Part 14
Baronesse Gilleton, die Freundin Petrizkiys, in einem lilafarbenen Atlaskleid prunkend und mit geschminktem blonden Gesicht, wie ein Kanarienvogel das ganze Zimmer mit ihrem Pariser Französisch erfüllend, saß vor einem großen, runden Tische und kochte Kaffee. Petrizkiy im Paletot und der Rottmeister Kamerowskiy in voller Uniform, wahrscheinlich vom Dienst gekommen, saßen um sie herum.
»Bravo, Wronskiy!« schrie Petrizkiy, aufspringend und mit dem Stuhle aufdonnernd. »Der Herr selbst! Baronesse, Kaffee aus einem frischen Kessel! Den hatten wir nicht erwartet! Ich hoffe du bist zufrieden mit der Verschönerung deines Kabinetts!« sagte er dann, auf die Baronesse zeigend. »Ihr kennt euch ja wohl?«
»Warum nicht?« antwortete Wronskiy, heiter lächelnd und die kleine Hand der Baronesse drückend; »nicht so, ich bin ein alter Freund?«
»Sobald Ihr im Hause seid, von der Reise gekommen, muß ich weichen. In dieser Minute will ich mich entfernen, wenn ich störe!«
»Ihr seid zu Hause dort, wo Ihr Euch besinnet, Baronesse,« versetzte Wronskiy. »Sei gegrüßt, Kamerowskiy,« fügte er hinzu, diesem kalt die Hand reichend.
»Ihr würdet wohl nie verstehen, Euch so angenehm auszudrücken,« wandte sich die Baronesse an Petrizkiy.
»Bitte! Weshalb? Nach einem Essen spreche ich auch nicht schlechter!«
»Ja; nach einem Essen ist es keine Kunst! Nun, ich will Euch aber Kaffee geben, kommt, wascht Euch und kleidet Euch um,« sagte die Baronesse, sich wieder setzend und sorglich den Hahn am neuen Kaffeekessel drehend.
»Peter, gebt den Kaffee!« wandte sie sich an Petrizkiy, den sie kurzweg Pjor nannte nach seinen Familiennamen und ohne ihre familiären Beziehungen zu ihm zu verbergen. »Ich will das übrige hinzuthun!«
»Ihr werdet die Sache nur verderben.«
»Nein, ich werde nichts verderben! Aber was macht denn Eure Frau?« fragte die Baronesse, plötzlich, mitten in das Gespräch hinein, welches Wronskiy mit seinen Kameraden pflog. »Wir hielten Euch hier schon für verheiratet, habt Ihr Eure Frau mitgebracht?«
»Nein, Baronesse; ich bin als Zigeuner geboren und will als Zigeuner sterben.«
»Um so besser, um so besser. Reicht mir Eure Hand!«
Die Baronesse begann nun, ohne Wronskiy von sich zu lassen, diesem zu erzählen, Scherze dabei einflechtend; sie entwickelte ihm ihre Lebenspläne und frug ihn um seinen Rat.
»Er will in die Ehescheidung noch nicht einwilligen! Also was soll ich thun?« Der Er war ihr eigentlicher Mann. »Ich will jetzt einen Prozeß gegen ihn beginnen, wie ratet Ihr mir dazu? Kamerowskiy, sieh doch einmal nach dem Kaffee -- o, er ist hinausgegangen. Ihr seht, ich bin vollauf beschäftigt! Ich will den Prozeß beginnen, weil ich mein Vermögen brauche. Versteht Ihr die Thorheit; ich soll ihm untreu gewesen sein, und deswegen will er mein Vermögen für sich behalten,« sagte sie voll Verachtung.
Wronskiy hörte mit Vergnügen dem lustigen Geschwätz des braven Weibes zu, pflichtete ihr in allen Stücken bei, gab ihr halb scherzhaft gemeinte Ratschläge, nahm aber im Grunde doch sofort den ihm im Verkehr mit Weibern dieser Art eigenen Ton an.
In seinem Petersburger Leben teilten sich für ihn alle Menschen in zwei Klassen, die vollständig entgegengesetzt waren.
Die eine derselben war die niedere Klasse, das waren die Gemeinen, die Dummen, und was die Hauptsache bildete, die für ihn komischen Menschen, die da glaubten, es müsse jeder Mann mit nur einem Weibe leben, mit dem, welchem er sich fürs Leben versprochen hatte, die da glaubten, ein Mädchen müsse unschuldig sein, ein Weib schamhaft, ein Mann männlich, standhaft und fest; daß man Kinder wohl erziehen müsse, für sein tägliches Brot arbeiten solle, seine Schulden zu bezahlen hätte und andere, verschiedene, dem ähnliche Dummheiten zu begehen die Pflicht habe.
Dies war die Klasse der ihm altmodisch und komisch erscheinenden Menschen.
Aber es gab dann noch eine zweite Klasse von Menschen; dies waren die eigentlichen Menschen, zu welcher sie alle gehörten, die Menschen, die sich mit Eleganz, Hochmut, Kühnheit und Lust jeder Leidenschaft ohne zu erröten hingaben und welche über alles andere nur lachten.
Wronskiy war nur für den ersten Augenblick verwirrt gewesen unter den Eindrücken einer völlig anderen Welt, die er aus Moskau mitbrachte; aber sogleich, nachdem er die Füße wieder in die alten Pantoffeln gesteckt hatte, war er wieder in der früheren, heiteren und angenehmen Welt.
Der Kaffee kam soeben ins Kochen, er brauste auf, und lief über und vollbrachte nun, was er vollbringen mußte, das heißt, er wurde die Ursache zu allgemeinem Lärmen und Gelächter, indem er den kostbaren Teppich und die Robe der Baronesse übergoß.
»Ah, jetzt entschuldigt mich, Ihr waschet Euch freilich wohl nie rein, in meinem Gewissen aber wird das vornehmste Vergehen eines ordnungsliebenden Menschen sein -- die Unreinlichkeit. Indessen Ihr ratet mir also, ich soll ihm das Messer an die Kehle setzen?«
»Unfehlbar; und zwar derart, daß Eure schöne Hand seinen Lippen möglichst nahe kommt. Er wird sie dann küssen und alles wird noch gut,« versetzte Wronskiy.
»So wie jetzt in Frankreich,« sagte die Baronesse und verschwand mit rauschendem Kleide.
Kamerowskiy erhob sich ebenfalls, doch Wronskiy gab ihm, ohne seinen Hinausgang abzuwarten, die Hand und begab sich nach seinem Ankleidezimmer. Während er sich wusch, beschrieb ihm Petrizkiy in kurzen Zügen seine Lage und deren Veränderung seit Wronskiys Abreise.
Geld hatte er gar nicht mehr. Sein Vater hatte ihm erklärt, er werde ihm weder welches geben, noch seine Schulden zahlen. Der Schneider hatte gedroht, ihn in Schuldarrest setzen zu lassen und auch von anderer Seite drohte ihm mit unfehlbarer Sicherheit das Nämliche.
Der Regimentskommandeur hatte ihm mitgeteilt, daß er, wenn diese skandalösen Angelegenheiten nicht ein Ende fänden, seinen Abschied nehmen müsse. Die Baronesse aber plage ihn wie ein bitterer Rettig, namentlich damit, daß er stets Geld geben solle; sie sei indessen einzig in ihrer Art, er würde sie Wronskiy zeigen, sie sei ein Wunder an Reizen, nach streng orientalischem Typus, »=genre Rebekka=« deutete er verheißungsvoll an. Er hatte sich ferner auch mit Berkoschowy überworfen und diesem Sekundanten schicken wollen, aber natürlich werde nichts dabei herauskommen.
Im allgemeinen aber war alles vorzüglich und außerordentlich lustig gegangen.
Ohne dem Freunde Zeit zu gönnen, sich in die Einzelheiten seiner eigenen Lage zu vertiefen, erzählte Petrizkiy weiter von allen möglichen und interessanten Neuigkeiten und als Wronskiy die ihm so bekannten Geschichten Petrizkiys, in der ihm so vertrauen Umgebung seines schon seit drei Jahren bewohnten Quartiers anhörte, da empfand er wieder das angenehme Gefühl der Lust zur Rückkehr zu dem gewohnten, sorglosen Petersburger Leben.
»Unmöglich!« rief er aus, den Pedal des Waschbeckens loslassend, mit welchem er seinen rosigen, gesunden Nacken durch eine Douche übergossen hatte. »Unmöglich!« rief er bei der Nachricht, daß die Lora jetzt dem Milejewy zugethan sei und Fertingoff aufgegeben habe. »Und der ist so dumm und ist damit zufrieden? Was macht denn Buzulukoff?«
»O, mit dem ist eine köstliche Geschichte passiert -- reizend!« rief Petrizkiy. »Du kennst ja seine Leidenschaft für Bälle; er läßt nie auch nur einen Hofball vorüber. Buzulukoff also geht zu einem großen Ball, einen funkelnagelneuen Helm auf dem Kopfe. Hast du die neuen Helme schon gesehen? Sie sind sehr hübsch, bedeutend leichter. -- Steht der also -- aber hörst du auch?« --
»Natürlich, ich höre,« antwortete Wronskiy, sich mit dem feuchten Handtuch abreibend.
»Kommt da die Großfürstin mit einem Gesandten vorüber und sein Unglück will, daß sich das Gespräch der beiden gerade um die neuen Helme dreht. Die Großfürstin wünscht dem Gesandten einen solchen zu zeigen, man schaut umher -- da steht gerade unser Freund.« Petrizkiy zeigte jetzt, wie Buzulukoff im neuen Helm gestanden hatte. »Die Großfürstin bat, ihr doch den neuen Helm zu reichen -- er aber gab ihn nicht. Was sollte das heißen? Man blinzelt ihm zu, man nickt ihm zu, man verzieht das Gesicht -- er sollte den Helm reichen -- er giebt ihn nicht. Stand wie eine Salzsäule. Stelle dir das vor! Man ist außer sich, weiß nicht wie man ihn bewegen soll -- will ihm schon den Helm vom Kopfe nehmen -- umsonst -- er giebt ihn nicht her. Endlich aber nimmt er den Helm ab und reicht ihn der Großfürstin.
»Dies ist der neue Helm,« sagt diese, und wendet dabei den Helm um -- da denke dir: Bauz! kollern Birnen, Konfekt, an zwei Pfund wohl zur Erde! Und unser Held las alles auf!«
Wronskiy schüttelte sich vor Lachen; und noch lange darnach, schon zu einem anderen Thema übergegangen, brach er wieder in sein kerngesundes Lachen aus, und zeigte dabei die festen weißen Zähne, wenn er an die Geschichte mit dem Helm dachte.
Nachdem Wronskiy alle Neuigkeiten vernommen hatte, warf er sich mit Hilfe seines Dieners in die Uniform und fuhr ab, um sich wieder zu zeigen.
Nachdem dies geschehen, beabsichtigte er zunächst, zu seinem Bruder zu fahren und dann zu Bezzy, sowie einige Visiten zu machen, in der Absicht sich in denjenigen Kreis Eintritt zu verschaffen, in welchem er hoffen konnte, der Karenina zu begegnen.
Wie er gewöhnlich in Petersburg that, fuhr er nicht anders von Hause weg, als erst in später Nacht wieder heimzukehren.
Zweiter Teil.
1.
Zu Ende des Winters fand im Hause der Schtscherbazkiy ein Familienrat statt, welcher darüber zu entscheiden hatte, wie es mit der Gesundheit Kitys stehe und welche Schritte zu thun seien, deren geschwächte Kräfte wieder zu heben.
Sie war krank und mit der Annäherung des Frühjahrs verschlimmerte sich ihr Zustand noch mehr.
Der Hausarzt hatte ihr Fischthran verordnet, dann Eisen und andere Mittel, da aber weder das eine noch das andere oder sonst etwas half, und er geraten hatte, mit dem Frühling ins Ausland zu reisen, so war ein namhafter Arzt noch mit hinzugezogen worden.
Dieser Arzt, ein noch junger Mann, war eine sehr schöne Erscheinung; er erklärte, die Kranke untersuchen zu müssen. Mit besonderem Vergnügen, wie es schien, bestand er auf der Erfüllung dieser Aufgabe, als ob die jungfräuliche Schamhaftigkeit nur ein Überbleibsel barbarischer Sitten sei und es nichts Natürlicheres gäbe, als wenn ein junger Mann ein entblößtes junges Mädchen betaste.
Er fand dies natürlich, weil er es täglich that und nichts Übles dabei empfand, oder dachte, wie ihm selbst dünkte, und so hielt er die jungfräuliche Scham nicht nur für einen Überrest barbarischer Sitte, sondern sogar für eine Kränkung die ihm selbst zugefügt wurde.
Kity mußte sich fügen, da man, ungeachtet dessen, daß ja sämtliche Ärzte nach einer Schule gelernt hatten und nach den nämlichen Büchern und somit alle nur das nämliche wußten, und obwohl manche sagten, dieser berühmte Arzt sei kein guter Arzt -- im Hause der Fürstin und in deren Kreisen aus unbekannten Gründen anerkannt hatte, dieser berühmte Mediziner besitze ein ganz besonderes Wissen und er allein habe es in der Macht, Kity zu retten.
Nach einer sorgfältigen Untersuchung und Beklopfung der vor Scham halb verstörten und völlig verwirrten jungen Kranken, erklärte sich der namhafte Arzt, nachdem er sich sorgfältig die Hände gewaschen, im Salon dem Fürsten gegenüber.
Dieser sah finster aus, räusperte sich und horchte auf die Worte des Arztes.
Er als erfahrener, nicht beschränkter und nicht kranker Mensch, glaubte nicht an die medizinische Kunst, und in seinem Innern regte sich über diese ganze Komödie eine Erbitterung, welche um so größer war, als er allein wenigstens vollständig die Ursache von Kitys Krankheit erkannt hatte.
»Falsches Gebell,« dachte der Fürst bei sich, dieses Wort innerlich aus dem Jagdwörterbuch auf den Arzt anwendend, der ihm langatmig alle die Kennzeichen der Krankheit des jungen Mädchens auseinandersetzte.
Der Arzt seinerseits unterdrückte nur mit Mühe diesem alten Edelmann gegenüber einen Ausdruck von geistiger Überlegenheit und schien sich nur schwer bis zu der für ihn so tiefstehenden medizinischen Fassungskraft des Fürsten herablassen zu können.
Er erkannte, daß mit dem alten Herrn nicht zu reden sei und daß die Seele dieses Hauses nur in der Mutter liege.
Vor dieser also beabsichtigte er, seine Perlen auszukramen. Die Fürstin trat auch soeben in den Salon, begleitet von dem Hausarzt. Der Fürst ging, sich stellend als wolle er nicht merken lassen, wie lächerlich ihm diese ganze Komödie erschien.
Die Fürstin war ratlos; sie wußte nicht was zu thun sei und fühlte sich schuldig vor Kity.
»Nun, Herr Doktor, entscheidet über unser Geschick,« sagte die Fürstin. »Sagt mir alles; giebt es noch Hoffnung?« wollte sie hinzufügen, allein ihre Lippen zitterten und sie war nicht imstande, diese Frage auszusprechen.
»Also wie steht es?«
»Sogleich, Fürstin, werde ich mit meinem Kollegen reden und alsdann die Ehre haben, Euch meine Meinung darzulegen.«
»Muß ich Euch also jetzt verlassen?«
»Wie Euch beliebt.«
Die Fürstin ging aufseufzend wieder hinaus.
Als die beiden Mediziner allein miteinander waren, begann der Hausarzt schüchtern seine Ansicht auseinanderzusetzen, welche dahin ging, daß der Beginn zur Lungentuberkulose vorliege, aber &c. &c.
Der berühmte Arzt hörte ihm zu und schaute während des Vortrags nach seiner dicken goldenen Uhr.
»So ist es,« antwortete er, »aber« --
Der Hausarzt verstummte respektvoll inmitten seiner Rede.
»Genau zu bestimmen, wie Ihr wißt, ist ja der Anfang der Tuberkulose nicht; bis zur Erscheinung der Cavernen ist nichts Bestimmtes zu sagen. Aber vermuten können wir. Und Anzeichen sind ja vorhanden. Schlechte Ernährung, nervöse Aufgeregtheit und dergleichen. Die Frage steht jetzt so, was ist zu thun bei vorhandenem Verdacht des Tuberkelprozesses, um die Ernährung zu unterstützen?«
»Aber Ihr wißt doch, daß stets geistige, seelische Ursachen noch dahinterstecken,« erlaubte sich der Hausarzt mit schüchternem Lächeln einzuwerfen.
»Allerdings, das versteht sich ja von selbst,« versetzte der Ruhm der Wissenschaft, wiederum nach seiner Uhr schauend. »Ist denn die Jauskiybrücke bereits fertig, oder muß man noch immer im Kreis herum fahren?« frug er.
»Sie ist fertig.«
»Aha; nun, dann kann ich in zwanzig Minuten da sein. Wir haben uns also dahin ausgesprochen, daß die Frage jetzt so steht: Unterstützung der Ernährung und Kräftigung der Nerven; eines in Verbindung mit dem andern muß nach beiden Richtungen hin seine Wirkung ergänzen.«
»Und die Reise nach dem Ausland?« frug der Hausarzt.
»Ich bin ein Feind der Reisen nach dem Ausland. Seht doch selbst: wenn wirklich der Beginn der Tuberkulose vorliegt, was wir gar nicht wissen können, so wird die Reise überhaupt nicht helfen. Es ist nur ein solches Mittel unumgänglich notwendig, welches die Ernährung fördert, ohne zu schädigen.«
Der berühmte Arzt setzte nun seinen Plan der Behandlung mit Sodener Wasser auseinander, bei dessen näherer Erläuterung der Hauptpunkt offenbar nur zu sein schien, daß dieses Wasser nicht schaden könne.
Der Hausarzt hatte aufmerksam und respektvoll zugehört.
»Aber zum Zweck der Hervorhebung des Nutzens einer Reise ins Ausland möchte ich betonen, daß eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eine Enthebung aus den Verhältnissen, welche die Erinnerung wachrufen, nötig erscheint. Übrigens wünscht ja die Mutter diese Reise,« fügte er hinzu.
»Aha! Nun, in diesem Falle möge sie reisen, aber diese deutschen Charlatane werden ihr nur Schaden bringen. Es wäre nötig, daß man sich belehren ließe -- aber -- mögen sie reisen.«
Er blickte wiederum nach seiner Uhr.
»Ah, es ist jetzt Zeit!« -- Er ging mit diesen Worten zur Thür. Der berühmte Arzt erklärte nun der Fürstin -- das Gefühl des Anstandes erforderte dies -- daß er die Kranke nochmals sehen müsse.
»Wie? Nochmals untersuchen?« rief die Mutter entsetzt aus.
»O nein; ich möchte ihr nur einige Kleinigkeiten sagen, Fürstin.«
»Bitte sehr.«
Die Mutter, von dem Arzte begleitet, trat in den Salon zu Kity. Abgezehrt und gerötet im Gesicht, mit einem eigenartigen Glanz in den Augen, -- eine Folge der ausgestandenen Scham -- stand Kity inmitten des Zimmers.
Als der Arzt eintrat, fuhr sie entsetzt auf und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Ihre ganze Krankheit und die versuchte Heilung derselben erschien ihr als etwas so Thörichtes, ja Lächerliches.
Ihre Heilung erschien ihr ebenso fruchtlos versucht, als etwa die Zusammenfügung von Stücken einer zerschlagenen Vase.
Ihr Herz war zerschlagen; was wollte man an ihm heilen mit Pillen und Pulvern?
Und doch konnte man die Mutter nicht kränken, umsoweniger, als diese selbst sich schuldbewußt fühlte.
»Wollt doch ein wenig hier noch Platz nehmen, Fürstin,« sagte die medizinische Autorität.
Er ließ sich lächelnd ihr gegenüber nieder, ergriff ihren Puls und begann von neuem, langweilige Fragen an sie zu richten. Sie antwortete ihm, plötzlich aber erhob sie sich entrüstet.
»Entschuldigt mich,« sagte sie, »aber dies kann doch sicherlich zu nichts führen. Ihr fragt mich nun zum drittenmale nach demselben.« Der berühmte Arzt fühlte sich nicht beleidigt.
»Eine krankhafte Gereiztheit,« sagte er zu der Fürstin, als Kity hinausgegangen war. »Übrigens bin ich fertig.«
Der Arzt beschrieb nun der Fürstin, als einer ausnehmend klugen Frau, wissenschaftlich den Zustand der jungen Fürstin und schloß mit der Anweisung dazu, wie man die mineralischen Wässer trinken müsse, die doch gar nicht nötig waren.
Auf die Frage, ob man ins Ausland reisen solle oder nicht, versank der große Arzt in tiefes Nachdenken, gleich als ob er über einer schwierigen Aufgabe sänne.
Die Entscheidung ward endlich gefällt; man dürfe reisen, solle sich aber vor den Charlatanen hüten und sich in allem nur an ihn wenden.
Es schien sich förmlich eine gewisse Aufheiterung zu verbreiten, als der große Arzt von dannen gegangen war. Die Mutter atmete auf, sich zu ihrem Kinde wendend, und Kity stellte sich, als ob sie zu guter Laune käme.
Sie hatte sich in der letzten Zeit nur allzu häufig, ja fast stets, verstellen müssen.
»Es ist wirklich wahr, =maman=, ich fühle mich gesund. Aber wenn Ihr reisen wollt, so wollen wir reisen!« sagte sie, und gab sich den Anschein, als interessiere sie sich für die bevorstehende Abreise, indem sie von den Vorbereitungen zu derselben zu sprechen begann.
2.
Bald nach der Abfahrt des Arztes kam Dolly an. Sie wußte, daß heute der Familienrat sein sollte, und trotzdem daß sie noch nicht lange aus dem Wochenbett war -- sie hatte zu Ende des Winters einem Mädchen das Leben geschenkt -- trotzdem, daß sie selbst schon genug Kummer und Sorgen zu tragen hatte, war sie, ihren Säugling und ein erkranktes Töchterchen daheim zurücklassend, hergekommen, um zu hören welches das Schicksal Kitys, das sich heute entschieden hatte, sein werde.
»Nun, wie steht es?« frug sie, in den Salon tretend, ohne den Hut vom Kopfe zu nehmen. »Ihr seid alle so fröhlich. Es steht wohl gut?«
Man versuchte nur, ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, aber es zeigte sich, daß, obwohl dieser sehr klar und lange gesprochen hatte, niemand richtig das wiederzugeben wußte, was er eigentlich gesagt hatte.
Bemerkenswert war nur das Eine dabei, daß die Reise nach dem Ausland beschlossen worden war.
Dolly seufzte unwillkürlich. Ihr bester Freund, die Schwester, reiste fort; auch ihr eigenes Leben war ja kein heiteres. Ihr Verhältnis zu Stefan Arkadjewitsch war nach jener Aussöhnung für sie ein erniedrigendes geworden. Die Neulötung des Bundes, die von Anna zustande gebracht worden war, erwies sich als nicht auf die Dauer haltbar und das eheliche Einvernehmen war an der nämlichen Stelle wieder in die Brüche gegangen.
Es lag hierfür keine bestimmt ausgesprochene Ursache vor, aber Stefan Arkadjewitsch war fast nie daheim, Geld gab es gleichfalls fast nie im Hause und der Verdacht seiner Untreue folterte Dolly beständig. Schon mehrfach hatte sie diesen Verdacht von sich gescheucht, in der Furcht vor jenem Schmerz der Eifersucht, den sie ja schon an sich erfahren hatte.
Jener erste Ausbruch von Eifersucht, den sie schon einmal durchlebt, konnte freilich nicht so wiederkehren, und selbst eine Entdeckung seiner Untreue würde jetzt nicht mehr in demselben Maße auf sie haben wirken können, als es zum erstenmale der Fall gewesen war.
Eine solche Entdeckung würde sie jetzt nur noch ihres ehelichen Umgangs beraubt haben, und sie hätte sich dann gestattet, ihn und vor allem sich verachtend, sich selbst hinwegzutäuschen über diese Schwäche.
Außerdem aber quälte sie beständig die Sorge um die große Familie. Bald stand es schlecht um die Ernährung des neuangekommenen kleinen Weltbürgers, bald war die Amme fortgegangen, bald lag, wie jetzt, eines der Kinder erkrankt.
»Wie steht es denn mit deinen Verhältnissen?« frug die Mutter.
»Ach, =maman=, wir haben ja des Unglücks selbst genug zu tragen. Lily ist krank geworden und ich fürchte, es ist Scharlach. Ich bin jetzt aber doch wie Ihr seht, gekommen, um zu erfahren wie es hier steht, und muß sonst sitzen und wachen, ohne an ein Verlassen des Hauses denken zu können; wenn, möge Gott uns beschützen, es Scharlach ist.«
Der alte Fürst war nach der Verabschiedung des Arztes wieder aus seinem Kabinett gekommen; Dolly die Wange zum Kuß bietend und einige Worte mit ihr wechselnd, wandte er sich an seine Gattin:
»Was habt Ihr beschlossen; reist Ihr? Und wenn dem so ist, was wird alsdann aus mir?«
»Ich denke, du solltest hier zurückbleiben, Aleksander,« antwortete die Gattin.
»Wie Ihr wollt.«
»=Maman=, warum soll Papa nicht mit uns reisen?« sagte Kity, »ihm und uns ist dann wohler zu Mut.«
Der alte Fürst erhob sich und glättete mit der Hand das Haar seines Kindes. Kity erhob ihr Gesicht und blickte ihn mit gekünsteltem Lächeln an. Es wollte ihr stets scheinen, als ob er am besten in der Familie sie verstünde, obwohl er wenig von ihr sprach. Sie war, als die jüngste, das Lieblingskind des Vaters und es schien, als ob ihm seine Liebe zu ihr den Blick geschärft. Als ihr Blick jetzt seinen guten blauen Augen begegnete, die sie aufmerksam betrachteten, dünkte es sie, als schaue er durch sie hindurch und verstehe all das Traurige, was in ihr vorging.
Errötend neigte sie sich ihm entgegen, erwartend, daß er sie küssen solle, aber er strich nur über ihr Haar und sprach:
»Diese dummen Chignons! Bis zu unseren eigenen Töchtern dringen wir gar nicht durch, sondern man liebkost nur die Haare gestorbener Weiber. Nun, Dollinka,« wandte er sich hierauf an seine älteste Tochter, »was macht denn dein Trumpfaß?«
»Nichts, Papa,« antwortete Dolly, recht wohl verstehend, daß sich die Worte des Vaters auf ihren Gatten bezogen. »Er ist meist fern von Hause, und ich sehe ihn fast nie,« konnte sie nicht umhin, mit sarkastischem Lächeln hinzuzufügen.
»Nun; ist er denn noch nicht auf das Land gefahren, um seinen Wald zu verkaufen?«
»Nein; er ist immer noch erst im Begriff dazu.«
»So, so,« antwortete der Fürst, »dann werde ich mich wohl auch noch einmal vorbereiten müssen?« Er nahm neben seinem Weibe Platz. »Und du Kity,« fügte er hinzu, sich an seine jüngste Tochter wendend, »du wirst hoffentlich eines schönen Tages erwachen und dann lachend zu dir selber sagen, »ah, ich bin doch völlig gesund und heiter, jetzt wollen wir wieder mit Papa gehen und die Frühpromenade mit ihm in der Morgenkälte machen? Nicht so?«
Es schien das, was der Vater sagte, so einfach zu sein, aber Kity geriet dabei in Verwirrung, wie ein überführter Sünder.
»Ja, er weiß alles, er versteht alles und sagt mir mit diesen Worten, daß man, auch wenn dies schimpflich ist, seine Schmach überleben solle.«
Sie vermochte nicht, sich ein Herz zu fassen und eine Erwiderung zu finden. Sie wollte etwas sagen, brach aber in Thränen aus und verließ schnell das Gemach.
»Da hast du deine Scherze!« rief die Fürstin ihrem Gatten zu; »du bist stets die Ursache zu derartigen Scenen;« begann sie vorwurfsvoll.
Der Fürst hörte geraume Zeit ihre Vorwürfe schweigend an, aber sein Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr.