Part 3
»Was wollen Sie von mir? Was kümmert Sie mein Alleinsein? Wie kommen Sie zu solchen Reden?«
Ich glaube, ich schrie ihm das zu. Und er war eine kleine Weile still. Dann sagte er:
»Ich wollte Ihnen helfen. Ich wollte mit Ihnen sprechen als Mensch zum Menschen. Und in Ihrem blassen Gesicht liegt etwas, das mir sagt, ich habe recht getan, als ich meiner Eingebung folgte, und ich will auch ohne konventionelle Bedenken reden, wie ich's mir vorgenommen habe.«
»Ja, was denn nur? -- was denn?«
»Liebes Fräulein, ich ging mit meinem Vater nach Gastein -- übrigens ohne die näheren Verhältnisse zu kennen -- um die Geldangelegenheit ordnen zu helfen, von der Sie ja wissen und an der Sie beteiligt sind. Wir kamen in eine Familie, die mit dem ganzen Egoismus der Glücklichen zusammengeschlossen stand -- gegen ...«
»Gegen mich?!«
»Gegen etwas, das sie als unverdientes Schicksal zu empfinden schien.... Die sich wehrte gegen das, was Sie hineintragen könnten, Krankheit, Siechtum, Rücksichtnehmenmüssen.«
»Und das hat man Sie, den Fremden, merken lassen? Mein Stiefvater mit seiner Weltläufigkeit? Meine Mutter -- meine Mutter? -- ich glaube Ihnen einfach nicht.«
Ach, ich glaubte ihm wohl. Ich hätte ihm von den Einsamkeitsschauern erzählen können, die mich heute Nacht zerbrochen und die Sehnsucht nach meinem Krankenanstaltsleben neu aufgeweckt hatten ...
Ich tat es nicht, noch nicht. Aber als ich aufsah, diesem jungen Menschen ins Gesicht, das wie durchleuchtet schien, von etwas Gutem, Hohem, Hilfsbereitem, da stieg plötzlich, mit einem scharfen Herzstich zugleich eine große Gier nach dem Menschen, dem Genossen in mir auf, an den ich mich anklammern konnte in schwarzen Stunden, wenn die eisige Furcht angeschlichen kam.
Dieses Gefühl tauchte auf und ging, wie eine Ahnung, wie ein Traum.
»Einmal, vor ein paar Jahren,« sagte mein Gast dann, »als ich in einer verzweifelten Lage war, aus der ich, weltfremd, jung wie ich war, keinen Ausweg mehr sah -- ich will Ihnen später einmal, wenn sich's so fügt, davon erzählen -- kam ein großer und guter Mensch ganz unerwartet zu mir. Ein Zufall hatte ihn meine Not ahnen lassen und, ohne mich zu kennen, kam er und half mir, ganz uneigennützig und ohne jede äußere Veranlassung. Das Leben führte uns verschiedene Wege, wir haben uns seitdem nie mehr gesehen, aber ich habe mir damals gelobt, wenn ich je von einem hören würde, dem es nützen könnte, daß man ihm die Hand entgegenstreckte, dann wollte ich es tun. Versuchen, ob ich ihm helfen könnte, wie mir damals geholfen wurde. Nur ihm sagen: da bin ich, ich will mit dir in deiner Einsamkeit beraten, welchen Weg du gehen mußt, wie du dein Leben für dich und deinesgleichen ausnützen kannst, lieber Bruder oder liebe Schwester!«
Wenn ich ein langes, langes Leben vor mir habe, diese Worte werden in mir fortklingen, wie sie jetzt in mir zittern, wie sie vorhin heiße Tränen in meine Augen drängten.
»Und so haben Sie mich gesucht, auch ohne etwas mehr von mir zu wissen, als daß es mir nicht gut gehen dürfte, daß ich allein wäre?«
»Die in die Augen springende innere Kälte Ihres Stiefvaters, seine schroffe Ablehnung, Ihnen in der besprochenen Geldangelegenheit zu raten, machte mich auf Ihre Lage aufmerksam. Dann schlug Ihre Mutter vor, Sie nach Gastein kommen zu lassen. Herr von Herholz wies das unbedingt ab. Sie hätten selbst wohl das richtige Gefühl gehabt, daß es nicht anginge, aus einem verseuchten Hause in eine erholungsbedürftige Familie hineinzufallen. Da müßten vorher noch Übergänge geschaffen werden. Sie wären sicher wohl besser orientiert über Orte, in denen Genesende eine zusagende Unterkunft fänden, an denen es sich herausstellte, ob sie wirklich Genesende wären -- und in dem Ton weiter.«
Ich kannte diesen Ton. Der Hals wurde mir trocken. »Und Mama?«
Ich solle versuchen, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie habe nach etwas bewegtem Hinundher zugestanden, daß sie als Mutter gesunder Kinder Opfer zu bringen hätte, auch wenn sie innerlich auseinandergerissen würde.... Von da ab hätte er immer und immer an mich denken müssen! ... Das arme Mädchen, wie mag es leiden, wie einsam sein im Vergleich zu den lachenden blonden Schwestern, die mit ihrem blühenden Leben den ganzen Raum füllten. »Nein, sagte ich mir, ganz allein soll die andere nicht bleiben, und sich nicht darum grämen, daß die Familie die Tür vor ihr zuschließt. Meine eigene dunkle Lebensstunde stand wieder vor mir, ich fühlte wieder die Hand meines gütigen Retters auf meinem Kopf, und da war ich auch schon entschlossen: Jetzt versuche ich, ob ich ein Mensch bin, der es wert ist, einem anderen, der es dunkel hat, ein bißchen Licht zu bringen. Die Auseinandersetzung mit meinem Vater habe ich Ihnen nicht ersparen können, so sehr ich mir das auch gewünscht habe -- aber -- nun -- wenn Sie einen brauchen -- zum Aussprechen, zum Plänemachen, nur um da zu sein, wenn Sie einen Zusammenhang mit dem Leben suchen....«
Ich griff nach den ausgestreckten Händen und hielt sie fest.
Und dann haben wir lange gesprochen. Zuerst habe ich erzählt von allem, was bisher mein Leben ausgemacht hat, von allem Leid, mit dem wir Armen uns von Anstalt zu Anstalt schleppen, von Wehrawald nach Andreasberg, nach Arosa, nach -- lieber Gott, überall hin, wo man ein bißchen Lebensluft aufzusaugen glaubt und wo die gierig um sich greifenden Hände doch schließlich immer nur den einen fassen: den Zerstörer. Von den vielen, die, von der Familie ausgestoßen, wie ich, allein und in jammervoller Sehnsucht nach einem Zuhause in den Tod mußten.
Da hat mein neuer Freund mich unterbrochen: Ich wäre jetzt in der Lage, mich innerlich von der Familie zu lösen oder mein Verhältnis zu ihr auf einer anderen Basis neu zu erbauen, wenn ich den Zusammenhang nicht entbehren könnte.
Es verwirrte und erregte mich zuerst ganz, was er im Anschluß daran sagte, aber als ich ihn begriff, tat sich eine neue Welt vor mir auf, und meine Seele wurde groß und weit.
Die hohen und guten Worte, mit denen er in mich eindrang, vermag ich nicht zu wiederholen, aber ich fühle jedes, und es soll in mir wachsen.
Die klagenden Stimmen hinter den Freuden der Welt vernehmen und ihnen nachgehen, sagt er, den mitleidenden Menschen zeigen ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht oder Stand. Den Gedanken des Entbehrens ausschalten, -- das Bewußtsein des geistigen und gemütlichen Überflusses, von dem man geben und immer geben kann, in sich stärken, -- durch das eigene reine Menschentum den Menschen in dem anderen wachrufen, -- und so in aller Stille eine menschliche Gemeinsamkeit mitschaffen helfen, die unter der Asche der gesellschaftlichen Einrichtungen tief verschüttet liegt.
»Wieviel selbstverleugnende Güte muß man sich aber erwerben, um solche Wege gehen zu können,« sagte ich endlich. »Ich bin sicher nicht gut genug dazu.«
»Das kann ich noch nicht beurteilen, aber seien Sie es zunächst mit dem Verstande, tun Sie vor sich selbst so, als ob Sie es wären. Nach dem ersten Erfolg wird ein Glücksgefühl in Ihnen erwachen, das mit nichts vergleichbar ist. Und damit zugleich wird Ihre Macht, Irrungen, Trübsal, Einsamkeiten zu bannen, stetig wachsen. Mit Ihren Hilfsmitteln, Schönheit, Temperament, Reichtum, ist sie von vornherein sehr groß.«
Er sah mit seinen lichtvollen Augen über mich weg.
»Sind _Sie_ denn glücklich auf diese Weise, und brauchen Sie nichts anderes?« fragte ich.
»Wenn ich mit der Überzeugung von Ihnen gehe, daß ich den Willen zum Glück, wie ich es verstehe, in Ihnen erweckt habe, daß Sie meiner kleinen heimlichen Gemeinde angehören und dadurch für sie werben wollen, werde ich da unten in einem Rausch herumlaufen und nach Ihrem Licht sehen, als ob es aus einer anderen Welt käme.«
Das Herz brannte in mir. Ich habe die Arme ausgebreitet, mein Gesicht an seines gelegt und ihn fest an mich gepreßt. Und es ist kein Hauch von Liebesverlangen in mir gewesen. Nur ein heiliges, machtvolles Gefühl von Gebundensein an ein Wesen meiner Art.
... Morgen früh kommt er wieder, und wir werden überlegen, wohin ich gehen, was ich zunächst mit dem Leben beginnen soll.
Leben ... Leben ... alles ist, wie es war. Draußen ragt der Glärnisch gegen den dunkelnden Himmel. Glocken läuten wie gestern das Ave, und geschäftige Menschen laufen hin und her.
Wer seid ihr, meine Brüder, meine Schwestern? Was freut euch? Wie leidet ihr?
Ich sitze an demselben Platz, allein wie gestern und immer, aber es braust um mich und in mir wie ein mächtiger Orgelklang....
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Man läutete zum Diner.
In dem Speisesaal hatte die Hotelgesellschaft an den kleinen, runden Tischen Platz genommen, die mit ihrem Blumenschmuck und den gelbumschirmten Lichtern lustig und festlich aussahen.
Einer, an dem die junge Dame von Nummer 27 sonst gesessen hatte, war noch leer.
Eben aber fragte man nach ihr.
Eine einsame Nachzüglerin kam mit hastigen Schritten vom nahen Bahnhof und trat in die Vorhalle zum Eßsaal. Mit schriller, kleiner Stimme rief sie der Saaltochter französisch zu, daß sie Fräulein Sargent, deren Gesellschafterin sie sei, zu sprechen wünsche. Geschwätzig erzählte sie dem sie hinaufgeleitenden Mädchen, daß Madame, die Mutter des Fräuleins, sie hergeschickt und daß sie, Edina Petitpierre, Fräulein Sargent sozusagen großgezogen hätte.
Das Zimmermädchen klopfte. Edina Petitpierre trat ein.
In dem Korbsessel am Fenster vor dem Schreibtisch lehnte Lydia Sargent.
Eine große Bogenlampe leuchtete von der Straße her mit milchweißem Schein in ihr Gesicht.
Mit ausgebreiteten Armen lief die alte Französin auf das Fenster zu.
»=Chérie, est-ce que tu dors?=«
Aber Lydia Sargent schlief nicht.
Sie atmete nicht mehr.
Ein dünner Blutfaden sickerte aus dem linken Mundwinkel.
Aus dem weißen Gesicht mit den weitgeöffneten, blicklosen Augen lag ein Ausdruck verklärten Staunens, als ob sie unsagbar Feierliches und Schönes hörte und sähe.
Enrique Bisterro und Heinrich Biester
... Das alte Tor warf einen wunderlichen, langgestreckten Schatten auf den großen Marktplatz, sonst lag gelbe, glühende Sonne auf der ganzen Fläche, in deren weitem Rechteck sich nichts regte.
Und ringsum standen die alten, kleinen Häuser, gerade wie sie vor zwanzig Jahren dagestanden hatten -- eins oder das andere wohl mit grellem, neuem Anstrich versehen -- die meisten grau, dürftig und hier und da mit schwarzen Firmenschildern gezeichnet, die auch schon alle vor langen Zeiten da ebenso gehangen hatten.
Nicht einmal die Namen waren andere geworden. Und das war auch schon immer so gewesen. Die Ignee, die Pflug, die Voß, und wie sie sich auf den Schildern nannten, schliefen schon damals lange. Die Leute, die in den kleinen Läden mit dem gleichen Kram weiter handelten, hießen vielleicht Wiesenberg und Gädicke und Cohn -- aber der alte Geist, der Geist der Ignee, der Pflug, der Voß, regierte weiter, und unter seinem Zeichen schien das ganze kleine Nest wohl auch heute noch zu leben, in dem gleichen Tempo, mit den gleichen Bedürfnissen und den gleichen Ansprüchen.
War das wirklich möglich? ...
An einer der Eingangstraßen zum Markt stand ein Mann, der eben den langen, sonnigen Weg von der Station zur Stadt geschlichen war und mit einem bänglichen, erwartungsvollen Gefühl, wie es seinen Jahren gar nicht mehr zukam, auf diesem stillen Platze Umschau hielt.
Die Sonne tat ihm nichts. Die hatte ihm in Südamerika auf dem schattenlosen Plateau von Caracas in langen Jahren den Körper ausgetrocknet. Hier streichelte sie den Fröstelnden nur mit ganz leisem Finger und störte seine Gedanken nicht.
Gedanken waren es übrigens kaum. Nur unbestimmte Empfindungen. Und auch die kamen nicht von innen heraus -- nein, sie strömten aus den kleinen Häusern ringsherum auf den schmalbrüstigen, hüstelnden Mann zu und zerrten tüchtig an ihm herum. Er widerstrebte nicht, aber er wunderte sich, denn diese wehmütigen, beunruhigenden Dinge, die um ihn raunten und durcheinander flatterten, waren gar nicht mit dem verknüpft, was hier vor langer Zeit seine junge und heiße Jugend ausgemacht hatte.
Die Gestalten, die unklar und schattenhaft um ihn her auftauchten und zu ihm flüsterten, waren keine, die in seinem Empfinden eine Rolle gespielt hatten. Sie sahen nur wie zufällig aus den Fenstern ringsum -- der alte Bluhm mit dem würdevollen Gesicht und dem schneeweißen Schifferbart -- der alte Puppel, der sich bis an sein Lebensende nicht hatte beruhigen können, daß er Töpfer Walters Tochter nicht hatte heiraten dürfen -- eben huschte auch sie, ein verschrumpeltes altes Jüngferchen, mit mächtigem, buntem Strickbeutel schemenhaft um die Ecke -- die Faktorsfrau Blez, die täglich in die Apotheke geschlichen war, um »Hoffmannstropfen« zu holen -- und so viele andere noch, die das tägliche Leben des damals jungen Provisors gestreift hatten, ohne daß er ihnen näher gekommen wäre.
Der Fremde strich mit der Hand über die feuchte Stirn und sah sich noch einmal um.
»Dummes Volk, was wollt ihr eigentlich von mir?« dachte er mit wehmütigem Lachen -- »wenn die anderen nicht kommen -- die beiden Alten -- der Merten -- und alle, alle, mit denen ich in der Erinnerung was zu tun gehabt habe.«
Nein, die kamen nicht. Auch die kleine schwarze Käthe kam nicht. Und die anderen, die eben noch um Heinrich Biester -- oder, wie er schon seit langen Jahren hieß, »Enrique Bisterro« -- herumgegaukelt waren, die verschwanden auch. Und nun lag der Marktplatz wieder leer und sonnendurchglüht da wie jeder andere in jedem anderen eingeschlafenen Landstädtchen um die Mittagstunde.
Ein paar Hunde, die in dem schmalen Schattenstreif an den Häusern die Einsamkeit bewachten, wurden auf den fremden Mann aufmerksam. Der Wolfsspitz, der sich ihm zunächst sielte, stand auf und fing zu bellen an.
Da öffnete sich das Fenster in einem niedrigen ersten Stock, und eine junge Frau mit großen, verschlafenen Augen sah auf den noch immer stille Stehenden. Sie rief etwas ins Zimmer, da kam auch ein Mann mit rotem, verarbeitetem Gesicht, und beide fragten voller Staunen ohne Worte herunter: Was willst du denn hier? Was suchst du denn hier? ...
Ja, was wollte er hier? Er ging nun weiter auf das einzige größere Haus zu, das neben dem alten Ordenstor in tiefem Schatten stand. Es war die Apotheke, und dahin wollte er....
Sein eigenes Haus -- auch eine Apotheke -- in Entechua in Caracas, war ein leichtgebautes Holzhaus mit herumlaufenden Veranden. Er hatte mit der Zeit aus der schmucklosen Bude, die er vorgefunden, mit den reichlichen Mitteln, die er daran wenden konnte, etwas sehr Zierliches, Hübsches und Zweckmäßiges gemacht.
Sogar seine Frau, Doña Eustachia, von der doch alle Welt wußte, daß sie sehr große Ansprüche an Behaglichkeit stellte, war mit ihrer Hazienda sehr zufrieden, und wenn sie gut aufgelegt war, lobte sie ihn wohl auch einmal für sein Bauwerk und nannte ihn einen =destinguido arquitecto=.
Das schönste an seinem Besitztum aber hatte ihm die Natur geschenkt. Der Blick auf die mächtigen Bergschroffen war von einer unerhörten Großartigkeit, und von dem weiten Bogenfenster seiner Offizin aus sah er beständig eins der herrlichsten Bilder der Welt: den Bergpfad, unten von schaukelnden Yukkas bestanden, weiterhin an einer halben Kehre in geheimnisvollem Blau verlaufend. Menschen und Tiere, fremdartig und bunt gekleidet und gezäumt, belebten ihn.
Und alle trugen ihm Brot hinunter ins Haus.
Er war heute ein reicher Mann, verglichen mit seinem ehemaligen Prinzipal hier, obgleich der für ihn doch damals schon längst zu den oberen Zehntausend gehört hatte.
Manchmal in seinen Träumen sprach er mit ihm und rühmte sich seines Reichtums und seiner Angesehenheit und sagte:
»Sehen Sie wohl, als ich Lehrling bei Ihnen war und dann Provisor, da hielten Sie immer nichts von mir. Ihre Käthe gaben Sie mir nicht und sagten: >Heinrich Biester, Sie sind ein Faselkopf und werden auf keinen grünen Zweig kommen. Bleiben Sie im Lande, und nähren Sie sich redlich. Solch ein ausgemachter Phantast wie Sie gehört zu Muttern, die ihn an der Strippe hält, und nicht in die weite Welt ...<
Das sagten Sie, lieber Herr Prang; und ich bin doch gegangen und an einen der herrlichsten Orte der Welt gekommen. Da stand schon alles für mich bereit: die Apotheke, die auf einen Herrn wartete, und die wunderschöne Tochter darin. Und alles, alles hab' ich gewonnen und noch viel Hab und Gut dazu. Sehen Sie da: Weib und Kind und Freunde und gute Nachbarn und -- welch ein Leben!«
Er schilderte es mit prunkenden Worten, und dann -- immer im Traum -- pflegte Herr Prang ihm begeistert die Hand zu drücken und ihn und sein selbstgeschaffenes Los über alles Sagen und Denken zu preisen ... Und alles auf spanisch ...
Aber am Tage, wenn die Sonne näher und näher kam wie ein glühendes Gespenst, das den Atem aufsaugen will -- er konnte _nicht_ schlafen wie Doña Eustachia in ihrem Schaukelstuhl und die schwarzhaarigen Kinder, die zusammengerollt auf den Matten der Veranda herumlagen -- dann fiel alles Spanische und alles Rühmenwollen von ihm ab, und eine ganz klägliche, tränenselige Sehnsucht nach dem kleinen Nest im fernsten Osten Deutschlands, nach der schattenkühlen Apotheke darin mit der großen mahagonigetäfelten Vorhalle und den herumlaufenden ausgesessenen Bänken kam angeschlichen und hielt sein Herz so fest umkrampft, daß es gar nicht mehr schlagen wollte ...
Wenn es Abend wurde, dann war's wieder besser. Dann fielen Heimweh und Melancholie wie lästige Schleier von der Seele, und der frische Bursch wachte auf, der dem alten Lande kurz entschlossen den Rücken gedreht hatte, als das Glück ihm dort nicht willfährig gewesen war.
Hier genoß er es nun. Er saß mit den Seinen und den neuen Freunden an dem fremden Strom ... er sah die violetten Schatten den Monte Avila hinaufklimmen und das Kreuz an dem schwarzblauen Himmel funkeln. Die Fächer klapperten -- langgezogene, dunkeltönige Melodien klangen um ihn her, starke Düfte berauschten, und schöne, braune Menschen mit seltsam gehaltenen Bewegungen redeten in vertraut gewordener Sprache über Tages Freud und Leid.
Dann flogen nur flüchtige Gedanken in das kleine Städtchen hinüber, das plötzlich nüchtern und kahl schien -- ein Wunsch: könntet ihr doch einmal hier sein und mich sehen, ihr alle, die ihr in Enge und Philisterei dort eingerammt geblieben seid ... und im Traum sprach er dann wieder mit dem Prinzipal und rühmte sein Glück und sein Leben in der neuen, schönen Heimat.
Tageswerk und Gewohnheit arbeiteten natürlich nicht umsonst daran, das allzu Unausgeglichene in diesen beiden Stimmungen zu mildern -- ganz gelang es aber nie.
Die Leute um ihn sagten zuweilen, wenn sie ihn so vor ihren Augen zusammenfallen und sich wieder aufrichten sahen: »Der arme Don Enrique leidet an den Giften in seiner Apotheke.«
»Ach nein,« pflegte er dann zu erwidern, »die Sonne ist hier zu stark. Mein Organismus ist auf so viel Glut nicht eingerichtet.«
Allmählich, als die Jugend Abschied genommen hatte, fing er auch körperlich zu kränkeln an. Das Fieber kam. Es warf ihn nicht ganz nieder, es riß nur immer ein bißchen an ihm herum. Er konnte seines Lebens gar nicht mehr froh werden.
Und seine Freunde, der »große« französische Arzt Terrifet, der einen neuen Nasenspiegel erfunden hatte, und der gute, kleine deutsche Pastor, der aus lauter Selbstzucht und Tugend nur einmal im Jahr in seinem vergötterten Gottfried von Straßburg las, beratschlagten, was sie mit ihm anfangen könnten. Weil neuerdings in seinen halben Fieberreden die alte Apotheke in der deutschen Heimat mit dem dunklen Holzgetäfel und den breiten Bänken wieder auftauchte, faßten sie nach vielem Hin- und Herdenken den Entschluß, ihn zu einer Erholungsreise in das Jugendland zu überreden.
Doña Eustachia, im Lauf der Jahre sehr fromm und sehr dick geworden, hatte den Torheiten der Eifersucht auf fremde Weiber und fremde Länder längst entsagt. Sie redete darum mit den Freunden eindringlich auf den armen Señor Enrique ein, sorgte in ungewohnter Hausmütterlichkeit für äußerliche Reisebequemlichkeiten und versöhnte sich sogar mit dem =assistente=, der ihr sonst ein Dorn im Auge, weil er kein Messenläufer war ...
Und so kam es denn, daß sich Señor Enrique Bisterro nach einer wie im Traum vergangenen Fahrt, nach zwanzig langen »süß und bitteren« Jahren an diesem heißen Julivormittag auf dem Marktplatz in Bartenberg und vor der dunklen Tür seiner alten Apotheke als Heinrich Biester wiederfand ...
Nun stand er da und sah mit übergehenden Augen auf den blanken Messingklopfer, der ihn ehemals in der Nacht oft aus beginnendem Schlaf geschreckt hatte. Schwerfällig ging er die zwei ausgetretenen Steinstufen hinauf. Es war nicht Sitte, bei Tage mit dem Löwenkopf an die Tür zu hämmern, denn sie war nur nachts geschlossen. Das hätte er wohl noch wissen können, aber in Gedanken tat er's doch und erschrak zugleich über den hallenden Klang.
»Mit solchem Geräusch in die alte, stille Halle zu kommen,« dachte er unwillig und drückte die Klinke auf. Aber sie gab gar nicht nach, bis endlich auch von innen dagegen gedrückt wurde. Erst dann ging sie auf, und er bohrte die gierigen Augen über die Person weg, die ihm geöffnet hatte, in das dunkle, kühle Paradies seiner Träume.
Ein paar brennende Tropfen waren ihm über die Backen gelaufen, ohne daß er darauf geachtet hatte -- aber nun, nun stand er wie erstarrt da und sah und sah ...
»Wer sind Sie denn, und was wünschen Sie?« fragte man ihn.
Er schob die Fragende beiseite und sah wie verzaubert um sich.
Was war das nur?
Statt des rotdunkeln Holzgetäfels und der Bänke um Wände und Fensternische herum sah er einen weiten, weißen Raum mit viel grünen Palmen darin, Palmen und feinblättrigem Bambus. Schaukelstühle und Strohsessel standen auf den Matten wie bei ihm zu Hause. Es war überhaupt, als erinnere ihn manches an seine Veranda in Entechua. Verwirrt blickte er nach dem abgeteilten Raum, in dem der Verkaufstisch und die Medikamentenschränke stehen mußten. Da war er, aber der Tisch stand nicht mehr drin, und der dunkle Holzbogen der ihn von der Halle trennte, war wie ein großes Fenster von Hängepflanzen eingerahmt. Die Flaschen und Kruken waren von der Wand verschwunden, dafür leuchtete eine tropische Berglandschaft, von einer orangegelben Sonne bestrahlt, wie ein matter Gruß der gewohnten Glut und Farbe zu ihm herüber.
Er mußte die Augen schließen, denn er glaubte im Fieber zu sein. Der feine Apothekenduft, der noch alles durchdrang, ermunterte ihn.
»Ich wollte doch in die Prangsche Apotheke,« stammelte er und machte die Augen wieder auf.
»Ja, wo kommen Sie denn her, daß Sie die hier noch suchen?« fragte eine hohe, helle Stimme. »Sie mußten in das Haus nebenbei gehen.«
Da rüttelte er sich zusammen und sah wieder mit nüchternen Blicken um sich.
Vor ihm stand eine zierliche Frau in einem weißen Kleide von etwas phantastischem Schnitt. Sie hatte ein bläßliches Gesicht mit sprechenden, dunklen Augen und sah ihn halb lachend und halb ungeduldig an.
»Verzeihung, Señorita, aber wer sind Sie eigentlich?«
»Señorita?« fragte das Mädchen erstaunt. »Nun, ich bin doch Justine Prang -- aber Sie, wer in aller Welt sind ...?«
Da schrie Enrique Bisterro ordentlich auf.
»Sie, Sie sind das kleine Justinchen ... Sie? ... Und Käthe? ... Und der Vater? ... Und wo ist meine Apotheke geblieben?«
Er war sehr schwach, der Arme -- sonst hätte er sich nicht so schwer in den weißen Korbstuhl sinken lassen und so atemlos und bang um sich gesehen. -- Und er hätte wohl auch bemerkt, daß das Mädchen geisterhaft blaß vor ihm zurückwich und ebenso bang suchend nach ihm starrte, wie er nach den verschwundenen Bildern seiner Jugend.
Sie faßte sich dann wohl zuerst.
»Sind Sie etwa ...?«
»Enrique Bisterro ...« Er stand mit der zur Gewohnheit gewordenen Grandezza auf und verbeugte sich tief.