Anna Karenina, 1. Band

Part 13

Chapter 133,715 wordsPublic domain

Ein junger Herr, der sehr nervenschwach war, -- er diente in einem Kreisgericht -- saß ihm gegenüber und begann einen Groll auf ihn zu fassen wegen dieses Ausdrucks.

Der junge Herr rauchte mit ihm und unterhielt sich mit ihm; er stieß ihn sogar an, um ihn fühlen zu lassen, daß er selbst kein Ding, sondern ein Mensch sei, aber Wronskiy blickte ihn an, als schaue er eine Straßenlaterne an und der junge Herr schnitt nun Grimassen in der Empfindung, er würde die Selbstbeherrschung verlieren unter dem Drucke dieser Verachtung seitens eines Menschen.

Wronskiy sah und hörte nichts. Er fühlte sich als Zar, nicht deshalb, weil er etwa geglaubt hätte, einen Eindruck auf Anna hervorgebracht zu haben, -- er glaubte noch gar nicht hieran -- sondern deshalb, weil der Eindruck, den sie auf ihn hervorgebracht hatte, ihm ein Gefühl des Glückes und Stolzes verlieh.

Was aus alledem hervorgehen würde, das wußte er noch nicht und daran dachte er auch noch gar nicht. Er empfand, daß alle die Kräfte, welche er bisher vergeudete und verschwendete, sich jetzt in Einem konzentrierten und mit furchtbarer Energie einem glückverheißenden Ziele zustrebten.

Hierüber aber war er glücklich; er wußte nur das Eine, daß er ihr die Wahrheit gesagt hatte, er sei nur deshalb hier mitgefahren, weil sie hier sei, daß er alles Lebensglück, seinen einzigen Lebensgedanken jetzt nur noch darin finde, sie zu sehen, sie zu hören.

Als er in Bologowo ausstieg, um Selterswasser zu trinken und Anna erblickte, so sagte ihr das erste Wort aus seinem Munde das was er dachte. Und er freute sich darüber, daß er ihr dies gesagt hatte, daß sie es nun wisse und darüber nachdenken werde.

Er schlief die ganze Nacht hindurch nicht. Als er in den Waggon zurückgekommen war, ließ er ohne Aufhören wiederum alle Stellungen, in denen er sie gesehen hatte, an sich vorüberziehen und alle ihre Worte, und in seiner Einbildungskraft erschienen Gemälde einer möglichen Zukunft die ihm das Herz stocken ließen.

Nachdem er in Petersburg den Waggon verlassen hatte, fühlte er sich nach der schlaflosen Nacht erfrischt, wie neugeboren, gleich als käme er aus einem Kaltwasserbad.

Er blieb neben seinem Waggon stehen, um ihr Aussteigen abzuwarten.

»Noch einmal muß ich sie sehen,« sprach er zu sich mit unwillkürlichem Lächeln, »noch einmal ihre Bewegungen sehen, ihr Gesicht anschauen; sie wird sprechen, den Kopf wenden, mich erblicken und vielleicht lächeln.«

Aber noch bevor er sie selbst erblickt hatte, gewahrte er ihren Gatten, welchen der Stationschef ehrfurchtsvoll durch das Gedränge begleitete.

»Ah, das ist ja der Gatte!«

Zum erstenmal erkannte jetzt Wronskiy klar, daß ein Mann, ein Gatte, ein mit ihr verbundenes Wesen existierte, er wußte jetzt, daß sie einen Gatten besaß, aber er vermochte nicht an sein Dasein zu glauben und überzeugte sich hiervon nicht früher, als bis er ihn gesehen hatte, mit seinem Kopf, den Schultern und den Beinen in schwarzen Pantalons; und nicht eher besonders, als bis er gewahrt hatte, wie dieser Mann im Gefühl seiner besonderen Eigenschaft, ruhig ihre Hand ergriffen hatte.

Als er diesen Aleksey Aleksandrowitsch mit seinem frischen petersburgischen Gesicht, der stolzen selbstbewußten Haltung, im runden Hute, dem etwas hohen Rücken gemustert hatte, glaubte er an ihn, empfand aber ein Gefühl des Unangenehmen, ähnlich dem, wie es ein Mensch empfinden würde, der von Durst gepeinigt an eine Quelle gelangt, und hier findet, daß an derselben ein Hund, ein Schöps oder Schwein gesoffen und das Wasser getrübt hat.

Der Gang Aleksey Aleksandrowitschs, welcher ein Wanken des ganzen Körpers auf den kurzen Füßen zeigte, berührte Wronskiy ganz besonders unangenehm.

Er empfand fast eine Art von unzweifelhafter Berechtigung dazu, sie allein zu lieben. Aber Anna blieb sich stetig gleich, und ihre Erscheinung wirkte noch immer so physisch belebend, erregend und sein Gemüt beglückend, auf ihn.

Er befahl jetzt einem deutschen Dienstmann zweiter Klasse, der zu ihm herantrat, sein Gepäck aufzunehmen und fortzubringen und begab sich zu ihr hin.

Er beobachtete das erste Begegnen des Gatten mit der Gattin und bemerkte mit dem durchdringenden Scharfblick des Liebenden die Kennzeichen einer gewissen leichten Gespanntheit, mit welcher sie mit dem Gatten sprach.

»Nein; sie liebt diesen Mann nicht, und sie kann ihn ja auch nicht lieben,« entschied er vor sich selbst.

Während er sich im Rücken Anna Kareninas näherte, bemerkte er mit Vergnügen, daß sie gleichwohl seiner Annäherung inne geworden war und sich umgeblickt hatte. Als sie seiner ansichtig geworden war, hatte sie sich wieder ihrem Manne gewidmet.

»Habt Ihr die Nacht gut verbracht?« frug Wronskiy, vor ihr eine Verbeugung machend, die auch gleichzeitig dem Gatten Annas galt und auszudrücken schien, daß Aleksey Aleksandrowitsch diese Verbeugung aufnehmen könne, wie er wolle, gleichviel ob er ihn kenne oder nicht.

»Ich danke Euch! Sehr gut,« antwortete Anna Karenina.

Ihr Gesicht sah ermüdet aus und es weilte jetzt nicht jenes Tändeln des Lebensmuts auf ihm, welches bald in ihrem Lächeln, bald in ihren Blicken erschien; aber für eine Sekunde, als sie ihn anblickte, blitzte etwas in ihren Augen auf, wovon er, obwohl dieses Feuer sofort wieder erlosch, sich glücklich fühlte.

Sie schaute auf ihren Mann, um zu ergründen, ob er Wronskiy schon kenne. Aleksey Aleksandrowitsch blickte mißvergnügt auf Wronskiy, sich zerstreut erinnernd, wer dies sein könne.

Die Ruhe und Sicherheit Wronskiys traf hier mit dem kalten Selbstgefühl Aleksey Aleksandrowitschs zusammen, wie eine Sense auf einen Feldstein.

»Graf Wronskiy,« sagte Anna.

»Ah! Wir sind ja wohl Bekannte scheint es,« versetzte Aleksey, diesem die Hand reichend. »Mein Weib fuhr nach Moskau mit der Mutter und kehrt von da zurück mit dem Sohne,« fuhr er fort mit einer Aussprache, so sorgfältig, als müsse er für jedes Wort einen Rubel geben. »Ihr kommt wahrscheinlich von Urlaub?« frug er weiter und wandte sich dann, ohne eine Antwort abzuwarten, in scherzendem Tone an seine Gattin: »Wurden denn viel Thränen vergossen in Moskau beim Abschied?«

Mit dieser Bemerkung an Anna gab er Wronskiy zu verstehen, daß er nunmehr allein zu sein wünsche und berührte daher, sich nach diesem umwendend, seinen Hut, allein Wronskiy wandte sich an Anna Arkadjewna:

»Ich hoffe die Ehre haben zu können, Ihnen meine Aufwartung zu machen?«

Aleksey Aleksandrowitsch schaute mit blöden Blicken auf Wronskiy.

»Sehr angenehm,« versetzte er kühl, »wir empfangen Montags.« Er überließ hierauf Wronskiy ganz sich selbst und sagte zu seinem Weibe scherzend: »Wie gut doch, daß ich noch eine halbe Stunde freie Zeit hatte, um dich abholen zu können und dir damit meine Zärtlichkeit zu erweisen.«

»Du hebst deine Zärtlichkeit zu sehr hervor, als daß ich sie sehr hoch schätzen dürfte,« antwortete sie in dem nämlichen scherzhaften Tone, wider Willen dem Geräusch der Schritte des hinter ihnen herschreitenden Wronskiy lauschend.

»Aber was geht mich die Sache an?« dachte sie bei sich und begann hierauf ihren Gatten zu fragen, wie in ihrer Abwesenheit sich der kleine Sergey befunden habe.

»Ausgezeichnet! Mariette sagt, er sei sehr lieb gewesen, aber -- ich muß dich leider ein wenig verstimmen -- habe sich wenig nach dir gesehnt; lange nicht so viel, wie dein Mann. Indessen nochmals =merci=, liebste Frau, daß du mir einen Tag mehr geschenkt hast. Unser gemütlicher Samowar wird in Entzücken geraten.« »Samowar« hieß bei ihm die berühmte Gräfin Liddy Iwanowna, deshalb, weil sie stets und über alles in Aufregung und Hitze zu geraten pflegte. »Sie hat nach dir gefragt. Weißt du, wenn ich dir raten dürfte, so schlüge ich vor, du führest jetzt zu ihr. Ihr Herz ist ja über alles gleich in Aufregung und jetzt beschäftigt sie sich, ganz abgesehen von sämtlichen anderen Sorgen, die sie noch hat, mit der Versöhnungsangelegenheit der Oblonskiy.«

Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine Freundin Aleksey Aleksandrowitschs, und bildete den Mittelpunkt eines der Kreise des petersburgischen Lebens, mit welchem Anna von ihrem Manne aus in engstem Verkehr stand.

»Ich habe ihr aber doch bereits geschrieben?«

»Sie muß alles aufs Ausführlichste wissen. Fahre hin, wenn du nicht allzu angegriffen bist, Liebe. Konrad wird dir einen Wagen geben; ich muß jetzt ins Komitee. Nun werde ich doch nicht mehr allein zu Mittag speisen,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch, jetzt nicht mehr in scherzhaftem Tone, fort, »du glaubst nicht, wie sehr ich gewohnt bin« --

Er drückte ihr lange Zeit die Hand mit einem eigentümlichen Lächeln auf den Zügen und war ihr beim Einsteigen behilflich.

32.

Der Erste, welcher Anna daheim entgegenkam, war ihr Sohn. Er sprang ihr die Treppe herunter entgegen, ungeachtet des Schreiens der Gouvernante und rief in maßlosem Entzücken: »Mama, Mama!« Als er sie erreicht hatte, hängte er sich an ihren Hals.

»Ich habe Euch gesagt, daß meine Mama kommt!« rief er der Gouvernante zu, »ich habe es ja gewußt!« --

Der Sohn sowohl, wie der Vater, erweckte in Anna ein Gefühl, ähnlich dem der Ernüchterung. Sie hatte ihn für hübscher gehalten, als er wirklich war, und sie mußte sich dieser Wirklichkeit fügen, wenn sie an ihm, so wie er war, ihre Freude haben sollte.

Aber auch so wie er war, war er reizend mit seinen blonden Locken, blauen Augen und vollen wohlgebauten Beinchen in den straffgezogenen Strümpfen. Anna empfand eine fast physische Befriedigung in der Empfindung seiner Gegenwart und seiner Liebkosungen, und eine sittliche Beruhigung, wenn sein naiver, treuherziger und liebevoller Blick sie traf, seine kindlichen Fragen in ihr Ohr drangen.

Sie spendete ihm die Geschenke, die die Kinder Dollys sandten und erzählte ihrem Söhnchen, was für ein hübsches Mädchen die Tanja in Moskau sei und wie diese Tanja schon zu lesen verstehe, ja, ihre anderen Geschwister darin bereits unterrichte.

»Wie, also bin ich schlechter als sie?« frug der kleine Sergey.

»Für mich bist du besser als alles in der Welt.«

»Ich weiß schon, Mama,« lächelte Sergey.

Anna hatte ihren Kaffee noch nicht ganz genommen, als man ihr die Gräfin Lydia Iwanowna meldete.

Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine hochgewachsene volle Dame mit gelblicher, ungesunder Gesichtsfarbe und schönen sinnigen, schwarzen Augen.

Anna liebte sie, aber heute war es ihr, als erblicke sie die Freundin zum erstenmale mit allen ihren Mängeln.

»Nun, liebste Freundin, habt Ihr den Ölzweig nach Moskau getragen?« frug die Gräfin, kaum nachdem sie das Zimmer betreten hatte.

»Ei gewiß; es ist alles geschehen, aber die ganze Sache war doch nicht von solcher Bedeutung, wie wir glaubten,« antwortete Anna. »Im allgemeinen fand ich meine =belle soeur= nur zu sehr gefaßt.«

Die Gräfin Lydia Iwanowna, welche sich für alles das am meisten interessierte, was sie nichts anging, hatte indessen nichtsdestoweniger die Gewohnheit, niemals das zu Ende zu hören, was sie eben interessierte; sie unterbrach daher Anna:

»Ja, es giebt viel Herzeleid und Sünde in der Welt; auch ich bin heute ganz angegriffen.«

»Was ist Euch?« frug Anna, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend.

»Ich fange jetzt an, es zum Überdruß zu bekommen, so vergeblich Lanzen für die Wahrheit zu brechen, und manchmal bin ich ganz aufgerieben. Jene Schwesterfrage,« dieselbe betraf einen philanthropischen, religiös-patriotischen Bund, »wäre so ersprießlich zur Entwickelung gelangt, aber mit diesen Herren ist nichts anzufangen,« fügte die Gräfin mit ironischer Ergebung in ihr Geschick hinzu. »Sie bemächtigten sich der Idee, aber sie verunstalteten dieselbe nur und verurteilen sie jetzt in der oberflächlichsten und geringschätzigsten Weise. Zwei oder drei Herren an der Zahl, darunter Euer Gatte, verstehen ja wohl die ganze Bedeutung der Idee, die anderen aber vernachlässigen sie nur. Gestern schrieb mir Prawdin« --

Prawdin war ein bekannter Panslawist im Auslande, und die Gräfin erzählte jetzt den Inhalt seines Schreibens.

Die Gräfin Lydia Iwanowna berichtete hierauf noch von den Unannehmlichkeiten und Intriguen gegen den Plan der Vereinigung der Kirchen, und fuhr dann wieder hinweg, in voller Geschäftigkeit, da sie noch heute der Sitzung einer anderen Gesellschaft und dem Slawischen Komitee beiwohnen müsse.

»Sie hatte alle diese Eigenschaften doch schon früher, warum habe ich sie früher nicht bemerkt?« sagte sich Anna.

Es war in der That lächerlich mit jener Gräfin. Ihr Streben war Tugendpflege, sie war christlich gesinnt, und doch lag sie stets in Hader, stets hatte sie ihre Feinde und stets waren diese ihre Feinde wegen des Christentums und der Tugend.

Nach der Gräfin Lydia Iwanowna kam Annas Freundin, die Gattin eines Direktors, und erzählte ihr alle Neuigkeiten aus der Stadt. Um drei Uhr fuhr dieselbe weg unter dem Versprechen, zum Souper wieder da sein zu wollen. Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Ministerium.

Allein geblieben, verwendete Anna die Zeit bis zum Abend darauf, dem Abendessen des Söhnchens -- welches gesondert zu essen pflegte -- beizuwohnen, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und Briefe zu lesen und zu beantworten die sich auf dem Tische gehäuft hatten.

Die Empfindung einer unerklärlichen Schmach, die sie auf der Heimreise gehabt hatte und ihre innere Erregtheit, waren vollständig geschwunden. In ihren gewohnten Lebensverhältnissen hatte sie sich bald wieder gefaßt und gerechtfertigt gefunden, und mit Verwunderung gedachte sie jetzt ihres gestrigen Zustandes.

»Was war geschehen? Nichts! Wronskiy hatte Dummheiten geschwatzt, welchen man leicht ein Ziel setzen konnte und ich habe ihm so geantwortet, wie es am Platze war. Meinem Gatten brauche ich davon nichts zu sagen -- ich kann es nicht einmal: denn davon sprechen hieße der Sache eine Wichtigkeit beimessen, welche sie gar nicht besitzt.«

Sie dachte daran, wie sie einst ihrem Manne erzählt hatte von dem Liebesgeständnis, welches ihr von einem jungen Untergebenen desselben beinahe gemacht worden war, und wie ihr Gatte Aleksey Aleksandrowitsch ihr darauf geantwortet hatte, daß jede Frau, die in der großen Welt lebe, dem ausgesetzt sei, er aber ihrem Takte vollständig vertraue und sich selbst nie gestatten würde, sie oder sich selbst bis zur Eifersucht zu erniedrigen.

»Also würde einfach nichts darüber zu sprechen sein? Nein, Gott sei gedankt, ich werde ihm nichts erzählen,« sagte sie zu sich selbst.

33.

Aleksey Aleksandrowitsch kehrte aus dem Ministerium um vier Uhr zurück, ging aber -- wie dies häufig geschah -- nicht sogleich zu seinem Weibe. Er trat in sein Kabinett, um wartende Petenten zu hören, und einige Akten zu unterschreiben die ihm vom Sekretär übergeben worden waren.

Zu der Mittagstafel, zu welcher bei den Karenin stets drei Gäste eingeladen wurden, erschienen heute eine alte Cousine Aleksey Aleksandrowitschs, der Departementsdirektor mit seinem Weibe und ein junger Mann, welcher Aleksey Aleksandrowitsch im Dienste empfohlen worden war.

Anna erschien im Salon, um die Gäste zu empfangen. Punkt fünf Uhr -- die Bronceuhr, welche Peter I. vorstellte, hatte noch nicht den fünften Schlag gethan -- erschien Aleksey Aleksandrowitsch in weißer Krawatte und Frack und zwei Ordenssterne auf der Brust; er mußte sogleich nach dem Essen hinwegfahren.

Jede Minute im Leben Aleksey Aleksandrowitschs war in Anspruch genommen und von vornherein zu einem Zwecke bestimmt, und um stets das, was ihm tägliche Obliegenheit war, gehörig erfüllen zu können, befleißigte er sich der strengsten Accuratesse.

»Ohne Hast aber auch ohne Ruhe,« war seine Devise.

Er trat in den Salon, grüßte alle und setzte sich schnell, seiner Frau zulächelnd.

»So hätte sich denn meine Einsamkeit beendet; du glaubst nicht, wie peinlich,« er betonte dieses Wort, »es ist, allein speisen zu müssen.«

Bei dem Essen unterhielt er sich mit seiner Gattin über die Moskauer Angelegenheiten und frug mit ironischem Lächeln nach Stefan Arkadjewitsch, doch bewegte sich das Gespräch vorzugsweise auf Gemeinplätzen, über Petersburger Amtsverhältnisse und allgemeine Angelegenheiten.

Nach dem Essen widmete er eine halbe Stunde seinen Gästen und ging dann, wiederum seiner Gattin mit einem Lächeln die Hand drückend, um zur Ratssitzung zu fahren.

Anna fuhr heute nicht zur Fürstin Bezzy Twerskaja, die sie, von ihrer Rückkunft unterrichtet, für den Abend zu sich eingeladen hatte; auch in das Theater begab sie sich nicht, in dem für sie heute eine Loge reserviert war.

Sie fuhr in erster Linie deswegen nicht, weil eine Robe, auf die sie gerechnet hatte, nicht fertig geworden war; dann aber befand sie sich heute, als sie nach dem Weggang der Gäste Toilette machte, überhaupt nicht bei guter Laune.

Vor ihrer Abreise nach Moskau hatte sie, eine Meisterin darin, sich möglichst einfach zu kleiden, ihrer Modistin drei Roben zur Umänderung übergeben. Die Umänderung sollte in einer Weise zur Ausführung kommen, daß man die Kleider nicht wiedererkenne, und diese hatten schon vor drei Tagen fertig sein sollen. Nun aber stellte sich heraus, daß zwei Roben überhaupt nicht fertig waren, und die dritte nicht in der Weise geändert war, wie es Anna gewünscht hatte.

Die Modistin erschien, um Erklärungen abzugeben; sie versicherte, die Robe werde so am besten aussehen, aber Anna geriet darüber so in Zorn, daß sie in der Folge Reue empfand, wenn sie daran dachte.

Um sich ganz zu beruhigen, ging sie nach dem Kinderzimmer und verbrachte hier den ganzen Abend mit ihrem Söhnchen; sie legte es persönlich schlafen, bekreuzte es und deckte es mit der Bettdecke zu.

Jetzt war sie erfreut darüber, nicht ausgefahren zu sein und den Abend so gut angewendet zu haben. Ihr war so leicht und ruhig zu Mut, sie erschaute jetzt so klar, daß alles, was sich ihr während der Eisenbahnfahrt so wuchtig vor die Seele gedrängt hatte, nur eines jener geringfügigen Vorkommnisse des weltlichen Lebens gewesen war, und sie vor niemand, nicht einmal vor sich selbst noch Scham zu empfinden brauchte.

Sie ließ sich, einen englischen Roman in der Hand, am Kamin nieder und harrte ihres Gatten; um halb zehn Uhr vernahm sie seine Schelle und er trat ins Gemach.

»Endlich kommst du!« sagte sie, ihm die Hand entgegenstreckend. Er küßte dieselbe und setzte sich neben sie.

»Ich sehe wohl, daß deine Reise von Erfolg begleitet war,« begann er zu ihr.

»O ja, vollkommen,« versetzte sie, und begann ihm alles von Anfang an zu erzählen; ihre Hinreise mit der Wronskaja, ihre Ankunft, den Unfall auf der Eisenbahn. Dann sprach sie von ihrem Mitleid erst für ihren Bruder und dann für Dolly.

»Ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen solchen Menschen zu entschuldigen, wenn er auch dein Bruder ist,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch in strengem Tone.

Anna lächelte. Sie begriff, daß er dies namentlich sagte, um zu zeigen, daß Rücksichten auf Verwandtschaft ihn nicht abhalten könnten, seine aufrichtige Meinung auszusprechen. Sie kannte diesen Zug an ihrem Manne und liebte ihn.

»Es ist mir aber lieb, daß alles noch glücklich abgelaufen ist und du wieder hier bist,« fügte er hinzu; »übrigens was spricht man denn von dem neuen Reglement, welches ich im Rat zur Durchführung gebracht habe?«

Anna wußte nichts von diesem Reglement und sie machte sich Vorwürfe, daß sie so leicht hatte vergessen können, was für ihn von so hoher Wichtigkeit war.

»Hier hat dasselbe freilich viel Staub aufwirbelt,« sagte er mit selbstzufriedenem Lächeln.

Sie sah, daß Aleksey Aleksandrowitsch ihr etwas Angenehmes mitteilen wollte über die Angelegenheit und bestürmte ihn nun mit Bitten, zu erzählen; und so begann er denn mit seinem selbstzufriedenen Lächeln von den Ovationen zu berichten, die ihm infolge der Durchführung jenes Reglements dargebracht worden waren.

»Ich bin sehr, sehr glücklich,« sagte er, »dies beweist, daß man bei uns nun endlich beginnt, die Sache mit einem verständigen und sicheren Blick zu betrachten.«

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch ein zweites Glas Thee mit Sahne und Brot zu sich genommen hatte, stand er auf und begab sich in sein Kabinett.

»Du bist gar nicht ausgefahren? Gewiß wirst du dich gelangweilt haben,« frug er.

»O nein!« versetzte sie, hinter ihm aufstehend und ihn durch den Salon in das Kabinett begleitend.

»Was liesest du denn jetzt?« frug sie ihn.

»Jetzt lese ich =Duc de Lille, >Poésies des enfers=<,« antwortete er, »ein sehr interessantes Buch.«

Anna lächelte, wie man über die Schwächen geliebter Menschen lächelt und führte ihn, ihren Arm in den seinen legend, bis an die Thür seines Kabinetts.

Sie kannte seine Gewohnheit, die ihm zum Bedürfnis geworden war, abends zu lesen. Sie wußte, daß er es, trotz der fast seine ganze Zeit in Anspruch nehmenden Amtspflichten, als seine Aufgabe erachtete, allem Interessanten, was in der Sphäre der geistigen Welt erschien, zu folgen. Sie wußte auch, daß ihn namentlich politische, philosophische und theologische Werke interessierten, daß die Kunst aber seiner Natur völlig fern lag. Gleichwohl jedoch, oder besser gerade deswegen, ließ Aleksey Aleksandrowitsch nichts von dem unbeachtet vorüber, was auch auf diesem Gebiete von sich reden machte, und hielt es für seine Pflicht, alles zu lesen.

Sie wußte, daß er auf dem Gebiete der Politik, Philosophie und Theologie entweder zweifelte oder forschte, aber in den Fragen der Poesie und Kunst, besonders der Musik, für die ihm ein Verständnis vollständig abging, besaß er die entschiedensten Meinungen. Er liebte es, von Shakespeare, Rafael, Beethoven zu sprechen, von der Bedeutung der neuen Schulen in Dichtung und Musik, die ihm alle in sehr klarer Reihenfolge geläufig waren.

»Nun, Gott mit dir,« sagte sie an der Thür des Kabinetts, in welchem ihm schon die Lampe mit dem Schirm und eine Flasche Wasser neben dem Lehnstuhl bereit gestellt worden war. »Ich will noch nach Moskau schreiben.«

Er drückte ihr die Hand und küßte dieselbe.

»Unter allen Umständen ist er ein guter Mensch, bieder, gut und bedeutend in seinem Wirkungskreis,« sagte Anna zu sich selbst, nachdem sie zurückgekehrt, als wolle sie ihn vor jemand schützen, der ihn anklage und sage man könnte diesen Mann nicht lieben. »Stehen denn seine Ohren wirklich so seltsam von ihm ab? Oder hat er sich nur scheren lassen?«

Noch um die zwölfte Stunde saß Anna vor ihrem Schreibtisch, ihren Brief an Dolly vollendend; da vernahm sie die gleichmäßigen Schritte Aleksey Aleksandrowitschs, welcher in Pantoffeln, das Buch unter dem Arme, bei ihr eintrat.

»Es ist nun Zeit,« sagte er mit besonderem Lächeln und schritt, frisch gewaschen und frisiert, nach dem Schlafgemach.

»Welches Recht besaß er doch eigentlich, in so seltsamer Weise auf ihn zu blicken?« dachte Anna, indem sie sich den Blick Wronskiys auf Aleksey Aleksandrowitsch vergegenwärtigte.

Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, begab sie sich ins Schlafgemach; aber auf ihrem Antlitz war nicht nur nichts mehr von jenem Leben zu sehen, wie zur Zeit ihres Aufenthalts in Moskau, das aus ihren Augen, ihrem Lächeln glänzte, im Gegenteil; das Feuer schien jetzt erloschen zu sein in ihr -- oder es hatte sich an einem entlegenen Orte verborgen.

34.

Als Wronskiy Petersburg verließ, hatte er sein großes Quartier an der Morskaja seinem Freunde und Lieblingskameraden Petrizkiy überlassen.

Petrizkiy war ein junger Lieutenant von nicht glänzendem Herkommen und nicht nur unbemittelt, sondern vielmehr überschuldet, der des Abends stets berauscht, gar häufig infolge zahlreicher alberner und selbst schmutziger Affairen auf die Hauptwache gebracht wurde, nichtsdestoweniger aber bei seinen Kameraden und Vorgesetzten beliebt war.

Um zwölf Uhr von der Eisenbahn nach seinem Quartier kommend, sah Wronskiy in der Einfahrt das ihm wohlbekannte Mietgeschirr stehen. Hinter der Thür hörte er nachdem er geläutet hatte, das Lachen von Männerstimmen, das Geschwätz einer Frauenstimme und den Ruf Petrizkiys: »Sollte es einer der Bösewichter sein, so wird er nicht eingelassen!«

Wronskiy befahl, man solle von seiner Ankunft nicht Meldung machen und begab sich leise in das nächste Gemach.