Anna Karenina, 1. Band

Part 41

Chapter 413,724 wordsPublic domain

Ein naiver Bauer mit Namen Iwan, der Viehwärter, schien Lewins Projekt vollständig erfaßt zu haben -- dahingehend, daß er an den Erträgnissen des Viehhofes mit seiner Familie Anteil haben sollte -- und er stimmte dem Unternehmen vollständig bei. Als aber Lewin ihm die künftigen Vorteile zu Gemüte zu führen versuchte, drückte sich auf dem Gesicht Iwans Unruhe und das Bedauern aus, daß er nicht alles dies bis zu Ende anhören könne; und er begann sich geflissentlich etwas zu schaffen zu machen, was keinen Aufschub dulde. Er nahm die Heugabel, um Heu aus der Schafhürde zu stechen, oder er spülte mit Wasser, oder schaffte Mist beiseite.

Eine andere Schwierigkeit bestand in dem unbesieglichen Mißtrauen der Bauern, daß die Absicht des Gutsherrn überhaupt in etwas ganz Anderem bestehen könne, als dem Wunsche, sie soviel als möglich zu rupfen. Sie waren fest überzeugt, daß seine eigentliche Absicht, -- was er ihnen auch immer sagen mochte -- doch nur gerade in dem liege, was er ihnen nicht mit sagte. Indem sie sich nun gegenseitig aussprachen, redeten sie wohl viel, sagten aber gleichfalls nicht, was ihre eigentliche Absicht war. Dabei aber stellten die Bauern -- und hier fühlte Lewin, daß jener gallige Gutsbesitzer recht gehabt hatte -- auch noch als erste und festeste Bedingung für jedes Einverständnis ihrerseits, mochte es bestehen worin es wolle, auf, daß sie zu keinerlei neuen landwirtschaftlichen Methoden, mochten diese sein, wie sie wollten, oder zur Verwendung moderner Geräte gezwungen sein sollten. Sie gaben wohl zu, daß der Dampfpflug schneller arbeite, aber sie fanden tausend Gründe, weshalb sie die Geräte nicht anwenden konnten, und so mußte er, obwohl überzeugt, daß man den Komfort der Landwirtschaft immerhin ein wenig tiefer stellen könne, zu seinem Bedauern auf die Vervollkommnung verzichten, deren Nutzen ein so augenfälliger war. Abgesehen von allen diesen Schwierigkeiten indessen, strebte er seinem Ziele nach und im Herbste ging die Sache, oder es schien ihm doch wenigstens so.

Anfangs dachte Lewin daran, sein ganzes Land, so wie es war, den Bauern, den Knechten und dem Verwalter auf Grund der neuen Gesellschaftsstatuten zu überlassen, aber sehr bald überzeugte er sich, daß dies unmöglich war und faßte den Entschluß, die Ökonomie nur zum Teil zu vergeben. Der Viehhof, der Garten, der Gemüsegarten, die Wiesen, die Felder, die in einige Parzellen geteilt waren, sollten nun getrennte Bereiche bilden. Der naive Viehhirt Iwan, der wie es Lewin schien, die Sache am besten von allen aufgefaßt hatte, bildete sich eine Artjel, die vorzugsweise aus den Mitgliedern seiner Familie bestand und wurde Anteilhaber des Viehhofes. Ein abgelegenes Feld, welches acht Jahre lang unbenutzt gewesen war, wurde mit Beihilfe des klugen Zimmermanns Fjodor Rjezunoff von sechs Bauernfamilien auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung übernommen, und der Bauer Schurajeff trat zu den nämlichen Bedingungen in den Besitz der sämtlichen Gemüsegärten. Alles übrige verblieb noch beim Alten, aber diese drei Bereiche bildeten doch schon den Beginn einer neuen Ordnung und beschäftigten Lewin vollständig.

Auf dem Viehhofe ging freilich von nun ab die Sache durchaus nicht besser, als vorher, denn Iwan opponierte eifrig gegen die zu warme Stellung der Kühe und gegen die Herstellung guter Rahmbutter, indem er behauptete, daß eine Kuh bei kühlerer Stellung weniger Futter brauche und daß die von abgerahmter Milch hergestellte Butter vorteilhafter sei; er forderte seine Bezahlung, wie früher, und interessierte sich durchaus nicht dafür, daß das Geld, welches er empfing, nicht ein Lohn war, sondern ein Aufgeld von seinem künftigen Anteil am gemeinsamen Gewinn.

Es war die Wahrheit, daß die Arbeitsgesellschaft des Fjodor Rjezunoff nicht ihre Leistungen verdoppelt hatte, wie dies verabredet worden war, und daß sie sich damit rechtfertigte, daß die Zeit zu kurz bemessen gewesen sei.

Es war die Wahrheit, daß die Bauern dieser Artjel, obwohl sie ausgemacht hatten, die Arbeit nach den neuen Einrichtungen leisten zu wollen, ihr Land nicht als gemeinsam bezeichneten, sondern als verteilt, und mehr als einmal sagten die Mitglieder desselben, ja Rjezunoff selber, zu Lewin: »Wenn Ihr Euch Geld für den Grund und Boden bezahlen ließet, so könntet Ihr ruhiger sein und wir fühlten uns freier.« Außerdem aber schoben die Bauern unter den verschiedensten Vorwänden den mit ihnen vereinbarten Bau eines Viehhofes und einer Trockenscheune auf ihrem Terrain immer wieder hinaus und zogen die Sache bis zum Winter hin.

Es war auch der Fall, daß Schurajeff die übernommenen Gemüsegärten seinerseits wieder in kleineren Partieen an die Bauern verteilen wollte. Er hatte offenbar die Bedingungen falsch, und zwar absichtlich falsch aufgefaßt, unter welchen ihm das Land überlassen worden war.

Lewin empfand freilich auch häufig im Gespräch mit den Bauern und bei der Erklärung aller Vorteile, die sie von dem Unternehmen hätten, daß die Bauern hierbei nur eben dem Klang seiner Stimme lauschten, und dabei recht wohl wußten, sie würden sich von ihm -- mochte er sagen, was er wollte -- nicht überlisten lassen. Ganz besonders merkte er das, sobald er gerade mit dem klügsten unter den Bauern, mit Rjezunoff, sprach. Er bemerkte hier jenes Spiel in den Augen desselben, welches ihm deutlich den Spott über ihn, sowie die feste Überzeugung zeigte, daß wenn denn einmal Einer übers Ohr gehauen werden solle, jedenfalls nicht er, Rjezunoff, der Dumme sein würde.

Ungeachtet alles dessen aber dachte Lewin, die Sache würde sich schon machen, und er würde den Bauern, wenn er strenge Rechnung führte, und fest auf seinen Grundsätzen beharrte, in der Zukunft schon die Vorteile einer solchen Einrichtung beweisen können, so daß sie alsdann von selbst gehen müsse.

Diese Angelegenheiten, zusammen mit denjenigen, welche die in seinen Händen gebliebene Ökonomie betrafen, und mit der Arbeit an seinem Werke, beschäftigten Lewin den ganzen Sommer hindurch derart, daß er fast kaum auf die Jagd kam. Gegen Ende des August hörte er durch den Knecht, welcher den Sattel zurückbrachte, daß die Oblonskiy nach Moskau gereist seien. Er fühlte, daß er mit seiner Unhöflichkeit, nicht auf das Schreiben Darja Aleksandrownas geantwortet zu haben, an die er nur mit Schamröte zu denken vermochte, die Schiffe hinter sich abgebrannt hatte und nun niemals wieder zu ihnen kommen werde.

In der gleichen Weise war er mit Swijashskiy verfahren, den er verlassen hatte, ohne Abschied zu nehmen. Aber auch zu diesem wollte er niemals wieder kommen. Es war ihm jetzt alles ganz gleichgültig; die Aufgabe der Reorganisation seiner Landwirtschaft beschäftigte ihn so sehr, wie noch nie etwas in seinem Leben. Er las die Bücher, die ihm von Swijashskiy gegeben worden waren, und excerpierte sich, was er selbst nicht besaß; er las socialökonomische und socialwissenschaftliche Werke über den Gegenstand, fand aber, wie er erwartet hatte, nichts, was sich auf die ihn beschäftigende Aufgabe bezogen hätte.

In den politischökonomischen Werken, so im Mill, den er zuerst mit größtem Eifer studierte, in der Hoffnung, jeden Augenblick die Lösung der ihn beschäftigenden Fragen zu finden, fand er Gesetze, die aus den Verhältnissen der europäischen Wirtschaftslage deduziert waren, aber er vermochte nicht zu ersehen, weshalb diese Gesetze, auf Rußland gar nicht anwendbar, allgemeingültig sein sollten. Ganz das Nämliche fand er in den socialwissenschaftlichen Werken, sie zeigten entweder ausgezeichnete, aber nicht praktisch anwendbare Phantasieen, von denen er schon als Student angezogen worden war -- oder Versuche zur Verbesserung der Verhältnisse, in welchen sich Europa befand, und mit denen die Landwirtschaft Rußlands nichts gemein hatte. Die politische Ökonomie sagte, daß die Gesetze, auf welchen sich der Reichtum Europas entwickelt hätte, und noch entwickelte, allgemeingültig und unanfechtbar seien. Die Socialwissenschaft sagte, daß die Entwickelung nach diesen Gesetzen ins Verderben führe. Weder die Eine noch die Andere gab Antwort, oder auch nur den geringsten Fingerzeig für das, was Lewin und alle übrigen russischen Landleute und Grundbesitzer mit ihren Millionen von Händen und Desjatinen Landes thun sollten, um diese für die Hebung des allgemeinen Wohlstandes ergiebiger zu machen.

Nachdem er sich einmal mit seiner Aufgabe befaßt hatte, las er gewissenhaft alles, was sich auf seinen Gegenstand bezog und beschloß, im Herbst ins Ausland zu reisen, um denselben an Ort und Stelle noch zu studieren, zu dem Zwecke, daß es ihm in dieser Frage nicht ebenso gehen möchte, wie es ihm schon so oft in verschiedenen Fragen ergangen war. Wenn er nur erst anfing, den Sinn der Worte seines Nachbars zu erfassen und seine eigene Idee auseinanderzusetzen, falls man ihm plötzlich sagen würde: »Habt Ihr nicht Kaufmann, Jones, Dubois, Mitchelli gelesen? Lest diese, sie haben die Frage behandelt!«

Er erkannte jetzt aber klar, daß weder Kaufmann noch Mitchelli ihm etwas sagen konnten und wußte doch, was er wollte.

Er hatte erkannt, daß Rußland herrliches Land besitze, vorzügliche Arbeitskräfte und daß bei manchen Gelegenheiten die Arbeiter und das Land viel produzierten, in der Mehrzahl der Fälle aber, sobald das Kapital nach europäischem Muster angelegt würde, wenig, und daß dies nur daher komme, daß die Arbeiter zwar arbeiten wollten, aber nur nach ihrer eigenen Weise gut arbeiteten, und daß dieser Widerspruch kein zufällig auftretender sei, sondern ein fest bestehender, der seine Begründung im Geiste des Volkes habe.

Er meinte, daß das russische Volk, in seiner Aufgabe, ungeheure unbebaute Landstrecken zu besiedeln und zu bearbeiten, sich, solange nicht alles Land besiedelt sein würde, an dasjenige Verfahren halte, welches dazu erforderlich war, und daß sein Verfahren durchaus nicht so mangelhaft sei, wie man dies gewöhnlich denke. Dies gedachte er theoretisch in seinem Werke, praktisch in seiner Ökonomie darzulegen.

30.

Mit Ende des September wurde das Holz zum Bau des Viehhofes auf das der Artjel überlassene Areal gebracht; die Butter von den Kühen war verkauft und der Gewinn verteilt worden.

In der Ökonomie ging alles ganz ausgezeichnet, oder es schien Lewin doch so. Zu dem Zwecke aber, alles theoretisch zu erklären und sein schriftliches Werk über die Beziehungen des Volkes zum Boden zu vollenden, welches seiner Idee nach nicht nur eine Umwälzung der politischen Ökonomie herbeiführen, sondern diese Wissenschaft vollständig vernichten und den Anfang zu einer neuen machen mußte, war es noch erforderlich, ins Ausland zu gehen und an Ort und Stelle alles zu studieren, was dort in dieser Richtung gethan worden war, damit er überzeugende Beweise dafür fände, daß alles, was dort gethan worden sei, nicht das sei, was nötig war.

Lewin wartete nur noch die Einbringung des Weizens ab, um Geld zu haben und ins Ausland gehen zu können. Aber große Regengüsse stellten sich ein, die ein Hereinbringen des noch im Felde befindlichen Getreides und der Kartoffeln nicht gestatteten, und so blieb alle Arbeit und selbst die Lieferung des Weizens liegen. Auf dem Wege war der Schmutz undurchdringlich und das Wetter wurde schlechter und schlechter.

Am dreißigsten September zeigte sich früh die Sonne, und Lewin begann sich entschlossen zur Abreise zu rüsten in der Hoffnung auf leidliches Wetter. Er befahl, den Weizen aufzuschütten und sandte den Verwalter zum Kaufmann, um Geld holen zu lassen, während er selbst die Felder abritt, um die letzten Bestimmungen vor der Abreise zu treffen.

Nach der Besichtigung aller Arbeiten, durchweicht von den Wasserströmen, die ihm am Halse herunter auf dem ledernen Rock, und an den Stiefelschäften abflossen, aber in heiterster und angeregtester Stimmung, kehrte Lewin gegen Abend nach Hause zurück. Das Unwetter war um diese Zeit noch schlimmer geworden; ein Graupelwetter peitschte das ganz durchnäßte, Ohren und Kopf schüttelnde Pferd so, daß es seitwärts zu gehen begann, Lewin aber unter seinem Baschlik war es ganz wohl zu Mut und heiter schaute er um sich, bald auf die trüben Wasserbäche, die in den Radspuren strömten, bald nach den Wassertropfen, die an jedem überhängenden Aste schwebten, bald auf die weißen Flecken der Graupeln, die auf den Brettern des Steges noch nicht gethaut waren, bald auf das noch saftige fleischige Laub einer Rüster, welches in dichter Masse rings um den entblätterten Baum gefallen war. Ungeachtet der Düsterheit der ihn umgebenden Natur, fühlte sich Lewin bei ganz besonders guter Laune. Die Gespräche mit den Bauern in einem entfernten Dorfe hatten ihm gezeigt, daß diese sich in die neuen Verhältnisse zu gewöhnen begannen.

Sein alter Hausmeister, bei dem er eingesprochen hatte, um sich zu trocknen, hatte augenscheinlich das Projekt Lewins gebilligt und selbst vorgeschlagen, in eine Artjel für Viehhandel zu treten.

»Man muß sein Ziel nur hartnäckig verfolgen und man erreicht schon was man will,« dachte Lewin, »aber arbeiten und sich mühen ist schon des Preises wert. Diese Sache ist nicht meine eigene, persönliche, es handelt sich hier um eine Frage des allgemeinen Wohles. Die ganze Landwirtschaft und namentlich die Lage des ganzen Volkes muß von Grund aus umgewandelt werden! An Stelle der Armut wird ein allgemeiner Reichtum treten, allgemeine Zufriedenheit; an Stelle der Feindschaft Harmonie und ein Bund im gemeinsamen Interesse. Mit einem Worte, eine unblutige Revolution, aber eine erhabene Revolution, hat von dem kleinen Gebiete unseres Kreises aus begonnen, und wird zunächst im Gouvernement um sich greifen, dann in Rußland selbst -- endlich in der ganzen Welt, weil ein richtiger Gedanke nicht unfruchtbar zu bleiben vermag. Dies ist das Ziel, wegen dessen es der Mühe wert ist, zu arbeiten. Daß aber gerade ich es bin, der dies ausführt, ich, Konstantin Lewin, der Nämliche, welcher in der schwarzen Halsbinde zum Balle kam und den die Schtscherbazkaja von sich gewiesen, der so kläglich und nichtig dasteht, -- das hat hierbei gar nichts zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Franklin sich gleichfalls nichtig gefühlt hat und sich selbst nichts zugetraut haben würde, wenn er an sich selbst zurückdachte. Dies sagt also gar nichts. Auch er hatte ja wohl seine Agathe Michailowna, der er seine Geheimnisse anvertraute.«

Mit diesen Gedanken kam Lewin zu Hause an, als die Dämmerung schon hereingebrochen war.

Der Verwalter, der beim Kaufmann gewesen, war angekommen und hatte einen Teil des Geldes für den Weizen mitgebracht. Unterwegs hatte der Verwalter erfahren, daß das Getreide noch überall im Felde stehe, so, daß seine hundertsechzig Haufen im Vergleich zu dem, was die anderen noch draußen hätten, nichts seien.

Nachdem Lewin gegessen hatte, ließ er sich wie gewöhnlich mit dem Buch in der Hand in seinem Sessel nieder und fuhr fort, lesend über seine bevorstehende Reise im Zusammenhang mit seiner Lektüre nachzudenken.

Heute stand die ganze Bedeutung seiner Aufgabe mit besonderer Klarheit vor ihm und wie von selbst ordneten sich in seinem Geiste ganze Perioden zusammen, welche das Wesen seiner Ideen darstellten.

»Das muß ich niederschreiben,« dachte er, »dies soll eine kurze Einleitung, die ich früher für unnötig hielt, bilden.«

Er erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen, und Laska, welcher zu seinen Füßen gelegen hatte, reckte sich, ebenfalls aufstehend, und blickte ihn an, als frage er, wohin er gehen solle. Aber er kam nicht zum Schreiben, weil die Vögte zur Arbeitsbestimmung erschienen waren und Lewin begab sich zu ihnen ins Vorzimmer.

Nach Erledigung dieser Bestimmung, wie der Arbeitsplan für den folgenden Tag genannt wurde und der Anhörung sämtlicher Bauern, die mit ihm zu thun hatten, begab sich Lewin wieder in sein Kabinett und machte sich an die Arbeit. Laska hatte sich unter den Tisch gelegt und Agathe Michailowna saß mit dem Strickstrumpf auf ihrem Platze.

Nachdem er einige Zeit geschrieben hatte, trat Lewin plötzlich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das Bild Kitys vor das Auge, ihre Absage und die letzte Begegnung. Er stand auf und begann im Zimmer auf und abzuschreiten.

»Ihr brauchtet Euch nicht so zu langweilen,« begann Agathe Michailowna, »wozu sitzt Ihr hier zu Hause? Ihr müßtet in die warmen Bäder, da geht man jetzt hin!«

»Übermorgen reise ich auch, Agathe Michailowna, ich muß mein Werk zu Ende bringen.«

»O, Euer Werk! Es ist doch nur, daß Ihr die Bauern beschenkt. Die aber sagen höchstens: >Lohn's ihm der Zar!< Es ist doch zu seltsam, weshalb Ihr Euch soviel um die Bauern sorgt.«

»Ich sorge nicht für sie, sondern handle für mich.«

Agathe Michailowna kannte alle Einzelheiten der Wirtschaftspläne Lewins. Dieser hatte ihr seine Ideen schon häufig mit allen ihren Feinheiten dargelegt und war nicht selten mit ihr in Wortwechsel geraten, wenn er sich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden fühlte. Jetzt aber faßte sie das, was er ihr gesagt hatte, ganz anders auf.

»Es ist eine bekannte Sache, daß man auf sein eigenes Heil am meisten bedacht sein muß,« sagte sie mit einem Seufzer. »Da ist der Parthen Djenisytsch; obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ist er doch so gestorben, wie es der liebe Gott jedermann fügen möchte,« fuhr sie fort, von einem unlängst verstorbenen Bauern sprechend, »man hat ihm das Abendmahl und die letzte Ölung gespendet.«

»Davon spreche ich nicht,« sagte Lewin, »ich sagte, daß ich für meinen Vorteil wirke. Mir ist es nützlicher, wenn die Bauern besser arbeiten.«

»Ja, aber was Ihr auch thun mögt, wenn der Bauer ein Faulenzer ist, so werdet Ihr doch nur die Wurst nach der Speckseite werfen; ist er hingegen ein gewissenhafter Mensch, dann wird er ohnehin arbeiten; wenn nicht, so kann man nichts machen.«

»Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser verwaltet?«

»Ich sage nur das Eine,« versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer Gedankenfolge, »Ihr müßt heiraten, so steht es!« --

Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster, wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte.

Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen eines Wagens in dem Kot draußen.

»Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr langweilig sein,« sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer da wollte, kam.

31.

Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige, wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei nicht die seines Bruders Nikolay.

Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen, war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte, ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte.

Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in Mitleid verwandelt hatte.

So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur noch in der Haut.

Er stand in dem Vorzimmer, mit seinem langen abgezehrten Halse ruckend; indem er sich den Shawl abriß, mit seltsam traurigem Lächeln. Als Lewin dieses friedsame, ergebene Lächeln sah, fühlte er plötzlich, wie ihm ein Schluchzen die Kehle zuschnürte.

»Da, ich bin zu dir gekommen,« begann Lewin mit hohler Stimme, ohne auch nur eine Sekunde die Augen von dem Antlitz des Bruders zu verwenden.

»Ich wollte schon lange kommen, war aber immer unwohl. Jetzt habe ich mich sehr gebessert,« sagte er, seinen Bart mit den langen mageren Handflächen streichend.

»Ja wohl,« versetzte Lewin, und es wurde ihm immer entsetzlicher zu Mut, als er beim Küssen mit den Lippen die Hagerkeit des Körpers seines Bruders fühlte und so nahe dessen seltsam glänzende Augen sah.

Einige Wochen vorher hatte Konstantin Lewin seinem Bruder geschrieben, daß dieser nach dem Verkauf des kleinen Teils des Besitzes, welcher im Hause ungeteilt verblieben war, jetzt seinen Anteil in Höhe von ungefähr zweitausend Rubel in Empfang zu nehmen hätte.

Nikolay sagte ihm nun, er sei wohl gekommen, dieses Geld jetzt in Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um einmal im alten lieben Neste zu sein, die Erde wieder zu berühren, um, wie die alten russischen Heroen, neue Kraft für weitere Thaten zu schöpfen. Trotz seiner jetzt noch mehr gekrümmten Haltung, trotz der bei seiner Größe frappierenden Abgezehrtheit, waren seine Bewegungen, wie immer, schnell und hastig. Lewin führte ihn in sein Kabinett.

Der Bruder kleidete sich sehr sorgfältig um, was er früher nicht zu thun pflegte; er kämmte seine spärlichen Haare, die aufrecht in der Höhe standen, und stieg dann lächelnd nach oben.

Er befand sich in bester und heiterster Stimmung, so wie sich Lewin seiner aus der Kindheit oft erinnert hatte. Selbst Sergey Iwanowitschs gedachte er heute ohne Groll.

Als er Agathe Michailowna erblickte, begann er mit ihr zu scherzen und frug sie nach den alten Dienstboten. Die Nachricht vom Tode Parthen Djenisitschs wirkte unangenehm auf ihn; auf seinen Zügen malte sich Schrecken, doch ermannte er sich sogleich wieder.

»Nun, er war ja auch schon alt,« sagte er und ging dann auf ein anderes Thema über. »Ich gedenke einen Monat bei dir zuzubringen, auch zwei, und dann nach Moskau zurückzukehren. Du weißt wohl, daß mir Mjachkoff eine Stelle zugesagt hat, und daß ich in den Dienst zu treten beabsichtige. Ich richte jetzt mein Leben ganz anders ein,« fuhr er fort, »du weißt wohl, daß ich jene Frauensperson entlassen habe?«

»Marja Nikolajewna? Wie? Weshalb denn?«

»Ach, sie war ein garstiges Geschöpf, -- hat mir eine Masse Unannehmlichkeiten bereitet!« -- Er erzählte indessen nicht, welcher Art diese Unannehmlichkeiten gewesen waren. Konnte er doch nicht mitteilen, daß er Marja Nikolajewna deshalb davongejagt hatte, weil der Thee einmal zu schwach gewesen, und namentlich, weil sie ihn wie einen Patienten behandelte. »Ich will infolgedessen jetzt mein Leben völlig umgestalten. Wie alle anderen habe ich natürlich auch Dummheiten begangen, doch mein Zustand -- den beklage ich nicht. Wenn ich nur erst gesund bin; und meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, gebessert.«

Lewin hörte zu und dachte nach, vermochte aber nicht etwas zu finden, was er sagen sollte. Dies mochte wohl auch Nikolay fühlen, denn er begann den Bruder nach dem Geschäftsgang zu fragen. Lewin war froh, von sich selbst sprechen zu können, weil er so reden konnte, ohne dabei zu heucheln. Er berichtete dem Bruder von seinen Plänen und Arbeiten.