Part 15
»Sie ist so beklagenswert, die Arme, so beklagenswert; und du fühlst nicht, daß sie Schmerz empfindet bei jeder Andeutung dessen, was die Ursache davon ist. O, daß man sich so sehr in den Menschen irrt!« rief die Fürstin aus und an der Veränderung des Tones ihrer Stimme erkannte Dolly und der Fürst, daß sie Wronskiy meinte. »Ich begreife nicht, daß es keine Gesetze giebt gegen solche Abscheuliche, Unedle!«
»Du dürftest wohl nur nicht gehört haben,« versetzte der Fürst finster sich aus dem Lehnstuhl erhebend, und gleichsam im Wunsche, das Zimmer zu verlassen, noch an der Thür stehen bleibend.
»Es giebt recht wohl Gesetze, meine Liebe, und wenn du mich schon dazu herausforderst, so will ich dir sagen, wer an allem schuld ist. Du, du und nur du! Ja, wenn das nicht wäre, was eben nicht sein dürfte -- ich bin leider ein Greis -- so würde ich ihn vor die Barriere fordern, diesen Gecken. Nun aber kuriert nur und führt diese Charlatane bei Euch ein.«
Der Fürst schien noch viel sagen zu wollen, aber kaum hatte die Fürstin seinen Ton wahrgenommen, so beruhigte sie sich und ging in sich, wie sie dies gewöhnlich bei ernsten Fragen zu thun pflegte.
»=Alexandre, Alexandre=,« flüsterte sie, sich auf ihn zu bewegend und in Thränen ausbrechend.
Sie hatte kaum zu weinen begonnen, als der Fürst verstummte. Er trat zu ihr hin.
»Nun, laß sein, laß sein! Es ist dir schwer genug zu Mute, ich weiß es wohl, aber was ist hier zu thun? Das Unglück ist noch nicht zu groß und Gott ist barmherzig,« sagte er, ohne selbst recht zu wissen, was er sagen sollte, und auf den feuchten Kuß der Fürstin antwortend, den er auf seiner Hand fühlte.
Auch der Fürst verließ den Salon.
Kaum war Kity in Thränenströmen hinausgegangen als Dolly in ihrer Art als Familienmutter sogleich erkannte, daß hier eine Weiberthat zur Ausführung gelangen müsse und sie bereitete sich vor sie auszuführen.
Sie nahm ihren Hut ab, streifte die Rockärmel zurück und rüstete sich. Als die Fürstin ihren Gatten angegriffen hatte, hatte sie versucht, die Mutter zurückzuhalten, soweit dies die kindliche Ehrerbietung zuließ. Als der Fürst darauf erwidert hatte, war sie still verblieben; sie empfand Scham über ihre Mutter und Zuneigung für ihren Vater wegen dessen sich sogleich wieder herauskehrender Güte. Doch als der Vater hinausgegangen war, bereitete sie sich vor, den Hauptcoup auszuführen, der nötig war -- zu Kity zu gehen und sie zu beruhigen.
»Ich habe Euch wohl schon vor Langem sagen wollen, =maman=, Ihr wißt wohl, daß Lewin Kity einen Antrag zu machen beabsichtigt hat, als er zum letztenmal hier war. Er hatte mit Stefan darüber gesprochen.«
»Was soll das? Ich verstehe nicht« --
»So hat ihn also Kity vielleicht zurückgewiesen? Hat sie Euch nicht davon gesprochen?«
»Nein, sie hat nichts gesagt, weder etwas von diesem noch von jenem, sie ist zu stolz dazu. Aber ich weiß, daß alles davon kommt« --
»Denkt Euch, wenn sie Lewin absagte -- sie würde ihm nicht abgesagt haben, wenn nicht der andere dazwischen gekommen wäre, ich weiß es -- dieser andere aber hat sie grausam getäuscht.«
Der Fürstin war es unerträglich, daran zu denken, wie viel Schuld sie an dem Unglück ihrer Tochter trug, und sie geriet in Wut.
»Ach, ich kann nichts mehr begreifen! Jetzt will die ganze Welt nur nach ihrem Sinne leben, der Mutter nichts mehr anvertrauen, und dann, da« --
»=Maman=, ich gehe zu ihr.«
»Geh! Sollte ich es dir etwa verbieten?« sagte die Mutter.
3.
Als Dolly in das kleine Boudoir Kitys eintrat, ein freundliches mit Rosen geschmücktes Zimmerchen, noch ebenso jugendduftig, rosig und freundlich, wie Kity es zwei Monate vorher noch selbst gewesen war, erinnerte sie sich, wie sie beide zusammen im vergangenen Jahre diesen Raum geschmückt hatten, mit welcher Lust und Liebe.
Ihr Herz erstarrte, als sie Kitys ansichtig wurde, die auf einem niedrigen Stuhle dicht an der Thür saß und den Blick unbeweglich auf die eine Ecke des Teppichs geheftet hielt.
Kity blickte die Schwester an; der kalte ziemlich mürrische Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich nicht.
»Ich will jetzt wieder nach Hause fahren und daselbst sitzen bleiben, du aber wirst nun wohl nicht mehr zu mir kommen,« sagte Darja Alexandrowna, sich neben Kity niederlassend. »Ich möchte mit dir einiges sprechen.«
»Worüber?« frug Kity schnell, erschreckt den Kopf hebend.
»Worüber? Nun doch jedenfalls von deinem Herzeleid.«
»Ich habe kein Herzeleid.«
»Halt ein, Kity. Denkst du etwa, ich könnte nichts davon wissen? Ich weiß alles. Glaube mir; es ist eine so nichtswürdige Affaire -- nun, wir haben das ja alle durchgemacht.«
Kity blieb stumm; ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Strenge.
»Er ist nicht so viel wert, daß du um ihn trauern dürftest« -- fuhr Dolly fort, geradenwegs auf ihren Zweck zusteuernd.
»Ja, weil er mich verschmäht hat,« sprach Kity mit bebender Stimme. »Sprich mir nicht mehr davon, ich bitte dich, sprich nicht mehr davon.«
»Aber wer hat dir das gesagt? Kein Mensch hat davon gesprochen. Ich bin überzeugt, daß er in dich verliebt gewesen ist und noch verliebt ist, aber« --
»Ach; am Entsetzlichsten von allem ist mir dieses Mitleid,« rief Kity, plötzlich in Zorn geratend. Sie wandte sich seitwärts auf dem Stuhle, errötete und bewegte nervös die Finger, bald mit der einen, bald mit der anderen Hand die Schnalle des Gürtels pressend, den sie trug.
Dolly kannte diese Eigenschaft ihrer Schwester, mit den Händen in den Gürtel zu greifen, wenn der Zorn in ihr aufwallte, sie wußte, daß Kity imstande war, während einer augenblicklichen Wallung sich zu vergessen und vieles Überflüssige und Unangenehme herauszupoltern, und Dolly wollte sie doch beruhigen. Allein es war dazu schon zu spät.
»Was; was willst du mir zu fühlen geben, was?« rief Kity heftig. »Etwa dies, daß ich einen Menschen geliebt habe, der mich nicht kennen wollte, und das, daß ich vor Liebe zu ihm sterbe? Und dies kann mir eine Schwester sagen, welche glaubt daß sie -- daß sie -- mich bemitleiden soll? Ich will nichts wissen von diesem Beileid, diesen Heucheleien!«
»Kity, du bist ungerecht!«
»Weshalb quälst du mich!«
»Aber, im Gegenteil -- ich sehe, du bist gereizt!« --
Kity hörte sie nicht mehr in ihrer Erregung.
»Ich habe mich um nichts zu sorgen oder zu trösten! und habe Stolz genug, mir nie zu gestatten, einen Menschen zu lieben, der mich nicht liebt!«
»Aber das sage ich ja gar nicht! Nur Eins -- sage mir die Wahrheit,« fuhr Darja Alexandrowna fort, ihre Hand ergreifend, »sage mir, hat Lewin mit dir gesprochen?«
Die Erinnerung an Lewin schien Kity des letzten Restes von Selbstbeherrschung zu berauben; sie sprang von ihrem Stuhle empor, warf die Gürtelschnalle zu Boden und machte schnelle Bewegungen mit den Armen in der Luft; dann rief sie:
»Was thut hier Lewin noch zur Sache? Ich begreife nicht, weshalb du mich foltern mußt! Ich habe es dir gesagt und wiederhole es, daß ich Stolz besitze, und nie -- nie und nimmermehr -- das thäte, was du thust, um hier auf denjenigen zu kommen, der dich verraten hat, der ein anderes Weib geliebt hat. Das verstehe ich nicht! Magst du es verstehen, ich kann es nicht!«
Nachdem Kity diese Worte gesprochen hatte, schaute sie die Schwester an, und als sie wahrnahm, daß Dolly schwieg und traurig den Kopf gesenkt hatte, setzte sie sich, anstatt das Boudoir zu verlassen, wie sie anfangs gewollt, wieder an der Thüre nieder und senkte gleichfalls den Kopf, ihr Gesicht in dem Taschentuch bergend.
Dieses Schweigen währte mehrere Minuten. Dolly dachte über sich selbst nach. Das nämliche Gefühl der Erniedrigung, welches sie stets empfunden hatte, erwachte besonders schmerzend in ihr, als die Schwester vor ihr desselben Erwähnung gethan hatte. Eine solche Härte hatte sie von der Schwester nicht erwartet, und sie zürnte dieser nun.
Plötzlich aber vernahm sie das Rauschen eines Gewandes und indem sie die Töne verhaltenen Schluchzens vernahm, legten sich zwei Arme von unten um ihren Hals.
Kity lag vor ihr auf den Knieen.
»Liebste Dolly; ich bin so tief, so tief unglücklich!« stammelte Kity schuldbewußt.
Sie verbarg das liebliche, von Thränen überthaute Antlitz in den Falten des Kleides der Schwester.
Gleich als ob die Thränen der unumgänglich nötige Kitt wären, ohne welchen das Getriebe eines Wechselverkehrs unter den zwei Schwestern nicht mit Erfolg ging, so sprachen sich die beiden Schwestern nun nach Thränenströmen, die sie vergossen, zwar nicht über das aus, was sie eigentlich beschäftigte; aber indem sie von Nebendingen sprachen, verstanden sie einander auch darin ganz gut.
Kity erkannte, daß ihr im Zorn geäußertes Wort über die Treulosigkeit von Dollys Gatten und deren Entwürdigung die arme Schwester bis auf den Grund des Herzens erschüttert hatte und diese ihr nichtsdestoweniger verzieh.
Dolly ihrerseits aber hatte alles erfaßt, was sie hatte wissen wollen und die Überzeugung gewonnen, daß ihre Vermutungen richtig gewesen waren, daß das unheilbare Weh Kitys in erster Linie darin bestand, daß Lewin ihr seine Hand angetragen hatte und zurückgewiesen worden war, daß Wronskiy sie getäuscht und sie selbst jetzt imstande war, Lewin zu lieben und Wronskiy zu hassen.
Kity hatte freilich kein Wort hierüber fallen lassen; sie sprach nur von ihrem Gemütszustand.
»Ich habe kein Herzeleid,« hatte sie, ruhiger werdend, gesagt, aber du wirst dir wohl denken können, daß mir jetzt alles abstoßend, zuwider, rauh erscheint, und vor allem ich mir selbst. Du kannst dir nicht vorstellen, was für böse Gedanken mir über dies alles kommen.«
»Aber wie kannst du böse Gedanken haben?« frug Dolly lächelnd.
»Die häßlichsten, die du dir denken kannst; ich vermag sie dir nicht zu sagen. Sie kommen nicht von Lebensüberdruß oder Langeweile, sie sind weit schlimmerer Art und mir ist, als hätte sich gleichsam alles, was Gutes in mir war, ganz verborgen und es wäre nur das Schlechte in mir zurückgeblieben. Was soll ich dir sagen?« fuhr sie fort, den zweifelnden Ausdruck im Auge der Schwester gewahrend. »Papa hat soeben davon gesprochen; mir scheint, als glaube er nur, ich müsse eben heiraten. Mama führt mich zu Balle; mir scheint, sie thut es nur deshalb, um mich möglichst bald zu verehelichen und mich loszuwerden. Ich weiß, daß diese Gedanken unrecht sind, aber ich gewinne es nicht über mich, sie von mir zu scheuchen; sogenannte Bräutigams kann ich nicht sehen. Mir scheint, daß sie stets sich ein Maß von mir abnehmen. Früher war es mir ein Vergnügen, im Ballkleid auszufahren, ich freute mich über mich selbst; jetzt empfinde ich Scham darüber und fühle mich unsicher. Und was willst du auch anderes erwarten? Der Arzt -- ha« --
Kity brach ab. Sie wollte fortfahren und sagen daß von jener Zeit, da diese Veränderung mit ihr vorgegangen war, Stefan Arkadjewitsch ihr unausstehlich unangenehm geworden war, und daß sie ihn nicht sehen könne ohne Vorstellungen der niedrigsten und ungereimtesten Art dabei zu haben.
»Alles erscheint mir im rohesten, abstoßendsten Lichte,« fuhr sie fort, »und dies ist meine Krankheit; vielleicht, daß sie vorübergeht« --
»Aber denke nicht« --
»Ich kann nicht. Nur in der Gesellschaft von Kindern ist mir wohl; nur bei dir.«
»Schade, daß du nicht bei mir sein kannst.«
»Nein; aber ich werde einmal zu dir kommen. Das Scharlachfieber habe ich ja gehabt, und ich werde =maman= schon bitten.« --
Kity bestand auf ihrer Absicht und kam zur Schwester; sie pflegte die Kinder Dollys während der ganzen Dauer des Scharlachfiebers welches thatsächlich zum Ausbruch gekommen war.
Alle sechs Kinder brachten die beiden Schwestern glücklich durch die Krankheit, aber die Gesundheit Kitys besserte sich dadurch nicht und zur Zeit der großen Fasten reiste die Familie Schtscherbazkiy ins Ausland.
4.
Die höchste gesellschaftliche Sphäre in Petersburg steht ganz allein. Alles kennt sich wohl und besucht einander, aber es giebt hier in diesem großen Kreise auch wieder Unterabteilungen.
Anna Arkadjewna Karenina besaß Freunde und pflog Verbindungen in drei verschiedenen Gesellschaftskreisen.
Der eine derselben war der der Beamten, welchem offiziell ihr Gatte angehörte; derselbe setzte sich zusammen aus dessen Kollegen und Untergebenen, welche alle unter sich auf die mannigfaltigste und willkürlichste Weise durch gemeinsame Interessen verbunden und getrennt waren.
Anna vermochte sich jetzt nur schwer noch des Gefühls der fast abgöttischen Verehrung zu erinnern, welches sie in der ersten Zeit diesen Leuten gegenüber empfunden hatte.
Jetzt kannte sie sie alle, wie man sich etwa in einem Landstädtchen gegenseitig kennt; sie kannte die Gewohnheiten und Schwächen eines jeden und wußte, wo einen jeden der Schuh drückte; sie kannte ihre gegenseitigen Beziehungen und diejenigen aller zur höchsten Stelle und wußte, wie alle untereinander standen, wie und wovon sie lebten und worin sich die einzelnen ähnlich oder unähnlich waren.
Aber dieser Kreis von Interessen für Männer der Regierung vermochte sie nicht im geringsten -- ungeachtet der Belehrungen der Gräfin Lydia Iwanowna -- zu erwärmen, und sie mied daher denselben.
Der zweite, Anna näher stehende Kreis war derjenige, durch welchen Aleksey Aleksandrowitsch seine Carriere gemacht hatte.
Der Mittelpunkt desselben war die Gräfin Lydia Iwanowna. Es war ein Kreis alter, häßlicher, wohlthätiger und bigotter Weiber und kluger, gelehrter ehrgeiziger Männer.
Einer von diesen klugen Männern, die zu jenem Kreise gehörten, nannte denselben »das Gewissen der Petersburger Gesellschaft«.
Aleksey Aleksandrowitsch schätzte diesen Kreis sehr hoch, und Anna, die es so gut verstand, sich mit jedermann zu vertragen, fand in der ersten Zeit ihres Petersburger Aufenthalts auch in diesem Kreise Freunde für sich. Jetzt aber, nach ihrer Rückkunft aus Moskau, war ihr diese Gesellschaft unerträglich geworden.
Ihr schien, als ob sie selbst, wie auch alle jene Menschen, sich nur verstelle, und es wurde ihr nun so langweilig und fad in dieser Gesellschaft, daß sie so selten, als es nur anging, zur Gräfin Lydia kam.
Der dritte Kreis endlich, in welchem Anna Verbindungen besaß, war die eigentliche Welt -- die Welt der Bälle und Essen, der glänzenden Toiletten, jene Welt, die sich mit der einen Hand am Hofe anhält, um nicht der Halbwelt zu verfallen und welche die Angehörigen der letzteren zu verachten glaubt, während sie mit ihr in den Geschmacksrichtungen nicht etwa nur verwandt ist, nein, sogar übereinstimmt.
Ihre Verbindung mit diesem Kreise wurde durch die Fürstin Bezzy Twerskaja gestützt, die Gattin ihres Vetters, welche einige hundertzwanzigtausend Rubel jährlicher Einkünfte besaß und Anna von deren erstem Erscheinen in der Welt an ausnehmend liebgewonnen hatte. Sie wußte sich ihr zu nähern, sie in ihre Kreise zu ziehen und verspottete dabei die Gesellschaft der Gräfin Lydia Iwanowna.
»Wenn ich einmal alt und häßlich bin, werde ich auch eine solche,« sagte sie, »aber für Euch, für ein junges, hübsches Weib ist es noch zu früh zur Gottgefälligkeit.«
Anna hatte anfänglich diese Sphäre der Fürstin Twerskaja gemieden soviel sie gekonnt, da dieselbe erstens einen Aufwand erforderte, welcher weit über ihre Mittel ging und sie selbst sich auch den erstgenannten ihrer Kreise vorzog; indessen nach ihrer Rückkunft von Moskau war ein Umschwung hierin eingetreten.
Sie mied den mehr moralischen Teil ihrer Bekannten und begab sich in die große Welt. Hier begegnete sie Wronskiy und empfand eine stürmische innere Freude bei diesen Begegnungen.
Besonders häufig sah sie Wronskiy bei der Fürstin Twerskaja, die selbst eine geborene Wronskaja und eine Base von jenem war. Wronskiy selbst kam nun überall hin, wo er nur Anna treffen konnte und er sprach zu ihr, wenn er nur konnte, von seiner Liebe.
Sie hatte ihm keinen Anlaß hierzu gegeben, aber stets, wenn sie mit ihm zusammentraf, flammte in ihrer Seele von neuem das nämliche Gefühl der Aufregung empor, welches sie an jenem Tage im Waggon überkam, da sie ihn zum erstenmale wieder erblickte.
Sie fühlte, wie bei seinem Anblick das Entzücken aus ihren Augen leuchtete und ihre Lippen sich zu einem Lächeln kräuselten, und vermochte den Ausdruck dieser Freude nicht zu ersticken.
Anfänglich war Anna in Wahrheit des Glaubens, daß sie über ihn ungehalten sei, weil er sich erlaube, sie zu verfolgen; aber als sie nach ihrer Rückkehr aus Moskau zu einer Soiree gefahren war, in der sie Wronskiy zu treffen dachte, erkannte sie deutlich an der trüben Laune die sich ihrer bemächtigte, als er nicht anwesend war, daß sie sich in einer Selbsttäuschung befinde und daß diese Verfolgung ihr nicht nur nicht unangenehm war, sondern vielmehr das gesamte Interesse ihres Lebens bilde.
* * * * *
Eine berühmte Diva sang zum zweitenmale und die gesamte große Welt war im Theater.
Als Wronskiy aus seinem Sessel in der ersten Reihe die Base wahrgenommen hatte, begab er sich zu dieser -- ohne den Zwischenakt abzuwarten -- nach ihrer Loge.
»Weshalb waret Ihr nicht beim Souper?« frug ihn die Gräfin. »Ich bin doch verwundert über diesen Scharfblick der Liebenden,« fügte sie mit einem Lächeln hinzu, so daß nur er es hören konnte, »sie war auch nicht da. -- Aber Ihr kommt doch nach der Oper?«
Wronskiy blickte sie fragend an; sie senkte den Kopf und er dankte ihr mit einem Lächeln und ließ sich neben ihr nieder.
»Ah, ich entsinne mich wohl noch Eurer Galanterieen,« fuhr die Fürstin Bezzy fort, welche ein besonderes Vergnügen in der Beobachtung der Fortschritte dieser sich entspinnenden Leidenschaft fand.
»Wohin soll das alles führen; Ihr seid in Banden, mein Lieber!«
»Ich wünschte nur das Eine, in Banden sein zu können,« antwortete Wronskiy mit seinem ruhigen, gleichmütigen Lächeln. »Wenn ich Etwas beklage, so ist es nur dies, daß ich allzuwenig gefesselt bin. Um die Wahrheit zu gestehen, ich fange an, die Hoffnung zu verlieren.«
»Welche Hoffnung könnt Ihr denn hegen?« sagte Bezzy, etwas pikiert von ihres Freundes Vertraulichkeit. In ihren Augen indessen spielten Reflexe, welche deutlich genug davon sprachen, daß sie recht wohl wisse -- genau ebenso gut wie er selbst -- welche Hoffnung er haben könne.
»Keine,« sagte Wronskiy lachend und seine dichten Zähne zeigend. »Ich habe es mir selbst zuzuschreiben,« fügte er hinzu, aus ihren Händen ein Opernglas nehmend und sich damit beschäftigend, über ihre entblößte Schulter hinweg die Reihe der gegenüberliegenden Logen zu mustern. »Ich fürchte, ich mache mich lächerlich.«
Er wußte recht wohl, daß er in den Augen Bezzys und aller Lebemänner nicht in Gefahr kam, lächerlich zu werden. Er wußte, daß in den Augen dieser Leute nur die Rolle eines Menschen der ein junges Mädchen oder überhaupt ein lediges Weib unglücklich liebte, lächerlich werden konnte. Die Rolle eines Mannes aber, welcher sich einer verheirateten Frau näherte und um jeden Preis sein Leben dafür einsetzte, sie zum Ehebruch zu verleiten, eine solche Rolle hat nur etwas Edles, Erhabenes und kann niemals lächerlich werden und mit stolzem und heiterem Lächeln unter den Spitzen seines Schnurrbartes ließ er das Opernglas sinken und blickte seine Base an.
»Weshalb seid Ihr denn nicht zu dem Essen gekommen?« frug sie mit liebenswürdigem Lächeln.
»Das muß ich Euch freilich erzählen. Ich war beschäftigt und wollt Ihr wissen womit? Ich würde hundert, ja tausend Rubel wetten und Ihr ratet es nicht. Ich habe einen Mann mit dem Beleidiger seiner Frau versöhnt. Es ist wirklich so!«
»Wie; Ihr habt versöhnt?«
»Beinahe.«
»Ah, das müßt Ihr mir erzählen,« sagte sie, sich erhebend. »Kommt im Zwischenakt zu mir!«
»Kann nicht; ich muß jetzt in das französische Theater.«
»Der Nilson halber?« frug mit Schrecken Bezzy, die um keinen Preis der Welt die Nilson von jeder beliebigen Choristin unterschied.
»Was soll ich anders? Ich habe dort ein Rendezvous; alles infolge meines Versöhnungsversuchs.«
»O über diese frommen Friedensapostel, sie kommen stets gut weg,« sagte Bezzy, sich einer ähnlichen Geschichte erinnernd, die sie einmal gehört hatte. »Aber so nehmt doch Platz und erzählt mir, was hat es gegeben?«
5.
»Die Geschichte ist ein klein wenig übermütig, aber so hübsch, daß ich sie sehr gern erzähle,« sagte Wronskiy, mit lachenden Augen auf sie blickend. »Die Familie kann ich freilich nicht nennen.«
»Dann werde ich sie raten; um so besser.«
»Hört denn: Es fahren eines Tages zwei junge Leute« --
»Natürlich Offiziere Eures Regimentes?«
»Ich spreche nicht von Offizieren, nur von zwei jungen Leuten, die miteinander gefrühstückt hatten.«
»Übertragt dies lieber: getrunken hatten.« --
»Meinetwegen. Es fahren also diese beiden zu einem Freunde in der lustigsten Stimmung von der Welt. Da gewahren sie, wie eine hübsche jüngere Dame sie in einem Mietwagen überholt, sich nach ihnen umblickt und wie es scheint sogar mit dem Köpfchen nickt und lacht. Die beiden folgen natürlich und streben ihr aus Leibeskräften nach.
Zu ihrer Verwunderung läßt die Schöne an der Einfahrt gerade des nämlichen Hauses halten, zu dem sie selbst sich begeben. Die Schöne begiebt sich in das erste Stockwerk; sie sehen nur ihre roten Lippen unter dem kurzen Halbschleier hervorschimmern und ihre hübschen kleinen Füßchen.«
»Ihr erzählt mit einer Empfindung, als schienet Ihr mir selbst einer jener beiden jungen Leute gewesen zu sein.«
»Ah, was sagtet Ihr da! Also die jungen Leute begeben sich zu ihrem Freunde, bei welchem ein Abschiedsessen stattfindet. Hier nun trinken sie wohl erst viel zu viel, wie dies ja gewöhnlich bei Abschiedsessen der Fall ist, und nach dem Essen wird gefragt, wer in dem Hause in der oberen Etage wohne. Niemand weiß es, und nur der Diener antwortet auf die Frage, ob oben drüber >Mamsells< wohnten, es gäbe da sehr viele. Nach dem Essen begaben sich die jungen Leute in das Kabinett des Gastgebers und schreiben der Unbekannten ein Billet. Sie schrieben dasselbe in leidenschaftlichem Tone, ein Liebesgeständnis, und tragen es selbst hinauf, um das noch zu erklären, was in dem Briefe nicht völlig verständlich geworden wäre.«
»Weshalb erzählt Ihr mir aber solche Abgeschmacktheiten?«
»Man klingelt oben; eine Magd erscheint; man giebt den Brief ab und versichert dem Mädchen, man sei so verliebt, daß man auf der Stelle vor der Thürschwelle sterben möchte. Das Mädchen läßt sich unschlüssig in eine Unterhaltung ein, plötzlich erscheint ein Herr mit wurstartigem Backenbart, rot wie ein Krebs, und erklärt, es wohne niemand mehr hier im Hause, als seine Frau, und jagt beide von dannen.« --
»Weshalb meint Ihr, daß der Backenbart des Mannes, wie Ihr sagtet, wurstartig ausgesehen habe?«
»Nun hört, bitte zu. Heut erst war ich zur Aussöhnung dort.«
»Und was geschah dabei?«
»Etwas höchst Interessantes. Es stellte sich heraus, daß man es mit dem glücklichen Ehepaar eines Titularrats und einer Titularrätin zu thun hatte. Der Titularrat wollte die beiden verklagen und ich machte den Friedensstifter, und was für einen! Ich versichere Euch, Talleyrand ist nichts gewesen im Vergleich mit mir!«
»Worin lag denn die Schwierigkeit?«
»Nun hört an. Wir entschuldigten uns, wie es sich gehörte. Wir wären in Verzweiflung, und bäten um Verzeihung für das unglückselige Mißverständnis. Der Titularrat mit den Wurstbackenbärten begann aufzuthauen; doch wünschte er, seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen; sobald er jedoch angefangen hatte, dies zu thun, geriet er in einen so mächtigen Zorn, und schleuderte die gröbsten Grobheiten so um sich herum, daß ich von neuem meine diplomatischen Talente alle in Bewegung setzen mußte. >Ich bin völlig damit einverstanden, daß die Handlungsweise dieser Herren nicht gut war, aber ich bitte Euch, ihre Unbesonnenheit und die Jugend berücksichtigen zu wollen; dann hatten die Herren auch soeben erst gefrühstückt. Ihr versteht mich ja wohl. Sie bereuen das Vorgefallene von ganzer Seele und bitten darum, daß man ihnen ihren Fehltritt vergebe,< sagte ich.