An geöffneter Tür

Part 8

Chapter 83,565 wordsPublic domain

»Wilhelm, ja, ich bin es ... Wilhelm, ich sah dir vorhin nach, als du über die Straße gingst. So elend -- so elend ... Ach ... Wilhelm -- da hab' ich auf dich gewartet ... Du kamst ja immer durch die Einfahrt ...«

»Was willst du?« ...

Die Arme schlangen sich fester um ihn.

»Armer Wilhelm ... armer Wilhelm ...«

Sein Gesicht wurde von ihren Tränen naß.

»Laß mich doch, Käthe,« sagte er in schwacher Abwehr.

»Nein, Wilhelm -- nein ... Hier, im Dunkeln muß ich's dir sagen ... Ich habe dich ja lieb wie damals -- nein, tausendmal mehr ... Ich hab' ja all diese zehn Jahre nur an dich gedacht ... Tag und Nacht ... Und immer gewartet ... Und vorhin, in die Arme wollt' ich dir fliegen ... aber du ... Und jetzt seh' ich, wie du dich grämst ... Da drängt sich etwas aus mir heraus ... Und für mich will ich nichts -- gar nichts ... nein ... nein ... Aber das Herz möcht' ich mir ausreißen und dir hinhalten ... nur daß du wieder lachst und arbeitest.«

Er schüttelte sie von sich.

»Laß mich, Käthe ...«

Sie hielt ihn fest.

»Laß mich ... wir haben zusammen nichts mehr ... Was fehlt dir? -- So laß mich doch ...«

»Nein ... Nein.« Sie zog ihn mit sich.

»Sieh diese Tür ... vor zehn Jahren hast du den Pfahl da« -- sie bückte sich und zog einen anscheinend fest eingerammten Pfahl aus dem Boden vor der Tür, an der sie standen -- »den hast du damals losgemacht, damit du unbemerkt zu mir herein konntest ... Weißt du nicht mehr?«

»Ich weiß schon,« sagte er fröstelnd.

Sie stieß die Tür auf. Die führte in die Kontorstube, ihre Stube.

Beide standen nun im hellen Lampenlicht.

Sie ein glühendes, schönes Weib, sehnsüchtige Liebe, heißes Mitleid in den Augen -- er ein grämlicher, alternder, verbitterter Mann, lichtscheu nach der dunkelsten Ecke der Einfahrt blickend, als ob er sich vor dem Überschwall an Licht und Liebe dorthin verkriechen wollte.

Aber schon hatte sie ihn in das Zimmer gezogen, aus dem er vor ein paar Stunden zornig und widerwillig hinausgegangen war.

»Was bedeutet das alles? ... Was soll ich hier?« fuhr er sie an.

»Du sollst an die Sommernächte denken,« sagte sie leise und demütig, »in denen wir da auf dem Bettrand saßen, Hand in Hand ... oder dein Kopf an meiner Brust ... Und an die schöne, gute Welt von damals sollst du denken -- und dann ...« sie breitete die Arme aus -- »dann sollst du wiederkommen und hier -- hier weinen -- weil alles so anders ist, als man's sich gedacht hat -- und dann ...«

»Liebes Kind,« sagte er und sah nach der Tür, »quäl dich nicht und quäl mich nicht ... Was du da sagst -- --«

»Hör nicht auf das, was ich sage,« unterbrach sie ihn hastig. »Ich hab' ja solche Herzensangst, daß ich nicht das Richtige finde -- denn _wenn_ ich das fände, dann mußt du ja kommen und bleiben ... Es ist ja menschenunmöglich ... Sieh, ich will ja nur dasein, wenn du keine bessere hast. Ich bin bloß für dich da ... Leib ... Seele ... jeder Gedanke ... all die zehn Jahre ... Und jetzt, wo ich dich wieder hier hab' ... Komm, komm ... Geh nicht weg ohne ein gutes Wort ... Du nimmst mein Leben mit, wenn du gehst -- mit so kalten Augen -- vielleicht böse wegen vorhin ... Ach nein ... das war ja ...«

Glühend, schwer atmend, mit angstvoll bettelnden Augen sah sie ihm ins Gesicht.

Aber er streckte abwehrend die Hände aus.

»Du bist sehr aufgeregt, Käthe,« sagte er mit erzwungener Ruhe. »Du mußt dich zusammennehmen. Ich kann da nicht mit, und ich will auch nicht ...«

»Du willst auch nicht ...« sagte sie nach.

Und die Glut aus ihrem Gesicht wich, die Spannung der Glieder ließ nach, und eine plötzliche Erschöpfung machte sie schlaff und weich.

Sie schleppte sich die zwei Schritte zum Bettrand, setzte sich darauf und sah mit verblaßten Augen zu ihm auf.

»Geh nun,« sagte sie matt.

Er reichte seine Hand herüber. Sie nahm sie nicht.

»Nein, Käthe -- ein für allemal -- mir ist die Lust an Aufregungen solcher Art längst vergangen, wie die Lust zur Liebe überhaupt ... Ich kann dich nicht brauchen -- ich kann keine brauchen. Willst du das nicht begreifen, dann können wir eben nicht zusammen hier hausen -- und es ist besser --«

»Ich gehe,« sagte sie tonlos.

»Versuch's mit dem Bleiben, Käthe ... Du überwindest es schon ... Es ist ja auch alles nicht wahr ... Einbildung ... Vorhin warst du ganz vernünftig. Quäl uns nun nicht mehr.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Gute Nacht, Käthe ... Komm nicht mehr herüber ... Wir sind beide wohl müde ... Gute Nacht!« ...

»Du sagst das so weich und gut ... Noch einmal ...« Sie machte die Augen zu.

»Gute Nacht,« sagte er und ging.

Eine Stunde wohl nach dem einfachen Abendbrot saß er erschöpft bei der Mutter, die ihm tausenderlei erzählte, was in der langen Zeit im Ort vorgegangen war. Dann suchte er seine alte Studentenstube im Giebel auf und streckte sich in den dicken, lavendelduftenden Federbetten.

Einmal, schon halb im Schlaf, sprang er auf. Er hatte vergessen, die Tür zuzuschließen.

* * * * *

Am nächsten Morgen weckte ihn lautes Klopfen.

»Wilhelm! Wilhelm!«

Es war die Mutter.

»Komm doch schnell, die Käthe macht gar nicht auf. Am End' ist ihr was passiert. Ich hab' schon solche Angst ...«

In wenigen Augenblicken war er fertig und stand mit der Mutter an Käthens Stubentür.

Alles Rütteln vergeblich.

»Hol' ein Hackmesser ... oder Beil.«

Die Alte lief in die Küche.

Er rüttelte noch einmal, da gab das Schloß nach, die Tür wich.

Hoch oben, der Tür gegenüber, die zur Einfahrt führte, baumelte ein Strick, ein umgefallener Stuhl lag davor.

Er sprang vorwärts.

An dem rechten Türpfosten zusammengesunken, augenscheinlich vom Stuhl herabgestürzt, ehe sie ihren Vorsatz ausführen konnte, so fand er Käthe. Sie war nur mit ihrem langen Nachthemde bekleidet, der Kopf hing über die Brust, und die langen schwarzen Zöpfe fielen auf den Boden.

Er riß hastig den Strick herab, dann hob er sie auf und schleppte sie in das Bett, das noch die Eindrücke ihres Körpers zeigte.

»Starken Kaffee ... Äther,« rief er angstvoll der Mutter zu, die eintrat und aufschreiend davonlief.

Und dann, allein mit ihr, stieß er die Läden auf und begann zu arbeiten ... unaufhörlich ... die üblichen Bewegungen mit ihren Armen, die sich gestern noch so fest um seinen Hals geschlungen hatten und nun schon kalt waren.

Vergebens ... Das Herz schlug längst nicht mehr. Der Tod hatte schon hinter ihr gestanden, als sie ihn rief ...

Schwindlig richtete Wilhelm Born sich endlich auf. Eine kümmerliche, gelbe Herbstsonnenwelle schlug eben ins Zimmer.

Da sah er, wie die offenen, gebrochenen Augen klagend aufstarrten, wie die Brauen schmerzvoll zusammengezogen waren und wie ein krampfiger Leidenszug den erblaßten Mund umschloß.

Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er griff nach der Decke.

Aber wie seine Blicke noch einmal diesen blühenden Menschenleib umspannten, der nur für ihn auf der Welt gewesen war -- »Leib -- Seele -- jeder Gedanke« -- da zwang es ihn plötzlich zu Boden.

Er legte den Kopf auf die erkaltete Brust. Erlösende Schauer leidenschaftlicher Sehnsucht überrieselten ihn ...

»Käthe -- wach auf -- Käthe ... Käthe!«

Der leuchtende Tag

Herr und Frau Doktor Lohrer bildeten in dem locker zusammengefügten Teil der Berliner Gesellschaft, der aus einem fließenden Durcheinander von öffentlichen vornehmen Festen und Wohltätigkeitsvorstellungen besteht -- mit ein wenig militärischem Einschlag und, wenn das Glück günstig ist, auch einmal unter hoher offizieller Protektion --, etwas wie einen festen Punkt.

Das elegante Paar mit seiner unbeirrten Sicherheit des Auftretens, vor allem mit der überzarten, fremdartig dunklen Schönheit der Frau, gab jeder geselligen Zusammenkunft Schmuck und Stil.

Die jungen, noch ungewandten Frauen und Jungfräulein studierten sogar Haltung und Toilette an Frau Erika Lohrer. Sie achteten darauf, wen sie begrüßte und mit welcher Abtönung sie das tat. Es war immer das Vorgeschriebene und der augenblicklichen Lage genau Angemessene -- und das, was daran fehlte, das Persönliche oder gar Herzliche, konnte ja immer und nach Temperament oder Liebenswürdigkeit hinzugefügt werden.

Denn daß man etwas wie einen eigenen Ton in dem tadellosen und anmutigen Gebaren der schönen Frau vermißte, war nicht zu leugnen.

Niemand konnte sie sich mit verschwiegen oder heiß strömenden Tränen oder mit lautem, glücklichem Lachen vorstellen. Sie lächelte wohl, und bei gebotener Gelegenheit sah man es auch in ihren schönen, braunen Augen feucht aufschimmern, aber der Mangel an innerer Beteiligung fiel selbst in einer Gesellschaft auf, deren betontes Ziel es ist, sich in schönem Gleichmaß an der Oberfläche zu halten, Tiefen im eigenen Leben nicht ahnen zu lassen und in dem anderer nicht zu bemerken.

Dabei wußte man durch Verbindungen mit der thüringischen Fabrikstadt, in der die großen Farbwerke der Familie Lohrer lagen und die auch bis vor kurzer Zeit ihr Wohnort gewesen war, daß diese Frau, die in schönen Kleidern durch alle Fährlichkeiten des Lebens zu steuern, Gefühlen und Irrungen still und freundlich auszuweichen schien, durchaus nicht ohne Schicksalsschläge ihren äußerlich so glatten Weg hatte gehen dürfen.

Frau Erika stammte aus einer ostpreußischen Mittelstadt, in der ihr Vater, ein bekannter und sehr beschäftigter Rechtsanwalt, ein für die dortigen Verhältnisse herausfordernd großes Leben geführt hatte. Von der jungen, zu holdseliger Schönheit erblühten Tochter wußte man zu erzählen, daß sie eine voreilige Verlobung mit einem Ulanenoffizier eingegangen war, bei der es aus Vermögensrücksichten zu keiner Heirat habe kommen können. Die Eltern hatten sie, damit sie dieses Erlebnis leichter verwinden lerne, zu den reichen Verwandten Lohrer nach Thüringen geschickt. Während sie dort war, nahm die falsche Herrlichkeit des Vaterhauses ein Ende mit Schrecken.

Justizrat Lollin und seine Gattin waren eines schönen Tages tot, an Kohlendunst erstickt, in ihren Betten gefunden worden. Niemand hatte an einen unglücklichen Zufall geglaubt, berechtigte Gerüchte über die Notwendigkeit, sich durch den Tod vor Not und Schande zu retten, waren aufgetaucht, aber auch sofort wieder verstummt. Denn der junge Doktor Lohrer war erschienen, hatte die Sichtung des Nachlasses in die Hand genommen und alles so geordnet, daß niemand im geringsten geschädigt worden war.

Die junge Erika hatte Eltern und Heimat nie wiedergesehen. Sie war im Lohrerschen Hause geblieben und nicht lange nach dem schrecklichen Ereignis die vielbeneidete Frau des Doktor Lovis Lohrer geworden.

Ein furchtbarer Schlag hatte sie einige Jahre später allerdings auch noch getroffen. Ihr einziges Kind, ein schöner blondlockiger Junge, natürlich Abgott der Eltern, war bei einer Autofahrt mit der Bonne zusammen verunglückt.

Man hörte, daß Doktor Lohrer verhältnismäßig schwerer daran getragen habe als Frau Erika, bei deren zarter Gesundheit auf keinen Ersatz des Verlorenen zu rechnen war. Schließlich aber -- überwunden hatten es nun wohl beide in ihrem ruhelosen Berliner Leben. Was Frau Erika vielleicht als sichtbare Spur des Erlebten zurückbehalten hatte, eine weiße Strähne, die seltsam in das schwarze Haar hineingewachsen war, diente noch dazu, den Reiz ihrer Erscheinung zu erhöhen.

Ihr Gatte, der in Fragen der Ästhetik auch bei Übelwollenden als Autorität galt, liebte und bewunderte diese Locke sehr und überwachte selbst die Unordnung der Frisur, wenn er mit seiner Frau »Staat machen« wollte, wie er lachend oder vielmehr lächelnd erzählte.

Laut war nämlich auch Doktor Lohrer selten oder nie in seinen Meinungs- und Gefühlsäußerungen. Aber bei ihm fühlte man zuweilen den Zwang, den er sich antat, um so unpersönlich und korrekt zu erscheinen, und wer ernsthaft mit ihm zu tun hatte, wußte, daß diese übergroße, schmale, etwas schlappe Gestalt sich plötzlich, wie von Federn gestrafft, aufrichten und daß der gleichmütig verbindliche Ausdruck des glattrasierten Fuchsgesichts sich je nach Veranlassung in einen beängstigend energischen oder abschreckend zynischen verwandeln konnte.

Im allgemeinen stand er der Welt, in die er sich verpflanzt hatte, näher als seine Frau, vielleicht gerade durch die hervorbrechenden kleinen Schwächen, die man ihm nachweisen konnte, wenn man wollte. Einen hervorragenden, wenn auch versteckten Platz darunter nahm die für das ewig Weibliche ein. Man verargte sie ihm nicht, da er in der Öffentlichkeit stets unzertrennlich von seiner schönen Frau erschien und sie vor aller Augen mit zartester Aufmerksamkeit umgab.

In Herrengesellschaft und zu vorgerückter Stunde war er ein guter Kumpan, der mit erfrischendem Gelächter über salonunfähige Witze quittierte und gelegentlich selbst welche zum besten gab, die vielleicht an Pikanterie die vorhererzählten noch übertrumpften.

Dann konnte er auch aufrichtig und harmlos von seinem zweiten Heim in der Eichstädter Straße sprechen, das er sein »hemdärmeliges« zu nennen pflegte, und von der »Kleinen«, die dort das Herdfeuer hütete.

Hier gab er auch zuweilen ein paar befreundeten Junggesellen hübsche Abende in vorgeschrittenem Kabarettstil. Das geschah aber sehr diskret und in einem engen Kreise zuverlässiger Gesinnungsgenossen, und wohl nie, ohne daß Herr Doktor Lohrer in leuchtender Vaterfreude einen süßen, blondhaarigen Buben präsentierte, »zu dem die Mutter nun doch einmal gehörte« ... »Und was wollen Sie, ich bin nun einmal ein Kindernarr, und leider ... leider ...«

Er zuckte dann bekümmert die Achseln, und man begriff die kleine »Unregelmäßigkeit«, wo man von ihr erfuhr. Sie war schließlich zu entschuldigen und vielleicht auch nur eine Art Ausruhen von all der tadellosen, wohltemperierten Vornehmheit und Stille des eigentlichen Hauswesens und dessen Herrscherin.

Frau Erika hatte natürlich keine Ahnung von dieser Abweichung ihres Gatten über den geraden Weg der ehelichen Treue hinaus, -- wenn auch der Verkehr zwischen der Eichstädter und der Bendlerstraße telephonisch ein ziemlich reger war.

In der Abwesenheit des Hausherrn besorgte ihn die treue Lina, die Jungfer der Frau Erika, -- eine Person, auf die man sich in jeder Hinsicht unbedingt verlassen konnte, wie _Frau_ Lohrer gleichgültig und gläubig annahm und wie _Herr_ Doktor Lohrer ausgiebig erprobt hatte.

... Es war ein Novembervormittag und ein launenhaft aufspringender Wind peitschte große Regentropfen auf das Glasdach des Ganges, der in der Lohrerschen Wohnung die hinteren mit den vorderen Räumen verband. Dieser Gang enthielt auch die Telephonzelle, aus der eben die treue Lina auf die Diele hinaustrat, auf der sie den Schritt des heimkehrenden Herrn gehört hatte.

»Ob Herr Doktor um 7 Uhr in der Eichstädter Straße erwartet werden dürfte?« fragte sie mit dem vorschriftsmäßig bewegungslosen Gesicht, dem nur ein kleiner, schräg glitzernder Seitenblick die Andeutung vertraulichen Einverständnisses gab.

»Wollen sehen -- glaube kaum, Lina.«

Sie nahm ihm den nassen Überrock ab. --

»Grauenhaftes Wetter ... Nichts passiert?« ...

»Gnädige Frau hat Besuch.«

»Besuch? ... Jetzt? ... Die gnädige Frau empfängt doch nur Dienstags ... Und mit ihrer Erkältung! ... Wer ist's denn?« ...

»Eine ... Dame ... Sie trägt Reform ... Das ... das ist ihr Regenschirm.«

Sie wies auf einen nassen, nichts weniger als eleganten Schirm, der in der Garderobe stand.

»Teufel auch ... also eine Bettelei ... Aber Lina! Besser aufpassen! Die gnädige Frau ist viel zu unwohl, um sich Strapazen mit Fremden auszusetzen. Das wissen Sie doch ...«

Die treue Lina schüttelte den Kopf.

»Gnädige Frau machte eben die Salontür auf, als ich öffnete, und nahm das Fräulein selbst in Empfang. Es scheint gar keine Fremde. Ich hatte im Nebenzimmer das Fenster zu schließen ... die Damen sprachen sehr laut von Ostpreußen, und die gnädige Frau war auch sehr lebhaft ...«

Herr Doktor Lohrer sah nachdenklich vor sich hin und ging dann achselzuckend fort sich umzukleiden, während die treue Tina im Nebenzimmer _noch_ ein Fenster schloß.

In dem kleinen, grünen Salon, einem von berühmter Künstlerhand auf die Erscheinung der Hausfrau gestimmten Raum, saßen in wahrer Treibhaustemperatur und in einer von einer Fülle mattfarbiger Chrysanthemen überhangenen Ecke -- Frau Erika blaß, fröstelnd und hustend, mit ihrem Besuch, einem frischen, blondhaarigen Mädel in braungrauem Hängekleid.

Frau Erika hörte meist zu, sprach aber, wenn sie etwas sagte, mit mehr innerem Anteil, als es sonst in ihrer Art lag.

Kein Wunder ... Das Mädchen war die jüngste Tochter eines Hauses, in dem vor Jahren, als die Eltern noch lebten, die junge Erika in Jugendfrohsinn und Glückstraum unvergeßliche Tage verlebt hatte.

Jene Beziehungen waren längst abgebrochen. Die befreundete Familie auseinandergestoben, und die damals sechsjährige Kleine lebte allein hier in Berlin und studierte Musik.

Die bittere Not einer erkrankten Studiengenossin hatte sie nach langem Überlegen veranlaßt, das Lohrersche Haus aufzusuchen und die Hilfe der Frau zu erbitten, deren Name unter keiner der glänzenden Wohltätigkeitsveranstaltungen fehlte.

Die Angelegenheit war, nachdem Frau Erika sich von dem ersten Staunen erholt hatte, rasch erledigt. Der lungenkranken Patientin sollte geholfen werden. Nun waren in raschem Gespräch, dessen Kosten Fräulein Marta trug, vergessene Namen, verschwundene Gestalten, an deren Wiederkehr sie nie gedacht hatte, in Frau Erikas Erinnerung aufgetaucht, und ein Schimmer der untergegangenen Jugendsonne begann hier und da aufzuglänzen.

Sie vergaß darüber die quälende Influenza, die sich steigernden Schmerzen beim Atmen und hörte mit träumerischem Interesse zu.

»Ja und wissen Sie, gnädige Frau,« sagte das junge Mädchen mit ihrem stark ostpreußischen Tonfall, »was ich auch nie vergessen habe? ... Wie Sie damals, vor unserem Ball in die Kinderstube kamen ... noch nicht angezogen, in einem weißen Spitzenunterrock und langem Frisiermantel ... Ganz toll lustig waren Sie und sangen: »Da kam aus dem Wasser ein großes Krokodil ...« Und wie es weiterging: »Galopp, Menuett und Walzer, wer weiß, wie das geschah!« ... Da nahmen Sie mich auf den Arm, und wirbelten mich durch die ganze Stube ... und da bekamen Sie so das Lachen, daß wir beide hinfielen und gar nicht mehr aufstehen konnten!« ...

»Ich? ...« sagte Frau Erika verwundert ... »das war wirklich ... ich? ...«

»Na ja, freilich!« lachte Fräulein Marta, »der feine Schlußrefrain ist mir ja dann auch Leitmotiv geworden: »Gelobet seist du allezeit, Frau Musika! ...«

»Ja richtig ... Sind Sie denn schon weit? ... und wo studieren Sie eigentlich?« ...

Da erzählte Fräulein Marta, und ihr glühendes Gesicht fing an zu strahlen.

Sie liebte ihre Kunst und ihre Arbeit ... Ach, wie heiß sie sie liebte! ... »In all dem knappen Leben ... ostpreußische Gutsbesitzer ... Sie wissen ja ... und wir waren sechs Geschwister ... aber man freute sich doch auf jeden neuen Tag ... Wenn man mal ein Mittagessen überschlug, hatte man eine Mark für ein Busoni- oder d'Albertkonzert und konnte sich dann gar träumen, daß man an ihrer Stelle steht ... Überhaupt, wie war das wundervoll! ... Von einem Traum immer in den anderen geworfen ...«

Frau Erika lächelte beklommen und hustete.

Das junge Mädchen stand auf.

»Ich habe Ihre Güte zu lange in Anspruch genommen, gnädige Frau ... Sie müssen sich pflegen, zu Bett gehen, Aspirin nehmen ... verzeihen Sie! ...«

»Nicht doch, liebes Fräulein. Ihr Besuch ist mir sehr lieb gewesen. Sie haben mir einen so frischen Wind hereingebracht ... und dann all die Erinnerungen ... Sie müssen wiederkommen ...«

»Gern, wenn ich darf,« sagte Fräulein Marta und drückte die Hand, die sich ihr entgegenstreckte.

»Telephonieren Sie aber vorher,« bat Frau Lohrer, »ich bin so viel aus.«

Sie geleitete sie bis auf die Diele und küßte sie auf die pralle, frische Backe, was die treue Lina, die die Außentür öffnete, staunend und mißfällig bemerkte.

Frau Erika wurde rot und ging schnell in ihr grünes Zimmer zurück.

Eben steckte Doktor Lohrer den kurzgeschorenen, blonden Fuchskopf zur Tür herein.

»Die Luft rein?« fragte er. »Was bedeutete denn das? ... Das war ja die unverfälschteste Robert-Johannes-Vorstellung ... Und nach nassen Kleidern und Schmierstiefeln hat dein Besuch auch gerochen ...«

»Oh ... ich bitte dich ... es war ...« Und nun erzählte Frau Erika ihrem Mann, sehr heiser, aber mit einer Spur von Freude im Ton, von dem jungen Mädchen aus der vergessenen Heimat. Herr Doktor Lohrer hörte schweigend zu und sagte dann:

»Peinlich! ... hoffentlich kommt sie nicht wieder ... Sie soll jedenfalls nicht angenommen werden ...«

»Ja, warum nicht? Ich will sie gerne wiedersehen, und ich habe sie eingeladen! ...«

»Aber ... aber! Unbesonnen bis zum Übermaß,« tadelte Herr Doktor Lohrer sanft. »Verzeih', liebes Kind ...«

»Ja, erkläre mir ...«

»Nun, findest du es angenehm ... wenn vergangene Geschichten ... ich möchte nicht undelikat sein, aber ... verzeih' ... es läuft noch mancher in der alten Gegend herum, der durch deines Vaters ... sagen wir ... Versehen ... um Haus und Hof gekommen wäre -- wenn ...«

»O! ...«

Frau Erika seufzte schwer.

»Nun, nimm es nicht wieder tragisch, Liebe,« sagte er beruhigend. »Es ist ja alles geordnet. Aber ich meine doch, gerade jetzt --, wo wir eine Position zu erhalten -- eine noch höhere zu erwarten haben ... muß man vorsichtig mit allem sein, was nicht ganz durchsichtig -- nicht ganz ...«

»Ich bitte dich ... laß das ... du hast recht ... sicher ... aber ...« ein heftiger Hustenanfall unterbrach sie.

»Nun, siehst du ... ich weiß es ja, daß wir immer einer Meinung sind, liebes Kind ... Übrigens siehst du schlecht aus ... und dein Husten ist auch nicht besser. Ob wir nicht gut daran tun, auf die Philharmonie heute zu verzichten?«

»Sicherlich,« sagte Frau Erika. »Ich fühle mich gar nicht frisch.«

»Und übermorgen, für die Sitzung im Unterrichtsministerium, mußt du es ja unbedingt sein, liebes Herz. Das ist für den ganzen Winter von großer Tragweite ... Die Erkundigungen wegen der verschämten Armen, die du Exzellenz Berens abgenommen hast, sind erledigt, nicht? ... Du weißt, daß du Exzellenz übermorgen triffst? ...«

Frau Erika nickte.

»Bis auf eine,« sagte sie tonlos ... »Du bist sehr gut, daran zu denken.«

Er strich leicht über ihr Haar und zog mit spitzen Fingern die weiße Locke tiefer in die Stirn.

»Abends werde ich dann allein etwas unternehmen, wenn du einverstanden bist ... Die Philharmonie lasse ich auch ...«

Natürlich war Frau Erika einverstanden, und die treue Lina telephonierte einen zusagenden Bescheid des Herrn Doktor nach der Eichstädter Straße.

... Als der Abend gekommen war und eine fast fühlbare Stille über den Räumen lag, in denen eine feingestimmte Beleuchtung die Farbenzauber des Tages geheimnisvoll vertiefte oder verschwimmen ließ, ging Frau Erika, das ungewohnte abendliche Alleinsein unbewußt genießend, in der Zimmerflucht hin und her.

Ihre Gedanken wanderten erst in den gewohnten Geleisen:

... Bazar für das Säuglingsheim ... Toilette dazu ... Anprobe ... Sie sah in ihrem Notizbüchelchen nach, wann? ... zwei =five o'clocks= ... die Erkundigung nach dem lahmen Mädchen für Exzellenz Berens ... Neue Franzosen bei Cassirer ... Zwölf-Personen-Diner im Hause ... Das alles tauchte kraus durcheinander in ihren Überlegungen auf.

Aber sie war dabei voller Unruhe, und wahrscheinlich fieberte sie, -- denn mitten in diesen notwendigen und auch wichtigen Tageseinteilungen glaubte sie beständig die Stimme ihres Vormittagsgastes zu hören, die sehr laut geklungen haben mußte ... Daher wohl auch die Eindringlichkeit der Worte, die schließlich doch nichts anderes gewesen waren, als der Ausdruck erwartungsvoller Lebensfreude, -- wie sie selbst sie vor Jahren hätte aussprechen können ...

Damals ... als sie das Studentenlied von dem lustigen Musikanten gesungen hatte ... wenn sie das wirklich gewesen war ...

Sie versank in Grübeln und Brüten, und verscheuchte Erinnerungen rangen sich zaghaft wieder hervor.