Part 29
Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren -- damit er sich nicht die Füße naß machte -- bis zu dem Weidengebüsch hin, bei welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an den nassen Speichen und Naben sitzen lassend.
Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel, während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel.
Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge, der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren.
»Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?« frug er diesen.
»Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann! Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt -- sie hatten das Pferd ausgespannt,« --
»Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.«
»Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.«
»Und was meinst du zum Wetter?«
»Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.«
Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück.
Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein Ende zu machen.
»Wollen wir nicht aufbrechen?« begann Lewin.
»Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen Gewässers,« sprach Sergey Iwanowitsch. »Diese Wiesenufer,« fuhr er fort, »stets geben sie nur ein Rätsel auf -- verstehst du? Das Gras spricht etwas zum Wasser.«
»Ich verstehe das Rätsel nicht,« versetzte Lewin mißmutig.
3.
»Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Das ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten, dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld, aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.«
»Ich habe ja doch alles versucht,« versetzte Lewin halblaut und ungern, »aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?«
»Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden! Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es etwa einfach die Faulheit?«
»Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe, daß ich nichts thun kann,« sagte Lewin.
Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen, sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein Pferd oder sein Inspektor zu Pferde?
»Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?«
»Eigenliebe,« antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von diesen Worten des Bruders, »kenne ich nicht! Hätte man mir auf der Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle diese Arbeiten sehr wichtig sind.«
»Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?« frug Sergey Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.
»Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst du eigentlich?« antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. »Sollten sie schon fertig sein mit Pflügen?« dachte er.
»O, höre nur noch,« sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches Gesicht in Falten legend, »alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein Falsch liebt -- ich weiß das alles recht wohl -- aber das, was du da sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du versicherst« --
-- »Das habe ich niemals versichert« -- dachte Konstantin Lewin bei sich.
-- »Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht nicht von Bedeutung ist!« Mit diesen Worten stellte ihm Sergey Iwanowitsch die Alternative, »entweder du bist nicht so weit geistig entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe -- ich weiß nicht weshalb -- überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.«
Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies aber kränkte und erbitterte ihn.
»So oder so,« sagte er entschiedenen Tones, »ich sehe nicht ein, daß es möglich wäre« --
»Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein, ärztliche Hilfe einzuführen?« --
»Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises, mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten. Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.«
»Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele aufzählen. -- Wie denkst du denn über das Schulwesen?« --
»Wozu brauchen wir Schulen?«
»Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.«
Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte.
»Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre Kinder in die Schule schicken müßten.«
Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan entworfen.
Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus, lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder.
»Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig. So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des Semstwo schicken müssen?«
»Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.«
»Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter, welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.«
»Nein. Frage, wen du willst,« versetzte Konstantin Lewin in entschiedenem Tone, »ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.«
»Darum handelt sichs jetzt gar nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr erkennen konnte, worauf man antworten solle. »Gestatte,« sagte er, »erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?«
»Das erkenne ich an,« antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis.
Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte.
»Wenn du sie als einen Segen anerkennst,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu arbeiten wünschen.«
»Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,« meinte Konstantin Lewin, errötend.
»Wie? Soeben sagtest du doch« --
»Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich« --
»Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.«
»Nun, gesetzt, es wäre so,« sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran glaubte, »so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so sehr darum sorgen soll.«
»Inwiefern?«
»Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch vom philosophischen Standpunkte aus,« fuhr Lewin fort.
»Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,« antwortete Sergey Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin Erbitterung hervorrief.
»Nun, so höre,« antwortete er erhitzt, »ich bin der Meinung, daß die bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar, wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren, dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.«
»Erlaube,« fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, »das persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die Befreiung des Bauernstandes angeregt hat -- wir haben aber doch gearbeitet!«
»O nein,« rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, »die Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln, welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der Vorsitzende meinen alten dummen Aljoschka frägt, >geben Sie, Herr Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?<«
Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoschka vorstellte; ihm schien, als gehöre auch dies mit zur Sache.
Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern.
»Was willst du denn eigentlich sagen?«
»Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften. Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen, oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich nicht, das kann ich nicht. «
Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte.
»Wenn du nun morgen verurteilt würdest -- sollte es dir lieber sein, wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach altem Stil verurteilte?«
»Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies nicht. Und was willst du!« -- rief er plötzlich, wiederum zu einem völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, »unsere Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht -- ich vermag nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.«
Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung diese Birken hatten erscheinen können -- obwohl er sofort verstand, was sein Bruder damit andeuten wollte.
»Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,« bemerkte er; allein Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem allgemeinen Wohl, und er fuhr fort:
»Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine allgemeine Wahrheit, eine philosophische,« sagte er, das Wort entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden.
Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei sich.
»Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,« sagte er, »die Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin, jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern, teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.« Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. »Was aber dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum. Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum handelt, der vorübergehen wird.«
Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei, fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder nicht verstehen konnte?
Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem Bruder zu antworten.
Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd los und beide fuhren heim.
4.
Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:
Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen -- die Sense eines Bauern genommen und selbst angefangen zu mähen.
Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen. Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.
Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.
Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die größte und beste, schneiden lassen wollte.
»Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,« sagte er, sich bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.
Der Verwalter lächelte und sagte:
»Zu Diensten!«
Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.
»Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,« sprach er, »ich will morgen mit der Heuernte beginnen.«
»Diese Arbeit liebe ich sehr,« versetzte Sergey Iwanowitsch.
»Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen Tag mit arbeiten.«
Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.
»Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, -- den ganzen Tag?« --
»Ja. Das ist sehr hübsch,« antwortete Lewin.
»Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch kaum aushalten?« frug Sergey ohne jeden Spott.
»Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.«
»Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein Sonderling ist.«
»Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.«
»Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.«
»Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.«
Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst, aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.
Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe begonnen hatten, abgelegt worden waren.
Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit seiner Sense breite Reihen schneidend.
Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit, welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm reichte.
»Die ist brauchbar,« sagte Tit, »sie rasiert förmlich, und schneidet wie von selbst,« bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense hinreichend.
Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend, traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn. Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn gewandt hatte.
»Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!« begann der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.
»Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,« antwortete er, hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.
»Wir wollen sehen,« sagte der Alte.
Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte, mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang. Er vernahm hinter sich Stimmen:
»Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!« sagte einer.
»Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,« bemerkte ein anderer.
»Nein, ganz gut so;« sagte ein Dritter. »Siehst du, es geht. Man muß den Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; -- der Herr -- er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser Einem würde dies übel bekommen!«
Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde aushalten können, so ermüdet war er.
Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf, wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.