An geöffneter Tür

Part 5

Chapter 53,563 wordsPublic domain

Wachowski lächelte: »Die, ja die ist ein so sanftes, liebes und tüchtiges Mädel, daß da selbst der Teufel Halt macht. Und dann sagt sie auch ganz richtig: All das ganze Wesen geht mich ja eigentlich nichts an, ich werde meine Brotherrin ja doch nicht erziehen. Ich tue meine Arbeit, eher noch etwas darüber, und damit fertig.«

»Sagen Sie mal, der alte Herr lebt doch noch?«

»Jawohl ... aber wie. Rechts gelähmt, -- sitzt wie ein böser alter Uhu im Krankenstuhl ... und hat schlimme Tage. Wissen Sie, die liebenswürdige Tochter, die nun natürlich ganz das Regiment führt, hat einmal ganz offen gesagt, als Lena -- meine Cousine -- einige Anordnungen zu seinen Gunsten machen wollte: »Nein, lassen Sie, -- er hat mir meine Jugend verdorben, ich will ihm dafür sein Alter verderben.«

»Na erlauben Sie mal, das ist ja einfach unglaublich ... So was äußert sie zu ihrer Gesellschaftsdame?«

»Ja, sie soll alles offen sagen und tun. Sie sagt solche Dinge auch zum Diener oder zum Briefträger. Sie ist so hochmütig, daß es ihr auf niemandes Meinung ankommt.«

»Natürlich hat dieser Engel Geld,« meinte der Hauptmann.

»Viel,« sagte Wachowski. »Und die Dukaten wachsen ihr nur noch so zu, da sie geschäftsschlauer sein soll als zehn Juden, und -- alles was wahr ist -- auch sehr tüchtig und tätig ... Und nun läuft alles, was an Männlichem hier in der Gegend in Betracht kommt, hinter ihr her, trotzdem jedermann weiß, wess' Geistes Kind sie ist ...«

»Ja, Geld und ein schönes Gut sind und bleiben einmal Magneten,« sagte der Hauptmann, »und weiß Gott, vielleicht denkt auch dieser oder jener, daß ein Petrucchio in ihm steckt.«

»Wie meinen Herr Hauptmann?« fragte Wachowski unbefangen.

»Na, den Kerl aus der Widerspenstigen mein' ich.«

»Shakespeare,« sagte der Doktor lächelnd.

»Ach so, ach so ... ja, ich erinnere mich schon ... Aber, pardon, lachen Sie mich nur aus, Doktor, ich bin kein Schriftgelehrter -- mehr fürs praktische Leben ...«

Die beiden Herren nickten ihm wohlwollend zu. Er war ihnen in der Manöverzeit mit seiner heiteren, wasserklaren Liebenswürdigkeit ein angenehmer Kamerad gewesen. Sie kannten sein einfaches, arbeitsvolles Landwirtsleben, seine Lehr- und Wanderjahre auf mehreren großen Gütern der Provinz, seine bescheidenen Zukunftspläne bis zu dem Obstgütchen, auf das er nach der Übung die Hand legen wollte, so genau, daß sie ordentlich erstaunt über die bisher nicht erwähnte Cousine waren. Das fiel wohl beiden im Augenblick ein, aber hinter diesem freundlichkleinen Schicksal tauchte die böse, hinkende, schöne Rothaarige auf, die dem Vater das Alter verdarb und die fremde, edle Hunde gnadenlos niederknallte.

»Im Moment, in dem der Köter hinuntersprang, sah ich ja den Rotkopf, kam aber natürlich nicht dazu, sie mir näher anzuschauen,« sagte der Doktor. »Ich sah sie anlegen ... Herr Hauptmann nicht?«

Der Hauptmann schüttelte den Kopf und strich seinen Schnurrbart. Er war ein bißchen Idealist und lief, wenn sich's so traf, dem Fünkchen Romantik nach, das irgendwo an seinem Weg aufleuchtete. Man sah ihm jetzt ordentlich an, daß er träumte.

»Natürlich Petrucchio« dachte der Doktor, der ihn mit einem aufmerksamen Blick streifte. Aber er sagte nichts, teils aus Gutmütigkeit und teils aus Disziplin.

Schweigend ritten sie nun eine Weile weiter ...

»Das ist die große Pappelallee, die zum Hof führt,« sagte dann Wachowski lebhaft und ein wenig unruhig. »Ja, da stehen auch unsere Kerls.« ...

Man nahm den Weg unter den hohen Pappeln in schlankem Trab, sprach an der Ecke mit den wartenden Burschen, die schon seit einer Stunde da waren und bog dann in den Hof.

Das Gutshaus, ein einstöckiges, weinumranktes Haus mit aufgesetztem Giebel, lag rechtwinklig zu dem Wirtschaftshof, dessen prachtvolle Stallungen und Scheunen dem Leutnant einen Ausruf der Bewunderung entlockten, obgleich ihm doch andere Gedanken näherlagen.

Auf der einfachen, von Pfeifenkraut umwucherten Holzveranda, an der die Herren hielten, stand ein alter Diener, der sie, nachdem ihnen die Burschen ihre Pferde abgenommen hatten, in eine große, niedrige Halle führte.

Eine zierlich gewachsene junge Dame mit klarem, brünettem Jungmädchengesicht trat ihnen entgegen, -- die Cousine. »Hauptmann Riesberg«, stellte dieser sich vor, und dann den Doktor, da der Leutnant sich zurückhielt und nun erst sich einen herzlichen Blick und Händedruck holte. Die erwartungsvolle Stimmung der letzten halben Stunde verschwand angesichts der anmutigen Unbefangenheit, mit der das junge Mädchen die verbindlichen Worte erwiderte, mit denen die Gäste die verwandtschaftlichen Beziehungen noch einmal feststellten.

»Ich habe als Schaffnerin des Hauses den Auftrag, für die Behaglichkeit der Herren zu sorgen,« sagte sie dann. »Das Frühstück ist auf den Zimmern bereit, der Diener wird führen. Und wenn die Herren in bezug auf die Zeit des Mittagessens einen Wunsch haben ...«

Sie fügten sich gern den Gewohnheiten des Hauses und waren mit der üblichen Tischzeit um 2 Uhr sehr einverstanden. -- Wann sie den Herrschaften ihre Aufwartung machen dürften?

»Das gnädige Fräulein bittet vor Tisch im Salon.«

Während der Hauptmann sich bei den Burschen nach der Unterkunft von Leuten und Pferden erkundigte, die er vor dem Frühstück noch gesehen haben wollte, verweilten die beiden anderen mit Fräulein Lena Aussig in der Halle.

Wachowski und sie reichten sich wieder die Hände und jetzt mit mühsam unterdrücktem Jubel ...

»Entschuldigen Sie,« bat sie den Doktor mit feuchten Augen, »aber ich habe mich so sehr auf meinen Vetter gefreut ... Dir, Hans, will ich nur noch schnell sagen, daß ich dich nach Tisch eine Stunde für mich haben darf, wenn der Dienst es dir erlaubt. Jetzt muß ich mich verabschieden. Die Wirtschaft ruft.« ...

»Ein liebes Menschenkind,« sagte der Doktor. Wachowski sah ihr mit weit offenen, glücklichen Augen nach. Dann folgten beide dem Diener über eine breite, ausgetretene Treppe in ihre altväterisch behaglichen, asterngeschmückten Zimmer.

* * * * *

Adalisa von Terkuhn erwartete die Einquartierungsgäste in dem großen Gartensaal, der Sommer und Winter ihr Lieblingsaufenthalt war. Noch blieb eine Stunde Zeit bis zum Mittagessen, und sie hatte sich die Tageszeitungen mitgenommen, die ihre einzige Lektüre bildeten. Aber sie las nicht, sie ging in einer kleinen, ihr sonst nicht gewohnten Unruhe hin und her.

Der große, niedrige Saal mit seinen vier bogigen Glastüren nach dem verwachsenen Garten und seinem Eckfenster nach dem Wirtschaftshof hin, wirkte wie ein eigens für sie geschaffenes Umbild.

Er hatte eine altmodisch grüne Wandbekleidung, von der sich ein paar Familienporträts aus alten Zeiten lebensvoll abhoben. Keine eigentliche Ahnengallerie, dazu waren es zu wenige. Die Terkuhns, Jahrhunderte lang auf derselben Scholle ansässig, hatten nur ein paar Vertreter ihres Namens in die Welt entsandt, wo sie sich Geltung und Lorbeeren holen konnten. Es waren immer wenig Kinder in der Familie gewesen, und wer bleiben konnte, blieb in dem alten Waldwinkel, in dem er hochgewachsen war. Bis in die alten Preußenzeiten wollten die Terkuhns ihren Ursprung hinunterleiten, und wunderlich mischten sich in den Familiensagen Heidentums-, Ordensritter- und Polengeschichten durcheinander. Da es aber selten einen Schriftgelehrten im Hause gegeben hatte, beruhte fast alles, was man von den alten Zeiten erzählte, auf mündlicher Überlieferung. Nur ein paar auf dickem Pergament gemalte Urkunden mit Wachssiegeln daran gab es -- die lagen als Gerippe der von einer rohen und blutdürstigen Romantik durchwehten Begebnisse der Familiengeschichte in der plumpen, uralten Eisenkiste, die unter dem Bildnis des weiland kurbrandenburgischen Fahnenjunkers ihren Platz hatte.

Dieses und ein paar andere aus den verschiedenen Jahrhunderten übrig gebliebene Terkuhnbilder sahen alle unter demselben Rothaar hervor, aus denselben hellen Raubvogelaugen um sich, und die Allen gleiche kinnvorstreckende Haltung des kleinen Kopfes war sicher nicht von dem jeweiligen Maler erfunden worden.

Auch Adalise von Terkuhn, die letzte des alten Stammes, gehörte so ganz und gar zu ihnen, als ob sie aus einem der alten, ungefügen Rahmen heruntergestiegen wäre. Und sie empfand das so stark, daß dieses Gefühl zwischen ihr und Allem was um sie lebte eine Schranke zog.

Es war ein Lieblingsträumen von ihr, sich die Jahrhunderte hinabzuschleichen bis zu dem alten Preußenführer hin, der, die Steinkeule um die rote Mähne schwingend, hinter der heiligen Eiche hervorsprang um den Fremden gnadenlos zu erschlagen, der das Heiligtum betrat.

An dieser selben Eiche zu stehen und all das Dunkle, gar nicht in Worte zu Fassende in sich aufwachen und beben zu fühlen, war ein Gottesdienst für sie.

Daß sie sich aus solchen Träumen ihren seelischen Bedarf an Steigerung holte, machte sie sich in richtig zusammengefaßten Gedanken nicht klar, aber wenn die Alltagslasten, die sie sich mit brutaler Energie aufgeladen hatte, sie zu ermüden anfingen, dann vertiefte sie sich in diese Zwiesprache mit »ihresgleichen«, den Gleichen, die sie um sich her nicht finden wollte. Was sie in ihren Tag daraus heimtrug, hieß Kampf.

Und sie kämpfte mit dem vernachlässigten Boden, mit der Trägheit und Dummheit ihrer Leute, mit den Getreide- und Viehhändlern, die in früheren Zeiten jahraus, jahrein aus der lässigen Arbeit ihres Vaters den Vorteil gezogen hatten -- und endlich gegen die Freier, die das schöne Terkitten mitsamt ihrer streitbaren Person als ehehörig an sich reißen wollten ...

Aber es war kein frischer und fröhlicher Kampf. Ein verbissener Groll wohnte auf seinem Grunde, und die Waffen, mit denen sie ihn führte, waren durch Hohn und Bitterkeit vergiftet. Sie empfand ihren körperlichen Schaden, obgleich sie ihn mit eiserner Willenskraft ihrer Beweglichkeit untertan gemacht hatte, als eine Schmach für die Terkuhns, und aus dem Haß gegen ihren Vater, der sie zu einer Gezeichneten herabgewürdigt und zugleich die Schönheit des ganzen Geschlechts geschändet hatte, wuchs mit der Zeit noch allerlei Hartes und Zersetzendes heraus, das sie mit einer gewissen Freude pflegte.

So war sie trotz ihres Reichtums und ihrer Schönheit keine begehrenswerte Freundin oder Frau. Das wußte sie sehr wohl! Aber sie wollte es auch nicht sein. Und daß man sich ihr trotzdem immer wieder näherte, erfüllte sie mit einer grenzenlosen Nichtachtung und einem unbesiegbaren Mißtrauen gegen alles und alles, vornehmlich aber gegen den Mann.

Dabei sagte sie sich täglich und stündlich, daß sie zu der engsten Lebensgemeinschaft, der Ehe, verurteilt sei.

Der Gatte, den sie wählen würde, sollte nach Königsbestimmung den Namen Terkuhn tragen -- auf ihr lag die Verpflichtung, das alte, heilige Geschlecht zu erhalten.

Wo aber war der, den sie als würdig betrachten konnte, ihren Namen zu führen und Vater ihrer Kinder zu werden? So eifrig sie auch im Geheimen mit ihren hellen Augen Umschau gehalten hatte, bisher war es unmöglich gewesen, einen Mann zu finden, den sie in eine Reihe mit »ihresgleichen« hätte stellen können.

Ihr Herz hatte nie, ihre Sinne ein paarmal gesprochen.

Einmal, vor mehreren Jahren, war es ein hübscher, rotköpfiger Stallknecht gewesen, zu dem eine unerklärlich heiße Wallung sie gezogen hatte. Als sie merkte, daß dieses Fremde in ihr sie überwältigen wollte, hatte sie dem ahnungslosen Burschen bei einem geringfügigen Versehen, das er begangen, die Reitpeitsche um die Ohren geschlagen und ihn davongejagt.

Das andere Mal kam eine standesgemäße Verirrung. Der bekannte Don Juan, Graf Revetzow, der als Reichstagskanditat des Bundes der Landwirte seine Besuche in dem Kreise machte und mit seiner glänzenden, draufgängerischen Persönlichkeit auch trotz höherer Semester eine ständige Gefahr für das ewig Weibliche geblieben war.

Seine festen Händedrücke, seine heißen Blicke und gewagten Worte, bei ihm Klischee, für Adalisa von Terkuhn eine neue, seltsame Erfahrung, verursachten ihr noch längere Zeit in der Erinnerung eine schwindelnde, wonnige Sehnsucht.

Aber der Graf war Familienvater, wohnte weit ab und kam nie wieder. Da erlosch das Feuer, das er angezündet hatte allmählich, und die kühle, verständige Gattensuche der letzten Jahre begann von neuem.

Und immer und immer vergeblich. Und es wurde Zeit, Ernst zu machen. Sie hatte ihren 30. Geburtstag gefeiert, und es verging kein Tag, an dem ihr Vater von seinem Rollstuhl aus ihr nicht ein paar rohe, wie Peitschenhiebe treffende Worte über ihr vergebliches Bemühen und ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit ins Gesicht geworfen hätte.

Da sah sie sich denn auch in weiteren Kreisen um, wo sie es konnte, ohne ihrem Hochmut allzu große Opfer aufzuerlegen. Auf Pferdemärkten, auf den Rennen in Königsberg. Sie hatte sich bei einem Besuch des Kaisers in der Provinz vorstellen lassen; und überall, schön, scheu und abstoßend wie sie war, hatte sich dasselbe Spiel wiederholt, das sie nun seit Jahren kannte. An den Tagen nach solchen Festlichkeiten, denen sie, stilgerecht und kostbar gekleidet, beigewohnt hatte, häuften sich Blumen und Briefe, von fremden Namen unterzeichnet, in denen man ihr Herz und Hand zu Füßen legte. Zähneknirschend buchte sie es dann jedesmal, daß nur die Minderwertigen sich ihr näherten und suchte und suchte weiter.

Sie fing an, auf den Zufall zu rechnen, und seit vor acht Tagen die Meldung der Einquartierung gekommen war -- in dem abgelegenen Winkel eine Seltenheit -- beschäftigten sich ihre Gedanken auch mit diesen in ihren Gesichtskreis tretenden Männern, die als Offiziere und adlig, wie sie annahm, immerhin in Betracht kommen konnten.

Sie war ihnen am Morgen mit Absicht entgegengegangen, um sie, selbst ungesehen, zu beobachten, und in der Wut über diesen unwürdigen Entschluß, vielleicht auch darüber, daß sie von keinem der drei den gewünschten Eindruck empfangen, hatte sie auf den wildernden Hund gezielt.

Jetzt war es ihr übrigens doch lieber, daß sie ihn nicht getroffen hatte. Es wäre ein peinliches Zusammenkommen gewesen, die Entschuldigung schon jetzt nicht angenehm, solchen gleichgültigen und ungeladenen Gästen gegenüber. Dem, der den Terrier mit sich schleppte, grollte sie geradezu. »Warum kommt keiner wie du?« dachte sie, voll von der neuen Enttäuschung vor dem Bilde des Fahnenjunkers stehen bleibend. »Und warum muß ich wie eine Hündin hinter den Männern herlaufen, die ich verachte?«

Es klopfte. Fräulein Lena trat ein.

»Was wünschen Sie?«

»Ich wollte fragen, ob das gnädige Fräulein noch einen Blick auf die Tafel werfen möchte ... und dann wegen der Plätze ...«

»Der Tisch interessiert mich nicht -- und die Ordnung? Mich führt natürlich der Hauptmann und rechts der Nächstälteste ...«

»Das wäre der Stabsarzt ...«

»Warten Sie mal ... wer ist denn mit einer Töle angekommen? Den möchte ich nicht an meiner Seite haben. Den können Sie sich nach unten nehmen.«

»Der Stabsarzt hatte, so viel ich sah, einen Hund bei sich, den er dem Burschen übergab,« sagte Fräulein Lena ein klein wenig enttäuscht. »Dann käme also der Leutnant von Wachowski rechts vom gnädigen Fräulein.«

»Wer von den Herren war doch Ihr Verwandter, Fräulein?«

»Leutnant von Wachowski« sagte Fräulein Lena mit einem kleinen Hoffnungsschimmer in den Augen, der ihrer Herrin nicht entging.

»Also den Leutnant rechts, und den Hauptmann -- wissen Sie, wie er heißt? ...«

»Riesberg ...«

»Gut« nickte Fräulein von Terkuhn und machte eine entlassende Bewegung. Dann besann sie sich noch einmal. »Fräulein!«

»Gnädiges Fräulein befehlen?«

»Wie kommen Sie zu einem Vetter, der adliger Leutnant ist? Und wird es ihm nicht unangenehm sein, Sie hier in dienender Stellung zu finden?«

»Ach nein« sagte Fräulein Lena mit einem halb stolzen Lächeln. »Meine Mutter war eine Wachowski. Unsere Güter lagen im Posenschen nebeneinander. Wir sind fast zusammen aufgewachsen, und wir haben uns sehr gefreut auf dieses Zusammentreffen ... Ja und dann ist er ja auch nur Reserveleutnant ...«

»So so, -- was treibt er denn sonst?« ...

»Er ist Landwirt, gnädiges Fräulein, und er wird sich nach der Übung ein kleines Gut in der Mark kaufen. Er hat eins in Aussicht ...«

»Hat er Ihnen das in aller Eile beim Empfang erzählt? Ich hoffe, Sie haben die Verwandtschaft bei den anderen Herren nicht betont. Sie müssen sich selbst sagen, daß das in Ihrer Stellung sehr wenig passend gewesen wäre ...«

»Es ist auch nicht geschehen, gnädiges Fräulein. Die Herren sind gleich auf ihre Zimmer gegangen, -- ich habe meinem Vetter nur gesagt, daß ich Erlaubnis hätte, nach Tisch eine Stunde mit ihm zusammen zu sein ...«

»Wenn nichts Besonderes dazwischen kommt,« sagte Fräulein von Terkuhn. »Sagen Sie also dem Ferdinand Bescheid, daß er die Herren hier hereinführt, und lassen Sie dann sofort anrichten ...«

* * * * *

Und nun traten die Herren ein und standen alle drei in leiser Befangenheit der königlich schönen Hausherrin gegenüber, die doch selbst immer ihren ganzen Hochmut zu Hilfe nehmen mußte, um ihre Weltungewandheit zu verbergen. Wenn sie mit niedergeschlagenen Augen da stand, wie eben jetzt, war sie neben all ihrer stolzen und regelmäßigen Schönheit auch noch lieblich. Nur wenn sie sie aufhob, diese graugelben Terkuhnaugen hinter den starken roten Wimpern, dann huschte ein böser Zug über ihr Gesicht, der seinen Reiz verminderte und ihm Schärfe und Charakter gab.

Der Doktor beobachtete das kritisierend, der Hauptmann und der Leutnant aber waren wie geblendet, der eine von gesteigertem Lebensgefühl, der andere von einer fast ängstlichen Scheu ganz erfüllt.

Fräulein von Terkuhn entschuldigte mit ein paar Worten ihren Vater, der die Herren bei Tisch begrüßen würde, gewann es auch über sich, für die geplante Entschuldigung die passenden Worte zu suchen. Nur wandte sie sich damit nicht an den Doktor, sondern an den Hauptmann, und sah, während sie sprach, mit großen Blicken nach dem armen Wachowski, dem dabei heiß und kalt wurde.

Und dann meldete der Diener, daß serviert wäre, und Fräulein von Terkuhn ging an dem Arm des Hauptmanns in den nebenan gelegenen düsteren Eßsaal.

An einer Schmalseite der Tafel saß im Rollstuhl der alte Herr, der die Tischgäste mit lauter, heiserer Stimme willkommen hieß und einige bittere, humoristisch sein sollende Bemerkungen über seine Hilflosigkeit machte. Neben ihm stand vor der Suppenterrine Fräulein Lena. Ihr anmutiger Gruß nahm den Fremden das Gefühl der Unbehaglichkeit und gab vor allem dem Leutnant seine verschwundene Fassung wieder.

Es wurde aber doch ein merkwürdiges Mittagessen. Äußerlich sah alles üblich und anmutend aus. Der blumen- und weinlaub-geschmückte Tisch in der Mitte des langen, mit schwerem Urväterhausrat ausgestatteten Zimmers trug plumpe Silberschaustücke und uralte dickfüßige Gläser mit eingeschnittenen Wappen. Ihre Anzahl ließ übrigens auf eine sehr ausgiebige Mahlzeit schließen -- eine sonst im Manöver mit angenehmen Empfindungen begrüßte Aussicht. Aber heute nahm außer dem alten Herrn, der mit gierigen Blicken die üppige Anordnung streifte, kaum jemand Notiz davon. Schon daß Fräulein von Terkuhn den Leutnant, der sich seiner Cousine genähert hatte, zu sich herüberwinkte, gab Veranlassung zu einer gewissen nachdenklichen Stimmung -- bei ihm mit Enttäuschung und dem bangen Gefühl gemischt, das ihn neben der rothaarigen Gutsherrin wieder ganz gefangen nahm.

Nur mit Anstrengung des Hauptmanns kam das Tischgespräch anscheinend in heiteren Fluß. Allerlei Worte flogen hin und her, über Krieg und Frieden, über ehemalige Kameraden des Hausherrn, Pferdemärkte und Geselligkeit in Königsberg, über Manöver und Dienst, über Jagd und Ernte.

Aber hinter all diesen gesprochenen Worten vereinten sich die _gedachten_ zu einem Strom, der Herz und Sinne mit Spannung und Unruhe überflutete und in jedem einzelnen Empfindungen wach rief, die mit dem, was man sagte, in geringem Zusammenhang standen.

In dem alten Terkuhn kämpfte der Groll, von den Lebensfreuden vorzeitig ausgeschlossen zu sein, mit dem Verlangen danach -- der Hauptmann, benommen von seiner Nachbarin, zitterte innerlich, wenn ihr Kleid ihn streifte --, der Doktor beobachtete nach seiner Art und machte sich Bilder von dem persönlichen dieser schwatzenden Menschen zurecht; zwischen Wachowski und Fräulein Lena flogen sehnsüchtige Blicke hin und her, und das Merkwürdigste erlebte Adalisa von Terkuhn an sich, obgleich gerade sie scharfe und treffende Bemerkungen in die allgemeine Unterhaltung warf und auch hier und da ihren begeisterten Verehrer, den Hauptmann, mit einem vollen Augenaufschlag beglückte und erschreckte.

Sie hatte zuerst angefangen, sich mit dem stillen, fast abweisenden Gesicht des Doktors zu beschäftigen, der, wie sie mit Unbehagen merkte, nur gerade aus Höflichkeit Notiz von ihr nahm, aber dann hatte sie einen Blick Lena Aussigs nach Wachowski hin aufgefangen. Ganz flüchtig, aber so voller Innigkeit und Bangen, daß Adalisa von Terkuhn erschrocken und empört darüber war.

Es fiel ihr zum erstenmal ein, ihre Gesellschafterin, die ihr bisher nur wie eine gutgehende, leistungsfähige Maschine erschienen war, als Persönlichkeit zu betrachten. Und da fand sie, daß da ihr gegenüber ein sehr anmutiges, junges Mädchen saß, das in dem anspruchslosen Sommerkleide, mit den glatten, tiefschwarzen Scheiteln, den blühenden Farben und den dunkeln, vielsagenden Augen Reize entwickelte, die ihr selbst ganz und gar fehlten. Jetzt erinnerte sie sich, daß jedermann von dem »Fräulein« eingenommen zu sein schien, nicht nur ihr Vater, dessen ausgesprochene Vorliebe sie wohl der senilen Neigung für alles Jungweibliche überhaupt zugeschrieben hatte.

Auch die Herren heute, wie verhielten sie sich diesem dienenden Geschöpf, diesem Nichts gegenüber? Den Hauptmann hielt sie selbst in ihrem Bann, das fühlte sie, aber dieser Doktor, der ihr mit gleichgültigem Respekt begegnete, hatte einen zutraulichen Ton in der Stimme, wenn er mit seiner Nachbarin sprach. Und der Leutnant, der sogenannte Vetter? Sie beobachtete ihn von der Seite, und nun nahm sie auch in seinen Augen jenes zärtliche Blicken wahr, das auf Einverständnis und Zusammengehörigkeit schließen ließ.

In heißem Groll zog sich ihr Herz zusammen. Warum hatte sie noch nie in ihrem Leben ein solches Spiel zartsinniger Hingabe über sich erstehen gefühlt? Sie sah, wie ihre Dienerin sich ordentlich verschönte dabei, wie ein träumerischer Glanz die braunen Augen vertiefte und das junge Gesicht von innen heraus zu leuchten begann.

Freilich, der sogenannte Vetter rechtfertigte wohl diese auffällige und beinahe anstößige Verliebtheit.

Welch ein schöner Bursch' war das mit der schlanken, sehnigen Gestalt, dem offenen, braunen Gesicht, in dem die graublauen Augen wie zwei Lichter brannten, in dem der volllippige, rote Mund unter dem braunen Bärtchen lockte.

Wenigstens leicht entzündbare Personen, wie diese Lena, die augenscheinlich ganz vergaß, daß sie an dem herrschaftlichen Tisch ihre Privatangelegenheiten denn doch in anständiger Verborgenheit zu halten hatte.

Ob's nicht an der Zeit war, ihr und ihrem =vis-à-vis= das deutlich zu machen? Ein dunkler Instinkt warnte sie, und sie schwieg, während heiße Wellen von Groll und Neid in ihr auf und ab fluteten.

Sie hatte, in ihre Gedanken vertieft, den jungen Leutnant so scharf ins Auge gefaßt, daß der Hauptmann in Verlegenheit geriet und sprach, ohne zu wissen was, und daß Wachowski selbst, als er es endlich merken mußte, einen halb unbehaglichen Schauer in sich aufsteigen fühlte.

Der alte Herr brach den Bann, den außer Adalisa die ganze Gesellschaft zu spüren anfing.

»Ja, warum nimmst du denn den Leutnant so aufs Korn, Adalisa?« rief er mit seiner heiseren, gebrochenen Stimme, »der bekommt ja ordentlich das Graulen.«