Anna Karenina, 1. Band

Part 47

Chapter 473,790 wordsPublic domain

»Aleksey Aleksandrowitsch, verzeiht mir, ich habe nicht das Recht -- aber ich liebe und achte Anna wie eine Schwester; ich bitte und beschwöre Euch, mir zu sagen, was zwischen Euch beiden vorgefallen ist? Wessen beschuldigt Ihr sie?«

Aleksey Aleksandrowitsch runzelte die Stirn und senkte den Kopf, das Auge fest geschlossen.

»Ich glaube, Euer Gatte hat Euch die Ursachen mitgeteilt, wegen deren ich es für erforderlich erachte, meine bisherigen Beziehungen zu Anna Arkadjewna zu ändern,« sagte er, ohne ihr ins Auge zu blicken und mürrisch nach dem durch den Salon schreitenden Schtscherbazkiy schauend.

»Ich glaube es nicht; glaube es nicht und kann es nicht glauben!« fuhr Dolly mit energischer Gebärde, ihre knöchernen Finger vor sich hin ringend, dann erhob sie sich schnell und legte ihre Hand auf den Ärmel Aleksey Aleksandrowitschs. »Man stört uns hier. Kommt doch gefälligst mit hierher!«

Die Erregung Dollys wirkte auch auf Aleksey Aleksandrowitsch ein. Dieser stand auf und folgte ihr gehorsam in das Unterrichtszimmer. Hier ließen sie sich an einem Tische nieder, dessen Wachstuchüberzug von Federmessern zerschnitten war.

»Ich glaube es nicht, glaube es nicht!« fuhr Dolly fort, indem sie sich bemühte, seinen Blick, der sie mied, aufzufangen.

»Es ist unmöglich, an Thatsachen nicht zu glauben, Darja Aleksandrowna,« antwortete er, das Wort Thatsachen betonend.

»Aber was hat sie denn gethan?« frug Dolly, »was hat sie denn eigentlich gethan?«

»Sie hat ihre Pflicht vernachlässigt und ihren Gatten verraten. Das hat sie gethan,« sagte er.

»Nein, nein, das kann nicht sein! Nein, bei Gott, Ihr irrt,« fuhr Dolly fort, mit den Händen an ihre Schläfen fühlend und die Augen schließend.

Aleksey Aleksandrowitsch lächelte kalt, nur mit den Lippen, mit der Absicht, ihr und sich selbst damit die Festigkeit seiner Überzeugung zu beweisen; diese glühende Verteidigung öffnete die Wunde in ihm nur weiter, ohne daß sie ihn irre zu machen vermochte. Er begann mit großer Lebhaftigkeit:

»Es ist sehr schwierig, sich zu irren, wenn ein Weib selbst ihrem Manne die Mitteilung davon macht; wenn sie erklärt, daß acht Jahre ihres Lebens und ein Sohn -- daß alles das ein Irrtum gewesen sei, und daß sie von neuem zu leben beginnen will,« sagte er erbittert, durch die Nase schluchzend.

»Anna und das Laster, -- das kann ich nicht vereinen, das vermag ich nicht zu glauben!«

»Darja Aleksandrowna,« fuhr er fort, jetzt voll in ihr erregtes, gutes Antlitz blickend, und fühlend, daß ihm die Zunge unwillkürlich freier wurde, »gar viel hätte ich darum gegeben, einen Zweifel noch möglich bleiben zu lassen. So lange ich noch zweifelte, da war es mir zwar schwer ums Herz, aber doch leichter, als jetzt. Als ich noch zweifelte, hatte ich noch die Hoffnung, jetzt aber giebt es keine Hoffnung mehr, und doch zweifle ich noch an allem. Ich zweifle so an allem, daß ich meinen Sohn hasse und bisweilen nicht glaube, er sei mein Kind. Ich bin sehr unglücklich.«

Er hätte dies nicht noch zu sagen brauchen. Darja Aleksandrowna erkannte es, sobald sie ihm ins Gesicht geblickt hatte und er begann ihr leid zu thun. Ihr Glaube an die Unschuld ihrer Freundin war erschüttert.

»Ach, das ist schrecklich, schrecklich! Aber solltet Ihr Euch wirklich zur Ehescheidung entschlossen haben?«

»Ich bin zum letzten Schritt entschlossen, mir bleibt weiter nichts übrig.«

»Weiter nichts übrig, nichts übrig,« wiederholte sie mit Thränen in den Augen. »Nein, o nein,« sagte sie.

»Es ist furchtbar gerade bei dieser Art von Leid, daß man hier nicht, wie bei jedem anderen, bei einem Verlust oder Todesfall, sein Kreuz tragen kann, sondern handeln muß,« sagte er, gleichsam ihre Gedanken erratend. »Man muß sich aus dieser erniedrigenden Lage losmachen, in die man versetzt worden ist, denn es geht nicht an, zu Dreien zu leben.«

»Ich verstehe, ich verstehe recht wohl,« sagte Dolly und senkte das Haupt. Sie schwieg und dachte an sich selbst, an ihre unglückliche Ehe; dann erhob sie plötzlich wieder den Kopf mit energischer Gebärde und faltete beschwörend die Hände »aber wartet noch; Ihr seid doch ein Christ, denkt an sie selbst, was soll aus ihr werden, wenn Ihr sie verlaßt?«

»Ich habe schon gedacht, Darja Aleksandrowna; ich habe viel gedacht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch. Auf seinem Gesicht waren rote Flecken erschienen und die trüben Augen richteten sich voll auf sie. Darja Aleksandrowna empfand jetzt aus voller Seele Mitleid mit ihm. »Ich habe es gethan, nachdem mir durch sie selbst meine Schande offenbart worden war -- ich hatte noch alles beim Alten gelassen. -- Ich hatte ihr die Möglichkeit zur Besserung gegeben und bemühte mich, sie zu retten. Aber was geschah? Nicht einmal die leichteste Bedingung hat sie erfüllt -- die Beobachtung des Anstandes« -- sagte er voll Erbitterung. »Man kann aber nur einen Menschen retten, welcher nicht untergehen will; ist nun die ganze Natur so verderbt, so ausschweifend, daß der Untergang selbst ihr noch als Rettung erscheint, -- was ist dann noch zu thun?« --

»Alles; aber nicht die Scheidung!« antwortete Darja Aleksandrowna.

»Was denn dann -- Alles?«

»Nein! Das wäre zu entsetzlich! Sie würde ein verlorenes Weib sein und untergehen.«

»Aber was kann ich thun?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Schultern und die Brauen hochziehend. Die Erinnerung an den letzten Fehltritt seines Weibes hatte ihn so aufgebracht, daß er wieder kalt wurde, wie er es im Anfang des Gesprächs gewesen war. »Ich danke Euch sehr für Eure Teilnahme, allein es wird Zeit für mich« -- er erhob sich bei diesen Worten.

»Ach, bleibt doch noch! Ihr dürft sie nicht verderben! Wartet noch, ich will Euch von mir erzählen. Ich habe geheiratet und mein Mann hat mich betrogen; in Zorn und Eifersucht wollte ich alles verlassen, und wollte selbst -- -- aber ich bin zur Besinnung gekommen. Und wer hatte dies erreicht? Anna hat mich gerettet. Meine Kinder gedeihen nun, mein Mann ist seiner Familie zurückgegeben und fühlt sein Unrecht, er wird sittenreiner, besser und ich lebe. -- Ich habe ihm vergeben, und auch Ihr müßt vergeben!«

Aleksey Aleksandrowitsch hörte ihr wohl zu, aber ihre Worte wirkten nicht mehr auf ihn. In seiner Seele hatte sich wiederum der ganze Groll von jenem Tage geregt, an welchem er sich zur Scheidung entschlossen. Er schüttelte sich und begann mit durchdringender lauter Stimme:

»Vergeben kann ich nicht -- will ich auch nicht -- denn ich halte es für widerrechtlich. Alles habe ich für dieses Weib gethan, und alles hat es in den Kot getreten, der ihr nicht fremd ist. Ich bin kein böser Mensch, ich habe nie jemand gehaßt, sie aber hasse ich mit aller Kraft meiner Seele und ich kann ihr schon deshalb nicht vergeben, weil ich sie zu sehr hasse wegen all des Bösen, das sie mir gethan!« Thränen der Wut lagen in seiner Stimme, als er dies sagte.

»Liebet, die Euch hassen,« flüsterte Darja Aleksandrowna. Aleksey Aleksandrowitsch lächelte verächtlich. Er hatte das längst gewußt, aber es konnte auf seinen Fall nicht angewendet werden.

»Liebet, die Euch hassen, -- aber diejenigen, die man selbst haßt, kann man doch nicht lieben! Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt haben sollte, wir haben ja ein jeder genug des Leides!«

Wieder in Besitz seiner Selbstbeherrschung gelangt, verabschiedete sich Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und ging.

13.

Als man sich von der Tafel erhoben hatte, wollte Lewin Kity in den Salon folgen, doch fürchtete er, ihr könne dies nicht angenehm sein als eine allzugroße Offenheit in seinen Aufmerksamkeiten für sie. Er blieb also im Kreise der Männer zurück, an dem allgemeinen Gespräch teilnehmend. Gleichwohl aber fühlte er, ohne Kity zu sehen, ihre Bewegungen, ihre Blicke und den Platz, an welchem sie sich im Salon befinden mochte.

Sofort und ohne die geringste Selbstüberwindung erfüllte er das Versprechen, welches er ihr gegeben hatte, stets gut über alle Menschen denken und alle lieben zu wollen.

Das Gespräch drehte sich um das Gemeingutwesen, in welchem Peszoff eine gewisse besondere Basis erblickte. Lewin war weder mit Peszoff, noch mit seinem Bruder im Einverständnis, welcher letztere wieder nach seiner Weise die Bedeutung der russischen Obschtschina zugleich anerkannte wie verwarf, allein er sprach mit, um sie zu versöhnen und ihre gegenseitigen Einwände zu mildern. Er interessierte sich ganz und gar nicht für das, was er selbst sprach, und noch weniger für das, was jene äußerten, er wünschte nur das Eine -- daß es ihnen und Allen überhaupt wohl und angenehm sein möchte. Er wußte jetzt, was allein für ihn von Bedeutung war, und dieses Eine war anfangs dort drüben im Salon gewesen, hatte sich aber dann genähert und war in der Thür stehen geblieben. Ohne sich umzuwenden, fühlte er den auf sich gerichteten Blick und ein Lächeln, und nun mußte er sich umwenden. Sie stand in der Thür mit Schtscherbazkiy und blickte ihn an.

»Ich dachte, Ihr wolltet zum Klavier gehen?« sagte er, zu ihr hintretend. »Das fehlt mir freilich auf dem Lande, die Musik.«

»Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke Euch,« sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk, belohnend, »daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!«

»Es ist wahr,« versetzte Lewin, »pflegt es doch meistenteils so zu sein, daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.«

Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich zu der Einsicht gekommen waren, daß das, was sie lange einander zu beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden, als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren, daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren Debatte ab. Dies eben wollte er sagen.

Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen.

»Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man vertritt; dann erst ist es möglich« --

Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt. Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren, fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm überraschend.

Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen.

Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit, daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört.

»Nun,« antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren treuherzigen Augen auf ihn blickend, »das Mädchen kann doch auch so gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich selbst« --

Er verstand ihren Wink.

»Ja, ja,« erwiderte er, »ja, ja, Ihr habt recht, Ihr habt recht!«

Und er hatte jetzt alles verstanden, was Peszoff bei Tische über die Freiheit der Frauen auseinandergesetzt hatte, allein dadurch, daß er in dem Herzen Kitys noch die Furcht vor dem Mägdedienst und der Erniedrigung sah und in seiner Liebe zu ihr diese Furcht vor der Erniedrigung mit empfand und so mit einem Schlage von seinen Einwürfen Abstand nahm.

Eine Pause trat ein; Kity zeichnete noch immer mit der Kreide auf dem Tische. Ihre Augen schimmerten in stillem Glanze, und indem er ihre Stimmung zu teilen suchte, empfand er in seinem ganzen Wesen eine mehr und mehr wachsende, beglückende Aufregung.

»Ah, da habe ich den ganzen Tisch vollgemalt!« sagte Kity und machte, die Kreide niederlegend, eine Bewegung, als wollte sie aufstehen.

»Wie, soll ich jetzt allein hier bleiben ohne sie?« dachte er mit Schrecken und ergriff nun seinerseits die Kreide; »bleibt doch,« sagte er, sich an den Tisch setzend. »Schon lange habe ich Euch nach etwas fragen wollen!«

Er blickte ihr offen in die freundlichen, wenn auch erschreckten Augen.

»Bitte schön, fragt.«

»Nun,« begann er, und schrieb mit Kreide eine Anzahl Anfangsbuchstaben auf den Tisch: »A. I. M. A. E. K. N. S. H. D. O. D.« -- Diese Buchstaben bedeuteten: »Als Ihr mir antwortetet >es kann nicht sein<, so hieß das, >niemals< oder nur >damals<?« --

Es war höchst unwahrscheinlich, daß sie diesen verwickelten Satz hätte verstehen können, aber er schaute sie mit einem Ausdruck an, der bewies, daß sein Leben davon abhinge, ob sie diese Worte verstehe oder nicht.

Sie blickte ihn ernst an; dann stemmte sie die gerunzelte Stirn auf die Hand und begann zu lesen. Bisweilen blickte sie auf ihn, ihn mit ihrem Blick befragend »ist es das, was ich mir denke?«

»Ich habe verstanden,« sagte sie errötend.

»Was ist dies für ein Wort?« frug er, auf das N weisend, mit welchem er das Wort »niemals« bezeichnet hatte.

»Dieses Wort bedeutet >niemals<,« sagte sie -- »aber das ist nicht wahr!«

Schnell wischte er das Geschriebene hinweg, reichte ihr die Kreide und stand auf. Sie schrieb: »I. K. D. N. A. A.« --

Dolly hatte sich völlig über den Schmerz, der ihr durch das Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch verursacht worden war, getröstet, als sie die beiden da bemerkte; Kity, die Kreide in der Hand mit schämigem, glücklichem Lächeln zu Lewin aufblickend und zu dessen schöner Gestalt, wie er über den Tisch gebeugt stand, seinen flammenden Blick bald auf den Tisch, bald auf sie richtend. Plötzlich erhellten sich seine Züge; er hatte verstanden; das Geschriebene bedeutete: »Ich konnte damals nicht anders antworten.«

Er blickte sie scheu und fragend an.

»Nur damals?«

»Ja,« antwortete ihm ihr Lächeln.

»Und -- jetzt?« frug er.

»Lest hier. Ich werde sagen, was ich wünsche; sehr wünsche!«

Sie schrieb die Anfangsbuchstaben: »D. W. D. V. U. V. K. W. G. I.«, das sollte bedeuten: »Daß wir doch vergeben und vergessen könnten, was gewesen ist!«

Er nahm die Kreide mit zitternden Fingern, zerbrach sie und schrieb die Anfangsbuchstaben des folgenden: »Ich habe weder zu vergessen, noch zu vergeben; ich habe nie aufgehört, Euch zu lieben!«

Sie blickte ihn an mit unverändertem Lächeln.

»Ich habe verstanden,« antwortete sie flüsternd.

Er setzte sich nieder und schrieb einen langen Satz. Sie verstand alles und frug ihn nicht, ob sie richtig verstanden habe; sie nahm die Kreide und antwortete sogleich.

Lange Zeit vermochte er nicht zu erkennen, was sie geschrieben hatte, und er blickte ihr häufig in die Augen. Es wurde ihm dunkel vor Glück. Es gelang ihm nicht, die Worte zu interpretieren, die sie meinte, aber in ihren wunderschönen, von Seligkeit schimmernden Augen erkannte er alles, was ihm zu wissen nötig war, und er schrieb drei Buchstaben, war aber noch nicht fertig damit, als sie schon seiner Hand nachgelesen hatte und selbst vollendete, indem sie als Antwort ein »Ja« niederschrieb.

»Spielt Ihr da >Sekretär<?« frug jetzt herantretend der alte Fürst. »Wir müssen nun fort, wenn du rechtzeitig ins Theater willst.«

Lewin erhob sich und begleitete Kity bis zur Thür.

In ihrer Unterhaltung war alles gesagt worden; es war nun ausgesprochen, daß sie ihn liebte, und ihren Eltern mitteilen wolle, daß er morgen früh zu ihnen kommen würde.

14.

Als Kity weggefahren und Lewin allein geblieben war, empfand dieser eine solche Unruhe in ihrer Abwesenheit, eine so unerträgliche Sehnsucht, so schnell als möglich die Zeit bis zum Morgen des anderen Tages hinzubringen, wo er sie wiedersehen sollte um sich für immer mit ihr zu vereinen, daß er vor den noch verbleibenden vierzehn Stunden, die ihm noch ohne sie bevorstanden, wie vor dem Tode erschrak. Er mußte um jeden Preis mit jemand sprechen, und um nicht einsam zu sein, um sich über die Zeit hinwegzutäuschen, wäre Stefan Arkadjewitsch für ihn der willkommenste Partner gewesen; aber dieser fuhr, wie er sagte, zu einem Abend, in Wirklichkeit jedoch nach dem Ballett. Lewin hatte ihm nur sagen können, daß er glücklich sei und ihn liebe und nie, nie vergessen werde, was er für ihn gethan. Der Blick und das Lächeln Stefan Arkadjewitschs bewiesen Lewin, daß jener dieses Gefühl verstehe, wie er es zu verstehen hatte.

»Nun, wäre es jetzt nicht Zeit zum Sterben?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, Lewin gerührt die Hand drückend.

»Nie!« antwortete dieser.

Darja Aleksandrowna hatte ihn gleichfalls beim Abschied förmlich beglückwünscht, und gesagt: »Wie freue ich mich, daß Ihr wieder mit Kity zusammengetroffen seid; man muß eben alte Freundschaften hochhalten!«

Lewin waren diese Worte Darjas unangenehm gewesen. Sie konnte ja doch nicht verstehen, wie erhaben dies alles, wie unzugänglich es für sie war, und sie durfte daher nicht wagen, es zu erwähnen. Lewin verabschiedete sich, gesellte sich aber, um nicht allein sein zu müssen, zu seinem Bruder.

»Wohin fährst du?«

»In eine Sitzung.«

»Ich begleite dich -- geht es?«

»Warum nicht? Komm mit,« antwortete Sergey Iwanowitsch lächelnd, »was ist denn eigentlich heute mit dir?«

»Mit mir? Mit mir ist das Glück,« antwortete Lewin, das Fenster des Wagens herablassend in welchem sie fuhren. »Fühlst du dich hier wohl? Es ist schwül. Mit mir ist das Glück. Weshalb hast du nie geheiratet?« --

Sergey Iwanowitsch lächelte.

»Das freut mich sehr; sie scheint ein reizendes Mädchen« -- begann er.

-- »Sprich nicht so, nicht so, nicht so,« rief Lewin, ihn mit beiden Händen am Kragen seines Pelzes fassend. -- »Ein reizendes Mädchen!« -- Das waren so einfache, prosaische Worte, so wenig seiner Empfindung entsprechend.

Sergey Iwanowitsch begann heiter zu lachen, was bei ihm selten der Fall war.

»Nun, aber ich darf doch sagen, daß ich mich sehr darüber freue.«

»Das darf man erst morgen, morgen; jetzt weiter nichts! Nichts, gar nichts; schweig also,« versetzte Lewin, und fügte dann hinzu, »ich liebe dich sehr; werde ich denn der Sitzung mit beiwohnen können?«

»Versteht sich, kannst du.«

»Wovon ist denn heute die Rede?« frug Lewin, der fortwährend lächelte.

Sie langten in der Sitzung an. Lewin hörte zu, als der Sekretär mit stockender Stimme das Protokoll verlas, welches er augenscheinlich selbst nicht verstand; doch bemerkte Lewin an den Zügen dieses Sekretärs, welch ein lieber, guter und prächtiger Mensch er war. Augenscheinlich wurde ihm das an der Weise, wie er, das Protokoll verlesend, aus dem Kontext kam und in Verwirrung geriet. Es begannen hierauf die Verhandlungen. Man debattierte über gewisse Summen und über die Aufführung einiger Essen. Sergey Iwanowitsch kritisierte beißend zwei Mitglieder der Sitzung und sprach lange und erfolgreich; ein anderes Mitglied, welches sich Notizen auf einem Papier gemacht hatte, geriet anfangs ins Schwanken, replizierte ihm aber dann sehr boshaft und gleichwohl freundlich.

Darauf sprach auch Swijashskiy -- der gleichfalls hier war -- gut und gediegen. Lewin hörte ihnen zu und erkannte klar, daß weder die besprochenen Summen und die Essen da wären, noch, daß die Sprecher wirklich in Erregung geraten wären, sondern alle so gut seien, so vorzügliche Menschen, und alles so gut und friedlich unter ihnen vor sich ginge. Sie selbst störten niemand und alle befanden sich wohl. Bemerkenswert erschien es Lewin, daß sie ihm alle jetzt durch und durch erkennbar waren; er erkannte an kleinen, früher unbemerkbar gewesenen Anzeichen den Geist eines jeden Einzelnen, und sah klar, daß sie alle gut waren. Insbesondere liebte heute jedermann Lewin ganz außerordentlich. Er nahm dies an der Art und Weise wahr, wie man mit ihm sprach, wie freundlich und liebevoll selbst die Unbekannten alle nach ihm blickten.

»Nun, was sagst du, bist du zufrieden?« frug ihn Sergey Iwanowitsch.

»Sehr. Ich hätte nie gedacht, daß dies so interessant sein würde! Herrlich; sehr gut!«

Swijashskiy erschien jetzt bei Lewin und lud ihn zum Thee zu sich ein. Lewin vermochte nicht mehr zu begreifen, noch sich zu entsinnen, worüber er mit Swijashskiy unzufrieden gewesen war, und was er in demselben gesucht hatte. Er war doch ein ganz verständiger und wunderbar guter Mensch.

»Sehr erfreut,« versetzte er und frug nach Gattin und Schwägerin. Durch einen seltsamen Gedankengang, indem nämlich in seiner Vorstellungskraft der Gedanke an die junge Schwägerin Swijashskiys sich mit dem an einen Ehebund verknüpfte, kam es ihm bei, daß er niemand besser von seinem Glück erzählen könne, als der Frau und der Schwägerin Swijashskiys, und so freute er sich darauf, zu diesen fahren zu können.

Swijashskiy erkundigte sich bei ihm über den Gang der Dinge auf dem Dorfe, wie stets so auch jetzt nicht die geringste Möglichkeit annehmend, daß man etwas erfinden könne, was in Europa noch nicht erfunden sei; aber dies war Lewin jetzt durchaus nicht unangenehm. Im Gegenteil empfand er, daß Swijashskiy recht habe, daß sein ganzes Unternehmen eitel sei, und erkannte die bewundernswerte Weichheit und Zartheit, mit welcher Swijashskiy die weitere Ausführung darüber, daß er eine richtige Anschauung vertrat, mied. Die Damen Swijashskiys waren ausnehmend liebenswürdig. Lewin schien es, als ob sie schon alles wüßten, und mit ihm empfänden, und nur aus Zartgefühl nicht davon sprächen. Er verblieb eine Stunde, zwei, drei bei ihnen, im Gespräch über verschiedene Dinge, und doch hatte er dabei immer das im Sinne, was ihm die Seele erfüllte, und er merkte nicht, daß er seine Umgebung entsetzlich langweilte und es längst die Zeit war, wo man sich zur Ruhe begab.

Swijashskiy begleitete ihn bis in das Vorzimmer, gähnend und verwundert über die seltsame Stimmung des Freundes. Es war zwei Uhr.

Lewin kehrte in das Hotel zurück und erschrak bei dem Gedanken daran, daß er jetzt allein mit seiner Ungeduld die ihm noch verbleibenden zehn Stunden werde ausfüllen müssen.

Der jourhabende Diener zündete ihm eine Kerze an und wollte gehen, aber Lewin hielt ihn zurück. Dieser Lakai, von dem Lewin früher nicht Notiz genommen hatte, er hieß Jegor, zeigte sich als ein sehr verständiger und angenehmer, und, was die Hauptsache war, guter Mensch.

»Es ist schwer, Jegor, wenn man nicht schlafen darf, he?« --

»Was ist zu thun! Das ist einmal unsere Pflicht. Die Herren haben ja ein ruhigeres Leben; aber wir müssen rechnen.«

Es zeigte sich, daß Jegor Familie hatte; drei Knaben und eine Tochter, welche Nähterin war und die er an einen Commis in einem Kürschnergeschäft verheiraten wollte.

Lewin setzte hierbei Jegor seine Ansicht darüber auseinander, daß in einem Ehebund die Hauptsache die Liebe sei und man mit dieser stets glücklich sein werde, weil das Glück nur in sich selbst bestehe.

Jegor hörte aufmerksam zu; er verstand offenbar die Idee Lewins vollkommen, aber zu ihrer Bekräftigung machte er eine für Lewin unerwartet kommende Bemerkung, daß er, wenn er bei guten Herren gedient habe, stets mit seinen Herren zufrieden gewesen sei, und daß er auch jetzt mit seinem Herrn völlig zufrieden sei, obwohl derselbe ein Franzose wäre.

»Ein erstaunlich guter Mensch,« dachte Lewin.