Anna Karenina, 1. Band

Part 22

Chapter 223,836 wordsPublic domain

Aber eine Eigenschaft besaß dieses Pferd, welches alle Mängel vergessen machte, diese Eigenschaft war seine Abstammung, jene Abstammung, die ostentativ ist, wie der englische Ausdruck besagt. Die Muskeln stark zwischen dem Netze der Adern hervortretend, welches auf der feinen, zuckenden und glatten, atlasartigen Haut sich erstreckte, erschienen so fest, als wären sie Knochen. Der hagere Kopf mit den hervorstehenden, glänzenden Augen die sich bei dem Schnauben der Nüstern zu erweitern schienen, deren zarte Haut immer wie mit Blut übergossen aussah.

In der ganzen Gestalt des Tieres, und insbesondere an seinem Kopfe prägte sich ein bestimmter, energischer und zugleich zarter Ausdruck aus; dieses Pferd war eines jener Tiere, welche, wie es schien, nur deshalb nicht sprechen, weil die organische Einrichtung ihres Maules dies nicht gestattet.

Wronskiy wenigstens kam es vor, als empfinde das Tier alles, was er empfand, als er den Blick auf dasselbe richtete.

Kaum war er in die Nähe des Pferdes getreten, als dasselbe tief Luft einzog und sein hervorstehendes Auge derart drehte, daß das Weiße wie mit Blut unterlaufen erschien. Hierauf blickte es von der entgegengesetzten Seite nach den Eingetretenen, schüttelte den Beißkorb und trat fortwährend von einem Fuße auf den anderen.

»Seht, wie es sich erregt hat!« rief der Engländer.

»Mein schönes Pferd!« rief Wronskiy zu dem Tiere tretend und ihm zuredend. Indessen je näher er dessen Kopfe kam, um so ruhiger wurde es plötzlich, während seine Muskeln unter dem dünnen, zarten Haar spielten.

Wronskiy klopfte ihm den festen Hals, ordnete einen Büschel Mähnenhaare, der auf die falsche Seite gefallen war, auf dem schmalen Nacken und näherte sich mit dem Gesicht den offenstehenden zarten Nüstern, die denen einer Fledermaus ähnlich waren. Das Pferd zog schnaubend die Luft ein und stieß sie dann aus den geblähten Nüstern wieder hinaus, bebend, das spitze Ohr dicht anlegend, und die harte, schwarze Lippe gegen Wronskiy lefzend, als wünsche es, ihn am Ärmel anzupacken. Doch seines Beißkorbes inne werdend, schüttelte es diesen und begann dann wiederum, von einem auf den anderen Fuß zu stampfen.

»Sei ruhig, mein Guter, sei ruhig!« sagte er, ihm mit der Hand nochmals den Rücken hinunterstreichend in dem frohen Bewußtsein, daß sich sein Pferd in dem besten Zustande befinde, der sich denken lasse. Hierauf verließ er den Stall.

Die Aufregung des Pferdes hatte sich auch Wronskiy mitgeteilt. Dieser empfand, daß ihm das Blut zum Herzen trat und es ihm ebenso zu Mute sei, wie seinem Pferde, daß es ihn verlangte, sich Bewegung zu machen, zu beißen. Es war ein ängstlich beklommenes, und doch freudiges Gefühl.

»So hoffe ich also auf Euch,« sagte er zu dem Engländer, »um sechs und ein halb Uhr heißt es auf dem Platze sein.«

»Ganz wohl,« versetzte dieser. »Aber wohin fahrt Ihr, Mylord?« frug er plötzlich, die Benennung Mylord, die er früher fast nie gebraucht hatte, anwendend.

Wronskiy hob erstaunt den Kopf und blickte, wie er dies recht wohl zu thun verstand, nicht in die Augen, sondern auf die Stirne des Engländers, erstaunt über die Kühnheit der Frage desselben.

Als er indessen inne wurde, daß der Engländer diese Frage an ihn richtete, indem er ihn nicht als seinen Herrn sondern als den Jockey betrachtete, antwortete er:

»Ich muß zu Brjanskiy, doch werde ich in einer Stunde wieder hier sein. Zum wievieltenmale hat man heute wohl diese Frage an mich gestellt,« sagte er zu sich selbst und errötete, was ihm sonst selten zu passieren pflegte.

Der Engländer blickte ihn aufmerksam an, und fuhr, gleich als ob er wüßte, wohin jener gehe, fort:

»Die Hauptsache ist, der Ruhe zu pflegen vor dem Reiten,« sagte er, »keine seelische Mißstimmung sich schaffen und sich in keiner Beziehung zerstreuen.«

»=All right=,« lächelte Wronskiy, sprang in den Wagen und ließ sich nach Peterhof fahren.

Er war kaum einige Schritte gefahren, da bewegte sich eine Wolke, die schon am Morgen mit Regen gedroht hatte herauf und es goß nun in Strömen von oben herab.

»Das ist dumm,« dachte Wronskiy, das Schutzdach des Wagens aufrichtend. »Es war schon so morastig genug, nun aber wird ein vollendeter Sumpf entstehen. In der Stille seines geschlossenen Wagens sitzend, zog er wiederum den Brief der Mutter hervor und den des Bruders und las beide durch.

»Ja, ja, es ist stets ein und dasselbe. Alle, seine Mutter, sein Bruder, jedermann schien es für nötig zu finden, sich in seine Herzensangelegenheiten zu mischen. Diese Einmischung aber erweckte in ihm den Zorn, ein Gefühl, das er sonst selten empfand. Was geht das sie an? Weshalb hält es ein jeder für seine Pflicht, sich um mich zu kümmern? Warum dringen sie so in mich? Wohl deshalb, weil sie sehen, daß es sich hier um etwas handele, was sie einfach nicht verstehen. Wäre dies noch eine einfache, fashionable Liaison, so würden sie mich in Ruhe lassen, aber sie fühlen, daß es sich hier um etwas anderes handelt, nicht um eine Spielerei, und daß jenes Weib mir teurer ist, als das Leben. Dies ist ihnen unbegreiflich und deshalb verdrießt es sie. Mag unser Schicksal sich gestalten wie es wolle, wir selbst haben es uns geschaffen und wir dürfen uns nicht über dasselbe beklagen,« so sprach er zu sich selbst, im Geiste sich bei dem Worte »wir« mit Anna vereinend. »Nein, sie müssen uns erst beibringen, wie man leben solle? Sie haben gar nicht das Verständnis dafür, was Glück ist; sie wissen gar nicht, daß ohne diese Liebe für uns kein Glück vorhanden ist, aber auch kein Unglück -- kein Leben,« dachte er bei sich.

Er geriet über alle diese Einmischungen namentlich deshalb in Zorn, weil er in seinem Innern fühlte, daß sie alle nur zu sehr Recht hätten. Er empfand wohl, daß die Liebe, die ihn mit Anna vereint hielt, nicht eine zeitweilige Neigung war, die vorübergehen werde, wie alles in der großen Welt veränderlich ist, und keine anderen Spuren im Leben das Einen oder des Anderen zurückläßt, als angenehme oder unangenehme Erinnerungen.

Er fühlte all das Peinliche sowohl seiner als ihrer Lage, all die Schwierigkeit angesichts der Kompromittierung vor den Blicken der Welt, in der sie verkehrten, ihre Liebe zu verheimlichen, zu lügen und zu täuschen; zu lügen und zu betrügen und unaufhörlich auf die Umgebung Rücksicht nehmen zu müssen, obwohl doch die Leidenschaft die sie beide band, so mächtig war in ihnen, daß sie alles andere vergaßen, außer dieser Leidenschaft.

Er gedachte lebhaft aller der so häufig sich wiederholenden Fälle der Notwendigkeit zu lügen und zu betrügen, die seiner Natur doch sonst so fremd waren; er dachte besonders lebhaft daran, was er schon öfter bei sich bemerkt hatte, daß das Gefühl der Beschämung über diese Zwangslage zu Lug und Trug in ihm aufgekeimt war.

Seit der Zeit seines Verhältnisses zu Anna hatte er eine ihn bisweilen nur überkommende seltsame Empfindung. Es war das Gefühl des Ekels über etwas Unbestimmtes -- ob vor Aleksey Aleksandrowitsch, vor sich selbst, oder vor der ganzen Welt -- er wußte es nicht genau.

Daher suchte er dies seltsame Gefühl stets von sich zu weisen -- aber gleichwohl setzte er den Gang seiner Gedanken jetzt fort.

»Ja, sie war vordem unglücklich, aber stolz und still; jetzt aber kann sie nicht mehr ruhig und würdevoll sein, wenngleich sie auch dem nicht Ausdruck verleiht. Es muß entschieden ein Ende nehmen,« beschloß er endlich bei sich selbst.

Zum erstenmal kam ihm klar der Gedanke in den Kopf, daß er zweifelsohne dieses Lügenleben abbrechen müsse und zwar je schneller um so besser; »wir müssen alles verlassen; sie und ich, und müssen uns beide an einem fremden Orte allein mit unserer Liebe verbergen,« so sprach er zu sich selbst.

22.

Der Regenguß währte nicht lange Zeit, und als Wronskiy im vollen Trab des Rassepferdes, welches die beiden ohne Zügel beigespannten, im Morast nebenher laufenden Beipferde nach sich zog, ankam, schaute bereits die Sonne wieder hervor und die Dächer der Villen, die alten Linden in den Gärten zu beiden Seiten der Hauptstraße schimmerten in feuchtem Glanze; von den Zweigen tropfte das Wasser lustig hernieder, von den Dächern rann es herab.

Er dachte schon nicht mehr daran, daß dieser Regen die Rennbahn verderben werde, sondern er freute sich darüber, daß er dank diesem Regen sie daheim und allein antreffen würde. Wußte er doch, daß Aleksey Aleksandrowitsch, erst unlängst aus dem Bade zurückgekehrt, noch nicht von Petersburg herübergekommen war.

In der Hoffnung, Anna allein zu finden, stieg Wronskiy wie er dies stets zu thun pflegte, um weniger Aufsehen zu erregen, aus, ohne über das Brückchen vor dem Hause zu fahren, und ging zu Fuß hinein. Er schritt auch nicht von der Straße zur Freitreppe empor, sondern begab sich in den Hof.

»Ist der Herr schon angekommen?« frug er den Gärtner.

»Nein, aber die Herrin ist daheim. Wollt Ihr nicht die Freitreppe hinaufgehen, es sind dort Leute, die Euch öffnen werden,« versetzte der Gärtner.

»Nein, ich will vom Garten aus hineingehen.«

Nachdem er sich so überzeugt hatte, daß sie allein sei, schritt er, im Wunsche sie zu überraschen, da er ihr nicht versprochen hatte, heute zu ihr zu kommen, und sie infolgedessen nicht daran denken konnte, daß er noch vor den Rennen sie besuchen werde, vorsichtig den Säbel aufnehmend über den Sand des Weges der mit Blumen eingesäumt war, zur Terrasse, welche nach dem Parke hinausging.

Wronskiy hatte jetzt alles vergessen, was er unterwegs über die Schwierigkeit und Beengtheit seiner Lage gedacht hatte, er dachte jetzt nur das Eine, daß er sie im nächsten Augenblick schon sehen sollte, und zwar nicht nur im Geiste, sondern in der Wirklichkeit, so wie sie lebte, wie sie war.

Er hatte schon, so leise als möglich, um jedes Geräusch zu vermeiden, die Terrasse betreten, als ihm plötzlich etwas einfiel, was er stets vergessen hatte, das, was den peinlichsten Punkt in seinen Beziehungen zu ihr bildete -- ihr Söhnchen mit seinem fragenden, ihm feindselig erscheinenden Blick.

Dieser Knabe war häufiger als alle anderen ein Hindernis in ihrem beiderseitigen Verhältnis gewesen. Wenn er anwesend war, wagte es weder Wronskiy noch Anna, irgend etwas selbst andeutungsweise zu berühren, was sie in Anwesenheit aller nicht hätten berühren können, ja sie gestatteten sich selbst nicht einmal, in Andeutungen zu sprechen, welche der Knabe noch nicht verstehen konnte.

Sie sprachen kein Wort hierüber, und alles wurde, gleichsam als wäre dies selbstverständlich, einfach unterdrückt. Hätten sie es doch für eine Beleidigung der eigenen Person angesehen, wenn sie dieses Kind täuschten und so sprachen sie in seiner Gegenwart nur, wie alte Bekannte eben zu reden pflegen.

Aber ungeachtet dieser Vorsicht, sah Wronskiy dennoch häufig den Blick des Knaben starr, aufmerksam und zweifelnd auf sich gerichtet und fühlte eine seltsame Scheu und Unsicherheit, bald Freundlichkeit, bald Kühle und Beklommenheit in den Beziehungen desselben zu sich.

Es war als ob das Kind es fühlte, daß zwischen diesem Manne und seiner Mutter eine ernste Verbindung bestehe, deren Bedeutung er nur noch nicht zu erkennen vermochte.

In der That fühlte der Knabe, daß er diese geheimen Beziehungen nicht begreifen könnte; er strengte sich an, vermochte aber nicht, sich das Gefühl klar zu machen, welches er diesem Manne gegenüber empfinden mußte.

Mit diesen Ahnungen in der Erklärung jenes Gefühles, erkannte der Knabe recht wohl, wie sein Vater, die Gouvernante, die Amme, alle um ihn herum, Wronskiy nicht nur nicht liebten, sondern vielmehr mit Abscheu und Schrecken nach ihm blickten, obwohl niemand von ihm sprach, sowie, daß seine Mutter ihn wie ihren besten Freund betrachtete.

Was bedeutet das? Wer ist dieser Mann? Wie soll ich ihn lieben? Da ich dies nicht verstehen kann, so bin ich thöricht oder schlecht, dachte das Kind, und hiervon rührte sein forschendes, fragendes, teils feindseliges Benehmen, seine Schüchternheit und Ungleichheit her, die Wronskiy so verlegen machte.

Die Gegenwart dieses Kindes rief stets wieder in Wronskiy jenes seltsame Gefühl unerklärlichen Widerwillens hervor, welches er in der letzten Zeit in sich empfunden hatte. Sie rief in ihm und in Anna ein Gefühl hervor, welches dem eines Seefahrers ähnlich war, der nach dem Kompaß schaut und sieht, daß die Richtung in der er sich schnell vorwärts bewegt, weit von der richtigen abliegt, und daß es doch nicht in seinem Vermögen steht, diese Bewegung zu hemmen, daß ihn dabei jede Minute weiter und weiter mit fortführe und er sich gestehen müsse in dieser Entfernung von der vorgeschriebenen Richtung -- das alles gleichgültig sei und man sich in das Verderben fügen müsse.

Dieses Kind mit seinem naiven Blick auf das Leben war der Kompaß, der beiden den Grad ihrer Verirrung von dem zeigte, was sie genau kannten, aber nicht kennen wollten.

Heute war der kleine Sergey nicht zu Haus und Anna war vollständig allein. Sie saß auf der Terrasse, die Rückkehr ihres Kindes erwartend, welches gegangen war, um sich im Freien zu tummeln und Regentropfen zu haschen. Sie hatte einen Diener und eine Zofe es zu suchen geschickt und saß nun wartend allein.

Anna war in eine weiße Robe gekleidet und saß in einer Ecke der Terrasse hinter Blumen, ohne ihn kommen zu hören.

Das schwarzgelockte Haupt neigend, drückte sie die Stirn an die kalte Vase, welche auf dem Geländer stand und hielt sich an derselben mit ihren beiden schönen Händen, an welchen die Ringe staken, die ihm so wohlbekannt waren. Die Schönheit ihrer ganzen Erscheinung, des Hauptes, des Halses, der Hände, überraschte Wronskiy stets von neuem und berührte ihn gleichsam von neuem wie etwas Unerwartetes.

Er stand, voll Entzücken auf sie blickend. Kaum aber wollte er einen Schritt vorwärts thun, um sich ihr zu nähern, da empfand sie seine Nähe, sie ließ die Vase los und wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu.

»Was ist Euch, fühlt Ihr Euch nicht wohl?« frug er sie auf französisch, ihr näher tretend. Er wollte auf sie zueilen, warf aber zuvor, indem er sich ins Gedächtnis rief, daß Fremde da sein könnten, einen Blick nach der Balkonthür und errötete, wie er stets errötete, wenn er fühlte, daß er in Furcht und Vorsicht handeln müsse.

»Nein; ich bin gesund,« versetzte sie, sich erhebend und seine dargereichte Hand fest drückend. »Ich erwartete dich nicht« --

»Mein Gott, wie kalt diese Hände sind!« rief er aus.

»Du hast mich erschreckt,« antwortete sie: »ich bin allein und erwarte meinen Sergey; er ist spielend fortgelaufen, sie müssen von hierher kommen.«

Obwohl sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, bebten ihre Lippen.

»Verzeiht mir, daß ich gekommen bin, aber ich vermochte den Tag nicht zu verbringen, ohne Euch nur einmal wiederzusehen,« fuhr er französisch fort, wie er stets that, wenn er das unmöglich klingende, kalte russische »Ihr« ebenso wie das gefahrbringende russische »du« umgehen wollte.

»Weshalb verzeihen? Ich freue mich ja!«

»Aber Ihr seid doch unwohl oder verstimmt,« fuhr er fort ohne ihre Hände freizulassen und sich zu ihr herniederbeugend. »Woran dachtet Ihr?«

»Nur immer an Eins,« antwortete sie lächelnd.

Sie sagte damit die Wahrheit. Wenn es auch sein mochte, zu jeder Minute zu der man sie hätte fragen mögen, woran sie denke, konnte sie ohne einen Irrtum befürchten zu müssen, antworten, daß sie nur an das Eine, an ihr Glück und an ihr Unglück, gedacht habe.

Auch jetzt hatte sie daran gedacht, als er zu ihr kam; sie dachte daran, weshalb für die anderen, für Bezzy zum Beispiel -- sie kannte deren vor der Welt geheim gehaltenes Verhältnis zu Tuschkewitsch -- alles dies so leicht war, für sie selbst aber so qualvoll.

Heute quälte sie dieser Gedanke unter dem Drucke verschiedenartiger Erwägungen ganz besonders. Sie erkundigte sich nach den Rennen, er antwortete ihr, da er wahrnahm, daß sie sich in Aufregung befinde, im Bemühen sie zu zerstreuen und begann ihr in möglichst unbefangenem Tone Einzelheiten über die Anstalten zu den bevorstehenden Rennen zu erzählen.

»Soll ich es sagen oder nicht?« dachte sie hierbei, in seine ruhigen, freundlichen Augen blickend. »Er ist so glücklich, so beschäftigt mit seinen Rennen, daß er nichts verstehen wird, wie es nötig ist, daß er nie die ganze Bedeutung, die dieses Verhältnis für uns hat, erkennen wird.«

»Aber Ihr habt nur noch nicht gesagt, woran Ihr dachtet, als ich eintrat,« fuhr er fort, sein Gespräch abbrechend, »sagt mir es doch, bitte!«

Sie antwortete nicht, sondern blickte nur, den Kopf ein wenig neigend, verstohlen und fragend mit ihren schimmernden Augen unter den langen Wimpern nach ihm empor. Ihre Hand, mit einem abgepflückten Blatte spielend, zitterte. Er gewahrte dies und sein Gesicht drückte wieder jene Ergebenheit, jene knechtische Hingebung aus, die sie dereinst so sehr gewonnen hatte.

»Ich sehe, daß etwas vorgefallen ist. Kann ich aber eine Minute ruhig sein, wenn ich weiß, daß Ihr ein Leid tragt, welches ich nicht teilen soll? Sprecht zu mir, um Gottes willen,« sprach er in beschwörendem Tone.

»Ich würde es ihm nie verzeihen, wenn er nicht die ganze Bedeutung der Sache erfassen könnte. Es ist daher besser, ich spreche gar nicht; weshalb eine solche Probe machen,« dachte sie bei sich selbst, ihn beständig anblickend und fühlend, wie ihre Hand mit dem Blatte mehr und mehr zu zittern begann.

»Bei Gott beschwöre ich Euch,« wiederholte er, ihre Hand ergreifend.

»Soll ich sprechen?«

»Ja, ja!«

»Ich bin gesegnet,« sprach sie leise und langsam.

Das Blatt in ihrer Hand bebte noch stärker, sie aber ließ ihn nicht aus den Augen, um zu ergründen, wie er die Nachricht aufnehme.

Er war bleich geworden, wollte etwas antworten, hielt aber inne. Dann ließ er ihre Hand frei und senkte den Kopf.

»Ja, er hat sie erfaßt, die Bedeutung dieses Ereignisses,« dachte sie und drückte ihm dankbar die Hand.

Aber sie irrte in der Annahme, daß er die Tragweite dieser Nachricht so begriffen hätte wie sie, das Weib, sie erfaßte.

Mit verzehnfachter Macht empfand er bei derselben die Wirkung jenes seltsamen, ihn öfter überkommenden Gefühls des Ekels vor etwas ihm Unbekannten, zugleich aber erkannte er auch, daß jene Krise, die er ersehnt hatte, jetzt herbeikam, daß jetzt vor dem Gatten nichts mehr verheimlicht werden könne und daß es notwendig werde, so oder so, möglichst schnell dieser unnatürlichen Situation ein Ende zu machen.

Nichtsdestoweniger aber teilte sich auch ihm ihre physische Erregung mit. Er schaute mit mildem ergebenen Blick auf sie, küßte ihre Hand, erhob sich und begann langsam auf der Terrasse umherzugehen.

»Ja wohl;« sagte er, entschlossen zu ihr hintretend. »Weder ich noch Ihr haben auf unser Verhältnis so geblickt, daß wir es etwa als Spielerei aufgefaßt hätten. Heute aber hat sich unser Geschick entschieden. Wir müssen unfehlbar ein Ende machen,« sagte er, sich umblickend, »mit dieser Lüge, in der wir leben.«

»Ein Ende machen? Inwiefern denn, Aleksey?« frug sie leise.

Sie hatte sich jetzt beruhigt und ihr Gesicht strahlte in zärtlichem Lächeln.

»Den Mann verlassen und unser Leben vereinigen.«

»Es ist ja ohnehin schon vereinigt,« bemerkte sie kaum vernehmbar.

»Ja, indessen ganz, vollständig muß dies geschehen.«

»Aber wie denn, Aleksey, wie denn, belehre mich doch!« frug sie, mit traurigem Lächeln über die hoffnungslose Verwickelung ihrer Lage. »Giebt es denn einen Ausweg aus solcher Lage? Bin ich nicht das Weib meines Gatten?« --

»Es giebt Auswege aus jeder Lage. Man muß nur einen Entschluß fassen,« sagte er. »Alles wird besser sein, als diese Situation, in welcher du dich befindest. Ich sehe ja, wie du dich mit allem selbst peinigst, mit der Welt, deinem Sohne und deinem Manne.«

»O, nur nicht mit dem Manne,« versetzte sie mit treuherzigem Lächeln. »Ich weiß nichts von ihm und denke seiner nicht. Er ist für mich nicht da.«

»Du sprichst nicht aufrichtig. Ich kenne dich. Du machst dir ein Gewissen über ihn.«

»Aber er weiß es doch nicht,« sagte sie und eine helle Röte stieg ihr plötzlich in das Gesicht; Wangen, Stirn und Hals erröteten und Thränen der Scham traten ihr in die Augen. »Wir wollen nicht mehr von ihm sprechen.«

23.

Wronskiy hatte schon mehrfach, wenn auch nicht so entschieden, versucht, wie jetzt, Anna zu einer Beurteilung ihrer Lage zu veranlassen. Er war stets auf jene Oberflächlichkeit, jenen Leichtsinn im Urteilen gestoßen, mit dem sie ihm auch jetzt geantwortet hatte auf seine Aufforderung.

Es lag etwas darin, was sie sich gleichsam nicht klar machen konnte oder wollte, gleich als ob, sobald sie nur hierüber zu sprechen begann, sie selbst in sich selbst hineingehen müßte, und als eine ganz andere wieder aus sich herauskäme, als eine seltsame, ihm fremde Frau, die er nicht liebe und nur fürchte, und welche ihm Widerstand leiste.

Heute aber hatte er den Entschluß gefaßt, ihr eine volle Erklärung zu geben.

»Weiß er nun etwas oder nicht,« frug Wronskiy in seinem gewohnten, festen, ruhigen Ton, »weiß er nun etwas oder nicht, uns geht das nichts an. Wir können nicht -- Ihr könnt unter obwaltenden Verhältnissen nicht so bleiben, besonders jetzt.«

»Aber was ist zu thun, nach Eurer Meinung?« frug sie mit dem alten leichtsinnigen Spott.

Sie, die so sehr gefürchtet hatte, er möchte ihre Hiobspost zu leicht auffassen, sie fühlte sich jetzt davon gekränkt, daß er infolge derselben ausführte, es müsse gehandelt werden.

»Man muß ihm alles erklären und ihn verlassen.«

»Nicht übel, wenn ich dies thäte,« antwortete sie.

»Ihr wißt wohl, was aus alledem folgen müßte?«

»Ich kann Euch alles im voraus erzählen« -- ein böser Glanz entzündete sich in diesen noch vor einer Minute so weichgewesenen Blicken: »Aha, Ihr liebt einen anderen und seid mit diesem in ein verbrecherisches Verhältnis getreten« -- bei der Nachahmung ihres Gatten that sie, was Aleksey Aleksandrowitsch gethan hatte; sie legte einen Nachdruck auf das Wort verbrecherisch. »Ich habe Euch vorher auf die Folgen eines solchen in religiöser, in bürgerlicher und familiärer Beziehung aufmerksam gemacht. Aber Ihr habt mich nicht gehört. Jetzt kann ich meinen Namen nicht der Schande überliefern -- ebensowenig wie meinen Sohn,« wollte sie hinzufügen, aber über den Sohn vermochte sie nicht zu scherzen, »der Schande nicht überliefern,« ergänzte sie und sprach noch weiter in dieser Weise. »Im allgemeinen wird er mit seiner aristokratischen Manier, seiner Klarheit und Präzision sagen, er könne mich nicht von sich lassen, sondern werde Maßregeln, die von ihm abhingen, ergreifen, um den Skandal zu vermeiden. Und er wird ruhig und gewissenhaft thun, was er sagt. So wird es kommen. Er ist kein Mensch, sondern eine Maschine, aber eine gefährliche Maschine, wenn sie erzürnt ist,« fügte sie noch hinzu, in der Erinnerung an Aleksey Aleksandrowitsch und an alle Einzelheiten seiner Erscheinung, seiner Sprechweise, und ihm alles zum Fehler anrechnend, was sie nur Übles an ihm zu entdecken vermochte, und ohne ihn um Verzeihung zu bitten für die furchtbare Sünde, deren sie sich vor ihm schuldig gemacht hatte.

»Aber Anna,« fuhr Wronskiy mit überzeugender weicher Stimme fort, sich bemühend, sie zu beruhigen, »es ist doch notwendig, ihm alles zu sagen und sich dann dem zu fügen, was er unternehmen wird.«

»Und wie stände es mit einer Flucht?«

»Weshalb nicht fliehen? Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, dieses Verhältnis fortzusetzen, und spreche nicht in meinem Interesse, sondern ich sehe, daß Ihr leidet!«

»Ja, fliehen; und ich muß alsdann Eure Geliebte werden,« sagte sie bitter.

»Anna,« antwortete er vorwurfsvoll zärtlich.

»Ja, ja,« fuhr sie fort, »ich werde Eure Geliebte werden und alles ins Unglück stürzen.«

Sie wollte wiederum hinzufügen »auch mein Kind«; aber sie vermochte nicht, dieses Wort auszusprechen.

Wronskiy konnte nicht begreifen, wie sie mit ihrer starken, ehrenhaften Natur imstande war, diese Situation voller Lug und Trug noch zu ertragen, daß sie nicht wünschte, sich derselben zu entziehen, doch er ahnte ja nicht, daß der hauptsächlichste Grund hierfür das Wort »Sohn« bildete, das sie nicht über die Lippen zu bringen vermochte.