Anna Karenina, 1. Band

Part 5

Chapter 53,734 wordsPublic domain

»Liebst du nicht Austern sehr?« sagte Stefan Arkadjewitsch, seinen Kelch leerend, »oder bist du nicht bei Laune?«

Er wünschte, daß Lewin heiterer Laune sein möchte, aber anstatt daß dies der Fall war, empfand derselbe vielmehr eine gewisse Beengtheit. Mit alledem, was er in seinem Innern fühlte, war es ihm seltsam und unbequem im Hotel, innerhalb dieser Kabinette, wo man mit Damen dinierte, unter diesem Laufen und Hasten; diese Bronze ringsum, die Spiegel, das Gas, diese Tataren, all das war ihm lästig und er fürchtete, damit die Empfindung zu beflecken, die seine Seele erfüllte.

»Ich? Ja, ich bin nicht recht in Stimmung; überdies jedoch beengt mich hier die Umgebung,« antwortete er. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie alles das hier für mich, einem einfachen Landmann, wunderlich ist; ebenso wunderlich, wie die Fingernägel des Herrn, den ich bei dir gesehen habe« --

»Ja, ja, ich bemerkte wohl, daß die Fingernägel des armen Grinjewitsch dich sehr interessierten,« meinte Stefan Arkadjewitsch lachend.

»Ich kann nicht anders,« versetzte Lewin. »Bemühe dich, mir einmal nachzufühlen, stelle dich auf den Gesichtspunkt eines Landmannes. Wir auf dem Dorfe bemühen uns, unsere Hände in einem Zustande zu erhalten, der sie geeignet macht zur Arbeit; zu diesem Zwecke schneiden wir uns die Nägel, streifen wir die Rockärmel empor. Hier aber lassen die Leute ihre Nägel stehen, so lange sie sich nur erhalten können, und haken sich Spangen wie kleine Schüsseln an, nur damit sie mit den Händen nichts zu thun haben.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte heiter.

»Dies ist ein Zeichen davon, daß hier grobe Arbeit nicht nötig ist. Hier arbeitet eben nur der Geist.«

»Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten, während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu diesem Zwecke noch Austern esse.«

»Läßt sich begreifen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »aber hierin liegt ja eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu verschaffen.«

»Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild zu bleiben.«

»Bleibe immerhin wild. Ihr Lewins seid alle wild.«

Lewin seufzte. Er gedachte seines Bruders Nikolay und es wurde ihm schwer und traurig zu Mute, so daß er die Stirne runzelte, Oblonskiy aber begann soeben von einem Gegenstand zu sprechen, der ihn sogleich hiervon abzog.

»Also fahren wir denn heute Abend zu unseren Schtscherbazkiys?« frug Stefan Arkadjewitsch, die leeren, rauhen Schalen beiseite schiebend und den Käse heranziehend, während sein Auge bedeutungsvoll erglänzte.

»Ja, ich werde unfehlbar fahren,« antwortete Lewin, »obwohl mir schien, als wenn die Fürstin mich nicht gern eingeladen hätte.«

»Was sagst du doch da! Das ist Unsinn, es ist das so ihre Manier -- he, Freund, gieb die Suppe jetzt! Es ist das so ihre Manier, als =grande dame=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Ich werde ebenfalls mit hinkommen, doch muß ich auch noch auf eine Weile zur Gräfin Bonina. Du bist aber doch zu seltsam! Wie soll ich es nur erklären, daß du so plötzlich aus Moskau verschwandest? Die Schtscherbazkiy haben mich ununterbrochen nach dir gefragt, gleich als ob ich das wissen müßte. Ich weiß eigentlich nur das Eine, daß du stets das thust, was niemand sonst thut.«

»Ja, ja,« antwortete Lewin, langsam aber erregt, »du hast recht, ich bin seltsam. Nur beruht meine Seltsamkeit nicht darin, daß ich Moskau verließ, sondern darin, daß ich wiedergekommen bin. Jetzt bin ich wiedergekommen« --

»O du Glücklicher!« unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, Lewin ins Auge schauend.

»Weshalb?«

»Man erkennt die störrigen Pferde an gewissen Zeichen, verliebte Jünglinge erkenne ich an ihren Augen,« deklamierte Stefan Arkadjewitsch. »An dir erkenne ich alles im voraus.«

»Bei dir erkennt man aber alles wohl erst nachher?«

»Nein, nicht gerade nachher; aber du hast eine Zukunft, ich habe nur eine Gegenwart, und die Gegenwart -- ist verpfuscht.«

»Was heißt das?«

»Es geht mir nicht gut. Indessen von mir will ich nicht sprechen, ich kann dir auch nicht alles so offenbaren,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Aber weshalb bist du wieder nach Moskau gekommen? -- Da nimm!« rief er dem Tataren zu.

»Vermutest du?« antwortete Lewin, ohne seine tiefinnerlich leuchtenden Augen von Stefan Arkadjewitsch abzuwenden.

»Ich vermute, kann aber nicht darüber zu sprechen beginnen; schon hieran kannst du erkennen, ob ich richtig oder falsch vermute,« sagte Stefan Arkadjewitsch, mit seinem Lächeln Lewin anblickend.

»Und was hast du mir da zu sagen?« fuhr Lewin mit schwankender Stimme fort, empfindend, daß in seinem Antlitz jeder Muskel bebte. »Wie schaust du auf die Sache?«

Stefan Arkadjewitsch trank langsam sein Glas Jablis aus, ohne das Auge von Lewin zu verwenden.

»Ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »würde nichts so sehr wünschen, als dies, nichts! Das ist das Beste was geschehen könnte.«

»Aber täuschest du dich auch nicht? Du weißt doch hoffentlich, wovon wir jetzt reden,« frug Lewin, sich mit dem Blick an dem Freunde festsaugend; »glaubst du, daß es möglich ist?«

»Ich denke, es ist möglich. Weshalb sollte es unmöglich sein?«

»Nein, nein, denkst du wirklich, daß es möglich ist? Sage mir alles, was du denkst! Wie, wenn mir eine Absage würde? Ich bin sogar überzeugt« --

»Weshalb denkst du denn so?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, lächelnd über diese Erregtheit.

»Nun, mir scheint es bisweilen so; aber es wäre furchtbar, für mich wie für sie.«

»Auf alle Fälle wäre doch für das Mädchen nichts Schreckliches dabei. Jedes Mädchen ist stolz auf einen Antrag.«

»Ja, jedes Mädchen, aber sie nicht.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er kannte schon dieses Gefühl Lewins, und wußte, daß für diesen alle Mädchen in der Welt sich nur in zwei Arten teilten; die eine Art bildeten alle Mädchen in der Welt -- außer ihr -- und diese Mädchen besaßen alle menschlichen Schwächen; sie waren sehr gewöhnliche Menschen; die andere aber -- war sie allein, ohne jegliche Fehler, hocherhaben über alle Menschheit.

»Halt, nimm Sauce,« sagte er, die Hand Lewins festhaltend, welcher die Sauce fortgeschoben hatte.

Lewin nahm sich gefügig die Sauce, ließ aber Stefan Arkadjewitsch nicht zum Essen kommen.

»Halt,« sagte er, »du weißt, daß dies für mich eine Frage auf Leben und Tod ist; ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen, kann auch mit niemand reden, als mit dir. Und doch sind wir beide in allem so verschieden. Verschiedener Geschmack, verschiedene Ansichten, alles; indessen ich weiß, daß du mich liebst und verstehst, und deshalb liebe ich dich so unaussprechlich. Aber bei Gott, sei ganz offen gegen mich.«

»Ich sage dir ja, was ich denke,« antwortete Stefan Arkadjewitsch lächelnd. »Aber ich will dir noch mehr sagen: Mein Weib ist ein -- bewundernswertes Weib.« -- Stefan Arkadjewitsch seufzte, indem er seiner jetzigen Beziehungen zu seinem Weibe gedachte; er schwieg eine Weile und fuhr dann fort: »Sie hat die Gabe des Voraussehens, und erkennt die Menschen durch und durch; aber noch nicht genug damit, sie weiß, auch was kommen wird, besonders in Bezug auf Ehebünde. So hat sie beispielsweise vorausgesagt, daß die Schachowskaja den Brendeljen heiraten werde. Kein Mensch hatte dies glauben wollen und doch ist es so gekommen. Sie aber, ist -- ganz auf deiner Seite.« --

»Inwiefern denn?«

»Insofern, daß sie abgesehen noch davon daß sie dich liebt, sagt, Kity würde unfehlbar dein Weib.«

Bei diesen Worten erglänzte das Gesicht Lewins von einem Lächeln, einem Lächeln, welches den Thränen der Rührung nahe war.

»Das sagt sie?« rief Lewin aus. »Ich habe stets gesagt, daß sie herrlich ist, deine Frau. Nun ist genug, völlig genug gesagt über die Sache,« antwortete er, von seinem Platze aufstehend.

»Gut; aber setze dich doch.«

Lewin war aber nicht imstande, wieder Platz zu nehmen; er ging mit seinen festen Tritten mehrmals in dem kleinen Raume auf und ab, und blinzelte mit den Augen, um die Thränen nicht sehen zu lassen. Erst dann setzte er sich wieder nieder am Tische.

»Verstehe wohl,« sagte er, »das dies keine Liebe ist. Ich war einst verliebt, aber dies ist nicht Liebe. Diese Empfindung ist nicht mein eigen, es ist mehr eine äußere Macht, die mich übermannt. Ich habe ja deshalb Moskau verlassen, weil ich den Beschluß gefaßt hatte, daß es nicht sein dürfe, verstehst du, als ein Glück, wie es in der Welt nicht existiert. Ich kämpfte mit mir, und ich sehe, daß es ohne jenes Eine für mich kein Leben giebt. Ich muß zu einem Ende kommen« --

»Weshalb warest du nur fortgefahren?«

»O, halt, halt, welche Menge von Ideen du bringst; welche Masse von Fragen sind da nötig. Höre also. Du wirst dir freilich nicht vorstellen können, was du mir geleistet hast mit dem was du soeben sagtest. Ich bin so glücklich, daß ich sogar unangenehm werde, ich habe alles vergessen. Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolay -- du kennst ihn doch, er ist hier -- ich habe auch ihn vergessen. Mir scheint, als ob er glücklich wäre. Es ist so etwas von Spleen in ihm. Eines aber ist entsetzlich -- du hast ja geheiratet und kennst das Gefühl -- eines ist entsetzlich, daß wir, die wir schon in die Jahre gekommen sind, keine Liebe kennen, sondern nur Sünden, daß wir uns plötzlich einem reinen, unschuldigen Geschöpf nähern. Dies ist abstoßend, und deshalb kann ich nicht umhin, mich eines solchen unwürdig zu fühlen.«

»Nun, du hast doch der Sünden nicht zu viel auf dem Gewissen.«

»O, immerhin,« sagte Lewin, »immerhin; wenn ich voll Widerwillen mein Leben prüfe, so erzittere ich, verwünsche ich mich und beklage ich mich tief.«

»Was ist aber zu thun? Die Welt ist einmal so eingerichtet,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.

»Es giebt nur einen einzigen Trost, wie in jenem Gebet, das ich stets geliebt habe, nämlich daß man nicht nach seinen Verdiensten Vergebung erlangt, sondern nach der Barmherzigkeit. So wird auch sie mir vergeben.«

11.

Lewin leerte sein Glas und beide schwiegen eine Zeitlang.

»Eins muß ich dir noch sagen. Du kennst wohl Wronskiy?« frug alsdann Stefan Arkadjewitsch Lewin.

»Nein, ich kenne ihn nicht. Weshalb frägst du so?«

»Eine andere Flasche,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an den Tataren, der die Gläser füllte und sich um beide herum bewegte; hauptsächlich dann, wenn er nicht erforderlich war.

»Du mußt Wronskiy deshalb kennen, weil er einer von deinen Nebenbuhlern ist.«

»Was ist das für ein Wronskiy?« frug Lewin, und seine Miene ging von dem Ausdruck des kindlichen Entzückens, mit dem er soeben noch Oblonskiy betrachtete, plötzlich zu dem des Hasses und der Feindseligkeit über.

»Wronskiy ist einer der Söhne des Grafen Kyrill Iwanowitsch Wronskiy, einer der hellsten Sterne der =jeunesse dorée= von Petersburg. Ich habe ihn in Twer kennen gelernt, als ich dort in Dienst stand und er zur Rekrutenaushebung dorthin kam. Er ist ungeheuer reich, schön, hat mächtige Connexionen, ist Flügeladjutant und obenein ein sehr lieber guter Mensch. Aber mehr als dies gilt noch, daß er so, wie ich ihn hier kennen gelernt habe, auch Bildung besitzt und sehr klug ist; er ist ein Mensch, der es weit bringen wird.«

Lewin verfinsterte sich und blieb stumm.

»Nun, dieser Wronskiy also erschien hier, kurz nach deiner Abreise, und ist, so viel ich beurteilen kann, bis über die Ohren verliebt in Kity. Du weißt ja wohl, daß deren Mutter« --

»Entschuldige, aber ich verstehe von alledem gar nichts,« antwortete Lewin, sein Gesicht in finstere Falten legend. Sogleich erinnerte er sich wieder seines Bruders Nikolay und dessen, daß er ihn hatte vergessen können.

»Warte nur ruhig, warte,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd und seine Hand berührend. »Ich habe dir gesagt, was ich weiß und wiederhole, daß in dieser zarten Angelegenheit, so viel ich urteilen kann, mir die Chancen auf deiner Seite zu sein scheinen.«

Lewin warf sich in seinem Stuhle zurück; sein Gesicht sah bleich aus.

»Ich würde dir eben raten, die Sache sobald als möglich zur Entscheidung zu bringen. Heute rate ich dir nicht, zu reden,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »aber morgen früh fahre zu ihr hin und mache ihr eine klassische Erklärung; Gott möge dich dabei segnen.«

»Was übrigens deine Absicht anlangt, zu mir zur Jagd zu kommen, so komme nur im Frühjahr zu mir,« antwortete Lewin. Er bereute jetzt aus ganzer Seele, dies ganze Gespräch mit Stefan Arkadjewitsch begonnen zu haben. Sein »Gefühl«, wie er seine Liebe nannte, war sowohl durch den Bericht über die Konkurrenz eines Petersburger Offiziers, als durch die Vorschläge und den Rat Stefan Arkadjewitschs verletzt.

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er verstand, was in der Seele Lewins vorging.

»Ich werde schon einmal kommen,« sagte er. »Ja, ja, liebster Freund, die Frauenzimmer sind eine Schraube, um die sich alles dreht. Auch meine Situation ist übel, sehr übel. Und alles kommt nur von den Weibern. Sprich einmal aufrichtig,« fuhr er fort, sich eine Cigarre nehmend und mit der anderen das Glas haltend, »und gieb mir einen Rat.«

»Worin?«

»Nun, im folgenden. Nehmen wir an, du wärest verheiratet, liebtest dein Weib, würdest aber von einer anderen verführt« --

»Entschuldige, das verstehe ich entschieden nicht, ebensowenig, wie ich etwa -- es ist ja gleich was ich nehme -- wie ich nicht begreifen könnte, wenn ich mir jetzt, nachdem wir uns satt gegessen haben, an einem Bäckerladen vorübergehend, eine Semmel stehlen sollte.«

Die Augen Stefan Arkadjewitschs glänzten mehr als gewöhnlich.

»Weshalb das? Die Semmel kann bisweilen so appetitlich duften, daß du es doch nicht aushältst:

»Himmlisch ist's, wenn ich bezwungen Meine irdische Begier; Aber doch, wenn's nicht gelungen, Hatt' ich auch recht hübsch Plaisir.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte fein bei diesen Worten, auch Lewin konnte gleichfalls nicht umhin zu lächeln.

»Ja, aber ohne Scherz,« fuhr Oblonskiy fort, »stelle dir vor, daß ein Frauenzimmer ein liebes, sanftes, liebevolles Wesen, arm, einsam, sich ganz dir opfert. Jetzt, da die Sache schon vollendet ist -- verstehe recht -- muß es da verlassen werden? Nehmen wir an, man müsse sich trennen, um das Familienleben nicht zu zerstören, soll man das arme Geschöpf da nicht bemitleiden, nicht unterstützen und seine Not nicht lindern?«

»O, entschuldige mich doch. Du weißt, daß alle Weiber für mich in zwei Klassen zerfallen, oder nein -- richtiger -- es giebt Weiber und es giebt -- ich habe noch keine reizenden, gefallenen Geschöpfe gesehen und will keine sehen; solche aber, wie jene geschminkte Französin dort im Kontor mit ihren Bändern, sind für mich Unrat; überhaupt alle gefallenen sind es.« --

»Und die Büßerin in der Bibel?«

»O, halt' inne! Christus würde diese Worte nie gesprochen haben, hätte er wissen können, wie man mit ihnen Mißbrauch treiben würde. Aus dem ganzen Evangelium kennt man eben nur diese Worte. Übrigens spreche ich nicht das aus, was ich denke, sondern das, was ich fühle; ich habe einen Ekel vor den gefallenen Weibern. Man fürchtet sich wohl vor Spinnen -- ich vor diesem Auswurf. Die Spinnen wirst du freilich wohl nach ihren Eigenarten nicht studiert haben und kennst ihre Art nicht -- ich ebensowenig.« --

»Du hast gut reden; dir ist alles gleichgültig, wie jenem Herrn in einem Romane von Dickens, der alle unbequemen Fragen mit einer Bewegung der linken Hand nach der rechten Schulter von sich abweist; indessen eine Negierung einer Thatsache ist keine Antwort. Was ich thun soll, sage mir, was ich thun soll? Die Frau wird alt und man ist lebenslustig; man hat sich kaum umgeschaut, da fühlt man, daß man sein Weib nicht mehr in Leidenschaft zu lieben vermag, so sehr man sie auch achtet. Die Liebe hat sich dann plötzlich gewandt, sie ist dahin, dahin!« Stefan Arkadjewitsch sprach mit düsterer Verzweiflung.

Lewin lächelte.

»Jawohl; sie ist dahin,« fuhr Oblonskiy fort, »und was soll man dann thun?«

»Jedenfalls keine Semmeln stehlen!«

Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus.

»O, über diesen Moralprediger! Stelle dir doch nur vor; es handelt sich um zwei Weiber; die eine besteht nur auf ihrem Rechte und diese Rechte bestehen in deiner Liebe, die du ihr aber nicht geben kannst, die andere aber opfert sich dir dahin, und fordert nichts dafür. Was sollst du da thun? Wie handeln? Es ist ein entsetzliches Drama.«

»Willst du in der That meine Erklärung über die Sache, so sage ich dir, daß ich nicht glauben kann, es läge hier ein Drama vor. Und zwar aus folgendem Grunde: Nach meiner Meinung dient die Liebe -- jede der beiden Arten von Liebe, wie sie, wie du weißt, Plato im »Gastmahl« definiert, --als Probierstein für die Menschen. Die einen kennen nur die eine Art, die andern nur die andere. Die welche nur die nichtplatonische Liebe kennen, sprechen unnütz über das Vorhandensein eines Dramas. >Ich danke bestens für das gehabte Vergnügen, meine besondere Hochachtung<, das ist hier das ganze Drama. Für die platonische Liebe aber giebt es kein Drama, weil in einer solchen alles offen und rein ist, weil« --

In diesem Augenblick fielen Lewin seine eigenen Sünden bei und er gedachte der inneren Kämpfe, die er durchlebt hatte. Unerwarteterweise fügte er daher hinzu:

»Du kannst übrigens vielleicht doch recht haben; sehr recht. Doch ich weiß nichts, entschieden nichts.«

»Da hat man es,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »du bist ein sehr offener Mensch. Dies eben ist deine Eigenschaft und zugleich dein Fehler. Du bist ein unverfälschter Charakter und möchtest, das ganze Leben sollte sich aus offenkundigen Erscheinungen zusammensetzen, aber dies ist leider nicht der Fall. Daher verachtest du nun die Gesellschaft mit ihrer Dienstpflicht, weil es dich verlangt, zu sehen, daß die Arbeit stets dem Zwecke entspreche, aber dies ist leider auch nicht immer der Fall. Du willst ferner, daß die Thätigkeit eines Menschen stets einen Endzweck habe, daß also auch Liebe und Familienleben stets ein Einheitliches wären, aber auch dies ist leider nicht der Fall. Alle Abwechslung, aller Reiz, alle Schönheit des Lebens besteht aus Licht und Schatten.«

Lewin seufzte und antwortete nichts; er dachte an seine eigenen Angelegenheiten und hörte Oblonskiy gar nicht.

Plötzlich aber empfanden sie beide, daß obwohl sie Freunde waren, miteinander diniert und Wein getrunken hatten, was sie beide doch noch mehr nähern mußte, gleichwohl ein jeder von ihnen nur mit seinen eigenen Dingen zu thun hatte, und den einen die Angelegenheiten des anderen so gar nichts angingen.

Oblonskiy war nicht zum erstenmale dieser vollständigen Trennung an Stelle der Annäherung, wie sie sich heute nach dem Diner zeigte, inne geworden, und er wußte, was bei solchen Gelegenheiten zu thun war.

»Zahlen!« rief er und trat in den Nebensalon, wo er sogleich einen Bekannten, welcher Adjutant war antraf, mit dem er ins Gespräch über eine Schauspielerin und deren Freund geriet. In dieser Unterhaltung mit dem Adjutanten empfand Oblonskiy sogleich Erleichterung von dem Gespräch mit Lewin, der ihn stets zu einer allzu großen geistigen und seelischen Anstrengung veranlaßte.

Als der Tatar mit der Rechnung von sechsundzwanzig Rubel und einigen Kopeken erschien, zu denen noch ein Aufschlag für den Branntwein kam, verzog Lewin, den bei einer anderen Gelegenheit der Anteil seiner Rechnung von vierzehn Rubel als einen Landmann in Schrecken versetzt haben würde, keine Miene darüber, zahlte und begab sich dann nach Hause, um sich umzukleiden und zu den Schtscherbazkiy zu fahren, wo sich sein Schicksal entscheiden sollte.

12.

Die junge Fürstin Kity Schtscherbazkaja zählte achtzehn Sommer. Im vergangenen Winter war sie zum erstenmal in der Öffentlichkeit erschienen und ihre Erfolge in der großen Welt waren größer, als diejenigen ihrer beiden älteren Schwestern, größer als die Fürstin selbst erwartet hatte.

Wenn schon die jungen Männer, die auf den Moskauer Bällen tanzten, fast sämtlich in Kity verliebt waren, hatten sich dieser bereits im Lauf der ersten Saison auch zwei ernste Partieen eröffnet, Lewin, und sogleich nach dessen Abreise der Graf Wronskiy.

Das Erscheinen Lewins zu Beginn des Winters, seine häufigen Besuche und seine offenbare Liebe zu Kity waren der Anlaß zu den ersten ernsten Auseinandersetzungen der Eltern Kitys über deren Zukunft, und zu Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin.

Der Fürst war auf seiten Lewins; er sagte, daß er für Kity keine bessere Partie wünschen könne; die Fürstin aber, mit der den Frauen eigenen Gewohnheit, die Hauptfrage zu umgehen, war der Ansicht, daß Kity noch viel zu jung sei, Lewin noch in keiner Hinsicht bewiesen habe, daß er ernste Absicht hege, daß Kity keine Neigung zu ihm empfinde &c.; die Hauptsache aber sagte sie nicht, nämlich, daß sie auf eine noch bessere Partie für die Tochter warte, und daß Lewin ihr nicht sympathisch war, daß sie ihn nicht verstehe. Als Lewin unerwartet abgereist war, freute sich die Fürstin und sagte triumphierend zu ihrem Gemahl: »Siehst du, ich hatte recht.«

Nachdem Wronskiy erschienen war, geriet sie noch mehr in Freude, in ihrer Meinung bestärkt, Kity müsse nicht einfach nur eine gute Partie machen, sondern eine glänzende.

Für die Mutter gab es gar keine Möglichkeit einer Parallele zwischen Lewin und Wronskiy. Der Mutter gefielen an Lewin dessen seltsame, entschiedene Urteile nicht, seine Plumpheit in der vornehmen Welt, die sich, wie sie annahm, auf Stolz gründete und sein nach ihren Begriffen gleichsam wildes Leben auf dem Dorfe mit seinen Beschäftigungen in der Viehzucht, seinem Verkehr mit den Bauern. Auch dies gefiel ihr nicht sehr, daß er, obwohl in ihre Tochter verliebt, anderthalben Monat hindurch ihr Haus besuchte, als erwarte er etwas; ausschaute, als fürchte er, eine zu große Ehre zu erweisen, wenn er mit einem Antrag käme, und nicht begriff, daß man sich erklären müsse, wenn man ein Haus besuche, dessen Tochter heiratsfähig war. Plötzlich, ohne sich zu erklären, war er abgereist.

»Nur gut, daß er nicht zu sehr anziehend gewesen ist, daß Kity sich nicht in ihn verliebt hat,« dachte die Mutter.

Wronskiy hingegen entsprach allen Wünschen derselben. Er war sehr reich, klug, wissend, im Begriff, eine glänzende militärische Hofcarriere zu machen, ein verführerischer Mann. Man konnte keine bessere Partie wünschen.

Auf den Bällen bewarb sich Wronskiy offen um Kity; tanzte mit ihr, besuchte das Elternhaus und es schien wohl kaum an dem Ernste seiner Absichten ein Zweifel obzuwalten. Aber nichtsdestoweniger hatte sich die Mutter den ganzen Winter hindurch in einem Zustande seltsamer Unruhe und Erregung befunden.

Die Fürstin selbst war vor dreißig Jahren auf die Werbung einer Tante hin in den Stand der Ehe getreten. Ihr Bräutigam, den man schon von vornherein recht wohl kannte, hatte die Braut erblickt, man hatte auch ihn gesehen, die Tante hatte alles erkannt und die wechselseitigen Eindrücke mitgeteilt; diese lauteten günstig und an einem vorherbestimmten Tage wurde den Eltern die erwartete Erklärung gemacht und von ihnen acceptiert. Das alles war äußerst leicht und einfach vor sich gegangen; wenigstens schien es der Fürstin so. Aber an ihren Töchtern hatte sie erfahren, daß es gar nicht so leicht und einfach sei, was so gewöhnlich schien, das Unternehmen, Töchter zu verheiraten. Wie viel Befürchtungen wurden da nicht durchlebt, wie viel Gedanken durchdacht, wie viel Geld verloren, wie viel Zusammenstöße gab es mit ihrem Manne betreffs der Aussteuer der beiden ältesten Töchter, Darjas und Natalys. Jetzt, bei dem ersten Auftreten der jüngsten, durchlebte man die nämlichen Befürchtungen, die nämlichen Zweifel, den nämlichen Streit, diesen aber nur noch größer, als er es bei den älteren Töchtern gewesen war.