Part 45
»Wie geht's, Wasiliy,« sagte er, im Kremphut durch den Korridor schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, »hast dir ja den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr? Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?« -- so hieß der neue Vorgesetzte. --
»Zu Diensten,« antwortete Wasiliy lächelnd, »der Herr haben uns lange nicht beehrt.«
»War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist Nummer sieben?«
Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan Arkadjewitsch eintrat.
»Ah, habt Ihr den geschossen?« rief dieser, »ein vorzügliches Stückchen; eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!«
Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne Überrock und Hut abzulegen.
»Lege doch ab und bleibe ein wenig da!« sagte Lewin, ihm den Hut abnehmend.
»Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,« antwortete Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. »Aber sage mir nur, was du eigentlich im Ausland gemacht hast?« frug er, als der Bauer gegangen war.
»Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.«
»Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.«
»Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf einem Lumpen. Bei uns« --
Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört.
»Ja, ja,« begann er darauf, »es ist sehr wohl möglich, daß du recht hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja Schtscherbazkiy erzählt, -- er ist dir wohl begegnet -- daß du dich in einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode gesprochen hättest.«
»Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,« sagte Lewin. »Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr hoch, aber in Wirklichkeit -- denke nur einmal nach -- ist diese unsere ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur eitel Staub ist!«
»Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!«
»Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald ich ihn zur Ausführung bringen will -- wie etwa wenn ich dieses Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.«
Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins.
»Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.«
»Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut« -- Lewin hatte sich jetzt plötzlich verwickelt, »ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald sterben werden.«
»Warum denn bald?«
»Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber man wird dabei ruhiger.«
»Im Gegenteil, immer lustiger! -- Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;« Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf.
»Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,« sagte Lewin, ihn haltend. »Wann werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.«
»Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicher heute zu mir, zu einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.«
»Ist er denn hier?« frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte, daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie da sein oder nicht, es war ihm gleich.
»Also du kommst?«
»Gewiß.«
»Um fünf Uhr!«
Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam.
8.
Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden, gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt zugesagten Briefes betraf.
Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf.
Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze Angelegenheit zu nichte machen konnten.
Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach Petersburg.
Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung zu geben.
Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten Brieftasche befunden hatten.
Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch die Möglichkeit, ihn auszuführen.
Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden.
»Gleichviel,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, »um so besser, ich werde sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.«
»Laß eintreten,« sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie in eine Mappe steckend.
»Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?« antwortete die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy in das Zimmer.
»Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also wohl hoffen,« begann Stefan Arkadjewitsch heiter.
»Ich kann nicht kommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan Arkadjewitschs über die Ufer trat.
Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf.
»Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?« frug er schwankend auf französisch. »Nein; du hattest es doch schon versprochen. Wir alle rechnen ja auf dich!«
»Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden haben, abgebrochen werden müssen.«
»Wie? Gewiß? Warum denn?« fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort.
»Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib, anstrenge. Ich war gezwungen« --
Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete. Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen.
»O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?« rief Oblonskiy und Schmerz malte sich auf seinen Zügen.
»So ist es.«
»Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben« --
Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm und dem Schwager die nämlichen bleiben würden.
»Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die Scheidung zu fordern,« sagte er.
»Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne Anna, -- entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern -- als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen -- nimm mir es nicht übel -- kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein Mißverständnis vor,« -- sagte er.
»Ja; wäre es nur ein Mißverständnis« --
-- »Entschuldige; ich verstehe« -- unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, »aber natürlich -- doch Eines muß man im Auge behalten -- man soll sich nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu übereilen!«
»Ich habe mich nicht übereilt,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch kühl, »und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem beraten. Ich bin fest entschlossen.«
»Das ist ja entsetzlich!« erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer seufzend. »Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und ich beschwöre dich, thue das!« sagte er, »der Prozeß ist noch nicht begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst, ich beschwöre dich!«
Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen.
»Wirst du dich zu ihr begeben?«
»Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.«
»Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du, abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,« sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. »Selbst für den Fall, daß deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.«
»Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese Angelegenheit,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, »doch sprechen wir nicht mehr davon.«
»Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen? Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist, sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!«
»Wenn Ihr es denn so sehr wünscht -- will ich mitkommen,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch seufzend.
Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte -- über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen, jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat.
»Hast du ihn denn schon gesehen?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mit boshaftem Lächeln.
»Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.«
»Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, »darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger Repräsentant er ist.«
»Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte. Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein vorzüglicher Mensch ist,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Wir haben zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.« Stefan Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. »Herr Gott, schon fünf, und ich muß noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest« --
Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte.
»Ich habe es versprochen und werde kommen,« antwortete er düster.
»Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du wirst es nicht bereuen,« versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf den Kopf, lachte und ging hinaus.
»Um fünf Uhr also, bitte!« rief er noch einmal, sich an der Thür zurückwendend.
9.
Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem gemeinsamen Lager angehörten -- ihre Feinde identifizierten sie -- in diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß. Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein, sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen.
Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy, Turowzyn, Kity und Karenin.
Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen.
Alle saßen wie »Popentöchter auf Besuch«, um mit den Worten des alten Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu schweigen.
Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch begrüßte, schien zu sagen: »Da Bruderherz, du hast mich mit so verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, =Château des fleurs=, das ist etwas für mich!« --
Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm wie ein Fisch zu Besuch war.
Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy, mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten.
Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich, teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten. Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte.
Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit Konstantin Lewin zusammen.
»Ich habe mich doch nicht verspätet?«
»Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.
»Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?« frug Lewin, unwillkürlich errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.
»Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin bekannt machen.«
Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.
Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen wollte.
»Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?« dachte er.
»Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,« brachte er mit Anstrengung heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon, wo er ihrer ansichtig wurde.
Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen -- sie war eine vollständig andere geworden. --
Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat; hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, -- als er zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, -- sowohl ihr selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise bebenden Lippen, ihn erwartend.
Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand.
Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte:
»Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!« Mit verzweifelter Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten.
»Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals gesehen,« antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend, »ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschowo fuhret.«
»Wann denn,« frug sie erstaunt.
»Ihr fuhret nach Jerguschowo,« sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. »Wie verwegen war es von mir, mit diesem rührenden Geschöpf etwas in Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,« dachte er.
Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin.
»Gestattet mir, vorzustellen« -- er nannte beider Namen.
»Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,« erwiderte Aleksey Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend.
»Ihr kennt Euch?« frug Stefan Arkadjewitsch verwundert.
»Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,« lächelte Lewin, »und trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander einen Streich gespielt hatten -- wenigstens ging mir es so.«
»So, so! Darf ich denn nun bitten?« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend.
Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel.