Anna Karenina, 1. Band

Part 44

Chapter 443,511 wordsPublic domain

Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn.

Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos.

»Ist es gefällig,« sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch gewendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten, worauf er die Thür schloß. »Ist es gefällig?« Er wies auf einen Sessel am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen, die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage wieder ein.

»Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des Rechtskonsulenten gefolgt war, »muß ich bemerken, daß die Angelegenheit, in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.«

Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander.

»Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf« --

Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten.

»Ihr kennt meine Familie?« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle« -- er fing abermals eine Motte -- »Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,« sagte der Advokat mit einer Verbeugung.

Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte besonders hervorhebend.

»Ich habe das Unglück,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, »ein betrogener Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen; jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.«

Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes gesehen hatte.

»Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der Ehescheidung?«

»Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.«

»O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,« antwortete der Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung, fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs.

»Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen über diesen Gegenstand bekannt sind,« fuhr dieser fort, »so würde ich doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung gelangen.«

»Ihr wünscht,« antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben, und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend, »daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung Eurer Absicht möglich wird, angebe.« Auf das bestätigende Kopfnicken Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs schauend --: »Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,« -- er sprach mit einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze -- »ist möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen«:

-- »Warten!« -- wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich erst dann wieder nieder; --

»In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;« er sagte dies, den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, »ferner bei Ehebruch;« er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, »die folgenden Unterabteilungen,« er fuhr fort, seine dicken Finger auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, »physische Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des Mannes oder des Weibes,« als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er sie auseinander und fuhr fort: »Dies ist die theoretische Anschauung, doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit ich die thatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.« --

Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe.

»Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen Einräumung -- die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall, muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,« sagte der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun erwartet.

Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort, »das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,« sagte der Anwalt, »glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.«

Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher sogleich zu Hilfe.

»Es können zwei nicht mehr miteinander leben -- das ist das Faktum. Und wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste Mittel.«

Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der Gestattung dieser Maßregel verhinderten.

»Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,« sagte er. »Hier ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf Briefwechsel, den ich besitze.«

Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören.

»Da müßte ich Euch darauf hinweisen,« begann er, »daß Angelegenheiten dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,« sagte der Rechtsanwalt mit einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack der Protopopen dokumentierte. »Die Briefe können unzweifelhaft die Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln, die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur Anwendung von Mitteln verstehen.«

»Wenn es so steht,« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber.

»Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,« rief er diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück.

Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine Motte, »da wird mein Rips gut werden für den Sommer,« dachte er dabei ärgerlich.

»Ihr wolltet vorhin sagen.« -- wandte er sich an Aleksey Aleksandrowitsch.

»Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,« antwortete dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile schweigend so gestanden hatte, hub er an: »Aus Euren Worten kann ich schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.«

»Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,« antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. »Wann kann ich darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfangen?« frug er weiter, sich nach der Thür wendend, während seine Augen und seine Lackstiefeln dabei glänzten.

»In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittelung der Angelegenheit auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr wohl so gütig, mir mitzuteilen?«

»Sehr wohl.«

Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest entschlossen hatte, im nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu beziehen, wie es bei Sugonin war.

6.

Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen, administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung waren.

Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten, erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die Bewohner an ihrem Glauben festhalten &c., Fragen, welche nicht ohne einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind, und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommision eine für Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an.

Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin vorgetragenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was angerichtet worden wäre.

Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung. Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten, und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz Papier vollgeschrieben worden wäre.

Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten, und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen Gouvernements ab.

Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte.

»Ich finde das sehr vornehm,« sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja; »wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall Eisenbahnen giebt?«

Die Fürstin Mjachkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar.

»Ihr habt gut reden,« antwortete sie, »da Ihr Millionen besitzt, ich weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.«

Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit feinem Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen, heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd.

Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen erschien; er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern.

Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren, allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief selbst zu Karenin durch den Schnee hin.

»Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da? War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett >Karenin<; daß du das aber wärest, habe ich nicht vermutet« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. »Sonst wäre ich ja zu dir gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,« sagte er, mit den Füßen aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, »aber welch ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!« wiederholte er dann.

»Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch.

»Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern einmal sehen.«

Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den Schnee zu Darja Aleksandrowna.

»Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?« frug ihn Dolly lächelnd.

»Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch wiederzusehen,« antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. »Wie befindet Ihr Euch?«

»Nun; was macht meine liebe Anna?«

Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan Arkadjewitsch hielt ihn zurück.

»Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer Intelligenz bewirten können.«

»Also kommt, bitte,« sagte Dolly, »wir werden Euch für fünf Uhr oder sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna? Wie lange« --

»Sie befindet sich wohl,« murmelte Aleksey Aleksandrowitsch verbittert. »Sehr angenehm gewesen!« Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem Wagen um.

»Kommt Ihr denn?« rief Dolly noch nach.

Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden Equipagen nicht verstehen konnte.

»Morgen werde ich dich besuchen!« rief Stefan Arkadjewitsch.

Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden.

»Ein seltsamer Kauz,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg.

»Stefan, Stefan!« rief Dolly errötend.

Er wandte sich um.

»Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir Geld!«

»Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich zahle!« Er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe zunickend.

7.

Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa, einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über das Geschenk freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen Hotel wohnten -- mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen, Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum Essen mit heim nehmen wollte.

Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es gab Barsche, Spargel, und als =pièce de résistance= ein wundervolles Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls als =pièce de résistance= unter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey Aleksandrowitsch.

Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff, einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte.

Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude. Derselbe befand sich in der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und Frau nicht richtig sei.

Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte.

Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm.

Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten unangenehmen Umstand.

Er fühlte indessen, daß sich alles »schon machen« werde. »Sie sind alle Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst und Hader geben?« dachte er, als er das Hotel betrat.