Part 30
Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es nun.
Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt, ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend, ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und begann zu dengeln.
So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, -- als die Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend, langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief, von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit Wasser begossen worden -- außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.
Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön aussah. »Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem ganzen Oberkörper,« dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.
Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.
Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen, den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der Reihe, bei welchem Erholung winkte.
Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken und zogen dieselben über, andere -- und ebenso that Lewin -- zuckten nur frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.
Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen gewährte.
Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit. Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.
Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte, blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.
»Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?« dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten und nun frühstücken mußten.
»Frühstücken, Herr,« sagte der Alte zu ihm.
»Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!«
Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde. Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der Regen ihm das Heu naß gemacht habe.
»Er wird es verderben,« sagte er.
»O, nein, Herr,« antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen Bauernregel hinzu: »=W do[vz]dj kosi, w pogodu grebi=!«
Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.
Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen war.
5.
Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war.
Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im Gehen, -- wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in das saftige Gras schnitte.
Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren, arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte, lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als einzugestehen, daß es ihm sauer werde.
Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken braucht, was man thut.
Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und Lewin damit regalierte.
»Das ist Kwas von mir,« sagte er, »er ist wohl gut?« sagte er und seine Augen zwinkerten dabei.
Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet, wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren.
Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense, während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide, ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke.
Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen.
Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen, so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging.
Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe Stunde -- und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene Schüsseln voll Kwas.
»Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!« sagte er, auf die kleinen weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend. Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne.
»Nun, Herr, wollen wir essen!« sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend, saßen. Die Landleute sammelten sich -- die weiter ab Arbeitenden unter die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras gedeckt worden war.
Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren.
Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln.
Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot, salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu verrichten.
»Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?« frug er dann, sich auf die Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft, daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung, die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe.
Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten -- und alles das war ihm neu.
Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden konnte.
Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonne ungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten.
»Nun, wie denkst du, können wir noch den >Maschkin Werch< mähen?« frug er den Alten.
»Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps wird den wackeren Burschen recht sein.«
Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der »Maschkin Werch« gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde.
»Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen schon schwingen.«
»Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!« vernahm man mehrere Stimmen und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit.
»Haltet euch dazu, Jungen!« rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen vorangehend.
»Geh zu, geh zu!« rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend, »oder ich schneide zu -- hüte dich!« --
Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg hinweg nach dem »Maschkin Werch« gingen.
Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die Waldschlucht, welche »Maschkin Werch« hieß, gelangten. Das Gras in der Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt.
Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an den Wald.
Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge.
Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen.
Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz. »Das ist etwas für meine Alte,« sagte er dabei.
So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden, so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen, keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern und mit Lewin ruhig weiter.
Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit ihm wirkte.
6.
Man hatte den »Maschkin Werch« abgemäht und legte die letzten Schwaden nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher Stimmung heim.
Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der aneinanderklirrenden Sensen.
Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins Zimmer zu ihm hereintrat.
»Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?« frug Lewin, der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte.
»Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?« rief Sergey Iwanowitsch, in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd. »Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend Mücken hereingelassen!« rief er dann.
Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er sorgfältig verschlossen.
»Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ, dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?«
»Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte alles für dich fertig gemacht.«
»Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt will ich gehen und mich waschen.«
»Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,« antwortete Sergey Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. »Geh nun, geh nur schnell,« fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher zusammennehmend, gleichfalls zu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu trennen.
»Wo warst du denn, als es regnete?«
»Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen. Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.« Lewin ging, um sich anzukleiden.
Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger, setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn lächelnd an.
»Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!« fügte er hierauf hinzu, »Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß die Thür wieder geschlossen wird!«
Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy schrieb von Petersburg aus: »Ich habe einen Brief von Dolly erhalten; sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch. Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.«
»Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!« rief Lewin, »wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so braves Weib; nicht wahr?«
»Ist es nicht zu weit?«
»Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich; wir werden zusammen fahren.«
»Sehr angenehm,« antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit. »Guten Appetit hast du!« sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend.
»Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen Ausdruck >Arbeitskur<, bereichern.«
»Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.«
»Nein; nur manchen Nervenleidenden.«
»Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme, die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.«
»Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht dabei. Nicht wahr?« antwortete Lewin. »Was ist nun zu thun, wenn es ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich. Wie?«
»Im allgemeinen,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »bist du, wie ich sehe, mit deinem Tag zufrieden.«
»Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das nicht vorstellen, -- eine Pracht!«
»Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.«
»Wie? Über unsere gestrige Unterredung?« frug Lewin, zufrieden mit den Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit. Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war.
»Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment das persönliche Interesse hinstelltest, während ich glaube, daß ein Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß, welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die Franzosen sagen, allzuviel =primesautière= ist; du willst eine leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.«
Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß er gar nicht zugehört habe.
»So steht es also, Freundchen!« sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der Schulter fassend.