Part 11
»Du weißt ja, daß das Kapital den Arbeiter erdrückt. Die Arbeiter, die wir haben, die Bauern, tragen alle Last der Arbeit und sind so gestellt, daß sie, wie viel sie auch immer arbeiten mögen, nicht aus ihrer Stellung als menschliche Tiere herauskommen können.
»All den Gewinn des Arbeiterlohnes, für den sie ihre Lage verbessern, und sich auch eine Ruhezeit gönnen könnten und infolge davon auch eine Bildung -- all den Überschuß dieses Ertrags nehmen ihnen die Kapitalisten hinweg. Die Gesellschaft ist jetzt so eingerichtet, daß die Kaufleute, die Gutsherren umsomehr zu genießen haben, je mehr jene arbeiten, und sie werden stets arbeitendes Ackervieh bleiben. Diese Einrichtung aber muß geändert werden,« -- schloß Nikolay und blickte dabei fragend auf den Bruder.
»Natürlich,« versetzte dieser mit einem Blick auf die Röte, welche auf den hervorstehenden Backenknochen des Bruders erschienen war.
»Wir wollen nämlich eine Schlossergenossenschaft errichten, in welcher alle Erzeugnisse und der Ertrag, sowie die hauptsächlichsten Instrumente zur Arbeit, gemeinsam sein sollen.«
»Und wo soll diese Arbeitergesellschaft ihren Sitz haben?« frug Konstantin Lewin.
»Im Dorfe Wosdremo, im Gouvernement Kasan.«
»Weshalb denn auf einem Dorfe? Auf den Dörfern, scheint mir, giebt es doch schon genug zu thun. Was soll eine Schlossergesellschaft auf einem Dorfe?«
»Nun, deshalb, weil die Bauern jetzt noch die nämlichen Sklaven sind, die sie von jeher waren; dir und Sergey Iwanowitsch freilich wird es unangenehm sein, daß sie dieser Knechtschaft entrissen werden sollen,« versetzte Nikolay Lewin, von der Entgegnung aufgebracht.
Konstantin Lewin seufzte, und blickte zu gleicher Zeit in dem düsteren, schmutzigen Raume umher. Sein Seufzer schien Nikolay noch mehr zu erregen.
»Ich kenne deine und Sergey Iwanowitschs aristokratische Anschauungen, und weiß, daß er zumal alle seine Verstandeskräfte dazu anwendet, um die herrschenden Übelstände zu rechtfertigen.«
»O nein, indessen wozu sprichst du von Sergey Iwanowitsch,« antwortete lächelnd Lewin.
»Sergey Iwanowitsch? Nun dazu!« rief plötzlich bei der Nennung dieses Namens Nikolay Lewin aus, »ich will dir sagen wozu! Aber was soll ich dir sagen? Es ist immer dasselbe! Warum bist du zu mir gekommen? Du verachtest doch diese Umgebung, also gut denn, und nun geh mit Gott, geh!« rief er, von seinem Stuhle aufstehend, »geh, geh!«
»Ich verachte gar nichts,« antwortete Lewin mild, »und ich streite ja gar nicht.«
In diesem Augenblick kehrte Marja Nikolajewna zurück. Nikolay Lewin blickte heftig erregt auf sie und sie trat schnell zu ihm hin und flüsterte ihm etwas zu.
»Ich bin leidend und daher reizbar geworden,« fuhr er beruhigt und schwer atmend fort, »später aber erzähle mir von Sergey Iwanowitsch und seinem Artikel. Es steht solch ein Unsinn darin, so viel Lüge, so viel Selbsttäuschung! Was kann er schreiben von der Gerechtigkeit der Menschheit! Er, der diese gar nicht kennt! Habt Ihr den Aufsatz gelesen?« wandte er sich an Krizkiy, indem er sich an dem Tische niederließ und bis auf die Hälfte desselben die darauf verstreut umherliegenden Cigaretten wegschob, um Platz zu bekommen.
»Ich habe ihn nicht gelesen,« antwortete Krizkiy finster, augenscheinlich keine Lust verspürend, in das Thema mit einzugreifen.
»Weshalb denn nicht?« wandte sich Nikolay Lewin jetzt gereizt an Krizkiy.
»Weil ich nicht für nötig halte, damit Zeit zu verlieren.«
»Das heißt bitte sehr, woher wißt Ihr denn, daß Ihr damit nur Zeit verliert? Vielen freilich ist der Artikel gar nicht zugänglich; er ist ihnen zu hoch geschrieben. Ich aber -- bei mir ist es etwas anderes -- ich lese alle seine Ideen heraus und weiß, wo die Schwächen liegen.«
Alle schwiegen. Krizkiy erhob sich langsam und griff nach seinem Hute.
»Wollt Ihr nicht mit zu Abend essen? Nun, lebt wohl, also morgen mit dem Schlosser!« --
Kaum war Krizkiy gegangen, als Nikolay Lewin zu lächeln begann und mit den Augen zwinkerte.
»Auch schlecht,« sagte er, »ich sehe schon« --
In diesem Augenblick rief Krizkiy von der Thür her nochmals nach Nikolay.
»Was willst du noch?« antwortete dieser und folgte Krizkiy mit auf den Korridor hinaus. Lewin, mit Marja Nikolajewna allein zurückbleibend wandte sich an diese:
»Lebt Ihr schon lange bei meinem Bruder?« frug er sie.
»Es geht jetzt in das zweite Jahr. Seine Gesundheit ist sehr schwach geworden, er trinkt wohl zu viel,« antwortete sie.
»Was trinkt er denn?«
»Branntwein, und der ist ihm sehr schädlich.«
»Soviel trinkt er davon?« flüsterte Lewin.
»Ja,« antwortete Marja, schüchtern nach der Thüre schauend, in welcher jetzt Nikolay Lewin wieder erschien.
»Wovon habt Ihr gesprochen?« frug er stirnrunzelnd und den verstörten Blick von einem auf den andern schweifen lassend. »Wovon?« wiederholte er.
»Von nichts Wichtigem,« versetzte Konstantin in einiger Verlegenheit.
»Ihr wollt nur nicht sprechen so wie Ihr möchtet. Übrigens hast du gar nichts mit ihr zu reden. Sie ist eine Magd und du bist ein Herr,« fuhr er fort, wiederum mit dem Halse ruckend. »Du hast alles verstanden und weißt alles zu würdigen, das sehe ich wohl, und du stellst dich auf den Standpunkt des Mitleids meinen Irrungen gegenüber,« sagte er darauf, seine Stimme erhebend.
»Nikolay Dmitritsch, Nikolay Dmitritsch,« flüsterte abermals Marja Nikolajewna, an ihn herantretend.
»Gut, schon gut. Aber was wird mit unserem Abendessen? Da kommt er ja schon,« sagte Nikolay, den Diener gewahrend, welcher mit dem Servierbrett hereintrat.
»Hierher, setze hierher,« rief er heftig und ergriff sogleich den Branntwein, füllte ein Glas und leerte es gierig. »Trink, willst du nicht?« wandte er sich dann an seinen Bruder, gleichsam neu auflebend. »Nun laß uns von Sergey Iwanowitsch sprechen. Ich sehe dich doch gern bei mir. Was du auch dort sprechen mögest, wir beide sind uns nicht so ganz entfremdet. Also trink und erzähle mir, was du machst,« fuhr er fort, gierig ein Stück Brot mit den Zähnen zermalmend und ein zweites Glas Branntwein darauf einschenkend. »Wie befindest du dich?«
»Einsam auf meinem Dorfe, wie ich schon früher lebte; ich beschäftige mich mit meinem Gutswesen,« antwortete Konstantin, mit Schrecken auf die Gier blickend, mit welcher sein Bruder aß und trank. Er bemühte sich indessen, seine Aufmerksamkeit nicht zu Tage treten zu lassen.
»Weshalb heiratest du denn nicht?«
»Es ist noch nicht dazu gekommen,« antwortete Konstantin errötend.
»Warum nicht? Mit mir -- ist es vorbei. Ich habe mein Leben verdorben. Das Eine habe ich schon früher gesagt und werde ich stets behaupten; hätte man mir damals mein Erbteil gegeben, als ich es brauchte, dann würde mein ganzes Leben ein anderes geworden sein.«
Konstantin beeilte sich, der Unterhaltung eine neue Richtung zu geben.
»Weißt du schon, daß dein Wanjuschka bei mir in Pokrowsko auf dem Kontor ist?« sagte er.
Nikolay reckte seinen Hals und versank in Nachdenken.
»Ja, sage mir doch, wie geht es in Pokrowsko? Steht unser Haus noch, was machen die Birken und die Felder? Lebt der Gärtner Philipp noch? Ich besinne mich noch auf die Laube und das Sofa darin! Sieh nur zu, daß nichts im Hause verändert wird, aber -- heirate möglichst bald und führe alles wieder so ein wie es vordem gewesen ist. Dann werde ich auch zu dir kommen wenn dein Weib gut ist.«
»Komm doch jetzt zu mir,« antwortete Lewin, »wir könnten es uns so bequem machen!«
»Ich würde wohl zu dir kommen, wenn ich wüßte, daß ich Sergey Iwanowitsch nicht bei dir fände.«
»Du wirst ihn nicht treffen. Ich lebe vollständig unabhängig von ihm.«
»Ja, aber was du auch sagen mögest, du müßtest doch wählen zwischen ihm und mir,« beharrte Nikolay, dem Bruder schüchtern in die Augen blickend.
Die Zaghaftigkeit rührte Konstantin.
»Wenn du ein offenes Bekenntnis von mir haben willst in dieser Beziehung, so werde ich dir sagen, daß ich in euerem Zwist mit Sergey Iwanowitsch weder deine, noch die andere Partei ergriffen habe. Ihr befindet euch beide im Unrecht; du hattest dies mehr der äußeren Form nach, er mehr nach dem inneren Gehalt der Sache.«
»Ah! Du hast es erkannt, du hast es erkannt?« rief freudig erregt Nikolay aus.
»Ich persönlich aber, wenn du auch das wissen willst, ziehe mir die Freundschaft mit dir vor, denn« --
»Denn, denn?« --
Konstantin vermochte nicht zu sagen, daß er den Bruder deswegen lieber habe, weil derselbe unglücklich war und ihm Freundschaft nötig sei. Aber Nikolay verstand selbst, daß er eben dies sagen wollte, und widmete sich unter Stirnrunzeln wieder der Flasche.
»Es ist genug jetzt, Nikolay Dmitritsch,« sagte Marja Nikolajewna, die fleischige Hand nach der Flasche ausstreckend.
»Laß los! Laß mich gehen, oder -- ich schlage dich!« rief er.
Marja Nikolajewna lächelte mit sanftem, gutmütigem Ausdruck, der sich auch Nikolay selbst bald mitteilte, und nahm ihm den Branntwein weg.
»Du denkst wohl, die hier versteht nichts?« sagte er, »sie versteht alles das besser, als wir alle. Nichtwahr, es liegt etwas Gutes, Liebes in ihr?«
»Ihr waret früher wohl nicht in Moskau?« wandte sich Lewin an sie, um ihr einige Worte zu sagen.
»Sprich sie nicht mit >Ihr< an, sie fürchtet sich davor. Seit der Zeit, da sie verurteilt wurde, weil sie das Haus des Lasters verlassen wollte, hat sie mit Ausnahme des Friedensrichters niemand wieder mit >Ihr< angeredet. Mein Gott, was ist das für ein Unsinn in der Welt!« rief er plötzlich aus. »Diese neuen Einrichtungen, diese Friedensrichter, diese Semstwos, was ist das alles für Unsinn!«
Er begann hierauf alles was er gegen die neuen Institutionen auf dem Herzen hatte, herunterzusprechen.
Konstantin Lewin hörte ihn an; aber die Negierung jedes höheren Sinnes in allen gesellschaftlichen Institutionen, welche er ja mit ihm teilte und oft ausgesprochen hatte, war ihm jetzt unangenehm im Munde des Bruders.
»In jener Welt werden wir alles Ersehnte haben,« sagte er im Scherz.
»In jener Welt? O, ich liebe diese nicht. Ich liebe sie nicht,« wiederholte er, das verstörte, wilde Auge auf seinem Bruder ruhen lassend. Es ist ja freilich wahr, daß es, wenn man all den Greuel und Wirrwarr, den fremden sowohl wie seinen eigenen, verlassen könnte, recht gut sein würde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte mich entsetzlich vor dem Sterben!« Er schauerte zusammen. »Trinke doch etwas. Willst du lieber Champagner? Oder wollen wir ein wenig ausfahren? Zu den Zigeunern! Weißt du, ich liebe gar zu sehr die Zigeuner und die russischen Lieder!«
Seine Zunge begann zu stocken, und er sprang von einem Thema auf das andere über. Konstantin sowohl wie Marja vermochte ihn nur mit Mühe zu überreden, daß er nicht ausfuhr und beide brachten alsdann den völlig Berauschten zur Ruhe.
Marja versprach Konstantin, im Falle der Not zu schreiben und Nikolay auch bewegen zu wollen, daß er zu dem Bruder käme, um bei diesem zu leben.
26.
Am anderen Morgen verließ Konstantin Lewin Moskau, am Abend des nämlichen Tages langte er zu Hause an.
Unterwegs, im Waggon, unterhielt er sich mit den Mitreisenden über Politik, über die neuen Eisenbahnen, aber wie in Moskau, so übermannte ihn auch hier eine Verworrenheit im klaren Denken, eine Unzufriedenheit mit sich selbst, ein Schamgefühl vor einem unbestimmten Etwas.
Als er indessen auf seiner Ankunftsstation ausgestiegen war und seinen alten krummen Kutscher Ignaz mit dem aufgeschlagenen Kaftankragen gewahrte, als er in dem matten Lichtschein, der durch die Fenster des Stationsgebäudes fiel, seinen mit Teppichen bedeckten Schlitten sah, seine Pferde mit den gestutzten Schweifen in dem Geschirr mit Ringen und Fransen, als ihm sein Kutscher beim Zurechtsetzen im Schlitten schon die Dorfneuigkeiten mitzuteilen begann, von der Ankunft eines Aufkäufers und davon, daß die Kuh Pawa gekalbt habe -- da empfand er, daß sich seine Verworrenheit etwas aufklärte, daß das Schamgefühl und die innere Unzufriedenheit mit sich selbst wichen.
Schon beim Anblick seines Ignaz und seiner Pferde fühlte er dies, als er aber erst den ihm gereichten Schafpelz umgethan hatte und sich in denselben eingehüllt zurechtsetzte und abfuhr, sich überlegend, welche Geschäfte jetzt der Erledigung durch ihn im Dorfe harrten, und als er nach seinem donischen Beipferd schaute, welches früher sein Reitpferd gewesen war, ein braves Tier, das aber Schaden gelitten hatte, -- da fing er an, ganz anders über das zu denken, was ihm zugestoßen war.
Er fühlte sich jetzt wieder als er selbst und wollte kein anderer mehr sein. Nur besser wollte er jetzt sein, als er es vordem gewesen.
Von heute ab hatte er sich zunächst dahin entschlossen, daß er nicht mehr hoffen müsse auf ein außergewöhnliches Lebensglück, wie es ihm eine Verheiratung hätte bieten können; infolge dessen aber dürfe er doch die lebendige Gegenwart nicht mehr übersehen.
Dann gelobte er sich selbst, daß niemals wieder eine böse Leidenschaft ihn hinreißen solle, von deren Rückerinnerung er so hart gequält wurde, als er den Entschluß faßte, den Antrag zu wagen.
In der Erinnerung an seinen Bruder Nikolay gelobte er sich ferner, daß er seiner nie vergessen wolle, für ihn sorgen müsse und ihn nicht aus den Augen lassen dürfe, um stets zu seiner Unterstützung bereit sein zu können, wenn es schlecht mit ihm ginge. Und daß es bald so kommen werde, das fühlte er. Auch das Gespräch des Bruders über den Kommunismus, dem gegenüber er sich so wenig interessiert verhalten hatte, veranlaßte ihn jetzt zum Nachdenken.
Eine Änderung der volkswirtschaftlichen Grundlagen hielt er für unsinnig, aber er hatte stets die Ungerechtigkeit empfunden, die in seinem Überfluß lag, verglichen mit der Armut des Volkes und jetzt beschloß er bei sich, daß er um sich als ganz gerecht zu fühlen, von jetzt ab -- obwohl er auch früher schon viel gearbeitet und sehr mäßig gelebt hatte, -- noch fleißiger arbeiten und sich noch weniger Luxus gestatten wolle.
Alles dies erschien ihm so leicht ausführbar, daß er den ganzen Heimweg in den angenehmsten Träumereien zurücklegte. Mit dem ermutigenden Gefühl der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben fuhr er abends in der neunten Stunde vor seinem Hause vor.
Aus den Fenstern des Stübchens der Agathe Michailowna, seiner greisen Amme, die in diesem Hause das Amt einer Wirtschafterin versah, fiel ein Lichtschein auf den Schnee, der auf dem Platze vor dem Hause lag. Sie war noch nicht zur Ruhe gegangen.
Kusma, von ihr geweckt, kam verschlafen und barfüßig herbeigelaufen zur Freitreppe heraus.
Der Hühnerhund Laska, der den Kusma beinahe über den Haufen gerannt hätte, sprang gleichfalls herbei und heulte, rieb sich an seinen Knieen, erhob sich und wollte, ohne es zu wagen, die Vorderpfoten auf die Brust des Herrn setzen.
»Ihr kommt schon zeitig, Batjuschka,« sagte Agathe Michailowna.
»Es war zu langweilig, Agathe. Auf Besuch sein ist ganz hübsch, aber daheim ist es noch besser,« antwortete er ihr und begab sich in sein Kabinett.
Dasselbe wurde nicht zu schnell durch eine herbeigebrachte Kerze erleuchtet und zeigte nun die bekannten Insignien: Hirschgeweihe, Bücherbretter, einen Spiegel, einen Ofen mit Rauchfang, der längst einmal hätte ausgebessert werden müssen, das Sofa, noch von den Eltern her, einen großen Tisch, auf diesem ein geöffnetes Buch, einen zerbrochen Aschenbecher und ein Heft mit seiner Handschrift.
Als er dies alles erblickte, überkam ihn auf eine Minute ein Zweifel an der Möglichkeit, sich ein neues Leben einzurichten so wie er von ihm auf dem Heimweg geträumt hatte. Alle diese Zeugen seines bisherigen Lebens schienen ihn zu umklammern und ihm zuzurufen »nein, du wirst uns nicht entrinnen, du wirst kein anderer werden; nur ein solcher bleiben, der du warst, umfangen von den Zweifeln, der ewigen Unzufriedenheit mit dir selbst, den vergeblichen Versuchen zu deiner Besserung, den alten Fehltritten und dem steten Wunsche nach Lebensglück, das dir nicht geboten ward und für dich niemals möglich ist!«
Aber dies sprachen nur die alten Sachen um ihn her; in seiner Seele sprach eine andere Stimme, daß es nicht nötig sei, ein Sklave der Vergangenheit zu bleiben und daß es möglich sein werde, zu werden wie er sein wolle. Als er diese Stimme vernahm, schritt er in die Ecke des Gemachs, woselbst zwei Gewichte von je fünfzig Pfund Schwere lagen, und begann gymnastische Übungen mit ihnen, um sich in eine energischere Stimmung zu versetzen.
Draußen vor der Thür erklangen schlürfende Schritte; eiligst setzte er die Gewichte beiseite.
Der Verwalter trat ein und meldete, daß alles Gott sei Dank gut gegangen sei, berichtete indessen auch, daß der Buchweizen auf der neuen Darre von unten angebrannt wäre.
Diese Nachricht erregte Lewin. Die neue Darre war zum Teil von Lewin selbst erfunden und konstruiert, der Verwalter war stets gegen diese Darre gewesen und er meldete jetzt mit einer gewissen versteckten Genugthuung, daß der Buchweizen angebrannt sei.
Lewin war der festen Überzeugung, daß man, wenn dies geschehen war, lediglich nicht diejenigen Maßnahmen getroffen, welche er zum hundertstenmale wohl angeordnet hatte. Er empfand Verdruß und machte seinem Verwalter Vorwürfe. Dann aber gab es auch ein wichtiges und erfreuliches Ereignis: Pawa, die beste, teuerste Kuh, -- sie war auf einer Ausstellung gekauft worden -- hatte gekalbt.
»Kusma, gieb mir den Pelz. Bitte, laßt eine Laterne nehmen,« wandte er sich an den Verwalter, »ich will gehen, um nachzusehen.«
Der Stall für die wertvollen Kühe befand sich gleich hinter dem Wohnhause. Nachdem er über den Hof an dem Schneehaufen bei der Salzpfanne vorübergeschritten war, betrat er den Stall.
Ein warmer Düngergeruch quoll ihm entgegen, als er die angefrorene Thüre aufriß, und die Kühe, verwundert über den ungewohnten Schein der Laterne, raschelten auf dem frischen Stroh.
Hier dämmerte ein glatter, schwarzgefleckter breiter Rücken einer holländischen Kuh hervor, dort lag ein mächtiger Zuchtstier, und wollte aufstehen, besann sich aber eines anderen und schnob nur ein paarmal wütend, als man an ihm vorüberschritt.
Pawa, die Schönheit unter den Prachtexemplaren, groß wie ein Nilpferd, hatte sich, vor den Eintretenden ihr Kalb sichernd, mit dem Hinterteil gedreht, und beschnob es jetzt.
Lewin näherte sich, beschaute die Pawa und hob das rotgefleckte junge Kalb auf die schwachen langen Beine. Erzürnt brummte die alte Kuh auf, beruhigte sich aber, als Lewin ihr das Kalb wieder zuschob; laut schnaufend begann sie dasselbe mit rauher Zunge zu lecken. Das Kalb suchte mit der Schnauze tastend das Euter der Mutter und ringelte den Schwanz.
»Leuchte hierher, Theodor, hierher mit der Laterne,« sagte Lewin, das Kalb betrachtend. »Nach der Mutter! Es ist gleich, daß das Junge in der Farbe nach dem Vater geraten ist. Das Kalb ist hübsch, nicht so, Wasiliy Fjodorowitsch?« er wandte sich mit diesen Worten an seinen Verwalter, jetzt völlig versöhnlich gestimmt gegen denselben bezüglich des Buchweizens unter dem Einfluß des freudigen Ereignisses der Geburt des Kalbes.
»Wie sollte es sich auch schlecht befinden können? Übrigens ist der Aufkäufer Semjon seit dem Tage nach Eurer Abreise hier; man wird mit ihm unterhandeln müssen, Konstantin Dmitritsch,« sagte der Verwalter. »Über die Maschine habe ich Euch schon Meldung gemacht.«
Diese einzige Mitteilung versetzte Lewin wieder in alle Einzelheiten des Gutslebens hinein, welches so groß und so verwickelt war, und so begab er sich sogleich aus dem Kuhstall nach dem Kontor, sprach hier mit dem Inspektor und dem Aufkäufer Semjon, und schritt dann nach dem Wohnhause woselbst er sich geradenwegs in das Gastzimmer hinaufbegab.
27.
Das Haus war groß und altertümlich und Lewin, obwohl er es allein bewohnte, heizte das ganze Gebäude und hatte alle Räume desselben in Gebrauch. Er wußte, daß dies nicht eben klug war; er wußte, daß es sogar von üblen Folgen und seinen jetzigen neuen Plänen zuwiderlaufe, aber dieses Haus war für ihn die ganze Welt.
Es war die Welt in welcher seine Eltern gelebt hatten und gestorben waren. Sie hatten das nämliche Leben geführt, wie es Lewin als Ideal der höchsten Vollkommenheit erschien und welches er gewähnt hatte mit einer Gattin, mit einer Familie weiterführen zu können.
Lewin hatte seine Mutter kaum gekannt. Der Begriff Mutter war für ihn nur noch ein geheiligter Gedanke, und eine künftige Gattin mußte in seiner Vorstellungskraft nur die Wiederholung jenes reizvollen geheiligten Ideals von Weib sein, als das ihm die Mutter galt.
Die Liebe zu einem Weibe vermochte er sich ohne Ehe nicht nur nicht vorzustellen, er stellte sie sich vielmehr sogar nur als Familie vor. Seine Begriffe von Heirat waren daher den Auffassungen der Mehrzahl seiner Bekannten unähnlich, für welche dieselbe nur eines jener zahlreichen Geschäfte des Lebens im allgemeinen bildete.
Für ihn war sie die Hauptthat des Daseins, von welcher sein ganzes künftiges Glück abhing. Jetzt aber sollte er einem solchen entsagen.
Als er in den kleinen Salon getreten war, wo er den Thee zu trinken pflegte und sich in seinen Lehnstuhl mit einem Buch niedergelassen hatte, während Agathe Michailowna ihm den Thee brachte, und sich mit ihrem gewohnten »darf ich mich setzen, Batjuschka,« auf den Stuhl am Fenster setzte, da fühlte er, daß er, so seltsam dies auch sein mochte, von seinen Gedanken sich nicht trennen, daß er ohne sie nicht leben konnte.
Ob mit ihr oder mit einer anderen, aber -- es mußte sein! Er las in seinem Buche, er dachte nach über das, was er gelesen hatte, und hörte dann damit auf, um den Worten Agathes zu lauschen, welche in einem fort schwatzte, während sich ihm gleichwohl dabei bunte Bilder aus dem Gutsleben und aus einem zukünftigen Familienleben zusammenhangslos vor das geistige Auge drängten. Er fühlte, daß auf dem Grund seiner Seele Etwas ruhte, was noch gefesselt lag.
Er hörte die Erzählung Agathe Michailownas an, wie Prochor Gott vergessen habe und das Geld, welches ihm Lewin gegeben hatte, daß er dafür ein Pferd kaufe, in Saus und Braus verjubelt und obenein sein Weib halbtot geprügelt hätte; er hörte und las dabei in seinem Buche und überdachte den Gang seiner Gedanken, die durch die Lektüre angeregt worden waren.
Es war das Buch von Tyndall über die Wärme. Er erinnerte sich seiner absprechenden Urteile über Tyndall wegen dessen Selbstbewußtsein in der Gewandtheit der Ausführung von Experimenten und darüber, daß Tyndall der philosophische Blick nicht zureiche.
Dann aber fiel ihm plötzlich wieder der erfreuliche Gedanke bei, daß nach Verlauf von zwei Jahren in seinem Stalle wohl zwei holländische Rinder stehen würden und daß da auch noch die Pawa lebendig sein könnte und zwölf andere junge Töchter des großen Zuchtstiers da sein müßten, die ihrerseits wieder mit jenen dreien sich kreuzen konnten.
Er blickte wieder in sein Buch.
»Nun gut; Elektricität und Wärme sind ein und dasselbe, aber ist es denn möglich zur Entscheidung der Frage eine Größe für die andere einsetzen zu können? Nein! Was folgt nun hieraus? Es existiert ein gemeinsames Band unter allen Naturkräften und dieses wird vom Instinkt empfunden. -- Es wird übrigens ganz reizend werden wenn das Kälbchen der Pawa erst eine buntgescheckte Kuh sein wird und ich meine ganze Herde mit jenen drei mischen kann.«
Ausgezeichnet!
Wenn man dann so mit der Frau zusammen hinausgeht und den Gästen die uns besuchen, eine solche Herde vorstellen kann. Dann sagt wohl die Hausfrau, »wir haben dieses Kälbchen hier, ich und mein Kostja, zusammen wie ein Kind auferzogen.«
»Wie kann Euch ein Kalb so sehr interessieren?« würde der Gast sagen.
»Nun, alles was meinen Gatten interessiert, interessiert mich,« wäre dann die Antwort.
Aber wer soll diese Hausfrau sein?
Er dachte wieder an das, was in Moskau geschehen war.
»Was thun jetzt? Ich habe nichts verschuldet.«
»Jetzt aber soll alles nach neuer Art und Weise gehen. Es ist schlecht eingerichtet, daß das Leben selbst nicht das giebt, was die Vergangenheit nicht gab. Man muß eben ringen, um ein besseres, ein bei weitem besseres Leben führen zu können.«
Er hob den Kopf und dachte nach.