Part 7
»Da aber,« unterbrach ihn Lewin, »bei der Elektricität stets, sobald man Bernstein an Wolle reibt, sich jene bekannte Erscheinung zeigt, hier dies aber nicht jedesmal der Fall ist, so ist diese neue Kraft wahrscheinlich doch wohl keine -- Naturerscheinung.« --
Wohl in der Empfindung, daß das Gespräch einen für die Gesellschaft zu ernsten Charakter annehme, erwiderte Wronskiy nichts hierauf, sondern lächelte nur heiter in dem Bemühen, das Thema zu wechseln, und wandte sich an die Damen.
»Machen wir sogleich eine Probe, Gräfin,« sagte er; doch Lewin wollte aussprechen, wie er dachte.
»Ich meine,« fuhr er fort, »daß jener Versuch der Spiritualisten, ihre Wunder mit einer neuen Kraft zu erklären, völlig unglücklich ist. Sie sprechen unverhohlen von einer geistigen Kraft und wollen diese materiellen Versuchen unterwerfen.«
Alle warteten, daß er enden sollte, und er selbst empfand das.
»Ich glaube, Ihr würdet ein vorzügliches Medium sein,« sagte die Gräfin Nordstone, »Ihr habt so etwas Verzücktes.«
Lewin öffnete den Mund und wollte etwas antworten, errötete aber nur und schwieg.
»Machen wir sofort einen Versuch, mit den Tischen, Fürstin, ist es gestattet?« frug Wronskiy, welcher aufstand und mit den Augen nach einem Tische suchte.
Kity hatte sich hinter ihrem kleinen Tische erhoben und begegnete, seitwärtstretend, den Augen Lewins. Sie empfand ein tiefes Mitgefühl mit ihm, umsomehr, als sie sich selbst als die Ursache seines Unglücks betrachtete. »Wenn Ihr mir verzeihen könnt, so verzeiht,« bat ihr Blick, »ich bin so glücklich.«
»Ich hasse euch alle und mich,« antwortete sein Auge und er griff nach seinem Hut. Aber er sollte noch nicht von hier weggelangen. Man wollte sich soeben um das Tischchen gruppieren, und Lewin war im Begriff, zu gehen, als der alte Fürst hereintrat und, nachdem er die Damen begrüßt hatte, sich zu Lewin wandte.
»Ah,« begann er erfreut, »auf längere Zeit hier? Ich wußte ja noch gar nichts von deiner Anwesenheit. Sehr erfreut, Euch zu sehen.«
Der alte Fürst sprach Lewin bald mit _du_ bald mit Ihr an; er umarmte ihn und bemerkte im Gespräch mit ihm gar nicht Wronskiy, welcher sich erhoben hatte und ruhig wartete, bis sich der Fürst an ihn wenden würde.
Kity fühlte, daß nach alledem, was geschehen war, Lewin die Liebenswürdigkeit ihres Vaters nur peinlich sein mußte. Sie gewahrte auch, wie steif ihr Vater der Verbeugung Wronskiys dankte und wie letzterer mit freundlicher Verlegenheit auf ihren Vater schaute, sich vergeblich bemühend, zu begreifen wie und weshalb es möglich geworden war, ihm mit unfreundlicher Stimmung zu begegnen, und errötete.
»Fürst, lasset jetzt den Konstantin Dmitritsch frei,« sagte die Gräfin Nordstone, »wir wollen ein Experiment machen.«
»Was für ein Experiment? Tischrücken? Nun, es entschuldigen wohl die Damen und Herren, wenn ich nach meiner Meinung das Ringspiel doch noch heiterer finde,« antwortete der Fürst, auf Wronskiy blickend in der Vermutung, dieser könnte Anstalten dazu treffen. »Das Ringspiel hat doch wenigstens noch Sinn.«
Wronskiy schaute befremdet auf den Fürsten mit seinen festen Blicken, dann aber begann er sofort, mit kaum bemerkbarem Lächeln sich an die Gräfin Nordstone wendend, von dem in der nächsten Woche bevorstehenden großen Balle zu reden.
»Ich hoffe, Ihr werdet dort sein?« wandte er sich auch an Kity.
Der alte Fürst hatte sich kaum von Lewin weggewendet, als dieser unbemerkt den Salon verließ. Der letzte Eindruck, den er von diesem Abend mit hinwegnahm, war das lächelnde, glückstrahlende Gesicht Kitys, wie sie Wronskiy auf seine Frage nach dem Balle antwortete.
15.
Nachdem der Abend sein Ende erreicht hatte, erzählte Kity der Mutter von ihrem Gespräch mit Lewin, und sie freute sich, ungeachtet alles Mitleids, das sie für Lewin empfand, in dem Gedanken, daß ihr doch ein »Antrag« gemacht worden war.
Es bestand für sie kein Zweifel, daß sie gehandelt hatte, wie es ihr zukam. Aber noch im Bett vermochte sie lange Zeit den Schlaf nicht zu finden.
Ein bestimmter Eindruck verfolgte sie unablässig, es war das Antlitz Lewins mit den zusammengezogenen Brauen und den finster traurig unter ihnen hervorblickenden guten Augen, wie er stand, ihrem Vater zuhörend und nach ihr hinüberblickend und nach Wronskiy. Sie empfand so viel Mitleid mit ihm, daß Thränen in ihr Auge traten, doch sie vergegenwärtigte sich sogleich, für wen sie ihn eintauschte. Lebhaft stellte sie sich jenes männliche, feste Antlitz vor Augen, das mit so edler Ruhe und in einer so aus allem hervorleuchtenden Güte jedermann entgegenblickte. Sie vergegenwärtigte sich die Liebe dessen, den sie selbst liebte, es wurde ihr wieder fröhlich ums Herz, und mit einem Lächeln des Glückes legte sie sich endlich wieder auf ihr Kissen.
»Schade, schade, aber was ist zu thun? Ich habe keine Schuld,« sprach sie zu sich selbst, eine innere Stimme aber sprach noch anders. Ob in derselben die Reue lag darüber, daß sie Lewin hierher gezogen, oder darüber, daß sie ihm eine Absage gegeben hatte -- sie wußte es selbst nicht. Ihr Glück wurde von Zweifeln vergiftet. »Herr Gott erbarme dich, erbarme dich,« betete sie für sich selbst, indem sie einschlummerte.
Zur nämlichen Stunde spielte sich unten in dem kleinen Kabinett des Fürsten eine jener so häufig zwischen den Gatten sich wiederholenden Scenen ab, betreffs der Lieblingstochter.
»Wie? Da hast du es!« rief der Fürst, mit den Händen fuchtelnd, und dann seinen Pelz von weißem Eichhorn zusammennehmend, »da habt Ihr es, daß Ihr weder Stolz noch Würde besitzt, die Tochter mit dieser niedrigen, albernen Freiwerbung kompromittiert und unglücklich macht!«
»Aber um Gottes willen, Fürst, was habe ich gethan,« antwortete die Fürstin, fast weinend.
Sie war so glücklich und zufrieden nach dem Gespräch mit ihrer Tochter gewesen, war jetzt nach ihrer Gewohnheit zum Fürsten gekommen, um diesem gute Nacht zu wünschen und hatte, ohne die Absicht ihm von Lewins Antrag zu erzählen oder von Kitys Absage, ihrem Gatten nur angedeutet, daß ihr die Angelegenheit mit Wronskiy völlig sicher zu stehen scheine, daß sich dieselbe entscheiden werde, sobald dessen Mutter angekommen sein würde -- da, bei diesen Worten, war der Fürst plötzlich aufgefahren und hatte ihr die härtesten Worte zugerufen.
»Was Ihr gethan habt? Ihr sollt es wissen: Erstens lockt Ihr einen Bräutigam an, ganz Moskau wird davon reden, und mit Recht. Wenn Ihr Abendcirkel haltet, so ladet jedermann ein, nicht aber nur die heiratslustigen jungen Männer. Ladet dann _alle_ jungen Leute in Moskau ein und laßt sie tanzen, aber nicht nur, wie heute, die Bräutigams die Ihr mit unserer Tochter zusammenbringt. Das zu sehen, ist entehrend für mich und Ihr habt es so weit gebracht, dem Kinde den Kopf zu verdrehen. Lewin ist ein tausendmal besserer Mensch! Jener Petersburger Fant hingegen ist einer wie in der Maschine gemacht; diese Leute sind alle nach einem Schlag, sind alle Nichts. Wäre er selbst ein Prinz von Geblüt, meine Tochter braucht niemanden!«
»Aber was habe ich gethan?«
»Nun,« rief der Fürst ingrimmig.
»Ich erkenne das Eine, daß, wenn es nach dir geht,« unterbrach ihn die Fürstin, »wir niemals unsere Tochter verheiraten werden. Wenn dem so ist, dann können wir nur auf das Dorf gehen.«
»Es wäre auch besser so.«
»Halt ein. Suche ich denn nach jemand? Durchaus nicht! Ein junger Mann von angenehmen Wesen hat sich in sie verliebt, und sie, scheint es --«
»Ah, da scheint Euch etwas! Wie denn nun, wenn sie sich thatsächlich verliebt hat, er aber ebensowenig gewillt wäre, sie zu heiraten, wie ich es etwa bin? O, der Spiritualismus, o, das Nizza, ach, der Ball,« -- der Fürst, sich stellend, als ahme er sein Weib nach, knixte mit jedem dieser Worte. »Dies ist der Weg, auf dem wir die Katinka unglücklich machen, auf dem sie sich in der That etwas in den Kopf setzen kann.«
»Aber aus welchem Grunde denkst du denn?« --
»Ich denke gar nichts; ich weiß nur: dafür haben wir Augen, die Weiber aber nicht. Ich sehe mir den Mann an, welcher ernste Absichten hat, dies ist Lewin; ich sehe aber auch die Wachtel, den Zungendrescher, der sich nur zerstreuen will.«
»Ah, das setzest du dir doch auch nur in den Kopf.«
»Nun, entsinnest du dich, -- jetzt ist es freilich zu spät -- wie es mit der Dolly war?«
»Genug, genug, wir wollen nicht weiter davon reden,« hemmte die Fürstin seinen Redefluß, der unglücklichen Dolly gedenkend.
»Laß gut sein; schlaf wohl!«
Sie bekreuzten beide einander und küßten sich; dann verließen sich die Gatten im Gefühl, daß jeder von ihnen bei seiner eigenen Meinung blieb.
Die Fürstin war anfänglich fest überzeugt gewesen, daß der heutige Abend über das Schicksal Kitys entschieden habe und daß kein Zweifel über die Absichten Wronskiys mehr obwalten könne, aber die Worte des Gatten beunruhigten sie jetzt, und als sie in ihren Gemächern angelangt war, wiederholte sie ganz ebenso wie Kity voll Schrecken vor der verborgenen Zukunft mehrmals in ihrem Innern die Worte: »O Gott erbarme dich, erbarme dich!«
16.
Wronskiy hatte nie ein Familienleben kennen gelernt. Seine Mutter war in ihrer Jugend eine glänzende Dame in der großen Welt gewesen, die zur Zeit ihres Ehestandes und namentlich auch nach demselben viele Romane erlebt hatte, welche die ganze Welt kannte. Seines Vaters konnte er sich fast gar nicht mehr entsinnen; er selbst war im Pagencorps auferzogen worden.
Als sehr junger, glänzender Offizier die Schule verlassend, trat er unvermittelt in den Kreis der petersburgischen Offiziere ein; obwohl er aber nun auch bisweilen in der Petersburger Gesellschaft erschien, so lagen doch alle seine Lieblingsinteressen außerhalb dieser Gesellschaft.
In Moskau erfuhr er zum erstenmal, nach einem üppigen und wüsten Leben in Petersburg, den Reiz der Annäherung an ein feingebildetes, liebenswürdiges und unschuldiges Mädchen, das ihn liebte.
Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß etwas Sündhaftes in seinen Beziehungen zu Kity liegen könnte. Auf den Bällen tanzte er vorzugsweise mit ihr und er besuchte ihr Haus; er sprach mit ihr, was man in der Gesellschaft gewöhnlich zu sprechen pflegt, Nichtigkeiten; aber Nichtigkeiten, denen er ohne es vielleicht zu wollen, einen für sie bedeutungsvollen Sinn verlieh.
Obwohl er ihr nie etwas gesagt hatte, was er nicht ebenso gut vor der gesamten Gesellschaft hätte sagen können, empfand er, daß sie immer mehr und mehr in ein Verhältnis von Abhängigkeit von ihm geriet, und je mehr er dessen inne ward, desto angenehmer war es ihm, und seine Empfindung für sie wurde allmählich inniger. Er wußte, daß sein Verhalten gegenüber Kity eine bestimmte Bedeutung hatte, daß es eine Verführung der Weiber ohne Äußerung der Absicht eine Ehe zu schließen war; daß diese Verführungskunst eine jener schlechten Handlungen darstelle, wie sie unter den glänzenden jungen Männern seiner Art gewöhnlich waren. Ihm dünkte, als habe er zuerst diesen Genuß entdeckt und er gefiel sich im Genuß seiner Entdeckung.
Hätte er hören können, was ihre Eltern an diesem Abend sprachen, hätte er sich auf den Anschauungskreis der Familie stellen und so wahrnehmen können, daß Kity unglücklich werden würde wenn er sie nicht heimführte, so wäre er höchlich in Verwunderung geraten und hätte das nicht geglaubt. Er vermochte nicht zu glauben, daß das, was ihm nur ein großes, schönes Vergnügen gewährte, und für sie das höchste bildete, -- daß dies sündhaft war. Und noch weniger hätte er daran glauben können, daß er heiraten müßte.
Eine Vermählung hatte er sich noch niemals als Möglichkeit gedacht; er liebte das Familienleben nicht nur nicht, er sah sogar in der Ehe, im Ehemann aber besonders, nach der allgemeinen Anschauung der kalten Sphäre, in der er lebte, etwas Seltsames, Verhaßtes, und vor allem -- Lächerliches. Aber wenn auch Wronskiy nicht ahnte, was die Eltern Kitys unter sich sprachen, so empfand er doch an diesem Abend beim Abschiednehmen von den Schtscherbazkiys, daß jenes geheimnisvolle seelische Bündnis zwischen ihm und Kity sich an demselben so sehr gefestigt hatte, daß man sich wohl zu irgend einem Entschluß aufraffen müsse. Was freilich gethan werden konnte oder mußte, das war er nicht imstande, sich klar zu machen.
»Es ist reizend,« dachte er bei sich, als er von den Schtscherbazkiys hinwegging und von ihnen heute wie immer das angenehme Gefühl einer Reinheit und Frische, zum Teil wohl auch dadurch entstanden, daß er den ganzen Abend hindurch nicht geraucht hatte, mit hinwegnehmend und verbunden mit diesem eine ihm neue Empfindung von Rührung über ihre Liebe zu ihm. »Es ist reizend, daß kein Wort von mir oder von ihr gesprochen worden ist, und wir uns doch einander in diesem unhörbaren Gespräch so verstanden haben, daß sie jetzt offenbarer als jemals mir gestanden hat, wie sie mich liebt. Und auf wie liebliche, naive und -- was am meisten galt vertrauensvolle Weise hat sie es mir zu verstehen gegeben. Ich selbst fühle mich besser und geläuterter davon. Ich fühle, daß ich ein Herz besitze, daß in mir doch viel Gutes schlummert. Diese guten liebevollen Augen, als sie zu mir sagte: >Gewiß werde ich auf dem Balle sein.<«
»Aber was weiter thun? Hm -- nichts! Ich befinde mich ganz wohl dabei und sie auch.« Er überlegte nunmehr, wo er den heutigen Abend noch ausfüllen könnte, und ließ alle die Orte Revue passieren, wohin er sich begeben konnte.
»In den Klub? -- Spiel und Champagner? -- Nein, dahin nicht. =Château des fleurs=? -- Da finde ich Oblonskiy, Couplets und Cancan. Das ist langweilig! Eben deshalb liebe ich ja die Schtscherbazkiy, um mich selbst zu bessern. Also nach Hause denn!«
Er begab sich in sein Logis bei Dussot, ließ ein Souper kommen und begab sich dann zur Ruhe. Er hatte kaum das Haupt auf die Kissen gelegt, als er schon in festen Schlaf versunken war.
17.
Am andern Tage morgens um elf Uhr fuhr Wronskiy auf den Bahnhof der Petersburger Eisenbahn, um die Mutter abzuholen. Das erste Gesicht, das ihm auf den Stufen der großen Treppe in die Augen fiel, war Oblonskiy, der mit dem nämlichen Zuge seine Schwester erwartete.
»Ah, Excellenz!« rief Oblonskiy. »Aus welchem Grunde bist du heute hier?«
»Der Mutter halber,« antwortete Wronskiy mit dem nämlichen Lächeln, welches jedermann hatte, der Oblonskiy begegnete; er drückte diesem die Hand und stieg mit ihm zur Treppe hinauf; »sie muß jetzt mit dem Petersburger Zuge ankommen.«
»Ich habe dich bis zwei Uhr erwartet. Wohin bist du denn gefahren von den Schtscherbazkiys aus?«
»Nach Hause,« versetzte Wronskiy, »ich muß gestehen, es war mir gestern nach dem Besuch bei den Schtscherbazkiys so angenehm zu Mut, daß ich nirgendshin zu fahren noch Lust hatte.«
»Man erkennt die verliebten Jünglinge an den Augen,« deklamierte Stefan Arkadjewitsch ebenso wie er dies früher Lewin gesagt hatte.
Wronskiy lächelte mit einem Ausdruck welcher besagte, daß er dies nicht in Abrede stellen könnte, sprang aber sogleich auf ein anderes Thema über.
»Wen erwartest du denn?« frug er seinerseits.
»Ich? Ich erwarte die beste Frau die es giebt,« sagte Oblonskiy.
»Sieh da!«
»=Honny soit qui mal y pense=! Meine Schwester Anna!«
»Aha; die Karenina!« rief Wronskiy.
»Du kennst sie ja wohl?«
»Ich glaube -- oder sollte es nicht sein? Allerdings, ich kann mich nicht besinnen,« sagte Wronskiy zerstreut, sich unter dem Namen Karenina irgend etwas Affektiertes und Langweiliges vorstellend.
»Aber den Aleksey Aleksandrowitsch, meinen berühmten Schwager kennst du wohl. Den kennt ja die ganze Welt.«
»Ja, das heißt nur dem Rufe und dem Aussehen nach. Ich weiß daß er ein verständiger, gelehrter und frommer Mann ist. Aber du weißt ja, daß dies nicht in meinem Gesichtskreis -- =not in my line= -- liegt,« sagte Wronskiy.
»Er ist ein sehr bedeutender Mann; ein wenig konservativ, aber ein vorzüglicher Mensch,« bemerkte Stefan Arkadjewitsch, »ein vorzüglicher Mensch.«
»Um so besser für ihn,« antwortete Wronskiy lächelnd. -- »Nun, bist du hier?« wandte er sich an einen hochgewachsenen alten Diener, der an der Thür stand, den Lakai seiner Mutter.
Wronskiy fühlte sich in letzter Zeit, ungeachtet der ohnehin gegen Alle zu Tage tretenden Freundlichkeit Stefan Arkadjewitschs, verpflichtet, diesem umsomehr mit Zuvorkommenheit zu begegnen, als er nach seiner Auffassung mit Kity in Verbindung stand.
»Wirst du Sonntag nicht ein Souper für die >Divas< geben?« sagte er, ihn lächelnd unter dem Arme fassend.
»Sicherlich. Indessen bist du gestern mit meinem Freunde Lewin bekannt geworden?« frug Stefan Arkadjewitsch.
»Gewiß. Doch zog er sich ziemlich frühzeitig zurück.«
»Er ist ein vorzüglicher Mensch,« fuhr Oblonskiy fort, »habe ich nicht recht?«
»Ich weiß nicht,« antwortete Wronskiy, »warum es bei allen Moskauern der Fall ist -- diejenigen natürlich ausgenommen,« bemerkte er scherzend, »mit denen ich spreche, daß sie etwas Entschiedenes, etwas stets Opponierendes, Jähes, haben, als ob sie einem stets etwas zu fühlen geben wollten.«
»So ist es, ja, ja,« lachte Stefan Arkadjewitsch heiter.
»Nun, kommt der Zug bald?« wandte sich Wronskiy an den Diener.
»Der Zug ist soeben eingefahren,« antwortete dieser.
Das Nahen des Trains zeigte sich in der mehr und mehr zunehmenden Bewegung zu Vorbereitungen auf dem Perron, in dem Hin- und Herlaufen der Träger, dem Erscheinen der Polizeiwachen und Beamten, in dem Vorfahren der Abholenden.
Durch den Winternebel wurden die Arbeiter in ihren Halbpelzen und den weichen plumpen Stiefeln sichtbar, wie sie auf den gewundenen Schienensträngen umherliefen. Der Pfiff der Dampfpfeife ertönte und man vernahm die Bewegung eines schweren Etwas.
»Nein,« sagte Stefan Arkadjewitsch, den es sehr verlangte, Wronskiy von den Absichten Lewins auf Kity Mitteilung zu machen. »Nein, du würdigst meinen Freund Lewin nicht richtig. Er ist ein sehr nervöser Mensch und gewöhnlich erscheint er unangenehm, das ist ja wahr, aber gleichwohl ist er dafür bisweilen wieder höchst liebenswert. Er besitzt eine so ehrenhafte, rechtschaffene Natur und ein goldenes Herz. Gestern aber hatte er eine besondere Ursache,« fuhr Stefan Arkadjewitsch mit bedeutungsvollem Lächeln fort und gänzlich die aufrichtige Empfindung vergessend, die er gestern für den Freund gehabt hatte; dieselbe äußerte sich jetzt in gleicherweise, aber Wronskiy gegenüber. »Ja, eine besondere Ursache war es, infolge deren er sehr glücklich oder sehr unglücklich werden könnte.«
Wronskiy blieb stehen und frug geradezu: »Was heißt das? Hat er etwa gestern deiner =belle-soeur= eine Liebeserklärung gemacht?«
»Vielleicht,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »mir schien es gestern wenigstens so. Ja, ja, wenn er gestern schon zeitig den Abendcirkel verlassen hat und nicht bei Laune gewesen ist, so wird es schon so gewesen sein. Er ist schon ziemlich lange verliebt und thut mir aufrichtig leid.«
»Da haben wir's. Ich glaube übrigens, das Mädchen könnte auf eine bessere Partie reflektieren,« sagte Wronskiy, sich hochaufrichtend und wieder zu gehen beginnend; »doch ich weiß ja freilich nichts,« fügte er dann hinzu. »Das sind schwierige Situationen und daher zieht eben die große Mehrheit lieber die Bekanntschaften mit den Claras &c. vor. Hier äußert sich ein Fehlschlag wenigstens nur insofern, als der Geldbeutel zu klein gewesen ist, dort aber -- liegt die Ehre auf der Wagschale. -- Indessen, da ist der Zug!« --
In der That pfiff derselbe von fern und nach einigen Minuten erbebte der Perron, und schnaubend in dem von der Kälte nach unten getriebenen Rauch rollte das Dampfroß mit den langsam und stetig sich senkenden und hebenden Kolben des großen Mittelrades und dem sich herabbeugenden, dick angezogenen und reifbedeckten Maschinisten herein. Hinter dem Tender, aber immer langsamer, und den Perron mehr erschütternd, folgte der Bagagewagen mit einem heulenden Hunde und endlich, über kleine Hindernisse springend, kamen die Passagierwaggons.
Ein junger Kondukteur sprang herab, im Laufen einen Pfiff gebend, ihm folgten einzeln die ungeduldigen Passagiere; ein Gardeoffizier in strenger und ernster Haltung um sich blickend, ein beweglicher Kaufmann mit seinem Portefeuille, und heiterem Lachen auf den Zügen -- ein Bauer mit einem Sack quer auf den Schultern.
Wronskiy, neben Oblonskiy stehend, musterte die Waggons und die aus ihnen Heraussteigenden; er hatte seine Mutter ganz vergessen; das, was er soeben betreffs Kitys erfahren hatte, regte ihn an und erfreute ihn. Seine Brust dehnte sich unwillkürlich und sein Auge blitzte auf. Er fühlte sich als Sieger.
»Die Gräfin Wronskiy ist in diesem Coupé,« sagte der junge Kondukteur, an Wronskiy herantretend.
Die Worte des Beamten erweckten diesen und brachten ihm die Mutter in Erinnerung und das bevorstehende Wiedersehen mit ihr.
Er achtete seine Mutter im Grund seiner Seele nicht, und, ohne sich eine Rechenschaft geben zu können, weshalb, liebte er sie auch nicht, obwohl er sich nach den Begriffen der Kreise in denen er lebte, seinem Bildungsgange nach andere Beziehungen zu seiner Mutter als die ehrfurchtsvollsten und ergebensten, nicht denken konnte; diese Beziehungen waren äußerlich um so ergebener und achtungsvoller, je weniger er in seinem Innern Achtung und Liebe hegte.
18.
Wronskiy folgte dem Beamten zu dem Waggon; er blieb an dem Eingang ins Coupé stehen, um einer heraussteigenden Dame Raum zu geben.
Mit dem gewöhnlichen Takte des Weltmannes erkannte Wronskiy auf den ersten Blick in dem Äußern der Dame, daß diese den höchsten Ständen angehörte. Er entschuldigte sich und trat dann in den Waggon, fühlte aber eine Versuchung in sich, nochmals ihr nachzublicken, nicht etwa deshalb, weil sie sehr schön gewesen wäre, nicht wegen ihrer vorzüglichen und decenten Grazie, die über der ganzen Figur lag, sondern deshalb, weil in dem Ausdruck ihrer wohlwollenden Züge, als sie an ihm vorübergeschritten war, etwas ausnehmend Freundliches und Mildes gelegen hatte.
Als er sich umwandte, drehte auch sie das Haupt rückwärts. Ihre glänzenden grauen Augen, die dunkel unter den dichten Wimpern hervorschauten, hafteten aufmerksam auf seinem Gesicht, als habe sie ihn erkannt, dann aber schweiften ihre Augen auf den vorüberwallenden Haufen, als suche sie jemand in diesem.
An diesem kurzen Blick hatte Wronskiy die zurückgehaltene Lebhaftigkeit bemerkt, die auf ihrem Antlitz lag und aus den blitzenden Augen sprühte, aus dem leisen Lächeln sprach, das ihre roten Lippen kräuselte. Etwas gleichsam Übermütiges schien ihr Wesen so zu erfüllen, daß es sich wohl wider ihren Willen bald im Glanz ihrer Augen, bald in ihrem Lächeln ausprägte. Sie schien absichtlich das Feuer ihrer Augen zu dämpfen, aber es leuchtete ihr zum Trotz dann aus dem kaum bemerkbaren Lächeln.
Wronskiy trat in den Waggon. Seine Mutter, eine alte hagere Dame mit schwarzen Augen und Locken, kniff die Augen zusammen, als sie den Sohn erblickte und kräuselte leicht die schmalen Lippen. Sie erhob sich vom Polster, übergab ihrer Zofe ein Beutelchen und reichte dem Sohne die kleine dürre Hand, worauf sie ihn, seinen Kopf mit der Hand hebend, küßte.
»Hast du mein Telegramm erhalten? Bist du wohl? Gott sei Dank?«
»Glücklich angekommen?« antwortete der Sohn, sich neben sie setzend und unwillkürlich einer Damenstimme vor der Thür draußen lauschend. Er wußte, daß dies die Stimme jener Dame sei, die ihm bei seinem Eintritt begegnet war.
»Ich bin aber dennoch nicht mit Euch einverstanden,« sprach die Stimme jener Dame.
»Das ist so petersburgische Ansicht, Gnädigste!«
»Nicht eine petersburgische Ansicht, sondern ein Frauenblick,« antwortete sie.
»Nun, Ihr erlaubt doch -- Eurer Hand einen Kuß« --
»Auf Wiedersehen, Iwan Petrowitsch. Aber seht doch einmal zu, ob nicht mein Bruder hier ist, und sendet ihn dann zu mir,« fuhr die Dame fort, dicht an der Thür stehend und alsdann aufs neue in das Coupé tretend.
»Nun, habt Ihr Euren Bruder angetroffen?« frug die Gräfin Wronskaja, sich an die Dame wendend.
Wronskiy erkannte jetzt, daß diese die Karenina sein müsse.