Part 13
Sie gab das kleine Mädchen der Amme zurück, entließ diese, und öffnete ein Medaillon, in welchem ein Porträt Sergeys war, ihn darstellend, als er noch fast das nämliche Alter hatte, wie das kleine Mädchen jetzt. Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen, und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus, nur eine einzige, die letzte und beste, war noch übrig. In weißem Hemd saß er darauf auf einem Stuhle, machte böse Augen und lächelte mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentümlicher Ausdruck, der ihm am besten stand. Mit den kleinen, flinken Händen, die sich jetzt besonders angespannt mit ihren weißen, schmalen Fingern bewegten, hatte sie mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand -- es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut und langen Haaren darstellte -- und stieß damit das Bild ihres Sohnes heraus.
»Das ist ja er!« sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich plötzlich vergegenwärtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei. Sie hatte noch nicht ein einziges Mal während dieses ganzen Morgens an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses männliche, edle, ihr so vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie plötzlich eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. »Aber wo bleibt er denn? Läßt er mich allein mit meinem Leiden?« dachte sie mit einem Gefühl des Vorwurfs, und vergaß dabei, daß sie selbst vor ihm doch alles verborgen hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte vergegenwärtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte seiner Liebe, mit welchen er sie trösten würde, erwartete sie ihn. Der Bote kam mit dem Bescheid zurück, der Herr habe Besuch, würde aber sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn zusammen mit dem Fürsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei, empfangen könne.
»Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag nicht gesehen,« dachte sie, »er kommt nicht allein, daß ich ihm alles sagen kann, sondern mit Jaschwin.« Und plötzlich tauchte ein seltsamer Gedanke in ihr auf. »Wie wenn er aufgehört hätte, sie zu lieben?«
Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr, als ob sie in allem eine Bestätigung dieses entsetzlichen Gedankens sehe; schon darin, daß er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist hatte, daß er darauf bestanden hatte, sie möchten in Petersburg getrennt logieren, wie darin, daß er jetzt nicht einmal allein zu ihr kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem Wege gehen wollte.
»Aber er muß mir dies sagen. Ich muß es wissen; und so bald ich es weiß, dann weiß ich auch, was ich zu thun habe,« sagte sie zu sich, ohne Fähigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen würde, wenn sie sich von seiner Gleichgültigkeit überzeugte. Sie glaubte, er habe aufgehört, sie zu lieben, sie fühlte sich der Verzweiflung nahe, und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschäftigte sie sich mehr als während der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem lieben müsse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser standen, trug.
Sie hörte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu wenden.
»Wir sind ja Bekannte,« sagte sie, ihre kleine Hand in die große Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war -- was sich bei dem riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug ausnahm. -- »Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen. Gebt doch her,« sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll mit den blitzenden Augen anschauend. »Waren im gegenwärtigen Jahre die Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso in Rom gesehen. Ihr liebt übrigens wohl nicht das Leben im Ausland?« frug sie mit freundlichem Lächeln. »Ich kenne Euch, und kenne alle Eure Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.«
»Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter werden,« sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beißend.
Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, daß Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange in Petersburg bleiben werden und griff, seine mächtige Gestalt einknickend, ans Käppi.
»Wahrscheinlich nicht mehr lange,« sagte sie voll Verwirrung, auf Wronskiy blickend.
»So sehen wir uns also nicht wieder?« antwortete Jaschwin, aufstehend und sich an Wronskiy wendend, »wo speisest du?«
»Kommt, mit mir zu dinieren,« sagte Anna entschlossenen Tones, gleichsam erzürnt über sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber errötend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr nicht vertrauten Persönlichkeit ihre Meinung äußerte. »Das Essen ist hier nicht gut, aber Ihr könnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.«
»Sehr erfreut,« sagte Jaschwin mit einem Lächeln, aus dem Wronskiy ersah, daß ihm Anna sehr gefiel.
Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurück.
»Du gehst auch?« sagte sie.
»Ich habe mich schon verspätet,« antwortete er, »geh! Ich komme dir sogleich nach!« rief er Jaschwin nach.
Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden, an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn zurückzuhalten.
»Warte, ich habe dir etwas zu sagen,« seine kleine Hand nehmend, preßte sie dieselbe an ihren Hals, »nicht wahr, es thut nichts, daß ich ihn zum Essen geladen habe?«
»Das hast du ganz recht gemacht,« sagte er, mit ruhigem Lächeln seine engstehenden Zähne zeigend und ihre Hand küssend.
»Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich?« sprach sie, mit beiden Händen seine Rechte drückend. »Aleksey, ich quäle mich hier ab, wann reisen wir?«
»Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier schwer ist,« sagte er, seine Hand ausstreckend.
»Nun so geh, geh,« sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg.
32.
Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen sei sie weggefahren.
Daß sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß sie noch an diesem Morgen ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen -- alles das, zusammen mit dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute früh und mit der Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Händen entrissen hatte, stimmte ihn nachdenklich.
Er schloß, daß es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein zurück, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die Fürstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute früh angekommen und mit welcher Anna Einkäufe zu machen ausgefahren war.
Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Züge Wronskiys nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen gekauft habe. Er sah, daß in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorübergleiten hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren Bewegungen jene nervöse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und erschreckte.
Das Diner wurde für Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem Auftrag für Anna von der Fürstin Betsy ankam. Die Fürstin Betsy bat um Entschuldigung, daß sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen. Sie fühle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung, welche bewies, daß Maßregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken.
»Sehr schade, daß ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht kann,« sagte sie mit leisem Lächeln.
»Die Fürstin wird das sehr bedauern.«
»Auch ich.«
»Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hören?« sagte Tuschkjewitsch.
»Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich würde hinfahren, wenn es möglich wäre, eine Loge zu erhalten.«
»Ich kann sie erhalten,« brüstete sich Tuschkjewitsch.
»Ach, da würde ich Euch recht sehr dankbar sein,« antwortete Anna, »aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?«
Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht, was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Fürstin mit, weshalb veranlaßte sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, daß sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte, ihr bekannte Welt zugegen sein würde? Mit ernstem Blick schaute er sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, während Jaschwin ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette mit Samt geworfen, die für sie in Paris gefertigt worden war, mit offener Brust und kostbaren weißen Spitzen auf dem Kopfe, die ihr Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schönheit besonders vorteilhaft hervorhob.
»Ihr fahrt bestimmt zum Theater?« sagte er, sie geflissentlich nicht ansehend.
»Weshalb fragt Ihr so voll Furcht?« antwortete sie, aufs neue verletzt davon, daß er sie nicht anblickte, »weshalb sollte ich nicht?« --
Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen.
»Natürlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun sollte,« antwortete er finster werdend.
»Das sage ich eben auch,« versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend.
»Anna, um Gott! Was ist mit Euch?« frug er, sie zur Besinnung bringend, ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte.
»Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.«
»Ihr wißt, es ist unmöglich ins Theater zu fahren.«
»Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Fürstin Barbara geht, um sich anzukleiden, sie wird mit mir fahren.«
Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und Verzweiflung.
»Aber wißt Ihr denn nicht« -- begann er.
»Ich will nichts wissen!« schrie sie fast auf. »Ich will nicht! Bereue ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschähe wieder das Nämliche, von Anfang an, so wäre es wieder so. Für uns, für mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig lieben! -- Andere Erwägungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren? Ich liebe dich und mir ist alles gleich,« sprach sie russisch, mit jenem eigenartigen, unverständlichen Glanz der Augen auf ihn blickend, »wenn du dich nicht verändert hast. Warum schaust du mich nicht an?«
Er blickte sie an. Er sah die ganze Schönheit ihres Gesichts, dieser Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade ihre Schönheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte.
»Meine Empfindungen können sich nicht ändern; Ihr wißt es, aber ich bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwöre Euch,« sprach er, wieder auf französisch, und mit zärtlicher Bitte in der Stimme, aber Kälte im Blick.
Sie hörte seine Worte nicht, sondern sah nur die Kälte des Blicks und antwortete gereizt:
»Ich bitte Euch nur, mir zu erklären, warum ich nicht fahren soll.«
»Weil es Euch Ursache werden könnte zu« -- er blieb stecken.
»Ich verstehe nichts. Jaschwin =n'est pas compromettant= und die Fürstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. -- Da ist sie ja!« --
33.
Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: »In dieser Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin im Theater zu zeigen -- hieß nicht nur die Lage eines gefallenen Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser lossagen.«
Dies konnte er ihr nicht sagen. »Aber wie kann sie es nicht verstehen, und was geht in ihr vor?« sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs.
Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu bringen.
»Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd, ich rate dir, es zu kaufen,« sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des Kameraden musternd. »Er hat zwar ein Hängekreuz -- aber seine Füße und der Kopf -- etwas besseres kann man nicht verlangen!«
»Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,« antwortete Wronskiy.
Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend.
»Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren ist.«
Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand auf und knöpfte sich zu.
»Nun, fahren wir?« sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse.
»Ich werde nicht mitfahren,« versetzte Wronskiy.
»Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen. Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,« sagte er im Gehen noch.
»Nein, ich habe Geschäfte.«
»Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser Weib ist, ist es noch schlimmer,« dachte Jaschwin, das Hotel verlassend.
Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer auf und abzuschreiten.
»Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,« malte er sich aus, »und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache auch betrachten mag -- sie ist dumm, dumm! -- Aber warum bringt sie mich nur in diese Lage?« sagte er, mit der Hand ausschlagend.
Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um. Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er ihn mit dem Fuße um. Er schellte.
»Wenn du bei mir dienen willst,« sagte er zu dem eintretenden Kammerdiener, »so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.«
Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich, geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen zusammenzulesen anfing.
»Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen, lege mir meinen Frack bereit!« --
* * * * *
Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem Gange.
Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit »Eure Durchlaucht;« schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klänge des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in =staccato= hörbar, sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei.
Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin, schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und klatschte.
Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten, gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen, wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten Theater, die ihn nicht interessierten.
Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem ersten Rang befanden sich nur einige vierzig »wirkliche« Herren und Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten.
Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief.
Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich, suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für diesmal nicht im Theater.
»Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,« sagte Serpuchowskoy. »Diplomat, Artist -- das wäre so Etwas für dich.«
»Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,« sagte Wronskiy lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend.
»Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,« sagte er, seine Epauletten berührend, »dann thut es mir leid um die Freiheit.«
Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn.
»Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.«
Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte.
Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah, unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber.
In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr, schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen. Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu können, und die Loge stand leer.
Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes geschehen war.
Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem Gesicht Annas, die -- er wußte es -- ihre letzten Kräfte zusammennahm, um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns, des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte, daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht, daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den Schandpfahl gestellt ist.