte sie, als sie wieder nach Hause zurückgekehrt waren.
»Er nimmt sie nicht,« sagte Kity, in Lächeln und Sprachweise an den Vater gemahnend, was Lewin häufig mit Vergnügen an ihr wahrnahm.
»Warum sollte er nicht?« --
»So steht es,« sprach sie, die Hand des Gatten ergreifend, sie an ihren Mund führend und mit geschlossenen Lippen berührend; »so wie man die Hand des Priesters küßt.«
»Wer aber mag denn wohl nicht?« sagte er lachend.
»Beide. -- Sie müßten so hier« --
»Es kommen Bauern vorüber« --
»Sie haben nichts gesehen.« --
6.
Während die Kinder den Thee erhielten, saßen die Erwachsenen auf dem Balkon und unterhielten sich, als sei nichts vorgefallen, obwohl doch alle und insbesondere Sergey Iwanowitsch und Warenka, recht gut wußten, daß sich ein wenn auch negativer, so doch sehr wichtiger Umstand ereignet hatte.
Sie empfanden beide das nämliche Gefühl, ähnlich dem, welches wohl ein Schüler haben mag, der nach einem mißglückten Examen in der alten Klasse zurückgeblieben, oder für immer aus der Anstalt ausgewiesen worden ist. Alle Anwesenden, gleichfalls empfindend, daß etwas geschehen sei, sprachen lebhaft von Nebendingen.
Lewin und Kity fühlten sich besonders glücklich und liebeerfüllt an diesem Abend. Daß sie glücklich waren in ihrer Liebe, das schloß freilich einen unangenehmen Wink für diejenigen in sich, welche es ebenfalls sein wollten und nicht konnten -- und hieraus machten sie sich ein Gewissen.
»Denkt an mein Wort, =Alexandre= wird nicht kommen,« sagte die alte Fürstin.
Am heutigen Abend erwartete man Stefan Arkadjewitsch von der Bahn, und auch der alte Fürst hatte geschrieben, daß er vielleicht gleichfalls kommen werde.
»Ich weiß, woher es kommt,« fuhr die Fürstin fort, »er sagt, man müsse junge Leute in der ersten Zeit allein lassen.«
»So hat Papa auch uns gelassen. Wir haben ihn noch nicht wiedergesehen,« sagte Kity, »und was wären wir denn für junge Eheleute? Wir sind doch schon so alt!«
»Nun, wenn er nicht kommt, muß ich euch verlassen, Kinder,« sprach die Fürstin, bekümmert seufzend.
»Was ist dir, Mama?« fielen ihr beide Töchter ins Wort. »Bedenke doch, sein Befinden -- wir sind doch jetzt« --
-- Die Stimme der alten Fürstin begann plötzlich und unverhofft zu schwanken. Die Töchter verstummten und blickten sich gegenseitig an. »=Maman= findet stets eine rührende Seite für sich,« sagten sie mit diesem Blick. Sie wußten nicht, daß, so wohl sich auch die Fürstin bei ihrer Tochter befand, so notwendig sie sich für diese auch hier fühlte, es ihr gleichwohl qualvoll traurig zu Mute war, ihr, wie ihrem Gatten, seit der Zeit, seit welcher sie ihre letzte geliebte Tochter verheiratet hatten, und das elterliche Heim verödet war.
»Was ist Euch, Agathe Michailowna?« frug Kity plötzlich die mit geheimnisvoller Miene und bedeutungsvollem Gesicht stehen gebliebene Agathe Michailowna.
»Die Bestimmung für das Abendessen.«
»Schön so,« sagte Dolly, »gehe du, um deine Verfügungen zu treffen, ich will mit Grischa dessen Lektion wiederholen; er hat ohnehin heute noch nichts gethan.«