An geöffneter Tür

Part 4

Chapter 43,723 wordsPublic domain

Sie hielt die Hände vor's Gesicht und murmelte etwas wie »nein, nein, nein.« Aber dann nahm sie sich zusammen, ergriff _seine_ Hände und zog ihn zu der großen Fensternische, in der viel hohe Bambusbüsche standen.

Und da sahen die beiden sich prüfend an und fragten und antworteten allerlei ohne Worte.

»Also Sie sind das kleine Justinchen, das der Käthe wie ein Schatten hinterher war?« sagte er dann.

»Lang, lang ist's her,« sagte sie. »Und die Käthe ist schon zehn Jahre tot.«

Lieber Gott! ... Es bewegte ihn nicht sonderlich. Ihm war seine Jugendliebe längst aus der Welt der Wirklichkeit verschwunden, und wo er sie zuweilen suchte, da lebte sie so lange wie er. Aber dieses Mädchen, noch jung, doch schon am Rande des Welkens, was war das mit der? Warum sah sie ihn so an, so voller Staunen, so voller Bewunderung -- und was zwang ihn, sich zu seiner vollen Höhe aufzurecken, sich recht, recht spanisch zurechtzurichten und ihr mit ein paar Koseworten in der Sprache der neuen Heimat über die dunklen Scheitel zu streichen?

Warum neigte sie so demütig den Kopf und sagte so leise und zitternd: »Ich hab' es ja immer gewußt, daß Sie wiederkommen würden!«

»Traum ... Traum ...« sagte er. »Warum hast du das immer gewußt?«

»Erst hat meine Schwester Käthe gewartet,« sagte sie. »Und ich war noch ein Kind und hörte begierig all die Geschichten, die da in dem schönen Tropenland passierten. Und Sie sah ich immer -- ich weiß nicht -- so wie in goldener Rüstung und im Kampf mit allerlei Tieren und wilden Menschen ... Und dann, als die Sachen kamen, die Sie schickten ...«

Sie zog ihn nun in den Verkaufsraum, wo er früher seine Tage und einen Teil seiner Nächte zugebracht hatte, und wo jetzt im Bilde ein schwacher Abglanz südländischer Herrlichkeit von der Wand herunterleuchtete.

Dort fand er mit rührender Sorgfalt die wertlosen kleinen Sachen geordnet, die er einst, in der ersten Zeit des Tropenrausches, nach dem alten Heimatnest gesendet hatte. Kokosnüsse, Indianerflechtarbeiten, Muschelketten, elfenbeinweiße Kugeln, aus der Wurzel der Lagospalme gedreht, Skorpione und Riesenspinnen und in einem Glaskasten an der Seitenwand die leuchtenden blauen Schmetterlinge, die er selbst in südlicher Sonne über den Riesengräsern der Pampas hatte flattern sehen, blauen Flämmchen gleich.

Er konnte gar nichts sagen. Die Stunden heißer Sehnsucht aus der neuen Heimat in die alte hatten hier eine Stimme bekommen, die leise und eindringlich murmelte.

»Das ist ja aber alles so unendlich lange her, Justinchen --« sagte er dann. »Ein ganz anderes Leben liegt dazwischen ... Und ich habe auch nie geahnt, daß ich hier bei euch in so gutem Andenken stand.«

»Bei _mir_, nur bei mir -- aber die anderen mußten einfach mit,« sagte sie mit einem kindlichen Eifer, der dem verblühenden Gesicht seltsam anstand. »Und gutes Andenken müssen Sie auch nicht einmal sagen ... Zuerst, als die Käthe heiratete, da nahm ich mir vor -- kindisch, wie ich ja noch war -- daß _eine_ wenigstens Ihnen Treue halten sollte ...«

»Ist die Käthe glücklich geworden?« fragte er.

»Sehr ... Ich habe das ja nicht begreifen können -- denn schließlich war sie doch Ihre ...«

Er wehrte ab. »Nicht doch, sie brauchte nicht treu zu sein, liebes Kind ... ich auch nicht ... Was uns in jenen schönen Tagen band, war ja so flüchtig. Ich kann jetzt nicht einmal mehr sagen, wie und was es war. Meine Sprache ist mir auch gar nicht mehr geläufig genug dafür ... Aber Sie, sagen Sie mir, Sie ... oder du? Warum hast _du_ denn an mich gedacht ... und wie? Du hast dir doch ausrechnen müssen, daß ich ein alter Mann bin, und schließlich ist es doch ein Zufall, daß ich herkam ... nachdem wir seit langen Jahren nichts mehr voneinander wußten ...«

»Kein Zufall, o nein.« Sie schüttelte den Kopf und sah ihn mit großen, nassen Augen an. »Und alt? Das hätte ich nie gedacht, und nun ist's ja auch nicht so ... Wer draußen in der großen Welt und in fremder Schönheit lebt, der _kann_ ja gar nicht alt werden für einen, der in Enge und Einsamkeit sitzt. Und wenn man dann so jemand hat, an den man seine große Sehnsucht anhaken kann, wissen Sie, das zieht einen mit in allerlei schöne Träume ... Ich bin ja so glücklich gewesen all diese langen Jahre, daß ich die hatte ... Ach, was für Freunde diese Schmetterlinge und dieser große bunte Arara mir geworden sind! ... So was Fremdes und Heißes und Schönes war immer um mich, wenn ich an Sie denken konnte. Und wissen Sie, was ich jetzt eigentlich glaube? Dies alles ist nur ein Traum, und wenn ich aufwache, wird's nicht wahr sein. Oder ist _dieses_ wahr? Und das _andere_ ein Traum ...? Nein, nein -- Träume sind schöner als das Leben. Ach, lassen Sie mich reden ... es ist so wundervoll, zu Ihnen reden zu können, zu Ihnen in Wirklichkeit reden zu können ...«

Und das tat sie denn auch und sagte noch viel schöne Dinge zu Heinrich Biester. Oder zu Enrique Bisterro -- oder zu wem ... zu wem?

Voll traumseligen Staunens hörte er zu. Und allmählich rauschte ein heißes Entzücken in seinem Blut auf. Alter, Kränklichkeit, Fieber, das gab es ja gar nicht mehr. Jung wie vor dreiundzwanzig Jahren konnte er dieses Mädchen in seine Arme reißen, wenn er nur wollte. Er, der Starke, der Stolze, der Märchenprinz, für den hier die Palmen wuchsen und die blauen Schmetterlinge gaukelten. So empfand er für Augenblicke mit der fortgerissenen Phantasie. Aber der legt die Wirklichkeit schließlich doch Zügel an, und vom Empfinden zum gesprochenen Wort führt ein langer Weg.

Darum zog er zuletzt Justine Prang nur sanft zu sich und streichelte sie mit seiner mageren, heißen Hand. Und sagte nur ein paarmal: »Laß es dir nie leid tun, Kind, laß dir diese Stunde nie leid tun ...«

»Wenn ich sie wirklich erlebe, dann soll sie die schönste in meinem Leben sein ... die Höhe ...«

»Still, still,« sagte er, sie immer noch leise streichelnd. »Ich danke Ihnen schön, Justinchen ... Und -- und, ich möchte nun am liebsten fortgehen. Was sagen Sie dazu? Noch bevor Sie mich in der Sonne von Bartenberg sehen!« ...

Nun sah sie ihn forschend an, ebenso wie er sie, und er bemerkte, wie das glühende, begeisterte Gesicht unter seinem Blick zusehends spitz und blaß wurde, und wie der Freudenschimmer in den großen, dunkel umrandeten Augen erlosch.

Sogar die Stimme schien ihm anders, als sie zu reden anfing, und wenn nicht die weiße Halle und der Arara und die Palmen dagewesen wären, hätte er denken können, er hätte die ganze kurze Zwiesprache geträumt.

»Das ginge wohl nicht,« sagte sie. »Was sollte der Vater dazu sagen und Hellmund ...?«

»Wer ist denn Hellmund?«

»Ach ja, Sie können das ja alles nicht wissen. Der Vater ist doch ganz alt und sehr müde. Manchmal könnte man denken, sein Geist wäre nicht mehr ganz, -- aber dann merkt man doch wieder, daß er -- wie soll ich das sagen? ... daß er bloß so schläft. Und Hellmund ist schon sechs Jahre da und besorgt alles -- und die neue Apotheke gehört zur Hälfte ihm ... und wir ... und ich ...«

Sie hielt befangen inne. Aber Heinrich Biester merkte darauf nicht.

»Der Vater ...« Er strich ein paarmal aufgeregt über den ergrauenden Bart. Ja, nun kam man doch wieder auf wirklichen Boden. Nun war die Stunde da, wie er sie sich unterwegs oft ausgedacht hatte. Nun stand er alsbald dem Mann gegenüber, dem er das Recht gab, ihn abzuhören, ob er seine Lebensaufgabe auch gut zu Ende gebracht hätte.

Wie gut es nach dem phantastischen Begebnis der letzten Viertelstunde tat, sich wieder darauf zu besinnen, daß er vorzeiten hier gescholten und gelobt und von einer festen, aber warmen Hand hin und her geschoben worden war, bis er sich allein hatte zurechtfinden müssen!

»Ja, ja, Justinchen, führen Sie mich zum Vater ... Kommen Sie ...«

»Ich muß es ihm erst sagen ... und dann ist doch auch Hellmund bei ihm.«

»Ich werde ihn doch allein sehen und sprechen?« fragte er ängstlich.

Sie nickte und ging steif und gerade an ihm vorüber nach der Tür, die früher zum Laboratorium geführt hatte. Sie war niedrig, und der Prinzipal hatte sich immer bücken müssen, wenn er in den Laden trat.

Heinrich Biester vernahm den erstaunten Ausruf einer tiefen Männerstimme und ein Geräusch, als ob ein Stuhl rasch beiseite geschoben würde. Dann öffnete Justine die Tür, und er konnte eintreten.

Vor dem Fenster, an dem ehemaligen Platz des Experimentiertisches, sah er einen Krankensessel mit einem Schachtischchen davor und flüchtig einen weißhaarigen Kopf. Vor dieses Bild aber drängte sich ein junger, großer, massiver Mensch mit einem derben, roten Gesicht und lustig blitzenden Augen. Der streckte ihm beide Hände entgegen, und in seiner dröhnenden Stimme klang ein Ton warmer Herzlichkeit.

»Also, es geschehen wirklich Zeichen und Wunder,« rief er. »Nein, nein, Gott! Hat das phantastische kleine Frauenzimmer doch wahr und wahrhaftig recht behalten ... Ich geh schon, Goldchen -- sehen Sie, wie sie mir winkt. Natürlich sollen Sie den Vater für sich haben, aber da der zum erstenmal eine längere Sitzung nicht vertragen wird, hoffe ich, Sie nachher zum Frühstück bei mir zu sehen, Herr -- oder wie sagt man auf spanisch? -- Señor Enrique -- nicht? Wiedersehn! -- Wiedersehn!«

Und er ging, sich bückend wie früher Herr Prang, durch die niedrige Tür und streichelte vorher noch im Vorübergehen dem still dastehenden Justinchen mit seiner großen, runden Hand das farblose Gesicht. Heinrich Biester empfand das lärmende, gesunde Leben, das sich hier an der Stätte seiner Träume breitmachte, wie einen Mißton, aber nur für eine Sekunde, denn aus dem Lehnstuhl winkte ihm der Mann, der klein, mager und zusammengekauert darin ruhte.

Scharfe, doch ausgeblaßte Augen blickten ihm aus einem runzligen Greisengesicht entgegen, und an diesen Augen allein erkannte er den hohen, gebieterischen Mann, mit dem er sich in den Nächten daheim auf spanisch unterhielt.

»Sieh, sieh,« sagte dieser fremde Greis mit klangloser Stimme, »das also ist der Strudelkopf ... der Lockenkopf ... der Ausländer, für den die imprägnierten Palmen in meiner alten Apotheke wachsen ... Komm doch mal her, mein Sohn ... die Justine sagt, du bist der Heinrich Biester -- aber mir scheint, wir erkennen uns nicht mehr ...«

»Doch, doch,« sagte Heinrich Biester eifrig, »die Augen ... und der ganze Ton ...«

Er nahm die welke, kalte Hand, die matt heruntersank, als er sie losließ. Dann schwiegen beide. Aber die Blicke des alten Mannes bohrten sich in das Gesicht seines Gastes mit eigenem, hellseherischem Spähen. Sie leuchteten auf und erloschen dann ganz schnell.

»Justine,« rief Heinrich Biester ängstlich, aber die blieb an ihrem Platze.

»Sprechen Sie nur etwas,« sagte sie, »dann ermuntert er sich.«

»Herr Prang,« sagte da Biester, »ich habe mich so auf dieses Wiedersehen gefreut. Ich habe Ihnen so viel zu erzählen, Sie glauben ja gar nicht ...«

Der alte Mann ließ den Kopf mit den halbgeschlossenen Augen auf der Lehne seines Stuhls liegen.

»Ich hab's schon gesehen ... alles ... dir ist's nicht gut gegangen, mein Sohn ...«

»Mir ist's doch aber _sehr_ gut gegangen, Herr Prang,« sagte Heinrich Biester verwirrt.

Herr Prang machte nun die Augen wieder auf und hob die müden, weißen Hände.

»Erzähl davon den Kindern ... der neuen Zeit, mein Sohn,« sagte er mit der ausgeklungenen Stimme. »Die Schubfächer in meinem Kopf sind alle voll ... Mit deinen grauen Haaren und dem ausgetrockneten Gesicht krieg ich dich nicht mehr herein ... Ich hab' dich drin, wie du noch ein lieber, leichtsinniger Junge warst und meine Käthe nicht bekamst ... Nachher, wie meine Frauenzimmer den Señor Enrique Bisterro mit Indianerfedern und Heldentum aufputzten, da hab' ich ja noch ein Weilchen mitgemacht, so aus Spielerei -- ich alter Hansnarr ... Aber jetzt -- nehmen Sie's mir nicht übel, lieber Heinrich Biester, ich werde mich schon auch noch freuen, wenn Sie wiederkommen ... aber ich bin ein sehr alter Mann ... ein sehr alter Mann, und die weiße Verschalung auf meinem schönen Mahagonigetäfel ... Sehen Sie mal zu, daß Sie die abreißen und auch das ganze staubige Zeug samt den Schmetterlingen und den Palmen, und dann wird ja auch die Justine mit ihrem Hellmund wie andere Leute ...«

Da flatterte Justine in ihrem weiten, weißen Kleid heran und sagte mit ihrer hohen und klingenden Stimme: »Die Justine wird gar nichts. Wenn man sein lebelang unter Palmen gewohnt hat ...«

Der Alte winkte ihr zu schweigen und gab Heinrich Biester die Hand.

»Glauben Sie nicht, Sie Weitgereister, daß es sich auch unter einem schönen, strammen Lindenbaum gut hausen läßt?« sagte er, und ein halb wehmütiges, halb verschmitztes Lächeln lief über sein runzliges Greisengesicht.

Eine Antwort erwartete er aber nicht. Er behielt die Hand seines Gastes noch einen Augenblick in seiner, kroch dann in sich zusammen und fing an zu murmeln: »Wenn du wieder so spät nach Hause kommen wirst -- mein Junge ... warte mal ...«

Heinrich Biester hatte es verstanden. Es war wie das Gespenstchen der Stimme von früher, und das rief allerlei Fremdes und Empfindsames in ihm an.

Als er mit Justine wieder draußen stand, stiegen ihm die Tränen in die Augen, und er wußte gar nicht, was er mit dem Gemisch von Wehmut, Verdrießlichkeit und Verlangen in sich anfangen sollte.

»Wollen wir jetzt nicht hinübergehn --?« fragte da Justine niedergeschlagen. »Vielleicht frühstücken?«

Er sah sie groß an und schüttelte nur den Kopf. Ihre brennenden Augen, die von ihm zu den weißen Wänden irrten, taten ihm wohl und weh zugleich -- aber der heiße Strom von vorhin rauschte nicht wieder in ihm auf.

Merkwürdigerweise mischte sich sogar in alles widerspruchsvolle Durcheinander seiner Gedanken ein Stimmengewirr von weit her -- ein paar tiefe und ein paar gellende Töne -- Rufe von Frau Eustachia und den Kindern, die er zu Hause oft genug mit Mißbehagen gehört hatte, aus denen ihm in diesem flüchtigen Augenblick jedoch ein Klang unersättlicher Lebensfülle entgegenschwirrte.

Das dauerte aber auch nur eine Sekunde und war vielleicht seinem Wunsche fortzugehen entsprungen. Denn dieser Wunsch war da und beherrschte das sanfte Gefühl von Dank und Rührung.

»Ich will dir lieber Lebewohl sagen, Justinchen, jetzt, dir allein, und keinen und nichts mehr sehn und wiedersehn. Begreifst du das? Und weißt du, wie reich ich durch dich geworden bin?«

Sie lächelte bitter und traurig und sagte: »Reich? ... Reich?« ...

Da blieben ihm die spanischen Koseworte, die ihm durch den Kopf schossen, in der Kehle stecken.

Er küßte mit kalten Lippen ihre Stirn und ging langsam hinaus.

Sie blieb ganz still.

Er hatte die Tür aus alter Gewohnheit offen gelassen und sah sich noch einmal nach ihr um: da stand sie mitten in der dämmrigen Halle in ihrem weißen Kleide mit den nackten Armen und hatte die Hände gerungen.

Aber als er noch länger nach dem geheimnisvoll schönen Bilde starrte, da schien es sich mit silbrig grünem Schleier zu umhüllen und zerfloß ihm vor den Augen.

Dann wurde die Tür zugemacht, und er sah noch eine Weile wie im Traum auf diese dunkle Pforte mit dem leuchtenden Messinglöwenkopf, die die Vergangenheit für ihn abschloß, und hinter der sich ihm doch ein neues, wunderliches Seelenheim aufgetan hatte ...

Der Markt lag wie vor einer halben Stunde sonnenüberglüht und ausgestorben da, aber nun hatten auch die kleinen Häuser tote Augen, und keine Stimme mehr. Kein Fenster öffnete sich, und keine Schatten huschten über die Straßen.

Nur der Löwenkopf an der Apothekentür funkelte und sprach.

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Nun saß Enrique Bisterro längst wieder auf der Veranda in Entechua unter den Seinen und den rauchenden und schwatzenden Freunden. Er hörte den Guairastrom rauschen und sah die Yukkas am Fuß des Monte Avila emporstreben. Duft und Glut waren um ihn, und die Schönheit der taghellen Mondnächte kaum zu ertragen.

Das war früher auch alles so gewesen -- aber er wußte nicht, wie es kam -- seit seiner Heimkehr sah er die alten Bilder mit neuen Blicken, ja, er nahm sie oft mit einer Befriedigung auf, die an Freude grenzte. Seine Freunde fanden, daß die Reise in die Heimat Wunder an ihm getan habe, sie machten sogar kleine, anzügliche Bemerkungen, die Doña Eustachia nicht zu Ohren kommen durften. Er selber gab ihnen nicht Unrecht, wenn er sich auch den Wechsel in seinem Empfinden und seinem ganzen Wesen nicht ganz erklären konnte.

Während des Tages, den er in der lähmenden Glut sonst verdrossen und kränklich, voller Mattigkeit und unbestimmter Sehnsucht, hingeschleppt hatte, dachte er an die Heimat jetzt nie mehr. Die schöne Wirklichkeit um ihn triumphierte über den matten Widerschein, den er dort angetroffen hatte. Er schaffte mit frischer Kraft und Freudigkeit. Er fühlte sich in seinem Beruf, als Familienvater, als Würdenträger in der kleinen, zusammengewürfelten Gemeinde von Entechua ganz als der Enrique Bisterro, den man hier von ihm erwartete, und wußte nichts von dem Heinrich Biester des Jugendlandes.

Seine Träume dagegen führten ihn nach wie vor in das alte Heimatnest, aber er prahlte nicht mehr wie früher mit seinem Glück und seinem Wohlergehen. Er sprach auch nicht mehr Spanisch -- und nicht mehr mit dem Prinzipal. Er stand in der dämmrigweißen Halle -- und ihm gegenüber, neben dem feinblättrigen Bambus, unter den ewig lebenden Palmen, die für ihn da hingepflanzt waren, das Justinchen -- mit leuchtenden, verständnisvollen Augen ihm die Worte von den Lippen lesend. Und was der heiße Tag von Entechua an starkem, jungem Fühlen, an Wehmut und Verdrossenheit, an Traum und Jugendsehnen erstickte, das strömte da in den langen und beweglichen Zwiesprachen aus. -- In denen klang kein Ton von dem würdigen, arbeitsfrohen Don Enrique, die quollen ganz aus dem Herzen und aus der Seele des Heinrich Biester.

Jungfräuliche Königin

Der Doktor auf einem Schimmel, vor sich im Sattel den Terrier Fips, hatte die Tête. Der Hauptmann und der Leutnant von Wachowski ließen die Gäule mit lockerem Zügel laufen und wechselten zwischen mattem Trab und Schritt.

Der Doktor sah sich um, und als er wahrnahm, daß sich die Entfernung zwischen ihm und den anderen vergrößerte, hielt er.

Weites, ebenes Land breitete sich bis zu dem fernen bläulichen Waldbande aus. Regelmäßig angelegte, gut gehaltene Wege führten kreuz und quer zu den Äckern, die in gelben, taufunkelnden Stoppelbreiten ruhten, oder in frisch aufgebrochenem Erdreich mit ihrer Wintersaat kommenden Segen erwarteten. Obstbäume mit weißgestrichenen Stämmen beugten sich an den Wegrändern in gleichmäßiger Entfernung voneinander unter der Bürde ihrer goldenen und roten Früchte, Kirschalleen liefen, schmuck und schön, von trockenem Astwerk gesäubert, geradlinig wie zwei Reihen Soldaten, zu einem noch nicht abgeernteten Kohlfeld, dessen blaurote Köpfe in schier unwahrscheinlicher Größe und Üppigkeit auf dem schwarzen Boden lagen.

»Donnerwetter, ist das eine Kultur!« rief der Doktor den näherkommenden Herren zu. »Schon Terkittener Boden, nehme ich an.«

»Hören Sie, Doktorchen,« sagte der liebenswürdige Hauptmann Riesberg, »dies Terkitten ist ein Paradies, höre ich eben von dem Leutnant, -- und das Merkwürdige bei der Sache -- das Paradies wird von einem Teufel regiert.«

»Ich hab' auch schon so was gehört ... der alte Terkittener ist wohl sein Lebelang ein berüchtigter Rauf-, Saufbold usw. gewesen?«

»Ne, ne, ne -- der Teufel ist diesmal =feminini generis=. Neues ist aus den Ruinen erblüht, wie der Dichter sagt. Wachowski hat mir nette Chosen erzählt.«

In diesem Augenblick stieg seitwärts aus den Stoppeln ein Volk Hühner auf und schwirrte surrend über den Weg. Das war zuviel für Fipsens Terrierherz. Mit einem Satz war er unten, mit einem zweiten im Felde.

»Um Gotteswillen,« ... »den Köter zurück« ... »Fips«, ... die hallende Stimme seines Herrn, -- ein kurzer Knall, -- atemloses Schweigen -- fast auf den Bruchteil einer Sekunde fiel das alles zusammen. Und einen Moment später waren die Herren abgesprungen und beteiligten sich mit erleichterten Zurufen an der Abstrafung des Schuldigen, der seine Jagdhiebe an Stelle der Todesstrafe in Empfang nahm.

»Hätte sie mir meinen kleinen Kameraden beinah totgeschossen,« sagte der noch ganz blasse Doktor, der sich den Terrier selbst aufgezogen hatte und ihn wie ein menschliches Wesen liebte.

»Wissen Sie, meine Herren, das ist unerhört,« rief der Hauptmann entrüstet. »So was tut man doch nicht. Man knallt doch keinen edlen Hund einfach nieder, wenn man sieht, daß er nicht herrenlos ist.... So 'n verfluchter Kerl ... das soll ihm angestrichen werden ... dem wollen wir's besorgen.«

Der Leutnant deutete stumm auf einen Ebereschenweg links.

»Die hohe Herrin selber!«

Zwischen den noch kleinen Bäumen, die unter der Last von glühend roten Beeren leuchteten, stand eine hochgewachsene, sehr schlanke Frau, die sich eben langsam umwandte und in entgegengesetzter Richtung weiterging.

Man sah über der graugrünen Lodenjoppe unter einem kleinen Jägerhut eine festgerollte Fülle brandroten Haares, Lenox und Jagdtasche hingen zur Seite, und der kurze Rock ließ ein paar Stiefel frei, die nichts mit koketter Damensportbeschuhung gemein hatten. Beim Schreiten aber machte sich eine böse Störung in der sonst untadligen Harmonie dieser Erscheinung bemerkbar: Der rechte Fuß schleppte erheblich, und bei der energischen Bewegung des ganzen federnden Körpers fiel das um so mehr auf.

»Da haben wir also den berufenen Teufel wie auf Stichwort,« bemerkte der Leutnant.

»Und hinken tut er wirklich auch noch, wie alle Teufel« ...

Der Doktor fing jetzt erst an, sich von dem ausgestandenen Schreck zu erholen und seiner Entrüstung freien Lauf zu lassen.

»Bei diesem Frauenzimmer muß man Gastfreundschaft genießen ... den Ruhetag noch dazu!? ... das ist hart ... wenn Herr Hauptmann mich noch beurlauben könnten ...«

»Stopp, stopp!« rief der Hauptmann. »Ich habe mir sagen lassen, daß für jeden passionierten Jäger die Versuchung nahe liegt, ein wilderndes Tier abzuschießen, und Fräulein von Terkuhn soll ja eine sehr temperamentvolle Dame sein, wie unser Leutnant mir eben erzählt.«

»_Fräulein_ von Terkuhn? Nicht Frau?«

»_Na_, Wachowski, schießen Sie mal los ... und erzählen Sie, warum Sie so erpicht auf dieses Quartier waren, und woher Sie so orientiert sind.«

»Wenn Herr Hauptmann gestatten,« sagte der Sommerleutnant etwas verlegen, und sein auffallend hübsches, offnes Jünglingsgesicht nahm an der Verlegenheit der Stimme Teil. »Eine kleine entfernte Cousine von mir ist Gesellschaftsdame bei dem Fräulein von Terkuhn. Wir sind sozusagen zusammen aufgewachsen, haben uns ein Jahr lang nicht gesehen ...«

»So, so -- also sehr begreiflich. Und die junge Dame hat Sie auch über die Verhältnisse unterrichtet?«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann! Ich habe das Gefühl, die Terkittener Herrschaften und den ganzen alten Kasten genau zu kennen. Ich wundere mich auch gar nicht, daß Fräulein Adalisa von Terkuhn dem Doktor seinen Fips so ohne weiteres niederknallen wollte. Wie sollte Eine tierfreundlich sein, die so menschenfeindlich ist!«

»Na unter den Verhältnissen mußte sie das vielleicht werden ... denken Sie, Doktor, der Leutnant erzählt, als vierjähriges Kind hat ihr Vater sie im Suff einem Kumpan als Fangball zugeworfen ... dabei ist ihr die Hüfte ausgerenkt, oder so was ... Dann eine gräßliche liederliche Fräuleinwirtschaft, -- die Mutter tot ...«

»Und dann ist sie nach Gnadenfrei gebracht worden,« erzählte der Leutnant weiter, »aber da ist sie ausgerissen -- und das hat dem Alten imponiert. Er hat sie im Hause behalten und ganz als Junge aufgezogen. Sie hat ihm mit der Zeit all seine boshaften Triks abgelernt, ihn aber bald noch überholt. Was ich darüber so von meiner Cousine höre -- ich kann Ihnen sagen, meine Herren, es ist kaum zu glauben, daß in unseren Tagen so was an mittelalterlichen Verhältnissen existiert.«

»Und Ihr Fräulein Cousine ist doch schon längere Zeit dort?«