Part 6
Nun fuhr sie zusammen und schlug die Augen nieder wie ein verlegenes, junges Mädel. Das halbe geheimnisvolle Lächeln um den großen, weichen Mund gab ihr einen plötzlichen Liebreiz, der nicht Einem ging. Dem jungen Leutnant, der eben noch voller Sehnsucht und Zärtlichkeit nach seiner Cousine geblickt hatte, begann das Herz zu schlagen, und er wartete in Unruhe auf das Wort, das kommen mußte.
»Ich suchte etwas in dem Gesicht des Herrn von Wachowski,« sagte Fräulein von Terkuhn und lächelte weiter.
»Eine Ähnlichkeit natürlich,« half ihr der Hauptmann. »Es ist sonderbar, Wachowski, erinnern Sie sich nur, wer hat nicht alles schon Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Bekannten oder Verwandten zu finden gemeint? Ich nicht. Ich habe kein Talent dazu.«
Der Leutnant konnte sich durchaus nicht erinnern und sah sich mit fragenden Blicken um. Ihm war gar nicht behaglich zu Mute, er hatte das Gefühl, daß die hellen Falkenaugen seiner schönen Nachbarin durch die Lider hindurch in ihn hineindrangen.
Was in aller Welt konnte sie in seinem Gesicht zu suchen haben?
Ja, was suchte Adalisa von Terkuhn in diesem klaren, glattwangigen Jünglingsgesicht? --
Sie suchte nicht mehr, sie hatte schon gefunden. In dem Moment der Frage ihres Vaters war der Gedanke wie ein Blitz in ihr aufgesprungen. Nun nahm er, getränkt von Herrschfreude, Begehren und einer Spur vorschauender Überlegung ganz und gar von ihr Besitz: diesen Mann wollte sie zu einem Herrn von Terkuhn, ihrem Gatten und Sklaven machen.
Von diesem Augenblick an gab sie sich keine Mühe mehr, die Wirtin auch nur zu markieren. Sie wendete sich von dem Hauptmann ab und ganz dem jungen Wachowski zu, während ihr Vater die Unterhaltung mit den anderen nach seinem Belieben, immer lauter im Ton und kräftiger im Stoffe, führen durfte. Die arme kleine Lena hätte wohl rot werden können bei all den derben agrarischen Späßen des losgelassenen alten Junkers, aber sie hörte nicht hin. Sie antwortete auch nur mechanisch auf die Fragen des Doktors, der ohne viel Erfolg den Hausherrn zu unterbrechen versuchte -- sie mußte voll Staunen und Bangen immer wieder nach dem Paar ihr gegenüber sehen.
Was bedeutete das nur? Was wollte das Fräulein von Terkuhn, die Hochmütige, die Männerfeindin, gerade von ihrem Vetter? Und was wußte sie von ihm? Jedenfalls würde nur Schlimmes für den armen Hans dabei herauskommen, denn Fräulein Adalisa war gefährlicher in ihrer festlichen Freundlichkeit, als in der grollenden Alltagsstimmung, das hatte sie an sich erfahren. Wenn nur erst der Kaffee serviert würde, dann konnte sie ihm ein Wort der Warnung zuflüstern und dann kam ja auch die heißersehnte Freistunde, die sie mit ihm zusammenführen sollte. Wie hatte auch er sich vorher darauf gefreut!
Plötzlich war es ihr, als ob zwischen den liebevollen Blicken, die sie noch vor kaum einer halben Stunde gewechselt hatten und seinem jetzigen An-ihr-vorübersehen Ewigkeiten lägen. Was war das nur? Was ging in ihm vor? ...
Ja, was ging in ihm vor?
Als sich die wunderschöne Frau -- »Mädchen« wagte er sie kaum vor sich zu nennen -- mit einem Ruck ihm zugewendet hatte, als dann ihre scharfen Augen sich mit großen Blicken in die seinen tauchten, um ihn nicht mehr loszulassen, da war mit einem elektrischen Schlage zugleich eine heiße Angst in ihm hochgestiegen.
Dann fing sie an zu fragen, so geradezu, wie sonst fremde Damen in Gesellschaft nicht zu fragen pflegen, nach Familien- und Vermögensverhältnissen, nach Alter, Gesundheit und Neigungen. Darüber war er halb erstaunt und halb empört, aber er antwortete doch wie unter einem Zwange. Einmal überflog ihn die Idee, daß sie ihn Lenas wegen so ausfrage, aber dann kam eine eigentümliche Bemerkung von ihr, die ihn von diesem Wege wieder abbrachte.
Sie erkundigte sich, ob es eine Geschichte seiner Familie gäbe, und ob sein Adel Sobieski-Adel wäre.
Das war nun seine schwache Seite, da man seinen polnischen Namen oft nicht für vollgültig ansah.
Nein, sie waren zwar verarmt, aber ein altes Starostengeschlecht. In der Polengeschichte wimmelte es von stolzen und tapferen Wachowskis. Bei Rednitzko lagen die Trümmer ihrer alten Raubburg. Da hatte z. B. vor drei Jahrhunderten ein Bogis Wachowski gehaust, dessen Schandtaten, wie er leider bekennen mußte, heute noch in den Liedern des Volkes lebten.
Da rief das Fräulein von Terkuhn ganz laut und triumphierend: »Wie mich das freut! Wie mich das freut!«
»Warum nur?«
Er erhielt keine Antwort. Und nun schoß es ihm durch den Kopf: »Sie braucht einen Güterdirektor und will mich engagieren -- und hochmütig wie sie ist, freut sie sich, daß ich von Adel bin -- aber daraus wird nichts« -- und mit einem lächelnden Blick sah er endlich wieder zu Lena herüber.
Da aber lehnte Fräulein von Terkuhn sich fest an seinen Stuhl, ihre Schulter streifte ihn, und ihre Augen blickten in die seinen so herausfordernd, so heiß und weich zugleich, daß er mit einemmal wußte, was sie von ihm erwartete. Er gefiel ihr als Mann, er dieser unnahbar Stolzen, vor deren Falkenauge sonst keiner Gnade fand -- er, der kleine Sommerleutnant dieser wunderschönen Herrin -- seine Jugend -- seine Person rissen dieses Weib zu ihm. -- Das Weib. -- Nur das Weib.
Wie ein heißer Traum sank es über ihn, und von nun an sah er alles um sich her durch einen rotgoldenen Schleier. Die arme Lena stand dahinter wie eine liebe, aber halb vergessene Bekannte aus fernen Zeiten, zu der man im Vorübergehen freundlich hinüberwinkt ...
Als endlich die Tafel aufgehoben wurde, trat sie zu ihm und sagte, daß sie ihn nach dem Kaffee zu einem Spaziergang erwarte.
Er sah sie verträumt und lächelnd an und nickte ein »Ja«, aber dann stand er schon wieder neben Fräulein von Terkuhn und fand es ganz selbstverständlich, daß sie den Arm in den seinen legte.
»Sorgen Sie für Kaffee und Likör, Fräulein Aussig« sagte sie über die Schulter weg, »und leisten Sie den Herren, so lange es gewünscht wird, Gesellschaft. Sehen Sie auch nach meinem Vater. Ich gehe mit dem Herrn von Wachowski nach den neuen Obstpflanzungen.«
Den Herren kurz und mit lässiger Handbewegung zuwinkend, stieg sie die breite Treppe zum Garten hinab, -- Hans von Wachowski schweigend und glühend neben ihr. Der rote Kopf überragte seinen dunkeln um ein Weniges, und wie der leichte Gang ihres Begleiters sich dem wiegenden, schleppenden unterordnete, den sie sich für ihre Person zurechtgestimmt hatte, schien _er_ der Unsichere, während sie den Schritt angab.
»Jungfräuliche Königin,« entfuhr es dem Hauptmann, der den so ohne Umstände sich Absondernden verblüfft nachblickte.
»Ich möchte sagen: der Teufel mit der armen Seele« erwiderte der Doktor achselzuckend und sah sich nach Fräulein Lena um.
Die unterdrückte mit der Selbstzucht, die ihre Stellung sie gelehrt hatte, die Tränen, die aus bangem Herzen aufquellen wollten. Sie bot den Gästen den Kaffee an, überredete Herrn von Terkuhn sein Zimmer aufzusuchen, und verabschiedete sich dann, dem Wunsch ihrer Herrin entgegen, von den Beiden, die voll mitleidiger Rücksichtnahme keinen Widerspruch wagten. -- -- Das Fräulein von Terkuhn und ihr Begleiter gingen inzwischen durch den alten Lindengang, und ihre Füße wühlten in gelben, raschelnden Blättern.
Es war ein goldner Septembertag, die Laubbäume standen in ihren herbstlichen Prunkkleidern bunt und leuchtend umher, und die mächtigen Weymouthskiefern zeichneten ihr tiefdunkles Grün doppelt düster dagegen. Der Himmel spannte sich so hoch und klarblau wie im Süden, aber die Sonne mit all ihrem Goldgefunkel wärmte nicht mehr. Große Blumenbüsche sahen hinter Hecken und Sträuchern hervor -- gelbe Sonnenblumen, rote Malven, alles leuchtend, aber ohne den süßen Sommerduft. Dafür atmete der Herbst kräftig und herb durch Baum und Strauch über die glattgemähten Wiesen und von den jungen Schonungen her, die sich jenseits des alten Staketenzauns aufreckten. Es war so still, daß das liebliche Zirpen des Zaunkönigs schon wie ein helles Stimmchen aus dieser Stille aufsprang -- und das Schweigen der beiden Menschen darin war eine Selbstverständlichkeit.
Übrigens gingen beide so tief in Gedanken, daß es ihnen gar nicht auffiel.
Adalisa von Terkuhn fühlte eine trunkene Freude. Eine Art von Jägerinstinkt sagte ihr, daß sie eine gute Wahl träfe, wenn sie diesen Mann an sich zog. Es war nicht Zärtlichkeit, die sie empfand, wenn sie seine sanften, dunkelbewimperten Augen an sich hängen sah, auch nicht eine der Aufwallungen, die sie als »Niedrigkeiten« in sich hier und da zu bekämpfen hatte, -- es war mehr eine aufquellende Dankbarkeit, weil sie sich ihrem Ziel endlich nahe fühlte. Und dann tauchte auch noch etwas anderes dahinter auf, etwas Schlimmes, was doch zu den seltenen Freuden gehörte, die das Leben ihrem Wesen bot -- das Bewußtsein, einem anderen Menschen wehe zu tun, darben zu machen, während sie genoß. Ohne daß sie das alles in Worte faßte, kochte es in ihrem Hirn durcheinander -- praktische Fragen quirlten mit auf -- Bedenken, ob dieser junge Mann Kenntnisse und Überblick genug für eine so große Herrschaft besitzen werde, -- denn der Oberinspektor mußte natürlich fort -- der rote Kopf des Fahnenjunkers tauchte dazwischen auf -- auch eine flüchtige Vorstellung von rothaarigen Buben, die auf wilden, kleinen Pferden über die Felder jagten. In all dieses phantasierende Denken und Bedenken hinein rief eine Stimme immer ganz laut: »Greif zu, greif zu.« ...
Durch die Obstkulturen waren sie nun schon gegangen und kamen an den weißgestrichenen, stachelbewehrten Zaun, der den Obstgarten von einem Wiesengelände schied. Da blieb sie stehen und legte den Arm um einen glatten Stamm. Ihre Augen suchten mit forderndem Blicke die seinen. Er strich mit der feinen, braunen Hand darüber, als ob er den Schlaf daraus wegwischten wollte und betrachtete aufmerksam den Baum.
»Es ist eine Grumbkow mit einer Muntos okuliert,« sagte er verwirrt ... »merkwürdig, daß das Experiment gelungen ist.« ...
Sie sah ihn unverwandt und lächelnd an.
»Wir wollen über die Wiese in den Eichenkamp,« sagte sie dann mit emporgehobener weisender Hand. Und dort gingen sie auf schmalem Pfad dicht nebeneinander zu den Eichen, unter denen auf einer kleinen Bodenerhöhung jene sagengeweihte mit ihrem mächtigen, knorrigen Stamm und dem harten, kleinblätterigen Geäste stand.
»Sie wissen doch von dem heiligen Hain Romove und seiner Eiche?« fragte sie.
Er schüttelte den Kopf, sagte dann doch »ja, ja« und sah ganz abwesend um sich.
»So eine ist dies auch,« sagte das Fräulein von Terkuhn und lehnte sich an den Stamm.
Und plötzlich faßte sie den Träumenden an beiden Schultern und drehte ihn sich zu.
»Was denken Sie von alledem, junger Wachowski?« flüsterte sie.
Er stand blaß und mit wildschlagendem Pulse da. »Ich wag' es kaum -- ich wag' es kaum« ... und doch wagte es sein verlangender Mund, den ihren zu suchen. Aber da traf ihn das helle Funkeln der Raubtieraugen, und es war, als ob die beiden Hände auf seinen Schultern ihn mit schwerem Gewicht zu Boden drückten. Er fiel vor ihr nieder, seine gleitenden Arme umfaßten sie, und er preßte den Kopf in ihren Schoß ...
Nach einem Augenblick, in Flammen verlebt, machte sie sich los und kniete neben ihm nieder.
Ihr Kopf mit den leuchtenden Haaren lag nun an der alten Terkuhneiche, und die breiten Lider deckten die gefährlichen Augen. Da war sie ein Weib wie andere, und der junge, heiß Betörte fühlte mit einer Wonne ohnegleichen, wie Scheu und Traumbefangenheit von ihm abfielen und daß er als Mann und Herrscher dieses königliche Geschöpf in seine Arme zwingen konnte.
Er tat es, ohne daß sie ihm wehrte, und küßte sie stürmend und fordernd ...
-- -- In die außerweltliche Stille dieser Augenblicke tönte scharf und mahnend die Vesperglocke vom Hof her.
»Steh auf,« sagte da Adalisa von Terkuhn. »Weißt du, daß du jetzt ein Terkuhn werden wirst, -- einer von uns -- ein Terkuhn?« ...
Er folgte ihr benommen und mit schwerem Kopf. »Ich kann das alles noch gar nicht glauben,« sagte er und fuhr in ihr schweres, an der rechten Seite halb gelöstes Haar, wie um sich zu überzeugen, daß er nicht träume.
Sie schüttelte seine Hand ab, nahm sie aber wieder und hielt sie fest während des ganzen Weges.
Er stammelte hier und da ein zärtliches Wort, aber er konnte das rechte, das er suchte nicht finden. Sie achtete auch nicht darauf, aber von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und sah ihn mit großen, forschenden Blicken an. So gingen sie zuletzt ganz schweigend denselben Weg zurück, den sie gekommen waren.
Als sie den langen Lindengang mit den raschelnden Blättern wieder betraten, sahen sie am Ende auf der Terrasse die Uniformen der beiden Herren und das helle Kleid Fräulein Lenas.
Hans Wachowski zuckte zusammen und wollte unwillkürlich seine Hand lösen, aber Adalisa von Terkuhn hielt sie fest.
Sie kamen näher und näher. Nun hatte man sie bemerkt.
»Ich glaube, Sie müssen Ihr Haar in Ordnung bringen,« sagte er, nach der herabhängenden Strähne blickend, in der sich ein paar rote Herbstblättchen verfangen hatten.
Sie lächelte hochmütig und ließ seine Hand endlich los.
»Ich zeige mich jedermann, wie ich bin -- du mußt's auch lernen,« sagte sie.
Und dann zog sie ihn zu der kleinen Gruppe, die ihnen in schweigendem Staunen entgegensah.
Nicht sie, aber die beiden Männer, von Wachowski mechanisch nach der Vorschrift begrüßt, sahen verlegen zur Seite. Fräulein Lena trat sehr ernst und blaß zu ihr und dem Vetter.
Das Fräulein von Terkuhn nahm keine Notiz davon. »Haben Sie sich Garten und Hof angesehen, meine Herren?« fragte sie ein wenig von oben herab: »Ich kann mich Ihnen leider heute nicht widmen. Ich bitte, Leutnant von Wachowski ...«
Der blickte wie gebannt nach der Jugendfreundin.
»Gnädiges Fräulein, ich habe mit meinem Vetter noch zu sprechen, und bitte, ihn mir für eine halbe Stunde zu überlassen ... Hans!« wandte sich Fräulein Lena mit dringendem Ton an ihn.
»Später, Fräulein, später,« lächelte Adalisa von Terkuhn, das ganze Gesicht in Schadenfreude getaucht. »Auf Wiedersehn!«
Und sie deutete Hans von Wachowski den Weg, den er zu nehmen hatte, und ging hinter ihm langsam und großartig in ihrem zerdrückten Kleid und dem hängenden Haar an den drei stumm Dastehenden vorbei. Durch den Festsaal und über den Korridor zu einer niedrigen, breiten Tür, hinter der laute Scheltworte hallten.
»Wohin führen Sie mich? -- Und meine Cousine Lena muß ich in der Tat dringend sprechen,« sagte Wachowski endlich beklommen.
»Zu meinem Vater. Es ist eine leere Form, aber sie muß gewahrt werden.«
Sie klopfte. Der alte Diener öffnete, von einem Donnerwetter aus dem Rollstuhl begleitet, und verschwand auf einen Wink seiner Herrin.
Die Luft war von Tabaksqualm so dick, daß man das Schimpfen hörte, dessen Urheber aber nicht sah. Hans von Wachowski konnte in dem beizenden Rauch die Augen kaum offen behalten. Seine Führerin schien daran gewöhnt. Sie zog ihn zu dem Fensterplatz, an dem der alte Herr seine Kutscherpfeife rauchte.
»Vater, ich habe mich mit dem Herrn von Wachowski verlobt. Ich bringe dir deinen Schwiegersohn, den zukünftigen Herrn von Terkuhn-Terkitten.«
Der Alte stieß ein grelles, dröhnendes Lachen aus.
»So ... so ... so ... Also gelungen ... also endlich. Na mir soll's recht sein. Ich liebe zwar die edlen Pollen nicht --«
»Bitte, ich mache dir die Mitteilung, Vater -- eine Kritik wird nicht verlangt.«
»Also meine untertänigste Gratulation zum Prinz-Gemahl. Seid fruchtbar und mehret euch, meine Kinder, -- aber bringt mir keine Pollacken in die Familie -- wie gesagt die edlen Pollen ...«
»Wir werden von der bevorstehenden Heirat noch heute Mitteilung machen ...«
»Nee, das werden wir nich,« grinste der Alte. »Das schickt sich nich -- meine vieledle Tochter. Wir sind die Terkuhns auf Terkitten, und wir greifen uns keinen Sommerleutnant zwischen Diner und Tee -- oder vielmehr, wir tun's schon -- aber wir zeigen's nicht -- verstanden?«
Hans von Wachowski fuhr nun endlich aus seiner Benommenheit auf. »Fräulein von Terkuhn, ich bin in einer unwürdigen Situation. Ich liebe Sie heiß, aber von allem, was Sie sagen, von Heirat und Verlobung ist doch kein Wort zwischen uns gefallen. Ich würde ja gar nicht wagen -- wie sollte ich? -- ich denke nicht ...«
»Das Jungchen will nicht,« höhnte der Alte. »Nutzt Ihnen nichts, mein Sohnchen, wenn die Adalisa einmal zugreift, hält sie fest, da hilft kein Wehren. Was wollen Sie auch? Erbarmen! Terkitten ist ein schönes Stück Erde, und die Freier haben sich Dackelbeine danach gelaufen.«
»Ich muß bitten, mich zu entlassen,« sagte Hans Wachowski, zitternd vor Scham und Ingrimm. »Ich habe keine Veranlassung zu dieser peinlichen Szene gegeben. Ich kann nicht fassen, daß mir derartiges begegnen soll.«
Da langte, von blauem Rauch umflossen, die große, weiße Hand Adalisa Terkuhns zu ihm herüber. Die eben noch scharfe Stimme sänftigte sich zu einem Anflug von Zärtlichkeit.
»Was haben wir zwei mit Brutalitäten zu schaffen, die uns beschimpfen sollen? Ich hab' dich als den besten, den lange Gesuchten, erkannt, gleich, als du in den Saal tratst. Und an unserer Eiche haben wir uns verstanden ... Daß ich dich nicht aus Leichtsinn oder zum Zeitvertreib küßte -- das wußtest du doch.«
Er schwieg.
Da neigte sich das zarte Gesicht mit dem leuchtenden Rothaar darüber zu ihm. Ernst und feierlich küßte sie ihn auf den Mund und sagte:
»Hans Terkuhn, du sollst gesegnet sein und Segen bringen.«
Er fühlte die weichen Arme um sich, und die heiße Seligkeit von vorhin stieg wieder in ihm hoch. Aber das Wort, das sich ihm entringen wollte, blieb ungesprochen -- und was er mit Mühe unterdrückte, war -- ach wie er sich schämte! -- ein bitterliches Schluchzen, wie manchmal in längst vergangenen Schülerzeiten, wenn er im Ringkampf besiegt worden war und Haltung hatte bewahren müssen.
»Donnerwetter!« sagte der Alte, »also es wird Ernst. Da will ich also meinen Rat wiederholen, mit der Veröffentlichung bis nach dem Manöver zu warten. Gründe sind klar.«
»Ja!« sagte Adalisa nach kurzem Bedenken. »In allseitigem Interesse ist es vielleicht richtiger. Obgleich die Herren natürlich gemerkt haben, was vorgegangen ist.«
»Und Lena?« brach nun Hans Wachowski los. »Was soll die denken? Ich weiß nicht, wie ich der unter die Augen treten soll. Wir sind doch so gut wie ...«
»Still!« unterbrach Adalisa gebieterisch. »Das werden wir in Ruhe besprechen und drüben bei mir. Guten Abend, Vater« ...
»Sie scheinen ein anständiger Junge zu sein« -- knurrte der alte Terkuhn, Wachowskis Hand pressend und ihn einen Augenblick zurückhaltend. »Wie wär's, wenn Sie ausrissen? -- Ne -- ne -- ich meine man so -- ich bin grundsätzlich gegen die Ehe -- gegen die Ehe.«
Die Tür schloß sich, und Hans Wachowski sah wirr und mit innerlichem Zittern den nächsten Augenblicken entgegen. Wie ein Zuschauer und mit gebundenen Händen stand er jetzt in demselben Gartensaal, in dem vor wenigen Stunden dieses rothaarige Schicksal in sein friedliches Leben gebrochen war -- und wußte nicht aus noch ein.
»Du mußt dich nicht fürchten, mein Freund,« sagte Adalisa von Terkuhn, »weil das alles so schnell kommt. Ich kann keine schönen Worte finden, aber ich möchte es dir gern erklären. Ich sehe doch, es ist immer nur der _eine_ Augenblick der Entscheidung, der wichtig ist. Alles vorher -- die Vorbereitungen -- sieh mal, das hält doch alles auf, und ist eigentlich überflüssig, nicht? Komm, wir wollen uns hier zu meinen toten Vorfahren setzen, das sind die wahren Verwandten, bald auch die deinen, da wollen wir ordentlich besprechen, wie wir alles einrichten müssen.«
Und sie erzählte, -- und der übermäßige Eifer, mit dem sie sprach, belebte wie ein feuriger Strom die stockenden und ungewandten Worte, -- daß nach dem unheilbaren Erkranken ihres Vaters, als sie notgedrungen die Generalvollmacht für die Verwaltung hatte bekommen müssen, der Rechtsanwalt des Hauses das vielbesprochene Immediatgesuch an den Kaiser aufgesetzt hatte, nach dem der Mann, den sie heiratete, den Namen Terkuhn führen und das stolze Geschlecht vertreten sollte. Es war zustimmend beantwortet worden. Sie sprach dann von geschäftlichen Dingen, von der Lebensarbeit, die in ihrer Hand nun vor ihm lag, von dem erhöhten Ansehen, das sie Beide dem alten Namen schaffen würden, von dem Glück, diesem und diesem, -- sie deutete auf die rothaarigen Zuschauer an der Wand -- zu beweisen, daß die Gegenwart doch auch wieder etwas wert sei, nachdem manch ein Terkuhn um die Ecke gegangen wäre.
Sie sprach und sprach, und ihre leise, harte Stimme rüttelte an dem jungen Zuhörer, der in bebender Haltlosigkeit dasaß.
»Nun sprich du, sag mir etwas Gutes, sag, wie du dich freust,« schloß endlich das Fräulein von Terkuhn, und sah ihn mit einem ermunternden Blicke an.
Er wollte auch etwas Kluges und Warmes sagen, aber es fiel ihm nichts ein. So sah er bange vor sich hin und versuchte dann nach ihrer Hand zu fassen.
Sie gab sie ihm mit kräftigem Druck. »Also gute Gemeinschaft, Hans von Wachowski.«
Da stammelte er endlich: »Ach von dem allen versteh ich nichts.« Und dann brachen die angesammelten Worte sich Bahn, und er fuhr hastig fort: »Es ist mir über den Kopf gekommen, ich weiß nicht, wie. Ich habe nicht einmal geahnt, daß ich mich getrauen könnte, eine Frau wie Sie nur leise zu berühren, und nun ...«
»Du mußt »du« sagen.« --
»Du, also du,« rief er nun aufspringend. »Dann laß uns nicht von allem sprechen, was noch in weiter Ferne liegt, laß mich in deinem schönen Haar wühlen, laß mich mich satt küssen, damit ich etwas Wirkliches habe. Ich bin ja wild vor Verlangen nach dir, du Schöne, du -- du -- du --!! Dein Sklave will ich ...«
»Sklave -- -- Sklave,« wiederholte sie mit ihrem geheimnisvollen Lächeln und legte seine beiden heißen Hände an ihre Schläfen. »Also unbedingte Ergebenheit -- ja, die erwarte ich.«
Ihn an den Handgelenken haltend, fühlte sie das Schlagen seiner Pulse, und seine Jugend zitterte in ihr nach. Aber alles, was sie empfand, steigerte sich zu einer heißen Gier, die Beute nun auch so in Sicherheit zu bringen, daß nichts sie ihr mehr streitig machen konnte, und in diesem Gedanken ließ sie die zuckenden Hände fallen und sagte in ihrem harten Alltagston:
»Wir wollen zunächst also Fräulein Aussig rufen und ihr mitteilen, was wir beschlossen haben. Natürlich darf sie aber dem anderen Personal nichts sagen.«
Das war nicht klug. Die Gluten erloschen bei dem kühlen Wort. Die eben niedergerissenen Schranken richteten sich wieder auf, und hüben und drüben standen nicht mehr der Liebe heischende Mann und das sich neigende Weib, sondern die Gutsherrin und der an Gehorsam gewöhnte Inspektor, in dem sich jetzt ein entschiedener Widerspruch regte.
»Ich muß meine Cousine allein sprechen!« sagte er. »Es geht auch nicht, daß sie zum Personal gerechnet werden soll, -- nein, das geht ja alles nicht!« rief er laut, »Fräulein von Terkuhn, das geht ja alles nicht.«
Ein heißer Wutschauer, mit brennender Scham gemischt, überflog Adalisa von Terkuhn, aber noch hielt sie an sich. Der Jägerinstinkt gebot: »Selbstbeherrschung und Ruhe.«
»Du hast mich wohl nicht ganz verstanden,« sagte sie leise. »Ich will doch gerade deine Cousine als Verwandte begrüßen. Ich rufe sie jetzt.«
»Nein, nein,« bat Hans voll Pein und Ratlosigkeit. »Ich will das nicht.«
Aber da war es schon zu spät. Auf das zweimalige Glockenzeichen trat nach leisem Klopfen Lena Aussig in den Saal.
Wie blaß und ernst sie in dem dämmerigen Herbstabendlicht dastand! Kein Wort auf den weißen Lippen, die Augen gesenkt -- denn wie sollten sie das Bild ertragen, das sich ihnen bot!
In einem der großen Fensterbogen standen die beiden eng aneinander geschmiegten Gestalten. Das Fräulein von Terkuhn hatte den Kopf an die Schulter von Hans Wachowski gelehnt.
Blutrote Weinranken schwankten hinter ihnen, und der rötliche Dunst der vergehenden Herbstsonne war um sie wie ein Schimmer, der aus ihnen selbst herausstrahlte. Zwei Glückliche, von roter Lebensglut umflossen. Das wollte die arme Lena länger nicht sehen, und darum ging sie zur Tür zurück.