Part 9
»Ich weiß nicht; denn ich kann nicht urteilen. Aber doch, o ja, ich kann,« fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, während dessen sie die Situation bei sich erwogen und innerlich abgeschätzt hatte: »Ja wohl, ich könnte es, ich könnte es. Ja, ich würde vergeben. Ich würde nicht zu streng sein und verzeihen. Und ich würde so verzeihen, als ob jene Sünde gar nicht begangen worden wäre, gar nicht existierte.«
»Natürlich,« unterbrach Dolly sie schnell, gleich als spräche sie etwas aus, das sie schon mehr als einmal erwogen hätte, »sonst wäre es ja keine Verzeihung. Wenn man einmal vergeben soll, so muß man es ganz thun, ganz. Indessen komm mit, ich will dich jetzt auf dein Zimmer führen,« sagte sie, sich erhebend und auf dem Wege Anna umfassend.
»Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt leichter, bei weitem leichter geworden.«
20.
Den ganzen Tag verbrachte Anna zu Hause, das heißt, bei den Oblonskiy. Sie empfing niemanden, obwohl schon mehrere ihrer Bekannten, die von ihrer Ankunft Kunde erhalten hatten, kamen, um sie bereits am nämlichen Tage zu besuchen.
Anna verbrachte den ganzen Morgen mit Dolly und den Kindern. Sie schrieb nur eine kurze Mitteilung an ihren Bruder, daß er jedenfalls daheim zu Mittag speisen möchte. »Komm, Gott hat geholfen!« schrieb sie ihm.
Oblonskiy speiste denn auch daheim; das Gespräch drehte sich um Allgemeinheiten, sein Weib sprach mit ihm, indem sie ihn wieder mit du anredete, was vorher nicht der Fall gewesen war.
In dem Verhältnis des Gatten zu der Gattin herrschte noch die nämliche Entfremdung, aber es war doch schon keine Rede mehr von einer Trennung, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß die Möglichkeit einer Auseinandersetzung und Aussöhnung jetzt vorhanden sei.
Sogleich nach dem Essen erschien Kity. Sie kannte Anna Arkadjewna, aber nur sehr entfernt, und kam jetzt zu der Schwester nicht ohne die Besorgnis darüber, wie sie von dieser Petersburger Weltdame aufgenommen werden möchte, von der man allgemein so entzückt war. Sie hatte der Anna Arkadjewna indessen gefallen -- dies erkannte sie sofort.
Anna interessierte sich augenscheinlich für Kitys Schönheit und Jugend und kaum war Kity selbst zur Besinnung gekommen, da fühlte sie sich nicht nur schon unter deren Einfluß, sie fühlte sich vielmehr verliebt in Anna, wie überhaupt die jungen Mädchen sehr geneigt sind, sich in verheiratete und ältere Damen zu verlieben.
Anna ähnelte durchaus nicht einer Weltdame oder der Mutter eines achtjährigen Knaben; sie hätte eher einem zwanzigjährigen Mädchen geglichen nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, nach der Frische und der Beweglichkeit, die auf ihren Mienen lag, und die bald in einem Lächeln, bald in ihrem Blicke zum Ausdruck kam, wenn sie nicht gerade ernst dreinschaute. Bisweilen war es auch ein trauernder Ausdruck ihrer Augen, welcher Kity überraschte und anzog. Diese empfand, daß Anna vollständig offen sei und nichts verberge, aber sie empfand auch, daß in ihr eine andere höhere Welt lebe voll Interessen, die ihr selbst unzugänglich waren, und eine in sich abgeschlossene, poetische Natur besaßen.
Nach dem Essen, als Dolly nach ihrem Zimmer gegangen war, erhob sich Anna schnell und trat zu ihrem Bruder, der eine Cigarre rauchte.
»Stefan,« hub sie an, schelmisch blinzelnd und ihn bekreuzend, mit den Augen nach der Thür winkend. »Gehe jetzt und möge dir Gott beistehen.«
Er legte die Cigarre fort, Anna verstehend, und ging zur Thür hinaus.
Als Stefan Arkadjewitsch verschwunden war, wandte sich Anna nach dem Diwan, auf welchem sie sich, von den Kindern umringt niederließ. War es, weil die Kinder gesehen hatten, daß Mama gut mit Tante war, oder war es, daß sie selbst an ihr einen eigentümlichen Reiz verspürten; genug, die beiden ältesten, und nach ihnen die jüngeren, hatten sich wie das gewöhnlich bei Kindern der Fall zu sein pflegt, schon bis zur Mittagstafel hin an die neue Tante gemacht und wichen nicht von ihrer Seite.
Es hatte sich eine Art Spiel unter ihnen arrangiert, welches darin bestand, daß man sich so eng als möglich neben die Tante zu setzen suchte, sich an sie anschmiegte, ihre kleine Hand festhielt, sie küßte, mit ihrem Ringe spielte oder doch wenigstens die Fransen ihres Kleides zu berühren strebte.
»Jetzt wollen wir wieder sitzen, wie vorher,« sagte Anna Arkadjewna, sich auf ihren Platz niederlassend.
Grischa steckte wiederum seinen Kopf unter ihre Hand, schmiegte sich in die Falten ihres Kleides und strahlte vor Stolz und Glück.
»Also jetzt hat man hier wohl einen Ball?« wandte sich Anna an Kity.
»In nächster Woche. Es wird ein schöner Ball werden; einer von jenen auf denen es stets recht lustig ist.«
»Giebt es denn solche, auf denen es stets lustig ist?« frug Anna mit feinem Lächeln.
»Die Frage ist eigentümlich. Gewiß! Bei den Bobwischtscheff ist es stets lustig, bei den Nikitin auch, allerdings bei den Meschkowy ist es immer langweilig. Habt Ihr dies denn noch nicht bemerkt?«
»Nein, mein Kind, für mich giebt es keine solchen Bälle mehr, auf denen es stets lustig ist,« antwortete Anna; Kity gewahrte in ihren Augen wieder jene sonderbare Welt, die ihr nicht zugänglich war.
»Für mich giebt es nur solche, auf denen es zum mindesten langweilig ist.«
»Wie ist das möglich, daß Ihr gar es auf einem Balle langweilig findet?«
»Warum sollte es unmöglich sein, daß gerade ich den Ball langweilig finde?« frug Anna.
Kity merkte, daß Anna recht wohl wußte, welche Antwort kommen müsse.
»Nun deswegen, weil Ihr doch stets die Schönste von allen dabei sein würdet!«
Anna besaß die Fähigkeit, erröten zu können. Sie errötete daher und sagte:
»Das ist zunächst nicht der Fall, und dann, selbst wenn dem so wäre, warum?«
»Ihr werdet doch auf den Ball fahren?« frug Kity.
»Ich denke, es wird nicht zu umgehen sein. -- Da nimm ihn,« sagte sie zu Tanja, welche ihr den leicht von ihrem weißen Finger herabgehenden Ring abgezogen hatte.
»Ich werde mich sehr freuen, wenn Ihr mitkommt, denn ich möchte Euch gar zu gern auf dem Balle sehen.«
»Nun, wenn denn einmal gefahren sein muß, so werde ich mich mit dem Gedanken trösten, daß dies eben Euch Vergnügen macht. Grischa, zerr' nicht so, bitte; sie haben mich schon ganz derangiert,« sprach sie, eine in Unordnung geratene Haarflechte, mit der Grischa gespielt hatte wieder zurechtsteckend.
»Ich denke mir Euch auf dem Ball in Lila.«
»Weshalb gerade in Lila?« lächelte Anna. »Kinder geht jetzt, geht! Hört ihr? Miß Goul ruft euch zum Thee,« fuhr sie fort, die Kinder von sich losmachend und sie nach dem Speisesalon dirigierend. »Ich weiß übrigens, weshalb Ihr mich zu der Teilnahme am Balle einladet. Ihr versprecht Euch viel von demselben und wünscht, daß jedermann dort und Teilhaber dabei sein möchte.«
»Woher wißt Ihr das? Allerdings.«
»O, wie schön ist doch Euer Alter,« fuhr Anna fort, »ich entsinne mich noch jenes blauen Nebels, ähnlich dem, der sich über die Berge der Schweiz lagert, jenes Nebels, der alles in dieser glückseligen Zeit überdeckt, da die Kindheit für uns aufgehört hat und aus ihrem grenzenlosen Kreise des Glückes und der Lust ein Weg, enger und enger werdend, in Heiterkeit und Scherz in diese Enfilade hineinführt, obwohl er hell und angenehm erscheint. Wer hätte diesen Weg nicht durchschritten?
Kity lächelte schweigend, »sie hat ihn gewiß zurückgelegt, was gäbe ich nicht darum, könnte ich ihren ganzen Roman in Erfahrung bringen,« dachte sie und vergegenwärtigte sich dabei das unpoetische Äußere Aleksey Aleksandrowitschs, ihres Gatten.
»Ich bin schon in einigem unterrichtet, Stefan erzählte mir davon; ich gratuliere; er gefällt mir sehr,« fuhr Anna fort, »ich traf mit Wronskiy auf der Eisenbahn zusammen.«
»Ah; er war dort?« frug Kity errötend, »was hat Euch Stefan erzählt?«
»Er hat mit mir nur leichthin geplaudert; ich wäre sehr froh gewesen -- Gestern bin ich mit der Mutter Wronskiys hierher gereist,« fuhr sie fort, »und diese hat mir in einem fort von ihm erzählt, er ist ihr Liebling. Ich weiß, wie leidenschaftlich Mütter für ihre Kinder eingenommen sein können, aber« --
»Was hat Euch denn seine Mutter erzählt?«
»O, viel! Ich weiß wohl, daß er ihr Liebling ist, aber es ist trotzdem auch sichtbar, daß er auch der vollendete Kavalier ist. Nun, zum Beispiel hat sie mir erzählt, daß er sein ganzes Besitztum seinem Bruder überlassen wollte, daß er bereits in seiner Jugend eine ungewöhnliche That vollbracht habe, indem er ein Weib aus dem Wasser errettete. Mit einem Worte, er ist ein Heros,« sagte Anna lächelnd, und sich dabei der zweihundert Rubel erinnernd, die er auf der Station geschenkt hatte.
Doch von diesen erzählte sie nichts, weil es ihr unangenehm war, an das Vorkommnis zurückzudenken. Sie empfand, daß in der Sache etwas auf sie selbst Weisendes gelegen hatte, etwas, das nicht hätte sein dürfen.
»Sie hat mich lebhaft gebeten, zu ihr zu kommen,« fuhr Anna fort, »und ich werde mich freuen, die liebe alte Dame wiedersehen zu können. Morgen gedenke ich daher zu ihr zu fahren. Indessen -- Gott sei gedankt -- Stefan bleibt lange bei Dolly im Kabinett,« fügte sie alsdann hinzu, das Thema wechselnd und sich erhebend; wie es Kity schien, mochte sie mit irgend etwas unzufrieden sein.
»Nein, ich will zuerst zur Tante! Nein ich! Nein ich!« schrieen jetzt die Kinder, welche mit Theetrinken fertig waren und wieder zur Tante Anna geeilt kamen.
»Alle zusammen sollen bei mir sein!« rief diese, ihnen lachend entgegenlaufend und sie umarmend, worauf sie die ganze Schar der sich tummelnden und vor Lust laut hinausschreienden Kinder über den Haufen warf.
21.
Zur Theestunde für die Erwachsenen erschien Dolly aus ihrem Zimmer; Stefan Arkadjewitsch kam nicht mit. Er mochte wohl, das Gemach der Gattin verlassend, einen Ausgang nach hinten benutzt haben.
»Ich fürchte, es wird dir oben zu kalt werden,« wandte sich Dolly zu Anna, »und wünschte recht sehr, dich mehr nach unten zu placieren; wir sind uns dann auch näher.«
»O, meinetwegen beunruhige dich nicht,« antwortete Anna, in das Gesicht Dollys blickend und sich bemühend aus ihm herauszulesen, ob die Aussöhnung zustande gekommen sei oder nicht.
»Es wird dir hier zu hell sein,« versetzte die Schwägerin.
»Ich sage dir, daß ich überall schlafen kann und stets wie ein Murmeltier schnarche.«
»Wovon sprecht ihr denn?« frug Stefan Arkadjewitsch, aus dem Kabinett hereintretend und sich an seine Frau wendend.
An seinem Tone erkannten Anna und Kity sofort, daß die Aussöhnung zustande gekommen war.
»Ich will Anna tiefer einlogieren, es müssen aber die Gardinen anders gesteckt werden. Niemand versteht dies jedoch richtig zu machen, ich muß es daher selbst thun,« antwortete Dolly, sich an ihren Gatten wendend.
»Wer weiß ob die schon vollkommen ausgesöhnt sind,« dachte Anna, als sie den kalten ruhigen Ton der Stimme Dollys vernahm.
»O, es ist genug so, Dolly, mach dir nicht zu viel Umstände,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »wenn du aber willst, so werde ich selbst alles thun.«
»Aha, es muß wohl so sein; sie sind versöhnt,« dachte Anna.
»Ich weiß schon, wie du alles thust,« erwiderte Dolly, »du sagst dem Mattwey, er möge thun, was sich gar nicht ausführen läßt, fährst dann fort von hier und er bringt alles durcheinander;« das gewohnte spöttische Lächeln verzog die Mundwinkel Dollys bei diesen Worten.
»Die Versöhnung ist vollständig, vollständig,« dachte Anna, »Gott sei gedankt!« und in der Freude darüber, daß sie die Ursache derselben war, trat sie zu Dolly hin und küßte dieselbe.
»Es ist ganz und gar kein Grund vorhanden, wegen dessen du mich und den Mattwey so über die Achsel ansehen könntest,« sagte Stefan Arkadjewitsch, mit kaum merkbarem Lächeln sich zu seinem Weibe wendend.
Den ganzen Abend hindurch war Dolly, wie stets, ein wenig zu einem gewissen leichten Spotte gegen ihren Gatten gestimmt, doch dieser selbst befand sich in sehr zufriedener und heiterer Stimmung, gleichwohl aber nicht so weit, daß er damit gezeigt hätte, er habe nach erlangter Verzeihung seinen Fehltritt schon vergessen.
Um halb zehn Uhr abends wurde jedoch die ausnehmend lustige und angenehme Unterhaltung im Familienkreis beim Theetisch der Oblonskiy durch ein dem Anschein nach höchst harmloses Ereignis plötzlich gestört; dieses harmlose Ereignis erschien indessen allen aus einem unbekannten Grunde seltsam.
Als man von den allgemeinen Petersburger Verhältnissen sprach, stand Anna Karenina plötzlich schnell auf.
»Sie befindet sich in meinem Album,« sagte sie, »und ich werde sogleich auch meinen Sergey zeigen,« fügte sie mit dem stolzen Lächeln der Mutter hinzu.
Um die zehnte Stunde, wo sie für gewöhnlich von ihrem Söhnchen Abschied nahm und ihn sogar oft selbst, bevor sie etwa auf einen Ball fuhr, zu Bett brachte, befiel sie Traurigkeit darüber, daß sie jetzt so weit von ihm entfernt sei. Wovon man auch sprechen mochte, sie blieb unzugänglich und ihre Gedanken schweiften fortwährend zu ihrem lockigen Sergey zurück. Jetzt wollte sie wenigstens sein Bildnis betrachten und von ihm reden. Unter dem ersten besten Vorwand der sich bot, erhob sie sich und ging mit ihrem elastischen energischen Gang nach dem Album. Die Treppe nach oben führte auf einen kleinen Vorsaal und ging dann als geheizte Zwischentreppe nach ihrem Zimmer.
Gerade zur Zeit, als sie den Salon verließ, wurde im Vorzimmer die Glocke laut.
»Wer mag das sein?« frug Dolly. »Nach mir wäre es noch zu zeitig, es wird erst später jemand kommen,« setzte sie bemerkend hinzu.
»Wahrscheinlich ist es ein Beamter mit Akten,« meinte Stefan Arkadjewitsch. Als Anna an der Treppe vorüberschritt, kam soeben der Diener herauf, um den Ankömmling zu melden; dieser selbst stand aber bereits bei der Hauslampe.
Anna erkannte sofort beim Hinabschauen Wronskiy, und ein seltsames Gefühl der Freude gemischt mit dem des Schmerzes regte sich plötzlich in ihrem Herzen.
Er stand, ohne den Überrock abzulegen und zog etwas aus der Tasche. In diesem Augenblick, als sie soeben die Mitteltreppe erreicht hatte, hob er die Augen, erkannte sie und auf seinen Zügen malte sich ein Ausdruck von Verlegenheit und Erschrecken.
Sie ging, das Haupt leicht geneigt weiter; hinter sich aber vernahm sie die laute Stimme Stefan Arkadjewitschs, der Wronskiy bat, einzutreten, und die halblaute, geschmeidige und ruhige Stimme Wronskiys, welcher ablehnte.
Als Anna mit dem Album zurückkam, war er schon wieder gegangen, und Stefan Arkadjewitsch erzählte, er sei gekommen, um sich bezüglich eines Diners zu erkundigen, welches am folgenden Tage einer anreisenden Standesperson gegeben werden sollte.
»Er wollte um keinen Preis eintreten, und ist überhaupt ein wenig Sonderling,« äußerte Stefan Arkadjewitsch.
Kity wurde rot; sie dachte daran, daß sie allein wisse, weshalb er gekommen sei und nicht habe eintreten wollen.
»Er wird bei uns gewesen sein,« dachte sie, »und, mich daselbst nicht antreffend, vermutet haben, daß ich hier sei. Er wird nicht eingetreten sein weil er zu spät sich erinnert hat, daß auch Anna anwesend ist.«
Man blickte sich gegenseitig an, ohne weiter zu sprechen und beschäftigte sich alsdann mit dem Betrachten des Albums.
Es lag zwar nichts Ungewöhnliches oder Besonderes darin, daß jemand zu seinem Freunde kam um halb zehn Uhr abends, um einige Details über ein geplantes Essen einzuholen, dabei aber nicht in das Zimmer trat; indessen gleichwohl erschien dies allen seltsam, und am meisten von allen seltsam und von übeler Vorbedeutung erschien es Anna Karenina.
22.
Der Ball hatte soeben begonnen, als Kity mit ihrer Mutter die große, mit Blumen garnierte und von gepuderten Lakaien in roten Röcken besetzte, lichtüberflutete Treppe betrat. Aus den Sälen ertönte ein beständiges, gedämpftes Geräusch von Bewegungen, gleich dem Summen in einem Bienenstock, und als die beiden auf dem Vorsaale zwischen den Laubbäumen vor einem Spiegel die Frisur und Toilette ordneten, wurden aus dem Saale die behutsamen, aber künstlerischen Töne der Violinen des Orchesters, welches den ersten Walzer intonierte, hörbar. Ein greiser Staatsrat, der seinen eisgrauen Backenbart vor einem anderen Spiegel ordnete und eine Fülle von Wohlgerüchen um sich her verbreitete, traf mit ihnen auf der Treppe zusammen und trat zur Seite, offenbar interessiert von Kity, die ihm noch unbekannt war.
Ein bartloser Jüngling, einer von jenen jungen Lebemännern, die der alte Fürst Schtscherbazkiy Wachteln und Zungendrescher nannte, in einer außerordentlich weit ausgeschnittenen Weste ordnete seine weiße Krawatte und verbeugte sich vor ihnen, kehrte aber dann, vorüberschreitend, wieder um und bat Kity um eine Quadrille.
Die erste Quadrille war schon an Wronskiy vergeben, sie mußte also die zweite dem jungen Mann bewilligen. Auch ein Offizier der sich soeben die Handschuhe zuknöpfte und seitwärts nach der Thür trat, liebäugelte, seinen Schnurrbart streichend mit der rosigen Kity.
Obwohl die Toilette, Frisur und alle übrigen Vorbereitungen zum Balle Kity eine Menge Mühe und Kopfzerbrechen verursacht hatten, so ging sie jetzt in ihrem engsitzenden Tüllkleid mit rosenrotem Überwurf so frei und einfach zu Balle, als ob alle diese Rosetten und Spitzen, alle die Einzelheiten in der Toilette sie und ihrem Dienstpersonal nicht eine Minute von Aufmerksamkeit gekostet hätten, als ob sie in diesem Tüll geboren sei, in diesen Spitzen mit der hohen Frisur, der Rose mit den zwei Blättchen obenauf.
Als die alte Fürstin vor dem Eintritt in den Saal noch an der Tochter ein zurückgeschlagenes Band an der Taille ordnen wollte, wandte sich Kity leicht seitwärts. Sie fühlte, daß alles an ihr gut sein müsse und graziös und daß es nicht nötig sei, noch etwas zu verbessern.
Kity hatte heute einen ihrer sogenannten glücklichen Tage. Das Kleid drückte nirgends, nirgends war eine Spitze am Besatz losgegangen, die Rosetten hatten sich nicht geknittert oder waren gar abgerissen, die rosenroten Schuhchen mit den hohen Absätzen drückten nicht, sondern machten das kleine Füßchen beweglich. Die dichten Büschel der blonden Haare auf dem kleinen Köpfchen hielten sich in bester Ordnung, die Knöpfe an dem hohen Handschuh der ihre Hand umgab ohne deren Form zu verändern, waren alle drei zugeknöpft, keiner war abgesprungen. Ein schwarzsamtnes Medaillonband umschloß recht zart den Hals. Dieses Samtband war reizend; und als Kity daheim in dem Spiegel auf ihren Hals geblickt hatte, war es ihr vorgekommen, als ob dieser Sammet spräche.
In allem anderen konnte ein Zweifel herrschen, aber der Sammet war wunderschön.
Kity lächelte auch hier, auf dem Balle, als sie auf ihn im Spiegel schaute. Auf ihren entblößten Schultern und Armen empfand Kity ein Gefühl marmorner Kälte, ein Gefühl, welches sie besonders liebte.
Ihr Auge blitzte und die roten Lippen konnten nicht umhin, zu lächeln im Bewußtsein ihrer verführerischen Schönheit.
Sie war noch nicht in den Saal getreten zu der tüllbandspitzen- und blumenbesetzten Schar der Damen, welche der Engagements zum Tanze harrten -- Kity hatte nie in diesem Kreis gegolten -- als man sie schon zum Walzer engagierte; und gerade der beste Kavalier war es, der sie engagiert hatte, der erste Kavalier in der Ballkohorte, der berühmte =Maître de bal= und Ceremonienmeister, verheiratet aber hübsch und eine stattliche Erscheinung, Jegoruschka Korsunskiy.
Er hatte soeben die Gräfin Banina verlassen, mit welcher er die erste Walzertour getanzt hatte, als er, sein Reich überblickend, das heißt einige der tanzenden Paare, die eintretende Kity gewahrte, zu ihr hineilte mit jenem eigentümlichen, nur den Balldirigenten charakteristischen zwanglosen Pasgang, und sich verneigend, ohne zu fragen ob sie dies wünsche, die Hand erhob, um die zarte Taille zu umfangen.
Sie blickte um sich, wem sie ihren Fächer übergeben könne und lächelnd nahm die Dame des Hauses ihn in Empfang.
»Wie herrlich, daß Ihr rechtzeitig gekommen seid,« sagte er zu ihr, ihre Taille umfangend, »was ist das auch für eine Manier, dieses so späte Erscheinen.«
Sie legte, sich vorbeugend, die Linke auf seine Schulter und die kleinen Füßchen in den rosenroten Schuhen begannen sich schnell, leicht und im Takt zu bewegen nach der Musik, auf dem glatten Parkett.
»Man ruht förmlich aus, mit Euch im Walzer,« sagte er zu Kity nach den ersten langsamen Pas des Walzers.
»Reizend, welche Leichtigkeit -- Präcision --,« sagte er zu ihr; es war das Nämliche, was er fast allen guten Bekannten zu sagen pflegte.
Sie lächelte bei seinem Lobe und schaute dabei über seine Schulter in den Saal.
Kity war hier keine erst Neuauftretende, auf welcher bei einem Balle aller Augen ruhen wie auf einer Zaubererscheinung; sie war auch keine Dame, die alle Bälle ausgekostet hatte, alle Gesichter auf denselben so kannte, daß sie von ihnen gelangweilt wurde, sondern stand in der Mitte von beidem.
In der linken Ecke des Saales gewahrte sie die Creme der Gesellschaft gruppiert. Da war die bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Schönheit Liddy, die Frau Korsunskiys, da war die Herrin des Hauses, da glänzte mit seiner Platte Kriwin, der stets dort war, wo sich die Creme der Gesellschaft befand. Hierher wagten die jungen Männer nur zu schauen, nicht zu kommen; hier fand sie mit ihren Augen Stefan und dann erblickte sie die reizende Gestalt und das Köpfchen Annas in schwarzsamtnem Kleid.
Auch er war dort.
Kity hatte ihn nicht gesehen seit jenem Abend, da sie Lewin ihre Absage gegeben hatte. Mit ihren scharfblickenden Augen hatte sie ihn sogleich erkannt, und sogar bemerkt, daß er auch nach ihr schaue.
»Nun wie wäre es, noch eine Tour? Oder seid Ihr ermüdet?« frug Korsunskiy leicht schnaufend.
»Nein; ich danke.«
»Wohin darf ich Euch führen?«
»Die Karenina ist dort, scheint es; führt mich zu ihr!«
»Wohin Ihr befehlt.«
Korsunskiy walzte, den Schritt mäßigend, gerade auf den Trupp in der linken Ecke des Saales zu, indem er wiederholt ausrief: »=Pardon, mes dames, pardon, pardon, mes dames=«! und lavierte zwischen dem Meer von Spitzen, Tüll und Bändern hindurch, ohne auch nur an der kleinsten Kante hängen zu bleiben. Er wendete seine Dame so kurz, daß deren zarte Füßchen in den roten Strümpfen =à jour= zum Vorschein kamen und sich ihre Schleife löste, wie ein Fächer ausgebreitet, gerade die Kniee des alten Kriwin bedeckend. Korsunskiy verbeugte sich, richtete seine ausgeschnittene Brust steif empor und gab seiner Dame die Hand, um sie zu Anna Arkadjewna zu führen.
Kity war errötet, sie nahm die Schleife von den Knieen Kriwins und suchte dann, etwas schwindlig geworden, Anna.
Diese war nicht im Lilakleid, wie es Kity so sehr gewünscht hatte, sondern in einem schwarzen, niedrig ausgeschnittenen Sammetkleid, welches ihre plastischen wie altes Elfenbein schimmernden, vollen Schultern und die Büste sehen ließ, sowie die runden Arme mit den zarten feinen Gelenken.
Das ganze Kleid war mit venetianischer Guipure besetzt. Auf dem Kopfe in ihrem schwarzen Haar das nur ihr eigenes war, befand sich eine kleine Ranke von Stiefmütterchen und eine zweite eben solche auf dem schwarzen Bande des Gürtels zwischen weißen Spitzen.
Ihre Frisur war wenig auffallend; bemerklich waren nur jene kecken kurzen krausen Löckchen die sie so schön machten und sich stets auf ihrem Nacken und an den Schläfen hervordrängten. Auf ihrem runden kräftigen Halse ruhte eine Perlenschnur.
Kity hatte Anna täglich gesehen, sie war verliebt in sie und stellte sie sich unfehlbar nur in Lila vor. Als sie jetzt aber Anna in Schwarz erblickte, empfand sie, daß sie deren ganze Schönheit noch nicht erkannt hatte.
Jetzt erst sah sie sie als eine ihr völlig neue, unerwartete Erscheinung, jetzt erst erkannte sie, daß Anna nicht in Lila gehen konnte, daß ihr Reiz hauptsächlich darin bestehe, daß sie stets persönlich aus der Toilette heraustrete und diese selbst nie an ihr sichtbar sein dürfe.
In der That war das schwarze Kleid mit den kostbaren Spitzen nicht sichtbar vor ihr selbst; es bildete nur den Rahmen und man sah sie allein, einfach, natürlich, schön und doch zugleich heiter und lebhaft.