An geöffneter Tür

Part 7

Chapter 73,718 wordsPublic domain

»Fräulein Lena, Sie sollen uns gratulieren. Ihr Vetter, Hans Wachowski, und ich haben uns eben verlobt,« sagte das Fräulein von Terkuhn und trat mit dem Mann an der Hand aus dem roten Licht.

Nun fand Lena Aussig ihre Haltung wieder. »Ach nein,« sagte sie. »Den Glückwunsch wird mir Hans wohl ersparen. Er kann ihn auch nicht erwartet haben. Guten Abend, gnädiges Fräulein ...«

Da riß Hans Wachowski sich von den Fingern los, die ihn umklammert hielten und trat dicht zu dem jungen Mädchen hin. Ihm war in diesem Augenblick, als müßte sie ihm zusprechen, ihn trösten, als wäre er ganz allein mit ihr, und könnte ihr klagen und mit ihr beraten.

»Lena, Lena,« sagte er. »Ich hätte dich vorher sprechen müssen, vergib. Ich bin ja selbst ganz wirr, sie hat mir alles über den Kopf weggenommen.«

Das Fräulein von Terkuhn richtete sich kampfbereit auf. Ihre Augen begannen zu funkeln.

»Schweig,« rief sie heiser.

Aber in seiner großen Erregung sah und hörte Hans von Wachowski sie nicht.

»Lena, Lena,« sagte er mit einer Zärtlichkeit in der Stimme, von der Fräulein von Terkuhn trotz des heißen Küssens nichts vernommen hatte, »sieh mich nicht so an; es wird alles wieder gut.«

Nun geriet auch Lena außer sich.

»Was soll gut werden, nachdem du dich von dem Fräulein da hast fangen lassen, wie?«

»Sie Unverschämte,« zischte das Fräulein von Terkuhn und sprang, von den fliegenden Haaren umflattert, auf das hochaufgerichtete Mädchen zu. In diesem Augenblick trafen sich ihre gelben, funkelnden Augen mit denen des Junkers an der Wand, der seine kurbrandenburgische Fahne in steifer Hand vorstreckte und starr und feierlich wie immer zusah, was die Terkuhns von heute taten und trieben. Aus dem dunkeln Zugehörigkeitsgefühl zu diesem toten Bundesgenossen schäumte eine rasende, besinnungslose Wut in Adalisa von Terkuhn auf. -- Beutegier, Berechnung, Sinnesrausch -- alles ertrank darin. Wie mit tausend Händen aller vergangenen Terkuhns regte es sich in ihr, um die Plebejer da niederzureißen und zu vernichten. Rote Ströme rauschten, wie aus Blut und Glut gemischt, und das Weib, das daraus auftauchte, Spitzenfetzen in den ausgespreizten Armen, die Raubtieraugen in übermenschlichem Glanz sprühend, fremde, unverständliche Töne schreiend, war in seiner furchtbaren Schönheit etwas so entsetzliches, daß die beiden vor ihr in Grauen und Furcht erstarrten.

Mechanisch trat Hans Wachowski vor seine Cousine, um sie vor dem zu schützen, was kommen konnte, aber das Fräulein von Terkuhn rührte sich nicht, nur ein fauchendes Hohnlachen löste den furchtbaren Krampf in ihr und zwischen zusammenschlagenden Zähnen stieß sie ein »Hinaus« hervor.

»Geh,« sagte auch Hans Wachowski und schob die zitternde Lena durch die Tür nach dem Korridor.

Er hatte sich auf sich selbst besonnen. Die fremde schöne Bestie, die da noch zuckend und keuchend an ihrem Platz stand, hatte keine Gewalt mehr über ihn. Zwar, der innerste kleine, feige Mensch in ihm zitterte, aber er mußte tapfer sein und dann kam die Manneszucht ihm zu Hilfe. Er durfte sich von diesem Weib nicht hinausweisen lassen.

Und so trat er dicht an sie heran.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein« sagte er leise und heiser, »ich bitte um die Erlaubnis, mich zu verabschieden.«

Es klang ihm selbst dünn und ärmlich, was er da sagte, -- so als ob er gegen einen tosenden Wasserfall spräche. -- Das verächtliche Lachen, das wie mit Peitschenhieben über ihn herfiel, befreite dann die unterdrückte Empörung in ihm. »Sie ..., was denken Sie sich eigentlich? ..., Sie ...«

Er kam zu keinem weiteren Wort. Das Weib sah mit wilden Augen und fletschenden Zähnen um sich und duckte sich wie zu einem Sprunge.

Unwillkürlich hielt er die Hand schützend vor sich. Da riß sie sie hinunter und mit einem rauhen, stöhnenden Schrei schlug sie die spitzen Zähne in das Handgelenk.

Und dann eine Sekunde tiefes Schweigen. Blaß und schlotternd richtete sie sich auf und sah wie ein klagendes Tier nach dem Fahnenjunker an der Wand.

Der andere war nicht mehr da für sie. Sie bemerkte es nicht, daß er in dumpfem Erstaunen die hervorquellenden Blutstropfen betrachtete, noch einen scheuen Blick voller Grauen und Widerwillen auf sie warf und dann hinausging.

Vor der Tür stand der alte Diener. Mit gesenktem Kopf auf den Zehenspitzen ging er führend vor dem Leutnant her und geleitete ihn zu der Zimmertür des Hauptmanns.

»Der Herr Hauptmann wünschen den Herrn Leutnant dringend zu sprechen.«

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Um 6½ Uhr war zum Aufbruch geblasen. Man hatte von den Herrschaften nichts mehr gesehen und schon gestern Abend sich in formellster Weise von dem alten Herrn verabschiedet -- mit Ausnahme des Leutnants von Wachowski, der wegen starken Kopfwehs sein Zimmer nicht verlassen hatte. Die Damen waren nicht mehr zum Vorschein gekommen. Fräulein Aussig war sogar plötzlich in das nahe Städtchen gefahren und hatte ihren Vetter durch einen Brief über diese schnelle Abreise verständigt.

Jetzt ritt man zu dreien, wie gestern morgen, aber in entgegengesetzter Richtung davon. Leute und Pferde waren über die Chaussee gegangen, die drei Herren nahmen den kürzeren Waldweg durch den Eichenkamp.

Wieder wie gestern, der Doktor mit Fips, dem Terrier, voran, die beiden anderen schweigend hinterher.

Über Nacht hatte es einen Sturm gegeben. Die bunten und gelben Blätter lagen über abgeschlagenen, dürren Ästen in Haufen auf dem Wege und raschelten. Die Sonne war noch nicht durch, und der graue, tropfende Herbstnebel verschleierte die Ferne und zog in Ballen und Streifen über die rostroten Gebüsche und die kahlen Stämme. Hier und da hob er sich, und dann sah man in einem Ausschnitt über Wiesen und Lichtungen weit in den Wald hinein.

So geschah es jetzt eben. Und da stand mitten auf einem kahlen, nur von kleinem Eichengestrüpp überwucherten Platz eine uralte Eiche mit weit ausgreifendem, verknorrtem Geäst. Unten an dem mächtigen Stamme bewegte sich etwas Graugrünes. Der Weg nahm die Richtung auf den Baum zu und führte in etwa 20 Schritte Entfernung daran vorbei.

Der Leutnant sah auf und fuhr zusammen.

Auch der Doktor hielt und wartete.

»Vorsicht!« sagte er, »ich schlage vor, wir nehmen den Leutnant in die Mitte und reiten da Schritt vorüber. Ich kann an der Spitze bleiben.«

Der Hauptmann hatte sich auch orientiert.

»Nein, Sie mit Fips dürfen nicht voran. Ich nehme die Tête.«

Und so geschah es. Ohne weitere Worte über die Gründe dieser Vorsicht, in gespannter Aufmerksamkeit, mit weit geöffneten Augen zogen die Reiter hintereinander langsam und lautlos den Weg hinunter, auf dem noch die Schatten der Wünsche von gestern kauerten.

Einen Augenblick hob sich an dem zerklüfteten Stamm ein leuchtend roter Fleck aus den grauen Nebelschleiern. Aber gerade als die drei an der Wegbiegung anlangten, von der aus man den ganzen Platz hätte übersehen können, jagte ein leiser Wind flatternde Nebelwolken aus dem Linksgebüsch auf und verhüllte die alte Terkuhneiche und was darunter stand.

Es war nun nichts mehr zu sehen als ein paar kahle Arme des mächtigen Baumes, und nichts zu hören, als der krächzende Schrei von streifenden Krähen ...

Von dem Fräulein von Terkuhn war nichts mehr zu spüren ...

Nach zehn Jahren

Wie ein Fremder in eine fremde Stadt zog Doktor Wilhelm Born an einem kühlen Septembernachmittag in Eyslau, seinem Geburtsnest, wieder ein.

Niemand erwartete ihn. Die wenigen Personen auf dem Bahnsteig sahen ihm nach wie einem Unbekannten, der weiter nichts Auffälliges oder Interessantes an sich hat, und auch er streifte sie mit den gleichgültig übersehenden Blicken des Wandernden, der nur körperlich und ohne inneres Aufmerken um sich schaut.

Dem kleinen, zerlumpten Jungen, dem er seinen vielgebrauchten Handkoffer auflud, gab er an:

»Nach dem Grünen Kranz zur alten Frau Born.«

»Is kein Wirtshaus mehr,« sagte der Bursche.

»Weiß ich, vorwärts,« lautete der kurze Bescheid. Der Junge sah ihn groß an und setzte sich in Trab. Er selbst ging langsam hinterher. Durch die Bahnhofstraße mit ihrer kümmerlichen Kastanienallee, deren Bäume halb entblättert und zerzaust in dem kalten Winde schwankten. Durch die enge Badergasse, in der ein hoher Getreidespeicher mitten unter kleinen Armeleutshäuschen aufragte. Dann kam der Markt, ausgestorben und kahl, ein Tanzplatz für zusammengewirbelte Herbstblätter, und nun rechts hinauf die Grüne Straße, aus der schon Dämmerungsschatten stiegen.

Die Häuser, dürftig und grau, standen ziemlich dicht einander gegenüber. Sie waren alle gleichmäßig aufgebaut und getüncht und alle gleichmäßig kahl. Das vierte hatte neben dem Hauseingang einen großen Torweg, der mit einer schiefen, fahlroten Holztür verschlossen war.

Da blickte Doktor Born auf, lohnte seinen Kofferträger ab und ging durch die Einfahrt auf den Hof. Hier, am Fenster der großen Stube, die den Anbau ausfüllte, saß in einem braunen Großvaterstuhl die alte Frau Born. Sie hatte die Brille auf der Nase und das Strickzeug in den verkrümmten Gichthänden. Ein Ausdruck von Zufriedenheit lag auf dem alten Gesicht ... Nun hob sie es langsam und gewahrte den Draußenstehenden. Verwundern, Erschrecken, Erkennen flogen darüber hin, und zuletzt, wie ein aufflackerndes Licht, ein frohes Lächeln.

Da ließ Doktor Born den Koffer fallen und lief in die dämmerige Stube hinein. Er nahm die alte Frau an seine Brust und drückte sie fest an sich.

»Gott sei Dank, daß du noch da bist, Mutter!«

»Du -- du --« sagte sie, sich freimachend. »Beinahe hätt' ich dich nicht erkannt ... Herrgott, ich dacht' ja, der Vater stand draußen ... Und schon graue Haare? ... Und nun wirst du hier zu Hause doktern? Jung', Jung' ... zehn Jahre! ... Wir dachten, du wolltst erst am Freitag kommen. Zu tun wirst du schon haben. Der alte Sanitätsrat hatte ja die meisten ... Zu dem Doktor Heymann gehn sie ja nicht. Bloß die paar Kathol'schen und die Juden ... Konnt' das nicht der Vater erlebt haben? ... Der Wilhelm! Und hier bei uns Doktor!« So und mehr schwatzte das alte Weibchen und lief dabei in der Stube herum und rückte hier an den birkenen Stühlen und glättete dort das gehäkelte Deckchen auf der Kommode und blieb zuletzt vor dem Sohn stehen, der sich in den Großvaterstuhl gedrückt hatte.

»Ja, Mutter, da wären wir also zu Hause ... Gut gegangen ist mir's gerade nicht. Geschuftet hab' ich mir das Fleisch von den Knochen.« Er streckte einen vermagerten Arm vor. »Jünger bin ich auch nicht geworden, und herausgekommen ist gar nichts dabei.«

»Na, jetzt bist du doch in schönem Amt und Brot,« sagte die Mutter. »Und hier legen sie ja alle was zurück. Essen mußt du bei uns, wenn du vorlieb nimmst, Wilhelm ... Wohnen? Das wird hernach ja wohl nicht gehn.«

»Nein, das ist schon alles abgemacht, Mutter. Als mir der Sanitätsrat schrieb, daß er fortgehen wolle, und mir seine Praxis anbot, hat er mir auch vorgeschlagen, seine Wohnung zum Teil zu übernehmen. Das ist bequem und gut so ...«

»Also da ... am Markt? Beim Kürschner Bartke? ... ja, ja ...«

Die blöden alten Augen wurden vor Stolz naß. Sie trocknete sie mit dem Handrücken ... »Ja, ich dacht', du wollt'st schreiben, wenn du kommst ... Aber deine Stube haben wir schon zurecht ... Betten bezogen und alles. Die Käthe sagte gleich: »Der kommt ungemeldet.«

Der Doktor stand auf und ging eine Weile schweigend im Zimmer umher. »Noch der alte Flickenteppich,« sagte er dann. »An dem hab' ich nähen geholfen ... Ja, die Käthe ist nun also ganz bei dir, schreibst du? ...«

Die Mutter nickte: »Ja, gottlob ... Es bringt sich doch alles ein ... Was hat der Vater damals geredet und geredet ... weißt du noch? Wie der Kantor Müller starb, und die Marjell, die Käthe, mitten im Lehrerinlernen, und nichts mehr da, daß sie's zu Ende bringen konnt' ... Na, und da sagt' ich zu Vater ... Nein, Born, sagt' ich, das Kind übernehm' ich, und wenn ich's mir am Mund absparen sollte ... Und ist es nun nicht gut für mich, daß ich sie auf meine alten Tage hab'? ... Ich brauch' mich nun nicht mehr viel zu rühren ... das heißt, ihr ist es auch wohl ... Sie hat sich mit ihrem kranken Herz schändlich abrackern müssen, wie sie noch Gouvernante war ... Gottchen, die weiß ja noch nichts! Herrje, ich hol' sie schon.«

Der Doktor strich in Gedanken seinen Bart.

»Wo ist sie denn?«

»In der alten Kontorstube ... Da wohnt sie jetzt wieder ... Ich geh' schon ...«

»Laß, Mutter, ich werde selbst ...«

Die Mutter nickte zufrieden.

»Ja, ja ... Ich mach' derweil die Lampe zurecht, daß ich dich doch ganz zu sehn krieg', du ...«

Draußen auf dem dunkeln Hausflur blieb Wilhelm Born einen Augenblick stehen. Dann schüttelte er sich und machte schnell, ohne anzuklopfen, die Tür rechts auf.

In dem einfenstrigen Zimmerchen war noch bleichgraues Taglicht. Neben der andern Tür, die auf die Einfahrt hinausführte, vor der alten Kommode, kniete eine dunkelgekleidete Frau.

Bei dem Geräusch des Eintretenden wandte sie sich um und sprang auf. Ein jähes Zucken lief über ihr Gesicht. In den Augen, die unter vorstehenden Stirnbogen und dichten schwarzen Brauen versteckt lagen, brannte eine hohe Erregung auf.

Sie streckte die Hände aus und ließ sie wieder sinken ...

»Wilhelm ...«

»Sieh mal, du erkennst mich also gleich?« sagte er mit nicht ganz freiem Ton. »Und ich hätte an dir ruhig vorbeigehn können ... Du mußt damals doch noch ein Kind gewesen sein ... Jetzt bist du so groß wie ich ...«

Sie richtete sich höher auf und sagte nichts. Die Hände auf dem Rücken sah sie ihn voll an.

Unter seinen matt neugierigen Blicken verfinsterte sich ihr blasses, großzügiges Gesicht. Die Augen funkelten, der üppige Mund zog sich zusammen, und der Atem drängte sich gepreßt über die Lippen.

Auch sein Ausdruck veränderte sich. Statt des verlegen freundlichen Lächelns, das durch tiefe Kummerfalten melancholisch eingeschränkt war, überzog zuletzt eine gemachte verletzende Gleichgültigkeit sein hageres Gesicht, und seine scharfen, kleinen Augen hefteten sich fest an die ihren.

So standen sie sekundenlang ohne ein Wort.

Dann trat der Doktor einen Schritt näher.

»Sag mal, Käthe, was soll das eigentlich heißen? Wir starren uns an wie ein paar Feinde, und waren doch gute Kameraden ... Ich komme ganz friedlich ...«

»Nach zehn Jahren,« stieß sie höhnisch hervor. »Und was für Jahren!«

»Ja,« sagte er, »Käthe, das ist nun mal nicht anders im Leben. Wir haben eine schöne Zeit zusammen verlebt -- der Sommer _war_ schön, wir beide jung, und gaben uns gegenseitig, was wir hatten.«

»Du hast mein Leben schimpfiert -- ich war siebzehn ...«

Wilhelm Born zuckte die Achseln.

»Und ich vierundzwanzig ... Mein Gott, Käthe, was soll es dir geschadet haben, daß wir toll und voll glücklich waren? ...«

»Gebrandmarkt hat es mich ... körperlich, seelisch verelendet ... Ein Wort von dir, _ein_ gutes Wort in der ersten gräßlichen Zeit, und alles wäre anders gewesen ... Aber so ... Als ich nach den Sommerferien damals wieder in die Selekta kam, elend zum Sterben -- und wartete und wartete ...«

»Herrgott, Käthe, das ist eine Ewigkeit her. Und du hast doch das wirkliche Leben kennen gelernt und solltest dich jetzt nicht mit kindischen Sentimentalitäten abgeben ... Außerdem hat's nie einer geahnt ...«

»Nein, ich habe mich immer nur vor mir allein zu schämen gehabt, daß ich dem ersten, der kam, alles hingeworfen habe, Jugend und Gesundheit und alles ... Einem, der es hinterher nicht einmal der Mühe für wert hielt, zu fragen ... nachzusehen ... o pfui, pfui ... das war roh ... das war schlecht ... das soll dir auf der Seele brennen ... das soll ...«

»Sei still!« befahl er. »Was verlangtest du denn eigentlich? ... Hast wohl gar, trotz der Abrede, noch an Heiraten gedacht? ... Nein, mein Kind, dazu langte es nicht ... Nicht die Kraft und nicht die Neigung ... Auf mich wartete nach ein paar Feierstunden die schwere Arbeit ...«

»Ich hasse dich, ich verabscheue dich,« sagte sie tonlos.

»So?! Weshalb kamst du denn gerade zu meiner Mutter? ... Die Welt ist doch groß genug. Und du bist jung und konntest dich auch anderswo nützlich machen. Nützlicher als hier ...«

»Wilhelm,« schrie sie und fuhr sich mit beiden Händen durch die schwarzen Haare, »wo sollte ich denn hin? Ich habe niemand, und ich bin krank ... Acht Jahre von Haus zu Haus gegangen, und immer mehr arbeiten müssen, als ich konnte ... Meine letzte Stelle wurde mir gekündigt. Da trieb mich die Not her, Wilhelm. Not und Krankheit ... Und wer konnte denn ahnen, daß du auf immer herkommen wolltest?«

»Ja, das konnte keiner ahnen,« sagte er und setzte sich auf den Stuhl am Fenster. »Wenn mir einer vor zehn Jahren gesagt hätte, daß ich in diesem verwünschten Nest einmal die Praxis vom alten Burkhard übernehmen würde, dem hätte ich ins Gesicht gelacht ... Und nun sitzt man _doch_ da ...«

Er zog eines der fahlen Schnurrbartenden durch die Lippen und brütete vor sich hin.

»Warum denn? Warum bist du nicht in Wien geblieben?« fragte Käthe mit demselben Widerwillen im Ton.

»Ach ... warum soll ich's übrigens auch nicht aussprechen ... Es ist mir schlecht gegangen, Käthe ... Ich habe mich -- nun, sagen wir unter uns -- etwas blamiert.«

Er lachte voll Bitterkeit.

Käthe kam einen Schritt näher und sah ihn musternd an.

»Ja, man merkt's ... Du hast viel durchgemacht?« sagte sie hart, aber doch voll auffordernder Teilnahme. »Du bist wohl irgendwie ins Unglück geraten, wie es ja euch Ärzten durch einen Zufall passieren kann? Wohl gar mit dem Staatsanwalt?«

Er stand auf.

»Unsinn ... Es ist eine elende Sache, an der man erstickt ...«

»So sag's doch.«

»Warum nicht? -- ja doch,« sagte er gleichgültig. »Es tut sogar gut, einmal so etwas hinauszuschreien, zur Abwechslung einmal nicht bloß gegen den Wind. Außerdem wußtest du auch schon vor Jahren, aus meiner letzten Studentenzeit, daß ich hinter einer neuen Entdeckung herjagte -- Adernerkrankungen ... weißt du noch?«

Ihr Gesicht verzog sich in Bitterkeit.

»Höhne nur, höhne! Das schadet nichts. Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht auf sich selber herumhaut, müssen ein paar Nadelstiche von einer boshaften Frau ja eine wahre Erleichterung sein.«

Nun sah sie ihn wirklich böse an.

Er aber warf die Lippen geringschätzig auf.

»Ja, vor fünf Jahren war meine große Idee in der Theorie da ... Eine neue Kontraktionsmethode, teils durch chemische ... doch -- das ist ja gleichgültig -- etwas Neues, Großes war es ... Ein weites Feld abgerungen, vielen Verlorenen eine Hilfe -- und für einen selbst der Gipfel ... Ich brauchte Experimente -- das Glück verschaffte mir die Gelegenheit. Ich kam in die Abteilung für innere Krankheiten zu Frotha, unbesoldet ... Die Privatpraxis, die sich zugefunden hatte, gab ich auf ... Ich habe unter Schwierigkeiten ... ach, das läßt sich ja gar nicht erzählen -- so kaltblütig ... Aber die Entbehrungen, diese Intrigen, Verantwortung, Verschleierung bei den Experimenten ...«

»Auf so ein paar Menschenleben kam es dir dabei natürlich nicht an?« fragte sie höhnisch.

»Nicht im geringsten,« gab er ebenso zurück. »Nein, nein« -- er richtete sich auf -- »in ehrlichem Ernst gesprochen -- es kam mir _nicht_ darauf an ... Ich habe die Sterbegeschichten von fünf Menschen -- wertloses und verlorenes Menschenmaterial übrigens -- ja, die hab ich verwertet ... Unter Blutschwitzen hab' ich also mein Buch geschrieben ... der letzte Strich fertig -- alles zum Druck fertig -- auch der Verleger da -- und ich betrunken vor Freude -- da ...«

Er ballte die Fäuste gegen die Schläfen ...

»Was -- was?«

»Da kommt dieser verfluchte Italiener, der Kamazotti, Und bringt seine Abhandlung über meine Materie. Schon fertig -- Und meine sollte erst gedruckt werden ... Aber nun das Schlimmste ... Ich lese -- und lese -- mit einem Teil meiner Experimente das Gegenteil meiner Aufstellungen bewiesen -- und -- der Hund hat recht ... Der Hund hat recht ...«

Er schlug mit der umgekehrten Hand auf das Fensterbrett und sah abwesend vor sich hin.

Käthe warf den Kopf zurück.

»Wenn dein Buch noch nicht gedruckt war, ahnt ja niemand ...«

»Schöner Trost ... Und meine verlorene Arbeit? Meine Hoffnungen? Mein verlorenes Selbstvertrauen? ... Meinst du, wenn ich davon noch einen Funken übrig hätte, säße ich hier auf dem Sande?«

Käthe trat dicht vor ihn hin.

»Und _meine_ verlorene Jugend? und meine Gesundheit? Mein verlorenes Selbstgefühl? -- Siehst du!«

Er schob sie von sich.

»Ja, so,« sagte er. »Ich vergesse ja, wem ich von meinem Unglück erzähle ... Du bist ja selbst so voll von deinem eigenen eingebildeten, und ich sehe ... ja, wahrhaftig ... das ist ja Schadenfreude ... Pfui, Käthe -- laß mich hinaus ... Und ein für allemal ... wir sehen uns ja ab und zu -- wenn du hierbleibst -- bilde dir nicht ein, daß wir noch einmal von intimeren Dingen reden werden. Und mäßige deine Blicke -- deinen Ton -- sonst --«

»Sonst?« fragte sie.

»Ach nichts --« sagte er widerwillig. »Mir ist ja alles egal. Ich habe den Kopf voll von anderen Sachen ... Also tu und mach, was du willst -- aber mich laß in Frieden mit Vorwürfen und Erinnerungen und solchen Geschichten.«

Sie biß die Zähne zusammen und schlug die Augen nieder.

Er sah noch einmal nach ihr. Sie stand in dem Fensterrahmen. Ihre hohe Gestalt in dem schwarzen Kleide schien das kümmerliche Dämmerlicht, das vorher noch die Stube gefüllt hatte, aufgeschluckt zu haben. Es war fast dunkel.

Einen Augenblick blieb der Doktor noch stehen. Als sie kein Wort sagte, ging er hinaus.

In der Wohnstube jenseits des Korridors brannte die Lampe. Die Mutter hantierte in der Küche nebenan.

»Ich geh' noch fort,« rief er ihr zu, »und mach dir keine Umstände mit mir, Mutterchen. Verwöhnt bin ich nicht ...«

Die alte Frau kam doch angelaufen. Sie hatte die Küchenlampe in der Hand, hob sie hoch und besah ihn.

»Und das is mein Kind ... mein Jung' ...«

»Ja, das ist dein Jung'. Und nun setz mal die Küchenlampe hin und nimm seinen alten, häßlichen Kopf in deine Hände und wünsch ... Ach -- das ist ja alles gräßlicher, sentimentaler Unsinn ... Guten Abend! Und wenn ich wiederkomme, Mutter, laß mich still in dem alten Großvaterstuhl sitzen ... Und allein wollen wir zwei den ersten Abend sein, ohne Fremde, ja?«

Damit lief er hinaus.

Und lief durch das Städtchen. Vorbei an der verwitterten Mauer des Amtshofes, die ehemals den Zuggraben der alten Ritterburg eingefaßt hatte, den Landweg zur Oberförsterei hinunter und dann entlang an den weiten Mooren, aus denen raschelnde Schilfbüschel aufstiegen, über die verspätete Wasservögel geräuschlos strichen, deren jenseitige Ufer schwarzes Kieferngestrüpp, zwerghaft und häßlich in den Umrissen, abgrenzte.

Trostlos, einsam, reizlos ... Ein dunkles Bild, von laufenden Abendschatten überhuscht, mit gelben, verblassenden Lichtern am Horizont spärlich gefleckt, eine Welt verkörpernd, aus der Freude, Hoffnung und Vorwärtsstreben gewichen sind.

Dieses Bild begleitete den Doktor Born, der frierend den Fußweg am Ufer entlang ging, der scheuen, widerwilligen Blicks aufsog, was sich um ihn ausbreitete und der zuletzt auf dem Rückwege, als es immer dunkler und stiller wurde, die Fäuste ballte und abgebrochene Worte vor sich hin sprach. Als er wieder in die Stadt einbog, waren schon die Laternen angesteckt. Sie brannten trübe und in langen Abständen, und alles sah weiter und größer aus in diesem ungewissen Licht.

Auch sein Elternhaus. Die Fenster darin waren dunkel, nur aus dem der alten Kontorstube fiel ein gelbes Lichtherz durch den Ausschnitt der Holzläden auf die Straße.

In Gedanken starrte er darauf hin, dann ging er zum Torweg und machte die Tür auf.

Die Einfahrt war ganz dunkel. Auch die Hoftür schien geschlossen, nur ein paar trübgraue Streifen fielen als einzige Lichter durch ihre Ritzen in den Raum.

Doktor Born tastete die Wand entlang.

Da drängte sich etwas an ihn. Er fuhr zurück. Da schlangen sich ein paar Arme um ihn, fest und weich.

»Wer? ... Käthe?« ...