Anna Karenina, 1. Band

Part 26

Chapter 263,681 wordsPublic domain

Ganz abgesehen davon, daß Kity schon die Beobachtung der Beziehungen dieses jungen Mädchens zur Frau Stahl und zu anderen ihr unbekannten Personen interessierte, empfand diese, wie das oft zu gehen pflegt, eine unerklärliche Sympathie zu dieser Mademoiselle Warenka und fühlte, nach den sich begegnenden gegenseitigen Blicken zu urteilen, daß auch sie gefiel.

Mademoiselle Warenka war nicht mehr in dem Alter, welches man die erste Jugend nennen konnte, sondern sie war gewissermaßen ein Wesen ohne Jugend.

Man konnte sie vielleicht für neunzehnjährig halten -- aber ebenso gut auch für dreißigjährig. Musterte man ihre Züge, so war sie, trotz der krankhaften Farbe ihres Gesichts eher hübsch, als häßlich.

Sie war vielleicht auch hübsch gewachsen, wenn nicht die allzugroße Hagerkeit ihres Körpers gewesen wäre, und der Kopf zu ihrem mittleren Wuchs nicht im Mißverhältnis gestanden hätte. Für die Männerwelt aber mußte sie ja auch nicht anziehend sein. Sie glich einer schönen, zwar noch blätterreichen, aber doch schon verblühten und geruchlos gewordenen Blume.

Abgesehen hiervon aber konnte sie auch noch deshalb für die Männer nicht anziehend sein, weil ihr das abging, was Kity in zu hohem Maße besaß -- die noch gefesselte Lebensglut und das Bewußtsein eigener Anziehungskraft.

Sie schien stets mit einer Aufgabe beschäftigt zu sein, in der es für sie keine Unsicherheit geben konnte, und infolge dessen, schien es, vermochte sie sich auch nicht für Nebensächliches zu interessieren.

Aber gerade mit diesem Widerspruch mit sich selbst zog sie Kity zu sich hin. Kity empfand, daß sie in ihr, in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild für das finden werde, was sie jetzt so sehnlich suchte; ein Lebensinteresse, Würdigung des Daseins, die außerhalb der für Kity so widerlich gewordenen Beziehungen des weiblichen Elements zu dem männlichen lägen, jener Beziehungen, welche ihr jetzt als eine schmachvolle Menschenwarenausstellung, die der Käufer harrte, erschien.

Je mehr Kity ihre unbekannte Freundin beobachtete, umsomehr überzeugte sie sich, daß dieses Mädchen ein solches, wirklich vollkommenes Geschöpf sei, als das sie sich diese gedacht hatte, und umsomehr wünschte sie nun, mit ihr bekannt zu werden.

Beide Mädchen begegneten sich täglich mehrere Male und bei jeder Begegnung sprachen die Augen Kitys »wer bist du und was bist du? Du mußt doch das herrliche Geschöpf in Wahrheit sein, welches ich mir in dir vorstelle. Aber denke nicht,« sprach ihr Blick weiter, »daß ich mir gestatten würde, mich dir freundschaftlich anzuschließen; ich interessiere mich lediglich für dich und liebe dich.«

»Auch ich liebe dich und du bist gut, sehr gut,« antwortete ihr der Blick des unbekannten Mädchens, »und ich würde dich noch viel mehr lieben, wenn ich die Zeit dazu hätte.«

Und in der That, Kity gewahrte, daß sie fortwährend beschäftigt war; entweder holte sie die Kinder der russischen Familie von der Quelle ab, oder sie trug das Plaid für die Kranke und hüllte diese darin ein, oder sie bemühte sich, einen aufgeregten Leidenden zu zerstreuen, oder sie ging, um Gebäck zum Kaffee für jemand auszuwählen und zu kaufen.

Bald nach der Ankunft der Schtscherbazkiy erschienen bei der Morgenkur noch zwei weitere Badegäste, welche eine allgemeine Aufmerksamkeit, freilich nicht angenehmer Art, erregten.

Der eine war ein sehr großer Mann, von gekrümmter Haltung, mit großen Händen und in einem kurzen, schlecht sitzenden, alten Überzieher. Er hatte schwarze, offenherzige, zugleich aber auch furchterweckende Augen. Mit ihm war ein pockennarbiges, aber gutmütig aussehendes Weib von großer Häßlichkeit und in geschmackloser Kleidung.

Nachdem Kity diese beiden als Russen erkannt hatte, begann sie sich in ihrer Einbildungskraft schon einen schönen und rührenden Roman über sie zu machen, aber die Fürstin, aus der Kurliste ersehend, daß dies Lewin Nikolay und Marja Nikolajewna waren, erklärte Kity, welch ein böser Mensch dieser Lewin sei und alle Traumgebilde des jungen Mädchens über diese beiden Menschen entschwanden.

Nicht nur, weil die Mutter ihr dies mitteilte, sondern auch deshalb, weil jener ein Bruder Konstantin Lewins war, erschienen ihr diese Personen plötzlich im höchsten Grade unangenehm.

Dieser Lewin erweckte in ihr jetzt, mit seiner Gewohnheit, mit dem Kopfe zu zerren, ein unbesiegbares Gefühl der Abneigung.

Es schien ihr, als ob in seinen großen, furchterregenden Augen, welche sie hartnäckig verfolgten, eine Empfindung von Haß und Spott läge, und sie bemühte sich, Begegnungen mit diesem Manne zu vermeiden.

31.

Es war ein bodenlos morastiger Tag; der Regen fiel schon den ganzen Vormittag und die Kranken drängten sich in den Veranden mit ihren Sonnenschirmen.

Kity ging mit ihrer Mutter und dem Moskauer Obersten, der heiter in seinem, nach europäischem Schnitt fertig in Frankfurt gekauften Überzieher plauderte.

Sie gingen auf der einen Seite der Veranda und suchten Lewin auszuweichen, der auf der anderen ging. Warenka in ihrem dunkeln Kleide und dem schwarzen Hute mit nach unten gebogenen Krempen, ging mit einer blinden kleinen Französin die lange Veranda hindurch, stets, wenn sie Kity begegnete, freundliche Blicke mit dieser austauschend.

»Mama, darf ich nicht ein Gespräch mit ihr anknüpfen?« frug Kity, ihrer unbekannten Freundin folgend und bemerkend, daß dieselbe zu dem Brunnen schritt, wo man bequem miteinander in Berührung treten konnte.

»Ja wohl, wenn du es so gern willst. Doch werde ich mich selbst zuvor über sie orientieren und zu ihr hingehen,« antwortete die Mutter. »Was findest du denn an ihr Besonderes? Eine Gesellschafterin wird sie doch wohl nur sein. Wenn du willst, werde ich mich mit Madame Stahl bekannt machen. Ich habe ihre =belle soeur= gekannt,« fügte die Fürstin hinzu, stolz das Haupt erhebend.

Kity wußte, daß die Fürstin unangenehm davon berührt worden war, daß Madame Stahl es zu vermeiden suchte, mit ihr Bekanntschaft zu machen, sie drängte sie daher nicht.

»Es ist seltsam, wie lieb sie erscheint!« antwortete sie nur, nach Warenka blickend, gerade als diese der kleinen Französin ein Glas Brunnen reichte. »Seht nur, wie einfach alles bei ihr ist, wie lieb.«

»Deine =engouements= sind mir entsetzlich,« sagte die Fürstin, »gehen wir doch lieber zurück,« fügte sie alsdann hinzu, indem sie bemerkte, daß Lewin in Begleitung seiner Dame und eines deutschen Arztes, mit welchem er sehr laut und heftig sprach, auf sie zukam.

Man wandte sich um, um zurückzukehren, als plötzlich schon nicht mehr ein lautes Sprechen, sondern ein Schreien hörbar wurde.

Lewin war stehen geblieben und schrie, der Arzt aber war gleichfalls in Zorn geraten.

Ein Trupp Menschen sammelte sich um die beiden. Die Fürstin und Kity entfernten sich schleunigst, während sich der Oberst zu dem Haufen gesellte, um in Erfahrung zu bringen, um was es sich handelte.

Nach einigen Minuten hatte derselbe die Damen wieder eingeholt. »Was gab es denn dort?« frug die Fürstin.

»Schimpf und Schande!« antwortete der Oberst. »Vor dem einem muß man sich stets in acht nehmen, daß man mit Russen im Auslande zusammentrifft. Jener große Herr stritt sich mit seinem Arzte und sagte ihm Grobheiten dafür, daß er ihn nicht gesund mache. Dabei schwang er sogar seinen Stock. Es ist einfach eine Schande!«

»O, wie unangenehm!« äußerte die Fürstin, »und womit endete die Scene?«

»Gott sei Dank mischte sich jene Dame hinein, -- die, deren Hut wie ein Pilz aussieht. Sie ist eine Russin wie mir scheint,« sagte der Oberst.

»Mademoiselle Warenka?« frug Kity freudig.

»Ja wohl. Sie verstand schneller fertig zu werden, als jeder andere; nahm jenen Herrn einfach am Arme und führte ihn hinweg.«

»Da seht Ihr, =Maman=,« sagte Kity zu ihrer Mutter, »Ihr wundert Euch, daß ich von ihr entzückt bin!«

Vom folgenden Tage ab bemerkte Kity, ihre unbekannte Freundin beobachtend, daß Mademoiselle Warenka mit Lewin, sowie mit dessen Begleiterin schon in den nämlichen Beziehungen stand, wie mit ihren übrigen Schutzbefohlenen.

Sie stand ihnen bei, unterhielt sich mit ihnen, und machte die Dolmetscherin für das Weib Lewins, welches sich in keiner einzigen fremden Sprache auszudrücken wußte.

Kity begann nun der Mutter noch mehr anzuliegen, ihr die Bekanntschaft mit Warenka zu gestatten, und so unangenehm es der Fürstin auch sein mochte, den ersten Schritt zur Erfüllung des Wunsches mit Madame Stahl bekannt zu werden, welche sich offenbar auf eine unbekannte Eigenschaft viel einbildete, thun zu sollen, stellte sie dennoch Erkundigungen über Warenka an, näherte sich -- nachdem sie Einzelheiten über diese vernommen hatte, welche darauf schließen ließen, daß etwas Übles nicht zu befürchten sei, obwohl sich auch nicht viel Gutes über diese Bekanntschaft ergab -- selbst Warenka und machte sich mit dieser bekannt.

Indem sie die Zeit auswählte, in welcher ihre Tochter zum Brunnen ging, Warenka aber vor dem Bäcker stand, trat die Fürstin zu ihr.

»Gestattet mir, mich mit Euch bekannt zu machen,« begann sie mit ihrem würdevollen Lächeln. »Meine Tochter hat Euch liebgewonnen. Vielleicht aber kennt Ihr mich nicht; ich« --

»Das Vergnügen ist für mich ein ganz besonderes, Fürstin,« antwortete Warenka schnell.

»Welch ein gutes Werk habt Ihr gestern an unserem bemitleidenswerten Landsmann vollbracht,« fuhr die Fürstin fort.

Warenka errötete.

»Ich weiß nicht mehr recht -- wie es scheint -- ich habe doch gar nichts gethan,« antwortete sie.

»O doch; Ihr habt jenen Lewin vor einer Unannehmlichkeit bewahrt.«

»Ach ja; =sa compagne= rief mich herbei und ich habe mich nur bemüht, ihn zu beruhigen. Er ist sehr krank und war mit dem Arzte unzufrieden. Ich habe eben die Gewohnheit, solchen Kranken Beistand zu leisten.«

»Ich habe schon gehört, daß Ihr sonst in Mentone mit Eurer Tante wohnt, wie es scheint mit Madame Stahl. Deren =belle soeur= habe ich ja gekannt.«

»O nein; sie ist nicht meine Tante. Ich nenne sie =maman=, bin mit ihr aber in keiner Beziehung verwandt. Sie hat mich erzogen,« fügte Warenka, wiederum errötend, hinzu.

Dies wurde so einfach gesprochen, so gut, aufrichtig und offenherzig war dabei der Ausdruck ihres Gesichts, daß die Fürstin jetzt begriff, warum ihre Kity diese Warenka liebgewonnen hatte.

»Was macht denn jener Lewin?« frug sie.

»Er wird abreisen,« versetzte Warenka.

In diesem Augenblick kam Kity vom Brunnen zurück, freudeglänzend, daß ihre Mutter mit der unbekannten Freundin bekannt geworden war.

»Nun, Kity, dein lebhafter Wunsch, bekannt zu werden mit Mademoiselle« --

-- »Warenka« -- lächelte Warenka, »so nennt mich alles.«

Kity errötete vor Freude und drückte lange schweigend die Hand der neuen Freundin, welche diesen Druck nicht erwiderte, sondern ihre Hand unbeweglich in der Kitys ruhen ließ.

Warenkas Hand antwortete nicht auf den Druck, aber ihr Gesicht schimmerte in einem stillen freudigen, wenn auch etwas traurigen Lächeln, welches große, aber schöne Zähne zeigte.

»Ich selbst wünschte dies schon längst« -- sprach sie.

»Ihr seid aber so sehr in Anspruch genommen« --

»O; im Gegenteil, in keiner Beziehung,« versetzte Warenka, mußte aber schon in der nämlichen Minute ihre neuen Bekannten verlassen, da zwei kleine Mädchen russischer Nationalität, die Töchterchen eines Kranken zu ihr gelaufen kamen.

»Warenka, =maman= ruft!« riefen sie.

Warenka folgte ihnen.

32.

Die näheren Einzelheiten, welche die Fürstin über die Vergangenheit Warenkas, sowie über deren Beziehungen zu Madame Stahl und über die letztere selbst in Erfahrung gebracht hatte, waren die folgenden:

Madame Stahl, von der die Einen erzählten, daß sie ihren Mann zu Tode geärgert, die Anderen, daß dieser sie durch unmoralischen Lebenswandel aufs Krankenlager gebracht habe, war stets leidend und eine exaltierte Frau.

Nachdem sie, mit ihrem Manne bereits in Trennung, des ersten Kindes genesen, war dieses sogleich nach der Geburt gestorben, und die Verwandten der Frau, ihre Empfindsamkeit kennend, tauschten in der Furcht, diese Nachricht möchte ihr das Leben kosten, das tote Kind aus und legten ihr das in der nämlichen Nacht und im nämlichen Hause in Petersburg geborene Töchterchen eines Hofkoches unter. Dieses Kind war Warenka.

Madame Stahl erfuhr später, daß Warenka nicht ihre Tochter sei, erzog diese aber weiter, um so lieber, als Warenka bald darauf keinen lebenden Verwandten mehr besaß.

Madame Stahl hatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren beständig im Ausland im Süden gelebt, ohne je das Bett verlassen zu haben.

Man erzählte einerseits, daß sich Madame Stahl der Lebensaufgabe gewidmet habe, in der Gesellschaft die Stellung einer Wohlthäterin und hochreligiös gesinnten Frau einzunehmen.

Andere sagten, daß sie seelisch thatsächlich dasselbe hochmoralische Wesen sei, nur auf das Wohl des Nächsten bedacht, als welches sie äußerlich erschien.

Niemand wußte, welcher Konfession sie angehörte, ob sie katholisch, protestantisch oder rechtgläubig sei, aber eins war unzweifelhaft, -- sie stand in freundschaftlichen Verbindungen mit den allerhöchsten Persönlichkeiten aller Kirchen und Glaubensbekenntnisse.

Warenka lebte nun mit ihr beständig im Auslande und alle, welche Madame Stahl kannten, kannten und liebten auch Mademoiselle Warenka, wie jedermann sie nannte.

Nachdem die Fürstin diese Umstände erfahren hatte, fand sie nichts Bedenkliches mehr in der Annäherung ihrer Tochter an Warenka, umsoweniger, als Warenka die feinsten Manieren und die beste Erziehung besaß.

Sie sprach vorzüglich französisch und englisch, und was die Hauptsache war, sie brachte seitens der Madame Stahl die Nachricht, daß diese es bedaure, ihrer Krankheit halber des Vergnügens beraubt zu sein, Bekanntschaft mit der Fürstin zu schließen.

Nachdem Kity mit Warenka bekannt geworden war, erwärmte sie sich immer mehr und mehr für ihre neue Freundin und entdeckte mit jedem Tage neue Vorzüge an ihr.

Die Fürstin, welche erfahren hatte, daß Warenka gut singe, bat diese zu einem Besuch für den Abend, damit sie etwas vortrage.

»Kity ist musikalisch und ein Pianoforte haben wir auch, es ist zwar nicht gut, aber Ihr würdet uns ein großes Vergnügen gewähren,« sagte sie mit ihrem gezwungenen Lächeln, welches besonders in diesem Augenblicke Kity unangenehm war, da diese bemerkt hatte, daß Warenka wenig Neigung zum Singen zu haben schien.

Diese kam indessen am Abend und sie brachte auch ein Notenheft mit. Die Fürstin hatte noch Marja Eugenjewna mit ihrer Tochter und dem Obersten eingeladen. Warenka schien es völlig unberührt zu lassen, daß sich auch ihr unbekannte Personen hier eingefunden hatten, und sie schritt sogleich ans Klavier.

Sie verstand nicht, sich selbst die Begleitung zu spielen, sang aber vorzüglich vom Blatte. Kity, welche gut Klavier spielte, begleitete sie dazu.

»Ihr habt ein ungewöhnliches Talent,« sagte ihr die Fürstin, als Warenka die erste Nummer herrlich vorgetragen hatte.

Marja Eugenjewna nebst ihrer Tochter bedankten sich bei ihr und belobten sie.

»Seht nur einmal,« begann der Oberst durchs Fenster sehend, »welch eine Menschenmenge sich draußen versammelt hat, um Euch zu hören.«

In der That hatte sich ein ziemlich großer Trupp von Menschen unter den Fenstern angesammelt.

»Ich freue mich sehr, daß dies Euch Vergnügen gemacht hat,« versetzte Warenka einfach.

Kity blickte stolz auf ihre neue Freundin. Sie war entzückt sowohl von deren Kunstfertigkeit, wie von ihrer Stimme und ihrem Gesicht, aber vor allem war sie bezaubert von ihrem Auftreten und davon, daß sie offenbar nicht das Geringste von ihrer Gesangskunst hielt und sich dem dafür gespendeten Lobe gegenüber völlig gleichgültig verhielt. Sie schien nur zu fragen, ob sie noch weiter singen solle, oder ob es genug sei.

»Wenn ich das wäre,« dachte Kity bei sich selbst, »wie stolz wollte ich hierauf sein! Wie würde ich mich freuen, diesen Haufen dort unter den Fenstern erblicken zu können. Ihr aber ist alles völlig gleichgültig, und sie treibt nur der Wunsch, niemand etwas abzuschlagen und alles zu thun was >=maman=< angenehm ist. Was mag eigentlich in ihr ruhen? Was verleiht ihr nur diese Kraft, auf alles herabzublicken, sich allem gegenüber in der Ruhe der Unabhängigkeit zu verhalten? Wie gern möchte ich dies erfahren und es von ihr lernen.« So dachte Kity, auf dieses ruhige Antlitz blickend.

Die Fürstin bat Warenka, noch zu singen und Warenka sang ein anderes Lied ebenso glatt, sorgfältig und gut, aufrecht an dem Klavier stehend und mit ihrer kleinen schmächtigen Hand den Takt darauf schlagend.

Das hierauf in dem Heft folgende Lied war italienisch. Kity spielte das Präludium und schaute dann auf Warenka.

»Lassen wir dies aus,« sagte dieselbe errötend.

Kity ließ erschreckt und fragend ihren Blick auf Warenkas Gesicht ruhen.

»Also singen wir ein anderes,« sagte sie hastig, die Blätter umschlagend und sofort inne werdend, daß sich mit diesem Liede irgend eine Erinnerung verknüpft.

»Ach nein,« versetzte Warenka, ihre Hand auf die Noten legend und lächelnd, »nein, nein; singen wir es,« und sie sang so ruhig, kühl und schön, wie vorher.

Nachdem sie geendet hatte, dankten ihr alle nochmals und man begab sich zum Thee. Kity und Warenka gingen in den Garten hinaus, der sich neben dem Hause befand.

»Nicht wahr, es verknüpft sich für Euch eine Erinnerung mit diesem Liede?« frug Kity. »Ihr sprecht nicht?« fügte sie eifrig hinzu, »sagt mir nur -- ist es nicht so?«

»Nein. Warum? -- Doch ich will offen gestehen,« fuhr Warenka, ohne eine Antwort abzuwarten, fort, »daß sich allerdings eine Erinnerung und zwar eine einst sehr traurige, damit verknüpft. Ich liebte einen Mann und dieses Lied hatte ich ihm gesungen.«

Kity blickte mit weit offenen, großen Augen schweigend und verwirrt auf Warenka.

»Ich liebte ihn und er liebte mich; aber seine Mutter wollte nicht und er vermählte sich mit einer anderen. Er lebt jetzt nicht gar weit von hier und bisweilen sehe ich ihn auch. Habt Euch nicht gedacht, daß ich auch einen Roman haben könnte?« sagte sie und auf ihrem angenehmen Gesicht sprühte eine leichte Glut auf, welche -- Kity fühlte dies -- einst die ganze Gestalt erleuchtet haben mochte.

»Warum sollte ich dies nicht haben vermuten können? Wäre ich ein Mann, so würde ich niemand wieder lieben können, nachdem ich Euch kennen gelernt hätte. Nur begreife ich nicht, wie er der Mutter zu Gefallen Euch vergessen und unglücklich machen konnte. Er hat kein Herz gehabt!«

»O doch; er war ein sehr guter Mensch und ich bin auch nicht unglücklich. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich. Aber wollen wir heute nicht mehr singen?« fügte sie hinzu, sich dem Hause zuwendend.

»Wie gut Ihr seid, wie gut!« rief Kity aus, hielt sie zurück und küßte sie. »Könnte ich Euch doch nur ein klein wenig ähnlich sein!«

»Warum wollt Ihr denn einem anderen ähnlich sein? Ihr seid gut, so wie Ihr seid,« sagte Warenka mit ihrem sanften und matten Lächeln.

»Nein; ich bin durchaus nicht gut. Aber sagt mir doch -- halt; setzen wir uns ein wenig!« sprach Kity und zog jene wieder auf einer kleinen Bank neben sich nieder. »Sagt mir, sollte es nicht kränkend sein daran denken zu müssen, daß ein Mensch unsere Liebe verschmäht hat, daß er sie nicht mochte?«

»Er hat sie ja gar nicht verschmäht; ich bin überzeugt, daß er mich geliebt hat, doch er war ein gehorsamer Sohn« --

»Gut, aber wenn er nun nicht nach dem Willen der Mutter gehandelt hätte, sondern einfach selbständig« -- sagte Kity, im Gefühl, daß sie ihr eigenes Geheimnis verrate, und daß ihr Gesicht, flammend von der Röte der Scham, sie bereits überführt habe.

»Dann hätte er unrecht gehandelt und ich müßte ihn tadeln,« antwortete Warenka, die offenbar erkannt hatte, daß die Sache nicht mehr sie, sondern Kity anging.

»Und die Kränkung?« sagte Kity, »die Kränkung läßt sich nicht vergessen, die läßt sich nicht vergessen!« Sie entsann sich bei diesen Worten jenes Bildes auf dem letzten Balle, während der Pause der Ballmusik.

»Inwiefern ist hierbei Kränkung? Ihr habt doch ja nicht schlecht gehandelt?«

»Schlechter als schlecht -- schmachvoll!«

Warenka schüttelte das Haupt und legte ihre Hand auf den Arm Kitys.

»Inwiefern denn schmachvoll?« sagte sie, »Ihr konntet doch dem Manne, der gleichgültig gegen Euch war, nicht sagen, daß Ihr ihn liebtet?«

»Natürlich nicht. Ich habe nie ein Wort davon gesagt, aber er hat es gewußt. Nein, nein, es giebt doch Blicke und Bewegungen. Sollte ich hundert Jahre leben, ich werde es nicht vergessen.«

»Was heißt das? Ich verstehe nicht. Es kann sich doch nur darum handeln, ob Ihr ihn jetzt noch liebt oder nicht,« fuhr Warenka fort, die Dinge mit dem Namen benennend.

»Ich hasse ihn; und kann mir nie vergeben!«

»Was heißt das?«

»Das heißt, erlittene Schmach und Kränkung.«

»O; wenn alle so empfindlich sein wollten, wie Ihr,« sagte Warenka; »es giebt wohl kein Mädchen, welches diese Erfahrung nicht gemacht hätte. Und dabei ist das alles doch so nichtig.«

»Aber was ist denn dann noch von Bedeutung,« erwiderte Kity, mit neugieriger Verwunderung Warenka ins Gesicht blickend.

»O, es giebt gar vieles was Bedeutung besitzt,« lächelte Warenka.

»Und das wäre?«

»Vieles hat ungleich höhere Bedeutung,« antwortete sie, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. In diesem Augenblick jedoch wurde die Stimme der Fürstin aus einem Fenster vernehmbar.

»Kity! Es wird kühl! Nimm doch einen Shawl oder komm in die Zimmer!«

»In der That, es ist Zeit,« sagte Warenka, sich erhebend, »ich muß noch zu Madame Berthe gehen; sie hat mich gebeten.«

Kity hielt sie an der Hand fest und frug sie mit leidenschaftlicher Neugier und Bitte in dem Blick:

»Was, was ist das Wichtigste, was eine solche Ruhe verleiht? Ihr wißt es also, sagt es mir!«

Allein Warenka verstand gar nicht, was Kitys Blick sie frug. Sie dachte nur an das Eine, daß sie heute noch zu Madame Berthe und dann nach Hause müsse zu =maman= zum Thee um zwölf Uhr.

Sie trat in die Zimmer, packte ihre Noten zusammen, verabschiedete sich von allen Anwesenden und wollte gehen.

»Gestattet mir, Euch zu begleiten,« sagte der Oberst.

»Gewiß; wie könntet Ihr allein jetzt zur Nachtzeit gehen?« bestätigte die Fürstin. »Ich werde wenigstens die Parascha mitsenden.«

Kity sah, daß Warenka mit Mühe ein Lächeln bei den Worten, daß sie eine Begleitung nötig habe, unterdrückte.

»O nein; ich gehe stets allein, und mir pflegt nie etwas zuzustoßen,« sagte sie, ihren Hut ergreifend.

Sie küßte Kity hierauf nochmals, und ohne dieser mitgeteilt zu haben, was jenes Höchste sei, verschwand sie mit schnellem Schritt, die Noten unterm Arm in dem Halbdunkel der Sommernacht, ihr Geheimnis mit sich nehmend, was das Höchste sei, was ihr ihre beneidenswerte Ruhe und Würde verlieh.

33.

Kity machte auch mit Madame Stahl Bekanntschaft, und diese Bekanntschaft, im Verein mit der Freundschaft Warenkas, übte nicht nur einen mächtigen Einfluß auf sie aus, sie tröstete sie auch in ihrem Leid.

Kity fand diesen Trost darin, daß sich ihr, dank dieser Bekanntschaft, eine vollständig neue Welt erschlossen hatte, die nichts gemeinsames mit der bisherigen besaß, eine erhabene, schöne Welt, von deren Höhe herab man ruhig auf die frühere blicken konnte.

Es zeigte sich ihr, daß außer dem instinktiven Dasein, welchem Kity sich bis jetzt dahingegeben, auch ein geistiges Leben existierte.

Dieses Leben offenbarte sich als die Religion, aber als eine Religion, welche nichts gemeinsam hatte mit jener, die Kity von Kindheit auf kannte, und welche sich in dem allabendlichen Hochamt im Witwenhaus verkörperte, wo man Bekannte treffen konnte und kirchenslavische Texte mit dem Geistlichen auswendig lernte.

Dies war eine höhere Religion, eine geheimnisvolle, verbunden mit einer Reihe der herrlichsten Ideen und Empfindungen, die man nicht nur glauben durfte, weil es so vorgeschrieben war, sondern die man lieben konnte.