An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge
Chapter 20
Die Männer sind von der Wichtigkeit ihres Amtes ganz durchdrungen. Der kurze Garde ist frisch, aus dem grauen Bart schauen gesunde rote Wangen, die klugen und guten Augen unter den buschigen Brauen sind hell. Der Presi jedoch, der wohl um den Kopf größer ist, schaut abgezehrt aus, und die paar mächtigen Furchen im glatten Gesicht scheinen noch länger, noch tiefer geschnitten. Man würde glauben, er wäre von den beiden der ältere, wie er aber so mit den anderen geht, muß jeder, der ihn sieht, denken: »Er ist halt doch der Presi!«
Als letzte fast treten Josi und Eusebi, die sich von Vroni verabschiedet haben, in die Kirche, jener ruhig, aber bleich. Die Neugier der Dörfler, die nach ihm sehen, ist ihm zuwider.
Mit einem seltsamen sorgenden Blick begleitet Vroni den Bruder.
Er hat kein Wort von Beate Indergand erzählt, blaß, müde und stumm ist er im Lauf des Vormittags heimgekommen.
»Jetzt geht er am Ende noch als Freiwilliger an die Weißen Bretter,« denkt Vroni. »Kaum ist so ein lieber Bruder da, hat man schon wieder seine Qual um ihn.«
Der Weibel riegelt die Thüre vor den Weibern zu, die betend und jammernd im Kirchhof knieen. Mitten unter ihnen kniet totenfahl Binia.
Ein Zittern läuft durch ihren Körper, mit der schmalen Hand stützt sie sich auf die Erde des Kirchhofs -- auf den Staub der Dahingegangenen.
-- Sie zuckt. -- Todesgedanken und sie ist noch so jung. Aber was ist nicht im Teufelsgarten Entsetzliches geschehen? -- Und steht dort nicht lächelnd der gräßliche Kaplan?
In der Kirche hat sich der Gemeinderat um den altertümlichen Altar gestellt und der Presi spricht das Heligen-Wasser-Gebet. In den geschnitzten Stühlen harren hundertundsiebzehn Bürger, den dunklen Filz vor dem Gesichte, und beten es mit. Nun sinken die Hüte und wie aus Erz gegossen, ein feierliches Antlitz am anderen, stehen die Männer. Durch die gelben, roten, blauen und grünen Scherben, welche die Heiligenfiguren in den Fenstern zusammensetzen, fallen die farbigen Bündel der Sonne in den golddurchsponnenen Raum und zeichnen dem einen ein gelbes, dem anderen ein rotes, blaues oder grünes Mal auf das Kleid, und von draußen rauschen die brünstigen Gebete der Frauen.
Nun redet der Presi und jeder spürt es, so schön, so warm und eindringlich hat er noch nie gesprochen. Jeder denkt: »Es ist ein Elend, daß man diesem Manne ein Leid anthun muß. Wie spricht er furchtlos in die Hundertundsiebzehn, unter denen kaum einer ist, der ihn nicht grimmig haßt. Wie wenn er es nicht wüßte, so frei steht er da. Und doch weiß er es, er hat gewiß eine Ahnung vom Ahornbund. Nur nachgeben kann er nicht. Darum muß man den Bären verderben.«
Jetzt verkündet er die alten Satzungen und fragt, ob sich niemand freiwillig meldet.
»So ein Knechtlein wäre oder sonst einer geringen Standes, der liebt ein Mädchen und der Vater will es nicht zugeben, so mag er sich melden, an die Weißen Bretter steigen für seine Liebe und der Gemeinderat wird ihm Freiwerber sein!«
Schweigen.
»So einer wäre, der hätte heimliche oder offenbare Schuld, will aber die heligen Wasser richten, mag er frei vortreten, und wenn er an die Weißen Bretter steigt, so soll ihm, was er vergangen hat, nicht mehr angesehen sein, als es unsere Altvordern dem Matthys Jul angesehen haben. Gar nicht. Der Gemeinderat mag dann vor Gericht den Brauch des Thales darlegen und im Namen der Gemeinde um seine Freiheit bitten.«
Schweigen! Der gräßliche Sturz Seppi Blatters lebt noch zu frisch in der Erinnerung aller. Hätten die Gemeinderäte aber vom Altar nach Josi Blatter geblickt, so hätten sie wohl gesehen, wie er den kalten Schweiß von der Stirne strich.
»So lasset uns denn losen,« spricht der Presi. »Nach alter Sitte ist 77 die Loszahl. Will es jemand anders oder soll es gelten?«
Schweigen! Jeder der Männer hebt seinen Filz vor den Mund, das Summen des Vaterunsers füllt den Raum.
Der Presi hebt den Losbecher, spricht sein Gebet darüber, verschließt ihn mit dem silbernen Deckel, rüttelt ihn und wendet ihn dreimal feierlich. Das Gleiche thun der Garde und die folgenden Mitglieder des Gemeinderates, und der letzte, der es thut, stellt den Becher wieder auf den Altar.
Der Presi spricht mit lauter klarer Stimme: »In Gottes, in Jesu Christi, in der Jungfrau Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen -- so wollen wir losen.« Und er hebt den Deckel der Urne ab.
Da formt sich bankweise der Zug zum Altar. Mann hinter Mann schreiten sie feierlich heran, die von St. Peter, nur die Alten und Bresthaften bleiben zurück. Am Altar thut jeder einen Stoßseufzer, langt in die Urne, und von den Stufen hinunter bewegt sich der Zug zurück in die Stühle. Dort betet jeder wieder in seinen Hut und öffnet sein Los. Den letzten Gliedern der Gemeinde folgt der Gemeinderat, und das letzte Los nimmt der Presi selbst.
Langsam und feierlich vollendet sich die Zeremonie, kaum mit einem Laut verrät sich die grenzenlose Spannung, die über der Gemeinde liegt, denn es gilt als ein Zeichen der Schwäche, sich hastig oder neugierig zu zeigen, oder Freude zu äußern, wenn die schreckliche Zahl glücklich vorbeigegangen ist.
Doch leuchtet jetzt manches Auge mutiger.
»In Gottes, in Jesu Christi, in der heiligen Jungfrau Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen, der, den das Los getroffen hat, mag stehen bleiben.«
Alle anderen setzen sich, nur der junge Peter Thugi ragt einsam aus ihnen. Jede Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen.
»Peter Thugi, habt Ihr das Los?« fragt der Presi feierlich.
»Ja,« sagt der junge Mann, es klingt wie ein Schluchzer. Seine junge Frau ist ihm kürzlich gestorben, er steht mit zwei Kindern und dem alten Großvater allein, ist aber sonst fast mit dem ganzen Dorf verwandt und nicht mittellos.
In einen seltsamen klagenden Laut löst sich das Erbarmen der Männer aus.
Ein feierlicher Augenblick.
Da schnellt Josi Blatter aus der Menge auf: »Presi und Gemeinderat, darf ich reden?« fragt er bewegt.
»Sprecht, Blatter,« sagt der Presi, indem er den jungen Mann neugierig, doch mit warmer Achtung mißt.
Josi errötet und verwirrt sich unter den vielen Blicken, die verwundert und mißtrauisch auf ihn gerichtet sind.
Will er an die Stelle Peter Thugis treten?
Er schluckt ein paarmal; unsicher zuerst, dann immer fester redet er:
»Herr Presi, ihr Gemeinderäte und Bürger von St. Peter! Obwohl ich nur ein schlichter Mann und erst vor wenigen Tagen aus der Fremde zurückgekehrt bin, wage ich es, zu euch zu sprechen. Meiner Lebtag hat es mich beelendet, wie mein Vater selig an den Weißen Brettern gefallen ist. Ich bin in der Fremde Felsensprenger gewesen, und wenn ihr es zugebt und mir die nötige Hilfe leistet, so will ich von jetzt an bis zum Allerheiligentag für die heligen Wasser eine Leitung durch die Felsen der Weißen Bretter führen, daß alle Kännel überflüssig sind, und die Blutfron von St. Peter lösen. Es ist die Erfüllung eines Gelübdes für ein großes Glück, das ich erlebt habe, und ich thue es ohne Lohn.«
Mächtige Bewegung. Man hört dumpfes Murren: »Was er sagt, kann niemand thun!« und halblaute Rufe: »Prahler! -- Großhans! -- Gotteslästerer!« Der Presi aber donnert: »Laßt ihn reden. -- Josi Blatter, Ihr habt das Wort.«
»Es giebt jetzt ein weißes Pulver,« fährt Josi fort, »das ist wohl hundertmal stärker an Gewalt als das schwarze und heißt Dynamit. Man sprengt damit die Wege für die Eisenbahnen durch die Berge, und wenn ihr euch draußen in der Welt erkundigen wollt, so werdet ihr erfahren, daß damit Werke errichtet worden sind, gegen die ein Gang durch die Weißen Bretter nur ein Spiel ist.«
Der Bockjeälpler ruft: »Einen Tunnel habe ich auch schon gesehen.« Andere Stimmen sagen: »Hört -- vielleicht hat der Plan doch Hände und Füße,« wieder andere grollen: »Nichts Neues in St. Peter, wir haben am Alten genug.« Dritte drängen: »Nur reden,« und vierte mahnen drohend: »Nein, abhocken, Rebell.«
So schwirren die Rufe.
Da mahnt der Garde: »Er hat das Wort vom Presi!«
Der Bockjeälpler ruft: »Aber er kommt nicht durch die Wildleutfurren!«
Josi Blatter fährt fort: »Durch die Wildleutfurren baue ich eine Mauer, setze den Kanal darauf, darüber ein stark steiles Dach aus den dicksten Balken, darüber ein zweites wasserdichtes aus Steinplatten, die ich mit Zement, einem gelben Pulver, verbinde. Ich lehne das Dach dicht an die Felsen der Furren, die ich ein gutes Stück empor so verbauen will, daß die Lawine keinen Angriff findet, wenn sie kommt, und daß sie machtlos über die Steinplatten niederpoltern muß. Trägt man zu dem Werk ein wenig Sorge, so hält es tausend Jahre.«
»Hm -- es scheint, er versteht etwas!« -- »Laßt euch nicht ein, das ist Aufruhr und Todsünde.« -- »Er ist noch der alte Rebell,« verwirren sich die Stimmen.
Eine unbeschreibliche Erregung herrscht in der Kirche, das Klopfen der geängstigten Frauen, das durch die schwere Thüre dringt, vermehrt sie.
Josi kann vor dem Lärm um ihn nicht weiter reden, fast hoffnungslos sitzt er ab.
Da reckt sich der Presi machtvoll, mit funkelnden Augen und mit glührotem Kopf vor der Gemeinde auf. »Ihr Männer von St. Peter,« spricht er mit zwingendem Klang der Stimme, »wir wollen das Angebot Josi Blatters nicht leicht nehmen. Er hat von den Ingenieuren der englischen Regierung in Indien gute Zeugnisse erhalten, er war der Kopf einer Abteilung von über hundert Mann. Und die Engländer sind ein tüchtiges Volk. Prüft also das großherzige Anerbieten, es handelt sich, wenn das Werk gerät, um eine wunderbare Wohlthat für uns, unsere Kinder und Kindeskinder. Weil aber die Angelegenheit so wichtig ist, so meine ich, die Gemeinde sollte eine Abordnung in die Stadt schicken und beim Regierungsrat fragen, was vom Plan Josi Blatters zu halten sei. Ohne ihn können wir nicht vorwärts gehen, er müßte auch zwischen uns und den äußeren Gemeinden vermitteln, daß die heligen Wasser einen Sommer lang stillstehen dürfen. Wir wollen aber rasch handeln, damit wir in acht Tagen wieder Gemeinde halten und entscheiden können, ob wir das Werk annehmen oder nicht. Ich weiß, daß ihr mir alle grollt, aber Gott im Himmel weiß es auch: Wenn ich schon nicht immer eure Ansichten teile, habe ich es doch immer gut mit St. Peter gemeint. Ich will das Amt, das ich zwanzig Jahr bekleide, vor euerm Groll in der Maigemeinde niederlegen. -- Folgt nur jetzt noch einmal meinem Rat. Nehmt das Angebot Josi Blatters ernst, ich bitte euch herzlich darum.«
Mit hinreißender Wärme, mit strahlendem Auge, zuletzt mit einer Bescheidenheit, die die Herzen bezwang, hat der Presi geredet und alle verwirrt. Ist das der hochmütige Mann, der dem Dorf den harten höhnischen Bescheid gegeben hat?
Sein Auge sucht Josi Blatter -- ein kleines, unendlich schönes Lächeln geht um seinen Mund -- ein Lächeln, bei dem Josi ist, es schmelze der Haß aller Jahre hinweg.
Er ist wonnig bestürzt über den Blick.
Nun aber hält der Glottermüller mit seiner hohen Weiberstimme auch eine Rede: »Nur nichts Neues. Die Wasserfron ist St. Peter von Gott auferlegt, daß wir nicht übermütig werden in Bosheit. Josi Blatter ist ein Aufrührer und bleibt ein Aufrührer, und wie früher gegen das Dorf, wendet er sich jetzt gegen Gott und seinen Himmel. Ich sage: Nichts Neues! -- Keine Abordnung!«
»Nichts Neues! -- Keine Abordnung!« fielen einige ein, andere riefen: »Fort mit der Blutfron!«
Peter Thugi saß da wie ein Gerichteter, dem man das Leben zu schenken im Begriffe steht.
Mit Hilfe seiner großen Verwandtschaft beschloß die Gemeinde, die Abordnung an den Regierungsrat zu schicken, und bestellte sie aus dem Glottermüller, zwei weiteren Anhängern des Alten, dem Garden und dem Bockjeälpler, der halb an Josi Blatter glaubte. Den Presi aber überging die Gemeinde in der Wahl.
Bis die Abordnung über die Antwort der Regierung Bericht erstatte, solle Peter Thugi bei seinem Los behaftet sein.
Ein Krieg hätte das Dorf nicht mehr aufregen können als der erstaunliche Ausgang der Losgemeinde.
»Der Presi,« höhnten einige grimmig, »hat uns mit seiner schlangengescheiten Zunge wieder einmal erwischt. Hütet euch.«
»Daß Josi Blatter mit seinem Gelübde gerade auf die Zeit zurückgekehrt ist, wo die Wildleutlawine gegangen ist, bedeutet etwas -- ein großes Glück oder ein noch größeres Unglück,« meinten andere.
Nach der Losgemeinde hat Eusebi noch einen Gang zu machen. Vroni wandelt mit Josi durch das ergrünende Feld und schaut den schweigsamen Bruder mit ihren blauen treuen Augen traurig, doch mit grenzenloser Bewunderung an.
»Josi,« sagt sie, »du bist also der Mann, der uns geweissagt ist in den alten Heligen-Wasser-Sagen, die da melden: Es wird einer kommen, der stärker ist als Matthys Jul, und wird St. Peter von der Blutfron an den Weißen Brettern erlösen. Du bist also der Mann, Josi!«
»Ich hoffe es!« erwidert er mit einem bleichen Lächeln.
»O Josi,« versetzt sie, »es ist schwer, dieses Mannes Schwester zu sein -- -- und in den alten Sagen steht auch, es müsse eine Jungfrau über dem Werke sterben.«
Er zuckt heftig zusammen, er schlingt den Arm um die Hüfte Vronis. »Ich weiß nur, daß ich mein Gelübde erfüllen muß,« sagt er ernst, »es ist für Binia, dafür, daß sie rein und treu geblieben ist. Und wenn es sein muß, sterben wir beide für das Werk, aber gewiß nicht eines allein.«
Da sieht Vroni das grüne Feld nicht mehr, durch das Peter Thugi, der vom Los Getroffene, mit seinen Kleinen kommt. Er spricht zu ihnen: »Seht, das ist der Mann, der euren Vater retten wird;« er wendet sich zu den Geschwistern: »O Josi -- könnte ich es dir einmal danken, was du an diesen Kleinen thun willst.«
»Siehst du, Vroni,« sagt Josi bewegt, »und ich kann nicht glauben, daß ein Segen zuletzt in einem Unglück endet. -- Wenn es aber wäre -- so thue ich doch, was ich muß.«
XVIII.
Der Presi sitzt im Bären auf seinem Zimmer, aber es ist nicht der Presi, der das Zünglein der Wage wie schon oft in der Gemeindeversammlung mit hinreißendem Wort geschwenkt hat, er ist ein alter gebrochener Mann. »Seppi Blatter -- Fränzi,« stöhnt er, »seid ihr jetzt mit mir zufrieden? -- Ob das Herz entzwei kracht, ich habe mich gewendet -- ich habe für euern Josi geredet -- ich will noch mehr thun, ich will ihm zu seinem Werk helfen -- ich will Frieden -- Frieden -- mit euch und eurem Sohne Josi -- den ich geschlagen habe -- den ich achte und liebe.«
Seit er den jungen Mann gesehen hat, wie er sich in Bescheidenheit erhob, wie er mutig und mutiger redete, faßt er es nicht mehr, wie er Josi Blatter jemals hat gram sein können. Sein Plan ist groß. Wie er ist noch keiner im Bergland aufgestanden. Josi und Binia! Wenn's sein könnte -- aber -- -- er brütet wieder.
Da schwankt Binia zu ihm herein, blaß, müd und auf den schmalen Wänglein doch einen Schimmer des Glücks.
O, sie ist rührend schön, die blasse Binia.
Sie nimmt die Hand des Vaters in ihre Händchen: »Vater, ich danke dir, daß du für Josi eingestanden bist.« Ein schmerzliches Lächeln geht über ihr bleiches Antlitz.
»Du liebst ihn noch, Vogel, Herzensvogel -- gelt, ich kann für dich -- und für Josi Blatter viel thun.« Sein Haupt zittert, sie sinkt vor ihm nieder -- er streichelt ihren Scheitel: »Kind -- ich möchte Frieden machen. -- Bini -- ich möchte noch einmal glücklich sein -- und wenn es nur ein Jährchen wäre. -- Bini, ich wollte, deine Mutter lebte noch. Beth, mein guter Engel. -- Ich wäre mit ihr nicht so weit gekommen und das Hintersichkrebsen wäre nicht so schwer. -- Josi Blatter ist ein Mann wie ein Held -- ich will für ihn kämpfen. Wenn mich die von St. Peter schon nicht in die Abordnung gewählt haben, so gehe ich doch für ihn in die Stadt, und ob das Dorf mich haßt, so bin ich vor der Regierung noch der Presi von St. Peter. -- Soll ich gehen, Kind?«
»Ja, Vater, ja.«
Herzzerbrechend weint die knieende Binia.
»Bini -- Gemslein,« hebt der Presi wieder an, »ich kann deine blassen Wangen nicht mehr sehen -- sie töten mich -- Bini, bekomme rote Wänglein -- laß die Geschichte von Thöni nur erst still werden -- dann nimm in Gottes Namen Josi -- ich habe ihn lieb -- und lache wieder einmal mit deinem glücklichen Kinderlachen.«
Binia zuckt und windet sich in Qualen des Glücks -- und des Elends. Wahnsinnig küßt sie die Hände des Vaters und dann schaut sie ihn an so rührend, so hoffnungslos. Und ihr Stimmchen bebt wundersam: »Vater, es ist zum Kinderlachen zu spät!«
Da wird er in gräßlicher Angst plötzlich wieder der alte, böse Presi. Er zischt sie an: »Zu spät -- Bini, du hast wohl können so eine Komödie machen, bis du dich zu Thöni gefunden hast. Du bist ja doch zu weit mit ihm gekommen.«
»Nein --. Vater -- nein!« Es tönt wie ein zersprungenes Glöcklein.
»Warum bist du denn so blaß -- so hinfällig? -- Ich habe es ja selber gesehen, wie du aus seiner Kammer gekommen bist.«
Binia wimmert nur, etwas Schweres schließt ihr den Mund. -- Sie schwankt empor, sie tappt davon wie eine Trunkene.
Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett: »Mutter -- Mutter -- es ist entsetzlich -- das glaubt der Vater -- ich hätte mich mit Thöni vergangen! -- Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich mein Kinderlachen verloren habe. Er würde daran sterben.«
Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den man aus dem Himmel stieß.
»Mutter -- Mutter -- wie sind wir unglücklich. -- Aber gelt, Mutter, liebe Mutter, Josis Werk kann uns erlösen -- er, der so viele erlöst, kann auch uns befreien. Ich bin an allem schuld. -- Und den gräßlichen Vorwurf des Vaters muß ich tragen -- Mutter -- um des Vaters selber willen -- hilf mir schweigen.«
Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet.
Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem Zorn, die furchtbare Angst um Binia erzeugt seine Wut immer neu. Er rennt hinunter zu Frau Cresenz, er donnert sie an: »Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte von den Briefen -- was sagt Ihr zu dem elenden Gesichtchen meiner Bini? -- Wohl, wohl, Ihr habt mir mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins Haus gebracht. -- He, Frau Cresenz -- gestupst und getrieben habt Ihr Tag und Nacht an mir, daß ich Bini dem Thöni gebe -- und er hat mich getrieben, daß ich den verfluchten Neubau angefangen habe.«
Frau Cresenz, die kühle und geduldige Frau, wischt sich, wie er nicht aufhört zu wüten, mit der Schürze die Thränen ab: »Präsident,« sagt sie entrüstet, »ungerecht bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Thöni, den Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den Wintertag, an dem Ihr mit Thöni, aus Freude darüber, daß Blatter tot sei, wie toll getrunken und die Gläser miteinander ins Leere gestoßen habt: 'Zum Wohl, Seppi Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.' Habt Ihr da nicht geahnt, daß es ein Unglück giebt?«
»Schweigt!« schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als zünde ihm jemand mit einer Fackel ins Gesicht; er ist seiner Zunge nicht mächtig, er würde sonst Frau Cresenz nicht so lange haben reden lassen.
»Als die Todesnachricht falsch war,« fährt sie fort, »und Blatter wieder schrieb, da hat der Thor, der euch alles von den Augen absah, gemeint, es sei euch ein Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr rückwärts können, hat falsch geschrieben und es ist gekommen, wie's gekommen ist. Daß er ein Schelm und fremd geworden ist, daran seid Ihr schuld.«
Plötzlich versteht der Presi die Handlungsweise Thönis.
Er taumelt fort, er holt im Untergaden einen mächtigen Karst, rennt damit in der beginnenden Dämmerung durch das Dorf, und erschrocken sehen es die von St. Peter.
»Was hat der Presi?« fragen sie, »was will er mit seiner Hacke?«
Er eilt zum Neubau, der bis zum ersten Stockwerk gediehen ist. Mit wuchtigem Arm schlägt er die Zinken in Mauer und Balken, er reißt vom Werk, um dessen willen er das Dorf bis ins Mark beleidigt hat, so viel ein, als seiner Wut nachgiebt, er lebt in der wilden Gier, alles zu vernichten, was ihn an den unseligen Thöni mahnt. Aus scheuer Entfernung sehen ihm die maßlos erstaunten Dörfler zu. »Er ist letzköpfig geworden!« meinen die einen, die anderen: »Nein, seht, er hat doch ein Herz für uns.« Wie er sich beobachtet spürt, stutzt er, dann ruft er den Nähertretenden zu: »Nehmt von dem verfluchten Holz, so viel ihr wollt, verbrennt es. Sagt es den armen Leuten, daß sie's holen mögen. Bringt eure Aexte und Kärste, helft mir!«
Der Garde kommt und streckt dem Presi die Hand hin: »Presi, etwas Besseres habt Ihr in Euerm Leben nie gethan!«
»Gewendet habe ich mich, Garde,« sagt er und die Dörfler staunen.
»Der Presi hat sich gewendet.« -- Wenige lächeln, es ist kein Spott oder Hohn im Dorf, offen oder heimlich ist ihm jedes Herz dankbar. Wie er den Karst auf den Schultern mit dem Garden durch die Frühlingsnacht heimwärts schreitet, lüften die Dörfler, die unter den Thüren stehen, achtungsvoll die Hüte vor ihrem Presi.
»Man kann vielleicht den entsetzlichen Ahornbund abschütteln,« flüstern sie einander zu, »und für St. Peter kommt wieder eine bessere Zeit.«
Und die Frühlingssterne, die zu schimmern beginnen, sehen den zertrümmerten Bau, der nie ein Haus geworden ist.
Seltsam! -- Seit langen Jahren geht durch die Brust des Presi ein Hauch des Friedens -- er wütet nicht mehr, nur eine heiße Wehmut um Binia schleicht noch durch sein Herz.
»Wie -- wenn Josi Blatter sie so stark liebte, daß er sie trotz allem, was vorgefallen ist, doch zu Ehren annähme!« -- Um Binias willen muß er Josi Blatter den Weg zu seinem Werke leicht machen und den noch zögernden Garden überredet er mit dem Feuer eines Jünglings von der Ausführbarkeit des Befreiungswerkes, das Josi plant.
Ohne daß er es weiß, hat er dafür schon das Beste gethan.
Die Dörfler sagen: »Wenn das Wunder möglich ist, daß der Neubau des Presi durch seine Hand zergeht, so ist auch das andere möglich, daß Josi Blatters Plan gut ist.«
Das schwer erschütterte Vertrauen in die Zukunft erwacht wieder in dem geängstigten Dorf.
Es sind so wunderliche Zeitläufte in St. Peter, daß man sich aus dem Verschwinden Thöni Griegs nicht viel macht. Vor ein paar Jahren hat er schon gesagt, er gehe nach Amerika, gestern hat er es beim Glottermüller mit dem Zusatz wiederholt, es sei in der Umgebung des Presi nicht mehr auszuhalten. Jetzt ist er halt gegangen, und Binia wird froh sein.
Einige Tage später durchfliegt eine neue Kunde das Dorf und nimmt alle Teilnahme so gefangen, daß die von St. Peter vor Spannung nicht mehr arbeiten mögen.
Die Regierung ist mächtig für den Plan Josi Blatters eingenommen, der ihn selbst den Herren dargelegt hat.
Vor etwa vierzig Jahren ist einmal ein Regierungsrat nach St. Peter gekommen und hat der Einweihung einer Kirchenfahne beigewohnt. Seither hat man in der Stadt das stille St. Peter vergessen. Nun erlebt es das Dorf, daß zur zweiten Wassertröstung zwei Regierungräte auf einmal kommen. Die liebenswürdigen, gescheiten Herren verstehen besser zu reden als der glatzhäuptige Glottermüller, der quiekende Unglücksrabe.
»Josi Blatter, der großherzige Mann,« sagen sie, »soll sein Gelübde lösen, die Leitung nach den neuen technischen Grundsätzen bauen und treulich sollen ihm Staat und Gemeinde helfen. Der Staat liefert ihm die Spreng- und Baumittel, die Gemeinde mag sich zu den Hilfstagewerken verpflichten, die nötig sind.«
»Ja, wenn die Regierung dafür einsteht,« meinen die von St. Peter, »so ist der Plan gewiß gut,« und freudig zeichnen die Bauern ihre Tagewerke.
Umsonst ruft der letzköpfige Kaplan sein »Wehe -- wehe -- wehe!« durchs Dorf, ihm antwortet der jubelnde Ruf: »Ab mit der Blutfron -- ab -- ab! -- es lebe Josi Blatter, der Felsensprenger! Das Werk ist für uns, unsere Kinder und Kindeskinder.«
Eine gute That! -- Sie ist selbst heiliges Wasser, das befruchtet. Die Unglückstafeln an den Weißen Brettern werden verrosten, die Losgemeinde wird eine Sage sein, frei giebt man die heligen Wasser in der Kinder, in der Enkel Hand.
Und der »Ahornbund« liegt am Boden.
Josi hat die Herren aus der Stadt in den Bären begleiten müssen, aber jetzt sind sie fort.
Zum erstenmal, seit sie vom Teufelsgarten kamen, sehen sich die Liebenden wieder. Es ist ein schweres Wiedersehen!